214 Die Reichstagssession von 1874—75.
Absicht ist, diese Besonderheiten anzutasten. Ich glaube,daß dies — wir brauchen uns ja darüber heute nichtin eine Diskussion zu vertiefen — staatsrechtlich auchgroße Schwierigkeiten haben würde. Diese Besonderheitenberuhen zum großen Teil auf vertragsmäßigen Abkommenzwischen Sr. Majestät dem Könige von Preußen und Sr.Majestät dem Könige von Sachsen, die der Neichsein-richtung vorhergingen, und es ist doch kaum anzu-nehmen, daß Se. Majestät der Deutsche Kaisersich in der Lage fühlen könnte, Zusagen desKönigs von Preußen nicht aufrecht zu halten.
Ich möchte aber doch darauf einiges Gewicht legen,daß, wenn eine Antastung dieser Besonderheiten jetzt nichtbeabsichtigt wird, doch eine solche Vorbereitung dazu ge-eignet ist, eine gewisse Besorgnis in den dabei beteiligtensächsischen Kreisen zu erregen, ein gewisses Mißtrauen,ob sie dessen auch sicher sind, was ihnen zugesagt ist.Schon diese Besorgnis und ähnliches zu verhüten, halteich für eine der wesentlichsten Aufgaben der Reichspolitik,gerade wie sie mir, dem Kanzler, und einem in derNeichspolitik vorsichtigen Kanzler obliegen. Es gehörendiese Eigentümlichkeiten, die unsrem an schematische Regel-mäßigkeit gewohnten Auge unangenehm ins Gesicht treten,doch auch ans der andern Seite, wie so manches andre,dessen Nutzen man im ersten Augenblick nicht einsieht,zu dem, was ich die Imponderabilien in dem militäri-schen Selbstgefühle nennen möchte. Ich würde es nichtfür nützlich und in keiner Weise für notwendig halten,denn die sächsische Armee hat ihre Beweise gegeben,wie sehr sie mit den Interessen des Reiches verwachsenist, und die Beweise sind in der Geschichte des Krieges,ich brauche sie nicht vorzuhalten. Aber ich habe die