Fürst Bismarck und Herr v. Gorlach.
115
Gefühl unbehaglich war, mit irgend jemand gleiche An-sicht zn hegen — dann trat das Bedürfnis bei ihm ein,zu modifizieren und neue Seiteu zur Diskussion zu stellen;mir sind also nie lange einer Meinung geblieben. (GroßeHeiterkeit.)
Man hat ja reiche Leute, Gründer und andre, diesich den Luxus erlauben können, etwa einen Wagen, einHaus, einen Rock ganz für sich zu haben, wie ihn keinandrer hat, und die sehr darauf halten, daß nicht jemandeinen gleichen trägt wie sie: so darf auch jemand, dermit großem Geistesreichtum, wie der Herr Vorredner,begabt ist, sich wohl den Luxus erlauben, daß er jedes-mal eine Meinung streng für sich hat und nicht duldet,daß sie von einem andern geteilt werde. (Heiterkeit.)
Ich habe in dieser Beziehung in der langen preußi-schen Geschichte die Phase nicht finden können, welche sichder zustimmenden Würdigung des Herrn Vorredners er-freut hat. Er war nicht fiir den strengen AbsolutismusFriedrich Wilhelms I., der von manchem, vielleicht auchvon dem Herrn Vorredner, wenn ich mich recht erinnere,für eine Fortsetzung desjenigen Anfanges der Revolutionbetrachtet wurde, die Ludwig XIV. begann, indem er durchGewalt von oben die alten Rechte zertrümmerte; dieserAbsolutismus hatte seinen Beifall nicht. Friedrich ll.versagte er den Beinamen des Großen (Heiterkeit) ausGründen, die ich nicht zu erörtern habe, die aber vomStandpunkt der Kirchenpolitik auf der Hand liegen. FriedrichWilhelm II. hatte seinen Beifall auch nicht, die Zeit vor1806, Friedrich Wilhelm III. ebensowenig, wie die nach1813. Der einzige Moment, indem mir scheint, daßder Herr Vorredner sich je im Einverständnis mit dempreußischen Staatsprinzipe befunden hat, war, glaube ich,