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Märchen, Fabel.
Märchen haben wie die eigentlichen Volkslieder keinen Verfasser; auch die meistenFabeln nicht, denn Aesop ist eine fabelhafte Person und Bidpai ebenfalls. Was diemoderne Zeit auf diesem Gebiet hervorgebracht hat, darf Wohl als Nachahmung undgar oft nur als künstliche Pflanze und gemachtes Wesen bezeichnet werden. Die eigent-liche Heimat der Fabeln und Märchen ist die Phantasie des Volkes, welche kindlichnaiv, nicht verstandesmäßig dichtet; zumal die Märchen haben einen Duft der Urzeitan sich. „Das innige, älteste Hausleben ist der Boden, auf dem das Märchen erwuchsund gedieh; und nun besteht es, eine reine und köstliche Perle aus den alten Tagenin perlmutterner Schale am schlammigen Gestade. Die Kindheit der Völker, wie dieKindheit der einzelnen Menschen überträgt das eigene, rege Leben, die Fülle der Em-pfindungen und die Ahnungen vom Zukünftigen, welche in denselben aufsteigen, auf dieNatur der Umgebung, ihr singen Bäume, reden Quellen, Thiere und Vögel; das Ge-fühl der Hülfsbedürftigkeit ruft die Fee, die Abhängigkeit von Naturkräften läßt vordem Kobold zagen. Aus den frühesten Tagen des Erwachens zum Bewußtsein stammendie besten Märchen. Darum mögen sie wohl mit wunderbarer Anziehungskraft nochjetzt auf die Jugend wirken." (Vgl. die Art. Kleinkindcrschule S. 36. Kunst S. 114.)
Sei der Grund nun dieser, oder ein anderer, so viel steht fest, daß diese An-ziehungskraft wirklich und unläugbar besteht. Die Kinder, sie hören es gerne! Daswird wohl jeder einräumen, wer je beobachtet hat, wie Kinder, und zwar ganz kleineKinder, mit gespannter Aufmerksamkeit horchen auf eine freundliche alte Kindermutter,oder einen guten Kinderfreund, der Märchen erzählen kann; er ist merkwürdigerweiseöfters ein alter Junggeselle wie Mike im Nicolas Nickleby. Verfasser wenigstens weißWohl, welche Eroberungen man in der Kinderstube machen kann mit der Geschichte vomkleinen Däumling. Alan mag sie von vorne oder von hinten anheben, die Kleinenlauschen mit offeneni Munde, und staunen und sinnen. Ebenso bewundern die kleinenFranzosen unermüdlich den xstit kouost, die noch zarten Engländer den Tom Thumb,die Slaven den kleinen Nagelgroß mit dem ellenlangen Bärtchen und dem buckeligenPferdchen. Solch ein eonsonsus Asntium ist doch auch in die Wagschale zu legen; erfindet bei einer Anzahl ächter alter Märchen, die in der That Weltmärchen sind, wirklichstatt. Wenn daher ein hochverdienter Pädagog und ernstlicher Gegner der Märchendavon ausgeht, daß er andere Erfahrungen gemacht hat in der Kinderwelt, nnd daßer beim Vorlesen Grimmscher Märchen von seinen Kindern bald hören mußte: aberVater, das ist ja Unsinn! so mag der Grund hievon entweder darin liegen, daß esunter den sogenannten Kinder- nnd Hausmärchen solche giebt, welche nicht sofort demKinde genießbar sind, was auch von einer Anzahl der Grimmschen Märchen geltenmag; oder daß es Kinder giebt, die für dieses Gebiet weniger empfänglich sind, nament-lich wenn es ihnen ein gänzlich unbekanntes und ganz neues ist. Jene absichtlich umder Polemik willen unternommenen Versuche und die Bekämpfung der Märchen selbstwurden indessen hervorgerufen durch das Engouement, mit welchem schöngeistige Päda-gogen den Werth der Märchen gar überschwenglich erhoben haben. Sie hatte in dieserBeziehung eine gewisse Berechtigung, und um sie gehörig zu würdigen, müßen wirnäher auf die Bedeutung der Märchen für die Erziehung eingehen.
Es ist hier vor allem geltend zu machen, daß, ganz entsprechend dem oben aus-einander gelegten ästhetischen Charakter des Märchens überhaupt, auch in Rücksicht aufseinen pädagogischen Werth dasselbe zunächst unter den Gesichtspunct des Spielsüberhaupt fällt. Es combinirt die Elemente der wirklichen Welt zu Erscheinungen,Gestalten und Begebenheiten, wie sie in dieser snblunarischen Welt gewöhnlich nichtVorkommen, und großentheils nicht Vorkommen können. Dadurch werden die Vorstel-lungen des Kindes nicht bloß im allgemeinen der unmittelbaren, sinnlichen Gegenwartenthoben und gegen dieselbe frei gemacht, sondern sie werden auch in Verbindungengezogen, welche sie im gemeinen Leben gar nicht eingehen zu können scheinen; ihre Be-weglichkeit und Verknüpfbarkeit wird dadurch unendlich vielseitiger. Es ist damit leicht