CHEMISCHE KENNTNISSE VOR TAUSEND JAHREN 91
nicht in reinem Zustande) die Säure der Zitronen, der Äpfel,der unreifen Trauben, der umgeschlagenen Milch sowie dieEssigsäure und die Gerbsäure. Der Essig soll, neben einerkleinen Menge einer erhitzenden, einen weit überwiegendenAnteil einer kalten Essenz enthalten und infolgedessen sowiewegen seiner Flüchtigkeit in hohem Grade abkühlend wirken,äußerlich wie innerlich; in größeren Dosen verabreicht, erweister sich als schädlich, doch gibt es allerdings Lebewesen, die ganzan ihn gewöhnt sind und daher Essigwürmer genannt werden.
Die Gerbsäure bildet einen Bestandteil der Säfte, Rinden,und Früchte zahlreicher Pflanzen, besonders der Eichen, Tama-rinden, Zypressen, Granaten, Katechu-, Sumach- und Rumexarten,sowie der Myrobalanen. Die beste und kräftigste Sorte ist dieder Eichenrinden und der Galläpfel, einer Frucht, die die Eichenabwechselnd mit den eigentlichen Eicheln tragen sollen; vielGerbsäure enthält auch jene Art Eicheln, denen man den Namen„Kastanien" gegeben hat. 1
Die Gerbsäure ist eines der stärksten Adstringentien undverwandelt die Haut in Leder, weshalb sie in der Gerbereiausgedehnte Verwendung findet; außerdem dient sie zur Her-stellung der Tinte. Die Bereitung von Tinte aus Galläpfelsaftund in Essig gelöstem Eisen oder Eisenvitriol verstanden be-kanntlich schon die alten Ägypter, auch empfiehlt bereitsPlinius mit Gerbsäure getränktes Reagenspapier zum Nach-weise einer Verfälschung des Grünspans und Alauns mit Eisen-vitriol, so daß diese Reaktion als eine der ältesten, wenn nichtüberhaupt als die ältest-bekannte der analytischen Chemie an-gesprochen werden darf. - Im 10. Jahrhunderte kannte manauch schon die sympathetischen Tinten 2 und wußte, daß sichTintenflecken mittelst Zitronensaft entfernen lassen.
1 Kastanie kommt vom armenischen Kastana = Nuß; Xenophon,den sein berühmter Rückzug durch Armenien führte, gibt wohl die ersteNachricht von dieser, den Griechen damals noch unbekannten Frucht.
2 S. weiter unten in „Naturgeschichtliches aus Albiruni".