Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
737
Einzelbild herunterladen
 

Mädchenerzichung.

737

früher ausgebildet als der Mann, hat in einem Alter, in welchem der Mann sich nochauf seinen Beruf vorbereitet, häufig schon eine Häuslichkeit zu verwalten und Kinderzu erziehen. Jene kurze Bildungsperiode, auf welche das weibliche Geschlecht von derNatur gewiesen ist, wird aber auch noch durch die gewaltsameren, das Blut- und Ner-venlebeu oft mächtig erschütternden organischen Prozesse des weiblichen Lebens gestörtund dadurch abgekürzt. Um so gewisser wird es Aufgabe sein, dem Mädchen die Re-sultate der Wissenschaft nahe zu bringen, ohne sie die langen Wege, auf welchen die-selben gewonnen werden, gehen zu lassen. Und dahin drängt auch die Natur des mütter-lichen Berufes, der sich in jenen organischen Prozessen andeutet. Soll die Mutter dieErziehung der Kinder in einer solchen Weise leiten, daß schon in die zarten Seelen dieKeime der sittlichen und intellectuellen Bildung gesenkt werden, so muß eben in derMutter selbst der ideale Inhalt alles wissenswürdigen ein Leben gewonnen haben. Andiesem Puncte laufen alle wesentlichen Richtungen des weiblichen Lebens zusammen.Auch was die Gattin dem Gatten entgegen bringen soll an geistiger Gewecktheit undFähigkeit, ans seine Bestrebungen einzugehen, ja sie zu ergänzen, ist eben dieses Inter-esse au den höheren Fragen des menschlichen Daseins überhaupt, dieses receptive Ver-stehen, welches dem productiven Können entspricht, und, weit entfernt, die Liebe derGatten zu erkälten durch jene intellectuelle Geineinschaft, auf welche Vinet in seinen:Gutachten über oie Töchterschule in Lausanne (Alex. Binet über die Aufgabeweiblicher Bildung übersetzt re. von vr. R. König S. 11) mit Recht einen sohohen Werth legt, das Band der Herzen nur noch reicher und dadurch inniger undwärmer und fester macht.

Es darf also die Forderung, daß die Häuslichkeit zum Ausgangs- und Zielpunctegemacht werde, recht erwogen, in der That die Bedeutung eines Principes fürdiese ganze Seite der Erziehung in Anspruch nehmen. Die besseren neueren Schriften überden Gegenstand kommen fast durchgängig auf das Resultat hinaus, daß die Mädchenzur Häuslichkeit und zur geistigen Bildung geführt werden sollen, ohne doch Artund Grenze dieser geistigen Bildung mit Sicherheit anzudeuten. Aber dieses Resultatist ein Pleonasmus; das Haus fordert eben schon die Bildung, denn es soll die Bil-dung des Bolkes hüten und in dem Begriffe der rechten Häuslichkeit ist schon jenesInteresse an den geistigen Objecten menschlicher Entwicklung gesetzt, welches den Gebil-deten von: Ungebildeten unterscheidet. Eine ungebildete Frau kann daher niemals derrechte lebendige Mittelpunct eines Hauswesens werden; sie kann den: Manne jenes Ver-ständnis für seine Bestrebungen nicht entgegenbringen, welches er eben auch im Hausebedarf, wenn er freudig wirken soll; sie kann den Kindern nicht eine sichere Führerinin den mannichfachen Irrgänger: des Herzens und Geistes werden und wird also auchin ihrem mütterlichen Wirken durch den Mangel der Bildung beeinträchtigt undgehindert. Und wenn Vinet (a. a. O. S. 18) die Frage, aus welchen Elementen dieweibliche Bildung bestehen solle, ihrer Schwierigkeit wegen lieber ganz unbeantwortetläßt, und, wie eben auch andere, nur auf die empfundene Noth Wendigkeit einersolchen sich beruft, wenn er (a. a. O. S. 27) es für unzureichend hält, den: Geisteder Mädchen eine gute Form und gute Gewohnheiten zu geben, und wenn er vielmehrein ,lgewißes Grundcapital, eine gewiße Anzahl von Begriffen, in deren Besitz derGeist gesetzt werden muß", fordert; so ergiebt sich, wie oben gezeigt, aus der rechtenethischen Würdigung des Hauses, worin dieses Grundcapital bestehe. Wirdaber der Begriff der Häuslichkeit in solcher Enge gefaßt, daß darunter nur die Arbeitfür den Haushalt verstanden werden soll, so wird nickt nur das Weib den: Mannegegenüber auf eine unzulässige Weise herabgesetzt, sondern auch in der Sache selbst, wiegezeigt worden, etwas unmögliches gefordert, denn auch zur tüchtigen Führung des Haus-haltes gehört Bildung. Die einseitige Beschränkung der weiblichen Thätigkeit auf dieseSphäre der Wirthschaftlichkeit müßte nothwendig einen Druck auf die Bildung desVolkes überhaupt üben, da sie die idealen Momente des Lebens unterschätzt und eineineinseitigen Realismus huldigt. Uebrigens darf nicht verkannt werden, daß unter den

Pädag. EmyNopädic. IV. L. Auf!. 47