Körperliche Erziehung.
99
und Systemen und erreicht im Laufe des siebenten Lebensjahres einen gewissenAbschluß, eine Ausbildung der Art, daß von jetzt an ein längeres Fixircn der Vor-stellungen, überhaupt eine gesteigerte psychische Thätigkeit ohne verderblichen Einflußauss Gehirn selbst und auf den ganzen Organismus möglich wird. Die Konsequenzergiebt sich von selbst; bei vorzeitiger Ueberreizung des Gehirns, aber auch bei jederspäteren, sofern sie die von der Natur gesetzten Schranken überschreitet, folgt in derRegel Unheil:
Dies feine Saitenspicl zerbrach in ihrer
Metallenen Hand. Sie konnten nichts als ihn ermorden.
Der zweite Gegenstand veranlaßt die Aerzte zu unstatthaften Uebcrgriffen ins pä-dagogische Gebiet, zumeist zu einer Kritik der Lehrgegenstände und der Lehrmethode;Vers, hat die Grundfrage prineipiell anders ausgefaßt und glaubt sich strenge in seinemGebiete zu bewegen, wenn er aus der Erörterung des Eingangs die Forderung ablcitet,jeder Schulunterricht, zumal jener der höheren Anstalten, darf für die ganze Leistungder Schule, folgerichtig auch für die des einzelnen Schuljahres und der Schulwoche keinZiel stecken, welches sich nicht ohne Störung der harmonischen Ausbildung des ganzenMenschen erreichen läßt, und zwar überall Schüler mittlerer physischer Kraft undmittlerer intelleetueller Anlage vorausgesetzt. Schlecht begabte Köpfe gehören nicht indie höhere Schule; es ist für solche das größte Glück, wenn sie rechtzeitig in eineandere, ihrer vielleicht bedeutenden praktischen Begabung angemessene Unterrichtsanstaltgewiesen werden; ebenso gehören Kranke hinweg, nur darf die Schule nicht krank undkränklich machen.
Um der gestellten Forderung zu genügen, scheint man jetzt einen verkehrten, ver-derblichen Weg einznschlagen, eine Erziehungsmethode zu empfehlen, welche mit Rechtmit dem Namen „Treibhauscnltnr" verurtheilt wird. Was nrtheilt man über dasBeginnen thörichter Eltern, welche ihrem durch Ueberfütternng oder schlechte Kost magen-krank und siech gewordenen Kinde immer mehr von kräftiger Nahrung und von Reiz-mitteln einschütten, um es kräftig zn machen? Was denkt man von den Schwelgernder Cäsarenzeit, welche den Blagen überluden, sodann ein Brechmittel nahmenund sofort weiter schmausten? Das Brechmittel ist doch wahrlich ein unnatürlicherBehelf, um unnatürlich den Blagen überladen zn können. Mit diesem harten Beispieleist der einreißende Wahn zu bekämpfen, als ob man eine starke oder überstarke Geistes-anstrengung dadurch unschädlich machen könnte, daß man zwischen concentrirten geistigenund möglichst concentrirten körperlichen Uebungen abwechselt; jetzt 2 Stunden ein Schul-pensum für den Geist, dann Vs oder V» Stunde ein dergleichen Pensum für den Leib,oder den Tag über geistiges, Abends leibliches ExcrcitiumV) Bedenke man doch, daß diesann INSNS und das 8NNNM oorpns in wechselseitiger Abhängigkeit stehen, daß dermenschliche Organismus im ganzen nothleidet, wenn eine wesentliche Sphäre desselbenmishandelt wird und daß die gänzliche Erschöpfung desselben um so früher und sicherereintritt, wenn sein Blut und seine Nervenkraft von zwei Seiten durch nngemessenenStoffverbrauch erschöpft werden; aber keine Vorstellung ohne Stoffverbrauch, keineMnskelbcwegung ohne materiellen Umsatz, daher ist daS oberste Gesetz im organischenHaushalt, zumal der Nervenarbeit die Herstellung der zur gehörigen Function uncr-
*1 Schreker (Aerztlicher Blick, S. 15) macht einen da und dort mit Beifall anfgenommenenVorschlag, welcher unstreitig sehr nachtheilig werden kann; er behauptet, die gewöhnliche Aus-füllung der zehnminutigen oder viertelstündigen Zwischenpausen können den Gesundheitsrücksichtennicht genügen; nur eine dazwischen fallende ausgleichende -— hier hören wir das falschePrincip laut ausgesprochen — allseitige Körperthätigkeit könne dem Bedürfnisseentsprechen; man solle daher bei mehr als zweistündigem Unterricht jedesmal nach der zweitenStunde die viertelstündige Zwischenpause zur Vornahme eines von ihm entworfenen Cyklns vonFreiübungen, die „anatomisch-systematisch die Hanptpartieen des Körpers umfassen", bestimmen.