Beilage zu den Mitteilungen des Verbandes der Deutschen Hochschulen Der Wiederaufbau und die deutsche Wissenschaft Festrede, gehalten bei der Feier der Hamburgischen Universität zur Erinnerung an die Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1923 Geh. Medizinalrat Prof. Dr. F. FÜllebom I Hamburg, Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten) h % Druck von Wilhelm Knapp . Halle (Saale) . 1923 j Der Name Versailles, an den sich für uns einst so stolze Erinnerungen knüpften an jenen Tag, an dem das heiße Sehnen unserer 1 Väter und Ahnen nach einem festgefügten Deutschen Reiche endlich in Erfüllung ging, dieser Name ist jetzt für uns zum Inbegriff allen Mißgeschicks geworden. Denn der Versailler Vertrag hat uns Heer und Flotte genommen, ein großer Teil unserer Volksgenossen gehört politisch nicht mehr zu uns, unsere Kolonien sind uns schmählich geraubt, eine unbezahlbare Schuldenlast erdrosselt das Volk. Zähneknirschend müssen wir jetzt zuschauen, was eines übermütigen Feindes Willkür über uns verfügt, denn wir sind machtlos. Aber gebrochen sind wir nicht! Denn was man uns nicht nehmen konnte, ist deutscher Geist und deutsche Tüchtigkeit und das Bewußtsein, alle, mit Einschluß unserer abgetrennten deutschen Brüder, nach wie vor einem Volke anzugehören, nicht weniger als vor 52 Jahren! Auf diesen unveräußerlichen Grundlagen, dem einzigen, was dem deutschen Volke noch geblieben, gilt es jetzt, das Reich aus den Trümmern wieder aufzubauen, sonst gehen wir zugrunde. Noch Hegt ein langer und recht dornenvoller Weg vor uns, aber wir sehen doch schon, wie man sich gerade in unserem engeren Vaterlande nicht kleinmütiger Verzagheit hingibt, um tatenlos Verlorenem nachzuweinen, sondern daß sich alles unermüdlich regt, um neu zu schaffen: Der Hafen hat sich wieder gefüllt; schon durchqueren Hamburgs Handelsschiffe wieder die Ozeane; schon hat der wagemutige hanseatische Kaufmann so manchen während des Weltkrieges verlorenen Posten im fernen Tropenland zurückerobert, und ich selbst durfte mich jüngst davon überzeugen, wie angesehen er drüben wieder ist. Aber auch wir anderen alle, ein jeder in seinem Wirkungsfeld, müssen und können auch für den Wiederaufbau tätig sein, und nicht zum wenigsten sind die akademischen Kreise dazu berufen: Ja, die deutsche Wissenschaft kann nicht nur recht wesentlich zur Hebung unseres Ansehens in der Welt beitragen, sondern viele ihrer Zweige bilden auch die Grundlage für Industriegebiete, die für unser Wirtschaftsleben von größter Bedeutung sind. Prüfen wir zunächst, was die deutsche Wissenschaft zur Hebung unseres Ansehens leisten kann, und ob die Gewinnung des Auslandes für deutsche Wissenschaft und Kultur auch wirtschaftlich für unseren Wiederaufbau von Nutzen ist. Freilich, wenn die während des Krieges und gleich danach erschienenen Ergüsse der Feindbundpresse wahr wären, so würde es überhaupt keine nennenswerte deutsche Wissenschaft geben, und sehr zu Unrecht würden wir den Ehrennamen „eines Volks der Denker und Dichter" führen; denn da wird haarklein bewiesen, daß die deutsche Wissenschaft und Kunst gegenüber den glorreichen Werken der Ententevölker überhaupt nur Stümperei " ' Yhvs haftes geleistet hätte: Darum würde es auch durchaus kein Schaden für die Menschheit sein, wenn man ein so barbarisches und niedrigstehendes Volk von den internationalen wissenschaftlichen Kongressen ausschlösse und die Namen seiner Angehörigen aus den Mitgliederlisten der dortigen gelehrten Gesellschaften lösche. Meine Herren! Wennschon sich unter denen, die jene von blindem Haß in einer Art von „Kriegspsychose" eingegebenen Beschlüsse durchgesetzt haben, auch leider namhafte Forscher befinden, so wissen wir doch heute schon, daß keineswegs alle Gelehrten jener Länder so gedacht haben, und daß man sich dieser Beschlüsse jetzt offenbar vielfach schämt. Denn wer kann es sich verhehlen, daß die Wissenschaft als Gemeingut der ganzen Menschheit über aller Politik stehen muß, und daß sie ohne gegenseitigen Ideenaustausch zwischen allen Kulturvölkern nicht gedeihen kann? Man kann die Mitarbeit der deutschen Wissenschaft nicht entbehren, ebenso wie wir unsererseits die der anderen Völker brauchen! Auch fühlt man, daß wir, die so schwer Gekränkten, die zerrissenen Fäden nicht von uns aus wieder anknüpfen können; aber in zahlreichen Fällen kommt man uns jetzt in durchaus korrekter Weise entgegen, und schmollend die gebotene Hand zurückstoßen, hieße sich unsererseits des Vorwurfs schuldig machen, Chauvinismus in die Wissenschaft zu mengen! Freilich wäre es andererseits ebenso unangebracht, die gereichte Hand nun mit allzu überschwänglicher Herzlichkeit zu drücken, und der selbst so nationalstolze Engländer und Nordamerikaner z. B wird unseren Standpunkt auch durchaus verstehen! Tatsache ist, daß man beginnt, uns wie früher zur Teilnahme an internationalen Kongressen aufzufordern, daß auswärtige Gelehrte — sogar Franzosen sind darunter — anfangen, uns in alter Weise ihre Veröffentlichungen zu senden, daß von japanischer Seite Sympathiekundgebungen für die deutsche Wissenschaft (der allerdings ja gerade Japan soviel verdankt!) stattfinden und deutsche Forschungsinstitute mit namhaften Summen von dort aus bedacht werden. Vor allem aber sind von Nordamerika unter Betonung des internationalen Charakters der Wissenschaft Hilfsaktionen für die infolge unserer wirtschaftlichen Lage so schwer bedrohten deutschen und österreichischen wissenschaftlichen Anstalten im Gange. Erwähnt sei nur, daß die medizinischen Fakultäten von Wien, Innsbruck und Graz durch die großen Spenden (60000 I) der „Rockefeller Foundation" in den Stand gesetzt sind, ihre Betriebe aufrechtzuerhalten. Daß auch das neutrale Ausland der deutschen Wissenschaft und der deutschen Studierenden hilfreich gedenkt, wissen wir ja alle. Wir werden ihnen diese Hilfe in der Not nicht vergessen! Der deutschen Wissenschaft wird also auch von Seiten der Feindbundländer wieder mehr und mehr der Rang eingeräumt, der ihr von Rechts wegen gebührt. Und wenn auch das Versagen dieser Anerkennung sie in ihrem Werte nicht schmälern könnte, so ist diese Anerkennung doch — auch abgesehen von dem oben Mitgeteilten — immerhin schon aus handelspolitischen Gründen erfreulich. Denn wenn die deutsche Wissenschaft in Verruf getan wird, die deutschen Bücher und Zeitschriften nicht gelesen oder deren Inhalt totgeschwiegen wird, so werden im feindlichen Ausland und den zum Teil von dessen Presse abhängigen neutralen Ländern auch naturgemäß die deutschen Apparate, Maschinen, Chemikalien, Bücher usw. weniger Absatz finden als sonst. Andererseits wäre es freilich allzu optimistisch, zu glauben, daß die Ententepolitik sich auch nur im geringsten durch eine größere oder geringere Hochachtung vor unserer Wissenschaft und Kulturhöhe beeinflussen ließe: Da sind ganz andere Gesichtspunkte maßgebend, und wenn dort von Kultur, Humanität u. dgl. schönen Dingen gesprochen wurde, waren es allzuoft nur leere, tendenziöse Phrasen, wie z. B. beim Raube unserer Kolonien, die man uns bekanntlich nur aus „Humanität" nahm, um die armen Schwarzen vor uns Barbaren zu retten! Das war — unanständig! Anders aber als in den Ententeländern Europas liegen die Verhältnisse in den außereuropäischen Kulturgebieten, z. B. in Zentral- und Südamerika und wohl auch in Ostasien, wennschon ich letzteres aus der Nachkriegszeit nicht persönlich kenne. In Lateinamerika ist es aber auch im Hinblick auf Wirtschaftsleben und Politik nach dem Urteil aller Kenner tatsächlich von erheblicher Bedeutung für uns, ob man die deutsche Kultur und deren Träger schätzt, oder ob das nicht der Fall ist. Diese Länder, die noch nicht fest auf eine bestimmte Richtung der europäischen Politik eingeschworen sind, sind starke Verbraucher europäischer Waren und können diese bei dem großen Angebot schließlich beziehen, bei wem sie wollen; sie werden aber unter sonst gleichen Bedingungen naturgemäß den Kaufmann einer Nation bevorzugen, die ihnen an sich sympathisch ist, und die Handelsbeziehungen bleiben dann selbstverständlich auch nicht ohne Einfluß auf die Politik. Ich hatte, wie bereits angedeutet, jüngst Gelegenheit, die Verhältnisse in einigen Staaten Zentral- und Südamerikas, d. h. in Guatemala, El Salvador, Panama, Columbien und Venezuela kennenzulernen, so daß ich darüber (soweit es nach kurzem Aufenthalt möglich ist) aus eigener Erfahrung sprechen kann. Die französische Kultur spielt in jenen Ländern auch jetzt noch eine ähnliche Rolle wie bei uns in Europa bis vor etwa 70 Jahren, d.h., man empfindet Frankreich nicht nur als die Verkörperung des republikanischen Freiheitsideals, sondern als das eigentliche Kulturzentrum der Welt: Das blendende Paris ist die Sehnsucht des jungen Latino- Amerikaners; Pariser Moden und alles, was damit zusammenhängt, sind für seine Damenwelt selbstverständlich maßgebend; die französische Sprache ist nach der spanischen in Belletristik, Kunst und Wissenschaft vorherrschend, und alle Gebildeten verstehen Französisch, dessen Erlernung ja dem Romanen so leicht fällt. Im Wirtschaftsleben dagegen spielt Frankreich meist eine unbedeutende Rolle — jedenfalls ist sein Handel viel geringer als der recht bedeutende englische —, während die geographisch begünstigten Nordamerikaner durch die ganze politische Lage und auch durch ihre großen, dort arbeitenden Erwerbsgesellschaften (z. B. die United Fruit Company, die Petroleum- und Minenkonzessionen usw.) von Jahr zu Jahr an Einfluß gewinnen. Der — 6 Dollar ist dort — ebenso wie übrigens auch schon seit langem in West- indien und jetzt ja auch leider bei uns! — in Wahrheit der Wertmesser für alle Waren. Aber die unaufhaltbare Expansionspolitik der Vereinigten Staaten, die schon um des Panamakanals willen das Caribische Meer zu einem nordamerikanischen „Mare clausuni" zu machen bestrebt ist, und die den kleinen zentralamerikanischen Staaten auch noch den letzten Rest ihrer politischen Unabhängigkeit zu rauben droht 1 ), diese Politik der Vereinigten Staaten wird ihren latino - amerikanischen Nachbarn nachgerade recht unheimlich. Jedenfalls ist der Nordamerikaner dort zwar recht angesehen und vor allem sehr gefürchtet, aber beliebt kann er unter diesen Umständen naturgemäß nicht sein, wozu auch beitragen mag, daß sein kurz angebundener Verkehrston dem verbindliche Umgangsformen sehr schätzenden Latino-Amerikaner nicht liegt. Durch die „Panamerican Union" wird aber eine geschickte und auch erfolgreiche Kulturpropaganda von Washington aus betrieben, und Englisch bürgert sich schon als Geschäftssprache immer mehr ein. Die Deutschen, darunter viele Hanseaten, sind seit langer Zeit in diesen Ländern tätig, und der deutsche Kaufmann, Pflanzer, Ingenieur, Handwerker, Pädagoge und Arzt haben sich durch Zuverlässigkeit, Gründlichkeit und Tüchtigkeit das Vertrauen und die Sympathie der Bevölkerung erworben, zumal sie es verstehen, sich in die Landessitten einzufügen; in mehreren Staaten sind die führenden Handelshäuser in deutschen Händen. Die mannigfachen freundschaftlichen und auch verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den eingesessenen Deutschen und den Einheimischen haben es dann ihrerseits zuwege gebracht, daß man in diesen Ländern auch mehr und mehr Interesse für Deutschland, seine Kultur und seine Wissenschaft gewonnen hat. Viele Latino-Amerikaner schicken jedenfalls nicht nur ihre Kinder auf die sich trefflichen Rufes erfreuenden deutschen Schulen der dortigen Hauptstädte, sondern lassen auch ihre Söhne in Deutschland studieren. Während also Frankreich seinen kulturellen Einfluß auf diese Länder in erster Linie alter geschichtlicher Ueberlieferung verdankt, haben sich unsere Auslandsdeutschen die Anerkennung der deutschen Kultur dort selbst erkämpft: Denn das offizielle Deutschland hat ja vor dem Kriege — wo das noch so leicht gewesen wäre! — im Gegensatz zu anderen Staaten für seine dortigen Interessen herzlich wenig getan! Auch haben die Sympathien für Deutschland in diesen Ländern trotz der unerhörten Hetzpropaganda der Feindbundpresse, trotz aller Hetzfilme usw. wohl eher zu- als abgenommen. Vorgänge, wie die Drohung der Vereinigten Staaten, El Salvador die Lebensmittelzufuhr abzuschneiden, um es dadurch in die Reihe unserer Gegner zu zwingen, ferner der starke, auf Venezuela ausgeübte Druck, uns seine alte Freundschaft zu kündigen, eine solche Politik wird zum mindesten bei diesen trotzdem neutral gebliebenen Staaten die Stimmung für Deutschland eher gefördert als geschädigt haben. Und dann steckt in dem Latino-Amerikaner das altspanische Hidalgoblut, so daß er einem ritterlichen Volke, das i) Nur Mexiko kann sich von den zentralamerikanischen Ländern mehr als einen „rein platonischen" Widerstand leisten. — 7 sich fast bis zum letzten Mann gegen eine ungeheure Uebermacht tapfer gewehrt hat, seine Hochachtung unmöglich versagen kann! Man hat auch volles Verständnis für unsere jetzige so traurige Lage, zweifelt aber andererseits nicht daran, daß wir uns recht bald wieder erholen werden. (Dasselbe feste Zutrauen in Deutschlands Zukunft, gepaart mit einer herzerfrischenden, innigen Vaterlandsliebe, herrscht aber drüben auch bei unseren deutschen Landsleuten.) Jedenfalls war meine Aufnahme in den besuchten Ländern bei den Behörden, Fachkollegen und vor allem auch bei den Studierenden eine recht herzliche, und zumal in Venezuela wurde ich mit Ehrungen geradezu fiberhäuft, die sicherlich weniger meiner Person als dem Deutschtum als solchem galten. Ich betonte schon, daß die kulturellen Beziehungen zwischen uns und diesen Ländern nicht nur von ideeller, sondern auch von recht erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung sind. Denn wennschon ich selbst in handelspolitischen Dingen zu wenig erfahren bin, um das beurteilen zu können, so waren doch alle sachverständigen Landeskenner in diesem Punkte sich durchaus einig. Aber eins ist ohne weiteres klar, und jeder, der im Auslande, sei es wo es sei, geweilt hat, wird es bestätigen können: Wer von Ausländern in Frankreich erzogen ist oder dort studiert hat, bewahrt sein Leben lang französische Sympathien, wer sich in Deutschland herangebildet und dessen Gastfreundschaft genossen hat, bleibt ein Freund Deutschlands! Er liest die Bücher und Zeitschriften des Landes, dessen Sprache und Arbeitsmethoden ihm vertraut geworden sind, und bevorzugt infolgedessen die von seiner Industrie gelieferten Hilfsmittel; aber auch sonst wirkt er in j e d er Hinsicht für jenes Land. Da es sich gerade um die Gebildeten, die führenden Schichten der Bevölkerung, handelt, ist auch ihr Einfluß auf die Politik von nicht unerheblicher Bedeutung; die Aerzte z. B. spielen im politischen Leben Latein-Amerikas eine weit größere Rolle als bei uns, und zahlreiche Minister und Staatssekretäre gehen gerade aus dem Aerztestande hervor. Wir haben also Grund genug, alle Bestrebungen, welche geeignet sind, das Ansehen der deutschen Kultur drüben zu stärken, auch von Deutschland aus nach Kräften zu fördern. Die Mittel, wie dies geschehen kann, wären etwa folgende: Die deutschen Schulen im Auslande sind nach Möglichkeit zu unterstützen. Im Vergleich zu der systematischen Schulpropaganda, welche die Franzosen- von jeher in ihren Interessengebieten getrieben haben, ist in dieser Hinsicht von Deutschland bisher recht wenig geschehen. Freilich werden vom Reiche aus auch deutsche Auslandsschulen mit Zuschüssen bedacht. Aber durch die Markentwertung ist deren Kaufkraft verschwindend gering geworden, so daß die Auslandsschulen jetzt ganz und gar auf die opferwillige Unterstützung der landesansässigen Deutschen angewiesen sind. Sie befinden sich daher zum Teil in arger Geldverlegenheit, und die wenigen Lehrer und Lehrerinnen, die man sich leisten kann, sind so stark überlastet, daß sie den Schülern nicht das geben können, was sie möchten. Gehen die deutschen Schulen aber ein, so verlieren die heranwachsenden Kinder deutscher Eltern jeglichen Zusammenhang mit der Kultur des Mutterlandes: denn wenn sie zur Schule kommen, sprechen sie zum größten Teil nur spanisch und lernen deutsch erst in der Schule von ihren Lehrern! Daß auch Kinder einheimischer Eltern die deutschen Schulen besuchen und dadurch unsere Kultur schätzen lernen, wurde bereits bemerkt. Sehr wünschenswert wäre es, daß auch für erwachsene Einheimische deutsche Sprachkurse abgehalten würden — wie entsprechendes während meines Aufenthaltes in Guatemala von Seiten der Franzosen geschah —, wozu freilich Vorbedingung ist, daß die Lehrkräfte nicht anderweitig zu stark überlastet sind. Auch solche Privatschulen Deutschlands, in welche die Eltern von Uebersee ihre Kinder nach alter Tradition zu senden pflegen, dürfen — zum Teil ist es leider bereits geschehen! — unserer allgemeinen Notlage nicht zum Opfer fallen. Je eingehender an solchen Schulen die spanische Sprache und Literatur berücksichtigt und auch Gelegenheit geboten wird, spanische und latino-amerikanische Welt- und Kulturgeschichte zu erlernen, desto mehr Anziehungskraft werden sie auf den „Ueberseer" ausüben. Sehr zu begrüßen ist es, daß dem Spanischen jetzt auch in unseren staatlichen Schulen allmählich der Platz eingeräumt wird, der ihm als für uns so wichtige Handelssprache zukommt. Ferner ist Verbreitung deutscher Literatur in den latino- amerikanischen Ländern sehr wünschenswert. Den Franzosen gegenüber sind wir allerdings schon dadurch im Nachteil, daß die deutschen Bücher erst ins Spanische übersetzt werden müssen, während die gebildeten Kreise Latein-Amerikas ja französisch verstehen. Zudem sind die Franzosen darauf bedacht, ihre Bücher möglichst billig zu verkaufen; sie haben z. B. vor einiger Zeit in Santiago eine französische Buchhandlung gegründet, die ihre Bücher zum Gestehungspreise abgibt, mit dem Erfolg, daß am ersten Tage über 2000 Bücher verkauft wurden. Andererseits werden die deutschen Bücher durch unsere Exportbedingungen drüben so wesentlich verteuert, daß ihr Absatz recht schwer wird. Bei der Auswahl der Bücher kämen vor allem wohl fachwissenschaftliche Werke der Technik, Chemie, Medizin, Pädagogik usw. in Betracht. Die Franzosen verstehen es offenbar auch recht gut, ihrer wissenschaftlichen Bücher drüben bekanntzumachen, indem sie Freiexemplare davon an die geeigneten Stellen bringen: So fand ich in der recht guten Studentenbibliothek von Guatemala zwar kein einziges deutsches Buch, wohl aber eine Auslese der besten und neuesten französischen medizinischen Werke, welche die Verleger dorthin gestiftet hatten. Freilich gibt es auch schon eine recht erhebliche Anzahl spanischer Ueber- setzungen guter deutscher medizinischer Werke, aber infolge fehlender Propaganda weiß kein Mensch etwas davon, jedenfalls nicht die Mediziner der latino-amerikanischen Länder, die mir gegenüber wiederholt den Mangel solcher Bücher bedauerten. Um die Einführung speziell für Zentral- und Südamerika in gemeinsamer Arbeit von deutschen und einheimischen Landeskennern in spanischer Sprache verfaßter naturwissenschaftlicher und geographischer — 9 Schulbücher bemüht sich übrigens gegenwärtig erfolgreich der bekannte Leipziger Verlag von Koehler & Volckmar. Um Lateinamerika mit deutschem Denken und Fühlen be- kanntzumachen, wären auch Uebersetzungen kleiner Erzählungen guter deutscher Schriftsteller, wie Gottfried Keller, Fontane, Liliencron, Raabe usw. recht empfehlenswert; auch Bücher über die Heldentaten eines von Mücke, Lettow-Vorbeck, Weddigen, Graf von Luckner usw. würden eine spannende, gern gelesene Jugendlektüre liefern und geeignet sein, das heranwachsende Geschlecht mit Achtung vor dem deutschen Namen zu erfüllen. Dagegen glaube ich, daß Uebersetzungen größerer Werke von ausgesprochen polemisch-politischer Tendenz, wie solche über die „Schuldfrage" u. dgl., drüben herzlich wenig Leser finden würden; überhaupt dürfte in politischen Tagesfragen eine geschickte Heranziehung der lokalen Presse das für unsere Bestrebungen wirksamere Mittel sein. Was durch eine gut organisierte Einwirkung auf die Auslandspresse erreicht werden kann, haben wir zu unserem großen Schaden ja während des Weltkrieges gerade genugsam erfahren müssen, und hoffentlich werden wir davon lernen! Unsere eigene Presse sollte andererseits nie vergessen, daß zwar patriotisch gemeinte, aber über jedes vernünftige Maß und Ziel weit hinausschießende Pläne unerfahrener Heißsporne, wenn sie in unseren Zeitungen überhaupt erwähnt werden, sofort von der gegnerischen Pressepropaganda aufgegriffen und in den beteiligten Ländern dann als Meinung des ganzen deutschen Volkes zur Hetze gegen uns ausgeschlachtet werden, während man die Meinung unserer verständigen Mehrheit natürlich geflissentlich verschweigt. Man muß an richtiger Stelle auch schweigen können! Je mehr wir statt durch schöne Worte durch das Gewicht nackter Tatsachen zu wirken suchen und je weniger aufdringlich wir arbeiten, um so besser: Phrasen, wie das Ausposaunen des an sich ja vielleicht recht schönen Wortes, daß die anderen Völker „am deutschen Wesen genesen" sollten, beleidigen das fremde Nationalgefühl und machen uns nur lächerlich! Zu Vortragsreisen nach drüben gesandte deutsche Gelehrte können jedenfalls auch dann dem Deutschtum recht viel nützen, wenn sie einzig und allein ihre Wissenschaft den Fachleuten darbieten; sie werden nicht nur auf verständnisvolle, sondern auch dankbare Hörer rechnen können, wenn sie sich durch ihnen in diesen so gastlichen Ländern dargebrachte Huldigungen nicht dazu verleiten lassen, zu vergessen, daß sie vor wissenschaftlich durchaus gleichberechtigten Kollegen sprechen, von denen sie auch ihrerseits recht viel lernen können: Denn es gibt auch dort recht tüchtige Gelehrte! Ueberhaupt hat dem Deutschen im Verkehr mit Ausländern wohl nichts so sehr geschadet, als ein gar nicht bös gemeinter, aber anmaßend und verletzend klingender „schulmeisterischer" Ton, in den wir so leicht verfallen, und durch den der gute Eindruck, den die Deutschen aller Kreise durch ihr Wissen zu machen pflegen, nur zu oft ins Gegenteil verkehrt wird. Andererseits wird aber noch heute, mehr als ioo Jahre nach seiner dortigen, auf naturwissenschaft- IO lichem Gebiete so bahnbrechenden Forschertätigkeit der Name eines Alexander von Humboldt in diesen Ländern mit Ehrfurcht genannt, und ist in weitesten Kreisen der Bevölkerung bekannt. Sehr wesentlich ist es nach dem oben Ausgeführten endlich für uns, dahin zu wirken, daß Studierende aus Latein- Amerika, die sonst nach Paris gegangen wären, den Aufenthalt an deutschen Universitäten vorziehen, und gerade jetzt kommt solchen Bestrebungen der leider so elende Stand unserer deutschen Valuta sehr zu Hilfe. Hamburg, in dem viele dieser Herren infolge der alten Handelsbeziehungen zu Latein-Amerika Freunde und Verwandte finden und an dessen Universität die Auslandsstudien ja so eifrig gepflegt werden, dürfte von den deutschen Hochschulen besondere Anziehungskraft auf sie ausüben: Zumal wenn durch Vorlesungen in spanischer Sprache Gelegenheit geboten wird, daß die Studenten (auch bevor sie noch genügend deutsch gelernt haben, um den anderen Kollegs zu folgen) vom ersten Semester an ihre Fachstudien treiben können. Sie, meine Herren Studierenden, bitte ich, den Komilitonen aus Latein-Amerika durch freundliches Entgegenkommen den Aufenthalt im fremden Lande zu erleichtern: Sie können versichert sein, daß es solche sind, die Deutschland und seine Wissenschaft hochschätzen — sonst wären sie ja nicht gekommen —, und entsprechendes gilt sicher auch für die überwiegende Mehrzahl der übrigen bei uns studierenden Ausländer. Von Hamburg aus sind ja Bestrebungen, mit der Geisteswelt von Latein-Amerika in regere "Wechselbeziehungen zu treten, schon seit langem im Gange; ihr Mittelpunkt ist unser Ibero-Amerikanisches Institut und das im Jahre 1922 neu entstandene internationale „Centro- Ibero-Americano de Hamburgo". Um Beziehungen der deutschen Medizin zu den Aerzten spanischer Muttersprache herzustellen, erscheint schon seit dem Jahre 1919 in spanischer Sprache die „Revista medica de Hamburgo", deren Herausgeber und Schriftleiter dem Eppendorfer Krankenhaus und dem Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten angehören. Ein Glied in der Kette dieser Bestrebungen war auch die auf Einladungen von dort erfolgte, so ungemein erfolgreiche Vortragsreise eines unserer bedeutendsten Hochschullehrer, Prof. Dr. Nonne, nach Brasilien, Argentinien, Uruguay und Chile; ebenso wird Prof. Dr.Mühlens vom Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten demnächst einer von Spanien aus ergangenen Aufforderung zu Vorträgen entsprechen. Auch meine jüngst vollendete Vortragsreise nach Zentral- und Südamerika fügte sich in diesen Rahmen; als Beauftragter unserer medizinischen Fakultät sollte ich auch Beziehungen mit den dortigen medizinischen Fakultäten anknüpfen, ein Anerbieten, das drüben eine sehr günstige Aufnahme gefunden hat. Bezeichnend dafür, daß die Hamburger Kaufmannschaft den Wert solcher Werbetätigkeit zu schätzen weiß, ist der Umstand, daß einer der Chefs eines unserer führenden Hamburger Welthäuser 1 ) meine Reise angeregt hat, und daß sie von diesem Hause auch in großzügiger Weise organisiert und finanziert wurde. Wir können also darauf hoffen, daß unser Wirken für deutsche Kultur im 1) Das Haus Schlubach, Thiemer & Co. II — Ausland sich auch in Zukunft der heute so unentbehrlichen Unterstützung durch die Kaufmannschaft bezw. die Industrie zu erfreuen haben wird! Es sei gestattet, das vorhin in großen Zügen Gesagte durch einige Einzelheiten meiner Reiseeindrücke zu ergänzen: In Columbien und Venezuela, Staaten, denen es gelang, während des Weltkrieges ihre Neutralität zu wahren, konnten die deutschen Handelshäuser ihre vorherrschende Stellung weiter behaupten. Aber auch in Guatemala, das durch den übermächtigen Einfluß der Vereinigten Staaten zur Kriegserklärung gegen uns gedrängt wurde, und wo infolgedessen das sehr erhebliche deutsche Besitztum beschlagnahmt worden war, ist es doch bald nach dem Kriege gelungen, dessen Freigabe zu erwirken, und die Deutschen verfügen wieder über ihre sehr bedeutenden dortigen Kaffeepflanzungen. In diesen Ländern sind auch zahlreiche technische Anlagen durch deutsche Ingenieure geschaffen. So gibt es in Venezuela eine unter Ueberwindung großer Geländeschwierigkeiten durch Deutsche erbaute und auch einer deutschen Gesellschaft gehörende Gebirgsbahn, die von Caracas nach Valencia führt, und deren schmucke Bahnhofsanlagen und saubere Wärterhäuschen schon äußerlich die Sorgfalt der Betriebsleitung bekunden. Die kahlen Berghalden dieser Bergstrecke werden — was in diesen Staaten sonst nicht zu geschehen pflegt — mit wertvollen Nutzhölzern aufgeforstet; mitten im Gebirge, an einem durch sein angenehmes Klima zur „Sommerfrische" einladenden Orte, aber auf unfruchtbarem steinigen Boden, hat der unternehmende, langjährige Leiter dieser Bahn ferner einen großen, prächtigen Park entstehen lassen, der seltene Pflanzen der ganzen Tropenwelt vereinigt, der Tennisplätze, ein Schwimmbassin u. dgl. enthält, und so durch seine Anziehungskraft auf die Bewohner der Hauptstadt die Erträge der Bahn steigert. Mit nicht mißzuverstehender Ironie hat der Schöpfer dieser Anlage sein Werk, das zeigt, was Fleiß und Ausdauer auch karger Natur abringen kann, „Parque de los bärbaros", d. h. „den Park der Barbaren" getauft. Freilich, gerade in Venezuela hat uns nie jemand dafür gehalten! In Columbien sind es nicht in letzter Linie deutsche Flieger, die durch ihre Leistungen jetzt dem deutschen Namen Ehre machen. Trotzdem eine französische und eine nordamerikanische Fluggesellschaft sich nicht hatte halten können, gelang es der deutschen „Sociedad colombo-alemän de transportes aereos", in Columbien festen Fuß zu fassen. Nachdem ihre Ingenieure auf Grund eingehender Vorversuche ihre Wasserflugzeuge (die besten und modernsten, ganz aus Aluminium, nach dem Prinzip der „Tropfenform" konstruierten deutschen Typen) den atmosphärischen Verhältnissen der Tropen entsprechend umgebaut hatten, vermitteln sie jetzt erfolgreich den Schnellverkehr zwischen der Küstenstadt Baranquilla und den übrigen Hauptplätzen des Landes. Während ich, mit Expreßflußdampfer und Eisenbahn abwechselnd, für die über 1000 km lange Strecke von Baranquilla bis zu dem am Fuße der Hochebene von Bogota gelegenen Girardot 8 Tage gebraucht hatte, legte ich die Rückreise im Flugzeuge in ebensoviel Stunden zurück! Und seit nunmehr einem Jahre, dem Zeitraum, seit dem die deutschen Piloten den Flugdienst aufgenommen haben, hat man, im Gegensatz zu dem Mißgeschick der französischen Gesellschaft, nicht nur keinen Unfall zu beklagen gehabt, sondern die Flugpost ist auch stets mit absoluter Pünktlichkeit eingetroffen! Es herrscht denn auch aufrichtige und helle Begeisterung im ganzen Lande für die ebenso unerschrockenen wie gewissenhaften und tüchtigen deutschen Flieger! Zu einem recht wirksamen Anknüpfungsmittel kann auch die ärztliche Tätigkeit werden, und der auch im Auslande wegen seiner gründlichen Ausbildung sehr geschätzte deutsche Arzt ist ja auch oft genug zum Pionier deutscher Kultur geworden. In den Ländern, die ich jetzt besucht habe, sind allerdings nur wenige deutsche Aerzte tätig, zumal die einheimischen Kollegen naturgemäß den Mitbewerb von Ausländern nicht gern sehen, besonders nicht in den ohnehin schon überreichlich mit Aerzten versorgten Großstädten, den einzigen Plätzen, wo es reichlicher zu verdienen gibt; es wird auch gefordert, daß der auswärtige Arzt das dortige Staatsexamen ablegt. Nordamerikanische Aerzte und ihre Kliniken spielen schon eine größere Rolle. Vor allem aber wird von nordamerikanischer Seite durch den in allen Erdteilen arbeitenden internationalen Gesundheitsdienst der „Rockefeiler Foundation" (die großzügigste hygienische Organisation, die je geschaffen wurde 1 )) überall in Zentralamerika und ebenso in Columbien, Ecuador, Peru, Brasilien usw. ein energischer Kampf gegen den Ankylostomum- Wurm und das Gelbfieber geführt. Die durch den im Menschendarm schmarotzenden Ankylostomum- Wurm (bzw. eine ihm verwandte Art, den Necator americanus) hervorgerufene Krankheit ist wegen ihrer ungeheuren Verbreitung für sehr viele tropische und subtropische Gegenden von mindestens nicht geringerer volkswirtschaftlicher Bedeutung als die so gefürchtete Malaria; sie verursacht hochgradige Blutarmut und als deren Folgen Energielosigkeit und Arbeitsunfähigkeit; unter ihrem verderblichen Einfluß können ganze Völker degenerieren, und die alljährlich durch sie der Weltwirtschaft entzogenen Werte beziffern sich nach vielen Millionen! Wie zahlreiche Opfer an Menschenleben das Gelbfieber früher in den befallenen Häfen und auf deren Handelsschiffen forderte, wie die „gelbe Pest" mit ihren Quarantänefolgen den Handel der Länder Zentral- und Südamerikas lahmlegte, ist ja, zumal in Hamburg, allbekannt genug; seitdem wir aber in einer bestimmten Mückenart die Ueberträger der Seuche erkannt haben, kann man durch Vernichtung dieser Mücken auch des Gelbfiebers Herr werden; letzteres für fast alle Gelbfiebergegenden tatsächlich erreicht zu haben, ist in erster Linie das Verdienst der Nordamerikaner. Auch ihr Panamakanal wäre trotz aller technischen Fortschritte wohl nie und nimmermehr zustande gekommen, wenn die Nordamerikaner i) Die Rockefeiler Foundation arbeitet mit einem großen Stabe geschulter Hygieniker und einem Kapital von über 200 Millionen $ — 1921 wandte sie über 7 Millionen $ auf — in 63 Staaten und Ländern der Erde. 13 ihre Arbeiterheere nicht durch mustergültige Bekämpfung der Gelbfiebermücken und derjenigen Mückenarten, die die Malaria übertragen, vor diesen Krankheiten geschützt hätten. Zu Tausenden und Abertausenden waren ihnen die französischen Kanalarbeiter erlegen; denn zu ihrer Zeit gab es noch keine moderne Tropenmedizin, die jetzt aus Panama Colon, den einst verrufensten Seuchennestern der Welt, durchaus gesunde Städte gemacht hat. Ja, meine Herren, Dampf und Elektrizität bringen uns die von der Natur so reichgesegneten Tropenländer zwar nahe, aber erst die Tropenmedizin und -hygiene macht sie für den weißen Mann voll nutzbar! Der Fernstehende ahnt meist nicht, welche ungeheuren Werte die junge Tropenmedizin schon geschaffen hat! Daß damit Medizin und Hygiene in überseeischen Ländern in ganz hervorragendem Maße auch als „Werbemittel" geeignet sind, bedarf wohl keiner weiteren Worte. So kann die segensreiche Tätigkeit des internationalen Gesundheitsdienstes der Rockefeller Foundation gar nicht ohne günstige Folgen für den Einfluß Nordamerikas bleiben, auch dann nicht, wenn sich diese Organisation nur von rein humanitären Gesichtspunkten leiten läßt. Heutzutage können wir an eine großzügige medizinische Mitarbeit im Auslande schon aus Geldmangel natürlich gar nicht denken und müssen uns schon auf das oben angedeutete bescheidene Programm beschränken. Früher hatte die durch ihre zahlreichen Verbindungen mit der Auslandsmedizin dazu berufenste Stelle Deutschlands, das Hamburgische Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten, aber auch jenen Weg schon erfolgreich beschritten, z. B. durch die Gründung und Uebernahme eines deutschen Gesundheitsamtes in Jerusalem. Auch sonstige, Kleinasien betreffende Bestrebungen nahmen damals festere Gestalt an, aber der unglückselige Kriegsausgang hat uns gezwungen, uns völlig auf andere Weltgegenden umzustellen und neue Beziehungen anzubahnen. Auch die auswärtigen Hilfsaktionen des DeutschenRotenKreuzes, z. B. für Rußland, und dessen Bemühungen für im Ausland befindliche deutsche Krankenhäuser, ebenso die deutschen missionsärztlichen Bestrebungen und noch manches andere wären in diesem Zusammenhange zu nennen. Bemerkt sei nur, daß eine recht wichtige deutsche Gründung, die für chinesische Studenten bestimmte Medizinschule in Shanghai, nach dem Weltkriege ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnte. Die deutsche Wissenschaft kann also in für unser Wirtschaftsleben sehr wichtigen Ueberseegebieten tatsächlich recht wesentlich zum Wiederaufbau Deutschlands beitragen. Ueber die hohe Bedeutung, die in Deutschland selbst der Wissenschaft für Landwirtschaft, Technik, Industrie und Exporthandel zukommt, brauche ich ja nicht viel Worte zu verlieren, das ist ja genügend bekannt. Ist doch gerade die breite wissenschaftliche Grundlage, auf der sie arbeiten, für zahlreiche, sehr bedeutende deutsche Industrien der Faktor, dem sie ihre Vormachtstellung auf dem Weltmarkte verdanken. Es sei nur an unsere so hoch entwickelte chemische Industrie erinnert, die vielen Tausenden von Arbeitern ihr Brot gibt und die ihrerseits wieder von den . i h, 14 Versuchslaboratorien gespeist wird, deren Chemiker ihre gediegene Durchbildung dem akademischen Unterricht der Universitätsinstitute zu dankea haben. Welche Summen hat allein die Herstellung des künstlichen Indigos Deutschland eingebracht! Von neueren Entdeckungen, deren Tragweite sich zur Zeit noch nicht übersehen läßt, ganz zu schweigen! Und was für die chemische Industrie gesagt wurde, gilt auch für so viele andere. Wirklich bahnbrechende Erfindungen werden ja heutzutage nur ganz ausnahmsweise einmal durch Zufall und bloße Routine gemacht, sie pflegen vielmehr das Ergebnis mühevoller wissenschaftlicher Forschung zu sein: Ja, oft genug bleiben dem, der von vornherein nur auf die nützliche Verwendbarkeit seiner Untersuchungen hinarbeitet, die praktischen Erfolge versagt, während sie einem anderen, rein wissenschaftlich tätigen Forscher ganz von selbst als logische Folgerungen seiner Theorien in den Schoß fallen. Freilich heimst dann oft genug nicht der geniale Entdecker, sondern ein Weltklügerer und Geschäftskundigerer die goldenen Früchte ein! Aber, meine Herren, wir dürfen es uns nicht verhehlen, daß die deutsche Wissenschaft gegenwärtig in ihren Grundfesten bedroht ist! An originellen Köpfen wird es uns in Deutschland nicht fehlen. Aber viele, durch ihre' Anlagen dazu berufene, werden nicht studieren können, sondern sich einträglicheren Berufen zuwenden müssen; so manche unserer uralten Gelehrtenfamilien wird keinen wissenschaftlichen Nachwuchs liefern können! Sie, meine Herren Studierenden, wissen es ja am besten, daß zum akademischen Studium nicht nur Begabung und wissenschaftliche Begeisterung gehören, sondern leider auch eine gespickte Brieftasche! Und nicht nur der Student ist heute bei uns in schwerster Sorge, wie er sich durchschlagen soll, sondern dasselbe gilt fast ausnahmslos für alle unsere wissenschaftlichen Staatsinstitute. Vor einiger Zeit (1920) äußerte auf einem Kongresse der angesehenste nordamerikanische Hygieniker, Professor Dr. Flexner: „Die deutsche Wissenschaft sei zwar in den letzten 50 Jahren zweifellos die führende in der Welt gewesen, das verarmte Deutschland werde aber nicht in der Lage sein, diese Vormachtstellung zu behaupten, und daher sei es jetzt an der Zeit, daß Nordamerika das Erbe anträte." Meine Herren, das ist freilich ein sehr offenes Wort und ein recht stolzes Programm. Aber angesichts der Erfolge der Nordamerikaner, wenigstens auf Flexners Spezialgebiete der Hygiene, ist es keineswegs nur eine leere Phrase oder der Ausdruck anmaßlicher Ueberhebung. Ich erinnere an die hygienischen Leistungen am Panamakanal und an die weltumfassende Organisation der Rockefeiler Foundation, die sogar von Frankreich herbeigerufen wurde, um im Vaterlande eines Pasteur die Tuberkulosebekämpfung nach amerikanischem Muster zu organisieren! Auch das medizinische Studium ist an den führenden der nordamerikanischen Universitäten dem unseren ebenbürtig geworden; die Verhältnisse liegen nicht mehr wie vor 20 und 30 Jahren, wo Scharen von nordamerikanischen Aerzten, um in ihrer Heimat als wissenschaftlich „voll" I I zu gelten, auf deutschen Hochschulen oder in Wien studierten. Die Saat, die wir ausgestreut haben, ist drüben aufgegangen! Ja, in manchen Zweigen der Naturwissenschaften, so in der angewandten Insektenkunde, haben die Nordamerikaner durch ihre nicht nur sehr reichen, sondern auch trefflich organisierten und durch einen großen Stab erstklassiger Spezialisten Hervorragendes leistenden Anstalten uns schon seit längerer Zeit überholt; und ähnliches gilt auch für andere naturwissenschaftliche Fächer, z. B. die experimentelle Biologie 1 ), während ich über die nordamerikanischen Fortschritte in den mir fernerliegenden Wissenschaften, zumal in den reinen Geisteswissenschaften, natürlich nicht urteilen kann. Es wäre „Vogel-Strauß-Politik", wenn wir vor diesen Tatsachen die Augen zudrücken wollten, um auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Und dazu die heutige verzweifelte Lage unserer deutschen Forschungsinstitute! Gewiß, wir haben noch unsere hervorragenden Gelehrten; „noch steht", um mit Strümpell zu sprechen, „nicht nur der Dollar, sondern auch die deutsche Wissenschaft hoch im Kurse". Aber wer wird es dem talentvollen, jungen deutschen Forscher verargen können, ihm, der daheim mit seiner Familie darbt, der im Laboratorium seine neuen Ideen aus Mangel an den nötigsten Instrumenten und Gebrauchsgegenständen nicht weiter verfolgen kann, wenn er lockenden Angeboten ins Ausland Folge leistet, um dort sorgenfrei seiner Wissenschaft leben zu können? Die Folgen davon können auch für unsere Industrie nicht ausbleiben. Auf Beispiele mag ich hier nicht eingehen. Der Staat ist bankerott; so lebhaft er es wünscht, er kann nicht ausreichend helfen. Ein schönes, ich glaube am Ministertische gefallenes Wort versprach zwar die „letzte Mark" der deutschen Wissenschaft. Aber die letzte Mark — wenn wir überhaupt noch eine übrig haben —, die muß jetzt ja für das hungernde Volk bleiben. Die deutsche Wissenschaft ist mithin auf die Unterstützung durch Privatmittel angewiesen, und dankbar erkennen wir es an, daß solche ihr auch vielfach — reichlich auch von Hamburgischer Seite und den Auslandsdeutschen — gespendet werden: Denn wenn Handel und Industrie die angewandten Wissenschaften nicht weitblickend schon im wohlverstandenen eigenen Interesse retten, wenn die besitzenden Klassen für die Erhaltung der reinen Geisteswissenschaften — den Stolz der deutschen Kultur — nichts übrig haben, so trocknet die deutsche Wissenschaft unfehlbar ein! Dann freilich ist sie nicht mehr in der Lage, ihre Aufgabe, am Wiederaufbau Deutschlands mitzuarbeiten, zu erfüllen! Ich hätte gewünscht, Ihnen ein weniger düsteres Bild entwerfen zu können. Aber wir leben in einer bitterbösen Zeit! Die meisten von Ihnen, liebe Kommilitonen, werden nicht an eine fröhliche, sorglose „Burschenherrlichkeit" zurückdenken können, die unser Studentenleben verschönte. Aber frischen Jugendmut und helle Begeisterung i) So schrieb schon 1905 einer unserer angesehensten Biologen (J. vom Uexküll): „Man braucht nicht Prophet zu sein, um es auszusprechen, daß die Biologie in wenigen Jahren eine amerikanische Wissenschaft sein wird." — i6 — für alles Schöne und Edle, dieses Köstlichste der Studentenzeit, können auch Sie sich bewahren. Und das gilt auch für die vielen unter Ihnen, die in den studienfreien Stunden hart ums tägliche Brot ringen müssen: Denn die das ihrem Studium zuliebe tun, das sind ja gerade echte deutsche Idealisten," bei solchen ist auch die deutsche Wissenschaft in guten Händen! Und die ernste Zeit — schwerer für Sie als im Granatenhagel verbrachte Jahre — wird auch ernstentschlossene Männer reifen lassen, wie wir sie zum Wiederaufbau unseres Reiches brauchen: Für alle Schichten der Bevölkerung, vor allem aber für die berufenen geistigen Führer der Nation! Sie, die heranwachsenden deutschen Männer, sollen ja die Saat, die wir jetzt ausstreuen, hegen, um sie einst zu ernten; Sie, die Jugend, sind die Hoffnung von uns Alten. Und wir vertrauen Ihnen; Sie werden unser und des Vaterlandes Hoffen nicht zuschanden werden lassen! Druck von Wilhelm Knapp in Halle (Saale)»