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Lehrbuch der Zoologie
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Entwicklung der Morphologie. 9

hinter Aristoteles zurück, welcher, zum Teil sogar mit Glück, versuchthatte, eine größere Anzahl von Hauptgruppen aufzustellen.

Noch mehr aber als bei Linne treten uns die Schäden der syste- Linnenmatischen Betrachtungsweise bei seinen Nachfolgern entgegen. Linnes 1 'Diagnosen waren ebensoviel Schablonen, welche mutatis mutandis mitleichter Mühe auf neue Arten angewandt werden konnten. Es bedurftedazu nur des Austausches der die Unterschiede zum Ausdruck bringendenBeiworte. Bei den Hunderttausenden verschiedener Tierarten, namentlichInsectenarten, fehlte es nicht an Material, und so war die Arena geebnetfür die geistlose Spezieszoologie, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahr-hunderts das Ansehen der Zoologie in den Kreisen der Gebildeten ge-schädigt hat. Es wäre Gefahr gewesen, daß die Zoologie sich zu einembabylonischen Turmbau von Artbeschreibungen ausgewachsen hätte, wennnicht durch das Erstarken der physiologisch-anatomischen Betrachtungs-weise ein Gegengewicht geschaffen worden wäre.

Entwicklung der Morphologie.

Die vergleichende Anatomie denn um diese handelt es sich hier Anatomenvornehmlich hat ihre Ausbildung lange Zeit über vorwiegend den S chen k Aito-Vertretern der menschlichen Anatomie zu verdanken gehabt, was zur tums -Folge hatte, daß auf den deutschen Universitäten bis in die Neuzeit dievergleichende Anatomie zu der medizinischen Fakultät gerechnet wurde,während die Zoologie, als ob sie eine ganz andere Disciplin wäre, derphilosophischen Fakultät angehörte. Schon die Schüler des Hippo-krates trieben Tieranatomie, um sich nach dem Bau anderer Säugetiereein Bild von der Organisation des Menschen zu machen und damit einesichere Unterlage für die Diagnose der menschlichen Krankheiten zu ge-winnen. Das in dieser Hinsicht hervorragendste Werk des klassischenAltertums, die berühmte menschliche Anatomie von Claudius Galenus(131201 n. Chr.), stützte sich vorwiegend auf Beobachtungen, welchean Hunden, Affen etc. gesammelt worden waren. Denn im Altertumund später auch im Mittelalter hielt eine begreifliche Scheu die meistenMenschen zurück, den menschlichen Leichnam zum Gegenstand wissen-schaftlicher Untersuchungen zu machen.

Auch für die Anatomie erwies sich das erste Jahrtausend, in welchem Mittelalter.( 'as Christentum die herrschende Macht im geistigen Leben der Völkerbildete, als völlig unfruchtbar; man hielt sich im großen und ganzen andie Schriften des Galen und die Werke seiner Kommentatoren und nahmnur selten Veranlassung, ihre Richtigkeit durch eigene Beobachtungen zuerproben. Erst mit dem Ausgang des Mittelalters brach sich das Interessefür selbständige wissenschaftliche Forschung Bahn. Vesal, der Schöpfer vesai.der modernen Anatomie (15141564), hatte den Mut, menschlicheLeichen genau zu untersuchen und in den Schriften des Galen zahlreicheIrrtümer nachzuweisen, welche dadurch entstanden waren, daß unberech-ligterweise Tierbefunde auf den menschlichen Körper übertragen wordenwaren. Durch seine Korrekturen des Galen geriet Vesal mit seinemLehrer Silvias, einem energischen Vorkämpfer der Galenschen Autorität,und seinem berühmten Zeitgenossen Eustachius in einen heftigen Streit,