Reinlichkeit ist das Bestreben, sich und das Seine rein zu halten, der Sinn fürReinheit. Rein aber ist alles, was frei ist von fremdartigem, verderbendem oder ent-stellendem Zusatz oder Anhang; bei stutzigen Stoffen — lauter, bei festen — sauber,frei von Befleckung, Beschmutzung. Ursprünglich und gewöhnlich wird das Wort Rein-lichkeit von äußeren, leiblichen Dingen gebraucht, während für innere, sittliche Reinheitder Sprachgebrauch sich mehr die Form Re inigleit zum Ausdruck geprägt hat. Wirdenken, vom pädagogischen Standpunct aus betrachtet, bei der Reinlichkeit vorzugsweisean äußere Sauberkeit. Der reinliche Mensch äußert sein Wohlgefallen am Reinenund Feinen, wie sein Mißfallen am Unreinen, an Schmutz, Unzier und Vernachlässi-gung in Beziehung auf seinen eigenen Leib, auf dessen Bedeckung, auf Geräthe, mitdem er sich beschäftigt, auf seine nächste Umgebung überhaupt. So weit die Machtseines Willens reicht, so weit Lethätigt sich auch die Reinlichkeit eines Menschen. Derunreinliche dagegen vernachlässigt sein Aeußeres, es fehlt bei ihm an kräftiger Beherr-schung und Ueberwachung seiner leiblichen Erscheinung und seiner nächsten Umgebung,sei es, daß er die Dinge, die sein Aeußeres verunreinigen, gar nicht beachtet, oder daßes ihm an Willens- und Thatkraft fehlt, Unreines und Entstellendes davon abzuhaltcnoder rechtzeitig wieder zu entfernen. Reinlichkeit ist somit ein Stück der Herrschaft,die der Geist über das seelische und leibliche Leben führt, ein Stück Selbstbeherrschung;Unreinlichkeit dagegen ist eine von den Schranken, welche die träge, bequeme und acht-lose Natur der Königsmacht des Geistes und seines Willens setzt. Wir finden siedaher in der Regel bei rohen, auf tiefer Gesittungsstufe stehenden Völkern, und unterden gesitteten an denjenigen Ständen und Personen, die von der allgemeinen Bildungderselben noch weniger berührt sind. Reinlichkeit und Bildung sind unzertrennlich. Eswäre zwar bedenklich, die äußere Reinlichkeit unbedingt als Bürgschaft für die innereReinheit anzusehen. Die reine, feine Außenseite verdeckt oft viel inneren Wust. Esgiebt auch schmutzige Seelen in sauber gewöhnten Leibern, „eine Art," wie Salomosagt, „die sich rein dünkt, und ist doch von ihrem Koth nicht gewaschen." Umgekehrtkann da und dort ein Mensch, der sein Augenmerk vorzugsweise auf das Inneregerichtet hält, über dem Eifer der inncrn Arbeit nur eben nicht vollends bis zu derim Leiblichen sich vollendenden Reinheit durchgedrungen sein. Manches Gelehrtcn-oder Ascetenheiligthum könnte dafür zeugen. *) Im allgemeinen wird man aber dochsagen können: die reine Erscheinung im äußeren läßt auch mit Wahrscheinlichkeit aufeine reine Wirthschaft im Innern Leben schließen, ist einer von den Spiegeln, ausdenen etwas von dem Angesichte des inwendigen Menschen hervorblickt. In einemunreinen, schmutzumhüllten Leibe wird man keine feine Seele suchen. Die Reinheitund Feinheit des inner» Menschen reinigt, beleuchtet und verklärt auch den äußeren,den Leib und seine Umgebung. Das gilt schon von dem Innern des natürlichenMenschen, der die Kraft der reinigenden und heiligenden Gnade Gottes in Christo
*) Was das „Gelehrtenheiligthum" anbelangt, so wird da doch ein Unterschied zu machensein zwischen dem Anblick, den ein nicht aufgeräumtes Zimmer, das Umherliegen von Büchernund Papieren auf Stühlen und am Boden, der Staub auf den Geräthen, die nachläßige Klei-dung des Bewohners gewährt, und zwischen einem ungewaschenen Gesicht, schmutzigen Hemd n. s. w.Nur das Letztere ist Unreinlichkeit. Ueberhaupt empfiehlt die Erfahrung (wir denken z. B. anPestalozzi) große Behutsamkeit in solchem Schluß aus dem Aeußeren auf das Innere. D. Red.
Pädag. EncyklopSdie. VII. 1