Druckschrift 
1 (1838) A - K
Entstehung
Seite
890
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

890

IDIOSYNKRASIE

man einen solchen Menschen jetzt ergriffen sieht, mit seinem Alter und sei-nen Lebensverhältnissen und mit der danach zu erwartenden Umwandlungseines Seelenleidens überall nicht in Übereinstimmung stellen , da ist eindringender Verdacht des Betrugs vorhanden, der immer zu einer sorgfälti-gen rechtlichen Untersuchung die Veranlassung geben muss. Da es möglichist, dass in solchen Fällen ein überall nicht an einer Seelenkrankheit lei-dender Mensch für blöd- oder wahnsinnig ausgegeben wird, oder ein viel-leicht blos Einfältiger für einen Blödsinnigen u. s. w., so muss sich, wiees sich nach dem Vorhergehenden wol schon von selbst versteht, die ärzt-liche Untersuchung stets auch auf die Ausmittelung des Daseins nicht bloseiner Seelenkrankheit überhaupt, sondern auch auf das der wirklich vor-handenen, bestimmten und deutlich bezeichneten erstrecken. Über einenLeichnam entsteht ebenfalls nicht selten ein Zweifel, ob er der eines be-stimmten Verstorbenen ist oder nicht. Oer gerichtliche Arzt kann sich hiernur nach den bleibenden, auch nach dein Tode noch vorhandenen Eigen-tümlichkeiten und Merkmalen richten, von denen er weiss, dass der Ver-storbene sie an sich trug, wobei er jedoch auch auf die Kennzeichen desAlters vorzüglich Rücksicht zu nehmen hat. In Fällen, wo eine genaueSchilderung eines Leichnams zu entwerfen ist, um danach auch an entfern-ten Orten den Verstorbenen erkennen zu können, von dem er herstammt,muss der Arzt alle die Punkte, die oben zur genauem Bezeichnung ange-geben wurden, so weit sie auf das vorliegende Individuum passen, gehörigberücksichtigen,

Idiosynkrasie. Ist eine eigentümliche Mischung und eine solcheEmpfänglichkeit des Körpers und der Seele für bestimmte äussere Einflüsse,die entweder angenehm oder unangenehm afficiren; und zwar nur gewisseIndividuen, die ganz abweichend von der Regel gegen dieselben reagiren.Dabin gehört der Abscheu mancher Menschen gegen bestimmte Speisen undGetränke (auch Arzneimittel) und gegen gewisse Thiere. Manche Krankehaben Idiosynkrasie gegen Opium, Kampher, Rheum etc. — Für den prak-tischen Arzt ist die Kenntniss der Idiosynkrasie höchst wichtig, besondersbei sensibeln, reizbaren Personen, bei Hysterischen, bei Hypochondristenund bei allen Kranken mit Anomalien im Nervensysteme: bei Nachtwandlern,mit Veitstanz Behafteten, bei Visionärs, Somnambulen, sowie bei zahlrei-chen Irren. Selbst bei der Auswahl der Arzneien kommt jene Kenntnissuns sehr zu statten, die uns einen tiefern Blick in die individuelle Naturdes kranken Organismus verschafft. Die Idiosynkrasien, die wir mehr alsWirkungen des individuellen dynamischen Lebensverhältnisses, weniger alsFolge der eigenthümlichen Mischung der Säfte betrachten, sind entwederangeboren ( Idiosyncrasia natira) oder anerzogen ( Idiosyjicrasia ac-ijuisila ), oder sie sind Symptome veränderter oder anomaler Lebenszu-stände: der Schwangerschaft, einer Krankheit (vergl. Gelüsteund Graviditas). Derjenige Arzt, der sie für Launen und Grillen einesKranken hält, weil er den Massstab seines eignen Reactionsvermögens undseiner eignen Sensibilität irrigerweise zur Beurtheilung jener Zustände beiseinen Patienten gebraucht, ist kein wahrer Arzt; ihm fehlt der tiefereBlick ins individuelle Leben, das sich ja gerade durch solche und andereEigentümlichkeiten als individuelles Leben darstellt und dadurch geradevon dem Leben anderer Individuen unterscheidet, was aus der Vergleichungund ZusammenstimmuDg der eigenthümlichen Constitution und der Tempera-mentsbeschaffenheit, also aus der mit der Idiosynkrasie nicht zu verwech-selnden Idiosynkrisie, d. i. eigenthümliche Verbindung und Zusammen-stimmung verschiedener Theile des Organismus und die daraus hervorge-hende eigenthümliche Constitution und Temperamentsbescbaffenheit, näher her-vorgeht. Fine Sammlung höchst merkwürdiger Fälle von Idiosynkrasien findetman im Diction. des sciences mödical. T. XXIII. unter diesem Artikel. — Inmed icinisch-f o ren s isc her Hinsicht ist die Thatsache, basirt auf zahl-reiche Erfahrungen, zu berücksichtigen, dass Hypochondristen und llyste-