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4 (1881) Kirche - Muttersprache
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Kirche. 15

kirchliche Macht zwischen das Kind und die ihm von Gott geordneten Erzieher, dieEltern, mitten ein.

V. Endlich liegt uns noch ob, diejenige Seite der kirchlichen Erziehung zu be-leuchten, wornach damit nicht bloß das Subject, sondern auch der Zweck der Erziehungbezeichnet wird. Kirchlich ist die Erziehung alsdann, wenn das Kind für die Kircheerzogen wird. Was ist das? und wie geschieht das? Im engsten Sinne verstandenwäre dies die Erziehung des künftigen Geistlichen, eine Erziehung nicht zur bloßenMitgliedschaft, sondern zum Kirchendienst als Amt und Lebensberuf. Es versteht sich,daß eben, weil sich der Kirchendienst zu einem festen Lebeusberufe gestaltet hat, aucheine specielle Vorbereitung, wie sie jeder Beruf nach seiner Art fordert, nöthig ist; nurmuß protestantischerseits strenge darauf gehalten werden, daß außer der speciellen tech-nischen Bildung das eigentlich erziehende Verfahren, das den Menschen in seinem Kernefaßt, mit dem künftigen Pastor wesentlich kein anderes ist als es mit jedem Christen-kinde sein soll; es ist jenem nicht nach katholischer Weise ein specifisch klerikaler Geist(ein Ordensgeist) einzuflößen; der kirchliche Geist, den er gewinnen soll, muß derselbe,sein, wie er jedem lebendigen Gliede der Kirche inwohnt. (S. darüber Näheres in dersoeben angeführten Pastoraltheologie, S. 84, 86 ff.) Wir bemerken in dieser Hinsichtbloß, daß es öfters die Frucht des kirchlichen Sinnes ist, den die Eltern hegen, daß sieden Sohn zum Dienste der Kirche bestimmen, und daß es Pflicht der Kirche selber ist,darauf acht zu haben, daß begabte Söhne christlicher Häuser diesen Beruf ergreifen.Sie muß darauf sehen, daß ihr ein guter Nachwuchs nicht fehlt. Kirchliche Er-ziehung, d. h. Erziehung zur Kirchlichkeit, ist aber, wie gesagt, von allen Erziehern, dieselber der Kirche angehören, für alle in derselben Kirche geborenen und getauften Zög-linge zu fordern. (Vgl. Völter, Beiträge zu einer christl. Pädagogik, 1846, S. 86.)Kirchlichkeit ist um sie vorerst nur zu definiren eine Tugend, ist eine eigentüm-liche Bestimmtheit des christlichen Denkens und Fühlens wie des christlichen Wandels,darin bestehend, daß 1) der einzelne Christ nicht damit schon vollständig befriedigt ist,seines eigenen Heils gewiß zu sein, sondern daß in seinem Heilsbewußtsein zugleich derGemeinschaftstrieb lebendig ist, so daß er z. B. das Bedürfnis hat, seinen Gottesdienstals einen gemeinsamen zu feiern; daß er 2) diesen Trieb nicht auf eigenmächtige undeigenwillige, d. h. separatistische Art befriedigt, indem er entweder selbst eine Secte nmsich sammelt oder einer schon vorhandenen sich anschließt, sondern die Gemeinschaftchristlichen Lebens in derjenigen Kirche sucht, zu der er sich bekennt, in der er ebensoeine in der Geschichte wurzelnde Gestalt des Reiches Gottes erkennt, als er die vonihr schon von der Taufe an empfangenen Wohlthaten wie ein Kind die Liebe derMutter im treuen, dankbaren Herzen trägt; daß er daher 3) von dieser Kirche durchdie von ihr bestellten ordentlichen Diener die göttlich gestifteten Gnadenmittel annimmt,ihrem Gottesdienst, ihrer Sonntags- und Sacramentsfeier fleißige und herzliche Theil-nahme schenkt, für ihre Interessen nach innen und außen mit lebhaftem PatriotismusPartei nimmt; aber 4) ebendeshalb auch mithilft, daß ihre Schäden, soweit dies inmenschlicher Macht liegt, geheilt, und, soweit sie in dieser Welt oder unter gegebenenVerhältnissen unvermeidlich sind, zwar nicht geleugnet oder gleißncrisch beschönigt, aberbei allein Zugestehen in Geduld getragen werden. Kirchlichkeit ist somit die hingebende,vertrauensvolle, gläubige und vertragende Liebe des einzelnen Kirchengenosseu gegen dieKirche; sie ist ihr gegenüber wesentlich dieselbe Pietät, wie der Familiensinn, wie dieVaterlandsliebe. Wo Kirchlichkeit fehlt, da muß entweder ihrerseits die Kirche (sei esim großen Ganzen, oder sei es auch nur local, z. B. durch schlechte Predigt, Faulheitin der Seelsorge, ärgerlichen Wandel der Geistlichen u. dgl.) sich um alle Anziehungs-kraft, d. h. um alle Wahrheit und um alles geistige Leben gebracht haben, so daßgerade die besten, die die kirchlichsten wären, gezwungen sind, auf andern Wegen eineGemeinschaft christlichen Lebens zu suchen; oder aber trägt der Unkirchliche die Ursacheselber in sich, sei es, daß die Unkirchlichkeit nur der Ausdruck der Unchristlichkeit ist(wiewohl es freilich auch Leute giebt von großer Kirchlichkeit und sehr geringer Christ-