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4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
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Leseunterricht.

halt einer Schrift bekannt zu machen, so gehört zu diesem auch, daß durch Aussprache,Betonung nnd Absetzung die durch die Buchstabenschrift bezeichneten Gedanken den Zu-hörern zum Verständnis und Gefühl kommen, was man ein gutes oder schönesLesen heißt. Diesemnach würde sich die Definition so formuliren: Lesen ist eindurch Zusammenfassung der aufeinander folgenden Schriftzeichen (Buchstaben) entstehen-des schnelles und sicheres Auffassen der Wortbilder nnd die Verbindung derselben zuSatztheilen und Sätzen mit steter Berücksichtigung des Inhalts nnd der Form derWorte zum Verständnis der Gedanken, denen sie zum Ansdruck dienen, was bald stillebald laut geschehen kann, und im letzteren Falle dazu dienen soll, anderen die durchdie Worte ausgcdrücktcn Gedanken zum Verständnis und Gefühl zu bringen. — Hie-mit wäre zugleich für unsere weiteren Erörterungen der Grund gelegt.

So sehr überall, wo irgend die Morgcnröthe der Bildung angebrochen ist, in denverschiedensten Lebensverhältnissen das Bedürfnis, lesen zu können, bei jedem hervor-tritt, hat man doch in verschiedenen Zeiten Stimmen vernommen, welche — freilichnicht immer in lauterer Gesinnung -— bei den niederen Ständen das Lesen für un-nöthig oder gar für nachtheilig erklärt haben. Wenn Männer wie Sack, denen esdoch um die geistige und sittliche Bildung des Volkes wirklich zu thun war, im Ernstdie Frage erheben konnten, ob das Lesenlernen für jedermann, namentlich die Kinderin Landschulen unentbehrlich sei: so darf es uns nicht wundern, daß andere in aristo-kratisch despotischem Geiste auf dem Gebiete sowohl der Religion als der Politik demLesenlernen der handarbeitenden Classe entgegentraten unter dem Vorwände, daß dieseLeute keine Zeit und kein Bedürfnis znm Lesen haben, daß überall Leute, welche nichtlesen können, sich eben so glücklich fühlen als die, welche es können, ja daß durch un-geeigneten Lesestoff viele Unzufriedenheit nnd Verkehrtheit, viel Verderben unter daslesende Volk gebracht werde. Es ist aber keine Frage, daß diesen Einreden gewöhnlichdie Absicht zu Grunde lag, das Volk um so leichter und sicherer an dem politischenoder religiösen Gängelbande führen und behalten zu können. Allein diese Stimmenhaben theils sich selbst, theils hat die Zeit sie gerichtet. Wie von jeher, wo irgendSchulen entstanden und Unterricht zur Vermehrung von Kenntnissen ertheilt wurde, derAnfang mit dem Leseunterricht gemacht, ja zum Theil aller Unterricht auf das Lesenbeschränkt worden ist, so bleibt es immer für jeden einigermaßen ausgedehnteren undnachhaltigeren weiteren Unterricht unerläßliche Bedingung, daß die Schüler lesen können;und auch nach der Schulzeit ist das Lesen das wichtigste Mittel zur Erweiterung undSicherung der gewonnenen Bildung (Waitz, allg. Päd. S. 301.). Man kann wohl,wie Rousseau in seinem Emil, von einem Unterricht reden, bei welchem das Lesenum mehrere Jahre, oder, wie jetzt einige wollen, wenigstens um ein bis zwei Jahrehinausgeschoben wird, aber dies wird doch nur bei einem oder wenigen Schülernausführbar sein, nicht aber bei größeren Schülermasscn, nnd auch in dem ersteren Fallebleibt es noch eine Frage, ob in der Wirklichkeit ohne Lesen und ohne Schreiben, dasvon jenem abhängig ist, die Kenntnisse der Schüler ebenso leicht und mit eben so gutemErfolg vermehrt werden können. Beim Sprach-, Religions-, nnd Realunterricht wird,obwohl er auch ohne Lesen möglich ist, doch mit Hülfe des Lesens gründlicher, sichererund nachhaltiger verfahren werden können. So lange wir mit unserem Lernen an dieBücher gewiesen sind, wird das Lesen die Bedingung nnd das Mittel alles weiterenLernens bleiben. Hält man es doch sogar für dienlich, wo nicht für uöthig, daß auchdie Blinden lesen lernen. — Nach der Schulzeit aber ist das Lesen für jeden dasbeste Mittel nicht bloß zur geistigen Unterhaltung nnd Erheiterung, sondern auch zurBefestigung und Erweiterung seiner Kenntnisse, zur Theilnahme am öffentlichen Lebenund besonders zur religiösen Erbauung. In letzterer Hinsicht ist insbesondere für dieevangelischen Christen das Lesenkönnen unentbehrlich, weil diese vornehmlich selberforschen sollen in der Schrift, um bereit zu sein zur Verantwortung gegen jedermann,der Grund fordert der Hoffnung, die in ihnen ist," nnd vermöge der Berechtigung,