486
Sächsische Herzogtümer.
Das Herzogthum Gotha (25,ss sZMeilcn mit 116,561 Einw.) Das Schul-und Lchrerweseu des kleinen Landes Gotha hat von jeher die Aufmerksamkeit undTheilnahmc fernerstchender Lehrerkreise wachgerufen. Und in der That ist das, wasseit Jahrhunderten in diesem Mittelpuncte Deutschlands unter der Leitung tüchtigerRegenten zur Hebung und Förderung wahrer Volksbildung geschehen ist, der Beach-tung Werth.
I. Das Elementarschulwesen. Entwicklungsgeschichte. Die ersteNachricht von der Existenz einer Schule im gothaischen Lande datirt aus dem 1. 1299.Um diese Zeit soll in der Stadt Gotha bereits mit der im I. 1254 vorhandenenMargaretenkirche (öagittarii List. Ootli. p. 219) eine Schule verbunden gewesensein, welche einen Rector und Magister hatte. Im I. 1327 hatte die Stadt Gothabereits zwei Schulen, die eine bei der Margaretenkirche, die andere bei der (imI. 1530 auf Befehl des nachmaligen Kurfürsten Friedrich I. abgebrochenen) Marien-kirche am Schloßberge. Späterhin wird dann noch eine lateinische Schule (mit Ober-und Unterschulmeister, Schulmeistergesellen oder Baccalaurecn) sowie eine „Mägdleins-schule bei der Margaretenkirche" erwähnt, es bleibt indes ungewiß, ob die zuletzt ge-nannte latein. Schule nicht die bereits oben genannte Margaretenschule ist. — AußerGotha hatten auch die Städte Ohrdruf und Waltershausen schon früh Schulen. InOhrdruf war z. B. schon mit dem Chorherrenstift eine Schule verbunden, und in denWaltershäuser Stadtcasserechnungen wird 1496 ein Schulmeister, Wendelinns von Elx-leben, erwähnt, der außer einer spärlichen Accidentalbesoldung einen jährlichen Leihkaufvon vier Groschen erhielt, dieselbe Summe wie für das Läuten am Set. Martinsabend rc.Es ist hierbei der Erwähnung Werth, daß die Waltershäuser Schule im I. 1526 nur28—32 Schüler zählte, obschon der Bestand der Bürgerschaft jenesmal sich schon auf304 belief. Der Schulbesuch war demgemäß ein sehr geringer. — Außer den ge-nannten städtischen Schulen finden wir in alten Urkunden noch die Schule zu Tambachund Hörselgau erwähnt, in letzterem Orte kommt sogar eine „Mägdleinsschule" vor.Freilich waren die im Bisherigen genannten vorreformatorischen Schulen nicht Volks-schulen in dem Sinne und in der Verfassung, wie wir sie jetzt haben, und es lassenuns die alten Urkunden darüber keinen Augenblick im Zweifel, daß wir es hier ledig-lich nur allein mit Dom-, Kloster- oder mittelalterlichen Bürgerschulen zu thunhaben, an denen entweder Kloster geistliche oder zünftige Schulmeister mit fahrendenSchülern Unterricht in katholischer Theologie und lateinischer Sprache ertheilten. Daßsich die Welt geistlichen des Schulwesens nicht annahmen, kann uns nicht wundern,denn — nach l?r. Uuäolxlu's Eotüa äixlomatiea I, 162 — waren die Pfarrer imGothaischen noch zu Anfang der Reformation ungelehrte Handwerker. So warz. B. der Pfarrer zu Molschleben ein Knochenhauer, der zu Wiegleben ein Leineweber,der zu Warza ein Böttcher, der zu Trügleben ein Baderknecht u. s. w. Wie ander-wärts, so begann auch im Gothaischen die Reformation der Schule erst mit der Re-formation der Kirche, nur ist hier insbesondere bemerkcnswerth, daß Lr. M. Lutherauf die Entwicklung unseres Schulwesens einen dirccten Einfluß ausübte. Lutherwar nämlich schon im I. 1516 als Stellvertreter Stanpitzens zur Untersuchung derthüringischen Augustinerklöster nach Gotha gekommen und hatte mit seiner Lehre vonder Rechtfertigung durch den Glauben unter den hiesigen Mönchen großen Beifall ge-funden (vgl. Ukert, das Leben Or. M. Luthers I, 90). Ans seiner Reise nach WormSpredigte darum Luther am 8. April 1521 in der hiesigen Augustinerkirche und zwarmit einem solchen Beifall, daß — wie Myconius in seiner List. Lei. p. 38 erzählt— der Teufel so erboste, daß er etliche Steine von dem Kirchengiebel riß, der nach derStadtmauer geht. Das unsittliche Treiben der hiesigen Geistlichen beschleunigte sodanndie Einführung der Reformation; denn als am Pfingstdienstage 1524 die gothaischenBürger in einem wilden Aufstande die zuchtlosen katholischen Geistlichen „sammbtihren Huren" zum Schloßberg hinab in den Kram unter dem Rathhanse (jetzige