Sachsen.
447
zu greifen brauchen, so kann ich hoch Somiuerbrodt nur Recht geben, insoweit er dieNutzbarkeit desselben in der Schullectüre aufgezeigt hat. Als einen Mann, der inCamerarius Geist fortarbeitete und mit den beiden bedeutendsten Schulmännern Handin Hand gierig, haben wir Hiob Magdeburg zu erwähnen, welcher schon als19jähriger Jüngling unter Rivius an der Schule in Freiberg arbeitete und auf dessenEmpfehlung einer der ersten Lehrer an der Fürstenschule zu Meißen wurde. *) Daßdie Disciplin auch außer den Fürstenschulen, welche so vieles aus dem klösterlichenLeben unmittelbar herübernahmen, eine ernste, strenge, nach unseren Begriffen finsterewar, ist dem Geiste der Zeit ganz entsprechend, indem ohne Stock und Ruthe eineAustilgung der bösen Lüste ganz unmöglich schien; doch werden auch schon aus diesenZeiten Klagen laut über mehr als orbilische Prügelsysteme, welche in Schulen (wahr-scheinlich von Bachanten) geübt wurden. *'*) Der Unverstand neuerer Zeiten hat auchdie Methode bespöttelt als alles auf die Uebung des Gedächtnisses setzend. Man hatdabei nicht bedacht, daß schon aus dem Mangel an Büchern eine Nöthigung zumAuswendiglernen hervorgieng, noch weniger, daß das Gedächtnis die erste Handhabedes Geistes und fertiges Aneignen des Sprachmaterials und der Sprachregelu diebeste Vorübung für das Studium der Literatur ist. Mag man zugeben, daß jeneZeit im Auswendiglernen und in der Nöthigung alles lateinisch zu sprechen, zu weitgegangen sei, wenn man nur zugesteht, daß in unseren Tagen oft ein gar zu geringesMaß von Gedächtnisübungen eingehalten und durch die Vernachläßigung derselben einnoch viel traurigeres Resultat erzielt wird. In der That erwachte die Liebe zurdeutschen Sprache und besonders zum deutschen Lied damals so kräftig, daß spätereZeiten dadurch beschämt werden***) und daß die Unterrichtsmethode für das Praktischenicht abstumpfte, beweist Adam Riese, dessen 1550 erschienenes Rechenbuch nochheute weltberühmt ist. Die Uebung in sicherer Aneignung und richtigem Vortrag warder Zweck auch der Schulkomödie. Hat man nicht jetzt in den hier und da geschehenenAusführungen sophokleischer Dramen in der Ursprache nur wieder hervorgeholt, wasder Schneeberger Caspar Eberhard als Schulmeister in Gottesgab und Joachims-thal (er starb als Generalsuperintendent in Wittenberg) that, indem er des SophoklesAiax von seinen Schülern im Original aufführen ließ?ch) An Bürgerschulen dachteman noch nicht, da ja die Trennung der Stände noch gar nicht so wie in spätererZeit stattgefunden hatte und Luther gerade jedem Bürger die Bildung durch die la-teinische Schule empfahl, weil er dann im Nothfall als Prediger gebraucht werdenkönne. Der Unterricht für Mädchen blieb noch lange zurück. Nur eine Schule inLeipzig wird erwähnt, aber nur eine Lehrerin erthcilte den Unterricht und nur im Singen,Lesen, Schreiben und Nähen (also das Rechnen war ausgeschlossen). Eine solche inFreiberg, welche nach dem Antrag der Stände mit zur Versorgung alter und dürftigerNonnen dienen sollte, kani nicht zu Stande.
Nachdem der Kurfürst Moriz 1553 durch seinen frühen Tod auf dem Schlacht-felde seine so große und folgenreiche Thätigkeit beschlossen hatte, siel die Regierung' seinem Bruder August (1553—1586) zu. Auch er hat sein Landesgebiet vermehrt, sisi)
*) Wegen seiner theologischen Ansichten ward er später Vertrieben. Dem oben von Came-rarius berichteten entsprechen seine beiden Schriften: Oatsobssis ssu errpita ckootrinas saeras.grasvs ot latins und xast «Troarolrxoa, ssntomias saorss st apostoliess Lano-
torniu Usuli, kstri, stobaunis cot. grasos st latins in looos oommunss ooltsotas, uns onmeatoobssr vr. Nart. Imtlrsri. Das letztere Buch ward mit des Kurfürsten August Genehmigungin den untern Classen eingeflihrt. (KLmmel a. a. O. S. 543 und 544.)
Gretschel I. S. 618.
***) Gretschel I. S. 620.
Ist Gretschel I. S. 6lS. II. S. 101.
Ich) Ich erwähne das Voigtland (I55S ff.), weil fortan namentlich Plauen öfter Erwähnungfinden wird.