Leseunterricht.
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die ihnen das allgemeine Priesterthnm gewährt, „zu einem vernünftigen Gottesdienst"und zur gegenseitigen „Erbauung auf ihren allerhciligsten Glauben." Das ist es jaeben, warum die Reformatoren und ihre Anhänger so ernstlich auf Errichtung izndErweiterung von Schulen gedrungen haben. Ueberhaupt aber so wichtig die Erfindungder Buchdruckerkunst für alle Stände gewesen ist, eben so wichtig ist auch der Unterrichtim Lesen, weil nur der, welcher lesen kann, Gewinn aus jener zieht (Diesterweg), undbesonders in unserer Zeit könnte weder das bürgerliche, noch das gewerbliche Leben ge-deihen, wo nicht alle, auch die niedrigsten im Volke lesen können. Wenn nachSchleiermacher (Erz.-Lehre S. 385) das Lesen „ein Thermometer ist, die Bildungdes Volkes zu messen," so gehört gewiß der Unterricht darin unter die ersten und un-erläßlichsten Aufgaben jeder Schule. — Wenn aber andere den Leseunterricht auch umseines formalen Werthes willen unter die schätzenswerthesten Bildungsmittel zählen,wenn sie von der dabei nöthigen Geistesthätigkeit eine „mächtige Einwirkung auf dieGesammtentwicklung des jugendlichen Geistes" erwarten (Jakobi), oder gar das her-anbrechende Heil des Volkes verheißen (Stephani), so könnte das doch nur voneiner gewissen Methode des Leseunterrichts, aber nicht von diesem überhaupt gelten,und müßte auch da als Uebcrschätzung bezeichnet werden; richtiger aber scheint immer-hin Waitz zu nrtheilen, welcher den elementarischen Leseunterricht „als bloße Vorarbeitbezeichnet, welche keinen selbständigen, sondern nur den Werth eines Mittels in An-spruch nehmen könne," und Schleiermacher, welchem „Lesen und Schreiben anund für sich nichts ist, sondern nur mechanisches Hülfsmittel," obwohl es auf dieseWeise etwas zu gering geschätzt sein möchte.
Fragen wir nun, ans welcher Altersstufe mit dem Leseunterricht der Anfang ge-macht werden solle, so lehrt der Blick in die Schulen aller Art, daß er möglichst baldnach dem Eintritt des Kindes in die Schule, hin und wieder schon vor der Zeit derSchulpflichtigkeit geschieht. Erst seit Rousseau ihn bis zu den späteren Knaben-jahren hinausgeschoben sehen wollte, haben sich von Zeit zu Zeit auch andere Stimmenerhoben, welche wenigstens ein oder zwei Jahre lang bloß mündlichen Unterricht,Denkübungen oder Anschauungsunterricht, ihm vorangehen lassen wollten, um das Kinddadurch zu befähigen, daß es die Schwierigkeiten des ersten Leseunterrichts leichter über-winde, also leichter, schneller und Wohl auch mit hellerem Bewußtsein über das Me-chanische desselben Meister werde. Allein was über diese Schwierigkeiten, über „daszornerweckende Buchstabiren" (Nachsinner), „die erste Kindesqual" (Graser) u.s.w.gejammert worden ist, das ist, wo nicht absichtliche und ungerechte Uebertreibung, sodoch immerhin nur wahr in Betreff von Fehlgriffen, welche man sich in dem Lehrgang,der Lehrform und dem Lehrton hat zu Schulden kommen lassen. Daß auch dassechsjährige Kind ohne Zorn und Qual lesen lernen kann, sollte man doch als Er-fahrungssache zugeben, und daß gerade das Mechanische, was bei diesem Unterrichtnicht ganz vermieden werden kann, für das jüngere Alter wohl paßt, könnte leichtpsychologisch erwiesen werden. Ja es dürfte sich fragen, ob nicht eben dieses Me-chanische dem Schüler mit entfalteterer Geisteskraft später mehr langweilig und zu-wider wäre, als dem Anfänger in allem Lernen. Aber es kann nicht nur, sondernes soll auch gleich mit dem Eintritt der Unterrichtsfähigkeit das Lesen angefangenWerden, weil es ein schwer zu entbehrendes Hülfsmittel für allen anderen Unterricht ist,und weil es da, wo mehrere Schülerabtheilungen beisammen sind, für die Selbstbcschäftigungder Schüler werthvolle Dienste leistet. Wenn aber vor dem frühen Lescnlernen haupt-sächlich im Eifer gegen das Viellesen oder die Lesewuth der Kinder gewarnt wordenist, so hat man dabei „das Kind mit dem Bad ausgeschüttet" und nicht bedacht, daßder Misbrauch den Gebrauch nicht aufheben darf, und daß, wenn auch erst ein paarJahre später der Leseunterricht begonnen würde, diese Lesewuth und ihr Schaden docheben so groß werden könnte. Gegen diese muß man mit andern Mitteln kämpfen alsdamit, daß man das Lesen zur Unmöglichkeit macht. — Die Ansicht ferner, daß ein