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Der Wiederaufbau und die deutsche Wissenschaft : Festrede, geh. bei der Feier der Hamburgischen Universität zur Erinnerung an die Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1923
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gelesen oder deren Inhalt totgeschwiegen wird, so werden im feindlichenAusland und den zum Teil von dessen Presse abhängigen neutralen Ländernauch naturgemäß die deutschen Apparate, Maschinen, Chemikalien, Bücherusw. weniger Absatz finden als sonst.

Andererseits wäre es freilich allzu optimistisch, zu glauben, daßdie Ententepolitik sich auch nur im geringsten durch eine größereoder geringere Hochachtung vor unserer Wissenschaft und Kulturhöhebeeinflussen ließe: Da sind ganz andere Gesichtspunkte maßgebend, undwenn dort von Kultur, Humanität u. dgl. schönen Dingen gesprochenwurde, waren es allzuoft nur leere, tendenziöse Phrasen, wie z. B. beimRaube unserer Kolonien, die man uns bekanntlich nur ausHumanität"nahm, um die armen Schwarzen vor uns Barbaren zu retten! Das war unanständig!

Anders aber als in den Ententeländern Europas liegen die Verhält-nisse in den außereuropäischen Kulturgebieten, z. B. in Zentral- undSüdamerika und wohl auch in Ostasien, wennschon ich letzteres aus derNachkriegszeit nicht persönlich kenne. In Lateinamerika ist es aberauch im Hinblick auf Wirtschaftsleben und Politik nach demUrteil aller Kenner tatsächlich von erheblicher Bedeutung füruns, ob man die deutsche Kultur und deren Träger schätzt, oderob das nicht der Fall ist. Diese Länder, die noch nicht fest auf einebestimmte Richtung der europäischen Politik eingeschworen sind, sindstarke Verbraucher europäischer Waren und können diese bei dem großenAngebot schließlich beziehen, bei wem sie wollen; sie werden aber untersonst gleichen Bedingungen naturgemäß den Kaufmann einer Nationbevorzugen, die ihnen an sich sympathisch ist, und die Handelsbeziehungenbleiben dann selbstverständlich auch nicht ohne Einfluß auf die Politik.

Ich hatte, wie bereits angedeutet, jüngst Gelegenheit, die Verhältnissein einigen Staaten Zentral- und Südamerikas, d. h. in Guatemala,El Salvador, Panama, Columbien und Venezuela kennenzulernen,so daß ich darüber (soweit es nach kurzem Aufenthalt möglich ist) auseigener Erfahrung sprechen kann.

Die französische Kultur spielt in jenen Ländern auch jetzt nocheine ähnliche Rolle wie bei uns in Europa bis vor etwa 70 Jahren, d.h.,man empfindet Frankreich nicht nur als die Verkörperung des republi-kanischen Freiheitsideals, sondern als das eigentliche Kulturzentrumder Welt: Das blendende Paris ist die Sehnsucht des jungen Latino-Amerikaners; Pariser Moden und alles, was damit zusammenhängt, sindfür seine Damenwelt selbstverständlich maßgebend; die französische Spracheist nach der spanischen in Belletristik, Kunst und Wissenschaft vor-herrschend, und alle Gebildeten verstehen Französisch, dessen Erlernungja dem Romanen so leicht fällt.

Im Wirtschaftsleben dagegen spielt Frankreich meist eine unbedeutendeRolle jedenfalls ist sein Handel viel geringer als der recht bedeutendeenglische, während die geographisch begünstigten Nordamerikanerdurch die ganze politische Lage und auch durch ihre großen, dort arbeitendenErwerbsgesellschaften (z. B. die United Fruit Company, die Petroleum- undMinenkonzessionen usw.) von Jahr zu Jahr an Einfluß gewinnen. Der