332
Byron.
u. Erbin George Gordons von Greith, des Haup-tes einer mit dem schottischen Königshause ver-wandten Hochland. Familie. Aus seiner ersten, sehr-unglücklichen Ehe entsprang Augusts B., späterMrs. Leigh; aus seiner zweiten Ehe wurde22. Jan. 1788 in Holles Street in London derDichter B. geboren. Nachdem der Vater dasVermögen der Mutter verschwendet, verließ er sien. ihr Söhnchen u. st. 1791 in Valenciennes.Von der excentrischen Mutter schlecht erzogen,wurde B., etwa 8 Jahre alt, zur Stärkung sei-ner Gesundheit in die Hochlande geschickt. Dort,in der wildromantischen Gegend, erwachte in ihmzuerst der Sinn für Poesie der Natur, dessenNachklänge alle seine Dichtungen durchtönen undErinnerungen in ihm wachhielten, welche dieserEpoche seiner Jugend in der Geschichte seinesLebens eine charakteristische Bedeutung verleihen.In seinem 10. Jahre (1798) folgte B. seinemverstorbenen Großonkel William Lord B. im Be-sitze der Titel n. Güter. Mutter u. Sohn verließenLen N. und zogen nach Newstead-Abbey, demalten Familiensitze, der wenige Meilen von Not-tingham, in der romantischen Gegend liegt, welchevon dem Sherwood-Walde überschattet wird, woeinst der abenteuerliche Robin Hood hauste. Bonseinem Vormunde, dem Grafen von Carlisle,ward B. in eine Privatschule in Dulwich u. spä-ter nach Harrow gesandt. 1805 bezog B. dasTriuity College der Universität Cambridge, und 2Jahre später ward sein erster Band Gedichte unterdem Titel: Rours ob lälsusss zu Newark ge-druckt. Die darin enthaltenen Gedichte warenkeineswegs ohne Verdienst, hätten jedoch von einemjeden gut unterrichteten Knaben, der mit gewöhn-licher Fähigkeit etwas poetisches Gefühl verband,geschrieben werden können. Der Band ward von(später Lord) Brougham inder LäiuburAtt Nsvisveiner beißenden Kritik unterzogen, die den jugend-lichen Dichter ties verwundete. Die geharnischteSatire: Lu§Iisll Larcko auä Zooteir ksvisrvsrsward als Entgegnung auf den Artikel Broughamsgeschrieben u. Cambridge wie im Sturme erobertdurch ein leuchtendes Spiel des Witzes und einegewaltige Meisterschaft in der Bersification. Jan.1809 volljährig geworden, nahm B. im Märzdesselben Jahres seinen Sitz im Oberhause, woer sich der Opposition anschloß. Doch besuchte erdas Haus nur selten, u. die eine Rede, die erhielt, war unbedeutend. Sein gegen alles Her-kommen verstoßendes Betragen gegen den Lord-Kanzler Eldon bei seiner Eidesleistung im Ober-hause u. seine argen Zerstreuungen u. Ausschweif-ungen, die seine Gesundheit wie sein Vermögengeschwächt hatten, machten seine zeitweilige Ent-fernung aus England nothwendig. So schiffte er-sieh denn mit seinem Freunde Hobhouse Juni1809 nach Lissabon ein u. begann von da ausjene ausgedehnten Reisen durch Portugal, Spa-nien, die Inseln des Mittelländischen Meeres,Griechenland u. die Türkei, die, wahre abenteuer-liche Pilgerfahrten, sein Genie entwickelten u. ihnmit zahllosen Ideen, Entwürfen und Phanrasie-gebilden begeisterten, aber auch immer mehr undmehr die Züge seines Charakters, des bemerkens-werthesten u. außerordentlichsten seines Jahrhun-
derts u. seiner Generation, verschärften. Begabtmit einer beweglichen u. phantastischen Einbild-ungskraft, mit einer ungestümen, erregbaren, nachAufregung dürstenden, bis zum Delirium leiden-schaftlichen Seele; begabt mit einem Charaktervoll der widersprechendsten Gegensätze, wie Stolz,Güte, Verachtung, Adel, Gewaltthätigkeit, Groß-muth; von Kindheit auf gequält von einer vor-zeitigen Schwermuth, die später in bitteren Men-schenhaß ausartete, geplagt von Liebesträumen,die sein Herz u. seine Sinne verwirrten, vonunklaren Bestrebungen, deren Zweck u. Gegenstander nicht kannte; erfaßt von jener Krankheit, dieeinen Pascal, Chateaubriand, Lenau verzehrte,das Bedürfniß eines Glaubens beim höchstenSkepticismus; zu den erhabensten Tugenden,aber auch zu den größten Verirrungen fähig;extrem in Allem; die Humanität liebend, dieMenschen aber verachtend, fand B. niemals dasGleichgewicht seiner Fähigkeiten und rang ohneUnterlaß mit der Verzweiflung, dem Zweifel, demHaß der Gesellschaft u. tiefem Lebensüberdruß.Nachdem er noch Kleinasien besucht u. den Helles-pont durchschwommen, kehrte er nach längeremAufenthalte in Athen im Juli 1811 in seinVaterland zurück. Im Febr. 1812 erschienen diewährend seiner Reise begonnenen und vollendetenbeiden ersten Gesänge von Olriläs Harolä's?ilArima§s und ernteten den höchsten Beifall, u.B. ward sofort den größten Dichtern seines Landeszugezählt. Während der nächsten 2 Jahre schrieber: lirs 6iaur, Mw Lriäs ok L.bz-äc>8, lLüoLorsair und Imra. Während diese glänzendenDichtungen seiner Phantasie entquollen, überließer sich allen Ausschweifungen der Metropole ander Themse. Was noch edel in dem Manne war,bäumte sich gegen ein solches Leben auf, und ineinem Versuche, demselben zu entrinnen, verhei-rathete er sich 2. Jan. 1815 mit Miß Milbanke,der Tochter des reichen Baronets Sir RalphMilbanke in der Grafschaft Durham. Diese Ehewar eine überaus unglückliche. Nur ein Jahrdauerte sie, und während dieser kurzen Periodewaren Geldverlegenheiten, gegenseitige Anklagen,kurz aller Jammer einer unpassenden Heirath,fast tägliche Vorkommnisse. Nach der Geburt ihresKindes Ada ging die Gattin B-s zu ihren Elternu. weigerte sich, zu ihm zurückzukehren. DiesesEreigniß ries infolge der Berühmtheit des einenTheils große Aufregung in der vornehmen Welthervor. B. wurde der Gegenstand aller lästerndenZungen. Er, der volksthümlichste Dichter, wor-auf eine Zeit lang der unbeliebteste Mensch. DieEhegeschichte B«s ist in neuester Zeit wieder leb-haft besprochen worden infolge der sogen. Ent-hüllungen, welche Harrtet Beecher-Stowe (vgl.deren: Mrs trus kristor^ ok Imäz? Lz-rous liks,zuerst im Bostoner Atlantic Nontlrl/ UaAamnsu. im Londoner Llaomillaus UnAamns, 1869,dann auch besonders gedruckt) angeblich aus demMunde der Lady B. darüber veröffentlicht hat;indessen hat sich Alles, was die genannte Schrift-stellerin Verdächtigendes über B. vorgebracht hat,als völlig grundlos erwiesen. B. verließ nun 28.April 1816 zum zweiten Mal England, mit derAbsicht, es nie wiederzusehen. Die Trennung