Druckschrift 
Der Tod in Venedig : Novelle
Entstehung
Seite
63
Einzelbild herunterladen
 

63 +

*

terner Leidenschaft voll, aus der Marmormasse der Sprachedie schlanke Form befreite, die er im Geiste geschaut und dieer als Standbild und Spiegel geistiger Schönheit den Menschendarstellte?

Standbild und Spiegel! Seine Augen umfaßten die edle Ge-stalt dort am Rande des Blauen, und in aufschwärmendemEntzücken glaubte er mit diesem Blick das Schöne selbst zubegreifen, die Form als Gottesgedanken, die eine und reineVollkommenheit, die im Geiste lebt und von der ein mensch-liches Abbild und Gleichnis hier leicht und hold zur Anbetungaufgerichtet war. Das war der Rausch; und unbedenklich, jagierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geistkreißte, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warfuralte, seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals voneigenem Feuer belebte Gedanken auf. Stand nicht geschrie-ben, daß die Sonne unsere Aufmerksamkeit von den intellek-tuellen auf die sinnlichen Dinge wendet? Sie betäube und be-zaubere, hieß es, Verstand und Gedächtnis dergestalt, daß dieSeele vor Vergnügen ihres eigentlichen Zustandes ganz ver-gesse und mit staunender Bewunderung an dem schönsten derbesonnten Gegenstände hangen bleibe: ja, nur mit Hilfe einesKörpers vermöge sie dann noch zu höherer Betrachtung sichzu erheben. Amor fürwahr tat es den Mathematikern gleich,die unfähigen Kindern greifbare Bilder der reinen Formenvorzeigen: So auch bediente der Gott sich, um uns das Geistigesichtbar zu machen, gern der Gestalt und Farbe menschlicherJugend, die er zum Werkzeug der Erinnerung mit allem Ab-glanz der Schönheit schmückte und bei deren Anblick wirdann wohl in Schmerz und Hoffnung entbrannten.