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Rettungsanstalten. XII.
es nur sehr selten möglich ist, über derartige entlassene Kinder eine dauernde zuver-lässige Aufsicht zu vermitteln. Man sollte glauben, daß sich zur Uebernahme einersolchen Verpflichtung Pfarrer oder Presbyterien und kirchliche Gemeinderäthe (wodergleichen existiren) oder Lehrer und Schulzen oder sonst wie einzelne dazu geeignete Per-sonen bereit finden möchten. Mag das auch an ganz einzelnen Orten einmal geschehen,so ist damit noch keine Hülfe für die hundert anderen unbeaufsichtigt bleibenden Kindervorhanden. Uns sind Fälle bekannt, wo die treueste fürsorgende Liebe alles aufge-boten hat, um eine Persönlichkeit in Kirche und Schule und in der Verwaltung oderunter Privaten zum Schutz für ein einzelnes solches Kind willig zu machen und immerwieder zu bitten, wie aber alle diese Bemühungen fast immer ohne allen Erfolg ge-blieben sind. Es giebt nicht so viel persönliche Barmherzigkeit, die ihre Lebenskräftefür solchen Liebesdienst hergiebt in der Welt, wie gewöhnlich angenommen wird.*)Die Polizei weigert sich schließlich vielleicht nicht, solche Aufsicht zu übernehmen, oderanzuordnen, allein damit ist der Regel nach kaum etwas geholfen, ja oft sogar vielgeschadet, da sich nicht gern jemand mit Kindern einläßt, welche die Polizeibeamtenwiederholt ins Haus führen. Die beste Hülfe bleibt hier, wenn die fern wohnendenEltern selbst vertrauenswürdig und selbst bereit sind, die Aufsicht über ihre ihnen zurück-gegebenen, ins bürgerliche Leben tretenden Kinder zu übernehmen. Doch wo sindsolche Eltern und wie oft fehlt auch den besseren Eltern das Verständnis und derrichtige Takt, in jedem vorkommenden Falle zu treffen, was das Richtige ist. Dasbisher Gesagte gründet sich auf Erfahrungen, die zum Theil aus der nördlichen HälfteDeutschlands entnommen sind. Vielleicht haben desfallsige Bemühungen besseren Er-folg im südlichen Deutschland, wo hier und da mehr Vereine zur Unterbringung ver-wahrloster Kinder bestehen. Uns ist darüber wenig bekannt, da die Berichte überdiesen Gegenstand keine oder nur sehr dürftige Auskunft geben. Die Summe allerdieser hier vorgeführten Verhältnisse hat man sich zu vergegenwärtigen, um die Schwierig-keit und theilweise Unmöglichkeit der Beaufsichtigung der entlassenen Zöglinge zu übersehenund zu begreifen, wie es möglich ist, daß ein Kind oft Jahre lang verschwindet, woman nicht weiß, ob es noch lebt, oder schon gestorben ist, und dann mit einem malewieder zum Vorschein kommt. Dazu kommt bei den in der Nähe der See gelegenenAnstalten der Seeverkehr für die Schiffsleiste und die Reiselust der jungen Handwerker,die Leichtigkeit der Auswanderung und der Unternehmungsgeist vieler Leute der Art, diesich die Welt besehen wollen. Bei den an der Seeküste gelegenen Anstalten, Stralsund,Lübeck, Hamburg, Bremen, springt die verhältnismäßig große Zahl der unbekanntgewordenen Zöglinge sehr in die Augen und selbst von weiter her, z. B. aus derSchweiz, aus Baden und Württemberg, wo der Auswanderungstrieb so mächtig ist,kommt dieselbe Kunde, daß die früheren Zöglinge z. B. in allen Welttheilen zu findenseien. Alles in diesem Zusammenhänge Gesagte ist vollends zugleich mit in billigeAnrechnung zu bringen, wenn nunmehr von den Erzichungsresnlt aten der Rettungs-Häuser die Rede sein soll.
Die Aufstellung dieser Resultate wird gewöhnlich in Zahlen erwartet, während essich um ein Gebiet handelt, auf dem, wenn irgendwo, die unmeßbare und unzählbareQualität gegenüber der ganz abstracten, aber freilich greifbaren und zählbaren Quan-tität ihr gutes Recht zu behaupten hat. Wer nach den Resultaten einer RettungSan-stalt fragt, fragt nach sittlichen Größen, nach Gesinnung, nach verschiedener Intensitätderselben; das sind aber Thatsachen, die im letzten Grund zu erkennen kein Menschen-auge im Stande ist; über deren Vorhandensein selbst unter denen, denen die Per-
*) Ein LeklagenswertheS Analogon ist in dieser Beziehung die Erfahrung, die an vielenStellen Strafanstaltsgeistliche machen, die Lei den Pfarrern Hülfe für entlassene Sträflinge, diein ihre Gemeinden zurückkehren, suchen müßen, und nicht ini Stande sind, solche Hülfe zu finden,oder auch nur eine Antwort auf ihre Fragen oder Bitten zu erhalten.