Sachsen.
43S
Friedrich dem Streitbaren und seinem Bruder Wilhelm hochherziges Interesse fürwissenschaftliches Leben und das Bedürfnis ihrer Unterthanen zuschreiben, da sie schonlänger auf die Einrichtung einer Universität in ihren genannten Ländern bedacht waren. *)Sie ergriffen deshalb die ihnen durch die bekannten Vorgänge in Prag unverhofft ge-botne Gelegenheit zur Ausführung ihrer Absicht: sie nahmen die Ausgewanderten inLeipzig auf und gründeten 2. Dez. 1409 die dortige Hochschule. Die Geschichtschreiberbemerken, daß die Universität erst nach einem Jahrhundert und durch die Reformationzu einiger Blüte gelangt sei, und schreiben dies dem von Prag mitgebrachten Gegensatzgegen die freie theologische Forschung zu. Wir können diese Behauptung weder ganzleugnen, noch in ihrem Umfange vollständig zugeben, müßen jedoch als auf eine Ursacheauf die mangelhafte Vorbildung, welche die jungen Leute zu den Universitätsstudienmitbrachten, aufmerksam machen und deshalb auf die Schulen zurückkommen. Wirhaben einige der schon damals bestehenden erwähnt. Der Klosterschule zu Altenzelleist noch nicht gedacht; wie jedoch dem Unterricht dort thätige Fürsorge gewidmet ward,sehen wir daraus, daß 1397 der Baccalaureus der Theologie und Magister der freienKünste Vincenz Grüner als Lehrer dahin berufen ward, derselbe, welchem ein nichtgeringer Einflnß auf die Aufnahme der Prager Emigranten in Leipzig und die Errichtungder Universität zugeschrieben wird. Ob übrigens in dieser Schule nicht auch der mönchischscholastische Geist, welcher den Lehrern der Leipziger Hochschule zum Vorwurf gemachtwird, geherrscht habe, müßen wir dahin gestellt sein lassen, aber des Abt MartinLochau gedenken, der mit Herzog Georg dem Bärtigen in Förderung der Wissen-schaften wetteiferte. Auch bei der Erwähnung von Schulen (z. B. in Dresden, Chemnitz,Annaberg, Freiberg und andern Städten) können wir nicht das kritische Bedenken unter-drücken, ob sie wirklichen Bestand gehabt haben oder nur vorübergehend durch einzelneden Aufenthalt wechselnde Lehrer, die sich selbst Gehülfen, Locaten, annahmen, gegenein öffentlich gewährtes oder durch die Beiträge der Schüler zusammengebrachtes Salairgehalten wurden. Das Unwesen der fahrenden Schüler hat in unseren Ländern sogarbis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts fortgedauert und gewiß nicht viel späterals in den übrigen Gegenden Deutschlands seinen Anfang genommen. Allerdings wer-den auch geistig und wissenschaftlich bedeutende Männer als solche Schul-Halter oder-Meister genannt. So der — hier und da sogar als Urheber bezeichnet«: — als Ver-treter der Forderung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt und als Dichter leoni-nischer Kirchenlieder bekannte Peter von Dresden, welcher zu Dresden, Chemnitzund Zwickau gelehrt haben soll, ehe er um 1415 durch den Bischof von Meißen nachBöhmen zu flüchten genöthigt ward.**) Gleichzeitig mit ihm werden noch einige andereMänner genannt, welche um literarische Bildung sich verdient machten.***) Die Ver-wüstungen, welche durch die Hussitenkriege über das Meißner- und Osterland gebrachtwurden, haben gewiß manche geistige Blüte geknickt, aber wie sie gerade die politischeStellung des Wettiner. Hauses und Landes zu heben beitrugen, so hat auch das sichimmer beziehungsreicher gestaltende Verhältnis zu Böhmen mit geholfen, jenen wie-wohl vergeblichen, doch immer den Boden zur wirklichen Kirchenverbesserung bereiten-den reformatorischen Bestrebungen des 15. Jahrhunderts in Sachsen Eingang zu ver-schaffen. Gerade die Ueberwindung von Hindernissen steigerte die Kraft, erhöhte denFreimuth und hütete vor Ueberstürzung und Unreife. Der Provincial des Augustiner
*) Böttiger, Gesch. von Sachsen I. S. 281 f.
**) Wie viele derartige Nachrichten der Sucht, hochberühmte Männer unter die Vorfahrenzu zählen, ihren Ursprung verdankten und in der herrschenden Ungenanigkeit im Schreiben undDeuten der Namen eine Stütze fanden, beweisen die von Oertel a. a. O. S. K8 ff. und S. 84Mündlichst widerlegten Angaben, daß Dante Allighieri Rector der Domsckmle, der eben genanntePeter von Dresden Rector der Münsterschule von St. Afra in Meißen gewesen sei.
***) Böttiger I. S. 294.