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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Mäßigkeit und Unmäßigkcit.

stände, welcher ihn durch die Erfahrung an andern und durch eigene Proben über dieunmittelbaren und mittelbaren Gefahren der Unmäßigkeit belehrt, und der vernünftigenSelbstbestimmung, welche ihn jede Unterjochung seines besseren Jchs durch die über-mächtig gewordene Sinnlichkeit verachten und als schmählich erkennen läßt, auch gegen-über den Versuchungen des Lebens Folge leisten kann. Die Mittel hiezu sind in derThat einfach und leicht zu handhaben, wofern nur zur rechten Zeit der Anfang gemacht undmit rechtem Ernst ihre Anwendung überwacht wird. Es ist schon im Säuglingsalter dersinnliche Trieb durch seine richtige Befriedigung und die strenge Ordnung im Gewäh-ren zu zügeln und ist jeder Anlaß zur Steigerung und Erweckung übermäßiger undunstatthafter sinnlicher Begierden abzuhalten; eine stühzeitige Ueberwachnng ist um sonothwendiger, als es eben in der menschlichen Natur liegt, daß das Bedürfnis nachSpeise und Trank nicht bloß einfach befriedigt, sondern durch den sich rasch entwickelndenSinn für Wohlgeschmack und die gebotene mit dem Alter zunehmende Mannigfaltigkeitver Nahrungsmittel das Essen und Trinken zum Genüsse erhoben wird. Es hat einentiefen Sinn, wenn zwischen Nahrnngs- und „Gennß"-Mitteln keine Grenze zu ziehen ist.Nicht selten liegt übrigens der Grund, Warum sich zumal Lei kränklichen, mit der eng-lischen Krankheit oder mit Scropheln behafteten Kindern eine unnöthige Eßlust, ein Triebnach massenhafter Aufnahme der gewöhnlichen, selbst der gröbsten und einfachsten Kost,oder bei andern eine Lüsternheit nach einzelnen besonderen Nahrungs- und Gennßmitteln,eine pathologische Naschhaftigkeit, einstellt, lediglich in einer gestörten Function desMagens und einer dadurch gegebenen anomalen Aeußerung des Gefühles von Nahrnngs-bedürfniß, Hunger und Durst; unter solchen Umständen müssen den pädagogischen Mit-teln diätetische Maßnahmen und Arzneigebranch vorangehcn.

Für den Erzieher liegt die Hauptsache in dem Fernhaltcn, in der späteren

Kindheit in dem sparsamen Gewähren aller Genüsse, welche den Gaumen kitzeln unddie Begierde nach Leckereien erwecken, ebenso in der strengen Einhaltung der Zeitendes Essens, welches übrigens dem Bedürfnisse vollkommen genügen muß, ohne das-selbe zu überschreiten; durch das Maßhalten in der Menge verhütet man die An-gewöhnung an Gefräßigkeit, durch die strenge Ordnung beschränkt man den sinnlichenTrieb nach Nahrung und die sinnliche Lust bei ihrem Genüße ans das rechte Blaß.

Ein Kind, welches zu essen bekommt, so oft es ihm einfällt, wird sich viel zu viel

in seinen Gedanken mit diesem Genüsse beschäftigen und vollends ein Kind, dessenGaumen man nnzeitig mit Süßigkeiten kitzelt, dem man die Freude fast nur in

Form dieses Genusses gewährt, dem man nichts vom Tische der Erwachsenen undnichts außer der Zeit versagen kann, oder welchem man gestattet unliebsame, einfacheSpeisen zu verschmähen und dafür seinen Appetit vorzugsweise am Lieblingsgerichtezu stillen, muß nothwendig sich an eine Ueberladung des Magens und an sinnlicheBegehrlichkeit überhaupt gewöhnen; hier fehlt es alsdann immer an dem rechten Ge-horsam und der guten Richtung des Willens, daher die Folge, daß die sinnliche Be-gierde leicht zu schlechten Mitteln verführt wird, um die Lüsternheit und Naschhaftig-keit zu befriedigen; hieher gehört auch die widerwärtige Unart, daß das Kind beijedem, welchen es essen oder im Besitze eines eßbaren Stückes sicht, zudringlich for-dert, oder daß es das Gewünschte durch Schmeichelei erschleicht und sich ans diesemWege in dies ganz unkindliche Laster der Heuchelei einlebt. Ganz angemessen ist da-gegen die ausnahmsweise Gewährung von Genüssen dieser Art, nicht nur um derFreude des Kindes willen, sondern auch um es durch dieses nur zeitenweise Gestattenan das Lernen des Entbehrens und die Zufriedenheit mit dem Dargereichten besserzu gewöhnen.

Ist die Nahrung des Kindes nach und nach an Speisen und Getränken mannig-faltiger und vermöge ihrer Beschaffenheit sinnlich reizender geworden, so ist gleichwohldieselbe Beschränkung des Essens ans bestimmte Zeiten, derselbe Ausschluß des fürsein Alter Unpassenden und dieselbe Einhaltung eines richtigen Maßes zu beobachten;