74 CHEMISCHES UND ALCHEMISCHES AUS ARISTOTELES
Die Lehre des Protagoras: „Der Mensch ist das Maßaller Dinge", muß daher für einseitig gelten, und insoweit fürvöllig unrichtig, als sie besagen soll, daß das, was einem jedenscheint, sicher und fest so, und so allein, auch ist. 1 Esentspricht der Wahrheit, daß wir die Dinge nur infolge ihresWirkens auf unsere Sinne, und nur diesem Wirken gemäß,überhaupt wahrnehmen, und ihnen daraufhin ihre Eigen-schaften zuschreiben, denen deshalb, von der geringsten anbis zur Härte des Stahles, nur relativer Charakter zukommt; 2ebenso entspricht es der Wahrheit, daß jeder die Dinge nurso wahrnimmt, wie sie ihm erscheinen, daher auch selbst dasnämliche in verschiedener, von seinem körperlichen Zustandeabhängiger Weise, so daß er z. B. mit gleicher Richtigkeitdenselben Wein einmal süß nennt, ein anderes Mal jedochnicht; 3 das aber, was alle solchen Wahrnehmungen erregteund erregen konnte, ist bei diesen sämtlichen Vorgängen un-verändert geblieben, sein Sein ist nicht etwas bloß Relativesund Subjektives, wie sein Erscheinen. 4
Die Frage „was dieses Seiende nun eigentlich ist?", erweistsich als identisch mit der Frage nach der Natur der Dinge, andie ihr ganzes Wesen, und bei organischen Gebilden auch nochbesonders ihr Werden und Wachsen geknüpft ist; 5 sie läßtsich nicht weiter beantworten als dahin, daß die Natur derDinge in ihrer Wirksamkeit besteht, d. h. in ihrer Fähigkeit,Wirkungen hervorzubringen oder aufzunehmen. 6 Zunächst frei-lich erscheint jedes Ding als bestimmt durch seinen Stoff undseine Form; 7 doch zeigt sich, daß wir nicht anzugeben ver-mögen, was ein Stoff ist, sondern nur wie er wirkt, also etwavom Silber nicht was es ist, sondern nur, daß es sich ähnlichverhält wie Zinn (also wie ein Metall); 8 auch von der Formwissen wir nicht zu sagen was, sondern nur wie sie ist, und
1 Met. XI, 6. 2 M. IV, (4), 9; (8), 3; (9), 25. 3 Met. IV, 5.4 Met. IV, 6. 6 Met. VII, 10; VIII, 1; V, 4. 6 M. IV, (12), 2. 5 und 7.' Met. V, 4. 8 Met. VII, 4; VIII, 3.