CHEMISCHES UND ALCHEMISCHES AUS ARISTOTELES 73
Wesen zu erforschen, ohne weiteres nach dem bloßen Augen-schein abzuurteilen. 1
In letzterer Hinsicht ist auch zu bedenken, daß zwar dieEntwicklung der Organe und ihrer Funktionen stets gleich-zeitig erfolgt, so daß es z. B. kein Auge ohne Sehen und keinSehen ohne Auge gäbe, 2 daß aber dennoch zahlreiche Sinnes-täuschungen möglich sind. Wer z. B. das eine Auge mit demFinger aus seiner gewohnten Lage bringt, sieht alles zwiefach, 3und wer einen kleinen Gegenstand mit gekreuzten (ver-schränkten) Fingern anfaßt und bewegt, der fühlt ihn auf dasBestimmteste doppelt, offenbar weil (entgegen dem gewöhn-lichen und natürlichen Herkommen) das nämliche Objekt gleich-zeitig mit den Außenseiten zweier Finger berührt wird. DerleiTäuschungen sind durch den Gesichtssinn korrigierbar, wärenes aber nicht, falls es keinen solchen gäbe; 4 manche anderelassen sich aber überhaupt nicht beheben, so z. B. erscheintdie Sonne einen Fuß breit, auch wenn man die überzeugendeGewißheit besitzt, daß sie weit größer ist als die Erde, 5 unddas Flimmern der Sterne dauert fort, auch wenn man genauWeiß, daß diese Bewegung keine objektive ist. 6
Aber selbst mit der berichtigten Erfahrung ist noch nichtalles erschöpft, wenngleich aus ihr die ganze Wissenschafthervorgeht: sinnliche Wahrnehmungen an sich ergeben nochkeine Weisheit (Philosophie), denn sie stellen nur das Wasfest, nicht das Warum, d. h. nur die Tatsachen, nicht aberderen inneren Zusammenhang. 7 Bestünden allein die sinnlichenErscheinungen, so wäre jede Existenz aufgehoben, sobald es anbeseelten Wesen fehlte, weil doch nur diese der Sinnes-Wahr-nehmungen fähig sind, 8 ja zugleich mit ihnen fiele sogar die Mög-lichkeit der Zeit fort, 9 von der man sonst sagt, daß sie endlossei, daß sie nie stille stehe, und daß in ihr alles geschehe. 10
1 Sp. 9. 2 Z. IV, 23. 3 Met. XI, 6; P. IV, 3. 4 Pr. XXXV, 10;
P - IV, 2. 5 s _ III; 3. p_ 1V; 2. 6 Iii. II, 8. 7 Met. 1,1. 8 Met. IV, 5.
Ph. IV, 4; über das Wesen der Zeit s. ebd. 10—14. 10 M. 1, (14), 32.