Druckschrift 
4 (1881) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
714
Einzelbild herunterladen
 

714

Luther.

oder Christen wären, Griechisch oder Lateinisch. Denn aus solchen muß man die Gram-inatica lernen. Darnach sollten sein die Bücher von den freien Künsten und sonst vonallen andern Künsten. Zuletzt auch der Rechte und Arznei Bücher; wiewohl auch hieunter den Commenten einer guten Wahl noth ist. Mit den fürnehmsten aber solltensein die Chroniken und Historien, waserlei Sprachen man haben könnte; denn dieselbenwundernütze sind, der Welt Lauf zu erkennen und zu regieren, ja auch Gottes Wunderund Werke zu sehen."

Unter den Hebungen empfahl er am meisten die Musica und Ritterspiel mitFechten, Ringen w. unter welchen das erste die Sorge des Herzens und melancholischeGedanken vertreibe, das andere feine geschickte Gliedmaßen am Leibe mache und ihnbei Gesundheit erhalte. Er erinnerte dabei an die Alten, von denen es sehr wohlbedacht und geordnet sei, daß sich die Leute üben und etwas ehrliches und nützlichesVorhaben, damit sie nicht in Schwelgen, Unzucht, Fressen, Saufen und Spielen gerathen.Unerschöpflich ist er im Lobe und Preise der Musik, besonders in den Tischreden.»Der schönsten und herrlichsten Gaben Gottes eine ist die Musica, der ist der Satansehr feind, damit man viel Anfechtungen und böse Gedanken vertreibet, der Teufelerharret ihr nicht. Sie verjagt den Geist der Traurigkeit, wie man an König Saulsieht." »Musica ist eine halbe Disciplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinderund sanftmüthiger, sittsamer und vernünftiger macht". »Wer diese Kunst kann, derist guter Art, zu allem geschickt. Man muß Musicam von Noth wegen in Schulenbehalten. Ein Schulmeister muß singen können, sonst sehe ich ihn nicht an. Mansoll auch junge Gesellen zum Predigtamt nicht verordnen, sie haben sich dann in derSchule wohl versucht und geübet." »Die Musica ist eine schöne, herrliche Gabe Gottesund nahe der Theologie. Ich wollte mich meiner geringen Musica nicht um was großesverziehen. Die Jugend soll man stets zu dieser Kunst gewöhnen, denn sie machet feingeschickte Leute." »Singen ist die beste Kunst und Uebung. Es hat nichts zu thunmit der Welt, ist nicht vor dem Gericht noch in Hadersachen. Sänger sein auch nichtsorgfältig, sondern sein fröhlich und schlagen die Sorge mit Singen aus und hinweg."»Denn die Musica ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschcnk. Sovertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich: man vergißt dabei allesZornes, Unkeuschheit, Hoffart und anderer Laster. Ich gebe nach der Theologie derMusica den nächsten Locum und höchste Ehre." »Es ist kein Zweifel, es stecket derSame vieler guten Tugenden in solchen Gemüthern, die der Musik ergeben sind, dieaber nicht davon gerührt werden, die halte ich den Stöcken und Steinen gleich. Dennwir wissen, daß die Musik auch den Teufeln zuwider und unerleidlich sei. Und ichhalte gänzlich dafür und schäme mich auch nicht, es zu bejahen, daß nach der Theologiekeine Kunst sei, die mit der Musik zu vergleichen sei; dieweil sie allein nach der Theologiedasjenige thut, was sonst die Theologie allein thut, nämlich daß sie Ruhe und einenfröhlichen Muth macht, zu einem klaren Beweis, daß der Teufel, welcher traurigeSorge und alles unruhige Lärmen stiftet, fast vor der Musik und deren Klange eben sofliehet, als vor dem Wort der Gottcsgelahrtheit; daher die Propheten keine Kunst sogebraucht haben, als die Musik, da sie ihre Theologie nicht in die Erdmeß-, Rechen-oder Sternkunst, sondern in die Musik gefastet, daß die Gottesgelahrtheit und dieMusik beisammen ständen, indem sie die Wahrheit in Psalmen und Gesängen gesaget."

Vergleicht mau mit diesen Grundzügen gelehrter Bildung, aus denen sich der Planeines vollständigen Gymnasiums construiren läßt, den in dem Visitationsbüchlein (1528)befindlichen, von Luther genehmigten Sch ul plan Melanchthon's, so sieht manleicht, daß derselbe nur die ersten Anfänge enthält und zunächst nur ein Allgemeinesfeststellen sollte, das an allen Orten ausführbar wäre. Ausdrücklich war in demselbenzur Pflicht gemacht, daß die Schulmeister nur Lateinisch lehren, nicht etwa Deutschoder Griechisch oder Hebräisch, um die Kinder nicht mit solcher Mannigfaltigkeit zubeschweren; auch sollte man die Kinder nicht mit vielen Büchern beschweren, sondernin allewege Mannigfaltigkeit fliehen. Die Kinderschaar sollte in drei Haufen getheilt