Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
724
Einzelbild herunterladen
 

724

Lykurg.

x«r war ohnehin jedem Hellenen als nationales Erbtheil

angeboren; in Sparta wurde es ganz besonders gepflegt. Der Ehrgeiz war hier einStachel nicht bloß für die Jugend, sondern für alle Bürger bis zum höchsten Greifen-alter. Ehren, hohe Ehren auf der einen Seite erwarteten den Guten und Braven;Schande, schmachvolle Demüthigungen den Schlechten und Feigen. Im Dienste derErziehung aber wurde der Ehrtrieb systematisch erregt. Um mit dein Einfachsten an-zufangen, trat schon in den Wettgesängen an gewitzen Festen der ehrgeizige Sinn derverschiedenen Altersstufen hervor. Bezeichnend ist das von Plutarch überlieferte Bei-spiel. Die Alten sangen:

Wir waren Männer einst voll Muth und Kraft;die Männer antworteten:

Wir aber sind eS; hast du Lust, erprob es nur;

und die Knaben:

Wir aber werden künftig noch viel besser sein.

Ferner bei den Uebungen der Knaben und Jünglinge sprachen die anwesenden Bürgerüber die vorkommenden Leistungen stets Lob oder Tadel aus. Um aber dem Lobeund dem Tadel einen nock größeren Stachel zu geben, ließ inan bei den öffentlichenSpielen, in welchen die männliche Jugend ihre Kraft und Geschicklichkeit zeigen sollte,von Mädchen und Jungfrauen das Lob in ehrenden Liedern auf die Sieger und denTadel in bitteren Spottgedichten auf die Unterliegenden singen. Die Sieger wurdenaußerdem nach allgemein hellenischer Sitte durch Preise (Kränze) geehrt; man kanndaher jene Spiele mit den Concursprüfungen der Franzosen vergleichen; die Prämieaber für den Sieger bestand lediglich in der Ehre, die man nur in einem äußerenZeichen sichtbar machte. Vielleicht noch mächtiger wurde der Ehrgeiz, wenigstens derMassen, durch folgende Einrichtung angespornt. Aus den tüchtigsten Jünglingenwurden drei als Hippagretai ausgewählt. Jeder von ihnen wählt wieder hundert ausder Zahl der Jüngeren aus, indem er ausdrücklich in jedem Falle den Grund angiebt,warum er gerade diesen wählt und jenen verschmäht. Die Verschmähten haben danndie Aufgabe, in stetem Kampfe und Wetteifer mit den Auserwählten wo möglich ihreEhre wieder herzustellen; diese aber sollen sich als die Besten bewähren. Dabei achtenbeide Parteien auf alles, wodurch der Gegner sich eine Blöße giebt oder einen Verstoßgegen Sitte und Gesetz sich zu Schulden kommen läßt. Oft entbrennen erbitterte Ring-kämpfe unter ihnen, zu welchen anwesende Bürger noch anfeuern. Damit aber dieLeidenschaft nicht schädlich werde und jeder sie beherrschen lerne, muß der Wettkampfsofort aufhören, sobald ein Bürger unter die Kämpfenden tritt und Halt gebietet. Auchdas Freundschaftsverhältnis zwischen älteren Bürgern und Heranwachsenden Jünglingen,welches das Gesetz empfahl, wovon später die Rede sein wird, nutzte man als Mittelzur Erregung des Ehrtriebes aus. Für einen jungen Menschen war es eine Schande,wenn ihn.nicht ein älterer Mann zu seinem Liebling erkor. Natürlich, wo die Ehreso viel galt, mußte auch jeder Tadel und jede Schmach umso bitterer empfunden werden.Schmach traf aber jeden unerbittlich, der träge war und kein Streben nach Auszeich-nung verrieth oder gar weichlich und feige sich benahm. Als zweites Mittel, diegute Zucht zu erhalten, Vergehen abzuwehren und wieder gut zu machen, diente dieStrafe. Sie bestand vorzugsweise in Schlägen; nur in seltenen Fällen kam Ent-ziehung des Essens vor. Schläge aber spielten eine große Rolle in Sparta. Für dieErziehung zur freien männlichen Gesinnung schienen sie den Spartanern unentbehrlich.Sie werden daher bei den verschiedensten kleinen und großen Vergehen angewandt, aberin sehr verschiedenen Abstufungen. Sämmtliche Erzieher hatten eine unbedingte Straf-'gewalt, von dem Paidonomos bis herab auf die hülfeleistenden Aufseher aus der Zahlder Jünglinge, und natürlich sämmtliche Bürger. Diese vollzogen jedoch die Strafenicht selbst, sondern ließen sie durch eigens dazu bestimmte Jünglinge, welche mitPeitschen stets gegenwärtig waren und hießen, sofort nachdem das Ver-

gehen vorgekommen war, vollziehen. Beschwerden über die erhaltene Strafe waren