706
Luther.
Verhältnis der Strenge zur Milde: Man muß also strafen, daß der Apfel bei derRuthe sei. Wie sich die Eltern bei Ausübung ihres Strafamtes vor allzu großerStrengigkeit und Erbitterung zu hüten haben, so sollen sie auch nicht durch falscheNaturliebe sich verblenden lassen, daß sic ihre Kinder hätscheln und verzärteln, indemsie das Fleisch derselben mehr achten denn die Seele. »Eltern, die ihre Kinder allzu-sehr lieben, lassen ihnen den Muthwillen, die thun nichts anderes, als daß sie dieselbenhassen. Sie erziehen einen Bösewicht, den sie einmal zum Rabcnstcin begleiten müßen,und der seinen eigenen Eltern die Nasen abbeißet. Darum spricht der weise Mann,Sprüchw. 13, 24: Wer der Ruthen schonet, der hasset sein eigen Kind, wer aber seinKind lieb hat, der stäupet es vielmal. Item 22, 15: Es ist in eines jeglichen KindesHerzen thörlich Vornehmen; aber die Ruthe mag das alles austreiben. Item Salomon
Cap- 33, 14: Scklägst du dein Kind mit Ruthen, so wirst du seine Seele von der
Höllen erlösen."
In dem Gebote der Schrift, daß Kinder ihren Eltern gehorsam sein sollen indem Herrn, findet er für die Eltern die Mahnung, daß sie nicht allein Eltern sein
sollen nach dem Fleisch, wie die Heiden, sondern in dem Herrn. Darum hielt er die
Kinder, bei deren Erziehung die Eltern gegen Gottes Gebot handeln, nicht für gebunden,ihren Eltern zu gehorchen. „Wo die Eltern so mürrisch sind, sagt er, und die Kinderweltlich ziehen, sollen die Kinder ihnen in keinem Gebote gehorsam sein. Denn Gottist in den ersten drei Geboten höher zu achten, denn die Eltern. Weltlich aber ziehen,heiße ich das, so sie lehren nicht mehr suchen, denn Lust, Ehre und Gut oder Gewaltdieser Welt." Er klagt darüber, daß viele allein darauf gedenken, daß sie die Kinderschmücken und machen, daß sie gesehen werden vor der Welt; bereiten ihnen Reichthum,hangen den Drecksack Gold an den Hals. „Viele wollen große Herrn und reiche Junkerdraus ziehen und machen. Es geschieht aber gemeiniglich, daß großer Herrn Kinderselten wohl gerathen. Die verderben ihre Kinder, die ihnen Anlaß geben, die Weltlieb zu haben, die nicht weiter für die Kinder sorgen, denn daß sie tapfer einhertreten,springen, tanzen und sich zieren können, den Leuten gefallen, ihre Begierden reizen,sich der Welt gleichstellen." Andererseits aber will er keineswegs, daß die Jugend aufmönchische Weise von der Welt abgesondert werde. „Salomon, sagt er, ist einrechter königlicher Schulmeister. Er verbeut der Jugend nicht, bei den Leuten zu seinoder fröhlich zu sein, wie die Mönche ihren Schülern; denn da werden eitel Hölzerund Klötze draus, wie Venn auch Anselmus gesagt hat: Ein junger Mensch, so ein-gespannet und von der Welt abgezogen, sei gleich wie einen feinen jungen Baum, derFrucht tragen könnte, in einen engen Topf pflanzen. Denn also haben die Möncheihre Jugend gefangen, wie man Vögel in die Bauer setzet, daß sie die Leute nichtsehen, noch hören mußten, mit niemand reden durften. Es ist aber der Jugend ge-fährlich, also allein zu sein, also gar von Leuten abgesondert zu sein. Darum sollman junge Leute lassen hören und sehen und allerlei erfahren; doch daß sie zur Zuchtund Ehren gehalten werden. Es ist nicht ausgerichtet mit solchem mönchischen Zwange.Es ist gut, daß ein junger Mensch viel bei den Leuten sei; doch daß er ehrlich zurRedlichkeit und Tugend gezogen und von Lastern abgehalten werde- Jungen Leutenist solcher tyrannischer mönchischer Zwang ganz schädlich und ist ihnen Freude und Er-götzen so hoch vonnöthen, wie ihnen Essen und Trinken ist; denn sie bleiben auch destoeher bei Gesundheit".
Den größten Werth aber legt L. darauf, daß die Eltern sich befleißigen, daßihre Kinder nicht böse, ärgerliche Exempel sehen und dadurch verletzt und ver-führt werden. Denn die Jugend ist wie ein Zunder, der über die maßen leichtlich sähet,was bös und ärgerlich ist. Insbesondere sündigen die schwer, die schandbare Wortereden vor jungen, unschuldigen Knaben und Mägdlein. Solche Leute werden schuldigaller Sünden, die da entspringen aus ihren unbedachtsamen Worten. Denn das zarteund unerfahrene Alter wird gar leichtlich mit solchen Reden beflecket, und was nochärger ist, es behält gar lange solche unflätige Worte; gleich als wenn ein Fleck kommt