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4 (1881) Kirche - Muttersprache
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MiidchcnerzielMg.

Ebenso unhaltbar und unklar ist die vor 50 Jahren in Deutschland und inneuerer Zeit in Frankreich ausgesprochene Forderung, daß man die Mädchen für dieEhe erziehen solle. Die Ehe ist nur die volle Realität des von Gott geordnetenVerhältnisses der Geschlechter zu einander; für dieses Verhältnis giebt es dahernur die beiden Grundbedingungen, daß das Weib zur wahren Weiblichkeit, der Mannzur wahren Männlichkeit gereift und respective erzogen sei. Daher giebt es in Wahr-heit keine Erziehung zur Ehe, sondern nur eine zur echten Weiblichkeit; ist diese vor-handen, so wird sie sich auch in der Ehe bewähren. Eine Erziehung, welche sichvon der Rücksicht auf die Ehe leiten ließe, würde am sichersten dahin führen, die Eheinnerlich zu erkälten, sie leer und langweilig zu machen. An die Stelle der tiefenUnmittelbarkeit des Gefühls, welche für den Mann der edelste Schatz im Herzen seinesWeibes ist, müßte der bewußte Gedanke treten; an die Stelle der unbewußten Wahr-heit und Sicherheit die Berechnung, und schon in das Mädchen würde so dem Mannegegenüber ein Zug von Absichtlichkeit gepflanzt, der den zarten Blumenstaub echterJungfräulichkeit nothwendig von der Seele abstreift. Für die Ehe erziehen ist auchdarum ein vergebliches Unternehmen, weil niemand den künftigen Gatten zum vorauskennt. Für die Ehe erziehen kann niemand als der Gatte selbst. Denn wenn auchder Mann sich den Einwirkungen des Weibes auf Herz und Gemüth nicht entziehenkann und soll, so bleibt doch naturgemäß dem erziehenden Einfluß des männlichenCharakters ein bedeutendes Uebergewicht gegenüber dem bildenden Einfluß des weib-lichen Gemüths. Ein so unmittelbares Verhältnis der Person zur Person schließtalles aus, was durch Belehrung oder praktische Maximen das künftige im voraus ge-stalten will. Und wo bleiben denn alle die Mädchen, die nicht heirathen? Solltensie wirklich angesehen werden als Wesen, die ihre Bestimmung verfehlt haben? DieErfahrung lehrt es, die eigentlichen Wesensbestimmungen der Weiblichkeit, die Häus-lichkeit und die Mütterlichkeit sind keinem Weibe fremd und können auch ohnedie Eingehung der Ehe von jedem Weibe geoffenbart und geübt werden. Ueber derNatur und ihren Anlagen steht eben die ethische Bestimmung des Weibes, welcher dieNatur nur dienen will, und die Geschichte nennt neben den natürlichen Müttern, welchein den Herzen ihrer Söhne die Keime künftiger Heldengröße, Glaubensstärke und sitt-licher Hoheit geweckt haben, auch geistige Mütter, welche dasselbe gethan.

Viel tiefer in der Wahrheit ist diejenige Ansicht gegründet, welche die Mädchen-erziehung vor allen Dingen auf die Häuslichkeit gerichtet wissen will. Wohl-verstanden enthält sie vielleicht die ganze Wahrheit der Sache.Allerdings kommt alles auf die nähere Bestimmung dieses Begriffs an. Im allgemeinenist es gewiß richtig und durch die Uebereinstimmnng aller Völker und Zeiten erwiesen,daß das Verhältnis zwischen Weib und Mann dem zwischen Haus und Oeffent-lichkeit entspreche (Psychologie aus Fr. Schleiermacher's Nachlaß, herausgegeben vonGeorge 1862 ). Stellt man nun aber das öffentliche Leben dermaßen in den Vorder-grund, daß das Haus, wie es die logische Voraussetzung der Stadt und des Staatesist, auch nur dazu diene, dem öffentlichen Leben die nöthigen Kräfte vorzubereiten undzu liefern, dann bleibt dem Haus, wie in Sparta, nur eine sehr beschränkte ökonomischeThätigkeit und die Erziehung der Kinder im eigentlichen Kindesalter, denn später über-nimmt sie der Staat, und dann ist unter dem Princip der Häuslichkeit bei der Mäd-chenerziehung eigentlich nichts weiter verstanden, als die Haushaltungskunst. So wirdauch in unseren Tagen wie in allen Zeiten der Ueberschätzung des öffentlichen Lebensdarauf gedrungen, daß die Mädchen doch gewiß zu guten Wirtschafterinnen und allen-falls zu Kinderpflegerinnen gebildet werden, als käme davon ohne weiteres die Heilungdes socialen Nebels, an dem die Zeit leidet. Dabei übersieht man nur, wie sehr durchdiese ganze Richtung das Haus seiner tieferen Bedeutung beraubt wird. Vielmehrsind häusliches und öffentliches Leben gleichberechtigte Factorenim Leben des Volks und müßen, jedes auf seine Weise, den ganzen Inhalt dernationalen Entwicklung zur Erscheinung bringen, das Haus in der Form des natürlich