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Lehrbuch der Zoologie
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Geschichte der Descendenztheorie.

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Erasnnis Darwin (Großvater des berühmten Charles Darwin), in Deutsch-land in den Werken Goethes, Okens und der Anhänger der natur-philosophischen Schule: in Frankreich wurde die Abstammungslehre vor-nehmlich von Buffon, Geoffroy St. Hilaire und Lamarck ausgebaut.Am klarsten durchdacht wurde sie von Lamarck in seiner 1809 er-schienenenPhilosophie zoologique", an deren Ideengang wir unsdaher im folgenden auch halten wollen.

Lamarck (Jean Baptiste de Monet, Bitter von Lamarck. 1744 in Lama«*,der Picardie geboren. 1829 als Professor am Pflanzengarten gestorben)lehrte, daß auf der Erde zunächst Organismen von einfachstem Bau aufnatürlichem Wege aus unbelebten Stoffen durch Urzeugung entstandenseien. Von diesen einfachsten Lebewesen hätten sich im Laufe von un-ermeßlich großen Zeiträumen die jetzt lebenden Arten der Tiere undPflanzen durch langsame Umbildung entwickelt, ohne daß die Kontinuitätdes Lebens auf unserem Erdball jemals eine Unterbrechung erfahrenhabe; Endpunkt dieser Reihe sei der Mensch; die übrigen Tiere seiendie Descendenten der Formen, aus denen der Mensch sich entwickelthabe. Lamarck faßte entsprechend den damals herrschenden Anschau-ungen das Tierreich als eine einzige vom niedersten Urtier bis zumMenschen aufsteigende Reihe auf. Unter den Ursachen, welche die Ver-änderung und Vervollkommnung der Organismen bewirken sollten, betonteLamarck am meisten die Übung und die NichtÜbung. Die Giraffensollen lange Hälse bekommen haben, weil sie durch besondere Lebens-bedingungen gezwungen waren, sich zu strecken, um hochbelaubte Bäumeabzuweiden; umgekehrt hätten sich die Augen der im Dunkeln wohnen-den Tiere aus mangelndem Gebrauch zu functionslosen kleinen Körper-chen rückgebildet. Unwichtiger sollen die direkten Einwirkungen derAußenwelt sein; die Veränderungen der Umgebung (le monde ambiant"Geoffroy St. Hilaires) sollen auf Tiere zumeist indirekt wirken, indemsie die Bedingungen für die Übung der Organe verändern.

Lamarcks geistvolle Schrift blieb bei seinen Zeitgenossen fastunbeachtet. Dagegen kam es 1830 in der Pariser Akademie zu einemheftigen Konflikt zwischen Cuvier und Geoffroy St. Hilaire. DerKonflikt endete mit der Niederlage der Descendenztheorie. Die Nieder-lage war eine so vollständige, daß das Problem auf längere Zeit voll-kommen aus der wissenschaftlichen Diskussion verschwand und die Lehrevon der Artkonstanz wieder zur herrschenden wurde. Dieser Mißer-folg war durch vielerlei Gründe veranlaßt, Zunächst war die TheorieGeoffroys und Lamarcks mehr eine geistreiche Konzeption, als daßsie sich auf ein reiches empirisches Material gestützt hätte. Außerdemhatte sich in sie als ein fundamentaler Irrtum die Lehre von der ein-reihigen Anordnung der Tierwelt eingeschlichen. Dem entgegen standCuviers große Autorität und sein umfassendes Wissen, welch letztereses ihm leicht machte, zu zeigen, daß das Tierreich aus einzelnen koor-dinierten Gruppen, den Typen, bestehe.

In demselben Jahr, in welchem Cuvier seinen für lange Zeit ent- Lyell,scheidenden Sieg über Geoffroy St. Hilaire erfocht, wurde gegen seineLehre von der Aufeinanderfolge zahlreicher Tierwelten auf unserem Erd-ball der erste verderbliche Schlag geführt. Cuviers Lehre von denErdrevolutionen hatte eine doppelte Seite, eine geologische und einebiologische. Cuvier leugnete die Kontinuität der einzelnen Erdperiodenwie die Kontinuität der ihnen zukommenden Lebewelten. In den Jahren1830-1832 erschienen nun diePrinciples of Gcology" von Lyell, ein

2Hertwig Lehrbuch <ler Zoologie. 8. Aufl.