Erstes Kapitel: Kristallotik (= Kristallkunde).
demnach die „Kristallologie" im weitesten Sinne als umfassendeKristallotik bezeichnen und ihrem wichtigsten Zweige, derMorphologie (— der „deskriptiven Kristallographie" —) alsgleichberechtigte Zweige die „Physiologie" und „Psychoma-tik" der Kristalle an die Seite stellen. Während die erstere dieFormen der Kristalle beschreibt und klassifiziert, fällt der „Kri-stallogenie" die Erforschung ihrer Entwicklung zu; die „Physio-logie der Kristalle" hat ebenso wie diejenige der Organismen ihrphysikalisches und chemisches Verhalten zu untersuchen, und die„Psychomatik der Kristalle" ihr „Anorganisches Seelenleben", diepsychomatischen Gesetze ihrer Fühlung und ihres Willens, dieRichtung ihrer geheimnisvollen Molekularkräfte.
Kristall-Ordnungen. Die Erweiterung unserer allgemeinen kri-stallotischen Anschauungen, welche seit 1904 durch die tiefere Er-kenntnis der flüssigen Kristalle und ihrer nahen Beziehungen zuden niedersten Organismen herbeigeführt wurde, läßt es zweck-mäßig erscheinen, folgende vier Hauptgruppen oder Ordnungenvon Kristallen zu unterscheiden (nicht zu verwechseln mit den„Symmetrieklassen der Kristallformen"): I. Sterrokristalle:die echten „starren Kristalle", die bis zum Beginn des zwanzig-sten Jahrhunderts fast allgemein als „typische oder wirkliche Kri-stalle" betrachtet wurden. IL Kollokristalle: Gallertkristalle,welche im Wasser aufquellen und ihr Volumen bedeutend verändernkönnen, ohne ihre typische Kristallform zu verändern (Eiweiß-kristallein Pflanzenzellen, Tierblut usw.). III. Biokristalle: FesteMischkristalle, aus der gemeinsamen Arbeit von lebendigem Plasmaund mineralischer Substanz (Kalk, Kiesel usw.) entstanden.IV. Rheokristalle: die flüssigen oder „scheinbar lebenden"Kristalle von Otto Lehmann.
Sterrokristalle. Die starren Kristalle, welche bis zum Beginndes 20. Jahrh. fast allein als „Echte Kristalle" bezeichnet wurden,sind charakterisiert durch ihren festen Aggregatzustand unddie prismatische Grundform ihres unbeweglichen Körpers.Diese feste prismoicle Gestalt ist stets einer exakten Messung,klaren geometrischen Definition und mathematischen Berechnungzugänglich (Kristallometrie). Ihre Oberfläche ist von ebenenparallelen Flächen begrenzt, deren gerade Kanten sich unter kon-stanten Winkeln schneiden; diese stoßen in Ecken zusammen, dieden Polen von konstanten, im Mittelpunkt sich schneidendenidealen Achsen entsprechen. Dieser symmetrischen äußeren Form