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III. 23. Aufnahme der octroyirteu Verfassung i» Wie».
23.
In Zeiten gewaltiger Krisen, wie damals in Wien nach der vor-ausgegangenen Revolution, ist die Menschheit zur Zeichendeuterei auf-gelegt. An einem der ersten Märztage 1849 war von der Spitze desSt. Stcphans-Thurmes ein Stoßvogel hcrabgefahren und hatte eine Taubein seine Klauen gefaßt; scharfe Augen sahen die gerupften Federn imWinde fliegen, den Hintergrund bildete das schwarz-goldene Banner „dasso riesengroß daß es den Thurm fast verkleinert". In der Menge untenhörte man sagen: „Der Windisch-Grätz ist der Falke, unsere Freiheit istdie Taube!" Am 5. gewahrte man noch bei helllichtem Tage die Vennsdie sich deutlich am goldrothen Knauf des Stephans-Domes abspiegeltc.„Der Stern Oesterreichs!" sagte einer. „„Aber doch nur ein Abendstern!""setzte ein anderer bei. . . Ja doch, ein Abendstern, aber vor einem herau-brechendcn schöneren Morgen!
Es war in der Reichshauptstadt nicht ganz unbeachtet geblieben daßdie Räume der Staatsdrnckerei durch zwei Tage hermetisch abgeschlossen,daß namentlich vom 5. zum 6. März einige Setzer die Nacht über involler Arbeit znrückgehalten worden waren; allein es hatte sich dies imLaufe des ereignisvollen Jahres so häufig wiederholt daß man im Pu-blicum keinen bcsondcrn Werth darauf zu legen schien. Als daher am7. morgens die Kunde von der octroyirteu Verfassung die Stadt dnrch-drang, da war die Ucberraschung allgemein, aber auch — die Freude.Denn auf den ersten unbestimmten und darum etwas unbehaglichen Ein-druck den jede unerwartete Botschaft zur natürlichen Folge hat, folgtealsbald und in weitesten Kreisen ein Gefühl wie nach der Erlösung voneinem beengenden Alp. Gott sei Dank, hörte man die Leute sagen, daßwir endlich etwas gewisses haben!
Die Patente waren allerorts angeschlagen und schon am Morgenso zahlreich vertheilt daß in jedem besuchteren Gast- und Kasfeehausemehrere Exemplare auflagen. Aber jedermann wollte ein Exemplar fürsich haben und eilte zur Staatsdruckerei um sich eines zu verschaffen.Der Andrang war so groß und stürmisch daß die Zugänge durch In-fanterie abgespcrrt werden mußten und Cavalerie-Piquets die Ordnungaufrecht hielten. Die Leute in ihrer frohen Stimmung fügten sich willigmilitairischen Maßregeln die ein halbes Jahr früher bei ihnen, durch