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Religiöse Unterweisung in der Familie.
Bild des häuslichen Lebens blickt uns durch die hinterlassenen Dichterwerke aus denhöfischen und ritterlichen Kreisen jener Zeit an, in welchen die Poesie damals eineHeimat gefunden hatte. Wir wissen, daß das Kind bis zum siebenten Jahr zu Hausegehalten wurde, daß vom siebenten an die Knaben für den ritterlichen Dienst, dieMädchen zu feiner Sitte und edler Tugend in fremden Hänsern mit andern zusam-men erzogen wurden, daß die Frauen die Kinder hüteten, auch unterwiesen, aberdie religiöse Unterweisung beschränkte sich wohl auf das erste Beten, gewiße kirchlicheGebräuche und allgemeine religiöse Gedanken. Ein biblischer Unterricht lag der Zeitferne und den eigentlich kirchlichen Unterricht, so weit er stattfand, nahm die Kirchefür sich in Anspruch. Was uns in Dichtungen erzählt wird, die Mahnung des Va-ters an den einzigen Sohn in „WinSbecke", welche allen Mahnungen vorangeht:„Sohn, miune Gott inniglich", und der Unterricht, den in Wolfram von Eschenbachs„Parcival" die Mutter Herzeloide ihrem Sohne Parcival giebt von dem Gotte, derlichter ist als der Tag und den er in jeder Noth anflehen solle, und von der HöllenWirth, der schwarz Untreu nicht meidet und von dem er die Gedanken wenden solle,wird nicht nur Poesie, sondern häufig Wirklichkeit gewesen sein. Aber es hieng mitder mittelalterlichen Gestalt des Christenthums zusammen, daß die Kirche mit der Ueber-lieferung ihrer Lehre und Gebräuche sich begnügte, die häusliche Erziehung das Haupt-gewicht bei der männlichen Jugend auf den ritterlichen Frauendienst, bei der weiblichenJugend auf feine Sitte legte. — Vergebens sucht man in den Darstellungen des häus-lichen Lebens jener Zeit (Büschings, Ritterzeit und Rittcrwesen, Leipzig 1823;Weinhold, die deutschen Frauen im Mittelalter, Wien 1851; Falke, die ritterlicheGesellschaft im Zeitalter des Frauencultus, Berlin; Freitag, Bilder aus dem Mit-telalter, Leipzig 1867) nach einer Mannigfaltigkeit ccncreter Züge, wie etwa die Müt-ter jener glanzvollen Zeit der religiösen Unterweisung ihrer Kinder sich angenommenhaben möchten. — Eine genaue Untersuchung, die wir hier nicht anstellen können,würde ohne Zweifel ergeben, daßbeiden Waldensern, sowie bei den böhmischenund mährischen Brüdern, die das Evangelium im Gegensätze zur herrschendenrömisch-katholischen Kirche festhielten, das Haus viel zur Unterweisung im Evangeliumbeitragen mnßte. Aber in sein volles Recht der Mitwirkung an der Unterweisungder Getauften zum Glauben durch das Wort tritt das Haus erst wieder durchdie Reformation. Es ist überaus bezeichnend, daß die Rückkehr zu GottesWort die Herstellung der Familie nach Gottes Ordnung unmittelbar mit sich führte.Die Ehe, seither einestheils durch die ihr zuerkannte sacramentale Bedeutung in einefalsche Höhe emporgehoben, anderntheils durch den Cölibat der Geistlichen und durchdie Verdienstlichkeit des Klosterlebens mit einem Makel der Weltlichkeit befleckt, erschienwieder in dem Lichte der Bibel als eine göttliche Ordnung, die an und für sich dieSeligkeit weder schaffen noch hindern kann, aber als das sittliche Grundverhältnis desmenschlichen Lebens, das, durch die Kirche geweiht, der Kirche ihre Glieder zuführensoll. Der Gehorsam der Kinder gegen die Eltern erschien wieder gottgefälliger alsdas willkürliche Klosterlebcn. Die einfachste Arbeit der Knechte und Mägde hat Lutheroftmals als ein wahrhaft gutes Werk im Gegensatz gegen die sogenannten guten Werkeder Kirche gepriesen. Es geht ein neuer Hauch durch das Haus, den wir im ganzenMittelalter darin nicht spüren: es ist das GotteSwort, auf welches das Hauswieder gegründet wird, welches in dem Hause wieder Licht, Brod und Salz sein darf.Und ein neuer Klang ist es in der Kirche, daß Martin Luther in seinem kleinen Kate-chismus die zehn Gebote, Glauben, Vaterunser u. s. w. so gestellt und erklärt bat,„wie sie ein Hausvater seinem Gesinde einfältiglich fürhalten soll". Und durch seineigenes Beispiel hat er der christlichen Unterweisung in seinen Hauspredigten eine treff-liche Anregung gegeben. „Diese Predigten," sagt er in der Vorrede zu seiner Haus-postille, „habe ich unterweilen in meinem Hause gethan, vor meinem Gesinde, damitich, als ein Hausvater, auch das meine thäte bei meinem Gesinde, sie zu unterrich-