22
Reisenntcrstützung.
Mit was für Mitteln aber hat ein Lehrer oder ein LehramtScandidat dieseReisen auszuführen?
Die Entscheidung dieser Frage wird von zwei Gesichtspunctcn vornehmlich ab-hangen.
In erster Linie hat natürlich jeder, der sich für ein Amt vorbereitet, die Kostendieser Vorbereitung selbst zu tragen, und je gründlicher und allseitiger ein Candidatsich dieselbe angelegen sein läßt, desto berechtigtere Anwartschaften auf die besserenAemter wird er sich erwerben.
Andererseits aber ist die Pflege der Schule, wenigstens in ihren höhern Zweigen,fast allerorts dem Staate anvertraut und es wird als eine seiner wichtigsten Aufgabenbezeichnet werden dürfen, für den möglichst besten Schulunterricht zu sorgen. Es liegtin seinem politischen wie polkswirthschaftlichen Interesse, sich tüchtige Beamte, die aufder Höhe der Zeit stehen, zu erziehen, wie auf einen einsichtigen, mit den Forderungenund Hülfsmitteln der Wissenschaft vertrauten Bürger- und Gewerbcstand abzuheben,und es ist vor allem sein moralisches Interesse, durch Verbreitung tief und weit gehen-der Bildung ein charakterfestes, sittlich kernhaftes Volk zu erzielen.
Hieraus wird sich ergeben, daß beide, sowohl der betreffende Lehrer als der Staat,an dessen Stelle die Gemeinde, wo ihr die Unterhaltung der Schule obliegt und dasNominationsrecht für die Lehrstellenbesetzung zukommt, sich an den Kosten solcher Reisenbilligerweise zu betheiligen haben. Je mehr das persönliche Interesse eines Lehrersden Gedanken zu einer wissenschaftlichen Reise nahe legt, desto mehr hat er auch dieKosten allein zu tragen; je größer aber das dienstliche Interesse dabei ist, vollendswenn der Staat oder die Gemeinde den Auftrag dazu zu geben sich veranlaßt sehen,desto umfangreicher haben auch sie die Kosten dafür zu übernehmen. Für die Unter-stützungen aber, mit welchen reiselustige, befähigte Lehrer für derlei Zwecke zu bedenken
uns noch einen allgemeinen Zusatz. Je mehr Einsicht und Erfahrung ein Schulmann zu einersolchen Reise mitnimmt, und je besser er sich im voraus durch Benützung der literarischen Hülfs-mittel über die betreffenden Schnlgattnngen, Unterrichtsfächer, schwebende Fragen, sowie über diefraglichen jLänder und ihre Einrichtungen und Eigenthümlichkeiten u. dergl. zu der Reise vor-bereitet hat, desto mehr Gewinn kann er davon zurückbringen. Ein geübtes Auge macht inter-essante Beobachtungen, wo ein anderes nichts sieht. Jede Regierung wird nur solche Schul-männer aussenden oder für ihr Reisevorhaben durch Geldmittel wie durch ihre Agenten in denbetreffenden Ländern unterstützen, welche sie für geeignet hält, bedeutende und zuverlässige Be-obachtungen zu machen. Es hängt dies auch von dem Eindruck ab, den die Persönlichkeit einesMannes macht, ob er das Vertrauen erweckt, daß es der Mühe Werth sei, mit ihm zu reden,und Ansichten und Erfahrungen mit ihm auszutanschen, und daß er keinen ungeeigneten, viel-leicht seinen Gewährsmann compromittirenden Gebrauch davon machen werde; Reisenden, die inletzterer Beziehung unzuverlässig schienen, ist sogar zur Strafe schon hie und da absichtlich einMärchen anfgebunden worden. Den bescheidenen, wißbegierigen Mann läßt man eher in dieinteriora Hineinblicken, als den, der alles am besten wissen will und über das, was ihm aus-fällt, die Nase rümpft u. s. f. Dann kommt es aber auch sehr auf die besonderen Zwecke einerReise an. Da man jede Schule unter sehr verschiedenen Gesichtspuncteu betrachten kann, nachden zur Leitung und Beaufsichtigung berufenen Auctoritäten, nach dem Verhältnis einer Schul-gattnng zu andern verwandten, nach der Organisation der Anstalt, den äußeren Einrichtungen,den Lehrmitteln, der Gesundheitspflege, dem Verhältnis der Schule zum Hause, den Anforde-rungen an die Zeit und Kraft der Schüler auch außer der Schulzeit, nach Bildnngszielen, Er-ziehung und Unterricht, nach den verschiedenen Unterrichtsfächern u. s. w., so wird es sich inder Regel empfehlen, den Zweck einer Reise nicht auf diese alle auszudehnen, sondern auf ein-zelne Gesichtspuncte zu beschränken und ihre Richtung darnach zu bestimmen, ob die betreffendenFragen in einem Lande besonders verarbeitet worden sind und zu entsprechenden Schulgestaltungeugeführt haben. So wissen wir von einer nordischen Negierung, die dem einen ihrer Schulmännerdie Frage der Hausaufgaben, einem andern die Parallelclassen, von einer andern, die ihren Ver-trauensmännern den Religionsunterricht, die physikalischen Apparate, die Subsellicn, die Mädchen-schulen zu studircn aufgab. Auch das Reisen will gelernt sein. D. Red.