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7 (1869) Reinlichkeit - Schule
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Religionsunterricht in höheren Schulen.

Christenthum den Schülern als nöthig hinstellen. Der Naturwissenschafler darfnicht, weil er in der Natur keinen Geist sieht, die Wirklichkeit desselben leugnenoder die Wunder der HeilSgcschichte lächerlich machen, weil das Naturleben nach be-stimmten Gesetzen verlaufe; vielmehr soll er die wunderbare Teleologie auch in derNatur Nachweisen, wie sie schon ein Sokrates in Tenophons Memorabilien betont.Und weil man solche und andere große sittliche Gedanken bei den alten Schriftstellernfindet, soll man in den philologischen (vgl. hier auch Rinck: PädagogischeBriefe. (Aus der Erinnerung an G- W. Nitzsch.) 1867. S. 191 ff. 233 ff.) Stundennicht jene antike Moral als der christlichen gleichwerthig oder wenigstens überausähnlich hinstellen, als unterscheide sich daS Christenthum von der griechischen Religionwesentlich durch eine reinere Gottesidee, nicht auch durch seine Heiligungskraft;vollends nicht den Selbstmord eines Cato verherrlichen oder Lucretia wegen ihrer echtheidnischen That preisen. Und nun gar „welch Elend, wenn ein Jüngling*) nichtshört als die Schlüpfrigkeiten des Horaz und seiner Freunde! Heißt das nicht geradezuzur Unzucht erziehen?**) Was lehren Heiden, und was lehren Christen über die

I So etwa der treffliche G. F. Schömann in einer vor 20 Jahren gehaltenen und ge-druckten Rede über die Religion der Griechen in ihrer Blütezeit, welche ich leider nicht zurHand habe.

Obige Stelle aus der Evang. Kirchenzeitung stellt denn doch den Gegenstand nicht indas richtige Licht. Man wird unbedenklich behaupten dürfen, daß es keinen Gymnasial-lehrer gebe, bei welchem „die Zöglinge nichts hören, als die Schlüpfrigkeiten des Hora; undseiner Freunde," und wenn es einzelne geben mag, von deren Horazlectiou man sagen darf,sie erziehen damit zur Unzucht, sofern sie nämlich etwa durch ihre Behandlung des Dichtersein sittliches Aergernis geben, so sind das doch gewiß auch nur Ausnahmen. Lehrer, diegewissenlos genug sind, den Horaz so zu erklären, daß die Jünglinge darob erröthen müßen,kann man allerdings nicht stark genug verdammen. Wenn aber der Lehrer darauf ausgeht,etwa auch durch die Ordnung, in welcher er die Gedichte aneinanderreiht und lesen läßt, denSchülern ein richtiges Bild von dem Dichter und Menschen Horaz vorzusühren, so werden siezwar vor einer blinden Verehrung, aber ganz gewiß auch vor einer unbilligen Verurtheilungdesselben bewahrt werden. Vor dem Vorwurf, er erziehe zur Unzucht, sollten ihn schon diesechs ersten Oden des dritten Buchs sicher stellen. Solche Gedichte, welche wirklich sittlichenAnstoß geben, soll man nicht mit den Schülern lesen, wohl aber einmal, wenn sich die Gelegen-heit von selbst bietet, darauf Hinweisen, daß Horaz nach dem Maßstab seiner Zeit und seinesVolkes zu messen sei; ein rechter Lehrer wird auch einzelne bedenkliche Stellen so zu behandelnwissen, daß seine Schüler vor dem Gift darin gewarnt sind. Es wird sich im Gesammtnnterricht.z. B. bei Gelegenheit einer besonders wichtigen Stelle in einem alten Schriftsteller, bei einemRückblick ans einen gelesenen Abschnitt oder dgl. Anlaß finden, ans den Unterschied des sittlichenIdeals in der gesammten Lebens- und Weltanschauung der Heiden und der Christen aufmerksamzu machen, und dem da und dort sich spreizenden modernen Heidenthum gegenüber darf manimmerhin an Anssprüche des gründlichsten Alterthumsforschers unserer Zeit erinnern, wie denvon A. Böckh sStaatshanshaltung der Athener — 1817 — Bd. 2 S. 158 f.s: „Nur dieEinseitigkeit und Oberflächlichkeit schaut überall Ideale im Alterthum.Es giebt Rück-

seiten, weniger schön, als die gewöhnlich herausgekehrten; betrachtet das Innere des hellenischenLebens im Staate und in den Familienverhältnissen: ihr werdet selbst in den edelsten Stammenein tiefeS sittliches Verderben bis ins innerste Mark des Volkes eingedrnngen finden. . . . DieMenge entbehrte der Liebe und des Trostes, die eine reinere Religion in die Herzen der Menschengegossen hat" rc. Aber man hüte sich, solche Gelegenheiten vom Zaune zu brechen, um nichtnach dem bekannten Wort „Man merkt die Absicht und man ist verstimmt" das Gegentherl vondem zu bewirken, was man gewollt. Das Urtheil des Lehrers dränge sich nicht vor, es ergebesich hauptsächlich ans dem Standpuncte selbst, den er mit seiner Persönlichkeit, seinem Thun undLasten vertritt. Alles, was an Geschlechtliches erinnert, aus dem Gesichtskreise der Jünglingefern zu halten, ist einmal nicht möglich. Aber die Jugend wäre zu bedauern, welche man vor-zugsweise auf die Flecken an den Alten aufmerksam machte; zu dem blasirten Xil aämirarikommt sie in unserer Zeit ohnedies nur allzu leicht. Ein unzüchtiges Leben wird kein Jünglingmit der Berufung auf Horaz entschuldigen wollen. D. Red.