Druckschrift 
Der Tod in Venedig : Novelle
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

* 12 *

lieh nüchterner Gewissenhaftigkeit mit dunkleren, feurigerenImpulsen ließ einen Künstler und diesen besonderen Künstlererstehen.

Da sein ganzes Wesen auf Ruhm gestel lt war, zeigte er sich,wenn nicht eigentlich frühreif, so doch, dank der Entschieden-heit und persönlichen Prägnanz seines Tonfalls, früh für dieÖffentlichkeit reif und geschickt. Beinahe noch Gymnasiast,besaß er einen Namen. Zehn Jahre später hatte er gelernt, vonseinem Schreibtische aus zu repräsentieren, seinen Ruhm zuverwalten, in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn vieleAnsprüche dringen auf den Erfolgreichen, den Vertrauens-würdigen ein) gütig und bedeutend zu sein. Der Vierzigerhatte, ermattet von den Strapazen und Wechselfällen dereigentlichen Arbeit, alltäglich eine Post zu bewältigen, dieWertzeichen aus aller Herren Länder trug.

Ebenso weit entfernt vom Banalen wie vom Exzentri-schen, war sein Talent geschaffen, den Glauben des breitenPublikums und die bewundernde, fordernde Teilnahme derWählerischen zugleich zu gewinnen. So, schon als Jünglingvon allen Seiten auf die Leistung — und zwar die außer-ordentliche — verpflichtet, hatte er niemals den Müßiggang,niemals die sorglose Fahrlässigkeit der Jugend gekannt. Alser um sein fünfunddreißigstes Jahr inWien erkrankte, äußerteein feiner Beobachter über ihn in Gesellschaft: „Sehen Sie,Aschenbach hat von jeher nur so gelebt“ — und der Sprecherschloß dieFinger seiner Linken fest zur Faust—; „niemals so“— und er ließ die geöffnete Hand bequem von der Lehne desSessels hängen. Das traf zu; und das T apfer-Sittliche daran war,daß seine Natur von nichts weniger als robuster V erfassungund

i