Pädagogik des Alten Testaments.
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Charakter des Gesetzes darin getreu, daß ihre Sittlichkeit, ihrem Princip der Gottes-furcht entsprechend, einen überwiegend negativen Charakter hat. Von dem durch dasDeuteronomium aufgestellten Princip der Gottesliebe aus das Handeln zu bestimmen,paßt nicht zu ihrer kühlen Reflexion, die jeden Enthusiasmus ausschließt. (S. meinProgramm S. 12.) Ebenso hält die Weisheit an der Güterlehre des Gesetzes fest,indem, was in letzterem als Verheißung und Drohung auftritt, hier als thatsächlicheErfahrung hingestellt wird. Sogar das Buch Hiob, in welchem der israelitische Geistin schwerem Zweifelskampfe ringt, die Schranken der alttestamentlichen Offenbarungzu durchbrechen und die Hoffnung des ewigen Lebens zu ergreifen, schließt mit derBestätigung der alten Vergeltungslehre. Auch die Naturkunde endlich, auf die sichnach 1 Kön. 5, 13. (4, 33.) schon salomonische Sprüche bezogen, die aber besondersin einigen Abschnitten des B. Hiob hervortritt, nimmt, wie die letzteren zeigen, durch-aus den Standpunct teleologisch-religiöser Betrachtung ein. Sie will zeigen, wie derNatnrlauf die Macht und Weisheit des Schöpfers zur Anschauung bringt, wie dasWalten Gottes in demselben ein zweckvolles, namentlich seiner gerechten Weltordnungdienendes ist (vergl. z. B. Hiob 37, 12.), wie die Natur in ihren Wundern undParadoxieen dem Menschen Demnth predigt und ihm, der so gern Gottes Welt-regiernng meistert, seine Ohnmacht und Kurzsichtigkeit zum Bewußtsein bringt (HiobC. 38 ff.).
Weit mehr als gegen das todte opus opsraturn des Opferdienstes tritt in dersalomonischen Spruchsammlung die Opposition gegen Freigeisterei und Irreligiosität inden Vordergrund, gegen die Spötter, als deren Grundzug Aufgeblasenheit und Ueber-muth angegeben wird (21, 24.). Praktische Atheisten, die von einem lebendigen Gottund einer gerechten Vergeltungsordnung in der Welt nichts wissen wollen, werdenuns in den Psalmen und bei den Propheten ans verschiedenen Zeiten vorgeführt; aberdie salomonische Zeit, deren äußeres Glück ein fleischliches Wohlleben begünstigte,scheint in Erzeugung solcher Leute besonders fruchtbar gewesen zu sein. (S. hierüberEwald a. a. O. S. 100 f., Delitzsch S. 713.)
Unter den Denkmälern der alttestamentlichen Weisheit kommt für die Pädagogikvorzugsweise die den Namen Salomos tragende Sprnchsammlung in Betracht. DasBuch will nach seinerUeberschrift (1, 1—6.) eine Anleitung sein, „zu erkennen Weis-heit und Zucht, zu verstehen verständige Worte, zu erlangen Zucht zur Einsicht, Ge-rechtigkeit, Recht und Geradheit." Es will nicht bloß 'den Einfältigen dienen, ihnenKlugheit zu geben, sondern auch den Weisen zu ihrer weiteren Förderung gereichen;in ersterer Beziehung aber bestimmt es sich (V. 4) ausdrücklich auch für die Jugend,um ihr „Erkenntnis und Ueberlegung" beizubringen. Den letzteren Zweck verfolgenbesonders die längeren Lehrreden im ersten Theil des Buchs 1, 7. — C. 9. Sogleichdie Ermahnung 1, 8. „höre mein Sohn auf die Zucht deines Vaters, und laß nichtfahren die Lehre deiner Mutter" (wobei die Verknüpfung der Scheu vor den Elternmit dem V. 7 ausgesprochenen Princip der Gottesfurcht zu beachten ist) setzt einenjugendlichen Weisheitsschüler voraus. Die daran 1, 10. ff. sich knüpfende Ermahnungs-rede richtet sich an den Jüngling, der am Scheidewege steht und zu wählen hatzwischen dem Wege der Sünde, der durch vorgespiegelten Genuß die Unerfahrenen insVerderben lockt, und dem Weg der Weisheit, der zum Leben führt. Am eindringlichstensind in diesen Reden die Warnungen vor Verführung zur Unzucht. Der Weisheits-lehrer, der hier redend auftritt, spricht als Vater zu den Söhnen, eine in denProphetenschulen wiederkehrende Bezeichnung, welche das Pietätsverhältnis zwischenLehrern und Schülern dem elterlichen coordinirt. Der väterliche Ton, da, wie Her-der sagt, „von den Lippen des Lehrenden, der seinen Sohn zur Weisheit locket,gleichsam Milch und Honig fleußt," geht durch den ganzen Abschnitt hindurch. Nunfolgt 10, 1. — 22, 16. die Sammlung von 375 Sprüchen, zu der die vorangestelltenReden die Einleitung bilden sollen. Der pädagogische Zweck läßt sich in diesem Spruch-