Geschichte Deflerreichs vom Ausgange des Wiener October-Aufstandes 1848. Von Zos. Alex. Fhr. v. Helfert. IV. Der ungarische Winter-Feldzug und die octroyirte Verfassung. December 1848 bis März 1840. Onivsr^ iät Düsssiciort ^istoriscnsz 5>6mir,c>r Dritter Theil. (Schlnßband des ganzen Werkes.) Prag. F. Tcmpsky. 1886 . Leipzig. G. Frey tag. Der ungarische Winter-Felchug die octroyirte Versajsnug. December 1848 bis März 1849. Von Los. Äler. Fhr. v. Helftrt. iilmvsf^isäs Qö^Lsiciors l-iistoriHiersss äsminor Dritter Theil. ^ N . ^ I (SM »and des ganzen-Werkes.) V E l Prag. F. Tempsky. 1880 . Leipzig. G. Frey tag. Alle Rechte vom Verfasser Vorbehalte». 2?.kLAMQQ tli-tLNZ-rk-ss Laminar Druck von Adolf Holzhausen in Wien. Uls das Werk, dessen sechsten Band ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, von mir begonnen wurde — es sind nahezu achtzehn Jahre her seit der erste erschienen — hatte ich im Sinne es „vorläufig" bis zur Katastrophe von Vilagos zu sichren; mancherlei Umstände die nicht alle hier zu nennen sind veranlassen mich es mit dem „Ereignis von Kremsier" zu schließen, wobei ich mich trösten kann gleichwohl ein Ganzes geschaffen zu haben. Denn mit dem März 1849 hat die österreichische Revolution, die im Mürz 1848 begonnen hatte und im October aus ihren Höhepunkt gelangt war, ihr Ende gefunden, eine Revolution die, nicht in der Weise ihres Vorgehens, aber in ihren Ergebnissen für alle Folgezeit für den Kaiserstaat von Werth und Einfluß geblieben ist. Einer der Linkesten von Wien und Kremsier hat den Ausspruch gethan: „Diejenigen welche behaupten die österreichische Revolution des Jahres 1848 sei eine fruchtlose gewesen, wissen gar nicht was sie reden. Keine Revolution ist umsonst, und vielleicht keine hat so schnell und radical die alte feudale Gesellschaft über den Hansen geworfen als die österreichische. Oesterreich im Anfänge des Jahres 1848 noch beiläufig in den Zuständen Frankreichs zur Zeit 1789 , hatte in einigen Monaten derart die Verhältnisse nmgewälzt daß VI ungeachtet des Sieges der Reaction diese dennoch selbst das anerkennen mußte was im Jahre 1815 die feudalen Mächte Europas zur Anerkenntnis der neugebildeten französischen Gesellschaft zwang." Ernst von Violand hat diese Worte im Jahre 1850 geschrieben (Die sociale Geschichte der Wiener Revolution; Leipzig O. Wigand S. 227 f.) und darnach hat sich wohl manches verändert; allein die Hauptgrundlagen der neuen Gestaltung der Dinge, die ans den Wirren und Kämpfen des Jahres 1848 hervorgegangen war, sind doch selbst in der härtesten Zeit des Rückstanens nie ganz verrückt worden, bis sie nach einer neuen Schule des Unglückes zu abermaliger und nun hoffentlich dauernder Geltung gelangten. X X X An Danksagungen für diejenigen die mir in dieser oder jener Weise bei meiner Arbeit zu Hilfe gekommen, hätte ich nur das zu wiederholen was ich den früheren Bänden vorangeschickt. *) Hingegen sei es mir, am Ziele angelangt, gestattet einen Blick auf den Weg zurückzuwerfen den ich gewandelt, mir die Stimmen zurückzurnfen die mir auf dieser Pilgerschaft bald von dieser bald von jener Seite zugerufen worden. Und da gedenke ich des Verses den ein lustiger Innsbrucker ober die Einfahrt seines Gasthauses zu setzen beliebte: *) Im Vorwort zu Bd. IV 2 ist cs mir lcidcr zngcstoßcn Herrn Arpäd Györy dc Nädudoar halb zu russificircn (de Nududkow), was ich hiermit berichtigt haben möchte. VII Jeder hat seine Lobcr und Tadler — Selbst der Wirth znm goldenen Adler. Vom Lobe sei hier geschwiegen, vom Tadel nur derjenige erwähnt der mir am häufigsten, selbst von wohlwollenden Stimmen, zu Gehör gebracht worden. Denn gleich dem ersten Bande dieses Werkes wurde vorgerückt daß der Verfasser seine „Lieblingshelden" habe, und dieses Urtheil ist seither bei jeder Fortsetzung in der einen oder andern Gestalt wieder aufgetaucht. Darf ich darauf antworten?! Die heutige Welt, voller Zweifel und Bedenken, voller Mistrauen und Argwohn, vielseits geradezu dem Pessimismus verfallen, hat sich kleingläubig so sehr in das „blil o-clminari" verrannt, daß ihr ganz das Verständnis für das abhanden gekommen ist was, einer andern geistigen Atmosphäre entstammend, der Fürst von Ligne sagt: „Es ist so schön, nach meiner Ansicht, zu bewundern! Ich verabscheue die Leute die für jede gute Handlung einen Grund des Eigennutzes oder der Selbstliebe suchen. Haltet es euch nur vor, daß es gemeine Naturen seien die es lieben das Glänzende zu schwärzen, und Thoren die den Scheelsüchtigen Beifall zuklatschen. " Allein, die Berechtigung des zugegeben, wäre ich etwa in der Anwendung desselben auf bestimmte Persönlichkeiten irre gegangen? Wäre es richtig daß ich, um die Ausdrücke eines mir sonst günstigen Benrtheilers zu gebrauchen, von der mich „erfüllenden kaiserlichen Parteiansicht" befangen, die Zeichnung mancher Charaktere, wie des Banns von Kroatien nnd des Feldmarschalls Wittdisch-Grätz „ganz entschieden ins schöne gemalt" hätte? JelaLio sei im Gegenteil eine „unbedeutende", „den großen Verwicklungen in die er hineingeworfen worden durchaus nicht gewachsene" Persönlichkeit gewesen „dessen militairische Befähigung schon sehr gering war"; den Feldmarschall Windisch-Grütz aber habe „die Ueber- hebnng des stolzen Aristokraten und die ihn erfüllende Verachtung gegen das Bürgerthum" gekennzeichnet re. Nun daß JelaLio ein General von hervorragender strategischer Begabung gewesen habe ich nirgends behauptet, und hat er selbst in seiner liebenswürdigen Bescheidenheit nie gemeint, wie in meinem I. Bande S. 60 und dann wieder IV 2 S. 410 zu lesen ist. Einen Mann aber dessen Erscheinung nnd Wesen auf Freund und Feind einen geradezu wunderbaren Zauber geübt; der mitten in den Wahrzeichen allgemeinen Zerfalles das Banner des Gesammtstaates, siir dessen Erhaltung in seiner treuen Brust Wollen und Streben nie erlöschen konnte, hoch emporgehalten; der ans Loyalität für die Dynastie sich zu dem Wagnis erkühnte sich ihr als „Rebell" entgegenzü- stellen und von ihr als solchen erklären zu lassen; der um der Rettung des Reiches willen „klug genug" war „unklug zu sein" und diese Rolle mit solchem Ernst und Erfolge dnrch- geführt hat daß sein Name mit vollem Recht seinen Platz in dem berühmten „WIR" finden konnte: einen solchen Mann in den Blättern der Geschichte mit dem Stenipel der „Unbedeutendheit" hinznstellen, das möge unternehmen wer da will, ich werde es nie zuwege bringen. IX Ueber den Fürsten Alfred Windisch-Grätz ist in der jüngsten Zeit ein Werk erschienen (Der k. k. österr. Feldmarschall Fürst Windisch-Grätz. Eine Lebensskizze. Berlin Richard Wilhelmi 1886) welchem ich im Wiener Liter. Handweiser Nr. 3 vom 1. Februar eine eingehende Besprechung widmete, und ich berufe mich ans dieselbe mit dem Beifügen daß sie meine wahre und volle Ueberzeugnng über diesen vielverkannten Charakter ausdrückt. Dagegen ist es eine dritte Persönlichkeit über welche ich, aus Unkenntnis, in meinem III. Bande ein Urtheil gefällt habe das ich entschieden zurückzunehmen mich in meinem historio- graphischen Gewissen gedrungen fühle. Es betrifft I),-. Joseph Fick, einen der Lehrer des damaligen „Kronprinzen". Ich habe ihn nie gekannt, ich habe von seinem Aufenthalte nichts gewußt, ich war nicht einmal sicher ob er noch unter den Lebenden, und so sah ich mich bei meinen Nachforschungen über die Erziehung der Prinzen des Erzherzogs Franz Karl, Nachforschungen für die ich es an persönlichen Schritten und schriftlichen Anfragen die mir zum Ziele zu führen schienen gewiß nicht habe fehlen lassen, auf das Urtheil Anderer angewiesen, das mir denn leider in jenem Geiste zutheil wurde der mich die Seiten III 371—-373 schreiben ließ. Gleich nach dem Erscheinen dieses Bandes wurde ich von einem einstigen Schüler Fick's, einem unserer hervorragendsten Staatsmänner und Parlamentarier, in wohlmeinender Weise aufmerksam gemacht daß die Darstellung des „edlen und geistvollen" Mannes vergriffen, daß mein Urtheil über ihn ein ungerechtes sei. Ein X paar Jahre später sind mir Fick's anonym erschienene „Aphorismen" (3 Bändchen, Münster Aschendorff 1861, Wien Mayer L Comp. 1867) in die Hände gekommen, nnd da mußte ich mir nach selbst gewonnener Einsicht sagen daß ein Gelehrter von so umfassendem Wissen, von einer so gediegenen Auffassung der Geschichte, von einem so tiefen Verständnis der ernstesten Fragen und Räthsel des Lebens, unmöglich als Lehrer der Mann sein konnte als welcher er mir von entweder schlecht unterrichteter oder übelwollender Seite dargestellt worden. Fick selbst hat erst viele Jahre später mein Urtheil zu Gesicht bekommen nnd es hat sich zwischen dem schwer Verletzten und dessen absichtslosem Verletzer ein Briefwechsel entsponnen, von welchem ich nur sagen will daß sich der edel denkende Mann über das offene Bekenntnis meines unwillkürlichen Vergehens mir aufrichtig versöhnt erklärt hat. Er ist bald darauf gestorben. Lncas Ritter von Führich hat ihm Joseph Fick; Sep. Abdruck a. d. Hist.-pol. Bl. München 1882) ein würdiges biographisches Denkmal gesetzt, und dabei den eben erwähnten Zwischenfall nicht mit Stillschweigen übergangen. X X X Von Vielen wurde meinem Werke „Objectivitüt" anerkennend zugesprochen, meinem letzten Bande von zwei Seiten „Mangel an Objectivitüt" zum Vorwurf gemacht. „Was ist Objectivitüt?" könnte Pontius Pilatus fragen und ich wüßte keine Antwort. Mindestens in der Historiographie kann ich mir das, was inan reine Gegenständlichkeit XI zu nennen berechtigt wäre, nicht einmal bei einem trockenen Chronisten denken. Will man unter Objektivität Unparteilichkeit verstehen, so ist wieder zu fragen: wer kann nn- parteisch sein? Nur ein solcher der kein Urtheil und kein Herz hat; denn das Urtheil ist subjectiv und das Herz nimmt Partei. War der große Thukydides, dessen Büchern man jene Eigenschaft am meisten nachzurühmen pflegt, wirklich unparteisch? „Er schildert den Brasidas so schön, wie ihn kein Spartaner in edlerem Lichte erscheinen lassen könnte." Das heißt doch mit anderen Worten: er erkennt auch am Feinde seines Vaterlandes die lobenswerthen Eigenschaften an, er ist in seinem Urtheile gerecht auch gegen solche die der Sache der er sich geweiht nicht angehören. Aber wenn der Sohn des Melesias Spartaner gewesen wäre, würde sein Werk bei aller Gerechtigkeit gegen die Athener nicht gleichwohl eine andere Färbung angenommen haben? „Mangel an Objektivität" ist mir zunächst aus dem liberalen Lager zugernfen und als recht „grelles" Beispiel die verschiedene Beurtheilung vorgehalten worden, die ich wegen derselben Sache, dem Ablehnen der Einmischung Rußlands, den Ministern Pillersdorff und Doblhoff einerseits, dem Fürsten Felix Schwarzenberg anderseits zutheil werden lasse: „man sieht also auch hier: 8i äno üneinnt Iclsrn, non «zst Ickern". Nun, wenn die Einen jeder Berührung mit Rußland darum ans dem Wege gehen weil es so in ihrem eingelernten politischen Katechismus steht, der Dritte aber die militairische Beihilfe Rußlands aus dem Grunde fernznhalten strebt weil sein patriotisches Hochgefühl Oesterreich nur mit eigenen Kräften geholfen wissen will, so scheinen mir das in der That zwei ganz verschiedene Sachen und der lateinische Spruch hier nicht ironisch, sondern in vollem Ernste an seinem Platze zu sein. Ungünstige Beurtheilung habe ich auch von ungarischer Seite vernommen. Man hält es meiner Darstellung für übel daß ich die ungarischen Generale, die „Sieg an Sieg reihten", nicht in gebürendem Vortheil lasse und daß, während die Vorgänge bei der kaiserlichen Armee mit einer „minutiösen" Genauigkeit geschildert werden, jene im ungarischen Lager nicht dieselbe Behandlung erfahren. Auf diesen letzten: Vorwurf habe ich nur zu erwiedern daß ich denselben gewiß vermieden haben würde, wenn mir hiefür ebenso reiche und verschiedenseitige Zeugenschaften zu Gebote gewesen wären wie auf der andern Seite. Das ist gewiß zu bedauern, und niemand thnt dies aufrichtiger als ich selbst. Dem Wesen der Sache aber ist dadurch kein Abbruch geschehen, und ich glaube mich, was den ersten Theil jenes Vorwurfes betrifft, getrost auf den Inhalt und Geist meiner Darstellung der mannigfachen Kriegsbegebenheiten berufen zu dürfen. Ungleich ernster und tiefer gehend als jene Ausstellungen wäre die Beurtheilung meines Werkes von einem Standpunkte dessen Berechtigung ich auf diesem Gebiete nicht zugeben kann. Es mögen mir darüber einige Worte vergönnt sein. XIII Keinem der früheren Bünde dieses Werkes so sehr als diesem wird mancher sich versucht fühlen eine pnblieistische Tendenz zu unterschieben. Sie lag mir fern. Das Ziel meiner Arbeit von Anfang bis zu Ende war einzig: den Verlauf, den Zusammenhang, die Physiognomie der Ereignisse eines Zeitraumes, der für den Bestand und die Entwicklung des österreichischen Gesammtstaates von so entscheidender Wichtigkeit werden sollte, klar und fest zu stellen. Die tatsächliche Gestalt der Charaktere und Begebenheiten dürfte in allen Hauptsachen diejenige bleiben wie ich sie mit gewissenhafter Ansnützung eines reichhaltigen Materials zu zeichnen bestrebt war. Meinungen werden sich ändern, Parteien werden wechseln; aber was einmal und wie es geschehen, hält Stand für alle Zeiten. Mögen daran die Einen sich erfreuen, die Andern Aergernis nehmen, die Erscheinung selbst hat damit nichts zu schaffen. Entschiedene Verwahrung muß ich darum Anlegen, wenn man die in meinem Geschichtswerke Angestellten Ereignisse und zum Ausdruck gebrachten Urtheile nach den heutigen Verhältnissen, namentlich vom Standpunkt des jetzigen Dualismus, beurtheilen und — vernrtheilen wollte. Selbst in dem letzten Capitel „Kritik der octroyirten Verfassung" wird man mir nicht einen Satz nachzuweisen im Stande sein der nicht aus gleichzeitigen Quellen geschöpft, der nicht mit Aussprüchen zeitgenössischer Beobachter belegt wäre. So nahe zum Schlüße die Versuchung an den Verfasser herantrat Betrachtungen vom heutigen Standpunkte freien Lauf zu lassen, er hat ihr widerstanden. — XIV — Die Geschichte Oesterreichs seit 1848 besteht aus drei großen R: Revolution — Reactivu — Regeneration. Ich hatte es in meinem Werke nur mit dem ersten R zu thun. Das zweite und das dritte geschichtlich zu behandeln muß ich einem Nachfolger, in der einfachen oder vielfachen Zahl, überlassen. Denn ich für meinen Theil, was die Wetterführung dieser Aufgabe betrifft, thne mit meinem Griffel wie Prospero im letzten Acte von Shakespeare's „Sturm" mit seinem Zanber- stab: ich lege ihn nieder und vergrabe ihn „aartain üntttoms ia ttts oarttt". Wien am 20. Februar 1886. Äberstcht -es Inhalts. I. Die nicht-ungarischen Länder »nd die deutsche Krage. 1. Die Rcichshauptstadt. llcberschweminnng S. 1. — Orccm S. 3. — Cholera S. 5. — Entschädigung der October-Verlnste? S. 7. — Haussuchungen. Verhaftungen. Strafvollzug S. 8. — Schüße auf Wachposten und einzelne Soldaten S. 11. — FML. Baron Melden S- 13. — Wiedereröffnung der Wiener Universität? S. 14. — Club der Vertrauensmänner S. 15. — „Wer weiß was uns der März bringt?!" S. 17. 2. Böhmen und Mähren. Bakunin's Aufruf an die Slave» S. 19. — Interpellation Klaudy S. 22. — Kaiser Franz Joseph I. in Prag S. 23. — Die Prager Studentenschaft S. 24. — Bevorstehende Truppenaushebung S. 25. — Vertrauens-Adresse der „SlovanskL Llpa" an den Reichstag S. 28. — Peter Faster S. 31. — Der mährische Landtag S. 31. 3. Die inner-österreichischen Länder. Die Nationalgardc S. 32. — Allmäliger Aufschwung der Geschäfte S. 34. — Julius Gretschnigg in Grätz S. 36. — Wühlereien von Reichstags-Abgeordneten unter dem Landvolk S. 39. — Georg Geier aus Gurkfeld S. 41. — Octava. Propinationsrecht. Geistlicher Zehent S. 42. — Wahl Kaiser Ferdinand'« zum Deputaten S. 44. — Mistrauens-Votum an den Abgeordneten für die Insel Vcglia S. 45. 4. Krakau Galizien und Bukowina. Organisirnngsfragcn S. 46. — Wenzel Ritter von Zaleski S. 47. — Gnbcrnial- Commission in Krakau S. 51. — Forderungen der Ruthene» S. 52. — Polnische Deputation in Olmüz S. 53. — Bukowiuer Adresse S. 54. — Interpellation Krainski's und Dylewski's in Kremsicr S. 55. — Abberufung Zalcski's nach Wien S. 59. — Galicien und die Pariser Centralisation S. 62. — Lemberg und Krakau S. 64. 5. Die Italiener in Süd-Tyrol und ini Küstenland. Einil de Girardi» über die Tyrolcr S. 65. — Die „Akolythen Mazzini's" S. 66. — Im Krcinsicrer Verfassungs-Ausschuß S. 67. — Graf Bissingen-Nippen- burg S. 71. — Triest, die „allezeit getreue", und der britische Consul in Venedig S. 72. — Die Slaven in Istrien S. 71. 6. Verhandlungen des Wiener Cabinets mit den deutschen Königreichen. Oesterreich und Preußen im Lichte der Erbkaiscrlichen S. 76. — Das preußische Rundschreiben vom 23. Januar S. 78. — Friedrich Wilhelm IV. und Ritter von Bunsen S. 79. — Fürst Felix Schwarzenberg S. 81. — Ocsterrcichische Note vom 1. Februar S. 82. — Graf Rechbcrg in München S. 84. — König Wilhelm I. von Württemberg S. 86. — Radicalismus in den mitteldeutschen Staaten S. 88. — König Ernst August und Prinz Georg S. 90. — Baron Brenner-Felsach in Dresden und Hannover S. 92. 7. Die „Großdeutschen" und die „Kleindeutschen". Die Frankfurter Abstimmung vom 25. Januar S. 93. — „Wir nähern uns dem Stadium wo man am Berge steht" S. 95. — Würth mit der Note vom 4. Februar in Frankfurt a. M. S. 97. — Ncchberg in Frankfurt a. M. S. 99. — In der „Mainlust" und „zum Weidenbusch" S. 100. — Ocsterreichische Sympathien in Mittel- und Süddeutschland S. 102. 8. Oesterreichischer Plan einer Directorial-Regierung für Deutschland. Bade». Nassau. Mecklenburg S. 104. — Officiellc Erklärungen der deutschen Cabinete S. 106. — Neuner-Ausschuß S. 107. — Republikanische Unterwühlung in Deutschland S. 109. — Umtriebe und Anstrengungen der demokratischen Partei 5. 110. — Eröffnung der preußischen Kammern S. 112. — Prinz Friedrich von Preuße» in Frankfurt a. M. S. 113. — Interpellation wegen des Einmarsches der Russen S. 114. — Die österreichischen Vorschläge vom 27. Februar S. 116. — Conferenzen Schmcrling's mit den Abgeordneten der Königreiche S. 117. II. Die Schlacht bei Käpolna. 9. Schlik und Dcmbinski im Sajä-Thale. Mismnth Görgei's über Dembinski's Oberbefehl S. 119. — Absichten Dein- biüski's S. 121. — Uebersall von Szürüi-Csärda S. 122. — Uebersall von Kompolt S. 125. — An der Saj6-Brücke von Sz.-Petcr S. 126. — Marsch der Kaiserlichen über die Matra S. 128. — Dembiüski. Görgei. Szemere S. 130. — Das slovakische Frci-Corps in Brezno S. 133. — FML. Ramberg besetzt Kaschau S. 134. 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. An der Mittlern Donau S. 136. — Um Gyöngyös S. 138. — Uebersall von Pötervüsür S. 139. — Haupt-Quartier des Feldmarschalls in Hatvan S. 141. — Erfolgloser Angriff Ottinger's auf Czibakhäza S. 143. — Pestcr Stimmungen XVII und Gerüchte S. 144. — Dembiüski in Erlau S. 145. — Schlik im großen Hauptquartier S. 146. — Tagesbefehl des Feldmarschalls von Hatvan S. 14S. 11. Der erste Schlachttag von Käpolna. Gegenseitige Dispositionen zur Aufnahme des Kampfes S. 150. — AuSmarsch der Kaiserlichen aus Gyöngyös S. 153. — Ausstellung Märiässy's herwärts von Käpolna S. 154. — Kämpfe um den Väcser Wald S. 156. — Reitergesecht beim Kompakter Walde S. 157. — Dembiüski und Görgei in Erlau eilen auf das Schlachtfeld von Käpolna S. 159. — Alexander Hübner in Gyöngyös S. 162. — Der Ministerpräsident an den Feldmarschall S. 163. — Schluß der Gyön- gyöser Tonserenz S. 166. — Anmarsch Schlik's auf Sirok S. 168. — Ergebnisse des ersten Schlachttages S. 169. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. In der Nacht vom 26. zum 27. Februar S. 171. — Anmarsch Schlik's gegen Sz.-Märia S. 173. — Dembiüski und Windisch-Grätz an der Tarna S. 174. — Käpolna von den Kaiserlichen genommen S. 176. — Verfielst von Schlik genommen S. 178. — Heißer Kampf in Käpolna und um den Meierhof S. 180. — Gefangennahme des Bataillons Zanini S. 183. — Kompolt von Aulich geräumt S. 184. — „U,s borxns arrivs, il kaut nous rstirsr" S. 185. — Die Verbindung zwischen Schlik und der Haupt-Armee hergestcllt S. 187. — Görgei gegen Kerecsend zurückgedrängt S. 189. — Das große Haupt-Quartier in Käpolna S. 190. — Verluste auf beiden Seiten. Zwist im ungarischen Hauptquartier S. 191. 13. Von Käpolna bis Poroszlä. Anordnungen des Feldmarschalls für den 28. Februar S. 193. — Aufstellung Dcmbiüski's bei Mezö-KöveSd S. 195. — Reitergefecht bei Szlhalom S. 196. — Schlachtordnung der Kaiserlichen vorwärts Maklär S. 199. — Rückzug der Ungarn gegen die Theiß S. 200. — Anordnungen des Feldmarschalls S. 201. — Treffen bei Eger-Farmos S. 202. — Haupt-Quartier des Feldmarschalls in Gyöngyös S. 205. — Anmarsch Wrbna's gegen Poroszlä S. 206. — Görgei räumt Poroszlä S. 209. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. Ofen und Pest S. 210. — Zuwiderlaufende Maßnahmen bezüglich der Koffuth- noten S. 211. — Erklärung des Banus über seine Stellung zum Fcldmarschall S. 213. — Besetzung von Poroszlä durch die Kaiserlichen S. 215. — Dembiüski und Bem S. 216. — Meuterei Görgei's und Klapka's gegen den Ober- seldherrn S. 218. — Verhandlungen mit Dembiüski S. 221. — Dembiüski vom Ober-Commando suspendirt S. 222. — Kossuth mit Meszäros und Vetter in Tisza-Füred S. 223. — Wrbna. Zeisberg. Nobili S. 225. 15. Aus den andern Kriegsschauplätzen. Cernirung von Komorn S. 226. — Nugent bei Peterwardein S. 228. — Ehrenauszeichnungcn für Kniäanin S. 231. — Abberufung der Serbianer vom Kriegsschauplätze S. 232. — Treffen bei Al-Vincz S. 235. — Ende des Obristen XVIII von Losenau S. 236. — Major Heydte an der großen Kockcl S. 237. — Urban's neuer Einfall in Siebenbürgen S. 240. — Gefechte bei Bayersdorf und Magya- ros S. 241. — Aufbruch Bem's von Mediasch S. 243. — Treffen bei Borgo- Prund S. 244. — Lage Puchner's in Hermannstadt S. 246. — Im Südwesten und im Nordwesten von Siebenbürgen S. 249. III. Das Ereignis von Kremsier. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. Wiederwahl Smolka's zum Präsidenten S. 251. — Vertrauenskundgebungen sür den Reichstag S. 252. — Compromittirte Abgeordnete S. 254. — Auflösungsbefürchtungen unter den Abgeordneten S. 256. — Scandal-Affaire Kann S. 257. — Die geheime Sitzung vom 15. Februar und deren Folgen S. 259. — „Ein deutscher Krieger" im Wiener Burgtheater S. 262. — Wahlen für das Frankfurter Parlament S. 263. — Verbot der deutschen Grundrechte in Oesterreich S. 264. — Interpellation PalackF S. 265. 17. Der „zweite Lheil" des Versassungswerkes. Ceutralisten und Föderalisten S. 266. — Palack/'s Selbstregierungsrecht der Länder S. 268. — „Residenzverstaud und Provinzialverstand" S. 271. »- Austritt Palack/'s aus dem Coustitutions-Ausschuße S. 272. — Die böhmischen Gewährungen vom 8. April 1848 S. 273. — „Reichsländer" S. 274. — Polen und Ruthenen S. 276. — Bruch mit dem Radicalismus des Jahres 1848 S. 278. — Volkskammer. Länderkammer. Kreistage S. 230. — Stellung und Rechte des Kaisers S. 282. — Die wälsch-tyrolische Frage noch einmal S. 285. — Vorarlberg. Ost-Galizien. Bukowina S. 286. 18. Der Bischof von PrzemySl und der Abgeordnete für Tachau. Sitzung am 1. März 1849 S. 288. — Ansprüche der katholischen Kirche S. 289. — ÜN8 inspsationis des Staates S. 290. — Sitzung vom 2. März 1849 S. 294. — ?. Johann Sidon S. 295. — Josephinismus S. 298. — „Oäi prokannm vul^ns st aroso" S. 300. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religions- und Kirchenfrage. Reichstags-Sitzung vom 3. März 1849 S. 302. — Schuselka. Joseph Neumann S. 304. — Die Minister von Kremsier nach Olmüz S. 306. — Letzte Verhandlungen des Constitutions-Ausschußes S. 307. — Antrag Haimerl gegen Beschleunigung des Verfassungswerkes S. 309. — Pfarrer Lomnicki. Pinkas. Dhlewski. Borrosch S. 310. — Vieleck!. Kaüski. Prato S. 312. — Purtscher S. 313. — Rieger S. 314. — Letzte Worte Smolka's am 6. März 1849 S. 319. 20. Vom 6. zum 7. März 1849. Letzte Anstalten zur Octroyiruug S. 319. — Stadion. Bach. Helfert S. 321. — Versammlung der Vertrauensmänner der Regierung S. 322. — Neuwall's Vorschläge S. 325. — Major Graf Huyn und die Minister S. 325. — Stadion und Helfert nach Olmüz S. 327. — Smolka und Graf Mercandin S. 328. XIX 21. Auflösung des coustituirenden Reichstages. Das kaiserliche Manifest vom 4. März S. 331. — Vorbereitungen zum Abschied S. 332. — Violand. Kudlich. Fuster. Goldmark S. 333. — Zusammenkunft beim Vrbik S. 336. — Rcchtfertigungsschrist der Abgeordneten S. 337. 22. Auseinander! Freudcnbezeugungen in Olmnz S. 340. — Zm Salon des Grafen Stadion zu Kremfier S. 341. — Verhaftungen S. 342. — Graf Huhn und die „Polen im Frack" S. 345. — Fischhof und Prato S. 346. — Füster S. 347. — Hafner. Kudlich. Violand S. 348. 23. Aufnahme der octroyirten Verfassung in Wien. „Gott sei Dank daß wir etwas gewisses haben" S. 350. — Illumination S. 352. — Gemeinderaths-Deputation in Olmüz S. 354. — Dankamt bei St. Stephan S. 355. — Welden-Fond S. 356. — Haltung der Misvergnügten S. 357. — Beabsichtigte Feier des 13. März S. 358. 24. Demonstrationen in Prag. Erste Eindrücke in den verschiedenen Ländern S. 36l. — Grätz und Klagen- furt. Triest und Trient S. 362. — Galizien und Krakau S. 364. — Die ungarischen Länder S. 365. — Günstiger Ablauf der Recrutirnng S. 366. — Aufgeregte Stimmung über das Ereignis von Kremsier in Prag S. 368. — Erinnerungsfeier am 11., am 12. und am 13. März S. 370. — SlovanskL Llpa S. 372. — Borrosch und Rieger am 14. März S. 373. — Karl Havllaek S. 375. — Kremsierer Manifest der Fünsunddreißig S. 376. 25. Opposition gegen die Verfassung. „Mrockmi idlovin^." „Wiener Boten." „Leuchtthnrm" S. 378. — Nadicale Vcrurtheilung der Octroyirten S. 380. — Gegen das Preß- und Associations- Gesetz S. 382. — „Nationale Gleichberechtigung." RajaLiö und Jelaöiü S. 383. — „Das ist der Dank für uns Slaven" S. 386. — Erbitterung in Kroatien und der Woiwodschaft S. 388. — Zorn der Deutsch-Nationalen S. 390. — Die großdeutsche Deputation in Wien S. 391. — Die Erbkaiserlichen und die Großdeutschen in der Paulskirche S. 393. — Welcher im Pariser und im Englischen Hof S. 394. — Der Welcker'sche Dringlichkeitsantrag. S. 396. — Oesterreichische Note vom 9., preußisches Rundschreiben vom 10. März S. 398. 26. Kritik der octroyirten Verfassung. Die Form der Reichstagsauflösnng S. 401. — Unausweichlichkeit dieses Schrittes S. 402. — Politische Unreife des constituirenden Reichstages S. 403. — Departe- mentirung oder Nationalstaaten? S. 406. — Das alte Oesterreich in neuer Gestalt S. 408. — Reichstag und Landtage S. 410. — Beweglichkeit der parlamentarischen Elemente S. 412. — Lombardo-Venetien. Die ungarischen Länder S. 414. — Centralisation und Föderation S. 416. — Adresse des österreichischen Patrioten-VereineS S. 417. — Schlußbetrachtung S. 419. XX Anhang. I. Auswahl von Schriftstücke». Seite 1. Baron Lebzeltern St. Petersburg 21. September/3. October 1848 an Minister Wessenberg.421 2. Graf Schlik Krakau 12. October 1848 an Fürst Paskiewicz in Warschau 422 Dieser au jenen Warschau 3./15. October 1848 . 423 3. Minister Graf Bülow Berlin 17. November 1848 au Grasen v. Trautt- mansdorff.423 4. rraäuetion ä'nn raxxort äu Zänsral Imäsrs au xrinss OLSrniobsll sn clats cku 21 ckössmbrs 1848 424 5. Graf Buol-Schauenstein St. Petersburg 3./15. Januar 1849 an Fürst Felix Schwarzenberg.425 6. Instruction für Grafen Rechberg und Freiherrn von Brenner Wien 4. Februar 1849 427 7. Uebersicht der gegenwärtig in der Frankfurter National-Versammlung nicht vertretenen österreichischen Wahlbezirke, Frankfurt 5. Februar 1849 429 8. Graf Rechberg Frankfurt 16. Februar 1849 an Fürst Felix Schwarzenberg .432 9. Major Baron Gablenz Rima-Szombath 17. Februar 1849 an G. d. C. Grafen von Wallmoden.433 10. FML. Baron Rambcrg Kaschau 24. Februar 1849 an FML. Grafen Nobili in Ofen.436 11. Fürst Felix Schwarzenberg Wien 25. Februar 1849 au Grafen Buol in St. Petersburg (Concept).438 12. Die Reichsregieruug (Beilage zu dem Berichte Schmcrling's an Fürst Schwarzenberg, Frankfurt 9. März 1849). 440 II. Die Kossuth-Noten-Frage bis zum März 1849 . 441 III. Die von der Wiener Militair-Untersuchungs-Commission vom November 1848 bis März 1849 gefällten und vollzogenen Strafurtheile.450 Anmerkungen..464 Kärtchen. Umgebung von Czibakhnza.142 Schlachtgebict von Käpolna.148 Die nicht-unglirischell Länder und die deutsche Frage. i. Die Schwierigkeiten, mit denen Windisch-Grätz bei Durchführung der großen Aufgabe die er auf sich genommen zn kämpfen hatte, wurden ihm nicht blos im Gebiete der St. Stephans-Krone bereitet; sie lagen — von den italienischen Provinzen, die militairisch dem Grafen Radcck)l zugewiesen waren, abgesehen — in allen Thcilen des weiten Reiches, wo nach einer so gewaltigen Erschütterung wie die der nächst vorangegangenen Zeit Ruhe und Ordnung und als Vorbedingung dazu das Ansehen des Gesetzes hergestellt werden sollten. Da war es nun vor allem die Reichs- Hauptstadt deren Zustände noch fortwährend zu schaffen machten und, wenn man auch das Regiment daselbst in guten Händen wußte, ob der Ofner Königsburg nie ganz aus den Augen gelassen werde» durften. Im Januar wurde Wien von schweren Naturereignissen heimgesucht. Das erste war eine Ueberschwemmung, die um so uuvermutheter kam als es mitten im Winter war, und einem der strengsten dazu. Nachdem in der ersten Hälfte des Monates im Qucllengcbict der Donau durch mehrere Tage viel Schnee gefallen, war am 14. plötzlich Thauwettcr cingetreten und rieselte ein von heftigen Stürmen gepeitschter Regen hernieder. Am 15. morgens stand Donaueschiugcn unter Wasser, aber auch aus allen andern von Bächen und Flüssen durchzogenen Gegenden des Schwabenlandes ertönten Klagerufe über steigende Wassernoth. In Ulm war am selben Tage der Fluß zu einer furchtbaren Höhe angeschwollen; das Donau-Thal glich einem wildbewegtcn See, während gleichzeitig die Wässer der Iller wuchsen und sich in wilden Wogen mit denen des Hanptstroms vermischten. Auch in der Gegend von Regcnsburg hatte am 14. die Witterung umgeschlagen, der schmelzende Schnee und Regen führten Massen von Wasser der Donau zu, die am 15. früh zwei Joche der Holzbrücke am untern Wörth fortrisscn. Helfert, Ncschichte Oesterreichs IV. 8. 1 2 I. 1. Die ReichShcmptstadt. In Wien war die Temperatur binnen drei Tagen von 13—15 Grad Kälte am 12. bis 4 Grad Wärme am 14. gestiegen; ein Südwest-Orcan mit heftigem Gewitterregen, dazu ein Wolkenbruch am 15. oberhalb Melk, machten das Unglück voll. Am selben Tage 6 Uhr abends kam dem Unterkammeramte die erste Anzeige nahender Gefahr zu, um 8 Uhr begannen die Fluthen zu schwellen und stiegen dann die ganze Nacht hindurch von Stunde zu Stunde mit erschreckender Schnelligkeit. Am 16. morgens barst die Eisdecke des Stromes, die Schollen setzten sich in Bewegung und füllten den Canal derart an, daß bei der Ferdinands-Brücke nur ein schmaler Wasserstrom zwischen den Eismassen sichtbar blieb. Schon stand im Rotheuthurm-Thor, von wo der Militairposten eiligst flüchten mußte, das Wasser einen, in der Jägerzeile zwei Schuh hoch, und noch immer schwoll die Fluth. Schon war ein Joch der Brücke bei Stein weg- gerissen und waren die beiden Tabor-Brücken theilweise zerstört, so daß die Fahrten von und nach Wien eingestellt werden mußten und die Nordbahn den Personen- und Waaren-Transport auf das nothwcndigste beschränkte. Die Leopoldstadt, Roßau und Lichtenthal, Erdberg und Weiß- gärber, aber auch ein Theil der innern Stadt waren mit solcher Raschheit unter Wasser gesetzt, daß sich in manchen Straßen die Leute vordem hereinbrcchcndcu Schwall kaum aufs Trockene retten konnten. Da auf eine Gefahr solcher Art mitten im „Kältemond" niemand gerechnet hatte, waren keine Vorkehrungen für Herstellung des Verkehrs getroffen; nirgends lagen Kähne und Nothbrücken in Bereitschaft, noch ließen sich Menschen und Zugvieh, sie an Ort und Stelle zu schaffen, in genügender Anzahl auftreiben; ja die Depots für derlei Rettungsanstalten standen selbst unter Wasser. Wo sich Leiterwagen fanden fuhren diese von Haus zu Haus durch das Wasser, und wenn es dabei, wo die Menschen vollgepfropft wie die Garben auf einem Erntewagen aneinander staken, mitunter ganz lustig herging, so gab es an anderen Orten wahrhaft herzzerreißende Auftritte, besonders in ebenerdigen Räumen, und zumeist in jenen Gegenden der Leopoldstadt die wenige Monate früher von der Kriegsfurie am schwersten getroffen waren. Mehl und andere Lebensmittel, Geräthschaften, auch vergrabenes Geld, was man in Eile nicht retten, ja ehe man es zu retten nur denken konnte, wurde unwiderbringlich von den Fluthen fortgeschwemmt. Ein Misverständnis steigerte die Verwirrung. Um in der in Bclagerungsstand versetzten Stadt nicht schießen zu müßen, hatte man auf den Basteien Signalstangen mit rothen Fahnen Ueberschwemmung — Orcan. 3 ausgcsteckt; da hieß es unter den Leuten: die Rcpublicaner hätten die Basteien erstürmt und die Kanonen vernagelt, so daß die Behörde für gut fand die mißdeuteten Wahrzeichen eiuzuziehen. Den ganzen 16. hindurch wuchs von Stunde zu Stunde die Gefahr, das Anschwellen der Fluth schien keine Gränzc zu finden, immer weiter griffen die wild brausenden Wogen in den verschiedenen Stadttheilen um sich, der Donau- Canal, die Wien waren zu tobenden Strömen, das Marchfeld, so weit das Auge reichte, zu einem mit Eisschollen bedeckten See geworden. Gegen Abend wurde man die ersten Zeichen beginnenden Sinkens gewahr, allein noch war man nicht am Ende aller Leiden. Am 17. schien sich die Witterung bessern zu wollen, doch am 18. regnete es wieder den ganzen Tag, was das Nebel viel ärger, weit anhaltender machte als jenes von 1830, wo der hohe Wasserstand nur 48 Stunden gewährt hatte. Mehr als eine Woche standen Höfe Magazine ebenerdige Wohnungen rechts und links vom Donau-Canal im nassen Elemente, als sich in der Nacht vom 23. zum 24. ein Nordweststurin erhob der von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zuuahm. Am 24. mittags begann der Orcan seine volle Kraft zu entfalten, der weilenweise etwas Nachlassen!), dann von neuem ausholend, mit nie erlebter Gewalt über die Wohnungen der Menschen hinraste, so daß sich, wer im Freien war, kaum auf den Beinen halten konnte. Es war ein Stöhnen und Heulen in der Luft, wie es sonst nur Schiffsleute auf offener See, fest an den Mastbaum geklammert, zu hören bekommen. Dazu das unaufhörliche Rollen losgelöster Dachziegel Schicfcrplatten Mauerstücke, das schrille Ausprallen derselben auf das Straßeupflastcr, der dumpfe Schlag umgestürzter Holzhüttcu Ständer oder anderer frei stehenden Gegenstände, das Geklirr eingedrückter Fensterscheiben, so daß es gefährlich war in den Straßen zu gehen. Vom Brunnen vor der Kirche zu Maria-Hilf wurde die winterliche Holzbedachung wcggerissen, ein fortsauscndes Stück traf einen Mann ins Gesicht, so daß er bewustlos zu Boden sank. Dachungen von Kupfcrplattcn wie am Josephstädtcr Theater, Theile der Blcchkuppel von St. Karl, des Thurmes der Minoritcn-Kirche wurden ausgcrollt und abgerissene Stücke davon, als ob es Fetzen von leichtem Zeuge wären, eine Weile in der Luft herumgezcrrt, bis sie oft weit von ihrem ursprünglichen Standorte zu Boden fielen oder au einem anderen Bauwerke als unwillkommene Draperien hängen blieben. Die aus Brettern gefügten Nothdächer der Hof-Bibliothek, der Museen, des Augnstiuer-Thurmes wurden herab- i* 4 I. 1. Die Reichshauptstadt. geworfen, so daß die Passage gesperrt werden mußte. Am Abend bot die Stadt einen grauenhaften Anblick: der Himmel von schwerem Gewölk verhangen; über das Glacis, über die Plätze, durch die Straßen pfiff und sauste und heulte der Sturm; die Verkaufslädcn geschlossen, alles öde und menschenleer, nur hie und da ein Soldat in seinem Schildhäuschen, das in seiner geschützteren Lage dem Toben der Elemente noch standgehalten; die Gasflammen fast alle erloschen, so daß Militnir- Patrouillen im Finstern aneinander stießen. In den Frühstnnden des 25. schien der Sturm seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Man hörte von umgcstürztcn Frachtwagcn, von niedergerissenen Gas-Candclabcrn. Ziegelstücke kollerten mit solcher Heftigkeit über die schiefe Fläche der Dächer herab daß manche in die Fenster gegenübcrstehender Häuser flogen und Leute in ihrem Zimmer Verletzungen davontrngen. Schrecklich war ans dem Glacis das Aechzen der vom Sturm gerüttelten und geschüttelten Bäume, bis der eine oder andere mit einem prasselnden Krach zusammenbrach. Nach 0 Uhr morgens begann der Sturm nachznlnssen, bis er am Nachmittag gänzlich aufhörte. Nun erst ließen sich die angerichtctcu Verwüstungen überschauen. In vielen der in westlicher und nordwestlicher Richtung laufenden Straßen, besonders in den Vorstädten, war das Pflaster mit Glassplittern Ziegel- und Schieferstücken übcrsäet. An Vcr- kaufsläden mit großen Auslagen sah man die Scheiben durch den Windstoß eingedrückt oder durch herabfallcnde Dachstückc zerschmettert. Von Verletzungen, darunter lebensgefährlichen, hörte man die Menge; die chirurgische Abtheilung im allgemeinen Krankenhanse war reich an „interessanten Fällen". Ein siebeuundsiebzig Jahre alter Mnsiklehrer Franz Patzak war auf dem äußern Burgplatze nicdcrgeworfcn worden und hatte einen Bruch des linken Schenkelhalses erlitten; ein Vater von sieben Kindern Johann Mclzer war in der Judcngasse von einem Ziegelstück getroffen worden und bewustlos niedergesnnken. Auch von Tödtnngcn erzählte man, von zwei Menschen die von einstürzendcn Schornsteinen erschlagen, von Mutter und Kind die am Donau-Canal in die Fluthcn geschleudert worden; das Kind habe mau noch retten können, die Mutter sei in den Wellen versunken. Von einem andern Falle wollte man wisse», wo eine Mutter mit ihrem Kinde in den Armen von einein hcrabstürzendcn Dachziegel getroffen worden, der dem Kinde den Schädel gespalten und die Mutter so schwer verletzt habe daß sic nach wenig Stunden den Geist aufgcgebe». Orca» — Cholera. 5 Die Hochwasser der Donau und ihrer Nebenflüsse waren inzwischen nicht überall abgelausen. Den Leopoldstädtern bereitete die riesige Eis- Barricade an der Ansmündnng des Donan-Canals fast ebenso große Noth als die Stein-Barricaden der letzten October-Tage. Um der in den Gassen, in ebenerdigen Wohnungen und weithin in Kellcrräumen noch immer hoch aufgestautcn Flnth einen Abfluß zu verschaffen, wurde eine Sappeur-Compagnie beordert die einen der Prater-Dämme durchstach; die Flnth sank rasch um acht Schuh, und um das Nebel gründlich zu heilen ging man daran den Damm vollends abzuwerfen, 27. Januar. Schleunige Entfernung des flüssigen Elements war noch aus einem be- sondern Grunde geboten. Schon in den letzten Wochen des vorigen Jahres war die asiatische Cholera sporadisch ausgetreten, hatte zuerst die Militair-Spitäler heimgesncht, aber auch einzelne Civil-Personen ergriffen. Nach den Ausweisen welche die „Wiener Zeitung" von Zeit zu Zeit veröffentlichte war weder starkes Umsichgreifen der unheimlichen Krankheit noch besonders heftiger Ausbruch und rascher Verlauf derselben bemerkbar; allein ob die nach der Wasserflnth zurückgebliebenen Ucbelstände, die naßkalten Wohnungen mit ihrer dumpfen Ausdünstung, hierin nicht eine Wandlung zum schlimmen bringen würden, war eine Frage welcher die neu errichtete nicderösterreichische Sanitäts-Commission und der Minister des Innern in Person große Aufmerksamkeit znwandten. Dem Grafen Stadion handelte es sich vorzüglich um Austrocknung der feuchten Räume sowohl in Privathänsern als in öffentlichen Gebäuden, für welche Zwecke ein damals neues Verfahren, nach dessen Erfinder Tiget benannt, mit besten: Erfolge in Anwendung gebracht wurde. Die ersten Proben wurden im Spital der barmherzigen Schwestern, dann in jenem der barmherzigen Brüder und im Strafhaus gemacht, während der Gemeinderath die Austrocknung von 1000 Geviertklaftern in den Wohnungen ärmerer Leute auf städtische Kosten übernahm. Der edle Stadion, der seinen Bürgermnth in dieser Richtung vor langen Jahren in Galizien erprobt hatte*), wurde nicht müde die getroffenen Anstalten in Augenschein zu nehmen, sich von der Zweckmäßigkeit derselben zu überzeugen; in Gesellschaft des Landes-Protomedicus Dr. Knolz besuchte er die Spitäler wo sich Cholera-Kranke befanden, befragte die Leidenden nach ihren Verhältnissen, nach den Anlässen ihrer Erkrankung, ließ sich auf das genaueste *) S. Bd. m S. 18 . 6 I. 1. Die Reickshauptstadt. über die ärztliche Leitung, über das Wart-Personale berichten, versuchte Speisen und Getränke, so daß Männer vom Fach über dieses furchtlose Verkehren in der Atmosphäre der Gefahr nicht genug Lobes hatten und der Referent im Gemeinderath Aloä. vr. Herm. Hier. Beer sich erbot, der hochherzigen Handlungsweise des Ministers eine eigene Denkschrift zu widmen. Da überdies die Sanitäts-Commisston beflissen war dem Publicum in gemeinverständlichen Belehrungen Vorsichtsmaßregeln an die Hand zn geben, so wurde das Umsichgreifen der Seuche glücklich beschworen, welcher im ganzen, die Militair-Spitälcr etwa ausgenommen, kaum mehr znm Opfer fielen als irgend einer andern der in größeren Städten von Zeit zu Zeit wicdcrkehrenden Krankheiten ')- An Wien hatte sich wahrhaftig der Satz bewährt, daß ein Unglück selten allein kommt; aber auch die mildthätigen Gaben, deren Einsammlung gleich in den ersten November-Tagen 1848 begonnen hatte, flößen reichlich. Der Obmann der städtischen Sammlungs-Commission Perfetta hatte bis zum 15. Januar 1849 nahezu 60.000 fl. ausgewiesen 2 ), als die neuen Unglücksfälle weitere Acte der Wohlthätigkeit wachricfen. An der Spitze stand mit den großartigsten Bewilligungen der jugendliche Monarch. Gleich bei seiner Thronbesteigung hatte er „für die Hilfsbedürftigen der Residenz" 200.000 fl. gespendet, die nach einer der Deputation des Wiener Ge- meinderathes gegebenen mündlichen Erklärung des Minister-Präsidenten Hilfsbedürftigen jeder Art ohne Rücksicht auf den Anlaß ihrer Verarmung zugcwendet werden sollten, und wovon infolge dessen nach Ge- mcinderathsbeschluß vom 19. Januar 150.000 fl. unter die Armen- Jnstituts-Vorsteher aller zum Wiener Armenbezirkc gehörigen 31 Pfarren vertheilt, die übrigen 50.000 fl. den durch die letzte Ucberschwemmnng verunglückten Bewohnern gewidmet wurden. Doch für diesen letzteren Zweck erfolgte eine neuerliche kaiserliche Verwillignng, laut welcher der Finanz-Minister ermächtigt wurde „auf Vorschüsse und Unterstützungen die erforderlichen Geldbeträge bis zum Belaufe von 500.000 fl. Conv.-M. nach Maßgabe des Bedarfes zu erfolgen" 3). Daneben wirkte das im September 1848 vom Handels-Ministerium niedergesetztc Comite „zur Unterstützung mittelloser Gewerbsleutc" durch Zuweisung ärarischer Arbeiten, durch Verabfolgung zum Handwerksbetriebe erforderlicher Werkzeuge oder Darleihung von Rohstoffen, durch Geldvorschüsse ohne Hypothek u. dgl. * V Entschädigung der October-Verluste? 7 Die wichtigste und weitestgreifcnde Angelegenheit in solcher Richtung bildete noch immer jene der Schadloshnltnng für die durch den October- Aufstand und dessen militairische Bewältigung verursachten Einbußen und Verluste, deren Gesammtbetrag nach den Erhebungen des Gcmeinderathes die Höhe von 4,102.892 fl. Conv.-M. erreichte; die Jägerzeile allein trafen davon l,880.722 fl. Die Väter der Stadt befanden sich in fortwährendem Gedränge der Ersatzforderungen und Vergütungsansprüche die an sie gestellt wurden, und wanden sich so viel sie konnten um sich diesen vielseitigen, mitunter unbilligen oder ganz unbegründeten Zu- muthuugen zu entziehen. Die städtische Körperschaft beschränkte oder widerrief geradezu Beschlüsse die von ihr selbst, freilich in anderer Zusammensetzung und in anderen Zcitvcrhältnissen, gefaßt worden waren; sie lehnte von vornherein jede Verantwortung für den außerhalb der Linien ungerichteten Schaden ab und wollte selbst rücksichtlich der innerhalb der Linien erlittenen Einbußen von keiner unbedingten Schadloshaltung wissen, da es sich nur um Unterstützungen nach Verhältnis Vergrößeren oder geringeren Dürftigkeit und nach Maßgabe der ciufließenden Sammlungsgclder handeln könne. Wo der Stadtrath gar zu arg ins Gedränge kam, wie etwa mit den Firmen Specker Wisgrill Mack Zinner *), deren Ersatzforderungen in die Millionen gingen und die im Verweigcrungs- falle mit gerichtlicher Klage drohten, mit den nach Wien zuständigen Rea- litätcn-Besitzern vor der Favoriten-Linie oder mit den Hausbesitzern am Hundsthurm die vom 28. zum 29. so hart mitgenommen worden waren**), da bestand der Gemeinderath nur um so entschiedener auf seiner Verwahrung „daß die Commune weder im Stande noch verpflichtet sei solche Schäden aus eigenen Mitteln zu ersetzen", erklärte sich aber bereit „den Antrag auf Ersatz bei jenen Behörden zu stellen die hiezu verpflichtet sind", oder sich wegen thnnlichster Vergütung „bei dem hohen Ministerium" zu verwenden^). Während es somit noch immer unentschieden blieb ob eine moralische Person und welche die aus den Verheerungen des Oktobers einzelnen Privaten zugcgangencn Verluste zu ersetzen habe, wurde im Minister-Rath der Beschluß gefaßt, 21. Februar, vorerst genaue Erhebungen der an militairischci», Aerarial- und Privat-Eigcnthum erlittenen Verluste pflegen und für diesen Zweck ch Maschincn-Fabrik Specker am Tabor s. Bd. I S. 191, 221 f., Matth. Wisgrill's Zimmermannsplatz, Ignaz Mack'sche Zucker-Raffinerie, Zinner'sche Fabrik ebenda S. 230, 239, 517 Anm. 2 ^). Bd. III S. 258. 8 I. 1. Die ReichShlmptstadt. eine gemischte politisch-militairische Commission zusammentreten zu lassen. Zum Vorsitzenden derselben wurde vom Kriegs-Ministerium der pcnsiouirte GM. Portenschlcig von Ledcrmaycr ernannt; über Aufforderung Wclden's bestimmte der Gemeinderath seine Mitglieder Dr. Zclinka und Kaltcnbäck als Vertreter der Commune in der Commission, 28. Februar"). Die öffentlichen Zustände Wiens litten noch immer unter den Nach- wehcn der vorjährigen Revolution. Nachforschungen Hausdurchsuchungen Verhaftungen gab es immer wieder von Zeit zu Zeit. Sie fanden mitunter in Begleitung van großen Spürhunden statt, die in der Wohnung des Gesuchten oder ihm nahestehender Personen, bei denen er Zuflucht gefunden haben könnte, alle Räume durchschnüffel» mußten. So geschah es n. a. einer dem Schriftsteller August Silberstein befreundeten Familie, wo überdies das Fräulein des Hauses, von der es hieß daß er zu ihr in einem ernsten Verhältnisse stehe, polizeilich einvcrnommcn und erst nachdem sich alle Bemühungen erfolglos erwiesen, ihren Eltern zurückgegeben wurde"), lieber eine große Anzahl von Personen war der Proceß noch in der Schwebe. Gegen die entflohenen Häupter wie Bem und Fenncberg, Haug und Hauck, Kuchenbäcker Hammerschmidt und Wutschel erging am 31. Januar seitens der Central-Militair-Untersuchuugs-Com- mission die Aufforderung sich „binnen längstens neunzig Tagen um so gewisser zu stellen, als sonst das Verfahren gegen dieselben in eontninaoianr durchgeführt werden würde" ^). Selten verging ein Tag wo die amtliche „Wiener Zeitung" nicht neue kriegsgerichtliche llrtheilc wegen Theilnahme am October-Aufstande bekannt machte. Im Gerede der Leute trafen aber diese Verlautbarungen nur einen Thcil dessen was wirklich geschah; man wollte bald von dieser bald von jener bekannten Persönlichkeit wissen die gefänglich eingczogen worden; man munkelte von geheimen Hinrichtungen in Hetzendorfs). Wahrheit wurde nichts geheim gehalten. Hinrichtungen kamen durch den ganzen Januar vier vor: am 23. und 27. au den Soldaten Andreas Kerschdorfer, Heinrich Morosck und Stephan Otrusina wegen Desertion und bewaffneter Theilnahme am Aufruhr"); dann am 27. an Vinceuz Wilhelm, Schneider von Profession und Lieutenant des steirischen Schützen- Corps, der fanatischen Anthcil an dem October-Aufstande genommen, in der Zeit darnach in Wirthshäuseru Schmähungen gegen den Kaiser, gegen den Ausnahmszustand und die denselben handhabenden Organe geführt und mit neuer Revolution gedroht hatte; auch waren in seiner Haussuchungen - Verhaftungen — Strafvollzug. 9 Wohnung eine Anzahl Waffen gefunden worden. Von Ende Januar lauteten wegen Theilnahme am October-Anfstnndc nur wenig Urtheile auf „Tod durch Strang", und diese wurden regelmäßig in Kerkerhaft, bei Soldaten in Schanzarbeit, mitunter auch „Gnssenlanfcn auf und ab" vier- bis zehnmal durch 300 Alaun umgcwandelt. Hingegen waren es Verbrechen anderer Art und neueren Datums, welche der Militair-Bchördc mehr als einmal blutige Strenge nbnöthigten. Am letzten Januar erschien eine abermalige Kundmachung des Civil- und Militair-Gonvcrncurs wegen Ablieferung vieler trotz wiederholter Mahnungen und Drohungen noch immer verborgen gehaltenen Waffen. Die Langmnth nnd Milde, hieß es darin, müßten endlich ihre Gränzen haben; es mäße nunmehr durch psychologischen Zwang erreicht werden, was sich im gütlichen Wege nicht habe durchführen lassen; er sehe darin einen Beweis daß der Gemcindernth, die Grundgerichte der Vorstädte sowie die Hanseigenthümer ihre Stellung, ihre Aufgabe, ihr Interesse nicht begriffen. „Ich kann diese Sorglosigkeit", fuhr Weiden fort, „nicht mehr mit demselben Gleichmnthe hinnehmen; ich darf nnd will sie nicht länger dulden, da ich mich im Gewissen verpflichtet halte für das Wohl der hiesigen Bewohner, das mir so sehr am Herzen liegt, zu sorgen." Er gestattete eine nochmalige achtnndvierzigstündigc Frist zur straflosen Ablieferung der Waffen, machte aber, falls nach dieser Frist irgendwo Waffen oder Munition gefunden würden, die betreffende Gemeinde dafür verantwortlich, über die er „eine Geldbuße von 1000 bis 20.000 fl. Conv.-M. nach der Lage der Umstände unnachsichtlich verhängen" werde*). Das scharfe Mandat verfehlte seine Wirkung nicht. Schon am Morgen des folgenden Tages fand man allerorts Gewehre Säbel Pistolen Degen auf den Straßen; die Allcebäume der Glacis waren damit behängt wie ein Christbanm mit Geschenken; den Röhrbrnnncn in der Rofrano-Gasse fand man mit Bajonnet Schwert und Lanze trophäenartig geschmückt; auf den Stufen von St. Karl lagen mittelalterliche Stücke, schwere Panzerhemden und Helme, offenbar aus der Plünderung des Zeughauses herrührcnd. In einer Straße legte einer sein mit Pulver überladenes Gewehr auf das Pflaster nnd eine brennende Lunte daneben, worauf es mit lautem Gekrache losging; der Mensch wollte entweder nur seinem Zorn Luft machen oder noch im letzten Augenblicke 1 Wr. Ztg. Nr. 28 vom 2. Februar S. 315 f. 10 I. 1. Die Reichshauptstadt. Schaden zufügen, was ihm indessen nicht gelang da glücklicherweise niemand getroffen wurde. Auch Adressen und Devisen fanden sich bei manchen Waffen, nichts weniger als schmeichelhaften Inhaltes für die Behörden. Immerhin aber kamen, aus freien Stücken oder ans entlaufende Anzeigen im Wege amtlicher Hausdurchsuchung "), binnen weniger als drei Tagen bei 2000 Stücke zum Vorschein, so daß der Gouverneur auf Vorstellung des Gemeinderathes einen weitern Termin bis 15. Februar setzte, mit dem Beifügen jedoch daß von da ab jeder, in dessen Besitz oder Verwahrung Waffen gefunden würden, unnachsichtlich erschossen werden sollte. Gleichzeitig traf der Gemcinderath Anstalten zu einer gründlichen und umfassenden Abgehung von HauS zu Haus sowohl der innern Stadt, die für diesen Zweck in 89 Bezirke von zehn bis zwölf Häusern ab- getheilt wurde, als in allen Vorstädten wo die Gruudgerichtc eine ähnliche Einrichtung zu treffen und die Grnndgerichtsbcisitzcr sowie andere Vertrauensmänner mit Beiziehung der jeweiligen Hausherren zu entsenden hatten"). Man mußte es dem Militair nachrühmeu daß von seiner Seite alles geschah Aufreizungen zu vermeiden, die Unannehmlichkeiten des Belagerungszustandes möglichst zu mildern, jedem unliebsamen Zusammenstoß mit dem Civil aus dem Wege zu gehen. Als bei einem aus dem Glacis abgehaltenen Manoeuvre ein Dragoner ein paar neugierige Zuschauer scharf nnritt und einem derselben mit einem Säbelhieb das Gesicht verwundete, ließ der General allsogleich den Mann ans dem Glied reiten und befahl strengste Untersuchung des Falles. Ein Garnisons- Befehl schärfte den Officicren wie der Mannschaft größte Höflichkeit gegen das Civil ein"). Das im Jahr der Ungebundenheit allgemein in Hebung gekommene Rauchen aus der Straße wurde stillschweigend gestattet, feuergefährliche Orte ausgenommen, wo sich aber der Wachposten ans eine höfliche Mahnung des Vorübergehenden zu beschränken hatte, sich keinerlei Thätlichkeit, wie Wegnahme der Zigarre oder Pfeife, heraus- nehmcn sollte. Hinsichtlich der Wasfenablicferung machte der Gouverneur das weitere Zugeständnis daß auch nach dem 15. Februar jeder, der bisher verborgen gehaltene Waffen oder Munition freiwillig hcrausgcben würde, straffrei ausgehen sollte. Allein durch alle diese wohlgemeinten Verfügungen ließ sich der böse Geist nicht bannen, der in gewissen Köpfen noch fortwährend sein Unwesen trieb. Immer wieder kamen Fälle von aufreizenden Reden, Schüße auf Wachposten und einzelne Soldaten. 11 von frevelhaften Ansbrüchen gegen die Person des Monarchen, gegen das Militair nnd die waltenden Behörden vor. Hausierer mit Darstellungen aus der Revolutionszeit wurden betreten, Leute mit sedern- gcschmückten Nationalgardekappen zeigten sich auf offener Straße. Auch andere Acte sträflichen Muthwillens, wie das Abbrcnnen von Raketen, von gefüllten Granaten u. dgl., kamen vor, nnd das empörendste von allem, Angriffe auf vereinsamte Schildwachen, deren Thätern man vergebens auf die Spur zu kommen suchte, ließen die Militair-Bchörde sowie deil besser gesinnteil Theil der Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen. In der Nacht vom 19. auf den 20. Februar erlitt in Neu-Lerchenfeld ein Soldat durch einen meuchlerischen Schuß eine Verwundung, die ein paar Tage später einen tödtlichen Ausgang hatte. In der Dunkelheit zwischen 7 und 8 Uhr am 24. schloß sich in der Nähe des Schwarzspanier-Hauses dem in die Alscr-Caserne zurückkehrcnden Soldaten Franz Klubant vom Landwehr-Bataillon Wocher ein Mann an, der mit ihm in gebrochenem Deutsch ein Gespräch anknüpfte; als sich ihre Wege trennten fiel hinter dem Soldaten ein Schuß der ihn in den rechten Unterschenkel traf; der Fuß mußte ihm abgenommcu werden, am dritten Tage erfolgte der Tod. Es war dies der dritte Fall in einem und demselben Bataillon, dessen Leute dadurch in eine kaum zu bändigende Wuth versetzt wurden; die folgende Nacht stand die ganze Alser-Caserne unter Waffen, wo es nur der aufopfernden Anstrengung der Officierc, an der Spitze des Generals Frauck, gelang einen Losbruch der erbitterten Mannschaft hintanzuhalten"). Aber stets wieder ereigneten sich Vorfälle solch heimtückischen Charakters, nnd weil dieselben den Beweis lieferten daß allen Befehlen, allen Mahnungen und wohlmeinenden Vorstellungen zum Trotz noch immer Waffen und Schießbcdarf in Bereitschaft lagen, beschloß der Stadt-Gouverneur das wirkungslos gebliebene Wort zur abschreckenden That werden zu lassen. Am 29. Februar war ein „vacirender" Tischlcrgesclle Alois Hüsiuer aus Aschaffenbnrg mit seinem Unterstands- geber in Streit gerathen, hatte einen zweischneidigen Stockdcgen hcrvor- geholt und war mit demselben auf den Miethshcrrn losgcgangcu, der sich erst nach langem Ringen und unter Mithilfe eines herbeieileudcn Nachbarn des tödtlichen Angriffes erwehren konnte. Doch nicht um dieses Attentates willen wurde Hüsiuer verurthcilt, obwohl erwiesen wurde daß er einige Zeit früher die abgebrochene Spitze des Mordwcrkzcuges neu zugespitzt und geschliffen hatte: das einhellige Verbiet des Militair-Ge- 12 I. 1. Die Reichshauptstadt. richtshofes lautete auf den Tod durch Strang „wegen Waffeuverheim- lichuug" und wurde am 22. um 8 Uhr morgens unnachsichtlich vollzogen. Am 26. erfolgte aus demselben Grunde die Hinrichtung des Isidor Matzka, Kutschers bei Herrn vouNako, bei welchem sich eine geladene Pistole mit Munition vorgefnndcn hatte, am 28. die des Martin Pauser aus Opalic in Böhmen, der eine ans der Plünderung des Zeughauses herrührende Reiter-Pistole nebst Pulver und einigen frisch gegossenen Kugeln ans dem Dachboden seines Dienstherrn unter Häckerling verborgen gehalten. So nahe die Bermuthung lag, und so viel auch im Publicum davon gesprochen wurde, daß man in einem oder dem andern dieser Fälle eines der nächtlichen Uebelthäter habhaft geworden sei, Gewißheit erlangte man darüber keine, so daß sowohl der Gouverneur als der Wiener Gemeinderath Preise von 100 Ducaten, von 100 bis 1000 fl. für denjenigen aussetzten, der einen Attentäter auf frischer Thnt ertappen oder auf dessen Spur führen und zur Festnahme desselben verhelfen würde "). Mit Kundmachung vom 27. Februar erfolgten verschärfte Maßregeln für die Handhabung des Belagerungszustandes; das Standrecht, „bei welchem in der Regel die Todesstrafe durch den Strang oder durch Pulver und Blei eintritt", wurde auf sieben Fälle ausgedehnt: Waffen- verheimlichung, Verleitung eines Soldaten zum Treubruch, wörtliche oder thätliche Beleidigung einer Schildwache, Widerstand gegen die bewaffnete Macht oder Aufforderung dazu rc. Dahingegen sollten dem kriegsrechtlichen Verfahren unterworfen sein: Theilnahmc an der Versammlung eines politischen Vereins, Verbreitung von Placaten, bildlichen Darstellungen, Flugschriften ohne behördliche Bewilligung, das Tragen von Uniformen oder Abzeichen der aufgelösten bewaffneten Corps der Nationalgarde oder akademischen Legion u. a. m. *). Um diese Zeit erhielt die Wiener Garnison eine Verstärkung. Außer einer Abtheilung Reiterei und mehreren Raketen-Geschützen rückten bei 3000 LereLaner und Oguliner-Gränzer ein. Die Leitung der Stadthauptmannschaft übernahm der bisherige Linzer Polizeidirector Nos von Nordberg mit Emil Gerard von Festenbnrg als Vice-Stadthauptmann zur Seite. * H * *) Wr. Ztg. Nr. 51 vom 1. Marz S. 593 f. FML. Baron Weiden. 13 So war denn gegen das Frühjahr 1849 das Aussehen von Wien kaum minder düster und trüb als die Stimmung seiner Bewohner. Militairische Streiswachen zogen Tag und Nacht durch die Straßen der Stadt, Sorgen und bange Ahnungen zogen durch die Gemüther der Menschen. Die Garnison und die Bevölkerung sahen dort voll Mistraucns hier voller Besorgnisse auf einander. Schon sprach man allen Ernstes von einem Gcheimbunde mit der Parole, daß für jede kriegsgerichtliche Verurtheilung ein Soldat zur Vergeltung fallen müße. In den Vorstädten, die aus dem letzten Jahre ob ihrer radikalen Gesinnung bekannt waren, sah mau des Abends selten einen einzelnen Soldaten, es gingen ihrer meist mehrere truppweise zusammen; die Officiere murrten laut gegen den Gouverneur daß er nicht durch drakonisches Vorgehen das Leben und die gesunden Glieder seiner Leute zu schützen wisse. Vielfach meinte man die Ungarn hätten die Hand im Spiele; es sei darauf abgesehen Erbitterung zwischen Civil und Militair, aber auch Zwiespalt unter den verschiedenen Truppenkörpcrn hervorzurufcn, von denen die einen durch die Attentate die sie nach einander träfen in eine so gefährliche Stimmung versetzt würden, daß sie durch die andern znrückgchaltcn werden müßten um nicht losznbrcchen. Mit aufrichtigem Bedauern sah sich der Civil- und Militair-Gon- verneur auf seine Bajonnctc und Kanonen angewiesen, ohne in den bessergesinnten Thcilen der Bevölkerung eine ausgiebige Unterstützung zu finde». Er suchte den Grnud dieser letzter» Erscheinung theils in Krcmsicr theils jenseits der Gränzen des Kaiserstaates, namentlich in Paris als dem Mittelpunkt und Herd aller großeuropüischen Unzufriedenheiten und Um- stnrzpläne. Er war darum für Organisiruug einer Staats-Polizei, deren Dienste vorzüglich der politischen Abtheilung der Central-Untersuchungs- Conunission unter GM. Wilhelm von Langenau zustatten kommen müßten; die Entlohnung ihrer Agenten sollte sich, meinte er, nach den Erfolgen ihrer Spürthätigkeit richten, lieber den Reichstag theilte Weiden die Ansicht des Fürsten Windisch-Grätz daß durch die in Kremsicr gehaltenen Reden Anträge Interpellationen stets neuer Zündstoff in die Gemüther namentlich der „sich so nennenden rechtlichen Elaste der Bevölkerung" gebracht werde, deren Haltung, statt seine wohlmeinenden Absichten zu fördern, denselben vielfach feindselig oder doch mistrauisch entgcgentretc. „Wie wäre dies auch anders möglich", klagte er nach Ofen, „wenn ein elender Kerl wie Fischhof im Reichstage solche Reden halten darf die zu Mord 14 I. 1. Die Reichshauptstadt. und Brand auffordern und dort den größten Beifall finden! Von dort geht demnach die hiesige Aufregung, von dort gehen alle Mordversuche auf unsere Soldaten aus. Man fordert zu irgend einer Gewaltmaßregcl heraus, damit vielleicht, wenn einige Unschuldige darunter leiden, umsomehr die Soldaten-Tyrannei angcklagt werden könne"*). Das Maß der Ucbel vollznmachcn, mochte sich Weiden denken, fehlten nur die Studenten! Das Unterrichts-Ministerium, dessen sichtbares Oberhaupt Graf Stadion, dessen thatsächlicher Leiter Unterstaats-Secretär Helfert und dessen Seele Ministerialrath Exner war, hatte von allein Anfang auf Wiedereröffnung der Wiener Universität hingearbeitet, wovon Melden lang nichts hatte wissen wollen, bis er zuletzt seine grundsätzliche Einwilligung gegen dem gegeben: daß die Vorlesungen erst nach Ablauf des Rcvolutionsjahres beginnen; daß dem besonderen Waffendienste der Studenten ein Ende geinacht und folglich die akademische Legion aufgelöst und die Befreiung der Studierenden vom Kriegsdienste aufgehoben werde; daß nur österreichische Staatsangehörige, und zwar zu den juridischen Studien nur solche aus den beiden Erzherzogthümern, zu den mcdicinisch-chirurgischen und philosophischen gar nur aus Nieder-Oester- reich, Studierende aus andern Kronländern aber nur ausnahmsweise zugelassen werden; daß endlich bei der Ausnahme unter allen Umständen auf gute Sitten und tadelloses Benehmen während der „Schandperiode" zu achten und dieser Punkt „mit aller Strenge durchzuführen" wäre. Mit Einhaltung dieser Vorsichten und Beschränkungen war dann von Stadion der »Wiederbeginn der Universitätsstudien für den Monat Februar 1849 in Aussicht genommen worden**). Als nun aber im Januar das Unterrichts-Ministerium ans diesen Gegenstand zurückkam erklärte der Militair- und Civil-Gouvcrneur, er könne die Einschreibung der Studierenden den akademischen Behörden allein nicht überlassen, und wurden diese somit angewiesen die Listen der Jnscribirtcn der Stadt-Comman- dantur vorzulegen, 21. Januar. Mit dem Vollzüge dieses Befehles zog sich die Angelegenheit neuerdings in die Länge, und nicht früher als am 1. März gab Weiden seine große Befriedigung über die Gewissenhaftigkeit zu erkennen mit welcher die akademischen Behörden bei der Vornahme der Einschreibung vorgegangen seien; von 400 Jnscribirten hätten G. Wolf A. d. Revolutionszeit (Wien Holder 1885) S. 86 s. 96 f. **) Melden an Stadion 22. December, Erlaß Stadion's 28. December 1848; G. Wolf Der neue Universitätsbau in Wien (Wien Holder 1882) S. 17—21. Wiedereröffnung der Wiener Universität? — Club der Vertrauensmänner. 15 nur 10 der Lycealclassen und 14 der inedicinischen Facultät und Thier- urzueikuude wegen Theilnahme an der akademischen Legion und ultra- radicaler Gesinnung allsgeschieden werden müssen*). Nun erhoben sich aber Schwierigkeiten anderer Art. Die alten Universitäts-Gebäude, Aula und Stadt-Convict sammt den anstoßenden dem akademischen Gymnasium gewidmeten Räumlichkeiten, waren seit dem Einmarsch der k. k. Truppen nicht blos von diesen besetzt, sondern hatten dieselben darin mancherlei Umballten vorgenommen, die Wohl ihren Bedürfnissen, aber durchaus nicht den Unterrichtszwecken zusagten. Nun wurde zwar gegen Eigenmächtigkeiten solcher Art von der obersten Unterrichtsbehörde Einsprache erhoben und Baron Weiden ersucht, es möchte bei derlei Maßnahmen nicht nach dem alleinigen Ermessen der Stadt-Commandantnr vorgegangen werden**). Allein in der Hauptsache war damit nicht geholfen, da sich gar nicht daran denken ließ daß das Militair die Aula jetzt schon, ja überhaupt während der Dauer des Belagerungszustandes, räumen und ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgeben werde. Es mußte also einstweilen den verschiedenen Studienzweigen anderwärts Unterkunft verschafft, und sollten die Theologen in das fürst-erzbischösliche Alumnat, die Mediciner und Chirurgen in das Josephinum verwiesen werden; für die philosophischen und juridisch-politischen Studien wurden Hörsäle und Laboratorien in einem Tracte des Theresianums ausfindig gemacht und zur Noth hergerichtet. So ganz ohne mitwirkende Beihilfe der einsichtsvolleren Elemente der Bevölkerung sollte der Stadt-Gouverneur auf die Länge denn doch nicht bleiben. Bereits um die Mitte Februar hatte eine Anzahl entschlossener Bürger bei ihm vorgcsprochcn und sich erboten, auf friedlichem Wege zur Herstellung und Erhaltung der Ruhe in ihrer Stadt thätig mitzuwirken. Mit Genehmigung Wclden's hatten sodann unter Vorsitz des Vice-Bürgermcisters Berginüller und unter Beiziehnng der Räthc des politischen Magistrates Sögner und Walter Berathungen statt- gefnnden, deren Ergebnis folgende Bestimmungen bildeten: „Eine Anzahl gutgesinnter Bürger vereinigt sich freiwillig zu dem Zwecke, in irgend einem bestimmten Bezirke über Aufforderung Seiner Excellcnz des Herrn Civil- und Militair-Gouverneurs zwischen ihm und ihren Mitbürgern als *') Wolf UniversitätSba», S. 22. **) Stadion an Weiden 10. Jannar 1849; Wolf a. a. O. S. 23. 16 I. l. Die Neichshauptstadt. Vermittler einznschreiten, um in vorkommenden Fälle» strengeren mili- tnirischen Maßregeln zuvorznkommen." Für diesen Zweck wären die Stadt wie die Vorstädte in möglichst viele und kleine Bezirke von höchstens zehn Häusern einzutheilen, für jeden Bezirk ein Vertrauensmann aufznstcllen und ein Verzeichnis derselben dem Gouverneur zu übergeben, „um in vorkommendcn Fällen die Wirksamkeit dieser Vermittler in Anspruch nehmen zu können, welche sodann »ach der von Sr. Exccllcnz zu ertheilcnden Information oder nach Maßgabe der obwaltenden Umstände ihre Aufgabe zu lösen hätten". Dieser „Bürger-Verein zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung", oder „Club der Vertrauensmänner" wie man ihn kurz nannte, sollte ohne schleppendes Formelwesen an Ort und Stelle, wo friedliches Einschreiten von Erfolg sein könnte, in das Leben cingreifen: kein Präsidium, keine Direction oder Ausschuß, keine Plenar-Versammlnngen, blos zeitweise Zusammenkünfte der für die einzelnen Stadtviertel und Vorstadtgemcindcn gewühlten Obmänner, um sich über die wirksame Durchführung ihres gemeinnützigen Unternehmens zu bcrathen und zu verständigen. Das vom 21. Februar datirte Programm wurde dem Gouverneur vorgelcgt und von diesem gntgehcißcn, wie es sich anderseits des Beifalls der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung Wiens erfreute '^). Doch die bösen Träume schwanden darum nicht. „Wer weiß was uns der März bringt?" In den untern Schichten der Bevölkerung war der Glaube allgemein, im März werde es „wieder losgehen". Das dümmste wurde geglaubt und weiter erzählt: Windisch-Grätz sei aus der Welt geschafft, es werde aber geheim gehalten; es sei darauf abgesehen die Wiener Garnison sammt und sonders zu erdolchen u. dgl. Man erzählte von roth geschriebenen Briefen als sprechenden Zeugen der unsichtbaren Vehme welche diese Drohungen zur Wahrheit machen werde. Fand es doch Giskra für nöthig von Frankfurt aus eine Erklärung abzugebcn daß nichts an dem Gerüchte sei: er beabsichtige „im Laufe des Monates Mürz nach Oesterreich zu gehen um in Verbindung mit einem ccntral-curopäisch-demo- kratischen Bunde an einer neuerlichen Erhebung in Wien mitzuwirken" *). Selbst unter den bessern Elasten bangte man vor der Wiederkehr der verhängnisvollen Jdus des März. Viele Familien suchten schon Ende Februar Landwohnnngen, weil sie der Ruhe in der Stadt nicht trauten Diesen Zustand der Reichshauptstadt als einen höchst ungemüthlichen, als Keil's Leuchtthurm 184V Nr. 11 S. 170. Wer weiß was uns der März bringt?! 17 eine» unerträglichen, ja abscheulichen hinzustellcn gaben sich die Radikalen alle erdenkliche Mühe. Habe man doch einen auffallenden Selbstmord ans dieser Ursache zu verzeichnen, den des Apothekers Schmidt in Lichten- thal, der sich, nachdem er zu Bekannten geäußert daß er eine» solchen Zustand nicht zn überleben vermöge, aufgchängt habc!^). Vergleiche man doch, ließen sich die „Grenzboten" über das „unfreiwillige Feiern der Weltgeschichte hier in Wien" schreiben, „den Belagerungszustand von Wien und Berlin, Welden und Wrangel, zwei W, aber wie verschieden! Während man in Berlin mit witziger Ungezogenheit den alten Zwing- hcrrn neckt und ärgert, bis endlich beide Parteien, Belagerer und Belagerte, zn lachen anfangen, erwartet Wien jeden Morgen eine tödtliche Begnadigung in der Zeitung zu lesen. Wenn ein feindliches Heer in einer eroberten Stadt so verfährt, einige Tage nach der blutigen Einnahme, so wird wenig dagegen zu sagen sein; wenn aber durch vier Monate in der Hauptstadt des Reiches in solcher Weise Recht gesprochen werden darf, so ist das eine Tyrannei die nicht mehr schreckt sondern empört"*). Die „Wiener Boten" fanden nicht Worte der Verdammung genug über „diese elende niederträchtige reactionäre Presse, ,Lloyd- ,Theaterzeitung ° ,Humorist ,GeißeU ,Wanderer^ ,FremdenblatU ,Wiener Zeitnngh mit ihrem hündischen Gewinsel von ,Gesetzlichkeit Ordnung und Sicherheit, und wie die Ausdrücke alle heißen, die jetzt ebenso bis zum Ekel in jedem Aufsätze Vorkommen, wie früher in den radicalen Blättern ,Reactioit, ,Camarillt und all die andern Ausdrücke die ihrerseits auch geeignet waren Langeweile zu erregen". Dabei ließen die „Wiener Boten" mindestens die „Oest. Ztg." Schwarzer's gelten „die noch ziemlich freisinnig ist", während die „Ostdeutsche Post" sich seit ihrem Mieder-Erscheinen „ganz geändert" habe und „jetzt ganz farblos" sei. **) Vor Etienne aber, der sich im „Lenchtthurm" Keil's wüthig geberdete, fanden weder „der weichherzige Liberalist Kuranda" noch „der ehemalige Arbeiterschlächter Schwarzer" Gnade, am wenigsten der letztere; „denn dieser verächtliche Mensch schachert mit Gedanken wie Trödler mit schlechter Waare. Der andere Quarck" (außer „Oest. Ztg." und „OstdeutschePost") „ist nichts als Schimpf Denunciation Lüge Speichelleckerei und sclavische Verworfenheit. Alle Laster und Auswüchse", schrieb er an einer andern Stelle, „alle Pest- *1 Grenzbote» 1849 I S. 409 ff. Kolisch Wiener Boten I S. 253. H els ert, Geschichte Oesterreichs. Ir. s. 2 18 I. 1. Die Rcichshauptstadt. beulen und Schamlosigkeiten, aller Sybaritismus gepaart mit roher Ge- waltthätigkeit werden würdig non Oesterreichs Heer und Wiens Spießbürgern repräscntirt" ^). Das war aber durchaus ohnmächtiges Geflunker. Denn solch unverbesserliche Störcfricde ausgenommen ging dnrch alle Kreise Wiens ein tiefes Fricdensbedürfnis, dessen Sättigung man einzig von dem Ministerium erhoffte, das dem jugendlichen Monarchen berathend und ausführend zur Seite stand. Auf den Reichstag baute kein Mensch mehr. Wien hatte, seit der Sitz desselben weit weg „in die Provinz" verlegt war, seine besonderen Beschwerden gegen ihn. „Der Reichstag ist die nächste Veranlassung des Unglückes das die Stadt im October getroffen, und nichts hat er gethnn dasselbe zu lindern; nicht einer der vielen Interpellanten hat einen Antrag zu Gunsten der Reichshanptstadt, zu Gunsten der vielen Verführten gestellt, die nur dadurch ins Verderben gekommen sind weil sie sich an die Aussprüche des Reichstages gehalten" Aber auch in der großen Gestaltnngsfrage, deren baldigste Lösung alle bessern Elemente herbeisehnten, erwartete man vom Reichstage nichts. Es war ein Zustand des Unentschiedenen, des Ungeordneten, des Haltlosen, den, wie mehr und inehr klar wurde, die unpraktische Versammlung durch ihr aussichtsloses Arbeiten am Vcrfassungswcrk, durch ihr „Tändeln mit den Grundrechten" sich selbst bereitet hatte. Treffend lieh die „Ostdeutsche Post" der öffentlichen Meinung Worte, indem sie schrieb: „Seit Jahren ist kein Ministerium in Oesterreich so stark gewesen wie das gegenwärtige Cabinet. Das scheinbar mächtige Regiment des Fürsten Metternich hatte die Röthe der Kraft auf den Wangen und den Keim des Todes im Herzen, es starb an Altersschwäche. Die Minister, die zwischen dem März und November auf- und niederstiegcn, waren schwankende Schisser auf einem tobenden Meere. Das Ministerium Schwarzenberg-Stadion ist das erste seit vielen Jahren das festen Boden unter seinen Füßen fühlte. Mit Vertrauen kam ihm alles entgegen. Von unten und von oben, aus allen Schichten der Bevölkerung war man bereit zu Concessionen, von unten ist man es noch. Noch darf das Ministerium nur wollen und es kann. Aber cs muß wollen! Diese Windstille, die nun seit drei Monaten herrscht, hat das Schiff des Staates um keine Tanlänge weiter gebracht. Dabei verzehren sich die Vorräthe des Schisses, sinkt der Mnth der Mannschaft und der Skorbut nimmt überhand. Einen frischen Trunk, eine frische Quell — den armen Tom dürstet" 20). Bakunin's Aufruf a» die Slave». 19 Schr verblümt und sehr gewunden, vielleicht vom Schreiber selbst nicht so gemeint, liefen am Ende seine Worte doch auf keine andere Schlußfolgerung hinaus als auf eine Mahnung an das Ministerium Schwarzenberg-Stadion: Löset den unvermögendeil Reichstag auf und nehmt für eine Zeit die Zügel der Regierung allein in die Hand! 2 . Gegen Ende 1848 war in Deutschland eine Brochurc erschienen, die in den ersten Tagen des Jahres 1849 ihren Weg nach Prag gefunden zu haben scheint, mindestens erst zu dieser Zeit daselbst bekannt wurde. Sie hatte den aus seinem Vaterlandc, aber auch aus Berlin und Paris ausgewicscnen Russen Bakunin zum Verfasser*) und predigte mit nackten Worten die allgemeine Revolution für den Zweck der „Föderation der europäischeil Republiken", welcher „gegen die Conspiration der Despoten" gewaltsam Durchbruch verschafft werden müsse. An der Spitze dieser Conspiration stehe „Nicolai", dieser „holstein-gottorpsche Herrscher a»if slavischem Throne", dieser „aus der Fremde stammende Tyrann" (S. 21), und das mächtigste Bollwerk derselben sei Oesterreich das selbst Söhne des Slavcnstammcs zu unterstützen sich nicht entblödet hätten! Wer sei dieser JelaöiL, dieser südslavische Verräthcr an seinem Volke? „Ein österreichischer General, ein Jesuit an der Spitze abgerichteter Banden, die ohne eigenen Willen und ihres eigenen Zweckes vergessen seinen Befehlen folgen, ein Mensch dem nichts heilig ist, den keine Vaterlandsliebe, kein Gefühl für seine Nation beseelt, sondern nur der Eifer im Dienst einer verderblichen österreichischen Camarilla und der dieser Camarilla zu Gefallen bereit ist jedes Verbrechen zu begehen" (S. 15, 33). Denn die Erhaltung Oesterreichs sei die Ausgabe der europäischen Despotie, und die Zertrümmerung Oesterreichs müße darum die Aufgabe der europäischen Revolution sein. „Wie geschieht das? *) Aufruf an die Slaven. Von einem russischen Patrioten Michael Bakunin, Mitglied des Slaven-Congrcsses in Prag. Köthen, Selbstverlag des Verfassers, 1848; 8v°, 35 S. 2 « 20 I. 2. Böhmen und Mähren. Dadurch daß wir die jetzigen weit angelegten Plane des österreichischen Kniserhofes zu Schanden machen. Wie erkennen wir diese Plane? Wirschen was die Diener Oesterreichs thnn. Wer ist der Hauptdiener Oesterreichs? Windisch-Grätz. Wohin geht jetzt Windisch-Grätz? Nach Ungarn! Nachdem er Prag bvmbardirt und in Prag die Freiheit getödtet, nachdem er Wie» bombardirt und in Wien die Freiheit getödtet hat, geht er nach Ungarn um auch dort die Freiheit zu tödten. Was haben wir demnach jetzt zu thnn? Es ist klar, wir müßen jetzt in Ungarn uns gegen Windisch-Grätz und für die Magyaren erklären" (S. 29). Diese Brochure druckte in der ersten Hälfte Januar die Zeitung der „Slovanskü Lipa" mit Auslassung einiger der allergrellsten Stellen, bei denen sie das Preßgericht fürchtete, in vier fortlaufenden Numern ab. Sie habe das, fügte die Rednction am Schlüße bei, für jene ihrer Leser gethan „die an politischer Lectnre Gefallen finden", und zugleich „damit sie überschwängliche Anssätze zu benrtheilcn lernen möchten"; die Brochure enthalte viel wahres, aber vieles sei stark übertrieben, „wie das was von der Vernichtung Oesterreichs, von der Allianz mit den Magyaren gesagt ist, so daß es jedem nur irgend verständigen Leser- leicht sein wird die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden" ... Das war nun ans den ersten Blick als eine blose Ausrede zu erkennen. Der Abdruck der Brandschrist war von der Redaction von Anfang sicher ganz anders gemeint; denn es gab in der „Slovanskä Llpa" genug Solcher die, wenn sie auch nicht gerade so dachten oder zu reden sich erdreisteten wie der landesflüchtige Russe, gewiß nicht ungern hörten was er ihnen in die Ohren rief. Allein ebenso gewiß bildeten Leute solchen Schlages einen geringen Bruchtheil des Ausschußes der „SlovanskäLipn" und des böhmischen Volkes überhaupt, dessen überwiegende Mehrheit von allem anderen als von Abfall und Umsturz etwas wissen wollte. Offenbar hatten die besfer denkenden Elemente schnell den bedauerlichen Mißgriff erkannt den die Redaction ihres Blattes begangen, und auf eine nachträgliche Abschwächung des Eindruckes gedrungen den eine so unerhörte Sprache, eine solche Entflammung der sträflichsten Leidenschaften in der Oesfent- lichkeit Hervorrufen mußte. Gleichwohl blieb der Rückschlag von der andcrn Seite nicht aus, und das um so weniger als gerade in diese Tage ein Ereignis fiel wie es in Wien allwöchentlich ein- oder zweimal wiederkehrte, in Prag aber eine fast unbekannte Sache war. In der Nacht Bakunin's Aufruf an dic Slaven. 21 vom 17. zum 18. Januar fiel auf die Schildwache bei dem Holzgartcn nächst der Kettenbrücke ein Schuß der ihm den kleinen Finger an der linken Hand bei der Wurzel zerschmetterte und auch den Zeigefinger verletzte; zwei Herren, auf den Lärm herbeieilend, brachten den Soldaten auf die Wachstube der Onjczder Caserne, während der Posten bei den Bastei-Geschützen einen Menschen mit einem Gewehr über der Schulter sich eilig durch die Ketteubrückcngasse verlieren sah. Die Nachricht von dieseni Vorfall alarmirte alle Schichten der Bevölkerung um so mehr da in den Tagen darauf, wie es in derlei Fällen zu geschehen pflegt, Gerüchte von neuen Attentaten anftauchten, die sich glücklicherweise nicht bewährten. Es gab aber auch Solche die den Schuß auf die Schildwache und den Bakunin'schen „Aufruf" miteinander, und dann wieder mit den Ereignissen des letzten Frühjahres in eine gewisse Beziehung setzten und zum Nachtheil der ihnen verhaßten nationalen Partei ausbeutcten. Ein Artikel in Nr. 19 der „Prager Zeitung" fiel mit großer Gehässigkeit über die Brochurc und deren Wiedergabe in dem Organ der böhmischen Slaven her, um daraus die hochvcrrätherischen Tendenzen des Prager Slaven-Congresses und Juni-Aufstandes abznleiten, auf das gefährliche Wirken von Männern wie Palack/, Ritter von Neuberg, Graf Albert Deym, Karl Havliöck hiuzuweisen re. Inzwischen hatte der Staatsanwalt Beschlag auf die incendiairc Brochure gelegt, deren Verfasser, „dieser politische Russo-Ahasvcrus", für den Arm der einheimischen Gerichte unerreichbar war. Jetzt ertheilte auch der Ausschuß der „Slo- vanskä Lipa" seinem Redacteur einen Verweis daß er den Inhalt der Bakunin'schen Brandschrift in die Spalten seines Blattes ausgenommen, und setzte eine Commission zur Ausarbeitung einer an die „Prager- Zeitung" einzusendenden Widerlegung ihrer grundlosen Schlußfolgerungen und Verdächtigungen nieder 2i). Die „Slavischen Central-Blättcr" Jordan's warfen der Gegenseite nicht ohne Grund vor daß sie, welcher der Slaven-Congrcß von allem Anfang „ein Dorn im Auge" gewesen, „welche dic Slaven Oesterreichs nie als Nation anerkannt und nur als blosc Ausfüllungs-Elemente betrachtet hat", mit einem wahren Behagen über eine vereinzelt stehende Thatsache herfalle, um dieselbe zur Verunglimpfung des gesammten österreichischen Slaventhums, vor allem des Böhmenthums auszunutzeu: „man lauert auf die böhmische Nation von vielen Seiten ebenso wie man auf geeignete Nicdcrdrückung der Freiheit aufpaßt" 22 ). 22 I. 2. Böhmen und Mähren. Die Angelegenheit kam am 24. auch im Reichstage zur Sprache, wo Klaudy und Genossen — Brauner Presl öembera Strobach Jelen Jonäk Palack/ re., in allen: 40 böhmische Abgeordnete — an den Justiz-Minister die Anfrage richteten: „wann er, seiner vorlängst gemachten Zusage entsprechend, die Acten der Untersuchung in Betreff der Prager Juni-Ereignisse auf den Tisch des Hauses niederzulegen gedenke?" Verdächtigungen seien es gewesen „die eine Versammlung der allgemein geachtetsten Patrioten als einen Haufen Verschwörer hinstellten und die Hauptstadt unseres Vaterlandes unter das Kriegsgesetz brachten". Erst jüngst habe die amtliche Zeitung des Landes Böhmen „die für jeden gesunden Menschenverstand als unausführbares Phantasie-Gemälde erkennbare Flugschrift eines unberufenen Fremden" benützt „um mit vollen Backen die geachtetsten Männer unseres Volkes aus die unverschämteste Weise zu verdächtigen". Die Veröffentlichung der durch die Untersuchung erhobenen Thatsachcn allein wäre geeignet „jedes parteiisch einseitige Urthcil" zu widerlegen „und die ungerecht angetastete National-Ehre" wieder herzustellen. Das letzte Erkenntnis der Strafbehörde sei längst erfolgt. Von dem noch vor Beginn der Untersuchung „mit apodiktischer Gewißheit officiell behaupteten Vorhandensein einer weitverzweigten auf den Umsturz der Monarchie abzielenden Verschwörung ist ebenso wenig als von repnblicanischen Verschwörungen etwas hervorgekommen, und das Crimiual-Gericht hat nicht gegen einen Einzigen Grund zur strafgcricht- lichen Untersuchung gefunden" *). Großer anhaltender Beifall ertönte von den Bänken beider Seiten des Hauses, was nebenbei bemerkt seitens der Rechten begreiflich genug war, da ja die Rainen derselben insgesammt unter dem Schriftstück standen. In den Militairkreisen dachte man indessen über die Sache anders. In Folge des nächtlichen Ereignisses vom 17. zum 18. ließ das Prager Platz-Commando die Soldaten ihre Wachposten mit scharfen Patronen beziehen und beauftragte sie, wenn aus ihren Zuruf nicht sogleich Bescheid erfolgte, Feuer zu geben, eine Maßregel die man im Prager Stadtrathe „im tiefsten Frieden für ebenso ungerecht als gefährlich" erklärte und die den Bürgermeister veranlaßt beim Landes-Präsidium eine Vorstellung dagegen einzubringen. Graf Khevenhnller nahm aber die Sache viel ernster, und das gleiche geschah von Seite des Fürsten Windisch-Grätz. *) Sten. Aufnahme IV S. 540 f. Interpellation Klandy — Kaiser Franz Joseph in Prag. 23 Der Leiter des böhmischen General-Commaudos weilte wenige Tage nach dem Vorfälle am kaiserlichen Hoflager, wo er auf die Nothwendigkeit hinwies gegen die „Slovanskä. Llpa" kräftige Maßregeln zn ergreifen; man werde sogar die Auflösung derselben im Auge behalten, jedoch hicfür, da für den Augenblick keine Gefahr sei, den passenden Zeitpunkt ab- warten müßen Der Feldmarschall gab dem Landes-Commandirenden die Weisung, im Falle der Nothwendigkeit ohne weiters den Belagerungsstand sowohl in Prag als wo es sonst im Lande geboten sein sollte zu erklären. Am 29. Januar vormittags verbreitete sich in Prag plötzlich die Kunde, der junge Kaiser befinde sich znm Besuche seines Onkels ob dem Hradschin — er war um 6 Uhr morgens in Begleitung des Erzherzogs Wilhelm und des Herzogs von Modena mittels Scparat-Trains eingetroffen —, und alsbald strömte das Volk über die Brücke, die Garnison rückte mit klingendem Spiel zur Parade aus die Marienschanze; nachmittags war Empfang der Militair- und Civil-, der städtischen Behörden, abends Besuch des Theaters, am andern Morgen Rückfahrt nach Olmüz. Fürst Windisch-Grätz bedauerte lebhaft um den kaiserlichen Besuch nicht früher gewußt zu haben: er würde sich sonst erlaubt haben Se. Majestät zu bitten, statt eines freundlichen Empfanges des Bürgermeisters gegen den Prager Magistrat eine ernste Sprache zu führen und für den Fall fortdauernder Aufregung mit der Anwendung des Kriegsgesetzes zu drohen; „dies wäre von großem Effect gewesen; diese Leute müßen wissen daß sie ihr Treiben nicht mehr ungestraft fortsetzen können; aus dem Munde des Monarchen macht eine solche Warnung einen doppelten Eindruck" *). Sogar davon war die Rede — und Wiudisch-Grätz hatte allerdings den Gedanken nicht vollends ausgegeben — die Untersuchung wegen der Prager Jnni-Ereignisse, die im Sommer 1848 nur wegen des vom Reichstage geübten Druckes abgebrochen worden war, neuerdings aufzunehmen, da es sich dann, wie man militairischcrscits meinte, zeigen würde ob die Führer des Volkes, insbesondere Brauner, wirklich so un- betheiligt gewesen wie sie und ihre Parteigänger behaupteten^). Als im vergangenen October die große Prager Deputation bei Hof und bei der Regierung ein gutes Wort für Wien einlegen wollte, bekam sie unter anderem zu hören: „Prag selbst ist noch nicht ganz rein", und das ließ *) Wind, an Schwa. 2. Februar. 24 I. 2. Böhmen und Mähren. sich Wohl nach bis zur Stunde fügen. Im Grunde lag mit Ausnahme des mitternächtlichen Schußes nicht eine greifbare Erscheinung vor, an die sich begründete Besorgnisse knüpfen ließen; cs war nur eine gewisse Schwüle die den s. g. Gutgesinnten den Athem beklemmte und sie überall Schreckgespenster erblicken ließ. Das war nicht blos bei den deutschen „Siebenundscchzigern" der Fall; auch die Besonueueren der Natioual- partei, die eine Wiederkehr des Belagerungszustandes und der Kriegsgerichte fürchteten, gingen selbst in unverfänglichen Dingen jeder öffentlichen Kundgebung die zum Anlasse irgendwelcher Angehörigkeiten werden könnte ängstlich aus dem Wege. So kam es z. B. daß sich keiner der beiden Theile getraute das fünfhundertjährige Gründungsfest der Prager Hochschule, wie es sich wohl geziemt hätte, in feierlicher Weise zu begehen und daß das Hähnel'sche Standbild Karl IV. nächst dem Altstädter Brückenthurm in aller Stille, wie verstohlen, enthüllt wurde. Was in der Stadt ab und zu lauter von sich reden machte war die Studentenschaft, obwohl dieselbe ihre politische Bedeutung längst eingebüßt hatte. Eine Legion gab es nicht mehr, seit die Jünger der Wissenschaft bei unnachsichtlicher Ausschließung von den Studien ihre Flinten und Säbel hatten ausliefern und sich „bis zum Erscheinen des neuen National- garde-Gesetzes" an keinem Waffendienste sich zu betheiligen hatten verpflichten mäßen. Daß die Verwahrung beim Reichstage, die der Com- mandant Jaros diesem Ministerialbefehle gegenüber unter allgemeiner Zustimmung beantragt hatte, 11. Januar, keine Folge haben werde, konnte sich jeder selbst sagen; um so mehr da die Maßregel keineswegs auf Prag beschränkt war, sondern in allen Städten mit höheren Studien-Anstnlten, wo sich akademische Legionen gebildet hatten, durchgeftthrt wurde, ohne, so viel man vernahm, irgendwo einem Anstande zu begegnen. Die Studien waren nun an der alten Carolo-Ferdinandea wie am Polhtechnicum wieder ausgenommen, allein auch in diese spielten die Zeitereignisse und die großen Schlagworte des Tages immer wieder hinein. Den Studenten slavischer Zunge war es -einzig um böhmische Vorlesungen zu thun, und obwohl von Seite der Professoren wie von jener der Regierung alles geschah was sich als Anfang und erster Versuch thun ließ, war es jenen immer nicht genug. Der Advocat Dr. Joseph Friö behandelte das civil-gericht- liche Verfahren in böhmischer Sprache, der alte Schnabel drillte seine Zunge — er stammte aus dem deutschen Weseritz bei Tepl — zum Vorträge des Naturrechtes in den ihm ungewohnten Lauten; Dr. Wendelin Die Prager Studentenschaft. 25 Grünwald erhielt die vsnianr äoosiräi für österreichisches bürgerliches Recht in böhmischer Sprache. Die Einführung des letzter» ans seinen Lehrstuhl vcranlaßte einen recht garstigen Auftritt. Sie sollte am 24. Februar durch den Senior des Professoren-Collegiums, den würdigen und weltmännisch feinen Dr. Gustav Ritter von Kopctz stattfinden der, obwohl Dentschböhme von Geburt, die berechtigten Wünsche der slavischen Studenten mit Wärme verfochten hatte. Als er nun aber in der ihm allein geläufigen deutschen Sprache seine Ansprache begann, wurde ihm aus der Mitte der Studcuteu zugerufeu er solle es böhmisch thun, worauf Kopetz abbrach, in kurzen Worten sich gegen eine so unwürdige Behandlung verwahrte und unter lautloser Stille den Saal verließ, worauf der Kauzlei- Bcamtc der Universität das deutsch abgefaßte Ernennuugs-Decret zur Verlesung brachte. Grünwald, der mit begeisterten Släva-Rufcn begrüßt wurde, bemühte sich am Schlüße seiner Vorlesung vergebens seine Zuhörer zu einer Gcnugthnung für den Veteran der juridischen Professoren zu bewegen*). Die „Berufung zur Armee" auf Grund des Gesetzes vom 5. De- cember 1848 sollte im Laufe des Monats Februar in Gang gesetzt werden; auf Vorstellung der Behörden schob das Ministerium die Frist bis ans den 5. Mürz 1849 hinaus. Schon um die Mitte Februar machten sich in verschiedenen Gegenden Böhmens Umtriebe bemerkbar die gegen die neue Regiernngsmaßregel gerichtet waren: in Reichenberg und Umgebung, im Bcrauner, im Klattauer Pilsner Saazer Kreise**). „Wir wollen unsere Söhne nicht zur Schmälerung unserer Freiheit hergeben", sprächen, so hieß es, die Bauern; „wir werden nur gehorchen wenn der Reichstag die Recrntirung anordnet." Die Behörden kamen lithographirten Umlaufschreiben auf die Spur, die Dorfrichtcr, Zweigvereiue der „Slo- vanskä Lipa", einzelne Personen anonym empfingen und worin unter Schmähungen auf den Kaiser und die Negierung znm Widerstande gegen die Trnppenanshebung anfgcfordert wurde. Am Hradschin gab man sich den ernstesten Besorgnissen hin. Die Umgebung des Kaisers Ferdinand befürchtete blutige Auciuandcrstöße und dachte, um den gütigen Monarchen nicht znm Zeugen solcher Auftritte werden zu lasse», ernstlich daran ihn zu vermögen daß er einen lang gehegten Wunsch, seinen Neffen in Olmüz *) „Lloyd" Nr. 98 v. 27. Februar Morg.-Bl. **) Vgl. Bd. IV S. 199. 26 I. 2. Böhmen und Mahren. zu besuchen, jetzt zur Ausführung bringe, von wo er dann, nachdem alles glücklich abgelanfen, ans seinen Hradschiu zurückkehrcn könne*). Wenn man seitens der Regierung hinter jener Widcrspänstigkeit die „Slovanskä Lipn" argwohnte, so war das insofern nicht unwahrscheinlich als die Macht dieses Vereins und seiner den größten Theil des Landes umspanuendcn Verzweigungen in der That eine große war, so daß sie, um nur eins zu erwähnen, die Wahlen in den böhmischen Landesthcilen ganz und gar in ihrer Hand hatte; es kam, wo Sitze erledigt wurden, niemand in den Reichstag der nicht von ihr empfohlen war. Der Vereins-Ausschuß verwahrte sich aber auf das entschiedenste gegen die Anschuldigung daß er in jener Angelegenheit seine Hand im Spiele habe, und gab, den früher erwähnten Flugblättern gegenüber, die Versicherung niemals Schriftstücke ohne Angabe des Druckers zu versenden. Wohl aber benützte sie den vorliegenden Anlaß zu einer großartigen Mistraucns-Mauifestation gegenüber dem jetzigen Ministerium, das sie im Vergleich zu dem voraus- gcgangeneu in tiefsten Schatten stellte^). Die Widersetzlichkeit gegen die Truppcunushebung beschränkte sich übrigens weder auf die slavischeu Gegenden Böhmens noch auf das Königreich überhaupt. In vielen Gegenden Kärntens stiegen ernste Besorgnisse auf daß die Recrutirung auf mancherlei Hindernisse stoßen werde. In Krain war die Stimmung eine so gereizte daß sich aus Furcht mißliebig zu werden niemand zum Vertrauensmann bei dem Berlosungsgeschäfte hergeben wollte, so daß „Lloyd" den Zaghaften zurief: „Ihr habt das coustitutiouelle Princip gewollt und entzieht euch jetzt constitutionellcn Verpflichtungen!" Auch diese Angelegenheit kam im Reichsrathe zur Sprache, am 9. Februar von Schuselka, am 12. von Bilinski. Schuselka verlangte die Befreiung der Studenten vom Militair-Dienst; er wolle „nicht das unsterbliche Verdienst geltend machen das sich die Studierenden um die Befreiung und Verjüngung Oesterreichs erworben haben, obwohl die Völker wie der Thron dieses Verdienst anerkennen müßeu wenn sie nicht undankbar sein wollen"; aber darauf müße er Gewicht legen daß „unser in allen Zweigen neu zu gestaltendes Staatsleben einer großen Menge jugendlicher aus der neuen Zeit selbst hcrvorgegangcncn Geisteskräfte bedürfen" werde, denen man darum die nöthige Schonung angedeihcn lassen solle. „Viele der herrlichsten Jünglinge", rief er aus, „sind gefallen, viele geflüchtet, *) Griinne an Wind. 27. Februar 1849. Bevorstehende Truppenaushebung. 27 viele sind gezwungen oder freiwillig in die Reihen unserer Krieger eingetreten"*). Der galizische Abgeordnete von der äußersten Linken faßte die Angelegenheit im großen an, indem er das Vorgehen der Regierung Recrnten ohne Wissen und Bewilligung des Reichstages auszuheben, als eine alle verfassungsmäßigen Grundsätze verletzende Maßregel hinstellte. Die Recrntcn-Bewillignng gehe aus dem Begriffe des constitntionalen Staatswcsens hervor, wie denn auch die Charte vom 25. April 1848 Z 47 dieses Recht anerkannt habe. Warum denn das Ministerium an den Reichstag gehe so oft es Geld brauche? Es scheine fast „der Regierung sei an der Aufrechthaltung der constitntionalen Rechte nur dann gelegen wenn selbe zur Erzielung eines vorgestecktcn Zieles geboten wird, wie dies namentlich bei Contrahirnng einer neuen Staatsschuld der Fall ist""*). Die Interpellation Schnsclka's bezog sich, ohne daß es ausdrücklich gesagt war, zunächst aus die Studentenschaft Prags, wo in dieser Richtung viel geschürt und anfgereizt wurde. Den jungen Vorkämpfern verfassungsmäßiger Freiheit wollte es nämlich durchaus nicht in den Sinn daß sie sich gleich jedem andern Staatsbürger dem Lose aussetzen sollten die Muskete zu tragen. In einer Versammlung vom 1. Februar wurde eine Deputation gewählt, zwei Slaven und ein Deutscher, um in Olmüz das herkömmliche Vorrecht, daß Vorzugsclassen vom Kriegsdienst befreiten, wieder geltend zu machen. Nun hatte es aber im Schuljahre 1847/8 keine Vorzugsclassen gegeben, aus dem einfachen Grunde weil nichts stu- dirt und keine regelmäßigen Prüfungen abgelegt worden waren. Graf Stadion gab ihnen daher den Bescheid: wenn eine Begünstigung nach früherer Gepflogenheit Platz greifen solle, könne selbe nur solche Studenten treffen die das Schuljahr 1846/7 mit Vorzug absolvirt hätten. Inzwischen hatte es aber im Publicum nicht an Glossen gefehlt, wie es denn komme daß die akademische Jugend, die das ganze Jahr 1848 mit den andern Errungenschaften auch den Grundsatz der Gleichheit Aller vor dem Gesetze aus ihr Panier geschrieben, jetzt die erste sei ein veraltetes Privilegium in Anspruch zu nehmen. Die Studentenschaft hielt sich darum bemüßigt in dieser Sache eine öffentliche Erklärung abzugeben, die in einer im großen Caroliuum-Saalc abzuhaltcndeu allgemeinen Studenten-Ver- *) Stcn. Aufnahme V S. 46 f. »*) Ebenda V S. 68 f. 28 I. 2. Böhmen und Mähren. sammlnng bernthcn und angenommen werden sollte. Der Rector Magni- ficus wollte ihnen anfangs die Aula gar nicht öffnen lassen; über erneutes Andringen ließ er sich nur unter der Bedingung dazu herbei: erstens daß nicht geraucht werde, zweitens daß niemand ans die Bänke steige, drittens daß nur wirkliche Studenten als Teilnehmer zngclassen würden. Nun hatten aber die letzteren, was man bei der akademischen Behörde sehr wohl wußte, auf die Mitwirkung eines aus der Zeit der Pfingst-Ereig- nissc übel beleumundeten Nicht-Studenten gerechnet, ja waren vielleicht eben von diesem zu ihrem Schritte veranlaßt worden; als ihnen daher von Dr. Hofmeister die obigen Bedingungen eröffnet wurden, brachten sie dem Dr. Sladkovsk/ ein Hoch und gingen darauf ohne alle Debatte auseinander. Zu der beabsichtigten Ansprache an das Publicum scheint es nicht weiter gekommen zu sein; dagegen beschloß das Studenten-Comits eine offene Erklärung an das Ministerium, eine Vertrauens-Adresse an den constituirenden Reichstag, 19. Februar, und eine Dank-Adresse an den Abgeordneten Dr. Schuselka, 1. März. Mit letzterem verschüttete es der Ausschuß bei einem großen Thcile der slavischen Studenten, denen das „änssllca narn pass" in den Ohren klang, und es entstand darüber ein solches Murren daß der Ausschuß zurücktreten wollte^). In der Zeit da im fürsterzbischöflichen Saale von Kremsier ein großer Theil der „Grundrechte", namentlich das Versammlungs-, Vereins- und Petitions-Recht zum Beschlüße erhoben wurde, hatte Knedlhans-Liblinsk^ in der „Slovanskü Lipa" den Antrag gestellt dem Reichstag für seine entschieden volksthümliche Haltung, für sein männliches Auftreten das Vertrauen des böhmischen Volkes zu votiren, was in der Form einer mit Massen von Unterschriften versehenen Adresse stattfinden sollte. Der Antrag hatte allgemeine Zustimmung gefunden und war mit großen: Apparat und Aufsehen vor die Oeffcntlichkeit gebracht worden. Mit Ausnahme der der Firma Gottlieb Haase angehörigcn Blätter machten es sich alle andern, unter den deutschen besonders die „Constitutionelle allgemeine Zeitung" und das „Prager Abendblatt", beide geleitet von Guido Polz, zum Geschäft mit vollen Backen in die Posaune zu stoßen, Lobgesänge für den con- stituirendcn Reichstag anznstimmen, jeden für einen Vcrräthcr an der Bolks-Sonverainetüt zu erklären der sich nicht an der von der „SlovanskÄ Lipa" angeregten Kundgebung bethciligen würdet). Der Prager Hauptverein hatte um diese Zeit seine Leitung gewechselt^) und stand auf dem Höhepunkt seines Ansehens nnd Einflußes, seit in den beiden Central- Vertrauens-Adresse der „Slovanskä Llpa" an de» Reichstag. 29 punkten des österreichischen Süd-Slaventhums, in Agram und in Znra, zwei lebenskräftige Töchtervereinc in innigem Wechsclverkchr untereinander und mit dem Prager Borbildvercin eine vielverheißcndc Thätigkcit entfalteten. Die Adresse der „Slovanskä Lipa" prangte, von Hunderten von Leuten umstanden, an allen wichtigeren Straßenecken von Prag; die Räumlichkeiten der „Slovanskä. Lipa" und der „Närodnl Novinh", mehrere Buchhandlungen, die Gaststube Peter Faster's und andere Orte in den verschiedenen Stadtthcilcn standen zur Einzeichnnng offen; alle Töchtervcrcine auf dein Lande erhielten für den gleichen Zweck Exemplare zngesandt. In Wien und Olmüz, sowie im großen Haupt-Quartier zu Ofen nahm man es sehr ungnädig auf daß die Prager Behörden, der Landes-Ches an der Spitze, diesem Treiben ruhig zusähen; allein was ließ sich, da der Schritt, dem anerkannt forttagenden Reichstage sein Vertrauen zu bezeugen, nicht ungesetzlich, das Petitions- und Associations-Recht erst jüngsthin grundrechtlich bestätigt worden war, mit einiger Berechtigung dagegen sagen und einleiten? Die Unterschriften zur Adresse wuchsen von Tag zn Tag. Bis zum 23. Februar zählte man aus 180 Gemeinden 14.500 Unterzeichner; die in Prag aufliegcnden und von Haus zu Haus umlaufenden Exemplare enthielten, so wollten einige wissen, zur selben Frist bereits 25.000 Namen. Die „Slovanskä Ltpa" richtete auch an den „deutschen Verein" die Aufforderung sich der Adresse anznschließen, empfing aber eine ablehnende Erwiderung: einmal sei man, hieß es, mit dem Wortlaut nicht durchaus einverstanden, und dann habe der deutsche Verein schon vor Monaten dem in den Tagen der höchsten Gefahr in Wien ausharrenden Reichstage sein Vertrauen zu erkennen gegeben. Das Vertrauens-Votum für den Reichstag war ein iudirectcs Mis- traucns-Botnm für die Regierung; die Anwendung auf die bevorstehende Recrutiruug ergab sich daun von selbst. In der That vernahm man aus dem Prachincr Kreise von Gemeinden die entschlossen seien die Necruti- rung zu verweigern, weil dieselbe nicht vom Reichstage, sondern „blos" vom Ministerium angeordnet sei; cs sei zu hoffen, ließen sich Prager Stimmen vernehmen, daß dieses Beispiel in andern Theilen des Landes Nachahmung finden und den augenscheinlichen Beweis für die Volks- thümlichkeit des Reichstages liefern werde. Das trat auch ein; aber merkwürdigerweise war gerade in einigen deutsch-böhmischen Gegenden die Auflehnung am bedrohlichsten, ein Beweis daß die Schuld davon die „Slovanskä Ltpa" jedenfalls nicht allein traf. Auch richteten die böhmischen 30 I. 2. Böhme» und Mähren. Reichstags-Abgeordneten von Krcmsier aus eine Ansprache an ihre Wähler, die sie in ruhigem gemäßigten Tone abmahnten sich gegen das Gesetz zu stemmen, weil fortdauernde Widcrspänstigkeit die Verhängung des Mar- tial-Gesetzes nach sich ziehen könnte*). Die Aufregung im Lande, der theils activc theils passive Widerstand dauerte aber fort. Die amtliche „Prager Zeitung" brachte Numcr für Numer amtliche Aufforderungen an die Militair-Pflichtigen sich zu stellen; das Blatt vom 28. Februar enthielt allein von der Herrschaft Pardubic ein Verzeichnis von 1024 losnngsflüchtigcn Insassen. Im Norden von Böhmen kam es zu gewaltsamen Auftritten. Es herrschte unter den Leuten der Argwohn daß die Aemtcr es nur auf die ärmeren Dienstpflichtigen abgesehen hätten, die Söhne der besseren Stände dagegen bei der Verlosung durchschlüpfcn ließen; alles Zureden und Aufklärcn war umsonst. In Pomeisl und Hagensdorf bei Komotan mußten die zur Vornahme der Verlosung bestimmten Beamten die Flucht ergreifen; in Saaz fand man es gerathcn die Vornahme der Amtshandlung zu verschieben, aus Komotan wurde Militair-Assistenz rcgnirirt u. dgl. m. In der Hauptstadt selbst hatte es nicht an aufregenden Placatcn lind Zeitungs-Artikeln gefehlt, ein Blatt vom 28. Februar hatte ganz offen auf die Glorie der Husiten-Zeit hin- gewiesen; es waren Unruhen für den bestimmten Tag ungesagt. Den ganzen Vormittag des 5. März umstanden Hunderte von Leuten das Altstädter Rathhaus, während größere Schaarcn die Hauptstraßen der Stadt durchzogen; allein es schien fast als ob es das wunderschöne Wetter sei das sie zu derlei Spaziergängen aufforderte, lind das zugleich begütigend auf die Gemüther wirkte so daß der gefürchtete Tag ohne die mindeste Störung verlief. Daß dies geschah war sicher nicht das Verdienst des Prager Stadt- rathcs und seines Vorstandes des Bürgermeisters Dr. Wanka, denen man vielleicht viele Dinge nachrühmen konnte, aber gewiß nicht Muth der Ueberzeugung und Festigkeit des Wollens. Sie lavirten nach oben und lavirten nach unten, wollten es nicht mit den Behörden verschütteil, aber eben so wenig mit der Volksgunst, und hatten nebstbei mit fortwährenden finanziellen Nöthen zu schaffen. Trotz der günstigen Operation mit dem städtischen Papiergeld ä. 10 und 20 Kreuzer**) wurde das Deficit *) Datirt vom 22., abgedruckt Nur. Nov. Nr. 49 vom 27. Februar. »«) Bd. II S. 339 s. Peter Faster. 31 immer größer, vhne daß sich Mittel findcit ließen cs zu decken. Zuletzt verfiel man darauf sich au den Monarchen mit der Bitte zu wenden den „größtcntheils durch Schuld der Kronbcamten entstandenen Ausfall in den städtischen Finanzen" durch ein Allerhöchstes Geschenk zu decken. Das erreichten sie zwar nicht, Wohl aber einen Vorschuß von 100.000 fl., dessen nähere Bestimmungen Nachfolgen sollten. So kam der März heran, die Jahresfeier jener Ereignisse im St. Wen- zelsbnde, von denen man den Umschwung aller Verhältnisse in Böhmen, ja der Monarchie herzuschrciben liebte. Damals war ein Mann viel genannt und gefeiert worden, dessen ganzes Verdienst sich ans eine ausgiebige Lunge und eine eiserne Stirn beschränkte, welche beiden Gaben ihn vortrefflich zum Mauerbrecher eigneten und wofür ihm in dem Sturm und Drang jener Tage eine „National-Belohnung" verheißen worden war. An diese Zusage wurden die Prager Stadtverordneten jetzt erinnert, und sie waren schwach genug sich, ohne den Titel des Anspruchs genauer zu untersuchen, zu dem Beschlüße herbeizufindcn: daß dem Peter Faster und seiner Gattin auf Lebenszeit, und bei deren Abstcrben ihren Kindern bis zum 24. Lebensjahr des jüngsten, der unentgeldliche Nutzgcnuß der Gastnahrung in dein s. g. Steiniz'schen Hause nächst dem Kleinseitncr Brückcnthurm überlassen werde, 7. März. Als man in der Stadt von diesem Beschlüße erfuhr, einer Begünstigung die im Geldwert!) ans 1300—1500 fl. Conv.-M. jährlich veranschlagt wurde, erhob sich von den verschiedensten Seiten heftiger Widerspruch. Es empörte die Gemeinheit des Mannes der sich seine als patriotisch gepriesenen Leistungen bezahlen lassen wollte wie ein Micthling, und nichts anderes als ein solcher war er am Ende! Zugleich fr»g man woher die Vertreter der Prager Stadt- gemeinde die Befugnis ablcitcten eine Belohnung im Namen der Nation auszusprcchen, und wie es dieselben anderseits rechtfertigen könnten der Gemeinde, deren bedrängter Casse sie eben erst auf außerordentlichem Wege aus der größten Verlegenheit hatten heraushelfen müßen, auf lange Jahre hinaus eine ergiebige Rente zu entziehen? 20 ) * Der mährische Landtag, der nun schon, allerdings mit vielen Unterbrechungen, nahezu acht Monate beisammensaß*), hatte sein Wirken durch '") Mährisches Landtagsblatt rc. Brünn Karl Winiker 1849; 44° 797 S. 32 I. 3. Die inner-österreichische» Länder. einen Beschluß gekrönt, der auf Antrag des Grafen Johann Alphons Serönhi^') einen auf alle Steuerpflichtigen aufzutheilenden Betrag von 120.000 fl. Conv.-M. für die Errichtung einer technischen Lehranstalt in Brünn widmete. Die Sitzung vom 24. Januar, in welcher dies geschah, war zugleich die letzte dieser parlamentarischen Körperschaft. Sie fand nicht unter Vorsitz des Präsidenten Professor Dr. Johann Koppel, der kurze Zeit vorher in Verstimmung über einen Landtagsbeschlnß sein Amt in die Hände Sr. Majestät znrückgelegt hatte, sondern unter dem Prä- sidenten-Stcllvcrtretcr Karl Vojkovsk/ Ritter von Vojkov statt. In einem mit allgemeinem Beifall anfgenommenen Schlußwort hob derselbe das einträchtige Zusammengehen der Abgeordneten beider Nationalitäten, durch welches so viele segenvcrhcißcnde Institutionen in Anregung gebracht worden, rühmend hervor und wies als Gegensatz auf das abschreckende Beispiel von Ungarn hin, das infolge der Mißachtung des Grundsatzes nationaler Gleichberechtigung brndermörderisch in seinen Eingeweide» wühle. „Lassen Sic uns demnach beide Nationalitäten pflegen! Lassen Sie die slavische Linde und die deutsche Eiche ruhig nebeneinander wachsen! Mögen sie ihre Zweige vereinigen, mögen sie eine Krone bilden, unter welcher unsere Kinder, seien sie slavischen oder deutschen Stammes, ruhig leben können!"*) 3. Unter die Angelegenheiten, die von Zeit zu Zeit die Geister in Prag beschäftigten, gehörte die Nationalgardc. Es gab allerdings Leute welche dieses Institut noch sehr ernst zu nehmen schienen. Im slavischen Thcil der Bevölkerung herrschte in der zweiten Hälfte Januar Siegesfrcude, weil nun in der gesammtcn Volkswehr das böhmische Commando cin- geführt war; das 6. Bataillon hatte sich am längsten gesträubt**), zuletzt hatte auch in diesem eine Mehrheit von 276 Stimmen gegen 55 gesiegt. Man wartete nur auf das Zustandekommen eines Nationalgarde-Gesetzes, „Lloyd" 1849 Nr. 47 v. 27. Januar Ab.-Bl. Aergerliche Polemik zwischen V. I. Rott und Dr. Rudolf Haase in der „Boheinia" Nr. 253—256. Nationalgarde. 33 und fand sich einigermaßen enttäuscht als auf eine Anfrage in Krcmsicr die Antwort kam, daß der Reichstag viel dringendere Geschäfte vor sich habe und daß höchstens bei Berathnng des betreffenden Paragraphen der „Grundrechte" einige Umrisse eines solchen Gesetzes zu erwarten seien. Man dachte jetzt an einen Congreß sämmtlicher Nationalgarden Böhmens, der im Monate März in Prag stattfinden und die gemeinsamen Interessen der Volkswehr des ganzen Landes berathen sollte. Doch das alles waren nur Versuche einen Scheintodten zu frischem Leben zu erwecken; in der Masse der Bevölkerung war das Interesse an der im März v. I. mit so großem Jubel begrüßten Errungenschaft in solchem Grade erkaltet, daß der Obcr-Commandant Brabec in einer Sitzung der Stadtverordneten seinen Entschluß ankündigte sein Amt niederzulegen, weil das Collegium dem Institute zu wenig Aufmerksamkeit und noch weniger Geld widme. Ja, dem Vorschlag des Congresses lag eigentlich die Wahrnehmung zugrunde daß das ganze Institut der Nationalgarde „nahe der Auflösung" sei^). So kam es auch daß der Streit zwischen Militair und Civil wegen der Hanptwache im Altstädter Rathhause, der Wochen hindurch mit so großer Erbitterung und Hartnäckigkeit geführt worden war, jetzt einer- ganz friedsamcn Lösung entgegensah. Der Dienst in der strengen Winterkälte hatte den Eifer der Volkswchrmänncr abgekühlt, und als am 21. Februar die Angelegenheit in der Sitzung der Stadtverordneten zur Sprache kam, fand man auf einmal daß das Wachchalten für die Nationalgardc eine Last sei die sie sich selbst unnöthigerweise anfgebürdet habe, während sich anderseits nicht leugnen lasse daß eigentlich das Militair auf den Besitz der Altstädten Hauptwache einen vollgiltigen Anspruch habe. Letzteres war ganz richtig^), und man durfte sich nur Wundern daß die Väter der Stadt so spät zu dieser Einsicht gekommen waren. Auch jetzt gab es zwar solche die den Handel als eine Ehrensache für die Bürgerschaft nn- sahe», und einer von diesen wußte, dadurch daß er vor der Abstimmung den Saal verließ und in Folge dessen die Versammlung beschlußunfähig machte, noch im letzten Augenblicke die Beilegung des langwierigen Streites zu verzögern. Wohl aus diesem Anlässe drang Brabec neuerdings auf seine Entlassung welche diesmal angenommen wurde. An andern Orten wo die große März-Errungenschaft nicht etwa im Belagernngsstand anfgegangen war, sah es mit ihrer Pflege nicht besser aus als in Prag. An die Stelle des übersprndelnden Eifers vom vorigen Jahre war eine Lauheit getreten die den untrüglichen Beweis lieferte H-lfert, Geschichte Oesterreichs. IV. z. 3 I. 6. Die inner-österreichischen Länder. .Ul daß man die ganze Geschichte satt hatte. Vergebens appellirte FML. Psalter in Brünn an das Ehrgefüht der waffenfähigen Bürgerschaft, an das Ehrgefühl der Einzelnen „durch Vernachlässigung ihrer Pflichten die Achtung ihrer Kameraden nicht einznbüßcn", beauftragte die Hauptleutc „jedem der in ihre Compagnie eingercihten Herren Garden diesen Befehl gegen Bestätigung mitzntheilcn" und sich in jedem Falle die Ueberzeuguug zu verschaffen „ob der befehligte Garde den Dienst angetreten und in Ordnung geleistet habe", 19. Jaunar. Vergebens wurden allerhand Mittel versucht die einzelnen Garden zur pünktlichen Einzahlung der auf sie entfallenden Beiträge und Gebühren zu verhalten; wie denn der National- gardc-Hanptmann Anton Jllek von Alt-Brün» durch Compagnie-Befehl vom 20. Januar drohte, die Säumigen „durch Anschlägen an den öffentliche» Tagesbefehl-Tafeln Nominativ" mahnen zu lasse» — es handelte sich dabei um die Entrichtung von monatlichen 10 kr. Conv.-M.! — Vergebens nahm mitunter, wie in der steirischen Hauptstadt, die Regierung selbst die Angelegenheit in die Hand, indem sie sowohl den persönlichen Wachcdienst als die Entrichtung einer Stetlvertrelcrsgebüh* für Francnzimmcr, »nd solche Männer „die vermöge ihres Standes Dienstverhältnisses Alters oder Geschäftes den Wnchedienst nicht persönlich zu leisten im Stande sind", im Verordnungswegc zu regeln und unter behördliche Ueberwachnng zu stellen suchte*). Die Sache ließ sich trotz alledem nicht in frischem Gang erhalten, weil die allgemeinen Verhältnisse und mit diesen die Leute andere geworden waren, weil man die Dinge mit andern Angen ansah als vor nahezu einem Jahre. Zumal die Geschäftsleute waren es die vom Wehrdienst nichts mehr wissen wollten. Sic hatten damit Zeit und Geld verloren und ihren Nahrnngszweig verkümmern sehen. Diesen Rückgang im Geschäfte wett zu machen kümmerte sic jetzt mehr als alle Wachen und Parade» und Uebungs- märsche womit sie ein paar Monate früher so sehr stolzirt hatten. Als in der zweiten Hälfte Februar der Brünner Markt über alle Erwartung günstig ansfiel, Waaren aller Art für Ober-Ungarn in solcher Menge gesucht wurden daß in manchem Artikel der ganze Vorrath ausging, dabei die Ansstände nach Ungarn sich befriedigend abwickelten und neue Cnrrcnde des k. k. steierm. Landes-Präsidinms, die Einführung des Civit- Wachdienstes in der Stadt Grätz betreffend, 15. Januar 1849, Z. 165; unterzeichnet Ignaz Ritter ». Marquet, Lnndes-Präsidinms-Berwescr. Allmiiliger Aufschwung der Geschäfte. 35 Bestellungen gemacht wurden, athmete die Geschäftswelt neu auf und knüpfte daran die ersten Hoffnungen eines Umschwunges zum bessern. Dieselbe Stimmung herrschte in dem der Revolution bereits entrissenen und aus den Banden einer unnatürlichen Gräuzsperrc wieder befreiten westungarischen Gebiete. „Die so lang vernachlässigten Interessen", schrieb man aus Oedenburg, „treten, wie bei dem Kranken der wiederkehrende Appetit als sicheres Zeichen der Neconvalesccnz, allmälig wieder in den Vordergrund, Handel und Wandel kommen in Gang, Menschen und Dinge nehmen mehr und mehr wieder das Gepräge des Friedens an. Die Wolken zerthcilen sich und wenn auch die ansgcschickte Taube noch nicht mit dem Oelzweig wiederkehrt, so findet doch die Hoffnung nach und nach wieder Eingang in die Gcmüther." Als der Corrcspondcnt einen Bauern fragte wie die Dinge ständen bekam er zur Antwort: „Es ginge schon recht, wenn nur wieder einmal Frieden wäre, daß man doch wüßte für wen man sich plagt" *). Von politischen Klopffechtereicn wollte man in allen besonneneren Kreisen nichts mehr wissen. Der „politische Verein" in Brünn veranstaltete, statt sich mit unpraktischen Debatten nbzugeben, zur Faschingszeit in seinen Räumlichkeiten Gesellschnftsbälle; „wenn Theodor Mnndt", bemerkte ein Witzling, „von der Taglioni sagte sie tanze Goethe, warum sollte unser politischer Verein nicht Rotteck und Welcker tanzen?" Wo noch hi» und wieder aus dem Verstecke heraus der böse Dämon von 1848 spukte, da waren die „Gutgesinnten" die ersten auf Abhilfe zu dringen „daß den frechen Umtrieben dieser Partei kräftig entgegcngetreten werde und die Behörden nicht länger dulden daß der Auswurf der Bevölkerung die Ruhe und Wohlfahrt des Landes noch länger unterwühle" ^). Eine einzige der Errungenschaften der vorjährigen Märztage schien trotz allem was sich mittlerweile zngetragen, ungeachtet aller so beher- zigeuswerthen Erfahrungen die man seither gemacht hatte, weder an ihrem charakteristischen Gepräge noch au der Führenden Gluth ihrer Kundgebungen etwas cingebüßt zu haben. Vor allein waren es die Prager und Grätzcr radicale Journalistik die einander den Rang abzulanfen schienen. Gegen das Nebel fehlte fast jeder Schutz, da die politischen Behörden lau oder furchtsam waren und sich auf die gerichtliche Zuständigkeit beriefen; diese aber war in den Händen von Geschwornen d. h. in *) A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 62 S. 9S3. 3 * 36 I. 3. Die inner-österreichischen Lander. jenen des befangenen Pnblicnms selbst. Am 12. Februar wurde der erste Preß-Proceß solcher Art in Prag verhandelt. Angeklagter war ein gewisser Pesina der in einem öffentlichen Blatte den ehemaligen Commandanten der Kleinseitncr Nationalgarde Ücbelka als einen Mann hingestellt hatte der nach dem Pfingst-Anfstand auf dem Hradschin einen Dcnuncianten abgegeben. Den Vorsitz führte der Vice-Präsident des böhmischen Landrechtes Joseph RvzkoZn/, der es nicht zu verhindern vermochte daß, so oft ein Kleinseitncr Zeuge zu Gunsten des Klägers aussagen wollte, Zischen aus der Zuhörerschaft ertönte; die Verhandlung nahm sieben Stunden in Anspruch und endete mit der Freisprechung des Angeklagten. Allerdings waren die Juni-Ereignisse der heikle Punkt in Prag, den niemand berühren konnte ohne nach dieser oder nach jener Seite hin Aergernis zu geben. Die „Siebennndsechziger"'*) hatten einen begabten und muthigen Vertreter in dem kaum dreißigjährigen Dr. Johann Prasch, einem eifrigen Vertheidiger des Fürsten Windisch-Grätz, der vorzüglich in I. A. Bentel's „Wage" schrieb und die mancherlei Blößen, die sich das städtische Regiment in der Periode der Freiheit hatte zu Schulden kommen * lassen, in schonungsloser Weise geißelte, lieber Prasch' Artikel „Zur Charakteristik des Fürsten Windisch-Grätz" brachte ein anderes Prager Blatt „Concordia" einen gegen den Feldmarschall gerichteten Aufsatz der an Gemeinheit und lügenhafter Bosheit das ärgste überbot, während im Stadtrath die Ausweisung des muthigen Doctors aus de» Mauern der Stadt beantragt wurde. Der Antrag drang allerdings nicht durch, aber gab einen Beweis wie dieselben Leute, die sonst immer die Freiheit im Munde führten und ans der Geschwornenbank den ärgsten Misbrauch derselben straflos ausgchen ließen, empfindlich werden und mit Scdlnickv'scheu Maßnahmen liebäugeln konnten, wenn ihr eigenes werthes Ich dabei ins Spiel kam. In der Hauptstadt der grünen Steiermark hatte bis zum Ausgange des Wiener Octobcr-Aufstandes der Radicalismus eine herausfordernde Nolle gespielt und selbst darnach, als gegenteilige Strömungen ein stets breiteres Bette gewannen, kamen Ausschreitungen vor, über die sich alle Welt aufhiclt, gegen die aber von keiner Seite etwas geschah. Dieser Zustand führte zu einem Acte empörender Selbsthilfe. Julius Gretschnigg, Redacteur der „Volkszeitung", hatte in Nr. 14 vom 1. Februar einen *) Bd. II S. 349 f. Am». 2 "), in A»m. 1'--). Julius Gretschnigg in Grätz. 37 aus „Wien" datirten Artikel gebracht worin Fürst Windisch-Grätz in der höhnendsten Weise herabgesetzt wurde "). In der Stadt lagen Windisch-Grätz-Chevauxlegers, und die Redaction oder gleichgesinnte Geschäftsträger ohne Auftrag hattem-luchts eiligeres zu thun als Exemplare der Numer in die Caserne gelangen zn lassen und einzelnen Soldaten in die Hände zu spielen. Einem Corporal, der am 7. über den Jacomini- Platz ging, steckte ein Unbekannter das Blatt mit den Worten zu: „Lesen Sie! Sic werden daraus sehen wie man über Ihren Anführer denkt." Der Corporal hatte den Artikel kaum gelesen als er sich in die Kanzlei der „Volkszeitung" verfügte, nach dem Redacteur verlangte und diesem, als er die Frage ob er es sei nach einigem Zögern bejahte, zwei Ohrfeigen herunterhaute. In seiner Caserne, wo er den Vorfall zum besten gab, ge- rieth die ganze Escadron in Feuer und Flammen; die Züchtigung sei viel zu gering, hieß es, sie alle müßten sich an dem Kerl rächen, mit seinem Blute müße er den Schimpf bezahlen den er ihrem durchlauchtigsten Inhaber angethan habe. Wirklich wollte die ganze Escadron aufbrechen; zuletzt veranstaltete es der Corporal mit einem Cadeten, gewesenem Beamten, in der Weise daß man sich ans eine Auswahl von 30 Mann vereinigte, die unbemerkt von dem wachhabenden Officier gegen halb acht Uhr abends ans Werk gingen. Gretschnigg wohnte in der Sparbersbach- Gasse im Hause Nr. 94 eines gewissen Kerschbaumeyer, Nationalgarde- Hauptmanns; 10 Mann sperrten die Gasse ab, 10 postirten sich vor das Haus und den anstoßenden Garten und besetzten alle Zugänge, mit den 10 letzten verfügten sich der Cadet und der Corporal in das Innere. Es hieß Gretschnigg sei nicht zu Hause, und der Hausherr der dies behauptete gab sich alle Mühe die Soldaten von der Stelle zu bringen. Diese aber hatten in Gretschnigg's Fenster Licht bemerkt und, während der Cadet mit Kerschbaumeyer die Unterhandlungen fortsetzte, ging der Corporal mit 3 Mann hinauf, sprengte, da ihm niemand antwortete, die Thür der Redacteurs-Wohnung und drang ein. Der gcängstigte Journalist hatte sich, nur mit einem Messer bewaffnet, hinter den Ofen verkrochen, von wo ihn die Chevauxlegers am Kragen hervorzichen wollten. Der Corporal hatte seinen Leuten auf das strengste verboten von ihrer Waffe Gebrauch zu machen; als sich aber Gretschnigg mit seinem Messer wehrte und sie dabei verwundete, griffen auch sie znm Säbel und hieben mit der flachen Klinge und mit dem Handgefäß ans den um Hilfe rufenden armen Sünder ein, den sie zuletzt mit einem 38 I. 3. Die inner-österreichischen Länder. Fußtritt in eine Ecke schleuderten: „Dn hnst du deinen Lohn, du Hund, nun wirst du keinen Artikel mehr gegen den Fürsten und die Armee schreiben!" Bevor sie das Zimmer verließen ergriffen sie die auf dem Tische, ans Kästen und Stühlen umherlicgenbcn Papiere, zerrißen sie und warfen sie ans den Boden. Gretschnigg war jämmerlich zngcrichtet und suchte seine Lagerstätte auf; doch war, wie die herbeigerufcnen Aerzte erklärten, keine der Wunden gefährlich. In der Stadt entstand über den Vorfall ungeheure Aufregung. Noch in der Nacht verfügten sich Officiere der Nationalgarde zum General Spannocchi, der ihnen Genng- thnung versprach und am andern Tage durch einen öffentlichen Anschlag der Bevölkerung knndgnb daß der Fall auf das strengste untersucht werden sollte. Trotzdem fehlte es nicht an wühlerischen Versuchen die Aufregung wach zu erhalten. Am 8. gab es Ansammlungen vor der Wohnung des Darniederliegcnden und vor der Hanptwache der Nationalgarde; als ein Officier der Chevanxlcgcrs dahergerittcn kam, wollte sich die Menge auf ihn werfen und ihn vom Pferde reißen; besonnenere Leute suchten sie znrückznhalten und das Einschreiten einer Abtheilnng Militair hinderte vollends die Ausführung. Denn es gab nicht wenig Solcher, die dem schlimmen Gesellen die Züchtigung gönnten die er erfahren, und die es am Ende begreiflich fanden daß der Soldat, der sich durch die Ausfälle einer ebenso frechen als feilen Presse in seiner Ehre, in der seines Führers angegriffen sieht, ohne daß von irgend einer Seite Anstalten zu seinem Schutze getroffen werden, zuletzt ans seine Art Vergeltung übt, wie denn auch die Cavaleristen vor dem Untersuchungsrichter- erklärt haben sollen daß sie in einem gleichen Falle auf dieselbe Art handeln würden, „da ihrer so oft und so schmählich angetasteten Soldaten- Ehre von Seite der Civil-Behörden auch nicht die geringste Satisfaction geworden sei" ^). * Erscheinungen und Vorgänge wie die geschilderten beschränkten sich auf den Bereich der Haupt- und einiger größeren Städte, die Masse der Landbevölkerung hatte damit nichts zu thnn. Den Bauer, den Häusler und Jnmann in allen Gebieten des Kaiserstaates kümmerte kaum etwas als die Aufhebung der Robot und der nnterthänigcn Leistungen, und beherrschte wenig mehr als der Wunsch dieser Wohlthat ein- für allemal sicher zu sein, was ihnen nun schon zu wiederholtenmalen vom Reichs- Wühlereien von Reichstags-Abgeordneten unter dem Landvolk. 39 tag, aber auch vom Kaiser zugesngt war. Einen mäßigen Ersatz, der dafür dem früheren Grundherrn geleistet würde, fanden alle billig Denkende» in der Ordnung; ja sie erblickten darin eine Bürgschaft mehr für den unanfechtbaren Bestand des neu geschaffenen Verhältnisses das ihren Wünschen nnd Bedürfnissen in so hohem Grade zusagte. „Das Landvolk", wurde aus den Vierteln ober», und unterm Manhartsbergc geschrieben, „ist jetzt vollkommen ruhig nnd hegt nur den einen Wunsch so wenig als möglich Entschädigung zu zahlen". Die angeordnete Entwaffnung ging hier ohne Anstand vor sich, und so sehr traten die praktischen Bedürfnisse wieder in den Vordergrund, daß in manchen Gegenden die Bauern mit Vvrwissen der Obrigkeit nur die Schäfte der Gewehre ablieferten, die Läufe aber znrückbehielten um sie zu Pflügen und anderen Wirthschaftsgcräthen nmschmiedcn zu lassen. Wohl fehlte cs nicht an Versuchen die Landbevölkerung in diesem ihren natürlichen Rechtsgefühl zu beirren, und bedauerlicherweise waren es meist Abgeordnete des Reichstages die, selbst dem Bauern- oder nieder» Bürgerstande angehörig, sich von den Vorspiegelungen der Linken verstricken ließen und nun gegen eine Maßregel anfreizten und wühlten die sie als Mitglieder einer Versammlung, von deren rechtmäßiger Mehrheit dieselbe beschloßen worden war, zu halten und zu unterstützen sich verpflichtet erkennen sollten. Der Pfleggerichts-Adjunct Franz Peitler von Zell am See hatte sich durch seinen doppelt bindenden Berus als Abgeordneter und als Beamter nicht abhalten lassen den Bauern seines Wahlbezirkes in einem gedruckten Aufruf die Vertreter der Majorität, namentlich Gredler nnd Helfert, als diejenigen zu kennzeichnen die sich ihnen feindselig erwiesen, indem sie sich gegen die unbedingte Aufhebung der Grundlasten ausgesprochen*), eine Unehrenhaftigkeit für die er bei seiner Rückkehr in den Kremsierer Reichstag von einem der Betroffenen geziemend zurechtgewicsen wurde. In ähnlich wühlerischem Geiste wirkten andere Abgeordnete in ihren Kreisen, sowohl schriftlich vom Reichstage aus als mündlich nnd persönlich während der wiederholten Vertagung desselben. So der „Realitäten-Besitzer" Karl Sturm für Gonobitz in Steiermark; der Fabricnnt Georg Huscher für Eger nnd der Apotheker- Adolph Dotzauer für Heinrichsgrün in Böhmen; der Müller Georg Bauer für Waidhofen an der Thaya, die „Wirthschastsbesitzer" Joseph «) Bd. m A»>». "y. 40 1. 3. Die inner-österreichische» Länder. Purker für Horn und Michael Mancher für Groß-Enzersdorf in Niedcr- österreich; der „Grundwirth" Johann Store aus LE dolne in Galizien; der pensionirte Hauptmann-Auditor Joseph Motyka für Friedcck in Schlesien re. Während des Reichstages unterhielten sie aufreizenden Briefwechsel mit ihren Wählerkreisen, in den Ferien hielten sie Volksversammlungen ab wo sie ganz im Sinne der October-Beschlüße sprachen und die Aufbietung des Landsturms, für den Fall als solche Ereignisse wiederkehren sollten, verkündigten; sie hießen ihre Committenten die Leistung der Verzehrungssteuer, der Steuern überhaupt ^s), die Concurrenz zum Straßenbau, die Stellung von Recruten verweigern. Die Folge solcher Verhetzungen waren massenhafte Steuerrückstände, die sodann mit Aufbietung strenger Maßregeln eiugetricben werden mußten. Eine sehr bedauerliche Nachwirkung der Gesetzlosigkeit des Jahres 1848 waren die Wald- und Jagdfrevel, die unter dem Landvolke fast aller österreichischen Länder um sich gegriffen und in vielen Gegenden sich ins Jahr 1849 hinein fortgcerbt hatten. Ans den Gntsgebieten von Graßlitz und Hcinrichsgrün (im Elbogner Kreise Böhmens) nahmen die Diebstähle aus den herrschaftlichen Waldungen derart überhand, daß der Kreishanpt- mann Baron Karg-Bebeuburg sich persönlich mit einer Criminal-Com- mission und einem Militair-Assistenz-Commando von zwei Compagnien Jäger dahin begab, was auch auf die Bevölkerung anderer Bezirke wo das Unwesen nicht minder im Schwünge war, wie Wallhos und Schönbach, eiuschüchternd wirkte. In Ober-Oesterreich waren die Klagen der weiland Obrigkeiten nicht minder häufig, nur daß es dem Landes-Chcf I)r. Aloys Fischer für den Augenblick an der nöthigeu Truppenmacht fehlte um dem Uebel mit gleicher Entschiedenheit an den Leib zu gehen. Es wurde ein Bataillon, eine Compagnie nach der andern aus dem Laude gezogen, und Fischer erlaubte sich nie eine Einsprache dagegen zu erheben. „Ich erkenne", sagte er, „daß der Kaiscrstaat in Ungarn gerettet werden muß, nicht in Ober-Oesterreich." So kam es denn zuletzt dahin, daß eine Zeit hindurch der Commandirende mit seinen Adjutanten und ein paar Ordonnanzen die ganze Garnison von Linz bildeten*). In der Nähe der Stadt waren es die beiden „Wirthschaftsbesitzer" Johann Huemer und Johann Plaß, Reichstagsabgcordnete für Efferding lind Ebelsberg, die bei Dr. Pierer in Linz die Abfassung einer Petition au den Reichstag *) Helfert Aloys Fischer (Innsbruck 1885) S. 79, 88. Georg Geier aus Gurkfeld. 41 bestellten, zufolge welcher die Bauern von einer Ablösung der Zehent- und Urbarial-Leistuugen, oder doch von jener des Freigeldes und Ge- meindcdienstes freigehalten werden möchten Es war ein Aufsatz voller Kraftauödrückc und Trugschlüße*); selbst an Drohungen gegen den Reichstag fehlte es nicht, so daß Fischer, welchem der Bezirks-Commissar Kopal von Efferding ein Exemplar vorlegte, dasselbe dem Staatsanwalt in Preßsachen Dr. Bernhard Welsch zur Amtshandlung zusandte. Dieser fand jedoch keinen Anhaltspunkt zu einem preßgerichtlichen Einschreiten, sondern höchstens zu einer Beschlagnahme seitens der politischen Behörde, in welcher Richtung dann Fischer den Kreisämtern seine Weisungen ertheilte. Es scheint jedoch daß Hucmer inzwischen bereits einige Exemplare an den Reichstag sowie an das Ministerium ein- gesandt hatte. Noch schlimmeres war aus Kram zu hören, besonders aus jenen Gegenden die im Reichstage durch ° den Abgeordneten Geier vertreten waren. Georg Geier Kaufmann in Gurkfeld, für Neudegg in Jllyrien gewählt, hatte schon während der Reichstagspause im letzten Herbst in gefährlichstem Sinne gewirkt, den Aufstand vom 6. October für ein löbliches Werk erklärt, den Landsturm gegen die Truppen des Banns und des Fürsten Windisch-Grätz aufrufen wollen. Als er dann um Weihnachten wieder in seinen Bezirk gekommen war, hatte er mittelst ausgeschickter Briefe eine Bauernversammlnng nach Haselbach für den 3. Januar einbernfen, auf welche am Tage darauf eine zweite in Arch folgte, zu der bei 500 Bauern aus den Bezirken Gurkfeld Nassensuß Savenstein erschienen. Sie fand im Wirthshause des Anton Vechautz statt, wo sich um die Mittagsstunde der Reichstagsabgeordnete in Begleitung seines Bruders Joseph, Lebzelters aus Gurkfeld, und des Organisten Bresitz aus Haselbach eiufand. Da habe er nun, so ging die Rede durchs Land, sonderbare Dinge gesprochen: Robot und Zehent seien gegen Entschädigung, Laudemium, Jagdbarkeit rc. ohne Entschädigung aufgehoben, daher jeder auf seinem Grund und Boden nach Belieben pürschen könne. Dabei habe er auf die Beamten geschimpft, binnen kurzem würden sic alle davongejagt werden; er als Reichstagsabgeordneter könne reden was er wolle ohne darüber zur Rechenschaft gezogen zu werden, er unterstehe keiner Behörde als nur dem hohen Reichstage. Ebenso groß Aufgelegt i» einer Anzahl von 350 Stücken in der Schmidt'scheu Buchdruckerei in Linz, die sich aber auf dein Abdrucke nicht nannte. 42 I. 3. Die inner-österreichischen Länder. seien die Versprechungen gewesen die er gemacht: Herabsetzung der Grundsteuer, Aufhebung der Erwerb- und Verzehrungssteuer; zur Durchführung alles dessen habe er ihnen eine Schrift vorgelegt die sie mit dem Krenz- zeichen zu unterfertigen hätten, worauf aber »nr zwei Bauern cingcgangeu seien. . . . Auf die Meldung von diesen Vorgängen wurde Geier vor das Bczirks-Commissariat von Gnrkfeld geladen, wo ihm der Beamte Matthäus Pinter sein staatsgefährliches Treiben vorhiclt und ihn ernstlich zur Ruhe vermahnte; jener aber betrug sich sehr hochfnhrend, er sei Reichtagsabgeordneter und könne über seine Rede von niemand als nur vom Reichstage zur Verantwortung gezogen werden, bis ihm zuletzt Pinter die Thür wies und ihn ans der Kanzlei fortschnsfte. Als Geier dann wieder in Kremsicr war ließ er sich eine Interpellation ausarbeitcn, die am 1. Februar im Reichstage verlesen wurde und worin er als Ankläger des Be- zirks-Commissärs auftrat: er, Geier, habe „auf mehrseitiges Verlangen" eine Versammlung seiner Wahlmänner und Wähler veranstalten wollen, um sie über die Vorgänge am Reichstage zu unterrichten und ihre Wünsche entgegcnznnehmen; der Bezirks-Beamte aber habe eine crnstgemesscnc Verwarnung an alle ergehen lassen die sich dazu eiufinden oder ihn auch nur unter ihr Dach aufnehmen würden; ihm selbst habe er gedroht ihn festnehmen zu lassen wenn er zu der Versammlung erscheine; er, Geier, verlange daher die Niederlegung der jene Beschuldigungen enthaltenden Acten auf den Tisch des Hauses*). Sehr im argen lagen die ländlichen Zustände in Galizien, was sich zum großen Theil noch aus der Schreckenszeit von 1846 herschrieb. Aus keinem Lande waren die Interpellationen, die diesfalls bald seitens der ehemaligen Obrigkeiten bald ans bäuerlichen Kreisen im Reichstage vorgebracht wurden, so häufig und so vielfältig wie aus diesem Lande. Wenn Sierakowski im Namen der „hartbedrängtcu Gutsbesitzer Galiziens" verlangte daß die auf den Gutsbesitzen haftende, dieselben so hart beengende und bedrückende Octava als mit dem früher bestandenen Unterthänigkeits- verhältnisse zusammenhängendausgehoben werde-"), so forderten ans dem gleichen Grunde ihrerseits die bäuerlichen Abgeordneten Martini und Genossen die Abschaffung des Propinations-Rechtes als blosen Ausflußes der nicht mehr geltenden dominicalen Eigenschaft eines Gutsbesitzes-^), und klagte der „Grundwirth" Thomas Bogdas aus Rzsdzin „daß die *) Sten. Ausnahme IV S. 713 f., V S. 347 f. und Bericht Welsersheimb's an Stadion vom 2. März Nr. 1436/LI. I. Octava — Propinations-Recht — Geistlicher Zehent. 43 alte Willkür und die Uebergriffc der ehemaligen Grnndherren noch fort- bestchen", daher das Ministerium „solche provisorische Maßregeln" treffen möge „die geeignet wären eine definitive Regelung anzubahnen und einer bedenklichen immer anwachscnden Aufregung im Lande vorznbeugen" *). Einen Gegenstand fortwährenden Zerwürfnisses bildete auch der geistliche Zehent, der von Pfarrern hier in natura dort in Körnerschüttung eingehoben wurde und in manchen Gegenden nebstbei mit Uebelständen verbunden war die den Landmann ungemein drückten. Den geistlichen Zehent, so wurde ans dem Rzeszower Kreise geklagt, suche sich der Pfarrer aus dem schönsten Getreide ans und müßten selben die Zehent- holden mit eigenen Fuhren zuerst in Sicherheit bringen, während ihre eigenen Garben bis dahin ans dem Felde jeder Witterung ansgesetzt seien; cs seien Fälle vorgekommcn wo der Pfarrer säumige Zehentholden mit Stockstreichen habe mißhandeln lassen; in manchen Gegenden bestehe Hafer- schüttung für Pferde des Pfarrers ohne daß dieser solche besitze, wobei die Zehentholden nebstbei die nöthige Bespannung leisten müßten**). Die Bauern behaupteten, daß der geistliche Zehent gleich anderen Abgaben vom Grund und Boden durch den H. 3 des Gesetzes vom 7. September 1848 aufgehoben sei, während die Kreisämter in Rzeszow Tarnow u. a. dieser Ausdehnung widersprachen und die Pfarrer nach wie vor im Zehentbezugc schützten. * * * Abgesehen von diesen und anderen Standesbeschwerden, die ja selbst bei geordneten Zuständen zeitweise den Behörden zu schaffen machen, zeigte sich bei der Landbevölkerung in allen Theilen der Monarchie eine noch viel größere Sehnsucht nach Ruhe als bei der friedliebenden Mehrheit in den Städten. Der Bauer hatte nie mit der Revolution sym- pathisirt, jetzt war sie ihm mit allem was daran hing vollends zuwider. Wenn es, wie wir gesehen, einzelnen radikalen Abgeordneten gelang die Gemüther ihrer Wähler in gereizter Spannung zu erhalten, so erhielten andere ans ihren Wahlkreisen die unzweideutigsten Mahnungen von ihrem regierungsfeindlichen Treiben abzulassen. Die Wahlmänncr von St. Andrä *) I» der Sitzung vom 1. März, Sten. Aufnahme V S. 252 f. **) Jacob Nab und Genossen vom 27. Februar V S. 234 f.; so auch früher schon Johann Zeiser aus Laski am 14., Sebastian Cepiel aus Kawoczyn am 20., Albert Wojtowicz aus Dalastowice am 21. Februar V S. 123 f., 151, 169. 44 I. 3. Die inner-österreichischen Länder. in Unter-Kärnten sandten ihrem Frankfurter Deputaten Gritzner ein Mistrauens-Votnm, weil er seinem vor ihnen abgelegten politischen Glaubensbekenntnisse untreu geworden sei und, statt für die Herstellung verfassungsmäßiger Zustände thätig zu sein, sich sogar am hochverräthe- rischen Barricaden-Knmpfe in Wien betheiligt habe 30). Um in dieser Richtung ihrer Sache gewiß zu sein, beriefen die Wähler von Gonobitz in Steiermark, als es zur Besetzung ihres Sitzes im Frankfurter Parlamente kam, einstimmig den „Kaiser Ferdinand" zum Deputirtcu und den „Erzherzog Johann" zu dessen Stellvertreter, ein Fall der bekanntlich, was den Kaiser Ferdinand betraf, bei den galizischen Wahlen für den constituirenden Reichstag im Juni 1848 schon vorgckommen war. Das Volk begnügte sich aber, wo sich ein Anlaß dazu ergab, nicht mit solchen mehr passiven Kundgebungen loyaler Gesinnung, und es war gewiß ein merkwürdiges Zeichen der Zeit daß die durch einen Hagclschlag im letzten Sommer schwer geschädigten Gemeinden Stadl Steindorf Paal Einach und Predlitz im Bezirk Murau bei der Bezirksobrigkeit die Erklärung abgaben, sie wollten, im Hinblick auf die augenblicklich bedrängte Lage des Staatsschatzes und auf die in Aussicht stehende billige Entlastung für ihre früheren Giebigkeiten, mit Freuden auf den Steuernachlaß verzichten den sie unter andern Umständen nach dem Gesetze in Anspruch nehmen würden. Ueberhaupt waren es jetzt wieder die Behörden, die Regierung, vor allem aber der Kaiser, gegen welche die Verhandlungen des „zwischen Schlaf und Zank wechselnden" Reichstages mehr und mehr in den Hintergrund traten. Ihm legte man es am meisten zur Last daß man nicht zum befriedigenden Genuß der langverheißenen, aber noch immer nicht verwirklichten verfassungsmäßigen Rechte gelangt war. Man gab nichts mehr auf seine Reden, man misachtete ihn, man machte sich lustig über ihu: er lebe das Lebeu eines Chloroformirten; er sei nur eine „Stimme in der Wüste", denn seine politische Macht sei zu Grabe getragen; er arbeite nur noch für den Geschichtsschreiber, nicht für die Geschichte. Das Präsidium bekam Zuschriften vom gröbsten Caliber, anonym und mit Unterzeichneten Rainen. Eines Tages im Februar nach der von dem hanakischen Banderium dem Reichstage dargebrachten Huldigung erhielt Smolka ein mit „Jos. Nadro", offenbar pseudonym, gefertigtes Schreiben: „Das kennt man schon; die Linke des Reichstags hat es veranlaßt, was wahrhaft lächerlich ist; mit dem Fackelzug vorigen Jahres für Endlich Wahl Kaiser Ferdinand'« z»m Deputirten. 45 war es ebenso gewesen, nämlich dieses Gesindel ist auf den Dörfern rechts und links herum gerissen um die Bauern dazu aufznfordcrn" Man wünschte sie alle wie sic waren je eher je lieber nach Hause geschickt: „man ist überzeugt daß die Herren im Bischofsaal auf die nutzloseste Weise Zeit Geld Worte Papier und Oesterreichs Geduld verbrauchen; man erwartet sich nicht einmal eine eclatante Auflösung dieser Unvereinbarlichen, sondern daß sie ,hinfahren in ihrer Pracht', weniger Original als trostlose Copie ihrer eigenen Unerguicklichkeit zu Wien" *). Wo man nicht so weit ging verlangte man von den Abgeordneten entschiedenes Handinhandgehen mit der Regierung, Respcctirnng des Willens Sr. Majestät. Der Deputirte Dr. Fr. Vidulich von der Insel Veglia hatte die ganze Zeit seiner Thcilnahme am Reichstage nichts von sich hören lassen, auf Zuschriften ans seinem Wahlbezirke nicht geantwortet und sich, obwohl nach dem Octobcr in ihrer Nähe weilend, unter ihnen nicht gezeigt. Jetzt erhielt er, auf eine Anfrage die er von Kremsier aus an den Vorsitzenden des Wählerausschußcs von Veglia über sein Verhalten nach dem Thronwechsel gerichtet"), eine Antwort wie er sich selbe nicht deutlicher wünschen konnte. Indem sie ihren Vertreter zur Rechtfertigung anffordcrten wie er sich „nach dem schrecklichen 6. October" verhalten, ob er mit Kraft „gegen die Wühlereien und die Vorschläge der äußersten Linken" Opposition geinacht habe rc., erklärten sie in eigenem Namen „insgesammt unsere unveränderliche Anhänglichkeit für das regierende Kaiserhaus Habsbnrg-Lothringen von welchem uns nie irgend eine revolutionäre Partei trennen wird. Sowohl das Manifest des jetzigen Kaisers als das Programm des Ministeriums Schwarzenberg-Stadiou erfüllte uns mit Vertrauen und Freude, indem dieselben unseren Erwartungen und Politischen Grundsätzen vollkommen entsprechen. Wir sehen mit Erwartung dem Grundgesetze der künftigen Constitution der Monarchie entgegen, deren Abfassung nach unserem Dafürhalten znm Schaden des leidenden Oesterreichs verzögert wird. Zu Ihrer Richtschnur, Herr Deputirter, halten wir die Aeußerung für angemessen daß wir, weit entfernt von dem Streben in irgend einem Artikel der künftigen Verfassung republikanische Grundsätze zu erblicken, vielmehr durch dieselbe sowohl die monarchischen Principien als die Wohlfahrt der Nation geschützt zu sehen wünschen"**). *> Von der Etsch 26. Januar, A. A. Ztg. Beil, z» Nr. 34, S. 520. **) „Lloyd" Nr. 31 Abendbl., Nr. 32 Morgcnlil. 46 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. Was >» solcher Weise die Wahlkörperschaft von Beglia ausgesprochen hatte, das war die Stimmung und Meinung weitaus der Mehrheit der Bevölkerung in Stadt und Land. Man verlangte sich Ruhe und verabscheute jede Wiederkehr der frühere» Unordnung, man zweifelte am Reichstage und man vertraute dem Kaiser und dessen einsichtsvollen und mannhaften Räthcn. So still und fast zurückgezogen der Hof noch immer in Olmüz lebte, so kam doch, schon durch die zahlreichen Deputationen die fortwährend am kaiserlichen Hoflager ab- und zugingen, immer von Zeit zu Zeit Kunde von der äußern Erscheinung des jugendlichen Monarchen, von seinem freundlich herablassenden Wesen, und wieder von seinem Ernst und seiner Gewissenhaftigkeit in Geschäften; und jede solche Nachricht fand im Publicum de» freudigsten Widerhall, man würde am liebsten alle Tage etwas vom Kaiser gehört haben. Seine so glücklich gewählte Devise*), in einer Zeit so vielfältiger Scheidungen und Spaltungen ein ernster Mahnsprnch, fand immer wieder neue Anwendung, und es gefiel denen von 1849 ganz besonders daß die Buchstaben desselben ein Chrono- stichon für die Lebensjahre seines Trägers lieferten: VIrIllVs Vnltlo. Auch das Gefallen an dem kaiserlichen „WIR" hatte nicht abgenommcn und kam bald in dieser bald in jener Gestalt zu erneutem Ausdruck"). 4. Gleich nach der Einverleibung von Krakau im Jahre 1846, des alten Königssitzes der die Würde einer Landeshauptstadt beanspruchte, war die Frage einer administrativen Theilung des ausgedehnten galizischen Gebietes aufgetancht. Mit A. h. Entschließung vom 29. März 1847 war im Grundsätze die Errichtung eines Guberniums in Krakau und die Zuweisung der sieben westlichen Kreise des Landes an dasselbe ausgesprochen worden, während die cilf östlichen Leinberg verbleiben sollten. Allein bei einem Zusammentritt von Abgeordneten sämmtlicher Hofstellen am 27. December hatten sich mit Ausnahme von zweien alle andern ") A. h. E. vom 12. Februar, vo» Schwarzenberg mittelst Prcisidial-Notc vom 18. Z. 1236 an den Minister des Innern, von diesem am 20. allen Länder-ChefS mitgctheilt und im amtlichen Theil der Wr. Ztg. Nr. 43 kundgemacht. Organisinmgsfrage» 184»—1848. 47 gegen diese Maßregel ausgesprochen, namentlich jener der allgemeinen Hofkammcr hatte vom finanziellen Standpunkte Einsprache erhoben; wenn cs von der Anordnung vom 29. März nicht vollends abkommcn sollte, so hatte das Ergebnis der Verhandlung gelautet, so ließe sich höchstens die Errichtung von zwei Gubernial-Senaten unter einem Gouverneur befürworte». In den Bedrängnissen des Jahres 1848, die von Galizien aus, namentlich vom Polcnthnm, einen so gefährlichen Zuwachs erhalten hatten, war man aus den Gedanken von zwei galizischen Vcrwaltungs- gebietcn znrückgckommcn, und war mit kaiserlicher Entschließung vom 19. Juni befohlen worden die Scheidung mit 1. October ins Leben treten zu lassen. Das war unter dem Ministerium Pittersdorfs gewesen. Allein das Cabinet Wessenberg-Doblhoff hatte, dem Z 3 der Verfassung vom 25. April gegenüber: „Die Gebietseintheilnng der Provinzen bleibt unberührt" rc. Anstand genommen den Beschluß vom 19. Juni dnrchzuführen, und so war denn derselbe mit A. h. Entschließung vom 30. Juli durch die Bestimmung ersetzt worden, die Angelegenheit „ans verfassnngsmäßigem Wege in daö gesetzliche Geleise zu bringen". In dieser Zeit hatte Graf Stadion, nachdem er in Innsbruck die ihm zugcmuthete Bildung eines Ministeriums abgclehnt, um seine Enthebung vom galizischen Gouvernenröposten gebeten und auf den Gu- bernial-Vicc-Präsidcnten Grafen Golnchowski als seinen Nachfolger hiu- gewicsen*). Allein mit Allerh. Entschließung vom 2. August erfolgte die Ernennung des bisherigen Hofrathes und galizischen Referenten im Ministerium des Innern Wenzel Ritter von Zaleski, welchem dabei, unverkennbar ans Andringen der „Polen im Frack", die Zusage wegen entsprechender Berücksichtigung der polnischen Sprache a» der Lemberger Universität und an den Gymnasien gemacht wurde. Ein Ministerial- Erlaß vom 29. September Z. 6117/1637 ermächtigte den Gouverneur „den bis zur künftige» Scheidung der polnischen und ruthcnischen Theile Galiziens und bis zur Erzielung einer höheren Ausbildung der ruthcnischen Sprache festzuhaltcnden Grundsatz, daß der Unterricht in den Gymnasien und an der Lemberger Hochschule in der polnischen Sprache ertheilt werde, sogleich in Ausführung zu bringen" und erledigte Lehrkanzeln „provisorisch mit Männern zu besetzen die der Landessprache, in der sic vortragen sollen, vollkommen mächtig sind". Der Gouverneur machte den Inhalt *) Bd. III S. 85—87. 48 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. dieses Erlasses am 6. October „zur Beruhigung der Gemüther" im Lande bekannt. Gerechten Anlaß sich beschwert zu fühlen hatten unleugbar die Rnthcnen. Denn wenn man den Umstand daß sie, nach jahrhundertlanger Hintansetzung und Vernachlässigung, keine geeigneten Lehrkräfte und Lehrmittel besaßen, dazu benützte ihnen einstweilen das rivalisircnde Polnische vorznschreiben, so hieß das ihre Jagend vollends dem Polonismus in die Hände spielen; viel lieber wollten sie sich, bis sie literarisch und didaktisch auf eigenen Füßen stünden, die deutsche Unterrichtssprache gefallen lassen. Bei alledem hatte Zaleski keineswegs eine kränkende Bevorzugung des Polnischen ans Kosten der zweiten Landessprache im Sinne, sondern vernnlaßte die Einsetzung eines ans Fachmännern polnischer und rnthcnischcr Nationalität zusammengesetzten Schulrathes der nach den Grundsätzen nationaler Gleichberechtigung Vorgehen sollte. Denn er war ein gerechter und billig denkender Mann, der die Uebel kannte an denen sein Heimatland krankte, von dem redlichen Willen erfüllt ihnen abzuhelfen. Im Jahre 1799 geboren, Sohn unbemittelter Landedelleute, frühzeitig verwaist, hatte er seine Studien in Lemberg mit vorzüglichem Erfolge beendet und daneben den freien Wissenschaften, besonders der deutschen Literatur cifrigst abgelegen. Seine Neigung war ans das Lehrfach gerichtet, und er wirkte eine Zeit lang als supplirender Professor an der philosophischen Facultät, bis ihn Fürst Longinns Lobkovic, der den jungen Mann im Hanse des Fürsten Lubomirski, Curators des Ossolwski'schen Natioual- Jnstitntes, kennen lernte, zum Eintritt in den praktischen Staatsdienst bewog. Seine Laufbahn war eine glänzende. Am 14. October 1826 hatte er seinen Eid als Gnbernial-Concepts-Praktikant abgelegt, am 5. October 1838 wurde er als wirklicher Gnbernial-Rath beeidet, trat 1840 als Depntirtcr des Ritterstandcs in den landständischen Ausschuß, wurde 1842 Vice-Präsident der ständischen Credit-Anstalt an deren Gründung er mit dem Fürsten Leo Sapieha einen hervorragenden Anthcil gehabt, und erhielt 1845 über Antrag des Erzherzogs Ferdinand die Berufung als Hofrath bei der vereinigten Hofkanzlei in Wien. Neben seiner amtlichen Thätigkeit vernachlässigte er, dem alle slavischen Idiome geläufig waren, nicht die früh licbgcwonnene Beschäftigung mit der Literatur, veröffentlichte eine reichhaltige Sammlung polnischer und ruthenischer Volkslieder und betheiligte sich an verschiedenen Fachblättern, besonders in deutscher Sprache, mit Aufsätzen literar-historischen und belletristischen Inhaltes. Ein reiner Charakter von seltener Herzensgüte und Liebenswürdig- Wenzel Ritter von Zaleski. 49 kcit, dabei anspruchslos und bescheiden, war er ganz der Mann einen hohen Vertrauensposten mit dem günstigsten Erfolge auszufüllen — wenn die Zeiten darnach waren ein so edles Streben zn würdigen. Aber das waren sie eben nicht, und gleich seine ersten Schritte zur Durchführung des Ministerial-Erlasses vom 29. September zogen ihm Vorwürfe von beiden Seiten zu*). Sein Amtskrcis war der ganze Umfang der Königreiche Galizien und Bladimirien, inbegriffen die Bukowina als Czer- nowitzcr Kreis. Für Krakau und dessen Gebiet blieb nur eine „Gubernial- Commission", seit dem Rücktritte Baron Kricg's von Hofrath v. Ettmaycr geleitet, „ein exponirtes Präsidialbureau des Landes-Gouvernenrs", das über den Stadt- und Administrations-Rath von Krakau — der Sache nach ersterer der Magistrat, letzterer an Stelle des aufgelösten Kreisamtes — die Aufsicht pflegte, die Correspondenz des Gouverneurs mit den Unterbehörden vermittelte und dieselbe mit den etwa nöthigen Bemerkungen einbegleitetc; nur in sehr dringenden Fällen kam die Gnber- nial-Commission in die Lage einstweilige Vorkehrungen zn treffen, durch welche aber dem cndgiltigen Beschlüße des Gouverneurs in keiner Weise vorgcgriffen werden sollte. Mit diesem Stande der Dinge war man rnthcnischcrseits grundsätzlich nicht einverstanden und wurde in der vom 19. bis 26. October zu Lemberg abgehaltenen Hauptversammlung der Llatioa, rnslla, eine Petition NN das kaiserliche Ministerium beschlossen, worin man die Nothwendigkeit der Scheidung des Landes in zwei Ver- waltnngsgebicte, ein östliches rnthenisches und ein westliches polnisches, aus nationalen politischen und administrativen Gründen nachzuweisen versuchte**). Solches war der Stand der Dinge als das Cabinet Schwarzenberg- Stadion die Leitung der Geschäfte übernahm. Der neue Minister des Innern war aus der Zeit seiner galizischcn Statthalterschaft sowie ans seinem Wirken in, constituirenden Reichstage als Freund Berathcr und Unterstützer der Rnthcnc» bekannt, die sich seit dem Zalcski'schen Erlasse vom 6. October dem Landes-Gouverneur, den sie als Parteimann, wohl gar als Fanatiker der polnischen Sache ausschrien, entschieden abgeneigt zeigten. Weil die Nnthenen gegen Zaleski waren war auch der Landes-Comman- dirende gegen ihn, und weil Hammerstcin gegen ihn war wollte man *) Bd. III S. 133. **) Bd. II S. 2S7 f. Hclfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 4 50 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. auch im großen Haupt-Quartier von Zaleski nichts mehr wissen*). Leugnen ließ sich allerdings nicht daß durch das ganze Jahr die Ruthenen das ruhige anhängliche verfassungstreue Element gebildet hatten, während alle Aufstände bis zum letzten Lembergcr Losbruch am 2. November von den Polen allsgegangen waren. Darum durften, während über Stadt und Umkreis von Lemberg der Belagcruugsstand verhängt war, die Ruthenen ihre Versammlungen fortsetzen, was sie benützten ihre nationalen Wünsche und Beschwerden an der Tagesordnung zu erhalten. Polnischerseits konnte eine Auskunft für politische Besprechungen blos in der Form geselliger Zusammenkünfte der in Lemberg anwesenden Gutsbesitzer und angesehener Bürger von nationaler Färbung getroffen werden. Im November wurden die vom Reichstage zeitlich beurlaubten Abgeordneten Dylewski und Wis- kowski beigezogen und auf ihren Rath beschlossen eine Adresse an den Monarchen zu richten, die der Ritter von Pawlikowski nach Olmüz überbringen sollte, 26. November**). Da trat der Thronwechsel dazwischen, und es wurde nun die Abfassung einer Huldigungs-Adresse an den jungen Kaiser und einer Denkschrift au das Gesammt-Miuisterium beschlossen, welche letztere die Wünsche der loyalen und gemäßigten Elemente der polnischen Bevölkerung zum Ausdruck bringen sollte. Die Spitze derselben war, gleich jener vom 26. November, gegen die Petition der rutheuischeu Partei, und ganz vorzüglich gegen das Drängen derselben auf eine Zweitheilung des Landes gerichtet: der Inhalt der rutheuischeu Petition, einer „blosen Eingebung der Leidenschaft", habe im Lande unangenehme „Sensation" geinacht; die verlangte Maßregel würde die Uebelstäude denen sie Vorbeugen soll nur vermehren, unheilsame Folgen für die Provinz und für die Monarchie nach sich ziehen; die Schlußbitte ging auf „Allergnädigste Anordnung daß die Frage wegen Theilung der Provinz vorerst einem Proviuzial-Landtage, an welchem die Ruthenen ebenso wie die Polen thcil- nehmen sollen, zur Erörterung zugewiesen werde". An der Spitze der Deputation welche die Adresse nach Olmüz zu bringen hatte sollte Fürst Karl Jablonowski stehen, und es wurde nun dafür Sorge getragen möglichst viele Unterschriften bcizutrcibcn, gleichwohl dabei alle Namen auszuschließen deren Träger sich in den letzten Monaten in irgend einer N) Das geht aus dem Eingangs des von Schwa, an Wind, am 8. November gerichteten Schreibens hervor; Bd. III, Anhang S. 28. **) Unter diesem Datum Z. 15320 sandte der Gouverneur Zaleski eine Abschrift dem Ministerium zur vorläufigen Kenntnisnahme ein; Nr. 109 U. LI. I. Gubernial-Lommisston in Krakau. 51 Weise politisch blosgestellt hotten. Dadurch zog sich die Sache in die Länge. Die Adresse an den Kaiser trug das Datum des 9. December, es währte jedoch über die ganze Dauer des Monats hinaus ehe man dazu kam sie vom Stapel lausen zu lassen"). In der Zwischenzeit wuchsen die Dinge immer stärker nach der andern Seite hin zusammen. Stadion hatte sich kaum in seinem Minister- Fauteuil zurechtgcsetzt, als er an den Hofrath von Ettmayer in Krakau die Weisung richtete sich darauf gefaßt zu mache» die sechs westlichen Kreise — Wadowice Bochnia Sandcc Jaölo Tarnow Rzeszow — in unmittelbare Leitung unter eigener Verantwortung zu übernehmen, da „Ihre Abhäugigkeillvon dem galizischcu Gouverneur nur in der Ucbcreinstimmung der Verwaltung der ganzen Provinz hinsichtlich ihrer Hauptmomente ihren Grund hat und darin auch ihre Begründung findet". Der Beginn der Wirksamkeit der neuen Guberuial-Commission war auf den 1. Februar 1849 festgesetzt; nur gewisse Angelegenheiten höherer Natur waren dem Landes- Gubcrnium zu Lemberg Vorbehalten*). Gleichzeitig verfügte Stadion die Rücknahme der Maßregel vom 29. September mit dem Beifügen: „daß cs bis auf weitere Anordnung hinsichtlich der Unterrichtssprache an der Hochschule zu Lemberg und an den Gymnasien des ruthenischen Theilcs von Galizien" bei dem früheren Zustande zu verbleiben habe, daß daher „die auf Grund der Verfügung vom 29. September ihres Postens enthobenen Lehrer in ihren Functionen zu belassen seien und sohin mit neuen Entsetzungen der Lehrer von ihren Posten innezuhalten sei"**). Der Erlaß traf im Grunde nicht das was der neue Gouvernen-r ausgeführt, vielmehr jenes was das frühere Ministerium angeordnet hatte; gleichwohl dachte Zalcski daran um seine Enthebung zu bitten, und gab nur den Vorstellungen des Bibliothekars Stroüski, des Fürsten Leo Sa- pieha und des Grafen Kasimir Krasicki nach, wenn er sich damit begnügte eine Denkschrift unmittelbar an den Grafen Stadion zu richten, worin er die von ihm getroffenen Verfügungen aus der Sachlage wie er sie auffaßte zu rechtfertigen meinte, 12. Deccmber Z. 15907. Allein fort und fort liefen aus ruthenischen Kreisen, vom Landes-Commandirenden entschieden begünstigt"), Petitionen ein welche die Theilnng Galiziens in zwei Provinzen, die Errichtung einer ruthenischen Nationalgarde, die Einführung der ruthenischen Sprache in Amt und Schule in Anspruch *) Stadion an Ettmayer 25. November Nr. 5, 3. December Nr. 64 It. LI. I. Erlaß vom 4. December 1848 R.-G.-Bl. Nr. 5 S. 5. 52 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. »ahme». Als ein vorbereitender Schritt zur Erfüllung des letzter» Wunsches kennte die A. h. Entschließung vom 13. Dccember gelten, laut welcher der Local-Caplnn Jacob Glowacki von Chmiclowa zum Professor der rnthenischcn Sprache und Literatur an der Lembcrger Universität ernannt wurde. Daneben gab es unausgesetzte Klagen über die Haltung der kaiserlichen Beamten, gerade in jenen östlichen Kreisen des Landes in denen die Regierung auf die wärmsten Sympathien der Bevölkerung zu zählen hatte. Am 23. Deccmber überreichte Dom-Scholasticus Knziemski im Namen der rnthenischcn Haupt-Versammlung zu Lemberg dem Gouverneur Zalcski eine Denkschrift über das Benehmen der polnischen Kreis- bcamten, denen ihre amtliche Stellung dazu diene im Lande Mistraucn gegen die griechische Geistlichkeit und deren Organe, die ,,2orjaH^), auszusäcn; ein Kreis-Commissar habe allen Kirchensängcrn mit Verhaftung gedroht, falls sic sich unterstünden dem Landvolke aus jener Zeitschrift vorzuleseu; die Geistlichen, sagten die Beamten den Leuten, sollten bei ihrem Brevier bleiben. Bald aber richteten die Ruthencn ihre Anklagen gegen den Gouverneur selbst, dessen Bestreben dahin gehe „die deutsche Sprache zu unterdrücken, die rnthenische aber nicht auskommen zu,lassen" ; in allen Fachstudien führe er das Polnische ein, wogegen das Ruthenische nur als freier Gegenstand gelten solle; selbst in Buczacz erlaube er nicht mehr als einen Gegenstand rnthenisch vorzutragcn; der von ihm nach Art der alt-polnischen Ivoinissia ackulrao^iim eingesetzte Schulrath bestehe nur aus polnischen Elementen, mit Hintansetzung der ruthenischen Vertrauensmänner Kuziemski und Malinowski. Die rnthenische Haupt- Versammlnng erneuerte bei diesem Anlasse, 25. Deccmber, ihr dringendes Anliegen ans Theilung des Landes in eine polnische und eine ruthenische Provinz; schon habe sie 133.556 Unterschriften in diesem Sinne dem Ministerium vorgelcgt, mit den von den Zwcigversammlungcn eingesandten seien cs wohl schon 200.000; dabei sei „auch der Schein von Zwang sorgfältig vermieden" worden; viele Gemeinden hätten zugestimmt, aber sich geweigert zu unterschreiben, „weil die wühlerische Gegenpartei ihnen beizu- briugen trachtete daß die Unterschriften die Wiedereinführung der Frohne, die Erhöhung der Stenern, ja selbst den Anschluß an Rußland bezwecken. Denn die Polen-Partei hat den Schlag, welchen ihr die von den Ruthencn so sehr gewünschte Theilung Galiziens beibringt, richtig erkannt, die, wenn *') Bd. II S. 269. Forderungen der Nuthcnen. 53 sie zustande käme, ihren Plan durch Losreißung Galiziens von Oesterreich das alte Polenreich wieder hcrzustellcn gänzlich vereiteln würde" "). Die Beschwerden der Nuthcnen würden wohl nicht den Ansschlag gegeben haben; allein Zaleski war, schon weil er den Polen nicht von Hans aus mistraute sondern ihnen freiere nationale Entwicklung gönnte, ein Dorn im Auge aller Männer des alten Systems. Schon daß Zaleski bei den Polen beliebt war, während vor ihm Krieg und Stadion und selbst jetzt der Vice-Präsident Graf Gotuchowski von ihnen angefeindct wurde, galt für verdächtig und als ein Beweis daß Zaleski „als unzweifelhafter Schildträger dieser staatsgefährlichcn Partei" zu betrachten sei. Daß er der polnischen Sprache in den Aemtern Platz verschaffte wurde ebenso in sein Schildbuch eingetragen, wie daß er die „deutschen" Professoren von der Krakauer Universität verabschiedet hatte*). Allen seinen Personal-Ernennungen begegnete Mistrancn und als einer der sprechendsten Beweise der bedenklichen Richtung der er sich hingegeben habe galt sein Vorschlag für das nach dem Rücktritte des Ritters von Väc- laviöek erledigte lateinisch-katholische Erzbisthum zu Lemberg. Zalcski's Wahl traf nämlich den Przemysler Bischof und Reichstagsabgeordneten Wierzchlejski, einen Geistlichen von vorzüglichen Eigenschaften, der sich aber an der nationalen Bewegung hervorragend betheiligt hatte, der Przemysler Uaäa oUirvatslna sowie dem Lemberger Central-Nathe beigetretcn war, in der Ikacka des Peszynski sogar den Vorsitz eingenommen hattet). „Ich fühle mich daher veranlaßt", schrieb Hammerstcin dem Grafen Stadion, „Euer Exccllenz wiederholt und dringend vorzustellcn daß es nun, bei der Macht welche der Landes-Chef besitzt, um so nöthiger erscheint daß derselbe von der Zweckmäßigkeit der Ministerialen Richtung überzeugt, nicht via facti dieser entgegen manches cinführe und sich dabei durch eine sonstige Beobachtung der Förmlichkeiten den geschickten Anstrich der Pflichttreue gebe." In der ersten Woche des neuen Jahres war die Adresse der gemäßigten polnischen Partei, mit vielen Hunderten von Unterschriften bedeckt, endlich zur Absendnng bereit; auch der Zwiespalt zu welchem die Znstandebringung derselben Anlaß gegeben hatte war ausgeglichen und Fürst Jablonowski machte nun keine weitern Schwierigkeiten sich an die Spitze der Deputation zu stellen welche dieselbe nach Olmüz bringen sollte. Dem Fürsten schlossen sich an: die Grafen Alexander Stadnicki und Kazimir 54 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. Krasicki, der Ritter Peter v. Wasilewski — er galt als der Abfasser der Adresse; er hatte der Hacla iia.no 4 ova angehört, aber sich dem revolutionäreil Treiben derselben jederzeit offen widersetzt —, vom lateinischen Dom- capitel der Seminar-Rector Galdecki — das griechisch-katholische zog sich wegen mangelnder Geldmittel für diese Reise zurück —; von der Stadt Lemberg der Advocat Gnsinski, der Bürger Peter Pillcr und der Handelsmann Mises; von Krakau ans sollten sich mit der Deputation vereinigen: der Gutsherr von Tarnow Fürst Ladislaus Sangnszko und ein Krakauer Bürger. Die Deputation reiste am 9. Januar von Lemberg ab ^). Auch in der Bukowina war zur selben Zeit eine Adresse und eine Deputation an den Allerhöchsten Thron im Zuge. Denn wenn dieser Landesthcil administrativ noch einen Kreis voll Galizien bildete, so gab es doch schon Viele die denselben für ein selbständiges Kronland erklärt und als solches behandelt zu sehen wünschten. Dies Verlangen ging hauptsächlich von dem romanischen Theile der Bevölkerung ans, während die kaum minder zahlreichen Russinen auch hier die Ziehung einer Sprach- gränze und den Anschluß des ruthenischen Gebietes an Ost-Galizien anstrebten. Die Bnkowincr Adresse datirte vom 4. Januar und sollte durch eine Deputation, deren Führung der orientalische Landcs-Bischos Eugen Hakmann zu übernehmen hatte, nach Olmüz gebracht werden; allein der Einfall Bein's, der gerade in jenen Tagen die Hauptstadt Czernowitz in Schrecken und Verwirrung setzte, verursachte einen Aufschubs. Was die Lemberg-Krakauer Deputation betraf so konnte sie einer höflichen Aufnahme versichert sein, in der Hauptsache aber die ihr am Herzen lag blickte ihr kein Erfolg entgegen. Denn an demselben 9. Januar war von Stadion, unabhängig von der Beschwerdeschrift der Ru- thenen und dem Schreiben Hammerstein's die erst am 11. in die Hände des Ministers gelangten, ein scharfer Erlaß an den Gouverneur Zaleski abgegangen: „Bon mehreren Seiten erhalte ich die Versicherung daß in Tarnow Rzeözow Stanislau Czernowitz und mehreren andern Orten die vorgcschriebene Epurirung der Nationalgardc noch gar nicht begonnen habe und in andern Orten nur zum Scheine durchgcführt worden sei. Indem ich wegen Tarnow und Rzeszow die entsprechende Weisung an den Herrn Hofrath von Ettmayer erlasse, ersuche ich E. W. nicht blos die Kreisvorsteher von Stanislau und Czernowitz, sondern alle säumigen Kreisvorstehcr darüber zur Rede zu stellen und ihnen kategorisch auszutragen daß ohne Verzug diese so dringend nothwendige Maßregel durch- Polnische Deputation in Olmüz — Bukowiner Adresse. 55 geführt werde. E. W. aber muß ich verantwortlich machen daß diesem Aufträge genau entsprochen werde. Ich kann nicht leugnen daß cs mich sehr unangenehm berührt von so vieleil Seiten erfahren zu müßen, daß es der politischen Verwaltung in Galizien mit einem offenen und energischen Auftreten im Namen der Regierung und im wahren Interesse des Landes nicht recht Ernst sei; daß viele Beamten sich nur den Anschein geben als thäten sie ihre Schuldigkeit, eigentlich aber es doch theils aus Charakterschwäche theils selbst aus Sympathie mit der ultra-polnischen Partei halten oder ihr doch Zugeständnisse machen welche sie um alles Vertrauen bringen und bei der Partei der sie dienen doch keine Achtung gewinnen, weil die Achselträgcrei immer etwas verächtliches ist." Der Gouverneur solle „mit thnnlichster Beschleunigung" über seine diesfalls getroffenen Verfügungen berichten und zugleich „die Rechtfertigung der betreffenden Kreisvorstehcr" einsenden ^). rp * -t: Es war der natürliche Gang der Dinge daß die Zweifel und Fragen welche die Bevölkerung im ganzen Lande in Athem hielten auch in den Reichstagssaal von Kremsicr hineinspielten, und zwar hauptsächlich in zwei Richtungen: in der des Verhältnisses von Gutsherr und Bauer, und in der nationalen. In der einen wie andern war es die polnische Seite von welcher der Kampf ausging, und cs wurden dabei die Waffen nur zu häufig mit einer Leidenschaft geführt welche durch die Blößen die sie bot dem andern Theile die Vertheidigung gar sehr erleichterte. So Krainski in der Sitzung vom <8. Januar als er den Minister des Innern wegen der Wald- und Weide-Dienstbarkeiten angriff; denn Stadion war es gegen welchen, schon wegen seiner vorausgegangcnen gali- zischen Statthalterschaft, die polnischen Abgeordneten der Linken mit Vorliebe ihre Pfeile abschoßen. Mit Ministerial-Rescript vom 17. April 1848, behauptete der Interpellant, sei der Fortbestand jener Servituten ausgesprochen, das kaiserliche Patent aber, laut dessen dies gegen Entgeld seitens der Benützer stattzufinden habe, von den Behörden „verheimlicht" worden; dadurch sei ein „trauriges Misverständnis über das bedingte oder unbedingte Nntznicßungsrccht der herrschaftlichen Waldungen" entsprungen, und es gebe „keinen Richter im Lande der in dieser Sache Recht zu sprechen und Waldfrevlcr zu bestrafen sich berufen fühlen könnte"; 56 I- 4. Krakau Galizien und Bukowina. mehr als in den andern Theilen des Landes sei dies in den östlichen Kreisen von Gefahr „wo der Unterschied des Religionsbekenntnisses oder Ritus dem socialen Elemente auch einen religiösen Factor liefert"; schon werde vor einer Wiederkehr der Sccncn von 1846 gewarnt, und der sprechendste Beweis dafür sei der Hirtenbrief den der griechisch-katholische Erzbischof von Lemberg an seine Geistlichkeit zu richten sich gcnöthigt gesehen und „worin er selbe unter andern auffordert von dem Aufrcizen des Landvolkes zu Raub und Mord abzulasscn". In den Ausführungen Krainski's waren so viele Sätze als Unrichtigkeiten und Misvcrständnisse, wo nicht absichtliche Entstellungen. Nie und nirgends war der Inhalt des kaiserlichen Patents vom 17. April v. I. verheimlicht worden; Stadion, der in der Sitzung vom 25. Januar die Interpellation beantwortete, lieferte den Nachweis daß von den Kreisämtcrn Commissärc hernmgcschickt worden waren, die von Gemeinde zu Gemeinde und von Dominium zu Dominium das Patent den Leuten vorlasen und erklärten. Und wo im Lande war es vorgckommen daß Geistliche das Landvolk zu Raub und Mord anfgefordcrt? Wo könne man sagen, frng Stadion, daß in Galizien social-religiöse Bewegungen seien? Er ' habe viele Personen die aus Galizien gekommen angeredet, aber niemand habe ihm von derartigem gesprochen. Das stärkste, was Krainski vorzubringen sich erdreistet hatte, war aber die Hereinziehnng des erzbischöflichen Hirtenbriefes; denn erstens war derselbe nicht vom Erzbischof Ar. rill, sondern vom lateinisch-katholischen Bischof von Przeinysl erlassen, und zweitens war es nicht die Aufreizung zu Raub und Mord, sondern waren es politische Verhetzungen die Wierzchlejski seinem Clerus strengstens verbot 5"). Im Grunde war es Krainski weniger um die Wald- und Weiderechte als um Nationalität und Sprache zu thnu. „Wie kann man", meinte er, „von der ruthenischen Bevölkerung Achtung vor dem Gesetze fordern, wo die Kundmachung der Gesetze in einer Weise erfolgt die das Verständnis derselben auf eiu mindestes herabdrückt?!" Seit 76 Jahren habe sich die österreichische Regierung der landesüblichen lateinischen Schriftlichen bedient; jetzt wende man in den ruthenischen Landcstheilen die cyrillischen Lettern an die „an manchen Orten kaum der hundertste, durchschnittlich kaum der zehnte im Lande zu lesen und zu verstehen im Stande ist". Aber, so fragte Dylewski, was sei es überhaupt mit diesen ruthenischen Landcstheilen? Wie komme man dazu bei gesetzlichen und administrativen Verfügungen nicht das ganze Land, das der überwiegenden Interpellationen Krainski's nnd DplewSki'S in Kremsicr. 57 Mehrheit seiner Bevölkerung nach polnisch ist, im Auge zu halten? „Man zieht einen weder factisch noch historisch sondern blos willkürlich abgesonderten, ja gar nicht abgegränzten Theil dieses Landes in Betracht, erkünstelt so eine örtliche Minorität der polnischen Bevölkerung und beraubt dieselbe ihrer Sprache iu Aint und Schule im Namen der Gleichberechtigung der Nationalitäten". Es sei auf diesem Wege ein Element der Beunruhigung, der Aufregung in die Bevölkerung gebracht worden, von dem man früher nichts wußte. „Wie kommt es daß, so laug Polen bestand, kein Sprachenstreit in demselben je vorgckommcn? Wie kommt es daß ein solcher Streit durch die ganze Zeit seit der Einverleibung Galiziens in den österreichischen Staat, während welcher Ruthenen und Polen die Gleichberechtigung der Knechtschaft genossen, nie laut geworden ist?! Die polnische Nationalität hat stets redlich nach Freiheit gerungen und weiß das heiligste Recht zu würdigen das jedermann, daher auch ihren rnthenischen Stammesgenossen zusteht, in dem Gebrauche der Schrift und Sprache sich blos nach eigenem Willen zu richten"*). Dylewski sprach von rnthenischen „Stammesgeuossen", nnd dazu war er allerdings berechtigt wenn man die große slavische Völkcrfa- milie als „Stamm" bezeichnet. Allein er und seine polnischen Mitkämpfer meinten es anders. Immer und überall schwebte ihnen die Stndion'schc „Erfindung der Ruthenen" vor Augen und zählten sie auf die Unbekanntschaft des europäischen Westens nnt der eigentlichen Beschaffenheit der Dinge, indem sie die Ruthenen als einen blosen Zweig der Polen, die Sprache derselben als eine nur etwa durch besondere Schriftzeichcn geschiedene Mundart der polnischen hinstellten, was alles grundfalsch ist. Denn wenn die Ruthenen ein Zweigvolk, ihre Sprache nichts als ein abweichender Dialekt sind, so sind sie dies beides nicht von den Polen, sondern von den Russen; Polen und Russen aber sind von einander in gleichem Grade verschiedene Völker, wie etwa Deutsche und Schweden oder wie Italiener und Franzosen. Die Schärfe dieses Antagonismus gab sich inmitten der Reichsversammlung mehr als einmal kund. Als gegen Ende Januar ein Ausschuß behufs Ausarbeitung eines Gemeindegesetzes zusammengesetzt wurde, und zwar nach Nationalitäten, in welchen die galizischen Abgeordneten den Michael Popiel als „Ruthenen" wählten, thaten die letzteren entschieden Einsprache denselben als einen der ihrigen. y Sten. Aufnahme IV S. 291, 712 f. 58 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. gelten zu lassen und verlangten die Anordnung einer neuen Wahl wo es ihnen ermöglicht werde jemand ans ihrer Mitte zu bezeichnen*). Wenn die galizischen Abgeordneten polnischer Nationalität durch Dylewski's Mund sich darauf beriefen nationalen Zwiespalt und Streit habe man früher nicht gekannt, so war das ganz einfach eine Unwahrheit, und zwar eine absichtliche, weil keinem halbwegs gebildeten Polen die Unkenntnis zuzumuthen ist daß cs Kämpfe solchen Charakters zu allen Zeiten der polnisch-russinischen Geschichte gegeben hat und daß dieselben zu Zeiten in sehr blutiger, ja grausamer Weise Ausdruck gefunden habend). Allerdings hat es sich bei den Kämpfen der früheren Jahrhunderte nicht um die Sprache gehandelt welche die Klein-Russen von den Polen unterschied, aus einem sehr begreiflichen Grunde: weil im Hause, in der Gemeinde, im Stadtrath jeder sprach wie er wollte und konnte, in öffentlichen Angelegenheiten aber, in diplomatischen Verhandlungen die lateinische Sprache das Verständigungsinittel bildete. Für die jüngste Zeit vor 1848 aber hat Dylewski selbst den ausreichenden Erklärungsgrnnd geliefert, indem er sie als „die Gleichberechtigung der Knechtschaft" chnrakterisirte. Denn dies war der zweite Kunstgriff den die polnische Partei dem europäischen Westen gegenüber anwandte, daß sie gegen die Anforderungen der Russinen auf die Gebote der Freiheit hinwies. „Geben sie Acht, meine Herren", rief Borkowski bei Gelegenheit des Zbyszewski'schen Antrages, „daß man das Heiligthum der Nationalität nicht mit frevelnder Hand entweihe und zu eigennützigen Zwecken ausbeute, daß man nicht im Namen der Nationalität Kreuzzüge gegen die Freiheit unternehme, sowie man schon im Namen Gottes den ewigen Hunger der sogenannten heiligen Inquisition sättigte" **). Die Ruthencn sollten, meinte man aus Polnischer Seite, ihre Sprache und Nationalität in den Hintergrund treten lassen, wenn es sich um die höheren Interessen der Freiheit handle. So sprachen sie mit Honig im Munde, während sie ihrerseits diese selbe Freiheit in ausschließlich polnischem Sinne auffaßten und anfgefaßt wissen wollten. Auch der Belagerungszustand und was sich daran knüpfte, kam am Reichstage zur Sprache. Maximilian Machalski mit 45 Genossen inter- pcllirten am 19. Januar „die Minister der Krone" und Stadion antwortete am 25. Er rechtfertigte die allgemeine Entwaffnung und die *) Antrag Lomnicki in der Sitzung vom 29. Januar, Kapuszczak in jener vom 1. Februar; Stcn. Aufnahme IV S. 631 f., 714. **) A. a. O. IV S. 599. Interpellationen KrainSki's und Dylewski's in Kremsicr. 59 Beschränkungen der Presse aus den militairischen Maßregeln, namentlich dem Aufgebote des Landvolkes, dann aber, mit Hinweis auf ein Rundschreiben Hammcrstcin's vom 13., aus der Rücksicht auf die zwischen Bauern und Edelleuten seit 1846 bestehende Spannung, die es sehr befürchten lasse „daß durch eine kleine Reibung sehr große Excesse entstehen könnten" *). Die Assentirung der beiden Journalisten Dobrzaüski und Kaminski, „weil sie freisinnig, namentlich zu Gunsten des Reichstages geschrieben haben", bezcichnete Schuselka als „ein Gewaltverfahren in civilisirten Staaten ohne Beispiel, und man scheint sich dabei lediglich den russischen Despotismus zum Muster genommen zu haben. Wo ist ein Gesetz daß für Preßvergehen der Soldatenrock die Strafe sein soll? Und heißt es nicht die Armee beleidigen und erniedrigen wenn man sie als Strafanstalt misbraucheu will, da doch die unbefleckte Ehre all ihren Mitgliedern das belebende Princip sein soll!?" Stadion entgegnete: Dobrzaüski habe sich bei den früheren Recrutirungen seiner Stellungspflicht entzogen, Kamiüski sei wegen falscher Meldung verhaftet worden: „sie wurden daher nach den bestehenden Vorschriften von den dazu berufenen Behörden auf den Asseutplatz gebracht und abgestcllt". Uebrigens sei gerade Galizien mit 1947 Mann im Rückstände, daher die Behörden um so strenger an den im Gesetze gegründeten ax-ot'lloio-Abstellungen festhalten müßten, das Ministerium aber sich nicht bestimmt finden könne „von amtswegen in das Verfahren der Behörden einzugreifen, zumal es den Betheiligtcn bevorgelassen ist im ordnungsmäßigen Wege alles geltend zu machen was einen gesetzlichen Anhaltspunkt zu ihrer gänzlichen oder zeitweiligen Befreiung darbieten könnte" **). In der Zeit da sich jene Wortgefechte in Kremsier abspielten hatte im Lande Galizien ein wichtiger Personenwechsel stattgcsunden. Am 15. Januar war die kaiserliche Entschließung, am 17. waren die Ministerialen Dienstschreiben erflossen, kraft deren Zaleski als Sections-Chef in das Ministerinin des Innern berufen, zum Landes-Chef vou Galizien aber der bisherige Gubernial-Vicc-Präsidcnt Graf Agenor Goluchowski ernannt wurde. Der neu ernannte Sections-Chef möge, so schrieb Stadion, *) Stm. Aufnahme IV S. 457 f., 569 s. **) Ebenda V S. 46 f„ 336 f. 60 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. „nach nllsogleichcr Uebcrgabc seiner Amtsgeschäfte und Ordnung seiner häuslichen Angelegenheiten sich recht bald in Wien cinsindcn, um mir bei den vielen und wichtigen Angelegenheiten Galiziens mit Ihrer Einsicht und genauesten Kenntnis des Landes und dessen Bevölkerung zur Seite zu stehen" (Nr. 711 U. LI. I. 1849). Einige Tage später brachte die Negierungs-Zeitung einen Aufsatz über die Durchführung der Gleichberechtigung der Nationalitäten „im Geiste der Humanität und Freiheit" ; darnach sollte in den ruthenischen Theilcn Galiziens einstweilen, bis der Unterricht „durch taugliche Professoren und für Schüler die mit der erforderlichen sprachlichen Vorbildung ausgerüstet sind" in der Landessprache crtheilt werden kann, die deutsche Vortragssprache beinhalten werden; jetzt schon aber sei an allen Gymnasien der östlichen Kreise die rnthenische Sprache als obligater Lchrgcgcnstand einzuführcn und daneben die polnische „als Sprache der Minderzahl der Bevölkerung als freier Gegenstand vorzutragen"* *). Zugleich wurde eine gewissenhafte Einhaltung der griechischen Feiertage in den östlichen Kreisen des Landes eingeschärft; die Nnthencn seien an solchen Tagen nicht vor das Amt zu laden, an nieder» und höhern Schulen ihre Jugend nicht zum Besuche derselben zu verhalten, Jahr- und Wochenmärkte auf Werktage zu verlegen-^). Bestürzung ergriff die Gemüther der Polen, deren Stammesbrüdern im Poscn'schen um dieselbe Zeit ähnliches durch die Demarcations-Linic widerfuhr, die nach dem Beschlüße des Frankfurter Parlaments zwischen dem polnischen und dem mehr deutschen Thcilc des Großhcrzogthums gezogen werden sollte-^). Freude hingegen herrschte im Lager der Rnthenen sowie der Deutschen, nicht blos über den Inhalt dieser Verordnung, sondern auch über die Persönlichkeit des neuen Landes-Chefs von dem sic überzeugt waren daß er den Ministerialen Befehl mit Ernst und Kraft durchführen werde. Ausdruck gab dieser Freude der Rector Dr. Karlmann Tangl der am 24. an der Spitze der Lemberger Universität dem Grafen Goluchowski Aufwartung machte und denselben bat „Dolmetsch ihrer Gesinnung und ihres tiefgefühlten Dankes" beim Ministerium zu sein**). . . Ritter von Zaleski hatte mit den amtlichen Ausfertigungen zugleich einen Brief des Grafen Stadion erhalten, worin er aufgefordert wurde Ausführlich Wr.Ztg. Nr. 18 vom 21. Januar „Amtlicher Theil" und Stadion's Beantwortung der Interpellation Dylewski's Sten. Aufnahme V S. 337—339. *2) Ansprache Tangl'S und Erwiderung Goluchowski's s. Wr. Ztg. Nr. 32 vom 7. Februar S. 365 f. Abberufung Zaleski's nach Wien. 61 so bald als möglich nach Wien zu kommen wo große und wichtige Aufgaben seiner harrten; unterwegs möge er im Allerhöchsten Hvflager in Olmüz erscheinen. In den ersten Februar-Tagen trat Zaleski seine Reise an. In Olmüz wurde ihm vom jungen Kaiser, dessen Lehrer im Polnischen er einst gewesen*), der gnädigste Empfang zutheil. „Graf Stadion", sagte der Monarch, „wird sich freuen daß Sie schon da sind, er braucht Sie dringend!" Als aber Zaleski in Wien eintraf, zeigte sich's daß die galizischen Angelegenheiten, deren Besorgung er erwartet und gewünscht hatte, einem andern Scctions-Chef unterstellt waren. Wenige Tage darauf ergriff ihn eine Lungenentzündung, die am 24. Februar 2 Uhr nachts seinem Leben ein Ende machte**). Die Krankheit war, wie man vcrmuthete, durch Verkühlung auf der Reise veranlaßt worden; daß sie einen so schnellen und tödtlichen Ausgang genommen, dazu haben ohne Frage die übermäßige geistige Anstrengung und Aufregung, wohl schon seit den März-Tagen, und dann die tiefen Kränkungen der letzten Zeit bcigetragcn. Der Fall machte allgemeines Aufsehen und es hat nicht an allerlei albernem Gerede gefehlt, das unter solchen Umständen nie ausbleibt. Das richtigste hat Wohl Hofrath Güntncr gesagt, der ihn in der letzten Krisis mit Professor Damian Schroff und den Doctoren Bocz- kowski und Habel behandelte: „Er ist am gebrochene» Herzen gestorben!" In den polnischen Kreisen Galiziens aus denen er vor kaum drei Wochen geschieden war, machte die Todesnachricht einen großen und schmerzlichen Eindruck, und wohl auch die Russinen haben über seinem Grabe ihre politische Gegnerschaft vergessen. Seine Absichten waren gewiß die reinsten; aber er paßte nach seiner stilleren Anlage nicht in eine Zeit so gewaltiger und gehässiger Aufregung, in die er aus seinem Wiener Bureau zum selbständigen Handeln berufen worden war. Dazu bedurfte es einer rauheren Natur, eines rücksichtslosen Wollcns und Götzens eiserner Hand. Diese Eigenschaften vereinigten in ihrer Person, jeder in seiner Weise, der commandirende General und der neue Gouverneur des Landes, ein Umstand der die Beiden schon vordem einander genähert hatte. Auch kannten, im Gegensätze zu Zaleski der durch jahrelanges Wirken in seinem Wiener Bureau den Dingen in Galizien mehr entfremdet worden, sowohl Hammcrstein als Goluchowski aus ununterbrochener und unmittel- «) Bd. in S. 386. **) Er starb in seiner Wohnung in einem der Häuser am Kohlmarkt Nr. 258 — 260, heute vir. 12. 62 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. barer Anschauung sowohl Persönlichkeiten und Verhältnisse im Innern als die mannigfachen Fäden dieser verschiedenen Factoren nach außen. Denn es war keine Frage daß die fortwährenden Beunruhigungen im Lande einen fernen Mittelpunkt hatten. In den ersten Tagen des jungen Jahres hatte eine polnische Deputation dem Präsidenten der französischen Republik ihre Aufwartung gemacht und General Rybmski hierbei „die Stabs-Ofsiciere und sonstigen Notabilitäten der Revolutions-Armee und -Regierung" — darunter General Siernwski, Oberst Zalewski der fünfzehn Jahre in Kufstein gesessen, Olizar Mitglied des ehemaligen polnischen Senats — vorgestellt. Mickiewicz, der den Sprecher abgab, wies auf die neue Kraft welche die Republik gewonnen und auf die „volksthümlichen Sympathien" hin, die sich hoffentlich „auf alles erstrecken werden was die Napoleonische Epoche wirklich heroisches und die französische Revolution wirklich progressives geboten. Wir sprechen in der Ueberzeugung zu Ihnen daß wir die Meinung des polnischen Volkes und vieler Millionen unserer slavischen Brüder vertreten. Wir wollen unfern Geist zum Allerhöchsten erheben und ihn bitten daß er Sie in Erfüllung Ihres Amtes segnen möge, welches eben so unermeßlich ist als die Kraft die Ihnen das moralische Gefühl des französischen Volkes und aller mit ihm verbündeten Völker verleiht. Louis Napoleon! Möge der Geist des Helden dessen Namen Sic tragen Sie in Ihren Inspirationen leiten!" Auf diese Anrede antwortete der Präsident, daß sie ihm beweise wie richtig die Polen seine Stellung auffaßtcn. „Franzose vor allem", sagte er, „vereinige ich mich mit Frankreich in seinen lebhaften Sympathien für Polen und wünsche daß diese Sympathien von allen Völkern gctheilt werden mögen." Damit war nun allerdings nicht sehr viel gesagt, allein es bot der polnischen Centralisation in Paris immerhin einen bezeichnenden Rückhalt, dessen sie sich berühmen konnte und von dessen moralischer Kraft sie bei ihren geheimen Minen und Gängen durch alle Thcile der einstmaligen königlichen Republik geschicktesten Gebrauch zu machen wußte. Der unruhigste Geist zeigte sich fortwährend in Krakau. Alle Augenblicke tauchten Gerüchte von einem neuen Losbruch auf wobei die Bauern aus dem Gebiete den Städtischen zu Hilfe kommen würden. Der geringste Anlaß diente zu einem Auflauf wobei die bewaffnete Macht in der Regel eine bcwundernswerthe Mäßigung und Geduld bewährte. Als am 23. Februar nachmittags ein Gendarm durch die Grodsker Straße fünf mit Stricken an den Händen gefesselte Strolche führte die dein gaffenden Galizien und die Pariser Ccntralisation. 63 Volk zuriefen: „Man will uns zu Soldaten machen!" fielen die Leute über den Gendarm her und versetzten ihm einen Schlag mit einem Stein so daß er niedersank, während drei der Delinquenten denen schnell die Bande durchschnitten waren das weite suchten, bis sich beim Anrücken einer Patrouille das Gesindel zerstreute. Am 25. nachmittags, wo sonntägliche Müßiggänger aus den unteren Volksclasfen den Platz und alle Hauptstraßen füllten, rückte eine Compagnie Parma von Wieliczka ein die im Knotz'schen Hause in der Johannisgasse bequartiert werden sollte, wohin für diesen Zweck auf Wagen Bettcrfordernissc geschafft wurden. Das war für das Gesindel ein gefundener Handel. Sie begleiteten die marschirendcn Soldaten mit Katzenmusik, wagten sich selbst an einzelne heran, griffen die Fuhrwerke an, suchten Strohsäcke herabzuzerren. So gelangte der Zug, ohne daß von der Truppe die geringste Erwiderung erfolgte, auf den Hauptplatz zur Snkicnnica wo der Ofsicier sich gegen die Menge wandte und sie zum Allseinandergehen aufforderte. Das erhöhte nur ihren Uebermuth. Jetzt erschien ein Cavalerie-Piquet, während aus dem Walter'schen Hanse Soldaten von Palombini hcrvorbrachen und mit Stöcken auf die Meute losgingen so daß es eine förmliche Jagd auf dem Ringplatzc setzte. Ein Theil des Packs warf sich in die Johannisgasse wo eine ihm entgegenkommende Patrouille in die Luft Feuer gab und ihn dadurch vollends verscheuchte. Verwundung fiel eine einzige vor, und an dieser war der Verletzte, ein Schlosser, selber schuld, da er einem Cavaleristeu in den Säbel gefallen war und sich dabei die Finger zerschnitten hatte. Alle diese Auftritte gingen von Gassenjungen und Handwerksburschcn aus, und es war nicht ungegründeter Verdacht daß geheime Geldspenden dabei ihre Rolle spielten. Am 28. darauf brachte die „6a.2sta Lraleorvslca," eine Verschärfung des Belagerungsstandes mit dem Mahnworte an alle Bürger ihre Angehörigen im Falle eines Aufstandes strengstens bei Hause zu behalten. Im Krakauischeu war die Regierung auch des Landvolkes nicht sicher, was am Ende nicht zu wundern war da es erst seit drei Jahreil unserem Staatsgebiete angehörte. Im Landbezirke von Krakan war seit Jahren Chrzanow ein Hauptsitz und Schlupfwinkel aller Unruhestifter; die umliegenden Wälder beherbergten bewaffnete Haufen die zeitweise hervorbrachen, Geld und Lebensmittel erpreßten, einzelne Gendarmen überfielen und todtschlugen. Erst gegen Ende Februar gelang es einem Streif-Commando von Palombini und einer Abtheilung Chevauxlcgers 64 I. 4. Krakau Galizien und Bukowina. die Hauptrotte bei ihrem Mittagmal zu überrasche» und einznfangen; sie wurde» an die Militair-Behörde abgeliefert, mehrere Rädelsführer standrechtlich crschoßcn. Auf russischem Gebiet hielt eine Kozaken-Kette die Gränze gegen Oesterreich bewacht und besetzt. Im ganzen übrigen Lande waren die Bauern die treuesten Anhänger der Regierung, erwiesen auf die erste Aufforderung dein Mi- litair, der Gcfällenwache, der Gendarmerie Dienste jeder Art, weigerten sich wohl gar für geleisteten Vorspann Bezahlung anzunehmen, lieferten freiwillige Beiträge an Geld und Naturalien für die Bedürfnisse des Staates, wovon jede Numer der Lemberger Zeitung neue Verzeichnisse brachte. Auch die bessere Bürgerschaft in Krakau hatte die unaufhörlichen Alarmirungen herzlich satt und stand den Organen der öffentlichen Sicherheit nach Kräften bei. In Lemberg versäumte das daselbst sehr stark vertretene deutsche Element keine Gelegenheit sich gegen die Urheber und Förderer der Revolution, mochten sie welchen Namens immer sein, mit ernstem Nachdruck auszusprechcn. Als ein schmählicher Artikel in der „Uolslrre" die Lemberger warnte einen von denen welche die Vertrauens-Adresse vom 29. November 1848 an Hammerstein unterzeichnet hatten *) in den neu zu bildenden städtischen Ausschuß zu wählen, wandte sich die Bürgerschaft der Stadt mit einer neuen Adresse an den Landcs- Commandirenden worin cs unter anderem hieß: „Die deutsche Bürgerschaft Lembergs geizt nicht nach einem Uebergewichte ihrer Nationalität im Gemcindcrathc der Stadt; sie wünscht nur daß die Wahlen ans solche Männer fallen mögen welche in treuer erprobter Anhänglichkeit an unfern erhabenen Monarchen und unser großes Gcsammtvaterland vor allem das Wohl der Stadt zum Ziele ihres thätigen und erfolgreichen Wirkens machen. Wir hadern nicht wie der Artikel der ,?olsl:a/ um ein numerisches Ucbergewicht des deutschen Elements im Gemcinderathe, und der Redliche, sei er Ruthene Pole oder Jude, wird uns willkommener sein als selbst ein Deutscher wenn dieser jener Elaste angehört deren politisches Glaubensbekenntnis an einer Mütze haften konnte, die über die Ereignisse weniger Stunden dem aus einem vergessenen Winkel wieder hervorgeholtcn zerquetschten Hute Platz machte"**). «q Bd. III S. 127. **) Datirt vom 27. Februar 1819; voller Wortlaul Wr. Ztg. Nr. 61 S. 714 s. Emil de Girardi» über die Tyroler. 65 5. Emile de Girardin hatte im Jahre 1848 die Tyroler „die Bewahrer der gesunden Vernunft in Deutschland" genannt, und er hat mit diesem Aussprache das rechte getroffen. Sie hatten im März jenes Jahres alle politischen Beschwerden und Wünsche einstweilen beiseite gelassen, weil sie es für daS erste und nothwendigste erkannten die Gränzen ihres Landes gegen den tückisch eingedrungenen Watschen zn vcrtheidigen, und ihr Eifer in dieser Sache war seither nicht erkaltet Dankend würdigte Verjünge Kaiser ihre patriotische Aufopferung und stiftete eine an weiß-grünem Bande zn tragende Denkmünze für jeden Landesangehörigen „der während der bezcichneten Epoche ausgerückt ist, sei es in förmlich organisirtcn Compagnien oder znm Landsturm", 10. Januar. I. Mnhl-Schedl, Hanpt- mann der I. Innsbrucker Freiwilligen-Schützen-Compagnie, beschäftigte sich im Interesse der Landesvertheidignng mit der Bildung einer „Berg-Batterie" und schuf einen Invaliden-Unterstütznngsverein welchem er den Namen des greisen Feldmarschalls gab. Im ganzen Lande wurde gesammelt, von Haus zu Hans erhoben weltliche und geistliche Vorstände den Pfennig des Armen, das Pfund des Neichen, und es war rührend wenn man die schlichten Erzählungen der Einsammlcr vernahm, wie Kinder Dienstmädchen Knechte Witwen ihr Schärflein um GotteS und der „armen Blcssirtcn" willen beitrugen und in ihrer Opfcrfrcudigkeit den schönen Spruch bewahrheiteten daß geben seliger als nehmen. Noch vor Ablauf der Wintermonatc waren über 25.000 fl. beisammen und täglich wuchs der nenbegründcte Fond.. Was die innere Ruhe deS Landes stören konnte wurde lahm gelegt oder außer Land geschasst. Die akademische Jugend hatte während des Jahres der Bewegung in Innsbruck zwar nie die Rolle gespielt wie in Wien oder Prag ")- war doch der größere Theil derselben mit der Waffe ansgezogcn die Gränze gegen den gemeinsamen Feind zu vcrtheidigen! Eine akademische Legion wie in andern Universitätsstädten gab es dort nicht; die Studentenschaft als solche hatte keine Gelegenheit gefunden sich in politischer Linie geltend zu machen. Einzelne Ausschreitungen hatten wohl stattgcfnndcn, Umtriebe in liberaler Richtung hatte die ruhige Bevölkerung mitunter gereizt. Im Jahre 1849, wo die Studenten allerorts fühlen mußten wie sie Schritt für Schritt ans der Stellung hinausgedrüngt wurden die sie sich in der Sturm- und Heifert, Geschichte Lesterreichs. IV. S. g 66 I. 5. Die Italiener in Süd-Tyrol und im Küstenland. Drang-Periode zu erringen gewußt, kamen sie in Innsbruck vollends um allen Nimbus. Das vom „katholisch-constitutionellcn Verein" gegründete „Volksblatt" erlaubte sich einen scharfen Ausfall gegen die Universitäts- Jugend, der von dem Verein selbst misbilligt wurde, so daß der Ausschuß seinem Redacteur Weltpriester Rothmüller ein Dssaveu gab; die Studenten wollten sich damit nicht begnügen und gegen Rothmüller vor Gericht auftreten, allein sic fanden in der ganzen Stadt keinen Anwalt der die Jnjuricnklage übernommen hätte*). Eine andere Gefahr für die Ruhe deö Landes drohte ans dem Zillerthal, wo sich mehrere der nach Preußisch-Schlesicn ausgewanderten Protestanten eingefnndcn hatten, die sich besonders in Zell Hippach Maierhofen zu schaffen inachten. Sie waren angeblich gekommen um . Familienangelegenheiten zu betreiben; allein die alten „Jnclinanten" konnten nicht von dem Versuche lassen Prosekyten zu machen und nun wurde aus dem Thale eine Deputation nach Innsbruck geschickt, die Statthalterei möchte ihnen das Handwerk legen. In der That wußte man aus ihren Reisedocumentcn Formfehler herauszufindcn und sie wurden aus dem Lande gewiesen. Was neben der Landesvertheidigung und der katholischen Glaubens- einhcit die Gemüthcr in stärkerem Maße beschäftigte und erhitzte, war die s. g. Trennungsfrage. Die Befürchtungen daß es dahin kommen könne das südliche italienische Gebiet selbständig zu stellen, richteten sich nicht gegen den Hof und das Ministerium, von welchen Seiten die Dentsch-Tyroker ihrer Sache ziemlich sicher waren. Als im Dccember 1848 eine Huldigungs-Deputation aus Wälsch-Tyrol — die Mitglieder waren, wie man in Innsbruck sagte, fünf „Akolythen Mnzzini's", zwei Amncstirte und drei bekannte Ultras — in Olmüz erschien, die nebstbei die „Wünsche" der zwei italienischen Kreise zur Geltung bringen sollte, fand selbe die kühlste Aufnahme; die Deputaten wurden nicht zur kaiserlichen Tafel gezogen, waS sonst regelmäßig geschah, und die Minister ließen sie über die Trennnngöfragc gar nicht zu Worte kommen**). Anders stand es mit dein Reichstag, dessen süd-tyrolische Mitglieder mehr oder weniger den Trennungs-Ideen huldigten »nd für dieselben im Berfassnngs- Ausschußc eifrig wirkten ***). Besonders galt dies von dem Grasen A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 34 S. 520: „Von der Etsch" 26. Januar. A. A. Ztg. 1849, Beil, zu Nr. 22 S. 333 f. „Zur süd-tyrolische» Trennung?- Frage". ***) S. meine» Bd. II S. 219—221, 413—417. Die „Akolythen Mazzini's". 67 Giuseppe Fest,, der in unausgesetztem Briefwechsel mit dem Präsidenten deS Trienter „Oomitato pntriottioo" Panizza stand; von Baron Turco der nach der Einnahme von Wien nach Hause eilte und hier, weil ihm wegen seiner gemäßigteren Haltung in Wien seitens der Exaltados ein Mistrauens-Votum zngedacht war, durch heftige Reden und geschäftiges Bordrängen sich wieder in ihre Gunst zu setzen suchte; endlich von dem Innsbrucker Appellations-Rath Johann Dcpretis von Cagnodo der, wie es in einem amtlichen Berichte an den Grafen Stadion hieß, „an Verstand Verschlagenheit und schlechter Gesinnung gegen Oesterreich allen andern weit voransteht". Während der Urlaubszeit im October, wo die italienische Partei den Zerfall der Monarchie angekündigt hatte, war er von Bezirk zu Bezirk gereist, hatte überall vom „xoxolo Kovrano olis oomrrnäa," und davon gesprochen daß es, wen» die Trennung nicht gutwillig zugegeben werde, zu „intti äi sanAus" kommen müße. Einer- Deputation von Strigno, die sich über ihren Landrichter Maestrella beschwerte, hatte er den Wink gegeben daß es in Wien ein Mittel gebe das man in solchen Fällen anzuwendcn Pflege, wie denn in der That einige Tage später dem Landrichter eine Katzenmusik veranstaltet wurde. Dabei habe er, wie es in dem amtlichen Berichte hieß, über die Lauheit der Landbevölkerung geklagt, da er nirgends politische Vereine gefunden, keine Placatc gesehen, keinen Demonstrationen begegnet habe. .. In den Städten, namentlich Trient und Rovcredo, führte die italienische Partei das große Wort und trug eine kecke Zuversicht zur Schau, als könne cs von Seite des constituirenden Reichstages gar nicht fehlen-^). In der That nahm unter den Gegenständen des „zweiten Thciles der Verfassung", wie man cs im Krcmsicrer Constitutions-Ausschußc nannte*), die Erwägung in welche Bestandthcilc das nicht-ungarische Gebiet des Kaiscrstnates zerfallen sollte, einen der ersten Plätze ein und hier wieder war es die süd-tyrolische Frage welche eine der bedeutendsten Rollen spielte. Im Z. 2 des lithographirtcn Entwurfes, welcher den Be- rathungcn im Ausschüße zur Grundlage diente, fand sich als „selbständiges untrennbares" Rcichsland angeführt: „Die gefürstete Grafschaft Tyrol sammt Vorarlberg" **), wodurch also eine Scheidung von Dentsch- und Wälsch-Tyrol ausgeschlossen war. Von den drei Vertretern Tyrols *) Vor. Bd. S. 9 s. 64 f. Anton Springer Protokolle des Verfassungs-Ausschußes im österr. Reichstage (Leipzig S. Hirzcl 1885) S. 15 >). 68 I. 5. Die Italiener in Süd-Tyral und im Küstenland. im Constitutions-Ansschnße gehörte nur der früher erwähnte Trienter k. k. Kreis-Comnüssär Bnron Turco von Trcnt-Tnrcnti dein Süden des Lundes an; aber er verfocht die Selbständigkeit des ehemals reichs- unmittelbaren Fürstbisthnms Trient mit solcher Wärme und Beredsamkeit, daß er gegen daS etwas schwerfällige Temperament seiner beiden deutschen Landsleute im entschiedenen Vortheil war. Er ließ cs selbst an versteckten Drohungen nicht fehlen, indem er „offenherzig" sagen müße: „Wenn man den Wälsch-Tyrolern gibt was sic begehren so werden sie treue Ocstcrreichcr sein; wenn nicht, so wird es zu nichts gutem führen, die dort bestehenden Antipathien werden ein bleibendes Hindernis der Vereinigung bilden". In Wahrheit fällt daS Gebiet des ehemaligen Fürst- bisthnmS Trient keineswegs mit der deutsch-italienischen Sprnchgrünze zusammen, und darum war dem Llaü. I)r. Norbert Pfrctschncr (für Hopf- gartcn im Unter-Innthal) sein Ausruf nicht zu verübeln: „Wenn man die Gränze meines Heimatlandes am Brenner findet so höre ich nicht den Abgeordneten für Valsngnna, sondern den säubern Carlo Alberto reden!"*) Gleichwohl siegte Turco, als es am 25. Januar zur Abstimmung kam und mit 20 gegen 7 Stimmen die Ausscheidung Wälsch-Throls als selbständigen Reichslandes beschlossen wurde. Turco's Triumph war indcß von kurzer Dauer. In der Vormittags-Sitzung vom 27. überraschte Hein die Versammelten mit der Mittheilnng: Pfrctschncr und Ratz hätten erklärt an den Arbeiten des Verfassungs-Ausschusses nicht weiter theilnehmcn, vielmehr sich an Sc. Majestät mit dem Begehren wenden zu wollen, die tyrolischen Abgeordneten aus dem Reichstage nbznbcrnfen und aus Allerhöchst-eigener Machtvollkommenheit ihre Landesverfassung zu bestätigen. Es war schwer zu sagen was über diese Botschaft bei den Mitgliedern des Berfassnngs-AnsschnßeS größer war, ihre Verblüffung oder ihre Entrüstung. Brcstel erklärte keine Worte zu finden über einen Vorgang den er „einen Hochverrat!) an den gemeinsamen Interessen Oesterreichs" nannte, wenn er nicht darin einen „Beweis vollendeter Stupidität" erblicken solle; denn „es ist gerade so als ob jemand, anstatt gegen das crstrichtcrliche Urtheil zu appelliren, sogleich zur Selbsthilfe Zuflucht nähme". Turco bczcichnete diesen Schritt der Dentsch-Tyroler als einen neuerlichen Beweis „wie sic uns Süd-Tyroler bisher terrorisirt haben und noch ferner terrarisircn wollen. .Wir brauchen sic nicht", fuhr er 'ch Springer a. a. O. S. 18 f. 35 s. 40 f. Ji» Kremsicrer Nerfassnugs-Ausschuß. 69 hvchfahrend und aufschneiderisch fort, „wir werden ohne sie unser Land gegen jeden Feind vcrthcidigen nnd allein viel lieber unter Oesterreichs Scepter bleiben". Dach die Mehrzahl im Ausschuß war anderer Meinung. Pinkas ließ es sich zwar nicht entgehen von einem Lande zu sprechen „wo nach viel Finsternis herrscht und der Clerus einen sehr verderblichen Einfluß hat", warnte aber dabei, man sei es „der gefährdeten Freiheit schuldig diesen glimmenden Funken im Keim zu ersticken". „Sic haben den Kampfplatz verlassen", rief Lasser, „bevor noch der Kampf entschieden ist, was man feig nennen muß!" Allein auch er erblickte in der Haltung der Deutsch-Tyroler eine Gefahr, „da die von ihnen gelöste Lawine leicht die Kränzen Tyrols überschreiten könnte", und war gleich Pinkas des Dafürhaltens die beiden Ausreißer zu beschicken und „zu einer Con- ciliation" einznladen. Cajetan Mayer hielt sogar eine „Privat-Conciliation" für nicht hinreichend; denn werde der Vorfall bekannt so werde man in Throl sagen, durch den Krcmsierer Beschluß sei der Ausspruch Carlo Alberto's, er werde die Gränze Italiens an den Brenner verlegen, zur Wahrheil geworden. Der Mehrheit gefiel aber der Pinkas-Laffcr'sche Vorschlag nnd sie betraute mit der Ausführung desselben die beiden Antragsteller und den Salzburger Halter als dritten, denen Rieger im Abgehen den Rath ertheilte: sie möchten die Throler damit trösten „daß es der Kaiser ohnedies nicht zngeben werde daß Tyrol getheilt werde". Der „Conciliations"-Versuch fand noch am selben Tage statt und es muß dabei eine harte Arbeit gegeben haben; mindestens versicherte Pinkas als Berichterstatter in der Abendsitznng des 27., daß er bei den Deutsch- Tyroler», „obwohl kein südliches Blut in ihren Adern rollt", noch nie eine so tiefe und heftige Erregung bemerkt habe. Das Ergebnis der Unterhandlung war daß Pfrctschner und Ratz erklärten, sie würden von morgen an den Sitzungen des Ausschußes wieder beiwohnen, indem sie hofften derselbe werde auf ihre Forderungen Rücksicht nehmen*). Damit war die Angelegenheit in Krcmsier zwar nicht abgethan, aber für die nächste Zeit beschwichtigt. Nicht so im „Landl". Als zu Anfang Februar der „NsssuAisrs tirolsss" die Nachricht brachte, der Kremsiercr Verfassungs-Ausschuß habe mit Stimmenmehrheit die vollständige pro- vincialc Autonomie der beiden wälsch-tyrolischcn Kreise ausgesprochen, gericth ganz Deutsch-Tyrol in die heftigste Aufregung. Vom Reichstage y Springer S. 45—49. 70 I. 5. Die Italiener in Süd-Tyrol nnd im Knstenlcmv. könne INNN nichts anderes erwarten, meinte der „Tyroler Bote" vom 5. Februar: „Eine Versammlung die sich geweigert hat der um das Wohl des österreichischen Gesammtstaates hochverdienten Armee den Dank des Vaterlandes zu votiren, handelt nur folgerecht wenn sie den Wünschen der Feinde Oesterreichs, und als solche mäßen wir die in Wälsch-Tyrol herrschende Partei deren Absichten durch solche Verfügung Genüge geschieht erkennen, sich willfährig zeigt"; zum Glück, meinte das Blatt weiter, fehle zur Verwirklichung eines derartigen Beschlußes „noch eine Kleinigkeit", die Sanction des Kaisers 5'). Als Briefe aus Krcmsier einliefen welche die Besorgnis anssprachen jener Beschluß möchte die Mehrheit in der Kammer finden, und daran die Anfrage knüpften wie sich in dieser Lage die Vertreter Deutsch-Tyrols zu benehmen hätten, traten in Innsbruck die Wähler zusammen und einigten sich in dem Beschlüße: ihre Abgeordneten möchten alles thun den Beschluß zu hindern, im entgegengesetzten Falle sich an dem Verfassungswerke nicht weiter bctheiligen; der „tschechische Reichstag in Krcmsier" möge es wissen, die Deutsch-Tyroler seien entschlossen „lieber die Selbständigkeit ihres Landes mit der Waffe zu vertheidigcn als iu diesen Antrag zu willigen" °^). Da diese Drohung nicht zu verfangen und vom österreichischen Parlamente kein Heil zu hoffen schien wendete man sich nach Deutschland. „Kommt von Olmüz der Spruch der uns verbietet Deutsche zu sein", ließ sich ein deutscher Süd-Tyroler vernehmen, „so steht uns die Berufung frei an das Reich und dessen neue Macht!" Die Vertreter des bayerischen Volkes halten sich kurz vorher gegen den Ausschluß Oesterreichs aus Deutschland erklärt, womit das Verbleiben Tyrols in seinem gegenwärtigen Zusammenhänge und als Ganzes mitausgesprochen war. Aus Innsbruck und aus andern Gegenden des Landes nahmen jetzt Dank- nnd Vertrauens-Adressen ihren Weg nach München Auch an die in Frankflirt mittagenden Abgeordneten aus Deutsch-Tyrol lind Vorarlberg richtete der „Verein für parlamentarische Bildung" zu Innsbruck eine Dank- und Vertrauens-Adresse: „Wir sehen Sie muthvoll und mit unbeugsamer Kraft einer im Finstern schleichenden Partei gegenüber die Waffen des Rechtes und der Wahrheit für die Unzertrennlichkeit des Landes Tyrol, für das letzte Stück deutscher Erde erheben"; der Verein halte sich überzeugt, „daß Sie nie Ihre Stimme herleiheil werden auch nur eine Handbreit deutschen Landes vom Mutterherzcn losreißen zu lassen. Sie werden uns nicht dem Schmerz überantworten daß der goldene Traum eines deutschen Vaterlandes, die süßeste Hoffnung unserer Herzen auf Graf Bissingen-Nippenburg. 71 Einheit nach langer Zersplitterung erst jenseits der Berge die uns umschließen zur Wahrheit werde", 11. Februar^). In dieser Zeit der Aufregung erschien Graf Bissingen im Lande um seinen Posten als Statthalter anzntreten. Es oerlautete, er bringe ein kaiserliches Handschreiben an die Tyroler Schützenhauptleute mit, von dessen Inhalt der Graf schon im untern Inn-Thal zwei Schützenmeistcrn etwas mitgetheilt habe. Als dann der volle Wortlaut bekannt wurde war die Freude allgemein; denn es schloß mit den Worten: „Tyrol ist eine feste Burg der Monarchie und eine tapfere Besatzung sind seine Söhne. Daß Euer Land nicht geschmälert werde wird Meine Sorge sein, die Euere die angestammten Tugenden zu bewähren" 02), Der Minister des Innern erließ einen Befehl an den Kreishauptnianu von Trient, allen süd- tyrolischen Wühlereien ernstlich ein Ende zu machen, die Unruhestifter sestzunchmen und in strafgerichtliche Untersuchung zu ziehen. In seinem Umlaufschreiben an die Untcrbehörden versicherte der Kreishanptmann, „daß die kaiserliche Regierung niemals zugeben wird und nicht zugeben kann die Provinz Tyrol in zwei von einander gänzlich unabhängige Theilc zu trennen, weil eine solche Trennung ein Verrath au dem Volke von Tyrol, das Verderben des ganzen Landes und für Wälsch-Tyrol selbst ein Unglück wäre". Den Jtnlianissimi von Trient und Rovercto klangen solche Worte nicht lieblich in die Ohren, und ihre Verstimmung wurde erhöht als sie erfuhren die Vintschgauer Schützen seien zum Aufbruch nach dem Süden bestimmt, vorgeblich zur Gränzhut gegen Italien, eigentlich aber zum Wachdienst über Wälsch-Tyrol Als Graf Bissingen bei Bereisung des Landes, wo seine gewinnende Persönlichkeit sonst überall den besten Eindruck machte, am 4. März abends in Rovereto eintraf, setzten die Clubisten alles daran die öffentliche Stimmung in ein anderes Geleise zu lenken. Bei der Aufwartung, welche der Bürger-Ausschuß am 5. nicht umhin konnte dem neuen Statthalter zu machen, erklärte Or. Ballista als Sprecher die jüngste Erklärung der Regierung für verfassungswidrig: „nie würden sich die Süd-Tyroler mit einer blosen Kreisregierung und einem abgesonderten Appellations-Gerichte zufrieden geben; gänzliche Trennung vom deutschen Gebiete allein könne sie beruhigen; ihre Zukunft hätten sie nicht auf das Ministerium, sondern auf den Reichstag gestellt; wenn auch der sie verließe würden sie sich zu Helsen wissen". Dies, wenn nicht der Wortlaut, doch der Sinn seiner kecken Rede. Während Bissingen bei der Mittagstafel einen Toast auf 72 I. 5. Die Italiener in Snd-Tyrol nnd ii» Küstenland. die Stadt Rotieret» nusbrachte, wurde unter das Volk eitle gedruckte Verwahrung des Bürger-Ausschußes gegen das Ministcrialdccret vertheilt*). Die Wirkung dieser Aufreizungen blieb nicht aus. Abends zwischen 7 und 8 Nhr wurde ein k. k. Kanonier von drei wohlgcklcideten Männern unter Drohungen nnd Geschimpfe angchaltcn und mit einem Dolche verwundet, worauf er den Säbel zog und einem der Angreifer einen Hieb über den Arm versetzte. Bis in die tiefe Nacht hinein gab cs Lärm auf den Straßen. Die zahlreicher als sonst cinhcrzichcnden Militair- Patronillen wurden beschimpft, mit Steinen beworfen. Bei fünfzehn Individuen wurden verhaftet, eine Prämie von 50 fl. auf die Entdeckung der Verwnnder des Kanonicrs gesetzt. Man hoffte, den einen derselben werde dessen Armwnnde verrathcn; es scheint aber daß die Wahrheit nicht zutage kam. In Triest dessen Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit dem Beinamen der „allezeit getreuen" in dieser Zeit wahrhaftig Ehre machte, war cs nur mehr ein einziges Blatt welches dem Jtalianismns Vorschub leistete und es in dieser Richtung an aufreizenden Artikeln nicht fehlen ließ. Allein das „(Uorimls cli Misste" hatte den weitaus größten Theil seiner Abnehmer im jenseitigen Italien, namentlich im lombardisch-vene- tianischen Königreiche, und als nun Radeck/ dasselbe im Umkreise seiner Machtvollkommenheit verbot ging es bald ein; die^geringe Zahl der einheimischen Abonnenten konnte es nicht halten**). Auch sonst machte sich in der Stadt von Zeit zu Zeit der Jtalianismns bemerkbar, was aber jedesmal einen Gegendruck hervorrief. So in der Faschingszeit wo einzelne Exaltados die Maskensrciheit zum Anheftcn des Grün-weiß-roth und zu andern Ausschreitungen benützten, wie sie auch in einem Gasthanse außerhalb Triest die italienische Tricolore ausgesteckt haben sollen; auf die Nachricht davon zog ein Haufe aus der Stadt vor die vom Gerüchte bezcichnete Räumlichkeit, wo sich aber nichts mehr fand und die Menge ihren thatendnrstigen Aerger an einigen Personen ausließ die ihr, vielleicht gleichfalls irrthümlich, als Jtalianissimi bezeichnet wurden. Der gemeine Matrose zeigte dieselbe Kaisertreue wie die Bevölkerung des Landes. In Wortlaut s. „Bothe für Tyrol und Vorarlberg" Nr. 63 vom 16. März, S. 278. **) Interpellation der istrianischen Abgeordneten Madonizza Vidulich und De- franceschi in der Sitzung vom 16. und Antwort Stadion's in jener vom 25. Januar. Sten. Aufnahme IV S. 407 f. 567 f. Triest, die „allezeit getreue". 73 den ersten Februar-Tagen lief aus dem „Königshafcn" bei Bnecari ein mit Lebensmitteln nnd Holz beladenes Schiff angeblich gegen Malta ans; auf hoher Sec wollte der Capitän Nikoli« die Fahrt nach Venedig richten, wurde aber von den Matrosen gezwungen nach Porto-Nv zurückzufahrcn wo sie gerichtliche Anzeige gegen ihn machten'"). Allerdings gab cS Fälle wo die Noth des Erwerbes über die Loyalität siegte, so daß trotz der eifrigsten Wachsamkeit Gyulai's istrianer und dalmatinische Barken hinüber und herüber fuhren und die cingeschlosscncn Vcuetiancr mit den nothwcndigsteu Lebensbedürfnissen versahen. Der Nest der kaiserlichen Flotte war zu gering um in wirksamer Weise die Sperre Venedigs von der Secseite dnrchzuführen: 1 Fregatte, 2 Corvctten, 3 Briggs und kaum ein Dutzend Kanonenboote. Die Regierung hatte dem Lloyd die Dampfer „Jmperatore" und „Jmperatrice" abgekauft um selbe für Kriegszwecke herzurichten, und vier Marinc-Officicre ausgcschickt die in England Aegypten und der Türkei wohlfeile aber gute Dampfer und Segelschiffe aufkaufcn sollten, wobei aber nicht viel herauskam. In Pola, dem einzigen Kriegshafeu den Oesterreich jetzt besaß, lagen die reparaturbedürftigen Schiffe unter dem Schutze von Land-Batterien, „die mit ihren zahlreichen Kanonen wie Krankenwärter ans den ewigen Reconvalesccnten herabblicken". Den Befehl in Pola hatte Contre-Admiral Sourdeau, ein tüchtiger Seemann, der jedoch keinen Schiffsjunge» zum Matrosen ernennen konnte ohne beim „Land-Admiral" anzufragen'"). Eine Zeit wurde davon gesprochen daß Baron Prokesch, der in der zweiten Hälfte Februar aus Athen in Triest cintraf, für das Flotten-Commando bestimmt sei; doch als bald daraufFeldmarschall-Licutenant Martini**) in einer diplomatischen Mission nach Neapel abging, übernahm Gynlai selbst den Oberbefehl was, obwohl er ebenso wenig als sein Vorgänger Seemann war, seitens der Marine mit allgemeiner Freude begrüßt wurde. In der Hauptsache war damit allerdings nichts wesentliches gewonnen, und der vcnetianische Kriegsdampfer „Pio Nono" konnte an Triest und Pola vorbei unbehindert seine Kreuzfahrten längs der istriani- schen und dalmatinischen Küste fortsctzen. Was Venedig gegenüber besonders empfindlich ins Gewicht fiel war die perfide Vorschnbleistung die ihm die Agenten Lord Palmcrston's zutheil werden ließen. Reisende die von ") „A. A. Ztg." 184N Nr. 45 vom 14. Korrespondenz ans Triest vom 8. Fe- 74 I. 5. Die Italiener in Süd-Tyrol und im Küstenland. Venedig nach Triest kamen verglichen die Stimmung der ärmeren Familien daselbst mit jener der Bewohner eines einschichtigen verschneiten Hanfes im Erzgebirge, die zur Fristung ihres Lebens ans den eigenen kleinen Mundvorrath und ans die Gutherzigkeit ihrer Nachbarn angewiesen sind*). Da kamen nun unter Deckung ausländischer Flaggen die verschiedenartigsten Betrügereien in Schwung die der britische Consnl in Venedig unter seinen Schutz nahm. Anfangs Februar wurden Triester Handels- Firmen venetianische Schiffe um einen sehr billigen Preis zum Kauf an- gcboteu, uud Gras Ghulai bei welchem jene diesfalls aufragten ertheilte ihnen mit Vergnügen dazu die Erlaubnis; nur müße die Bemannung dieser Schiffe vom Capitän bis zum letzten Jungen herab aus Leuten von Triest oder Fiume, aus Jstriaucru oder Dalmatcn bestehen. Natürlich daß den venctianischcn Vcrkaufslustigcn mit dieser Bedingung nicht gedient war uud der Handel sich zerschlug**). Nun aber stellte der Consul vcuctianischcn Schiffsrhedern königlich britische Sccurkunden unter jonisch- griechischer oder Malteser Flagge aus und diese erschienen mit venetiancr Bemannung, die man allenfalls in türkische oder griechische Kleider gesteckt hatte, im Triester Hafen um daselbst Holz und Lebensmittel zu kaufen. Als der Betrug bald aufknm erging von den Triester Behörden das Verbot der Ausschiffung der auf solchen Fahrzeugen einlangcudcn Maaren, den Schiffen selbst wurde Quarautaine auf unbestimmte Zeit auserlegt - u. dgl., worüber der Consul drüben als eine Verletzung des Völkerrechts gewaltigen Lärm schlug. Unter Umständen solcher Art mußte cs Aergernis erregen als man erfuhr daß ein Thcil des Triester Handelsstandes eine Petition an das Ministerium habe gelangen lassen, es möchte bei dem Wiedcrausbruche des Krieges der Triester Freihafen und dessen Handel unter dem Schutze Englands für neutral erklärt werden. Aber so ist dieses Krämervolk! Wenn es dem Kaufmann an seine Pfeffersäckc geht, mit dem „Kaiser" im „Götz" zu sprechen, so kommen Loyalität und Patriotismus erst in zweiter Linie zu stehen. Als in den Wintermonaten von 1848 auf 1849 der Roverctaner Sitz für die deutsche National-Versammlung erledigt wurde, bewarb sich darum uud erhielt denselben Dr. Gazzoletti, ein Jtalianissimo der für "y Triest 24. Januar. A. A. Ztg. Nr. 33 vom 2. Februar L>. 497. Triest 7. Februar. „Presse" Nr. 34 vom 9. Die Slavcn in Istrien. 75 seinen Plan, Triest zu einem italienischen Freihafen zu erklären, Anhang suchte; cs war diese Wahl charakteristisch für Süd-Tyrol wo er sein Ziel erreichte, und für das Küstenland wo er es nicht hatte erreichen können. Wohl hatte es nach den Octobcr-Tagen in Istrien ebenso wenig als in Süd-Tyrol an aufreizenden Schritten der Jtalianissimi gefehlt; die Abgeordneten Madonizza Dcfranceschi Facchinetti wurden laut solcher Umtriebe angeklagt, und selbst Vidulich blieb von dem Verdachte nicht frei der italienischen Umstnrzpartci die Stange zu halten, wo für ihm, wie wir sahen, seine Wahlmänner ein Mistranens-Votnm nussprachcn. Die vier Abgeordneten hatten während des Wiener Reichstages eine Eingabe an das Ministerium des Innern gerichtet, es möchte dasselbe die italienische Sprache zur ausschließlichen Gcschäftssprache auf der Halbinsel erklären; sie wurden in einem von Stadion am 15. December an Dr. Madonizza gerichteten Schreiben Z. 290 II. LI. I. ablehnend beschiedcn. In der Bevölkerung Istriens von 234.000 Seelen, hieß cs in dem Ministerinl- Erlasse, seien die Italiener mit 60.000 Seelen in der entschiedenen Minderheit und „es wäre ein arger Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung der Nationalitäten, würde das Ministerium den Slaven Istriens, welche die überwiegende Mehrheit dortlands ansmachcn, das Italienische als einzige Geschäftssprache aufdringen". . . . Die slavische Bevölkerung Istriens gehört theils dem slovenischcn theils dem kroatischen Zweige an und fand ihren Rückhalt in den an- gränzenden Sprachgebieten. So die Slovcnen im Königreich Jllyrien wo das nationale Leben sichtlich erstarkte, nationale Vereine sich bildeten — in Adclsberg „Orijatlov slovonsino", in Klagcnfurt „Novsiisko ärnLtvo", in Neustadt—, slovenische Zeitschriften bestanden oder im Entstehen begriffen waren, wie z. B. „Vsimo" in Klagcnfurt; Vorträge in slovenischer Sprache gehalten wurden, so in Laibach über bürgerliches Recht von Professor MoSgon, an der Ackerbanschule von den Doctoren Orel und DeLman. Den istrischen Kroaten hinwieder kam Hilfe aus dem dreieinigcn Königreiche, namentlich von der Agramcr „Slavjanskä Lipa", die sich an Jelnöiö und den Minister Baron Kuliner mit der Bitte wandte, die Verwahrung der Jstrianer gegen die Zutheilung ihres Landstriches zu den italienischen Provinzen höchsten Ortes zu unterstützen. Denn eine solche Zutheilung kam bei den italienisch gesinnten Jstria- ncrn und Dalmaten, selbst wo sie nicht geradezu Abfall von Oesterreich Planten, gar sehr in Frage. Das italienische Element war zwar hier wie 76 I. 6. Verhandlung?» d. Wiener Cabinets in. d. deutschen Königreichen. dort nur in den Küstenstüdtcn zu Hanse und da meist vorherrschend; allein eben von den Küsten aus hatte Venedig das innere Land gewannen und beherrscht, und hatte das Regiment van San-Marco durch eine Reihe van Jahrhunderten eine entscheidende Macht behauptet. Die Folge davon war daß der Italiener sowohl Istrien als Dalmatien als sein unbestreitbares Gebiet nnsnh und in jedem Versuch der so viel zahlreicheren Slavcn, mit ihrem bessern Recht Land und Inseln für sich in Anspruch zu nehmen oder mindestens gleiches Recht mit der italienischen Minderzahl zu erringen, einen unberechtigten Eingriff, eine unerlaubte Anmaßung erblickte^). Anfangs März wurde im Tricstcr Hafen eine die österreichischen Fahrzeuge betreffende Maßregel dnrchgeführt die dein slavischcn Theil der Bevölkerung neuerlichen Grund zu Klagen über Zurücksetzung gab. Es erging nämlich ein Befehl der k. k. Marine alle nationalen Flaggen cin- znzichen und am 4. steuerte ein Boot von Schiff zu Schiff um den Vollzug dieser Anordnung zu überwachen. Obwohl der Befehl allgemein lautete, so waren es doch zumeist mit den slavischcn Farben geschmückte Schiffe aus Istrien Kroatien Dalmatien die davon getroffen wurden, was die Vertreter der nationalen Gleichberechtigung als eine Verletzung dieses seither, wie sie zu meinen Ursache hatten, von der Regierung anerkannten Grundsatzes schwer und bitter empfanden J„ Wahrheit hatte es die kaiserliche Seebehörde mit ihrem Verbote durchaus nicht auf eine Kränkung des slavischcn Volksgeistes abgesehen; die Regierung hatte vielmehr die magyarischen Sondergclüste im Auge, denen man im verflossenen Sommer in dieser Richtung Zugeständnisse gemacht hatte die das Ministerium Schwarzenberg-Stadion unter den seither geänderten Verhältnissen nicht länger aufrcchthaltcn zu dürfen glaubte^). 6 . Das von Olmüz angeregte und unterhaltene Zusammengehen der beiden deutschen Großmächte, um die Bundesangelegenhcit zu einem gedeihlichen, den zu Recht bestehenden Verhältnissen angemessenen Ziele zu führen, hatte durch die preußische Note vom 23. Januar einen befremdlichen Abschnitt erfahren. Nicht zwar durch den König, sondern gegen dessen Absicht Oesterreich und Preußen im Lichte der Erbkaiserlichcn. 77 und Meinung durch jene Männer in denen sich der preußische Gedanke, jene „ererbte Neigung des preußischen Stammes seine Zäune zu übersteigen"^), verkörpert hatte. Friedrich Wilhelm IV. für seine Person blieb jener geschichtlichen Anschauung treu die dem Hause Oesterreich die erste Stelle in Deutschland zuwies, und war sich jener entscheidenden Dienste bewußt die der Kaiserstaat in der letzten gefahrvollen Zeit durch Radeck/ in Italien, durch Schmerling in Frankfurt, durch Wiudisch-Grätz in Prag und Wien der gerechten Sache gegen die Revolution und Anarchie erwiesen hatte«"). Aus den Tagen des 19. und 21. März 1848, aus jenem unseligen „Misverständnis" — das eines ganz anderer Art gewesen war als zu welchem es durch des Königs eigene Aufregung in jenem Zeitpunkte vor der Ocffentlichkeit gcstämpelt worden — war ihm eine tiefe Erbitterung in seinem edlen Herzen zurückgeblieben, eine Stimmung die sich mehr und mehr auch gegen Frankfurt wandte und ihn dazu drängte mit seinem treuen muthigcn Heere, Hand in Hand mit Oesterreich, den politischen Knoten am Ende zu zerhauen*). Andere Ideen und Strcbnisse aber erfüllten die Atmosphäre in der er sich bewegte. Von allem Anfang hatte man hier nicht ein in Deutschland ausgehendes Preußen im Sinne, sondern umgekehrt ein Preußen das nach Möglichkeit die Herrschaft über ganz Deutschland erhalten sollte und welchem darum Oesterreich im Wege stand. Die Organe dieser zahlreichen und mächtigen Partei waren unermüdlich den Kaiserstaat in Deutschlands Augen herabznsetzen und anzuschwärzen, dessen innere Zustände in den schwärzesten Farben zu schildern, dessen aufrichtige Gesinnung zu verdächtigen. Das entgegengesetzteste mußte zu dem gleichen Zwecke dienen. That das österreichische Cabinct einen Schritt der Annäherung zu Frankfurt so steckten dahinter „Machtgelüste" ; weigerte es sich die deutschen Grundrechte anzncrkcnnen so war das eine „Abkehr von Deutschland". Zwar waren in Preußen diese selben Grundrechte gleichfalls nicht anerkannt; aber da waren cs „besondere Verhältnisse" die man nicht übersehen, die schwierige Lage in der sich Preußen befand die man nicht unterschätzen dürfe. Preußen blieb darum immer „deutsch", aber Oesterreich zeigte sich um derselben Sache willen „undentsch" „parti- cularistisch", wie es die Preußen-Partei in Frankfurt nannte. Suchte man von Berlin ans eine Verständigung mit der National-Vcrsammlung so *) Chr. K. I. Feh. von Bnnsen Aus seinen Briefen rc. Deutsch von Nippolt. (Leipzig Brockhans 1869) II S. 499. 78 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Cabinets m. d. deutschen Königreichen. war das willkommen und löblich; geschah dasselbe von Wien und Olmüz ans so war das ein Eingriff in die Souverainctät des Parlaments, in die Unabhängigkeit seiner Beschlüße?°). Die Tonangeber in Berlin waren gleich jenen in Olmüz überzeugt daß es, ohne die Ruthe zu zeigen, kaum gelingen werde die Frankfurter Gelehrten zur Vernunft zu bringen. Fragten sic nun darum beim kaiserlichen Hofe an ob derselbe Truppen zur Verfügung habe und kam von dort, wo man nach zwei Seiten hin gleichzeitig im Streite lag, verneinende Antwort, so warfen sich jene in die Brust und hielten der Unmacht Oesterreichs zum Schutze von Deutschland die Macht und volle Bereitwilligkeit Preußens entgegen^). Ging aber umgekehrt der Antrag Truppen in- der Nähe von Frankfurt zusammen- znzichcn von Olmüz aus, so dennncirten dieselben Leute am geeigneten Orte den Verrath den Oesterreich gegen die deutsche National-Versnmm- lung spinne. Männern solchen Schlages verdankte jenes Rundschreiben vom 23. Januar seinen Ursprung, zu dessen Veröffentlichung Friedrich Wilhelm IV. nur nach langem Zaudern seine Zustimmung gegeben hatte*). Es war darin in gewundenen und geschraubten Sätzen scheinbar alle mögliche Rücksicht für Oesterreich getragen und die Znmnthung eines preußischen Erbkaiscrthnms abgelehnt; allein es war für Eingeweihte dennoch zwischen den Zeilen herauszulesen, daß man cs nicht ungern sähe wenn jene Zu- muthnng gestellt würde. Es war ein verschämter Blick nach dem was im Augenblicke noch nicht Fleisch und Blut hatte, was aber, wenn die Partei der Frankfurter Erbkniscrlichen de» ihr hingeworfenen Köder anbiß, demnächst Fleisch und Blut bekommen konnte und sollte. Der Schwerpunkt des Rundschreibens aber, sowohl im Sinne der Urheber desselben als in den Augen ihres Anhanges in Frankfurt und an den kleinen Höfen, lag darin daß Preußen Oesterreich beiseite geschoben und sich allein als solches hingestellt hatte das in der Vcrfassnngsfrage die Richtung zu geben gesonnen sei. Preußen hatte mit seinem Rundschreiben die Initiative in einem Zeitpunkte allgemeiner Ungeduld und Spannung ergriffen und sich dadurch in den Augen seiner Anhänger, aber auch der Schwankenden, in das günstigste Licht gestellt, während auf Oesterreich der falsche Schein fiel, cS sei ihm gar nicht darum zu thun die deutsche Sache zu fördern, es sei ihm vielmehr daran gelegen daß nichts rechtes zustande komme. ») Bd. iv i S. 109 f. Das preußische Rundschreiben vom 23. Januar. 79 Das Schriftstück vom 23. Januar hatte aber noch eine andere gegen Oesterreich gerichtete Spitze. Das kaiserliche Cabinet hatte, seit cs nach Niederschlagung der Wirren iin eigenen Hanse mehr Luft bekommen, nicht blos mit Preußen sondern auch mit den Cabineten der vier andern Königreiche Beziehungen angeknüpft, in der offen zngestandcnen Absicht in diesem engern, aber zugleich mächtigeren Kreise eher zu einem Ziele zu gelangen. Der deutschen Kleinstaaterei, diesem ebenso viel beklagten als bespöttelten Unwesen, war Fürst Schwarzenberg nicht sehr hold, und wenn auch sein Vorschlag einer Kreiseinthcilung nicht geradezu eine Medintisirung der kleinen Fürstenthümcr war, so waren diese damit gleichwohl in eine untergeordnete Stellung herabgedrückt die sich mit ihren Souveraiuetäts- Einbildungen schwer vertrug. Während der vertraulichen Verhandlungen zwischen Olmüz und Berlin in der ersten Hälfte Januar war der kaiserliche Obrist von Mähern von Frankfurt nach Karlsruhe Stuttgart und München gegangen, hatte in München ein mehrstündiger Ministerrath stattgefunden welchem auch die früheren Minister von Giech und von Abel beigezogen waren, und war dann Legationsrath von Aretin mit Depeschen an das kaiserliche Cabinet abgeschickt worden. Von den Königen war besonders Wilhelm von Württemberg dafür, der deutschen Kleinstaaterei ein Ende zu machen; wie jede große Krisis vom dreißigjährigen Kriege bis zum Wiener Congreß-Acte auf eine größere Einigung der deutschen Lande hinausgelanfcn sei, so sollten Oesterreich und Preußen den gegenwärtigen Zeitpunkt benützen die kleineren Länder den vier großen Hauptstämmeu Bayern Schwaben Sachsen und Westphalen zuzuschlagcn: „gerade weil die dermnligen Wortführer alles Bestehende nmwerfen, müßen die Regierungen ihre Maßregeln ans die Geschichte zurückführen." König Friedrich Wilhelm IV. scheint für seine Person die Auffassung des Fürsten Schwarzenberg gethcilt zu habend), nicht so jene Partei au seinem Hofe die Preußen an die Spitze von Deutschland bringen wollte. Bunscn und Genossen wußten sehr wohl was sie lhatcn, als sie ganz im Gegensätze zu der Auffassung ihres Königs ihr Augenmerk in erster Linie auf die andere Seite richteten und mit Christus dem Herr», nur in anderer Anwendung, sprachen: „Lasset die Kleinen zu uns kommen!" Denn sie hatten dabei außer ihrer zahlreichen Partei in der Paulus-Kirche jedenfalls die Mehrzahl der deutschen Rcichsstände für sich, falls cs dazu käme auch diese ein Wort mitsprechcn zu lassen, mit denen Preußen überdies das leichtere Spiel hatte'''). Den kleineren Staaten mußte ein Erb- 80 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Cabincts nn d. deutschen Königreichen. kaiser schon darum lieber sein weil bei einem solchen im Gegensatz zu den österreichischen Staatengruppen alle in gleicher Linie standen, der König von Bayern wie der Landgraf zu Homburg vor der Höhe, der Kurfürst von Hessen wie der Fürst von Renß-Lobenstein-Ebcrsdorf. Von den Mittel- Staaten war zumeist das Großhcrzogthnm Baden erbkniserlich gesinnt, und zwar ans Neid gegen die Königreiche. Was hätten diese vor Baden so viel voraus, um in Deutschland den Ton angeben zu wollen? Ein an den badischen Bevollmächtigten in Frankfurt gerichtetes Rescript vom 8. Januar betonte sehr scharf: der Großherzog sei nach wie vor bereit jedes „gleichmäßig von ihm wie von allen andern Bundesgenossen" zu verlangende Opfer zu bringe», er werde sich aber anderseits gegen jeden Versuch stemmen einzelne Fürsten oder Länder „ohne oder gegen das Interesse der Gesammtheit zum Vortheile der Könige zurückzusctzen" ^). Der Großherzog von Oldenburg richtete an König Friedrich Wilhelm ein Schreiben worin er geradezu bat: „daß es Höchstdemselben gefallen möge der sich immer deutlicher erhebenden Stimme des deutschen Volkes und dem wahrscheinlichen Vorschlag seiner Vertreter gemäß die oberste Leitung des neu zu gründenden Bundesstaates zu übernehmen". Ritter von Bunsen, der eigentliche Schöpfer und die Seele des Werkes vom 23. Januar, war nicht müßig dasselbe in Gang zu erhalten. Als gerade in diesen Tagen der bayerische Gesandte in Berlin Graf Lerchenfeld nach München gerufen wurde, beschwor ihn Bimsen bei König Maximilian darauf zu wirken daß dieser ernstlich der von Preußen gegebenen Anregung folge. Bunsen selbst war zunächst bestimmt an den Sitz der deutschen Central- Gcwalt zu gehen um dort die schleswigische Angelegenheit, die Friedrich Wilhelm IV. sehr am Herzen lag, vorwärts zu bringen; er erbat sich aber bei der Abschieds-Audienz am 23. vom Könige die Erlaubnis auch in der Versassungsfrage zu sagen was er dächte, „aber ausdrücklich bemerkend dies sei nur meine persönliche Ansicht". So that er denn auch in Frankfurt wo er am 25. ankam, in den ersten Tagen die Verhandlungen wegen Schleswig zu dem gewünschten Abschluß brachte und dann das Feuer der Erbkaiserlichen schürte^). Schmerling hatte ein wachsames Auge auf alles was um ihn vorging. Das unanständige Treiben der Erbkaiserlichen widerte ihn nn, empörte ihn als Oesterreicher. „Wer die Leidenschaft sieht mit der die preußische Partei wirkt, der kann ihr auch den Gewaltstreich Zutrauen den König zur Abdankung zu bringen." Er erblickte das einzige Heil in der Fürst Felix Schwarzenberg. 81 Annahme des Antrages Rotenhan*); „denn die Directoriums-Jdee ist die einzig praktische; sie vereinigt alle die wünschen daß Deutschland kräftig und einig werde, die aber dabei die bestehenden Verhältnisse berücksichtigen; dann alle die Oesterreich in Deutschland erhalten wissen wollen". Aber die Regierungen müßten aus ihrem Schweigen heraustrcten, Oesterreich vor allem, und sich über die Lösung der Oberhauptfrage aus- sprcchcn; „ich kann nur versichern daß die Erklärung, Oesterreich werde im deutschen Bundesstaate bleiben, vorläufig genügt unsere vielen Freunde in den großen und kleineren Staaten zu vereinigen". Am 25. sandte er Herrn v. Würth, „so genau wie ich mit allen Persönlichkeiten und Planen vertraut", als Courier nach Olmüz um angesichts der neuen preußischen Circular-Note und des Umstandes daß sich „die National-Vcrsammlung in eine österreichische und preußische Partei, gewiß zu meinem Bedauern, gespalten hat", Aufklärungen zu geben und sich Weisungen zu erbitten**). In Olmüz hatte die letzte Kundgebung des Berliner Cnbinets um so mehr befremden müßcn, als Fürst Schwarzenberg gerade in jenen Tagen gemeint hatte das von ihm augestrebte volle Einverständnis mit der zweiten deutschen Großmacht hergestellt zu sehen. Er hatte dies gerade am 23. nach Frankfurt geschrieben, er hatte stündlich die Antwort aus Berlin erwartet, und mußte es nun erleben daß von dort aus dies Zusammenwirken in einem Zeitpunkte vereitelt wurde wo er dasselbe dem Abschlüße nahe glaubte. Windisch-Grätz hatte noch keine Kenntnis von der preußischen Note vom 23. Januar, als er am 25. dem Minister-Präsidenten seine Ideen über „die Wichtigkeit des Anschlußes der süddeutschen Staaten an Oesterreich" mittheilte, dies allein könne Deutschland retten. „Wenn die süddeutschen Staaten mit Oesterreich vereinigt in gleicher Energie Conscqueuz und Beharrlichkeit zu handeln gesonnen sind, so dürfen wir mit Grund erwarten daß den verbrecherischen Tendenzen und verderblichen Absichten der Revolutions-Partei Gränzen gesetzt und Europa von einer so drohenden und unheilvollen Zukunft noch bewahrt wird." Dieser Auffassung *) Bd. IV 1 S. 105. »«-) Schwert, an Schwa. Frankfurt 17. Jannar Nr. 12, 24. Nr. 24, 25. „Vertraulich" 0. Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 6 82 I. o. Verhandlungen d. Wiener Cabinets m. d. dentschcn Königreichen. war mm Schwarzenberg nicht. Daß ein aufrichtiges Zusammengehen mit Preußen nicht zu erhoffen sei, stand nach der letzten Kundgebung des Berliner Cabinets leider außer Zweifel; bei den andern Königen, und zwar nicht blos den beiden süddeutschen, fehlte eö zwar nicht am Willen, aber an der Kraft; wie konnten sie Oesterreich unterstützen, da sie selbst alle Unterstützung von Oesterreich erwarteten? „Der König von Preußen", antwortete Schwarzenberg dem Marschall am 3. Februar, „hat der ihn umgebenden Jntrigue nicht widerstanden, sein Cabinet hat uns sitzen lassen und wir müßen nun unfern eigenen Weg und zwar allein gehen. Ich gestehe daß ich mir als Österreicher nicht viel daraus mache. Denn die Verhandlungen in Frankfurt gehen einer unvermeidlichen Entscheidung entgegen, und wir sehen in dem s. g. bundesstaatlichen Verhältnis mit dem jetzt sich constituircnden Deutschland eine große Gefahr und ein Hindernis unserer eigenen Festigung und Entwicklung. Auf die Könige und Fürsten die sonst den Bund bildeten ist durchaus nicht zu zählen. Aufgeregte Bevölkerung, ganz demokratische Kammern und größtentheils sehr unzuverläßliche Truppen haben die Herren vollkommen gelähmt. Einige rufen uns um Hilfe an, mit Worten und Rathschlägen ist ihnen nicht gedient, mehr haben wir ihnen für den Augenblick nicht zu bieten, und die Umstände drängen." Am Tage darauf Unterzeichnete der Minister des Aeußern eine an den kaiserlichen Bevollmächtigten bei der deutschen National-Versammlnng gerichtete Depesche*), worin er, festhaltcnd an dem am 30. März in der Bundes-Bersammlnng ausgestellten „Grundsätze einer Vereinbarung zwischen den Fürsten und dem Volke" die Auffassung der kaiserlichen Regierung dem Frankfurter Verfassungswerke gegenüber in die Worte faßte: „Weit entfernt sich nuszuschlicßcn ist sie vielmehr bereit zur ernstlichen und aufrichtigen Mitwirkung, vorausgesetzt daß es sich hiebei um Einigung, nicht um gänzliche Umschmelzung der bestehenden Verhältnisse handle, um Wahrung der verschiedenen lebenskräftigen organischen Glieder Deutschlands, und nicht um deren Aufhebung und Vernichtung." Die kaiserliche Regierung könne einer „unitarischen" Zusammenfassung der deutschen Staatsgebiete, wobei sie „die ihr den nicht-deutschen Bcstandtheilen der Monarchie gegenüber zustehcn- den Rechte und obliegenden Pflichten" anßeracht lassen müßte, ebenso *') Voller Wortlaut Wr. Ztg. Nr. 39 und „Lloyd" Nr. 78 Morgenblatt vom l5. Februar 1849. Oesterreichischc Note vom 4. Februar. 83 wenig zustimmeii als einer einseitigen Aufhebung des deutschen Bnndes- vcrhältnisscs „welches einen wesentlichen Bestandthcil der europäischen Verträge bildet". Der angcstrebte engere Bundesstaat wäre aber jene unitarische Zusammenlegung, aus welcher ebenso wenig für Oesterreich als für Deutschland selbst Nutzen zu ersehen sei; für letzteres nicht weil den geschichtlich geschaffenen Gliedern desselben „jedes selbständige Leben entzogen und nach einem künstlich geschaffenen Brennpunkte übertragen würde"; für Oesterreich aber könnte cs nur eines von beiden zur Folge haben: entweder Ausschließung der deutschen Lande Oesterreichs, also Verstümmelung Deutschlands, oder „Lösung der so innig verbundenen und unter einander verwachsenen Bestandtheile Oesterreichs die fortan nur der dünne Faden der Personal-Union znsammenhalten soll". Aber „Oesterreichs Fortbestand in staatlicher Einheit ist ein deutsches wie europäisches Bedürfnis"; der kaiserlichen Regierung, hieß es weiter, schwebe „ein nach außen festes und mächtiges, im Innern starkes und freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges Deutschland vor. Wir gehen hiebei von der Ansicht aus daß, je schärfer die Scheidelinie gezogen wird zwischen dem dem gesammten Deutschland gemeinsamen Interesse und jenem der einzelnen Theile, um so sicherer einem Vorwalteu der Sonder-Jnteressen vorgebeugt wird, um so weiter die Gränzmarken des großen Reiches ausgesteckt werden". Auf dem von der National-Versammlung bisher betretenen Wege „würde man statt zur Einheit Deutschlands zunächst zur Nothwendigkcit gelangen Oesterreich, die erste deutsche Macht, aus- zuschließcn und die künftigen Beziehungen zu uns denen zu den Niederlanden und zu Dänemark gleichzustellen". Die kaiserliche Regierung sei hiebei von der Ucberzeugung ausgegangcn daß Oesterreich und Preußen bei dem Ausbaue der deutschen Verfassung in der angcdeutetcn Richtung mit einander Hand in Hand zu gehen hätten; diese vorläufige Verständigung sei jedoch nicht in vollem Maße erzielt worden: „wir betreten daher, statt wie wir gewünscht hätten in Gemeinschaft mit Preußen, allein den Weg der Vereinbarung mit Frankfurt". Die kaiserliche Regierung wolle von der Zuversicht daß eine solche Vereinbarung zu erzielen sein werde nicht lassen; die Vorbedingung dazu sei allerdings daß seitens der National-Versammlung die Idee „eines einheitlichen Central-Staates" aufgegcben werde. „Gegen eine Unterordnung unter die von einem andern deutschen Fürsten gchandhabtc Ccntrnl-Gcwalt verwahren sich Sc. Majestät der Kaiser und Allerhöchstdcssen Regierung auf das feierlichste^). o* 84 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Cabinets m. d. deutschen Königreichen. Gleichzeitig mit der Absendung seiner Note, die Würth noch Frankfurt zu bringen hotte, betraute Schwarzenberg den Lcgationsrath Baron Adolf von Brenner-Felsach mit einer Mission nach Dresden und Hannover, den Grafen Bernhard Rechberg mit einer gleichen an den bayerischen und württembergischen Hof. Graf Rechberg war bereits lim die Mitte Januar in München gewesen, mit der ausdrücklichen Weisung darauf zu bestehen „die Grundlagen der zukünftigen deutschen Verfassung auf dem Wege der Vereinbarung zwischen den Bevollmächtigten der sechs deutschen gekrönten Häupter und der Frankfurter Rcichsversnmmlung fcstznsetzcn". Zur Förderung dieses Zweckes, und um jcdeu neuen Versuch einer Schilderhebuug im Keime zu ersticken, wäre ein Armee-Corps unter dem Befehle des Königs von Württemberg in der Nähe von Frankfurt zusammcuznziehen*); dasselbe hätten zu bilden 20.000 Preußen, 10.000 Bayern, 10.000 Württem- bergcr; Oesterreich, nach zwei anderen Seiten militairisch engagirt, müßc sich für jetzt von einer activen Thcilnahme ausschließen'Z. Nechbcrg hatte den König bereit gefunden auf diese Idee einzugehe», obwohl derselbe über den Oberbefehl Wilhelm I. sowie darüber daß Württemberg mit einer gleichen Truppcnauzahl wie das so viel größere Bayern auf- tretcn sollte, eine von Rechberg nicht ohne Mühe zu besiegende Empfindlichkeit äußerte; zuletzt hatte sich der König erboten ein Corps von 10.000—12.000 Mann in der Gegend von Aschaffenburg marschfertig zu machen. Schwieriger hatten sich die Verhandlungen mit dem Minister- Präsidenten angclassen. Graf Bray für seine Person zeigte sich, wie Rechbcrg meinte, „seinen schlecht gesinnten College» gegenüber" nicht stark genug; dabei fürchtete er einerseits die zweite Kammer deren Mehrheit ganz im Frankfurtianiömus steckte, anderseits die deutsche Demokratie; er war der Ansicht, „es seien, um einem dcmnächstigen Wiederausbruch der Unruhen in Deutschland vorzubcugen, ausgedehnte Couccssionen an die öffentliche Stimme, welche die Idee der deutschen Einheit leidenschaftlich verfolge, zu machen". Dabei fühlte» sich sowohl der König als dessen erster Minister ihrer Truppen nicht ganz sicher; sie sprachen von einer Verstärkung der österreichischen Garnison in Ulm, was doch ohne Zustimmung Württembergs nicht geschehen konnte, und verhehlten dabei nur schwer daß sie dies ebenso sehr zur Aufrechthaltung der Ruhe im «) Vgl. Bd. IV 1 S. 99. Graf Rechbcrg in München, 85 eigenen Lande wünschten^). Gleichwohl war das Schlnßcrgcbnis der Mission Rcchberg's ein befriedigendes gewesen. Bei der Abschieds-Audienz hatte König Max erklärt, er werde sich Oesterreich unbedingt anschließen und er habe dem Grafen Bray sein Ehrenwort gegeben mit niemand anderem über die Angelegenheit zu sprechen. Dem Fürsten Schwarzenberg hatte er seinen hesondern Dank ausdrücken lassen „daß Oesterreich sich um die deutschen Fürsten in ihrer Bedrängnis annchme"; er fühle sich nunmehr, seit er diese Gewißheit erhalten, so leicht als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen und könne, da er sich den Rücken gedeckt sehe, auch in den inncrn Angelegenheiten nun eine kräftigere Haltung annehmcn. Er hatte überdies ein eigenhändiges Schreiben an seinen Gesandten am Wiener Hofe Grasen von Lnxbcrg gerichtet, welchem eine im Hauptinhalte vom König selbst abgefaßte Instruction beilag die er dem Grafen auf das eindringlichste empfahl: „Erklären Sie daß ich gewiß festhaltcn werde, wenn ich im Nothfallc der Unterstützung der österreichischen Regierung in Wort und That gewiß bin. Dringend lege ich Ihnen diese Sache ans Herz, denn cs handelt sich um Sein oder Nicht-Sein." Den interimistischen Bevollmächtigten Bayerns bei der deutschen Central-Gewalt hatte Graf Bray bald darnach, 2. Februar, angewiesen mit dem preußischen Bevollmächtigten v. Camphausen eine Verständigung zu suchen; vor allem aber sei ein Anschluß an den österreichischen Bevollmächtigten geboten. „Des Herrn v. Schmerling Meinung daß die Oberhauptfrage vor allem vorzunehmen wäre theilt die bayerische Staatsregiernng und hat sie von jeher getheilt, wie alle ihre Bemühungen beweisen in dieser Hauptsache, nach der sich alsdann die Conscquenzen leicht bestimmen lassen, ein gemeinschaftliches Einverständnis der größeren Höfe zu erzielen." Als Graf Rechberg am 6. Februar abends znm zweitenmal in München eintraf fand er die Lage kaum verändert: den gleichen besten Willen beim Könige und dessen erstem Minister, aber auch die gleichen Bedenken und Besorgnisse beim letztem, namentlich der zweiten Kammer gegenüber. Graf Bray von seinen Collegen gedrängt lag seinerseits dem Kön-ige an, sich die Frankfurter Grundrechte gefallen zu lassen, so daß Maximilian, dessen Majestätsbcgriffen dies nicht zusagte, sich mit dem Gedanken vertrant machte andere Männer zu berufen'")., Er erklärte dem Grafen Rechberg der Krone Bayern die vollen Souverainetäts- Rcchte wahren und sich in keine Vereinbarung mit Frankfurt einlassen zu wollen, dascrn nicht vorerst die Idee eines Reichsoberhauptcs beseitigt 86 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Cabinets in, d. deutschen Königreichen. sei, und verlangte von seiner Regierung in entschiedener Weise diesen Gedanken zu dem ihrigen zu machen. Als nun am 7. Februar die radicale Mehrheit der zweiten Kammer, 72 gegen 62, die unbedingte Annahme der „Grundrechte des deutschen Volkes" zum Beschlüße erhobt), reichte das Ministerium, ebenso wenig gewillt dem Könige zu widerstreben als entschlossen sich den Abgeordneten entgegcnznstcllen, seine Entlassung ein, 8. Februar. Am Abend des 9. veranstaltete der mvnnrchisch-constitntio- nelle Verein einen Fnckclzug zur Huldigung des Königs und zu Ehren der Rechten der Kammer, der großartig atisfiel. Einige Tage später versuchte die Linke eine Gegcn-Demvnstration ans dem Maskenball der Künstler zu welchem die königliche Familie ihr Erscheinen zngesagt hatte. Es war ein van sämmtlichcn Künstlern veranstaltetes Melodram das die seit dem März 1848 so vielfach ausgenntztc Barbarossa-Sage zum Vorwurf hatte und mit den Worten endete: Der Kaisergeist schlief einst in deutschen Landen, Des Kaisers Herrlichkeit sic ist erstanden. Die Musik fiel rauschend ein, die mitwirkcnden Künstler klatschten und jubelten dabei; allein im unbetheiligten Publicum blieb es stumm, wenn nicht höhnische Bemerkungen zu hören waren: „Man sieht sehr wohl daß dieses Gedicht schon vor einigen Monaten geschrieben worden." In Württemberg standen die Dinge ungleich schwieriger als in Bayern. König Wilhelm I. hatte in seiner langen Regierung viel für sein Volk gethan, die Steuern erleichtert, freiere politische Bewegung gestattet; das Land war blühend, Ackerbali Handel und Gewerbe standen im Flor, und das wußte man ihm Dank. Die Bevölkerung war einer preußischen Hegemonie entschieden abgeneigt, alle Sympathien, alle Erinnerungen neigten zu Oesterreich; aber da waren es wieder die con- fcssionalcn Verhältnisse, der Antagonismus des protestantischen Elements gegen das katholische, was den Drängern für das preußische Erbkaiscr- thlim eine gefährliche Handhabe bat, wenn nicht gar in dem Wirrnis dieser beiden entgegengesetzten Strömungen die Radikalen, die überhaupt kein fürstliches Rcichsvberhaupt wallten, zuletzt das Oberwasser gewannen. Denn die rcpublicanischen Ideen hatten in der letzten Zeit vielfachen Eingang gefunden, jede Stadt, jedes größere Dorf hatte sein republikanisches Camits, das ganze Land war republikanisch unterwühlt An der Spitze der Geschäfte stand Friedrich von Römer, früher das Haupt König Wilhelm I. von Württemberg. 87 des leitenden Comitss der Hauptstadt; die Radicalen sagten ihm nach daß er ein anderer geworden seit er in die höchsten Kreise hinaufgerückt, und in der That hatte er wiederholt Anlauf genommen sich non seinen früheren Gesinnungsgenossen zu trennen, ohne doch den rechten Math und die Kraft dazu zu haben. König Wilhelm verhehlte sich nicht wie sehr er unter diesen Verhältnissen litt. „Man hat mir meine gegenwärtigen Minister aufgedrnngen", sagte er zu Baron Maximilian Handel, als dieser tun die Mitte Januar seine Antritts-Audienz als kaiserlicher Gesandter hatte, „und ich muß sie ertragen; sie sind keine Staatsmänner mit denen ich politische Angelegenheiten besprechen könnte." Er sprach die Worte mit dem schwer verhaltenen Ingrimm eines alten Kriegers, der ans dem Schlachtfelde mit Ruhm bedeckt und an mili- tairische Subordination gewohnt an den Ketten nagt welche die Unbilden der Zeit ihm auferlegt. Er bat Handel mit dem Minister des Aeußcrn v. Roser nur die laufenden Geschäfte zu besprechen, in wichtigeren Angelegenheiten sich ohne Vorwissen der Minister durch den Cabinets- Secretair v. Maucler unmittelbar an ihn, den König, zu wenden, „und ich werde Sie alsdann immer mit Vergnügen empfangen" b2). König Wilhelm war gleich seinem Volke mehr österreichisch als preußisch gesinnt; er erklärte sich bereit den Kaiser von Oesterreich, aber nicht den König von Preußen als Reichsoberhaupt anzuerkennen, falls eine solche Veranstaltung beliebt würde. Das preußische Rundschreiben vom 23. und ein sich darauf beziehendes eigenhändiges Schreiben Friedrich Wilhelm IV. vom 26. verdroß ihn überdiemaßen. Er erblickte darin nichts als eine Bnnsen-Arnim'sche Jntrigue zu welcher Gras Bülow „mit seinem Herrn Abecke" die Hand geboten habe. Er nahm daran Anstoß daß der König von Preußen die National-Versammlung von Frankfurt „als seinesgleichen" ansah „mit der er in Verhandlung treten will". Er wünschte sehnlichst daß Oesterreich in Erwiderung auf das preußische Rundschreiben mit einem positiven Vorschläge hervortrete, an den man sich württembergischer- seits anlehnen könne*). Gegen Rcchberg, der am 10. und 11. in Stuttgart weilte, sprach sich König Wilhelm I. in gleicher Weise aus wie gegen Handel. „Der einzige meiner Minister", bekannte er dem kaiserlichen Vertrauensmann, „der die nöthige Fähigkeit hat und mit welchem ich verkehre, ist ) Handel nach Wien Nr. 10 am 6., Nr. 12 L am 9. Februar 1849. 88 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Cabinets nn d. deutschen Königreichen. Römer. Ich kann ihm aber meine Ansichten nnr allmälig nnd auf Umwegen beibringen und bin nie sicher ihn nicht sogleich wieder abspringcn zu sehen. Mit einer wahrhaft eisernen Geduld habe ich bisher den Chef meines Cabinets in gewissen Schranken gehalten waö ich mir znm größten Verdienst anrechnc." Er entschuldigte sich fast Rechbcrg gegenüber daß er sich im abgelaufenen Jahre an Preußen gewendet habe: „aber ich habe Hilfe suchen mäßen wo ich sic finden konnte, und das ist Oesterreich in dessen damaliger Lage, mit dessen damaligem Ministerium nicht gewesen. Jetzt mit Schwarzenberg, dem Manne des Cabinets und des Schlachtfeldes an der Spitze, ist die Sache anders. Ich werde fortan nur mit Oesterreich gehen. Mit Preußen, dessen Regierung mit einer solchen Pcrfidie gehandelt, will ich mich nicht mehr entlassen; ich habe darüber auch dem Könige geschrieben lind demselben unumwunden meine Meinung gesagt". Auch mit dem Ergebnisse der Consercnz, die der österreichische Abgesandte mit Römer als Chef des Cabinets und dem Minister des Acnßcrn v. Roser hatte, konnte Nechberg zufrieden sein. Roser erklärte sich mit der österreichischen Depesche vom 4. einverstanden; er würde nnr statt „Vereinbarung" den Ausdruck „Verständigung" vor- gczogcn haben, da man au jenem in Frankfurt Anstoß nehmen werde; er bezeugte Freude über das Verbleiben Oesterreichs im Blinde, für welchen Bortheil man sich in Frankfurt gewiß zu Opfern hcrbeifindcn werde. Der Chef des Cabinets erbot sich dein königlichen Bevollmächtigten bei der Frankfurter Ccntral-Gewalt die Weisung znkommcn zu lassen, Württemberg wünsche der einheitlichen Spitze der Central-Gewalt ein Directorium substituirt zu sehen, damit Oesterreichs Verbleiben im Bunde gesichert sei. In den sächsischen Ländern liefen noch aus dem vorigen Jahre her zwei Strömungen nebeneinander her. Die Souvcrainc jener Fürstenthümer die, einen Jean Paul'schen Ausdruck zu gebrauchen, „gleich dem menschlichen Verstand überall auf Gränzeu stießen", hatten das Gefühl daß etwas geschehen müßc dem Gespöttc über die deutsche Kleinstaaterei den Boden zu entziehen, und es war in dieser Richtung die Idee einer staatlichen Vereinigung der thüringischen Fürsten aufgctaucht, für welche Idee sich auch der deutsche Rcichs-Commissar v. Mühlenfcls sehr eifrig zeigte. Allein da wollte Weimar als Großherzogthum nicht Gleichheit gelten lassen, 89 Radicalismus in de» mitteldeutschen Staaten. sondern bcansprnchte eine Hegemonie, wollte gar alle die andern mit sich vereinigt wissen um zum Range eines Königreichs zu gelangen. Auch der Plan eines Anschlußes aller klein-sächsischen Herrschaften an das Königreich tauchte auf, wogegen aber die Fürsten Neuß Einsprache erhoben, da es hiebei nicht sowohl auf eine Einigung als auf eine Einverleibung ihrer Gebiete abgesehen sein möchte*). Im.sächsischen Volke hatte, wie kaum in einem andern deutschen Lande, die Demokratie ansschließendc Herrschaft gewonnen. „Nun nach vollbrachten Wahlen", berichtete Graf Kuefstein zu Anfang Januar nach Wien, „gesteht man sich endlich die mächtige Rückwirkung welche der Tod Blum's für Sachsen hat; nun spricht man es ans daß, wäre er am Leben, er in die Kammer, I. oder II. wie er und seine Partei gewollt hätten, gewählt worden und von da ins Ministerium gelangt wäre. So ist das Horoskop das er sich stellte beinahe buchstäblich erfüllt: ,Am 1. Januar 1849 entweder todt oder am Spieltisch der Königin^." Die II. Kammer war znm weitaus größten Thcil aus völlig obscnren Leuten zusammengesetzt, Puppen von dem „Vatcrlandsverein" den Wahlkreisen anbefohlen und von dessen Geist erfüllt. Da wurde von „Eidvcrweigerung" gesprochen; da drang man aus Abberufung des Wiener Gesandten v. Könneritz, ja auf dessen Belangung vor dem Strafgericht wegen Mitschuld an dem Ende Robert Blum's; da hieß cs man werde dem Hofe Pillnitz nehmen und für irgend einen öffentlichen Zweck den man selbst noch nicht kannte widmen. „Das ist die Ungezogenheit politischer und socialer Böotier" b3). Auch in diesen Kreisen wurde heftig gegen die deutsche Kleinstaaterei gearbeitet, nur in anderem Sinne als in den oberen Regionen, und dann wieder untereinander zu verschiedenen Zwecken. Die radicalen Monarchisten in den Kammern wollten alle Fürsten weggefegt haben bis auf den König von Preußen als prädestinirtcn deutschen Kaiser; die Re- pnblicaner wollten mit allen Fürsten ohne Ausnahme aufgeräumt wissen um einen „verantwortlichen Präsidenten" an die Spitze von Deutschland gestellt zu sehen. Von dieser letzter» Partei fielen scharfe Worte gegen Preußen. Der Vice-Präsidcnt der II. Kammer Will). Mich. Schaffrath erklärte die Behauptung, als ob das sächsische Volk für das erbliche Kaiserthum sei, für „durch und durch unwahr. Eine Handvoll Leute *) Näheres im „Lloyd" 1849 Nr. 48 vom 28. Morg.-Bl. 14 Aus Sachsen 21. Januar; Nr. 94 vom 24. ebenso 19. Februar. 90 I. 6. Berhandlungcn d. Wiener CabinctS m. d. deutsche» Königreichen. sind es die sich für das sächsische VE halten und den Kaiser wallen; Preußen an die Spitze von Deutschland stellen heißt Deutschland preußisch machen"; er wolle „das Fortbestehen der Einzelnstaaten als die beste Garantie gegen eine freihcittödtcnde Centralisation", 20. Januar. Als in einer andern Sitzung der Abgeordnete Berthold sich des Ausdruckes bediente: „der preußische Aar sei im Verschlingen geübt", erhoben sich die Minister van ihren Sitzen, was die folgenden Redner etwas gemäßigter in ihren Acnßcrnngcn machte ohne doch an der Stimmung der beiden Kammern etwas zu ändern. Es war so wenig Aussicht mit diesen Vcr- tretnngskörpern zu einem Ziele zu kommen daß das Ministerium von der Pfordtcn seine Entlassung gab und, obwohl der Hof dieselbe nicht an- nchmen wollte und auch die Kammern es nicht wünschten, darauf bestand, 27. Januar. Das Königreich Hannover stellte der Revolution kein so starkes Con- tingcnt wie das benachbarte Sachsen, obwohl es auch da an radikalen Elementen nicht fehlte. Das Ergebnis der nach dem Verfassnngsgesetz vom 5. September 1848 zum erstenmal vollzogenen Wahlen war, obwohl in die I. Kammer der leitende Staats-Minister Gras Bennigsen, in die II. der Vorstand des Ministeriums des Innern Stüve gewählt waren, nichts weniger als beruhigend; beiden Vertretnngskörpern gehörte eine Anzahl von Leuten an, denen sich das wünschenswerthe Maß von Verständnis und Umsicht kaum zutrauen ließ. Im Lande fehlte es nicht an Ruhestörungen, die hier dem übernehmenden Betragen der Truppen dort dem aufgestachelten Pöbel ihren Ursprung verdankten. In der Landeshauptstadt gab es nicht wenige die für den Anschluß an Frankfurt, für die unbedingte Anerkennung der deutschen Grundrechte schwärmten; allein es war doch viel gemachtes Zeug dabei: Turnvereine Bolksvereinc Agitationen in der Bürgcrwchr, unter den Studenten des Polytechnikums n. dgl. Der Haupttheil der Bevölkerung blieb ohne rege Theilnahme, gab mehr die Zuschauer bei den von jenen mit absichtlichem Pomp veranstalteten Festzügen und Feierlichkeiten ab. Die Regierung nahm sowohl diesen Kundgebungen als den Frankfurter Anfragen und Aufrufen gegenüber eine abwartcnde Stellung ein, was dem österreichischen Cabinete nicht ungelegen kam. Zudem hatte man nothgedrungene Rücksichten auf Preußen zu nehmen, obwohl man im Herzen mehr Oesterreich zuneigte. Ernst August zeigte sich unserm Gesandten Friedrich Freiherr» v. Kreß sehr verstimmt über den unregelmäßigen Gang der preußischen Politik; König Ernst Angnst nnd Prinz Georg. 91 wiederholt äußerte er: „Mnn kann heute mir mit Oesterreich gehen uud ich werde mir dieses zur Richtschnur dienen lassen." Aus der preußischen Note vom 23. Januar ersah der König mit einem peinlichen Befremden daß Camphanscn und Bunsen dahin drängten die deutsche Frage ohne » Rücksicht auf den kaiserlichen Hof in die Hand zu nehmen, während Ernst August der llebcrzeugung war daß ein deutsches Reich ohne Oesterreich nicht denkbar sei, daher das Bestreben sämmtlicher deutscher Regierungen dahin gehen mäße das Ausscheiden Oesterreichs ans dem Bunde zu verhüten, Oesterreich den Weg zu bahnen und die Möglichkeit zu verschaffen auch fernerhin Deutschland anzngchörcn^). Auch erhielt v. Bothmer Weisung sich in Frankfurt mit dem kaiserlichen Bevollmächtigten ins Einverständnis zu setze». Die gleiche österreich-freundliche Gesinnung waltete in den Kreisen des Kronprinzen. Als Ende Januar der k. k. Obrist Ludwig v. Kudriafsky mit zwei Stabs-Officicren in Sachen der deutschen Flotte durch Hannover kam und bei dieser Gelegenheit dem Kronprinzcnpaar seine Aufwartung machte, vernahm er Worte der Begeisterung über die Erfolge der kaiserlichen Waffen in Italien und Ungarn die, wie Kudriafsky nicht umhin konnte zu bekennen, nach einem mehrwochentlichen Aufenthalte , in Frankreich wohlthuend auf ihn wirkten, woraus der Kronprinz zum Abschied seine Hand ergriff und krampfhaft drückte: „Glauben Sie mir, diese Worte sind wahr und kommen aus dem Herzen. Gott segne Ihren Kaiser, der Deutschen uud unser Aller Stütze und Hoffnung"*). In den ersten Febrnar-Tagen erschien Herr von Mühlenfcls als Rcichs-Commissarius wegen der in den thüringischen Landen verwendeten Rcichstruppen in Dresden, unverkennbar aber zugleich mit dem Nebenzweck für das preußische Erbkaiserthum zu werben. Der Zeitpunkt dazu, nach dem frischen Eindrücke der preußischen Note vom 23. Januar, war schlecht gewählt, wovon sich zu überzeugen Herr von Mühlenfcls hinreichende Gelegenheit fand. Mußte er doch während eines Diners beim Minister der auswärtigen Angelegenheiten Acußernngcn vernehmen wie diese: „daß die Publication mindestens das gute habe daß man der Mühe sie zn beantworten überhoben sei"**). Als in dieser Zeit, 6. Fe- ' brnar, in der I. Kammer die Obcrhauptsfrage verhandelt wurde erklärte Minister Oberländer, der jedoch nur in seiner Eigenschaft als Abgcord- *) Kudriafsky an Schwarzenberg, Hannover 5. Februar. 2") Kuefstcin 4. Februar. 92 I. 6. Verhandlungen d. Wiener Tabiucts nn d. deutschen Königreichen. nctcr erschienen war: „Kein Thcil des Ganzen darf ausgeschlossen bleiben, am wenigsten Oesterreich, schon nm der Beziehungen nach Osten hin, dessen Völkern Deutschland einzig durch Vermittlung Oesterreichs die Hand reichen kann." Der Abgeordnete Hcnbner sprach in gleichem Sinne; lieber, meinte er, daß jetzt nichts geschehe als daß der Riß zwischen Deutschland und Oesterreich unheilbar werde. Am 7. nachmittags kam Baron Brenner in Dresden an und verhandelte noch denselben Abend mit von der Pfordtcn; am 8. wurde er vom Könige empfangen und hatte dann noch zwei lange Unterredungen mit dem leitenden Staats-Minister. Das Ergebnis war daß von der Pfordtcn sich verpflichtete im Ministcrrathe für eine entschiedene Antwort aus die preußische Note vom 23. Januar cinzutreten, sich darin gegen jede einheitliche Ccntralisation des deutschen Bundesstaates zu verwahren, nn dem mittelst Bundesbeschlußcs vom 30. März v. I. ausgestellten Principe der Vereinbarung fcsthalten und hiebei vor allem den Vorschlägen Oesterreichs entgegensetzen zu wollen. Schriftlich gab er dem Wunsche Ausdruck daß, um für alle Wechselfälle, namentlich einen durch Waffengewalt zu bezwingenden Aufstandsvcrsuch der Unitarier gerüstet zu sein, das kaiserliche Cabinet jetzt schon die Hauptgrnndlagcn der künftigen Verfassung Deutschlands vorbcreiten möge „nm dann, wo ohne Zweifel ein Moment großer Rathlosigkeit eintretcn wird, mit seinen Vorschlägen hervorzutretcn und dadurch den gerechten Wünschen und Hoffnungen Deutschlands einen rettenden Anhaltspunkt bieten zu können"*). Am 9. reiste Brenner von Dresden in westlicher Richtung ab und traf am 10. nachmittags in Hannover ein, erhielt sogleich für den nächsten Tag eine Audienz beim Könige und verhandelte ebenso mit dem Grasen von Bennigsen. Es zeigte sich ihm bald daß bei Hof ebenso große Neigung herrschte sich dem neuesten Schritte des kaiserlichen Cabinets an- zuschlicßen, als bei den leitenden Politikern allerhand Bedenken und Zweifel obwalteten, einerseits die Besorgnis mit Preußen wegen des „ominösen" Aktenstückes vom 23. Januar in Conflict zu gcrathcn, anderseits Furcht vor den Kammern deren radikale Elemente auf unbedingte Unterwerfung unter die Frankfurter Beschlüße drangen^). Seinerseits fürchtete sich Ernst August vor seinen Ministern, zu denen er kein volles Vertrauen hatte *) Bon der Pfordtcn an Brenner-Felsach 8., letzterer an de» Fürsten Schwarzenberg 9. Februar: Beil, zum Berichte Kucfstcins vom 8. Nr. 20. Baron Brcnncr-Felsach i» Dresden und Hannover. 93 und hinter deren Rücken er gleich König Wilhelm den Vertretern Oesterreichs Audienzen zu Stunden gewährte wo er sonst niemand zu empfangen pflegte und um die nur sein Leibkammerdiener wußte. Diesen Charakter ängstlicher Rücksichtnahme nach allen Seiten trug denn auch die Note Bennigsen's an Brenner, deren geschraubte Stylistik es möglichst beiden deutschen Großstaatcn recht zu machen suchte: „einhelliges ungeschmälertes Zusammenwirken beider großen Höfe", Beiscitelassung der „Aufrichtung einer neuen deutschen Kaiserwürde", „Bildung einer kräftigen Central- Gcwalt für Deutschland neben der Erhaltung der den einzelnen deutschen Staaten unentbehrlichen Selbständigkeit in dem ihnen zu belassenden Kreise der Wirksamkeit ihrer Regierungen" s°). Deutlicher sprach sich Ernst Angnst in einem vertraulichen Schreiben an Wilhelm I. von Württemberg für ein Directorinm unter dem Vorsitz Oesterreichs, aber, um des Princips willen, gegen jede Mediatisirnng aus. Ungeachtet des unerquicklichen Verhältnisses zu seinen Ministern, und obwohl die Hinneigung des Grafen Bennigsen zu Preußen immer stärker hervortrat, wollte sich Ernst Angust nicht entschließen die Räthe seiner Krone zu wechseln; ja als sie die unbedingte Annahme der dcntschcn Grundrechte seitens der II. Kammer, 16. 17. Februar, zum Anlasse nahmen um ihre Entlassung zu bitten, weigerte er sich ihrem Gesuche zu willfahren, wohl mit Rücksicht auf die Stimmung im Lande die sich an vielen Orten laut für das Verbleiben der seitherigen Minister im Amte aussprach. 7. Im Frankfurter Parlamente war cs wie au den deutschen Höfen der Gegensatz von Oesterreich und Preußen der überall zu Grunde lag und bald mehr bald minder offen zutage trat. Die Abstimmung am 25. Januar, welche die Unmöglichkeit irgend eines Beschlußes zum Ergebnis hattet), war im großen Ganzen doch nur gegen das preußische Kaiscr- thum gerichtet gewesen, weil die Vcrthcidiger des Grundsatzes der Erblichkeit, namentlich die Holsteiner Dahlmann und Beseler, ihre Partci- *) Bd. IV, S. 105—107. 94 I. 7. Die „Großdeutschen" und die „Kleindeutschen". lichkeit für Preußen gar zu offen hatten fühlen lassen. Als Hosrath Buß, dieser mnthigc Kämpfer für das Recht und die Unabhängigkeit der katholischen Kirche, der im December von einem westphälischen Wahlkreise in das deutsche Parlament gewählt worden nnd, wohl ans diesem Anlasse, um Weihnachten nach Oesterreich gegangen war, in der zweiten Hälfte Jannar von dort znrückkam, erzählte man sich in Frankfurter Abgeord- nctenkreiscn, „Buß habe Olmüz zu allem bereit gefunden, wofern Oesterreich an die Spitze gestellt werde". Das klang vielen sehr angenehm in die Ohren, anderen freilich umso widerwärtigerb'). Am Ende mußte sich jeder kühlere Beurtheiler sagen daß man mit dem Verfassungswerke nicht eher zu einem Ziele gelangen werde so lang die österreichische Frage nicht gelöst sei. Aber wie wenig kühle Beurtheiler waren in einer Versammlung zu finden in der man ein über das anderemal die wunderlichsten Dinge erlebte! Im Auslande konnte man Vorgänge wie die am 25. gar nicht begreifen. „Es hat wohl nie einen gesetzgebenden Körper gegeben", hieß es in einem scharfen Artikel des „LlorninA-Ollroniols" vom 29., „der sich selbst spaßhafter zum Narren gemacht hat als das Parlament von Frankfurt. Die Debatten über die bedenklichste von allen Clauseln des Verfassungs-Entwurfes haben mit einem so vollständigen Matt geendet als mail sich nur immer denken konnte. Die Maschine über welche Herr von Gagern eine so vollkommene Meisterschaft gewonnen zu haben schien, versagt mit einemmai dem leitenden Impuls seiner geschickten Hand den Gehorsam und steht stockstill. Das Parlament hält plötzlich mitten in seinem Lauf an, als eine scharfe Wendung der Straße die künftige Hauptstadt Deutschlands — Berlin erblicken läßt. Der Sieg der in der Woche zuvor die Anstrengungen der preußischen Partei gekrönt hatte, macht die gegenwärtige Niederlage zu ihrer Beschämung um so unerwarteter und setzt die Gönner nnd Förderer der unitarischen Bewegung, die dadurch eine um so größere Demüthignng erlitten haben, in nicht geringe Verlegenheit." Das Londoner Weltblatt irrte nur darin wenn es meinte, jener Mißerfolg werde die Gesetzgeber am Main in ihrer berufstreuen Thätigkeit im mindesten aufhalten. Sie stellten die Frage der Existenz eines deutschen Kaisers ruhig der zweiteil Lesung anheim, ließen ihn in der Zwischenzeit völlig in der Luft schweben, bcriethen und beschloßen aber, als wenn alles in der besten Ordnung wäre, frisch weiter über die Civilliste des „Kaisers", über die Unverletzlichkeit der Person des „Kaisers", über dessen Recht Krieg und Frieden zu beschließen re. Für die Oester- ,Wir nähern uns dem Stadium wo man am Berge steht/ 95 reicher in der Paulskirche wurde die Luft immer schwüler. Baron Andriau hatte schon um die Mitte Januar seinen Londoner Gesandtschaftsposten heimgcsagt und bei der Königin und dem Prinz-Gemahl, der ganz im preußischen Lager stand, seine Abschieds-Audienz genommen^). Mehrere Abgeordnete, wie Scheließnigg aus Klagcnfurt, Jcittcles aus Olmüz, schieden aus der Versammlung; andere hielten sich mit oder ohne Urlaub so geraume Zeit fern daß die in Frankfurt anwesenden Oesterrcichcr eigene Schreiben aussandten und in den Provinzial-Mättern veröffentlichten sie an ihre Pflicht zu mahnen. Der Erzherzog-Rcichsverwcser zählte in dieser Zeit nicht. Ein Gichtanfall hatte sich, wie die Aerzte meinten, auf die Lunge geworfen und fesselte ihn in einem kläglichen Zustande ans Bett. „Seine Stellung ist ihm unbehaglich", meldete Schmerling nach Olmüz, und er spricht cs gegen jedermann aus daß er sich darnach sehne abzu- tretcn"*). Er befand sich mehrere Tage in Lebensgefahr, wurde sogar todt gesagt, uicht blos im Gerede der Leute, sondern auch iu vielen Blättern. Umso munterer ging cs in der Partei der Erbkaiserlichen her, besonders seit der Anwesenheit Bunsen's in Frankfurt, der mit Camphausen Gagcrn Vincke die im Interesse Preußens vorzuuehmendcn Aenderungen am Verfassungs-Entwürfe sowie das Verhältnis zu Oesterreich bericth; mit Radowitz über die Stellung des NeichSoberhauptes und der Mitglieder des Neichsrathes verhandelte; die bayerischen Abgeordneten Grafen Giech und Herrn von Notenhan über die Stimmung in Franken für den Erbkaiser ausholte8"). Die Erbkaiserlichen waren jetzt absprechendcr als je, obwohl es an Wahrzeichen nicht fehlte daß es um ihre Herrlichkeit sehr zweifelhaft stehe. Es waren peinliche Momente als der Finanz- Minister eines Tages den Bericht über die theils verweigerte thcils verzögerte Einzahlung der Matricular-Beiträge der einzelnen Negierungen erstattete; oder als er gegen den Vorschlag, die Reichsgewalt möge wegen deS kostbaren dänischen Krieges ein Anleihen machen, zur Antwort gab, das Reich habe keinen Credit; oder als Zimmermann aus Stuttgart die Wirrnis in die man sich verfahren hatte mit den Worten kennzeichncte: „Meine Herren, wir nähern uns dem Stadium wo man am Berge sicht." Wenn man aber dann wieder diesen maßlosen Dünkel gewahrte der sich über alles hiuauszusetzcn meinte, kein bestehendes Recht an- ") Schmer, cm Schwa. 27. Januar 1849 Nr. 33. 96 I. 7. Die „Großdeutsche»" und die „Kleiudeutschen". erkannte, keinen vorhandenen Ungleichheiten oder Gegensätzen Rücksicht zu schulden meinte; diese großsprecherische Ohnmacht die nicht über einen Stenergnlden und nicht über einen Mann zu verfügen hatte und jetzt die deutschen Königreiche oder gar Oesterreich mit dem „Säbel Friedrich II." zu paaren zu treiben erklärte, ein andermal gegen das zögernde Preußen revolutionäre Drohungen auSstieß; diesen beschränktenHochmuth, diese Selbst- bcrüuchcrung, dieses Ju-dcn-Staub-Sinken von der eigenen schier unbegreiflichen Größe auf der einen, und das wegwerfendste Verbiet über die Geistesschwäche und die Charakterlosigkeit der Gegner auf der andern Seite och: so mochte man mitunter zweifeln ob man es mit Personen in zurechnungsfähigem Zustande zu thun habe. Bei einer solchen Stimmung der Gemüthcr befand sich der österreichische Bevollmächtigte noch immer ohne die so dringend erbetene Instruction. Rückhaltcndc Vorsicht war die Haltung die ihm sein Ministerium bei jedem Anlasse ans Herz legte. „Indessen wollen Euer Hochwohl- gcboren", wurde ihm geschrieben, „jedes sich Ihnen darbietende Vertrauen wohlwollend aufnehmen, das Ihre jedoch in diesem Momente der Unentschlossenheit und Jntriguen unbedingt niemand schenken"^'). Mit den „Jntriguen" der andern Partei hatte es nun seine volle Richtigkeit; aber die „Unentschlossenheit", mußte sich Schmerling sagen, war auf jener Seite gewiß nicht zu finden. „Acht Tage sind es", klagte er, „daß die preußische Circular-Notc vom 23. Januar d. I. in jedermanns Händen ist, und Oesterreich hat sich noch immer nicht erklärt. Se. Majestät hat mir meinen gegenwärtigen Posten mit Vertrauen übertragen, ich wünsche diesem Vertrauen entsprechen zu können. Dazu bedarf cs aber einer entschiedeneren Stellung und größerer Thätigkeit für Oesterreich, vor allem einer sichtbareren." Selbst von österreichischen Abgeordneten werde er gedrängt und schon fange man an, trotz der allgemeinen Achtung die er sich erworben, ihn mit Mistrauen zu betrachten und „als Träger der Metternich'schen Politik zu bezeichnen"**). Möge man sich doch, mahnte er, nicht an dem Ausdruck „Bundesstaat" stoßen. „Das Wort ist es nicht was entscheidet; es läßt sich der damit verbundene Begriff enger oder weiter bilden und eine Ccutral-Macht, in der Oesterreich die erste und wichtigste Stellung cinnimmt, gestützt auf eine Kammer in welcher *') Schwa, an Schmer. Wien 20. Januar, x») Schmer, an Schwa. 2 Februar „Vertraulich" K Wurth mit der Note vom 4. Februar in Franksurt a. M. 97 der dritte Theil Oesterreicher und ein weiterer vielleicht fünfter Theil Oesterreichs Freunde sind, wird unserem Kaiscrstaatc nie gefährlich sein, wohl aber dessen Einfluß erhöhen" Da endlich am 8. Februar morgens traf Würth in Frankfurt wieder ein. Die österreichische Note vom 4. Februar die er brachte schlug in die Reihen der Erbkaiserlichen, der Anhänger des Programms Gagern, der Vertreter des Grundsatzes der Selbst- und Allein-Herrlich- keit des deutschen Parlaments „wie ei» Blitz aus hciterm Himmel""?). Aber cs war doch wahrhaft kindisch sich einznbilden, daß ein alt- angesehener und mächtiger Staat wie Oesterreich von einer seit gestern zusammengewürfelten Versammlung den Entscheid über seine künftige Stellung, über sein Verbleiben oder Nicht-Verbleiben in dem Staatenbunde, an dessen Spitze er seit Jahrhunderten gestanden, abwarten, einfach über sich ergehen lassen werde! Aber, wie sich uns wiederholt gezeigt, ernste und ruhige Ueberlegung war die Signatur weder dieser Zeit noch dieser Versammlung, und so sehen wir denn alle jene denen die österreichische Erklärung quer in den Weg kam, in einen Zustand der Aufregung gerathen der sic alle Gränzen des Anstandes übersehen ließ, und in den wegwerfendsten Ausdrücken die Kundgebung einer Macht von erstem Range wie etwa die vorlaute Einmischung irgend einer unberufenen Unbedeutendheit behandeln. Im österreichischen Lager walteten nicht Zorn und Hohn, aber tiefe Betrübnis und Verstimmung. Würth selbst, der die Note übcrbracht hatte, schlug freiwilliges Ausscheiden der österreichischen Abgeordneten ans der National-Versammlung vor und wirkte dadurch selbst auf Schmerling, der in der ersten Aufwallung den Gedanken faßte seine Vertrauensstellung als Bevollmächtigter des kaiserlichen Cabincts znrückznlegcn. Allein nur Arneth stimmte Würth bei, und auch Schmerling besann sich bald eines bessern bs). Die Mehrzahl der Oesterreicher meinte, und hierin wurden sie durch die Versicherungen ihrer Freunde im Parlamente bestärkt, ihr Mandat verpflichte sie auszuharren; die Verbindung Oesterreichs mit Deutschland sei für beide eine Nothwendigkeit, das preußische Erbkaiserthum für beide vom Ucbel; die Aufgabe der National-Versammlung werde erst bei der zweiten Lesung des Verfassungs-Entwurfes ihre Lösung finden, und diese werde so zu gestalten sein daß sic das Verbleiben Oesterreichs, die Annahme der Verfassung seitens der kaiserlichen Regierung ermögliche. Diese Auffassung machte nun auch Schmerling zu Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. S. 7 98 I. 7. Die „Großdeutschc»" und die „Kleindeutschen". der seinigen und versprach in diesem Sinne bei seinem Ministerium zu wirken *). Ein bedeutsamer Schritt in dieser Richtung geschah von anderer Seite. Einige Tage früher war Heckschcr ans Turin zurückgekommen, wohin er in Interessen der Ccntral-Gewalt war entsendet worden. Eine mehrmonatliche Abwesenheit hatte seinen Blick über den Kreis des Frankfurter Partcigetriebes hinausgchobcn, er hatte in ruhiger Ferne das Gngern'sche Programm und das verbissene Drängen der Erbkaiserlichen nach ihrem wahren Wcrthe überschauen gelernt und war von der Ueber- zcugung durchdrungen beides bekämpfeil zu müssen. In Frankfurt ließ er sich ans dem „Casino" streichen und warb Gesinnungsgenossen für den Plan, der bisher in erster Lesung behandelten Verfassung eine andere, eine „großdeutsche" entgegenzustellen, in welcher die erste deutsche Großmacht ihren gebührenden Platz fände"'). Am 11. Februar abends kam man im Hotel Schröder zusammen, größtentheils Oesterreicher und Bayern, aber auch Andere, von welch letzter» Wedekind auö Bruchhausen in Hannover und der Württemberger Moriz van Mvhl geradezu für ein österreichisches Erbkaiserthum cintraten"^). Zuletzt wurde ein Ausschuß von nenn Mitgliedern — von Oesterreichern Würth Sommarnga Giskra — zum Entwerfen eines Verfassnngsplanes gewählt „welchem", wie Schmerling nach Olmüz berichtete, „die Idee des Bundesstaates im Gegensätze zum Einheitsstaate zugrunde gelegt werden soll". Der Ausschuß, in welchem Wclcker den Vorsitz führte, war fleißig bei seiner Arbeit und hielt tägliche Berathungcn. In der National-Bcrsammlnng kam am 12. die österreichische Depesche vom 4. durch den Schriftführer Martens aus Danzig zur Verlesung. Dieselbe wurde von vielen „Hört, hört!" unterbrachen und am Schlüße erhob sich Streit darüber: erstens an welchen Ausschuß das Schriftstück zu verweisen, zweitens ob und welche Antwort darauf zu ertheilcn sei. Der Präsident war für den Verfassungs-Ausschuß und ebenso der erste Redner Eiscnmann, der zugleich meinte eine Antwort müßc die National- Versaminlung jedenfalls ertheilen. Ncichenspergcr sprach gegen den Verfassungs-Ausschuß und gegen die Nothwendigkeit einer Antwort; jedenfalls seien durch diese Note die Gerüchte widerlegt als wolle oder könne Oesterreich nicht in den Bundesstaat treten, eine Behauptung die auf Rechberg in Frankfurt a. M. 99 4 > 4 der Rechten mit großer Heiterkeit ausgenommen wurde. Es sprachen noch Giskra für einen eigenen Ausschuß; Beseler von Greifswalde gegen eine Antwort, „weil ich hoffe die Versammlung werde die eigentliche Antwort durch die Verfassung geben" (Bravo); I. N. Berger für die Vereinbarung und daher Niedersetzung eines Vereinbarungs-Ausschußes (Lachen), wogegen Fuchs aus Breslau in großer Aufregung fragte ob die Natioual- Versammlung schon so tief gesunken sei um mit vierunddreißig Regierungen zu verhandeln?! Zuletzt war die Mehrheit für die Verweisung der Note au den Verfassungs-Ausschuß s°). In diesen Tagen war Bnnsen bereits zurück in Berlin und traf Rcchberg aus Stuttgart in Frankfurt ein. Jenen erwartete eine große Enttäuschung. Denn Friedrich Wilhelm IV. wollte von dem Rundschreiben und von allem was Bunsen und Genossen eingeleitet hatten nichts mehr wissen; der Weg den man eingeschlagen sei ein Unrecht gegen Oesterreich; er wolle mit der Verfolgung einer so abscheulichen Politik nichts zu thuu haben, sondern überlasse sie dem Ministerium; wenn es aber zur persönlichen Frage komme dann werde er reden: „Ich setze meine Krone und mein Leben daran ein ehrlicher Manu und Fürst zu bleiben!" Der König entließ ihn in Gnaden, aber mit der bestimmten Erklärung nie einen Schritt so bereut zu haben als jenen zu dem Bunsen ihm gerathen. Verstimmt kehrte der letztere auf seinen Londoner Gesandtschafts-Postenzurück*). Die Minister ihrerseits verharrten in der von Bunsen mit ihnen eingeschlagenen Richtung so viel es anging und so weit es nicht, des Königs Ausdruck zu gebrauchen, die „persönliche Frage" berührte s?). Rcchberg verhandelte in Frankfurt mit Schmerling und mit dem Präsidenten des Reichs-Ministeriums. Letzteren fand er unbeugsam; dabei machte Gageru kein Hehl aus seiner Ucbcrzeugung: Deutschland könne nur durch eine allgemeine Umwälzung zu der angcstrebten Einheit gelangen. Zu derselben Fahne schwuren die andern Minister sowie alle Unter-Staatssecretärc, bis auf Biegeleben den politische und religiöse Denkungsart sowie Familienbande an Oesterreich knüpften, der aber eben darum ohne allen Einstuß war. „Die Uebrigcu", so berichtete Rechberg nach Olmüz, „gehören sämmtlich der Partei au die eine allgemeine Umwälzung von Deutschland Hervorrufen will, um nach dem Umsturz aller P Aus Buuscu's Briefen II S. 496; Ranke Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelm IV. mit Bunsen S. 263. 100 I. 7. Die „Großdentscheu" und die „Kleiudontschen". deutschen Regierungen die deutsche Kaiserkrone dem Könige non Preußen ohne Hindernisse übergeben zu können" Wie stark und mit welchen Mitteln die Kaiser-Partei ans ihr Ziel losarbeitetc gab sich unter andern, in dem Anträge kund der Schmerling, wie er dem Grafen Rechberg erzählte, von preußischer Seite gemacht wurde: ihm jedes Portefeuille das er wünsche in Berlin zu geben. De» Reichsverwcser selbst traf Rechberg in jeder Hinsicht hcrabgekommcn. „Sie sehen in mir einen moralisch und physisch abgenützten Mann", sagte ihn, der Erzherzog traurig und klagte bitter über sein an Preußen mindestens durch moralische Bestechung verkauftes Ministerium. Rechberg schlug ihm ein Ministerium Welcker- Wydenbrngk vor, was dem Erzherzog zu gefallen schic». Mit Schmerling stand der Reichsverwcser im beste» Einvernehmen. Uebrigens schien die Krankheit, die den Erzherzog bereits an die drei Wochen gefangen hielt, ihren Höhepunkt erreicht z» haben; schon traten Wahrzeichen beginnender Besserung zum Vorschein. Während der Anwesenheit Rechberg's in Frankfurt gab es eine von den „Großdeutschen" eingesagte Versammlung in der „Mainlust", zu der alle jene Mitglieder des Parlaments geladen waren „welche das Verbleiben der deutsch-österreichischen Lande in dem enger» deutschen Bundesstaate anstrebten". Welcker hatte den Vorsitz und rügte in der Einleitnngsrede daß der Reichs-Verfassungsentwurf wie er vorlicge die Einzelstaate» nicht genug berücksichtige, in deren Befugnisse weiter eingreife als die Gestaltung eines Bundesstaates unumgänglich erfordere, daß er Zwist ins Reich bringe indem er Oesterreich und Preußen trenne rc. Es waren auch eiuigc von der Linken erschienen, in deren Namen Vogt erklärte daß er durchaus nicht auf der einheitlichen Spitze beharre; im Gcgentheil bekenne er sich für seine Person in dieser Hinsicht käuflich: „Für jeden Paragraph vermehrter Volksrechtc bi» ich bereit einen Zoll Oberhaupt abznlassen". Im übrigen wollte sich die Linke auf einen bindenden Beschluß nicht ciulasseu, der übrigens, so viel auch über den Gegenstand hin und her gesprochen wurde, von keiner Seite zustande kam. Das einzige was Welcker zum Schlüße als Punkt der Einigung bezeichnte war: daß kein Erbkaiser sondern eine Collectiv-Regierung bestehen solle und darum auch der „Ncichsrath" falle. Drei Tage später traten Mitglieder der Centren im Saale „zum Weidenbusch" zusammen, wo Biedermann den Vorsitz führte. Die Einladung lautete hier an alle „die eine wahre und kräftige Einheit Deutschlands nur in der wesent- In der „Mainlust" und „zum Weidenbusch". 101 lichen Beibehaltung derjenigen Form des Bundesstaates erblicken, welche aus der ersten Lesung des Entwurfes der Reichsverfassnug hervorgegangen ist". Auch hier erschienen Mitglieder der Linken und ein paar Oesterreicher die sich aber an der Debatte nicht betheiligten, alle zusammen bei 200 Köpfe. Die Erblichkeit des Reichsoberhauptes, so sehr cs viele der Versammelten wünschten, wurde in das Programm nicht ausgenommen, dagegen das Festhalten der W. 2 und 3, also gerade jener Bestimmungen die zumeist gegen Oesterreich gerichtet waren. Denn Oesterreich und die Oesterreicher waren dieser Partei nachgerade unbequem; sie hätten sic am liebsten scheiden gesehen, und nur der Anstand Hielt sie zurück selbst darauf anzutragen Schmerling erklärte Rechberg, seine Stellung in Frankfurt sei unhaltbar wenn ihm nicht klare Weisungen gegeben würden auf deren Grundlage er über das dem einheitlichen Reichsoberhaupt zu sub- stituirende Directorium mit den Bevollmächtigten der anderen Regierungen in Verhandlung zu treten vermöchte. Nun war der Vorwurf den man von der andern Seite Oesterreich machte: es verneine blos; cs sage nur was es nicht wolle, nicht was es wolle ; es mache keine positiven Vorschläge, allerdings ungegrüudet. Oesterreich hatte sich wiederholt in sehr verständlicher Weise hierüber erklärt; in torinsli: daß die deutsche Reichsverfassung nur mit Zustimmung der Regierungen zustande kommen solle; in insrito: Anschluß der kleineren Staaten an die Königreiche, die „Wehrherzogthümer"; ein aus den Vertretungskörpern der einzelnen deutschen Staaten hervorgehendes Parlament; ein Fürsten- Directorium als oberstes gemeinschaftliches Organ. Aber einerseits waren diese Vorschläge bisher nur von Cabinet zu Cabinet gegangen, die Oeffentlichkeit wußte davon so gut wie nichts; anderseits waren sie doch zu unbestimmt, nicht ins Einzelne gestaltet, nicht in klare feste Para- graphe zerlegt wie die Entwürfe der andern Seite denen sie gegenüber gestellt werden sollten^"). Von Olmüz aus wollte man, ganz im Geiste des Kremsierer Programms, die deutsche Frage noch immer als eine offene betrachtet wissen. Man bekundete dem deutschen Parlament in einzelnen Fragen wo es irgend anging wohlwollendes Entgegenkommen; man erklärte sich bereit die vom deutschen Reichs-Ministerium der Justiz entworfene Wechselordnung anzunehmen; man säumte nicht sich an der Frankfurter Commission zur Verfassung eines Militair-Strafgesetzes für das deutsche Heer zu bethei- 102 I. 7. Die „Großdeutschen" und die „Kleindeutschen". ligen, und bestimmte dafür den k. k. Stabs-Auditor Emanuel Korners*). Aber damit war es nach Schmerliug's wohlbegründeter Meinung nicht genug, und er war umsomehr in seinem Rechte auf ein klares und entschiedenes Hervortreten seiner Regierung zu dringen, als die österreichischen Sympathien in Frankfurt noch immer vorherrschend waren, trotz aller monatelang fortgesetzten Bemühungen von preußischer Seite, ja zu einem großen Theile gerade wegen dieser nur zu aufdringlichen Bemühungen^). Als Buß am 2ö. Januar geäußert hatte, er sei nicht gegen einen erblichen Kaiser, nur müße es der österreichische sein, war er von den Preußen und deren Anhang in der heftigsten Weise „zur Sache" gerufen worden weil sie die weitere Ausführung dieses Satzes fürchteten. Viele Nicht-Oester- reicher hörte man sagen: sie stimmten nur darum für das erbliche Kaiserthum weil sie sich ein solches mit der preußischen Krone verbunden gar nicht denken könnten, und einzelne riefen geradezu: „Entweder das alte österreichische Erbkaiserthnm oder den repnblicanischen Präsidenten" ^). Was die deutsche Bevölkerung betraf so besaß Oesterreich in den Rheinlanden, in Westphalen, im Hannoverschen viele und starke Sympathien, die ausgesprochenste» allerdings in Süd-Deutschland**). Wie weit König und Minister, die erste und zweite Kammer in ihrer Auffassung des Verhältnisses von Bayern zur deutschen Reichsgewalt auseinander geheil mochten, in der Wahl zwischen Oesterreich lind Preußen waren sie seit langem eines Sinnes, und ihr ganzes Volk dazu. Daran hatte sich selbst in den letzten Wochen, wo die radikalen Elemente, mit unter dem Eindrücke der Kammer-Verhandlungen in München, wohl auch jener in Kremsier, um sich zu greifen begannen, nichts geändert. In derselben Sitzung vom 7. Februar, wo die zweite bayerische Kammer der Krone die Zumuthung gestellt hatte sich unbedingt den Frankfurter Beschlüßen zu unterwerfen, hatten die Abgeordneten Müller und Dr. Kolb die Kammer aufgefordert zu erklären: erstens daß sie kein preußisches Erbkaiserthnm, kein halbes Deutschland sondern mit Oesterreich ein ganzes großes freies einiges und mächtiges Deutschland und ein freies und mächtiges Bayern darin wolle und zweitens daß, falls die österreichischen Abgeordneten, „was der Himmel verhüte", ans was immer für Gründen aus der Frankfurter Versammlung zu scheiden gezwungen wären, letztere nicht mehr als Vertreterin der deutschen Gesammt-Nation zu gelteil lind 2) Schwa, an Schmer. 9. bis 17. Februar. **) Vgl. Bd. IV 1 S. 83 s. Oesterreichische Sympathie» i» Mittel- und Süd-Deutschland. 103 die bayerischen Abgeordneten dieselbe gleichfalls zu verlassen hätten, Erklärungen welchen die zweite Kammer in den Sitzungen vom 8. und 9. einstimmig beitrat, und die am 18. in der ersten Kammer, wo Graf Areo- Valley den Antrag stellte nnd Fürst Ludwig vou Wallersteiu denselben unterstützte, ein ebenso einstimmiges Echo fanden. Aehnlich war die Haltung der beiden württembcrgischen Kammern. Das Hans der Abgeordneten sprach sich für das ausschließliche Recht der Reichsversnmmlung zur Con- stituirung Deutschlands, aber zugleich gegen das Ausscheiden Oesterreichs ans, 14. Februar, 61 gegen 12; ein Theil der Abgeordneten, namentlich die Oberschwaben waren nur mit der Fassung unzufrieden, weil selbe nicht stark genug gegen das preußische Kaiserthum gerichtet sei, und Herr von Hornstein meinte geradezu Oesterreich sei au die Spitze von Deutschland zu stellen. Mit noch größerer Entschiedenheit trat die Kammer der Standesherren am 26. für das Verbleiben Oesterreichs im deutschen Reichsverband ein, da eine auch nur theilweise Lostrcnnung des Kaiserstaates vou jenen: Verbände als ein Nationalunglück angesehen werden müße. Dabei erklärte sie in: Sinne des österreichischen Cabinets den Vertrag als die einzig zuverlässige Grundlage des Verhältnisses zwischen Volk und Regierung und erkannte „nur in einer freien Vereinbarung der National-Versammlnng mit den deutschen Fürsten über die künftige deutsche Rcichsverfassung eine sichere Bürgschaft für den kräftigen und rechtlichen Bestand derselben". Die Voraussetzung aber war, so hörte Schmerling nicht auf zu mahnen, daß Oesterreich mit seinem Programme entschieden hervortrat und es seinen Mitständen zur Annahme vorlegte. Daß mit diesem Schritte nicht länger gezögert werde, dafür wies der österreichische Bevollmächtigte noch auf einen besvndern Umstand hin. „Der Erzhcrzog-Rcichsverweser", nieldete er Mitte Februar nach Olmüz, „ist fortwährend krank nnd altert auffallend. Bei seinen vorgerückten Lebensjahren ist die Eventualität eines Todesfalles nicht fern. Wer soll ihn ersetzen wenn das Provisorium fortdauert? Man wird kein zwcitesmal einen österreichischen Prinzen wählen. Und so wagen wir entweder daß man einen preußischen hinstellt, oder das durch einen Neichsverwescr gerettete monarchische Princip geräth ins Wanken. Ist aber die Oberhauptsfrage entschieden so kann die Centralgewalt definitiv sich bilden, während die übrigen Theile der Verfassung noch vereinbart werden"*). 2) Schnur, an Schwa. 15. Februar „Vertraulich" .7. 104 I. 8. Oesterr. Plan einer Directorial-Regierung für Deutschland. 8 . Am 17. Februar war Graf Rechberg wieder in Wien. Er konnte mit dem was er von seiner Rundreise heimbrachte zufrieden sein, und so » war cs auch Fürst Felix Schwarzenberg. Schon am 11. hatte dieser an Windisch-Grätz geschrieben: „Franzosen und Engländer sind für den Augenblick sanft und fügsam, weil sie fürchten daß wir zu Gunsten des Papstes allein einschreiten was für beide äußerst störend wäre. Preußen soll für seine Circular-Depesche vom 23. Januar büßen. Ich habe am 4. d. M. eine Erklärung nach Frankfurt geschickt der sich schon vorläufig Sachsen Hannover Bayern und Württemberg angeschlossen haben." Nach Rech- bcrg's Rückkunft schrieb er: „Meine Note vom 4. Febrnar hat den Königen Muth zum Widerstand, aber leider nicht die hinlängliche Kraft dazu gegeben. Hätten wir 10.000 Mann bei Eger und 10.000 Mann in Vorarlberg, und auch nur die letzter», so wäre Süd-Dentschland an uns gekettet. Mit Worten und Depeschen allein ist nicht viel ansznrichten", 2. März. Darum empfing das kaiserliche Truppencommando in Vorarlberg von Wien aus den Befehl über Ersuchen der württembergischen » Regierung den dortigen Behörden Beistand zu leisten, eine Maßregel über die sich sowohl Prinz Friedrich als königl. General-Lieutenant wie der Minister des Aeußern Herr von Roser sehr dankbar bezeigten*). Allein mit den Königen war es denn doch nicht abgethan. Das großherzoglich badische Ministerium stand ganz unter preußischem Einfluß, den von Frankfurt aus Bassermnnn und Mathy durch fortwährenden Hinweis ans württembergische Angliederungsgelüste verstärkten; Baden sei verloren wenn es sich nicht an Preußen anschließe. Um den 20. Februar wußten der Minister von Dusch und der unter fremdem Namen in Karlsruhe weilende hessische General Schäffer den Großherzog zu bewegen an Friedrich Wilhelm zu schreiben und dessen Schutz nnzurnfen. Der großherzogliche Bevollmächtigte bei der deutschen Central-Gewalt erhielt den Auftrag die Verwahrung seines Monarchen einzulegen: derselbe werde „keinem Staate , das Recht zuerkennen durch eine Vereinbarung mit andern, an der er nicht theilgenommen und zu der er nicht zugestimmt hätte, über irgend etwas zu verfügen das in die Sphäre seines Rechtes gehört"; er müße y Handel Stuttgart 5. März. Baden — Nassau — Mecklenburg. 105 sich gegen „eine bei de» königlichen Höfen gezogene Demarcations-Linie" um so entschiedener erklären, als es ja bekanntlich „seiner Zeit »nr von der Entschließung des Kurfürsten von Baden abhing gleich anderen Kurfürsten den Königs-Titel auzunehmen"*). Die kleineren deutschen Fürsten * und Staaten waren alle gegen die österreichischen Vorschläge. Sie wollten allenfalls zu Gunsten eines Einzigen, aber nicht zu Gunsten von sechs Fürsten zurückgesetzt werden; sie waren für Preußen, nicht ans Neigung zu diesem und Abneigung gegen Oesterreich, sondern aus Misgnnst gegen ihre begünstigteren Mitstände. Zudem hatte man in der jüngsten Zeit prenßischerseits ausgestreut Oesterreich wolle die kleineren Höfe mcdiati- sircn, was bei diesen eine ungeheure Aufregung unterhielt. Rechberg hatte Frankfurt kaum verlassen, als vom Herzog von Nassau ein Schreiben an das Reichs-Ministerium einlicf daß derselbe „in der Erblichkeit der Würde des Rcichsoberhauptes die sicherste Garantie" für die Sicherheit, für das Heil und Gedeihen Deutschlands erblickte, 15. Februar. Die beiden Mecklenburg erklärten sich bald darnach unumwunden für die Uebertragung der erblichen Oberhauptswürde an Preußen. Daß hinter alledem preußische Einflüsterungen steckten lag ans der Hand. Mußte es doch König Max, wie er » Nechberg vertraute, in seiner eigenen Residenz erfahren daß der preußische Gesandte Herr von Bockclberg mit Gagern, ans dessen Verwendung er nach München gekommen war, in fortwährend sehr vertrautem Verkehre stand, und klagte nicht minder bitter König Wilhelm über das unaufhörliche Nänkcspicl zwischen Berlin Frankfurt und London, an welchem der Prinz-Gemahl, die Lords Palmerston und Cowley, Bimsen und Stockmar gleichen Aulheil hätten! Der Einfluß des Prinzen Albert war namentlich in den sächsischen Herzogthümern überwiegend, auf welche eben darum, wie Schmerling nach Wien berichtete, für Oesterreich kaum zu zählen war. Dagegen gab er die Hoffnung nicht auf manche von den kleineren Staaten zu gewinnen, dafern ihnen nur die Furcht vor Mediatisirung benommen würde. In diesem Sinne sprach sich unter anderm der Bevollmächtigte für Kurhessen Sylvester Jordan ans; er war aus Tyrol und hatte, trotz jnhrzehent- > laugen Weckens und Wirkens im Ausland, seine österreichischen Neigungen nie völlig cingebüßt**). *) Instruction an den großherzoglich badischen Bevollmächtigten bei der deutschen Ceutral-Gewalt s. Bekk Bewegung in Baden S. 256—259; auch abgedruckt in der Wr. Ztg. 1849 Nr. 49 vom 27. Februar S. 570. **) Schmer, an Schwa. 15. Februar „Bertraulich" ck. 106 I. 8. Oesterr. Plan einer Directorial-Negiernng für Deutschland. Während in der Pauls-Kirche die Verhandlungen über die einzelnen Bestimmungen der Reichsverfassung weitergesührt wurden, beschäftigte sich das Reichs-Ministerium mit den Gutachten die von den deutschen Einzel- staaten über diese Hanptnngclcgenheit eingelaufen waren. Am 18. Februar, wo bei vollgefüllten Znhörerränmcn unter allgemeiner Spannung und Aufregung im Hause selbst die höchst interessanten Debatten über das Wahlgesetz begannen, erhielt Camphausen eine vom 16. datirte Note seiner Regierung, in deren Ausdrücken zwar eine große Schonung des Verhältnisses zu Oesterreich wohlthätig auffiel, der Sache nach aber der Bundesstaat festgehnlten wurde, in welchen niemand zu treten gezwungen, aber auch niemand abgehalten werden dürfe, womit also sehr deutlich ein Sonderbnnd mit völligem Ausschluß der ersten deutschen Großmacht an- gedentet war. Nicht minder bezeichnend war das Auftreten Preußens am 24. Februar, wo Gagern eine gemeinschaftliche Sitzung des Reichs- Ministeriums mit den Bevollmächtigten der Einzelnstaaten veranstaltete. Preußen rückte da mit einer Gesammt-Erklärung von 28 deutschen Staaten, darunter freilich 20 der kleinsten und allerkleinsten, heraus. Das Schriftstück bezog sich ans die beiden Abschnitte von „Reich" und „Reichsgewalt" und war von einer besonderen Erklärung für Preußen begleitet, des Inhalts: Das Reichsgebiet solle erst dann bestimmt werden wenn feststche welche Staaten dem deutschen Bunde beitreten würden und welche nicht; das staatliche Verhältnis zu den letzter,: müße besonderen Verhandlungen Vorbehalten werden. Von den Königreichen ging am ausführlichsten Sachsen in die Sache ein. Es verwahrte sich gegen Reichsstencrn Reichsmünzen und Reichspapiergeld, gegen die ausnahmslose Ernennung der Generale durch die Reichsgewalt, gegen das Zugeständnis eines blos suspensiven Veto seitens der Fürsten. Es sprach sich durchaus im Geiste des österreichischen Cabinets für ein Directorium anstatt des einheitlichen Reichs- oberhanptes ans und hielt an dein Vereinbarungsgrnndsatze fest, daher es sich seine endgiltige Erklärung bis nach Schluß der zweiten Lesung Vorbehalten müße. Für Bayern versprach Graf Lerchcnfcld, den der König angewiesen halte am Sitze der provisorischen Neichsgcwalt Hand in Hand mit Obrist von Xylandcr zu gehen und fortwährende Fühlung mit Schmerling zu unterhalten, in einigen Tagen namens seiner Regierung eine ausführliche Denkschrift zu überreichen. Denselben Standpunkt nahm Württemberg ein, dessen Vertreter erklärte daß er stündlich die näheren Weisungen seiner Regierung erwarte. Für Hannover entschuldigte Herr Officielle Erklärungen der deutsche» Cabinete — Neuner-Ausschuß. 107 von Bothmer das Ausbleiben einer bestimmten Erklärung mit der in seiner Heimat obwaltenden Ministerkrisis Die größte Spannung trat ein als Schmerling an die Reihe kam sich zu äußern. Er aber sagte trocken: „Ich habe keine Erklärung abzngeben. Das eben Mitgetheilte habe ich mit großem Interesse vernommen und werde es meiner Regierung berichten. Ich zweifle nicht daß sie dadurch ebenfalls zu einer Aeußerung veranlaßt werden wird." Er wies dann auf die Unvollstän- digkcit der Collectiv-Erklärnng hin, die sich nur auf zwei Abschnitte des Verfassungs-Entwurfes beziehe; es scheine ihm nicht gerathen seitens der National-Versammlung an die zweite Lesung zu schreiten ohne das Ganze der Regierungs-Kritik vor sich zu haben. Gagern entgegnete: in dieser Hinsicht vorzugehen sei einfach Sache des Parlaments und dessen Verfassungs-Ausschußes. Mittlerweile war der Neuner-Ausschuß der groß-deutschen Partei mit seinem Entwürfe einer Reichsverfassung zustande gekommen, der in hundert Exemplaren gedruckt und vertheilt wurde. Die meisten Zugeständnisse waren darin dem Programm Gagern gemacht, weil man dadurch hoffte einen großen Theil dieser Partei herüberzuziehen. Die Wünsche der Linken, trotz des vermeintlichen Bündnisses mit derselben über welches inan im andern Lager so viel Geschrei erhoben hatte, waren wenig berücksichtigt. Am wenigsten Rechnung war den österreichischen Ideen getragen; ja es kamen Znmnthnngen darin vor über die man nur staunen konnte und worüber in der Monarchie, sobald sie dort bekannt wurden, das misgünstigste Urtheil gefüllt wurde"'). Gleichwohl meinten die Urheber dieser Vorschläge sich mit denselben in erster Linie an den Kaiserstaat wenden zu müßen, und Heckscher, Baron Sommarnga und v. Hermann aus München wurden ersucht für diesen Zweck nach Wien zu reisen lim, wie es hieß, „das dortige Ministerium aus seiner Gleichgiltigkeit gegen die National-Versammlung heranszureißcn und sich über dessen Absichten zu vergewissern". Die drei Vertrauensmänner sollten das kaiserliche Cabinet mindestens für die wesentlichen Punkte der vom Neuncr-Ansschuße revi- dirten Verfassung zu gewinnen, zu einer Erklärung über Oesterreichs künftige Stellung in Deutschland und zu einer darauf gegründeten Instruction für seine Vertreter bei derselben zu bewegen versuchen. Schmerling gab ihnen, da sie als einfache Mitglieder der National-Versammlung und nicht mit amtlichem Aufträge erscheinen sollten, ein nicht-officielles Ereditiv mit, berichtete aber gleichzeitig an den Fürsten Schwarzenberg: 108 I. 8. Oesterr. Plan einer Direcwrial-Negierung sür Deutschland. daß die Abgeordneten ans Oesterreich und im befreundeten Lager mit größter Spannung den positiven Vorschlägen der kaiserlichen Regierung entgegenharren*). Es waren Tage größter Aufregung die jetzt folgten. „Alles nahm Partei wie zur wildesten Zeit der Welfen und Ghibellinc»; man mußte jeden Tag einer Katastrophe in der Pauls-Kirche gewärtig sein"**). Am 26. erhitzte sich der Lüneburger Advocat Grumbrecht, dessen Roheit seine politischen Freunde als Biederkeit priesen, gegen die Vereinbarung mit den Regierungen; er als Hannoveraner spreche dagegen daß man die Erklärung seiner Regierung abwarte, aber noch weniger habe man Grund auf jene der österreichischen zu horchen; die Hannoveranische Regierung habe wenigstens „keinen Abgeordneten der National-Vcrsammlung ermorden lassen"/ noch habe sic „so liebenswürdige Bundesgenossen sich gesucht als die Russen sein sollen wie man sagt". Während ans der Linken und auf der Galerie über diese frechen Worte Jubel ausbrach, herrschte in den andern Bänken ebenso große Entrüstung; dreimal hatte Mühlfeld von seinem Sitze aus den Ruf „Zur Ordnung" verlangt; aber Eduard Simson fand keinen Grund dazu, worüber 46 Oesterreicher schriftliche Verwahrung cinlegten und vom Präsidenten an die Versammlung apel- lirten. Es galt dies, wie kaum gesagt zu werden braucht, der Hindeutnng auf das Ende Blnm's; denn jene auf die Russen, deren Annäherung an die siebenbürgische Gränze eben erst bekannt wurde, klang den Einen nicht unangenehm weil sic selbst keine Rnssenfreundc waren, den Andern im Gegentheil weil sie das moskovitische Schreckgespenst in dieser Zeit allgemeiner Wirrnis gar nicht ungern am ferne» Horizont aufsteigcn sahen, wobei ihre Freude allerdings wieder durch die Besorgnis getrübt wurde, das Auftreten der Russen möchte auch Frankreich reizen über seine Gränzen zu marschircn. Daß die russische Politik in manchem der deutschen Cabinete ihre Stimme hatte wußte mau, und daß sie da ihren Einfluß nicht gegen Oesterreich geltend machen werde konnte man sich sagen. Aber auch ohne russische Einflüsterungen war das Ansehen Oesterreichs und das Vertrauen zu demselben an den Köuigshöfen in eben dem Grade im Steigen, in welchem der Ungestüm und die Ungebühr einer entgegengesetzten Partei in der National-Bersammlung auf die Gleich- *) Jürgens III S. 62—64. **) Laube III S. 322. Republicanische Unterwühlung von Deutschland. 109 gesinnten in den einzelnen deutschen Kammern nnd durch diese ans die Leidenschaften der untern Volks-Classen einwirktc. Als in diesen Tagen der König von Sachsen sein Cabinct wechselte versicherte der neue Minister des Aenßern Baron Benst unfern Gesandten, daß er gleich seinem Vorgänger treu zu Oesterreich stehen nnd die königlich sächsischen Bevollmächtigten in Frankfurt ganz im Sinne der österreichischen Vorschläge instrniren werde*). -i- * Die allgemeinen Zustände in Deutschland waren von solcher Art daß ein festes Zusammenhalten der Regierungen mehr wie je geboten erschien. Im südwestlichen Deutschland hatten die Wühlereien seit dem März vorigen Jahres nie ganz anfgehört. Wieder tauchten sie auf, jene schweren und finstern Gesichter auf deren Stirn es geschrieben schien wie Teil von sich selber sagt: „Doch mein Geschäft ist... ." Sie waren wie die Sturmvögel auf dem Occan der Revolution, sie waren die durch die Eisenbahnen herumgeworfenen Landsknechte verborgener revolutionärer Condottieri. Am Neckar wimmelte es anfangs Februar von Handwerks- bnrschen nnd gewerbsloscn Arbeitsscheuen von höchst verdächtigem Aussehen. Der Odenwald war ganz aufgewühlt. Gerüchte liefen umher von einer republicanischen Armee von 30.000 Mann die binnen einigen Wochen in Bereitschaft sein würde. Eine Kette von Aufständen vom badischen Oberlande durch das Nassauische und Thüringen bis an die Spree, ja über die deutsche Gränze hinaus nach Ost-Friesland lag im Plane des Genfer Ausschußes, in welchem Heinzen und Biedecker den Vorsitz führten; ein umfassender Meuchelmord hatte nicht blos die Fürsten . sondern auch die Führer der conservativen Partei zum Ziele. Aeußere Abzeichen, so wollte man in Frankfurt in Erfahrung gebracht haben, trügen die Vehmrichtcr nicht, der Händedruck nnd in einzelnen Fällen gewisse Karten machten die Bundesgenossen einander kenntlich; eine solche Karte sei bereits in Frankfurt zum Vorschein gekommen. Die Mittel zur Ausführung seien vergiftete Schrotte Windbüchsen nnd besondere Vorrichtungen zur Sprengung von Eisenbahnen, „kulmiimnts", mit Pulver gefüllte Blechbüchsen mit Lunten von Knallsilbcr; die Büchsen würden nächtens unter die Schienen gegraben, die Lunte über oder an die *) Kuefstein 28. Februar Nr. 29. 110 I. 8. Oesterr. Plan einer Directorial-Regierung für Deutschland. Schiene gelegt und der am nächsten Morgen darüber fahrende Zug sprenge selbst die Schiene ans dem Geleise. In der That hatte sich der Fall einer solchen Sprengung bei Weinheim bereits ereignet, wo einem starken Zug preußischer Soldaten das Verderben zngedacht war; die Ab- gnngsstunde des Zuges war aber zufällig vorgerückt worden und so hatte das Unglück nur die leer zurückkehrendcn Wagen getroffen die sammt zwei Locomotiven in die Niederung stürzten; die beiden Führer waren kopfüber in den weichen Saatboden geschleudert worden und so mit dem Leben davongekommen*). Gleichzeitig mit dem Ausbruch sollten deutsche und andere, wahrscheinlich polnische Flüchtlinge von Besai^on Vcsoul Belfort oberhalb Straßburg, dann aus der Schweiz über den Rhein gehen, versehen mit falschen Pässen die man in Frankfurt anfertigen lasse. Frankfurt Leipzig und Berlin seien als die ersten Punkte des Los- bruchcs ansersehcn; dabei solle in jeder Residenz ans günstige Gelegenheit zum Morde gelauert werden""). Am l. März sollte der Marsch über den Rhein stattfindcn, am 18. März oder, wenn ein Hindernis dazwischen käme, am 5. April der Losbruch gleichzeitig ans der ganzen Linie erfolgen. Durch die Mittlern lind untern Classen von ganz Deutschland ging ein revolutionärer Zug. Ans den Arbciter-Congressen zu Hamburg, zu Heidelberg, zu Köln, zu Altcnburg in Thüringen traten ausgesprochen rcpublicanisch-commnnistischc Tendenzen hervor. Das General-Counts der deutschen Arbeiter zu Leipzig erließ eineil Aufruf an die Arbeiter Deutschlands sich zu bewaffnen um „die Tyrannei" zu stürzen. In Hamburg wurde der Plan einer bewaffneten Organisation der radicalen Vereine auSgcarbcitet; es sollten allerorts Sectionen von zwanzig verläßlichen Männern unter einem bewährten Führer gebildet werden, der Aufnahme eine Prüfung und die eidliche Verpflichtung für die sociale Republik vor- auSgehcn. Das demokratische Ccntral-Comits zu Köthen sollte die leitende Behörde für die ganze Bewegung sein. Von da gingen in der zweiten Hälfte Februar an die Vertrauensmänner Mahnungen zur Vorsicht, Warnungen vor zu frühem Losbruch aus, während der Volksverein von Mannheim nach außen hin den Bcschwichtiger spielte: die Gerüchte von einem bevorstehenden Ausbruch seien grundlos, seien von den Gegnern für reaktionäre Zwecke ansgestrent. Anknüpfungen mit Kossuth und der Kühne Tagebuch S. 573 f. als Augenzeuge der cingetretenen Verwüstung. Umtriebe und Anstrengungen der demokratischen Partei. 111 revolutionären Partei in Ungarn wurden gesucht, vielleicht auch mit Mieroslawski, den man um die Mitte Februar in Stettin gesehen haben wollte. Sendlinge der polnischen Centralisation reisten im Posen'schen von Ort zu Ort, denen Geistliche und Edcllcnte theils ans freiem Einverständnis theils eingeschüchtert und bedroht geheimen Unterstand gewährten. Sie rechneten darauf und flößten damit den Zaghaften Math ein daß binnen kurzem Galizien durch Görgei und Bcm insurgirt sein und zu ihnen stehen werde, während sie ihrerseits im Lande für die polnischen Legionen in Ungarn und ans dem ober-italienischen Kriegsschauplätze cifrigst werben ließen. Zahlreich flüchteten Kaufleute aus den Kreisstädten mit ihrer besten Habe nach Posen, weil sic sich nur unter den Kanonen der Citadcllc sicher fühlten. Einen Hauptsitz der Demokratie im deutschen Osten bildete Breslau, wo auch mehrere Abgeordnete die Hand im Spiele hatten; bei einem demokratischen Banguet am 22. Februar bezeichncte Elsncr als die Aufgabe der Demokratie: im Innern alle Stände unter einander zu werfen, nach außen die heilige Allianz der Völker herznstellen. Solchem Treiben gegenüber konnten die Beschlüße die drei Tage später der Congreß der demokratisch-constitutionellen Vereine für Rheinland und Westphalen zu Essen faßte als gemäßigt gelten: sie betrafen den theoretischen Grundsatz der Volks-Souverainctüt und die daraus abzuleiteudcn Folgerungen für das deutsche Parlament und für die preußische Verfassung. Zur selben Zeit wurde von der radikalen Partei fleißig für die PreußischcnKnmmcrn gearbeitet die zum erstenmal nnsGrund der octroyirten Charte vom 5. Dcccmber v. I. zusammcntretcn sollten. Allein mit dem „Comitv für volksthümlichc Wahlen" wollte es nicht recht vorwärts gehen; von mehr als einem der Haupthctzcr der aufgelösten National- Vcrsainmlung stand cs sehr in Frage ob er bei der Neuwahl durchdringen werde. Ein anderes Comitä, an dessen Spitze Waldeck stand, entwarf einen Operationsplan der Linken für die bevorstehende Legislaturperiode; Anträge ans Aufhebung des Bclagcrungsstandcs, auf Beseitigung der ersten Kammer, auf Versetzung der Minister in den Anklagestand u. dgl m. sollten gestellt werden. Es wurde von der Bildung einer demokratischen Schutzmaunschaft gesprochen, welche die Privat-Versammlungcn der radicalen Abgeordneten zu bewachen und vor Eindringlingen aller Art zu bewahren Hütte; zugleich hofften die Berliner Demokraten bei der bevorstehenden Reorganisation der Bürgerwchr die Officierstellen so viel als möglich 112 7, 8. Oesterr. Plan einer Directorial-Regierung für Deutschland. mit Leuten ihrer Gesinnung zu besetzen. Durch alle diese Rechnungen aber machte der Ausfall der preußischen Wahlen, der weit hinter den Erwartungen der Linken zurückblieb, einen unangenehmen Strich; trotz aller Anstrengungen welche die demokratischen Vereine gemacht hatten um die Ihrigen durchzubringen, schlug man das Uebergcwicht der Rechten in der bevorstehenden zweiten Kammer ans 20 an. Am 26. Februar fand die Eröffnung der auf Grund der octroyirten Charte vom 5. December 1848 zum erstenmal einberufenen Kammern statt. In der Thronrede erklärte Friedrich Wilhelm IV. „die innigere Verbindung der deutschen Staaten zu einem Bundesstaate" für einen Gegenstand seiner lebhaftesten Wünsche: „Der Weg zur Verständigung aller deutschen Fürsten mit der deutschen National-Versammlung ist angebahut." Führer der Linken war Waldeck, hinter dem Jacoby steckte; sie beide zeigten sich nun schon bedeutend gemäßigter als im Herbst vorigen Jahres und waren über die Genossenschaft der wieder oder neu gewählten d'Ester Gladbach Stunter Jung und anderer nicht sehr erfreut. Auch gab es Spaltungen in den Reihen der Opposition. Die äußerste Linke nahm in der zweiten Kammer eine viel isolirtere Stellung ein als in der Constituante. Der Adreß-Entwurf, der in den ersten Tagen März bekannt wurde, schloß sich au die Ausführungen in der Thronrede an und ging nur in dem Punkte der deutschen Verfassnngsfrage insofern weiter, als er geradezu den Fall ins Auge faßte daß „einzelne Mitglieder des deutschen Bundes durch die eigeuthümliche Zusammensetzung ihres Gebietes oder ans andern Gründen sich dem Bundesstaate überhaupt oder für jetzt nicht anschließen" sollten, wo daun „unbeschadet fortdauernder Bundcsgemeinschaft aller deutschen Staaten die Bildung eines cngern Bundesstaates" innerhalb derselben anzustrebcn wäre. Das stand, wie mau sieht, noch immer sehr weit von dem ab was die erbkaiserlichen Heißsporne in Frankfurt um jeden Preis dnrchzusctzeu vermeinten, und auch von jener allgemeinen Umwälzung die sich Gagern und Anhang wünschten um alle Fürsten, den König von Preußen und „etwa" den Kaiser von Oesterreich ausgenommen, vom deutschen Boden weggesegt und den Platz für ihren Erbkaiscr freigemacht zu sehen. Denn die Negierungen waren wachsam und rüsteten zur Abwehr. Der Großherzog von Mecklenburg theilte sein Land in sechs Militnir-Districtc, deren Commandanten angewiesen wurden ans jedesmaliges Begehren der Civil-Behörden einzuschreiten. In Sachsen, wo die Demokratie sowohl Eröffnung der preußischen Knmmcrn. 113 in den Kammern das Uebergewicht hatte als im Lande sehr bedeutsame Wahrzeichen kundgab, war man darauf bedacht sich mit den beiden mächtigen Nachbarstaaten über im Nothsalle zu leistenden militairischcn Beistand ins Einvernehmen zu setzen"?). In Preußen selbst war man aufs beste gerüstet und half fortwährend nach. In Berlin wurde der Bclagcrnngsstand mit einer Strenge gchandhabt, die Ucberwachung der Presse, der öffentlichen Festlichkeiten und Kundgebungen mit einer Sorgfalt geführt, über welche niemand Grund hatte sich zu beklagen als jene denen dadurch ihr nnruhstiftcndes Handwerk gelegt wurde. Auf den Bahnhöfen wurde jeder anlangendc Fremde scharf ins Auge genommen so daß, wie man versicherte, die gefährlichen Zugvögel die Berlin zum Ziele hatten aus der letzten Station vor Berlin auszustcigcn und in die Hauptstadt zu Fuß einznmarschiren pflegten. Die Garnison war zu Anfang Februar um vier Infanterie-Regimenter vermehrt worden, in den Dörfern der Umgebung lag Reiterei. Die Bataillone wurden mit Zündnadel- Gcwehren versehen und auf der Hasenhcide Ungeübt; kriegerische Aufmärsche fanden als eine Art Anschauungsunterricht für die Aufstandslustigen von Zeit zu Zeit auf den größeren Plätzen von Berlin statt, lieber all das hielt „Papa Wrangel" seine Hand, von dem cs nur zu gut bekannt war daß er in gewissen Dingen nicht mit sich spielen lasse. Die Nadicalcn hatten sich den kommenden 18. März als Jahrestag des siegreichen Aufstandes zu einer großartigen Kundgebung auserkoren, die zugleich eine Musterung ihrer Kräfte abgeben sollte. Als eine Deputation beim Stadt-Commandanten erschien sich die Erlaubnis zur Begehung dieser „Festlichkeit" zu erbitten, antwortete Wrangel kurz: „Meine Herren, wenn Sie feiern werde ich feuern!" -K Um Mitte Februar war Prinz Friedrich von Preußen in Frankfurt angekommen und hatte daselbst aus unbestimmte Zeit Aufenthalt genommen. Man brachte dies mit dem Zustand des Reichsverwcscrs, dessen Genesung sehr langsam fortschritt und häufig durch Rückfälle unterbrochen wurde, in Zusammenhang. Sollte man sich, argwohnte man österreichischerseits, für den Fall vorsehen wollen daß die Krankheit des Erzherzogs einen schlimmen Ausgang nehmen oder sein in der letzten Zeit so oft geäußerter Wunsch znrückzutreten sich erfüllen würde?! Einer der Erbkaiscrlichen Helfer«. «Äeschichtc Oesterreichs. IV. S. 8 114 I. 8. Okstorr. Plan oinor Diroctorial-Rogiorung für Doutschland. sprach cs gegen Schmerling ganz naiv auö, man werde dach, wenn cin salcher Fall cintretc, den Prinzen Friedrich znm Nachfolger des Erzherzogs bestiininen *). Das Erscheinen des königlichen Prinzen in Frankfurt kannte aber auch einen andern Grund haben. „Ich traue cs einer gewissen Partei zu", schrieb Schmerling nach Olmüz, „Unruhen im badischen Oberland zu erregen um mit preußischen Truppen zu Hilfe zu kommen und den Dank als Erretter empfangen zu können." Wie sehr müßc er cs bedauern „daß unsere Verhältnisse cs hinderten unsere Contingentc nach Ulm und Rastatt zu schicken und die ursprünglich starke Brigade in Bregenz zu halten; wir hätten dann 10.000 Mann zur Disposition mit denen wir rascher zur Hand wären als die Preußen mit ihren Truppen van Coblcnz und Köln". Jedenfalls möchte das Militair-Commaudo in Vorarlberg beauftragt werden daß cs ans unmittelbares Einschreiten durch ihn oder von Seite des Reichs-Ministeriums die zur Verfügung stehenden Truppen ohne Aufschub in die südlichen Staaten cinrücken lasse**). Zugleich möge man aber nicht länger zaudern das deutsche Verfassungswerk zum Abschluß zu bringen; an allen königlichen Höfen hege man die Erwartung daß sich Oesterreich nunmehr über die Grundsätze der Verfassung ausspreche, daß cs die Zusage erfüllen werde die es in seiner Note vom 4. Februar gemacht***). In der That mußte es den Anhängern Oesterreichs einlcuchten daß der unausgesetzten Thätigkcit der preußischen Partei gegenüber längeres Zn- warten nur von Nachtheil sein könne. „Wir verlieren alle Bundesgenossen", klagte Schmerling unausgesetzt, „und geben eine Stellung auf die wir später erobern müßen; denn nie und nimmer können wir aufhören eine deutsche Macht zu sein." Gegen Ende Februar drang die Partei Gagern auf die zweite Lesung des Verfassungs-Entwurfes; bevor es dazu komme, mahnte unser Bevollmächtigter neuerdings, sollte Oesterreich doch seine Erklärung gegeben haben; sonst „würde man die W. 2 und 3 annehmen und unsere bisherigen Freunde können uns kaum mehr berücksichtigen"st). In diese Tage spielte die Nachricht hinein daß die Russen, deren Bewegungen an der siebenbürgischen Gränze man schon seit einiger Zeit *) Schmer, an Schwa. 24. Februar „Vertraulich" k. Ebenso 22. Februar Nr. 64, 23. Nr. 66. Ebenso 20. Februar Nr. 62. ch) Ebenso 25. Februar Nr. 70, 28. Nr. 75. Prinz Friedrich von Preußen in Frankfurt a. M. 115 mit großer Unruhe beobachtete, in Hcrmannstadt und Kronstadt cin- inarschirt seien, was allgemeines Aufsehen erregte und vielfach zum Nachtheil von Oesterreich ausgcbcutct wurde. Wohl befand sich Preußen in einer ähnlichen Lage wie Oesterreich. Die russischen Truppen hatten die Ostgränze des Königreichs zwar nicht überschritte», allein sie standen derselben in großen Massen so nahe — das Haupt-Quartier ihres Generals wurde gerade in dieser Zeit bis Kalisz vorgeschoben — daß sie, wenn im Posen'schen ein Fall der Noth cintrnt, dort die gleiche Rolle spielen konnten wie in Siebenbürgen; man erinnerte sich dabei an das Wort das -Friedrich Wilhelm zu Gngern gesprochen: „Ich werde niemals meinen Degen wider Rußland ziehen!" Doch in dieser Sache zeigte es sich bei den Erbkaiserlichen abermals wie schon so oft: was für Preußen Entschuldigung fand oder mit dem Stillschweigen der Duldung übergangen wurde, das galt für Oesterreich als Verbrechen. In der Thal richtete Bischer von Tübingen am 1. Mürz eine Interpellation an das Reichs- Ministerium des Auswärtigen: ob dasselbe, „in Erwägung daß jenes Ereignis zusammengcnommen mit der Anhäufung russischer Truppen an der österreichischen Gränze ein Verhältnis Oesterreichs zu einem despotischen Staate aufdeckt, wodurch das deutsche Volksgefühl mit tiefem Unwillen und Sorge für die junge Freiheit erfüllt werden muß", gewillt sei „diejenigen Schritte zu thun welche geeignet sind die verfassunggebende deutsche Reichs-Versammlung und die deutsche Nation zu beruhigen"*). Von Seite des Reichs-Ministeriums erfolgte hieraus eine Note au den österreichischen Bevollmächtigten und von diesem ein Bericht an den Fürsten Schwarzenberg mit dem Ersuchen um „die geeigneten Aufschlüße über die näheren Verhältnisse" dieses Zwischenfalles. Am 2. März hatte Schmerling eine längere Unterredung mit dem badischen Minister des Aeußern, der sich mit großer Heftigkeit gegen Württemberg nussprach das stets feindlich gegen das Großherzogthum sei und auf dessen Schwächung speculire; Baden sei zudem als Gräuzstnat in einer gefährdeten Lage und könne eines Schutzes nicht entbehren. Schmerling entgegnete: „Diesen Schutz bieten die Besatzungen von Rastatt und Ulm". Er konnte sich aber kaum einbilden Herrn von Dusch überzeugt zu haben der unverkennbar etwas anderes iin Sinne hatte und sich deshalb bei der ganzen Verhandlung auffallend befangen zeigte**). Da «) Sten. Ber. VII S. 5ÜI7. **) Schmer, cm Schwa. 3. März Nr. 80. 8 * 116 I. 8. Ocstcrr. Plan ciinr Directorial-Regiernng für Deutschland. trafen die positiven Vorschläge Oesterreichs ein lind nun hatte unser Bevollmächtigter einen andern Stand. Vom 27. Februar datirte das Schreiben des Fürsten Schwarzenberg, worin er Herrn von Schmerling die Grundsätze mittheiltc die nach dem Dafürhalten des kaiserlichen Ministeriums bei Constituirnng der deutschen Ccntral-Gcwalt leitend sein müßten: 1. Sic hätte zu bestehen ans Bevollmächtigten deutscher Negierungen, womöglich aus Mitgliedern regierender Häuser, sieben an der Zahl, zusammen nenn Stimmen bildend. 2. Die Zusammensetzung des Dircctorinms wäre in der Art zu bewerkstelligen daß Oesterreich und Preußen jedes zwei Stimmen, Bayern eine Stimme in der Ccntral-Bchördc zu führen hätten, die den andern deutschen Regierungen znzuweisendcn Stimmen nach gewissen Kreisen und mit Berücksichtigung der relativen Wichtigkeit der Staaten bei der Vertretung im Kreise ans- zumitteln wären. 3. Die Mitglieder des Direct vriums hätten ihr Amt zwar als Dclegirte ihrer Fürsten, jedoch unabhängig von spcciellen Instructionen zu führen. Die Stimmenmehrheit wäre für jede einzelne Entscheidung maßgebend. 4. Rücksichtlich deS Präsidiums wäre eine den früheren Verhältnissen entsprechende Einrichtung zu treffen. Auf Grundlage dieser Hauptpunkte sollte der kaiserliche Bevollmächtigte mit den befreundeten Regierungen in Verhandlung treten, sich mit ihnen über die nähere Ausführung verständigen und den ans diesem Wege vereinbarten Entwurf sodann der National-Versammlung als ihr „Gcgcn- Project gegen die von dieser Versammlung bei der ersten Lesung angenommenen correspondirenden Paragraphc ihres Verfassungs-Entwurfes" vorlegcn. Dieses wichtige Schriftstück gelangte am 3. März in die Hände Schmerling's der nicht einen Augenblick zögerte die Bevollmächtigten der Königreiche und des Großherzogthums Baden zu einer Zusammentrctung am morgigen Tage einzuladen. Herr von Camphansen, zu welchem sich Schmerling persönlich verfügte, war von dem Schritte der österreichischen Regierung sichtlich überrascht; es lag offenbar im Wunsche der preußischen Staatsmänner die Obcrhauptsfrage noch einige Zeit ruhen zu lassen. Für die bevorstehende Zusammenkunft entschuldigte er sich: er zweifle daß er an den Berathungen werde theilnehmen können, da er wahrscheinlich aus Anlaß der bevorstehenden Adreß-Berathnng seinen Sitz in der ersten Kammer werde einnehmen müßen. In der That erschien er am 4. Die österreichischen Vorschläge vom 27. Februar. 117 nicht. Die andern fanden sich ein nnd bezeigten, Herrn van Dusch nicht ausgenommen, ihre große Befriedigung über das Hervortrctcn Oesterreichs, wie sie auch den Grundzügcn deö Verfassungs-Entwurfes im allgemeinen beistimmtcn. Am 5. März erwiderte Herr van Camphausen dem österreichischen Bevollmächtigten den Besuch vom 3. und streifte in der Unterredung den von Oesterreich vorgclcgten Entwurf. Mit dem vorgeschlagenen Direktorium, meinte er, entferne man sich vom „Bundesstaat" und lenke zum alten „Staatcnbund" wieder ein; auch seien zwei Stimmen für Preußen, und Wohl auch für Oesterreich, zu wenig, da letzteres 12,000.000, erstcres 16,000.000 Deutsche reprüsentire. Am Tage darauf ging er nach Berlin ab. Für diesen Tag hatte Schmerling eine zweite Zusammenkunft au- beraumt. Schon war man in weiteren Kreisen über die österreichischen Vorschläge unterrichtet, die bei den Erbkaiserlichen begreifliches Mistraucn erregten, wogegen die bedeutendsten Männer der andern Partei Herrn von Schmerling unverhohlene Freude ausdrücktcn; der Schritt Oesterreichs, versicherten sic, gebe ihnen frischen Muth zur Ausdauer Der zweiten Conferenz waren auch Kurhessen und die sächsischen Herzogtümer bci- gczogcn. König Wilhelm von Württemberg hatte nur in einem Punkte Bedenken und crtheiltc in diesem Sinne dem Baron Stcrnenfcls seine Weisungen; er besorgte nämlich daß, wenn die Bevollmächtigten zum Direktorium aus Mitgliedern der regierenden Häuser zu wählen seien, dies zu Zwistigkeiten in den Familien führen möchte. Viel bedeutsamer war die Frage des Vorsitzes bei der sich Schmerling einige Zurückhaltung anfcrlegen zu müßen glaubte. Bayern war cs allein das den Vorsitz bleibend und ungethcilt bei Oesterreich wünschte und in diesem Sinne seinen Bevollmächtigten instruirt hatte; allein selbst Herr von Lerchcnscld wagte nicht mit dem Vorschlag heranzutrcten, da sich alle andern Stimmen für einen gleichen Antheil der beiden Großmächte am Präsidium aus- sprachen. Schmerling suchte den Erklärungsgrund für diese Erscheinung Wohl nicht mit Unrecht „in den geschichtlichen Erinnerungen über den drückenden Einfluß den das österreichische Cnbinct früher auf jede freisinnige Entwicklung in Deutschland übte"; auch sei Oesterreich für den Augenblick nach andern Seiten cngagirt und außer Stande in Deutschland militairische Hilfe zu bringen, so daß cS keiner der Staaten ganz mit Preußen verderben wolle; dazu kämen nun „mancherlei durch den Drang des Augenblicks hcrbeigeführtc Schritte, wie die russische Hilfe, 118 I. 8. Oesterr. Plan einer Directorial-Regierung für Deutschland. welche fortwährende Besorgnisse erregen daß Oesterreich weder der Entwicklung der Freiheit zugethnn noch für die Einheit Deutschlands bedacht sei"*). Am 8. März abends fand eine Conferenz sämmtlicher Bevollmächtigter, mit Ausnahme des preußischen, statt in welcher Herr von Schmerling seinen mit den vier Königreichen, Baden und Knrhessen vereinbarten Entwurf überreichte. Er enthielt eilf Paragraphe. Der 1. lautete: „Die Reichsregiernng führt ein Directorinm." Die sieben Stellen darin waren in nachstehender Weise vertheilt: Oesterreich; Preußen; Bayern; Württemberg mit Baden, Hohenzollern und Liechtenstein; Sachsen mit den thüringischen Landen und Anhalt; Hannover mit Braunschweig Oldenburg Mecklenburg rc.; die hessischen Lande mit Nassau rc. Oesterreich und Preußen haben je zwei Stimmen, die andern je eine. An der Spitze der Reichsregiernng steht ein Reichsstatthalter, von Jahr zu Jahr abwechselnd Oesterreich und Preußen. Er führt im Directorium den Vorsitz, rcpräsentirt den Bundesstaat im Innern und gegen das Ausland, ernennt die Reichs- benmten rc. Alle Regierungshandlungen bedürfen der Gegenzeichnung eines Reichs-Ministers der dafür die Verantwortung übernimmt**). *) Schmer, an Schwa. Frankfurt am 5. 6. 9. März Nr. 81, 85, 90; Handel an Schwa. Stuttgart am 5. März Nr. 21 L. **) Schmer, an Schwa. Frankfurt 9. März Nr. 90. Der Entwurf findet sich abgedruckt in der Wr. Ztg. Nr. 62 vom Ick. März S. 726 f., in der „Presse" vom selbe» Datum u. a. n Die Schlacht bei Ka-polna. 9. Auf einer Pußta nächst Torualja, noch während des Kampfes mit der Nachhut Schlik's, hatte Dembmski ein vom 12. Februar datirtes Schreiben Kossuth's eröffnet worin es, im Hinblick darauf daß nun auch die Truppen Görgei's unter seinen Oberbefehl gestellt seien, unter anderm hieß: „Hören Sie auf niemand. Thun Sie was Ihnen gut dünkt nach reifer Ueberlegung und schlagen Sic irgendwo den Feind." Dembinski säumte nicht Görgei von jener Verfügung in Kenntnis zu setzen und ihm in kameradschaftlicher Weise Vertrauen gegen Vertrauen anzubieten. Allein nichts konnte die Eitelkeit des so überrasch emporgesticgenen jungen Mannes empfindlicher treffen. Es war nur Vorwand daß er die polnische Landsmannschaft Dembinski's hervorhob, daß er läugnete „auch nur die leiseste Kenntnis von der kriegsruhmreichen Vergangenheit" desselben zu haben — gegen die damalige Görgei's mochte jene des „polnischen Xenophon" wohl noch den Vergleich aushalten —: die blose Thatsache der Unterordnung seiner, der seit Monaten ein unabhängiges Commando geführt hatte, unter die Befehle eines Andern lag auf ihm wie ein böser-Alp. Görgei's Anhänger waren unermüdet Mismuth im Corps zu schüren, während er sich den Schein gab das Feuer der Seinen dämpfen, ihnen das Beispiel seiner eigenen Fügsamkeit Vorhalten zu wollen. Er that dies ^ in einem eigenen Tagesbefehle, Kaschan 14. Februar, worin er sämmt- liche Stabs- und Ober-Officiere seines Corps aufforderte „diese scheinbare Demüthigung mit demselben Gleichmuthe hinzunehmen", mit welchem er sich „den Befehlen des General-Lieutenants Dembinski, eines, wie man sagt, im Kriege ergrauten würdigen Feldherrn freiwillig unterordne". 120 II. 9. Schlik und DembmSki im Sajö-Thale. Daß eine in so höhnischem Tone gehaltene Ansprache nicht geeignet war die Gemüther zu beschwichtigen war um so begreiflicher, als Görgei im Kreise seiner Officiere seinem Sarkasmus, seinem Uninuth, seinem Trotze volle Zügel schießen ließ. Zwar die Divisions-Commandanten waren fast sämmtlich mit dieser seiner Haltung nicht einverstanden. Aulich soll vor Görgei, als dieser die Ernennung eines Ausländers einer Verletzung der nationalen Ehre gleichstellte, offen erklärt haben: „Wir dienen nicht der Person dieses oder jenes Generals, sondern der Sache unseres Landes!" Aehnlich stand es mit Kmety, obwohl cs scheint daß gerade unter den Officicren von Kmcty's Division die Wühlerei am ärgsten getrieben wurde, während es Guhon zu einer Kundgebung seiner Officiere gar nicht kommen lassen wollte. Die Hetzereien dauerten gleichwohl fort. Es kam zu Erklärungen man wolle nur unter Görgei's Commando weiter dienen; Officiers-Deputationcn erschienen bei ihm, denen er für ihr Vertrauen dankte und sie bat sich dem Gesetze und den Befehlen des Ministeriums untcrznordnen, wie er selbst gehorchen werde, „obwohl niemand besser als ich die Schwächen der Regierung kenne". Ja es wurde beschlossen den Major Zuber, Görgei's Kameraden von 1837 bis 1839 ans ihrer Gardezeit her und einen der eifrigsten Werber für ihn, nach Dcbrcczin zu senden und dort gegen die Wahl des neuen Oberfeldherrn Einsprache zu erheben. Zur Ausführung dieses letzteren Beschlußes scheint cs zwar nicht gekommen zu sein und der Sturm sich allmälig gelegt zu haben; trotzdem lief vom Kriegs-Minister ein Dienstschreiben an Görgci ein, worin ihm seine Haltung ernstlich verhoben wurde: „er möge seine Sprache mäßigen und alles vermeiden was Mistrauen gegen die Regierung säen könne" Eine weitere Folge der Unterordnung Görgei's unter Dembinski war die daß das Armee-Corps „von der obern Donau" — eine Bezeichnung die allerdings seit langen Wochen unpraktisch geworden war — nunmehr die Bezeichnung des siebenten erhielt, wie das bisherige „an der oberen Theiß" (Klapka) zum ersten, das „an der mittleren Theiß" (ehemals Moriz Pcrczel) zum zweiten wurde. Aber auch die Zusammengehörigkeit der einzelnen Abthcilungcn des Görgei'schen Heereskörpcrs überhaupt wurde mehr und mehr gelockert, indem das Corps nunmehr in drei Divisionen zerfiel über deren Vertheilnng und Verwendung unter den Divisionen der übrigen Armee sich der Obcrfeldhcrr freie Hand lassen wollte. Das war der zweite empfindliche Schlag von welchem Görgei sich getroffen Mismuth Görgci's über DcnibiäSki'S Oberbefehl. 121 fühlte; denn mit seiner Machtvollkommenheit als Corps-Commandant >md mit der von ihm ausgehenden Verfügung über „seine" Divisionen sollte es nun vorbei sein. Das zeigte sich gleich darin daß Dembiüski den einzelnen Divisionen des VII. Armee-Corps unmittelbare Befehle zukommen ließ, welche diese allerdings, besonders in den ersten Tagen, nicht eben so unmittelbar befolgten, sondern bei ihrem bisherigen Chef und Corps- Commandanten anfrngen. Es war aber bald nicht mehr mit Görgci und dessen Armee-Corps allein daß Dembiüski seine Kämpfe zu bestehen hatte, aber meistens nicht bestand. Das Beispiel Görgei's wirkte ansteckend auch auf Klapka derbem Oberfeldherrn, und dies nicht ganz ohne Grund, die nöthige Kenntnis von Land und Leuten absprach und hie und da nach eigenem Ermessen nachhelsen d. h. seinem eigenen Kopfe folgen zu mäßen meinte. Nach dem mislungcnen Schlage von Tornalja stand die Division Kazinczy, welche Dembiüski jetzt dem I. Armee-Corps Klapka's zuthcilte, in Pntnok, die Müriässy's in Kaza gegen Sz.-P6ter hin, Klapka mit der Division Dessewffy in Miskolc;. Kazinczy zerfiel um diese Zeit mit seinen Officicren, legte sein Commando nieder und ging nach Debreczin sich dem Ministerium zur Verfügung zu stellen. Kazinczy's Division erhielt Müriässy, der seine eigene geringere, bei 2300 Mann, an Obstl. Schulz abgab, einen gedienten Soldaten und tapfern Officier der nur an Schwerhörigkeit litt*). Dembiüski'ö Plan war mit allen ihm unterstehenden Truppen gegen Ofen und Pest als Mittelpunkt der kaiserlichen Aufstellung vorzurücken und sich in den Besitz der beiden Hauptstädte zu setzen. Dies sollte gleichzeitig von zwei Seiten geschehen: > a) von Miskolcz und Tisza-Füred durch eine combinirte Bewegung des I. II. und VII. Armee-Corps — b) von der mittleren Theiß durch die beiden Divisionen deö III. Armee-Corps Fürs erste aber glaubte er verhindern zu mäßen daß ihm die Kaiserlichen von dieser letztere Seite nicht zuvorkämen; man besorgte nämlich im ungarischen Lager ein Hcrvorbrcchen derselben über Szolnok, eine Unternehmung mit aller Macht gegen den Regierungssitz. Dembiüski ersah cs darum als seine nächste Aufgabe die kaiserliche Haupt-Armee *) Danzer I S. 124 f. 122 II. 9. Schlik u»d Dcmbmski iin Sajü-Thale. von der mittleren Theiß wegzubeschäftigen bis Damjanich und Vscseh in der Lage wären selbstthätig vorzugehen. Böcsey wurde angewiesen sich in keine ernstliche Action einznlasscn um sich nicht der Gefahr ausznsetzen vereinzelt geschlagen zu werden; Damjanich aber sollte sich Török-Sz.- Miklos bis auf einen Tagemarsch nähern und, wenn er von dort Geschützdonner vernähme, seinem Kameraden zu Hilfe eilen, worauf sich dann beide bis Kis-Dj-Szülläs znrückznziehen hätten *). Die Bewegungen der nördlichen Corps sollten die Aufmerksamkeit des kaiserlichen Ober- fcldherrn auf sich lenken und ihn mit seiner Hauptmacht uach dieser Richtung in Anspruch nehmen, wodurch der gefürchtete Borstoß auf De- breczin abgelenkt würde. Für diesen Zweck erhielt Rvpäsy Befehl einen Theil seines Armee-Corps nach Tiszn-Füred zu beordern, durch diesen einen starken Patrouillen-Gang gegen Mezü-Kövesd einznleiten um eine Annäherung der Kaiserlichen von der Pestcr Seite zu beobachten, ein- trctenden Falles aber jene Trnppcnabtheilnng nach Poroszl» vorzuschieben und vor dein Orte Stellung nehmen zu lassen. Es war Sckulich mit seiner Brigade der von Rspäsy mit dieser letzter» Aufgabe betraut wurde. In der That wurde die Stellung Ottinger's, dessen Brigade jetzt in Nagy-Abony stand, unaufhörlich alarmirt; in den ersten neun Februar- tagcn fanden nicht weniger als fünf Ausrückungen seiner Truppen statt. Bei Szolnok war die Erbauung einer starken Jochbrücke sowie am linken Ufer die Erbauung eines kleinen Brückenkopfes und Anlegung einer fünfseitigen Redonte im Werk; Hunderte von Arbeitern waren Tag für Tag thätig und man hoffte in der zweiten Hälfte des Monats damit zustande zu kommen. Allein die Ungarn am jenseitigen Ufer bedurften einer Brücke nicht um den wieder fest gefrornen Strom zu übersetzen. Am 8. Februar wurde Lieutenant Planck mit einein Zug von 36 Kaiser- Dragonern, darunter 3 Corporäle, die Theiß aufwärts nach Szöröi- Csärda auf Vorposten geschickt, wo sich Ofsicier und Mannschaft spät abends anlangend bald tiefem Schlafe überließen. Wohl waren zwei Wedelten ausgestellt, allein ein frischer Schneefall ließ die Annäherung von Schritten nicht vernehmen; vom sehen war in der stockfinstern Nacht ohnedies keine Rede. Die Ungarn am andern Ufer hatten nicht sobald von dieser Einquartierung vernommen — ohne Zweifel durch einen Vertrauten aus der Csärda selbst — als Oberlientenant Comper mit einer Abtheilnng *) Danzer I S. 132. Absichte» Dembmski'ö - Uebersall von Szäröi-Csärda. 123 Württemberg-Husaren die Eisdecke der Theiß übersetzte, die Bedetten überraschte und niederhautc, die Csrirda umstellte und über die Schläfer herftel, die in Eile zu ihren Waffen griffen lind sich znr Gegenwehr stellten. Der junge Lieutenant, einen Dragoner znr Seite, hieb tapfer drein, bis er von zahllosen Hieben und Stichen getroffen verblutend niedersank; den Dragoner tödtete ein Schuß ins Gesicht. Eilf Alaun wurden überwunden oder versprengt, die andern hieben sich durch und brachten die Hiobspost nach Abony, von wo sogleich eine stärkere Abtheilnng in die bedrohte Gegend abrückte ohne vom Feinde etwas zu entdecken; die Leichname der beiden Gefallenen lagen auf dem Düngerhaufen, nackt nnsgezogen, an den Leibern die frischen Wunden sichtbar. Bon den Vermißten fanden sich zwei nach einiger Zeit bei ihrer Truppe wieder ein . . 2"). Ernsteres hatte Dembinski von dieser Seite vorderhand nicht im Sinn. Hingegen erging an Görgci die Weisung die Generale Gütz und Jablo- nowski einstweilen ans dem Auge zu lassen, mit seinen drei Divisionen nach dem Süden aufzubrechen und sich dem I. Armee-Corps anznschtießen. Als Görgei gegen diesen Plan Einwendungen machte und ans die Wichtigkeit von Kaschau lind Eperies für Ober-Ungarn hinwies, beschiel) ihn Dcm- biüski: „Debreczin und Großwardein sind noch wichtiger", und wiederholte seinen Auftrag die Kaschaner Gegend zu räumen, was nun auch Görgei ausführte. Er that es in zwei Colonnen: Anlich und Kmcth zogen die Miskolczcr Straße längs der Hcrnäd hinab, Guyon und die linke Flügel-Division, die seit dem Austritt Piller's jetzt Pöltenberg befehligte, lenkten über Moldau iu das Thal der Bodva ein. Vom I. Armee-Corps wurde Müriässy von Putnok nach Sz.-Pöter, Schulz von da nach Miskolcz gezogen, Dessewsfy aber vorwärts nach Harsäny beordert. Von Klapka, der sich bei der letztem Division befand, kam Meldung daß er nicht nach Harsäny, wie Dembinski gemeint, sondern nach Mezä-Kövesd ziehe, worauf ihn der Obcrfeldherr belehren mußte: „Ich bitte Sie ein für allemal zu wissen daß, wenn ich Harsäny schreibe, ich auch Harsäny und nicht Mezö-Kövesd meine." Es vertrug sich nämlich mit dem Plane Dembinski's nicht, den Kaiserlichen gegen Pest zu weit entgegenzugehen, da er sie mehr gegen die obere Theiß heranlocken und dadurch von der Szolnoker Seite abziehcn wollte*). Er würde auch besser gethan und sich der selbstbcwusten Unterstützung seiner *) Danzer I S. 126 s. vergl. Görgci I S. 211 s. 124 II. 9. Schlik und DembinSki im Saj«-Thalc. Corps-Commandantcn versichert haben wenn er ihnen seinen Plan im großen nuseinandergcsetzt hätte; allein er hielt steif darauf dies sei einzig und allein Sache dcö Obcrfcldherrn, dem sich die Untcrbcfehlshaber schweigend zu fügen und, was ihnen von oben befohlen wurde, blind ausznführen hätten. Auch in Debrcczin wünschte inan zu wissen was Dembiüski in der nächsten Zeit zu thun gedenke und schickte den Obstl. Stein zu ihm nach Miskolcz. Kossuth drang fortwährend ans eine Schlacht, und der Kriegs- Minister war derselben Ansicht. Der baldige Eintritt der Theiß-Ucber- schweinmuugen, meinte MäszäroS, werde alle Offensiv-Opcrationen daselbst erschweren; eine blosc Defeusion hinter der Theiß müßc offenbar zu einer Hungersnoth führen; „daher scheint eine combinirtc Offensiv- Bewegung gegen die Hauptstädte von höchster Wichtigkeit und mehr als je erforderlich"*). Dies letztere war, wie schon erwähnt, auch die Meinung und der Vorsatz Dcmbiüski's, nur daß er zuerst versichert sein wollte daß Debrcczin und Großwardcin keine Gefahr drohe. „Meine weiteren Operationen", sagte er zu Stein, „werden von den Bewegungen des Feindes nbhängcn." Er meinte sogar die Regierung möchte ihren Sitz nach Tisza-Fürcd verlegen, wodurch für die Kaiserlichen jeder Anreiz entfiele gegen Osten vorzudringen; „diesen Umstand allein werde ich als eine Verstärkung von 10.000 Mann nnsehcn". In diesem Sinne schrieb er Kossuth, den er zugleich eriunerte mit der Anlegung des großen Magazins in Egyek nicht zu zögeru. Die Aussaugung des Landes jenseits der Theiß, auf die man sich von Debrcczin aus berief, war in Dcmbiüski's Augen entweder Täuschung oder bloscr Vorwand; es waren Fruchtvorräthe und Lebensmittel in Hülle und Fülle vorhanden; eö bedurfte nur der rechten Männer sie aufznsindcn und mit Eifer bcizutreiben**). » * * Graf Schlik hatte sein Haupt-Quartier in Rima-Szombath von wo er, nachdem er am 16. den ungeheuren Troß über Lvsoncz gegen Wnitzen abgcschickt, wieder munter vorwärts zu gehen beschloß und zu diesem Ende die Brigade Parrot nach Pütervasilr voranösnndte von wo sich der Genrcal mit Eollorcdo, der in Ghönghös stand, in Fühlung setzen sollte. *) Danzer I S. 132 f. A. a. O. S. 125 f. vcrgl. mit S. 152 f. 226 f. Uebcrsall von Kompolt. 125 Derselbe Gedanke leitete den Fürsten Colloredo der anderseits die Aufgabe hatte die Straße von Miskolcz und das Land gegen die Theiß zn beobachten, und zu diesem Ende den Grafen Coudcnhove mit dessen Auersperg-Kürassieren gegen die mittlere Tarna ansgcschickt hatte. Am 17. abends kamen diese bis Kompolt nächst Küpolna*) wo sic im großen Graf Krirolyi'schen Gehöfte cinquartiert wurden; die Pferde blieben die Nacht über gesattelt, eine halbe Escadron wurde auf Vorposten ausgestellt. Es war zum 18. eine garstige Nacht; mond- und stcrncnlccrc Finsternis behinderte den Ausblick, brausender Sturmwind das Horchen ganz und gar. Die Annäherung einer starken kaiserlichen Reitcrabtheilung blieb Klapka, der die Division Dessewsfy in Mezü-Kövcsd Maklär und Szi- halom einquartiert hatte, nicht lauge Geheimnis und von der Stelle weg wurde ein Handstreich beschlossen. Dessewsfy brach mit vier Escadrons aus, um halb 7 Uhr morgens war Kompolt erreicht und mit Blitzesschnelle stürzen sich Major Gras Wartenslebcn und Rittmeister Uj auf die überraschten Vorposten die mit Löwcnmuth sich vertheidigen, während die im Mcierhos Zurückgebliebenen in Verwirrung ihre Pferde ans den niederen Ställen reißen und in Eile aufzäumen. Schon sind draußen Lieutenant Lcidesdorf, 3 Corporate, 16. Mann theils todt theils verwundet, schon wird der Hof selbst von den Angreifcnden überschwemmt. Die kaiserlichen Officicrc suchen einige Ordnung in den Wirrwarr zn bringen; Rittmeister Scheibler stellt das Gefecht wieder her, so daß die letzten Leute eben noch Zeit gewinnen sich in den Sattel zn schwingen, und geht nun selbst zum Angriffe über. Rittmeister Flnck durch mehrere Kopfhiebc schwer verletzt, Rittmeister Reitzenstein desgleichen, sind von den Husaren umzingelt, als die Kürassiere einhauend in den Knäuel dringen und ihre Offi- ciere befreien. Endlich ist es gelungen den Rest der Division zu sammeln und zu sormiren, sich dem Feinde entgegenzuwerfen und ihm fernere Angriffe zu verleiden. Wie viel von den Husaren gefallen konnte nicht ermittelt werden, bei 10 gesattelte Pferde waren Beute der Kürassiere, die nun den Rückzug bis zur Brücke von Bal-Püspüki antreten um nach Gyöngyös Meldung von dem Vorgefallenen zn erstatten. Schwer war die Einbuße die sie erlitten: 3Officiere, Oberarzt Dr. Appel, 32 Mann vom Wachtmeister abwärts, 17 Pferde theils todt oder verwundet theils gefangen; außerdem viele Officierspserdc und fast sümmtlichcö Gcpäcke *) Siehe das unten S. 148 folgende Kärtchen. 126 II. 9. Schlik und Dcmbmski im Sajn-Thale. als Beute des Feindes. Lieutenant Lcidcsdorf blieb für todt liegen; er war aber nur schwer verwundet, ein Säbelhieb hatte ihm guer über das Gesicht beide Augen getroffen; während der Gefangenschaft kam er mit dem Leben davon, aber das Augenlicht war ihm geraubt. Einer bekannten Wiener Familie nugehvrend, ist er nach dem Feldzug eine stadtbekannte Figur geworden; niemand konnte den blühend schönen jungen Mann ohne Mitleid betrachten, wie er eingehängt in einen Diener, die Augenhöhlen ohne Stern, durch die Straßen schritt; dabei, wie die Blinden so häufig, ein heitebes Antlitz und meist freundlich plaudernd "2). In Gyönghös war Fürst Colloredo eben daran den Major Salis mit einem Bataillon Stephan, einer halben Escadron Civalart und einer halben Naketcn-Battcric über Parad und Dcrecske gegen Psterväsar abrücken zu lassen, als kurz nacheinander die Meldung von dem Kompolter Mißgeschick und der Befehl aus Ofen nach Hatvan zurückzugehen eintrafen. Darnach unterblieb die Absendung des Baron Salis, wurde Coudcnhovc mit seinen Kürassieren einberufen und um 1 Uhr nachmittags der Marsch nach Hatvan angetretcn wo man am selben Abend eintraf. An Schlik erging gleichzeitig aus dem großen Haupt-Quartier die Weisung über Pstcrväsär aus Gyönghös abzurücken; aber nach Rima- Szombath konnten freilich Befehle nicht so rasch gelangen als zu Wyß oder Colloredo. Schlik trug sich um diese Zeit mit großen Angrisfsplänen: er wollte Dembinski und Klapka zurückwcrfen und sich der Stadt Miskolcz bemächtigen wozu er, wie er dem Feldmarschall vorschlug, von Putnok und Sz.-Pckter, Fürst Colloredo von Gyönghös Küpolna und Mezü-Kövesd aus zusammen wirken könnten*). In weiterem Verfolge nahm er eine combinirte Unternehmung gegen Kaschau in Aussicht wobei Götz und Jablonowski — von dem Oberbefehl Ramberg's wußte er zur Zeit noch nichts — von der Zips aus vorrücken und Wyß von Waitzen über Gömör und Rosenau die Verbindung links mit jenen beiden Brigaden, rechts mit ihm, Schlik, aufrecht erhalten sollte. Daß Kaschau mittlerweile von den Ungarn geräumt war wußte er freilich ebenso wenig als daß sich ihm im Sajü-Thale nicht blos Dembiüski und Klapka sondern auch die Divisionen Görgei'S entgegenstellen sollten^). *) Nobili S. 258. An der Sajn-Brücke von Sz.-Pöter. 127 Am 18. Februar ließ er die Brigade Fiedler mil der Artillerie- Reserve und den Pionnicren, nachdem sic vor ihm mit klingendem Spiel und unter dem Hnrrah der Soldaten Revue passirt, in Rima-Szombath zurück und trat mit den drei andern Brigaden — Parrot befand sich bereits auf dein Wege gegen Pstcrvnsiir — den Marsch gegen Putnok an, wo er mit der Brigade Deym am 19. gegen Abend eintras; FML. Schnlzig mit der Brigade Kriegern, welche die Vorhut bildete, stand in Dubiöänh, Pergen rückwärts in Male Hvth und Bänrsvc. Der 20. wurde znm Rasttag bestimmt, weil Schlik für nöthig gefunden hatte den Feldmarschall von seinem Unternehmen in Kenntnis zu setzen — Prinz Nassau war cs den er nach Ofen sandte — und dessen Antwort abzuwartcn, die nach seiner Schätzung längstens am 21. zurück sein konnte. Einstweilen sandte er den Saj« hinab Strcifwachen die auf Husarenschwärmc stießen und die Meldung brachten daß Sz.-Pster stark von Feinden besetzt sei*). Dembinski hatte in Miskolcz den Aufbruch Schlik's von Rima-Szombath noch am 18. erfahren und ohne Aufschub seine Anstalten getroffen sich ihm mit überlegenen Kräften entgegcnzustellen. An Aulich im Hernüd- Thale, an Pöltenberg an der Bodva ergingen Befehle; an elfteren: von Szikszö westwärts abzufallen und die Richtung auf Sz.-Pster einzuschlagen; an letzteren: seinen Marsch auf Sz.-Pster zu beschleunigen; Guyon sollte ihm in derselben Richtung auf Tagmarschweite Nachfolgen. Der Vormittag des 21. war für Aulich und Pöltcnberg als der Zeitpunkt bestimmt wo sie an ihren Zielen angelangt sein müßten. „Wenn nur General Görgei nur 15.000 Mann zuführt", schrieb Dembinski voll Zuversicht an Kossuth, „so kann ich für den Sieg der ungarischen Armee gutstehen." Um 8 Uhr morgens am 21. brach er mit der Brigade Schulz von Miskolcz auf: er wollte nicht zu früh in Sz.-Pster eintreffen „um die Aufmerksamkeit des Feindes nicht vorzeitig zu erregen". In der Nähe von Sz.-Pster ließ er halten um das Anrücken der Görgei'schen Divisionen abzuwartcn. Gegen 11 Uhr zeigten sich Staubwolken auf der von Edelin herführenden Straße. Es war Pöltenberg welchen Dembinski eine Defensiv-Stellung in seiner rechten Flanke nehmen ließ; ein tiefer Riß, durch die von den Höhen der Matra reißend herabeilenden Wasser gebildet, lief vor Pöltenbcrg's Linien hin; hinter dem Riß protzten die S. das Kärtchen vor. Bd. S. 252. 128 II. 9. Schlik und Dcmbiüski im Sajä-Thalc. Geschütze ab um den heranrückenden Feind zu empfangen. Im Mittelpunkte von Dembiüski's Stellung befand sich eine gemauerte Brücke die er durch große Stämme verrammeln ließ; ein Gehöfte nächst der Brücke wurde mit Infanterie besetzt. Bald traf Aulich mit seine» Truppen ein und vervollständigte die ungarische Streitmacht die nun 16.000 Mann mit 48 Geschützen zählte, während Schlik kaum die Hälfte dieser Zahl zur Verfügung hatte. Jndcß — Schlik kam nicht. Er hatte die Brigade Kriegern um vierthalb Stunden früher von Dnbiöäny aufbrcchcn lassen als Dcmbiüski von Miskolcz abgerückt war, und war daher vor der Saj»-Brückc von Sz.-Püter angelangt ehe noch ein Mann von der andern Seite den Fuß in den Ort gesetzt hatte. Schlik hatte darauf Auskundungs-Eolonncn auf allen nach vorwärts führenden Wegen und ebenso in die Sciten-Richtungen in Marsch gesetzt von denen keine vom Feinde etwas hatte entdecken können. Da war ihm im rechten Augenblicke die Nachricht zngekommcn Görgci sei im Anmarsch in seiner linken Flanke, während er geglaubt hatte er werde es mit Dcmbiüski allein zu thun bekommen, und nun war keine Zeit zu verlieren. Kurz zuvor oder zur selben Zeit war ihm auch der Bescheid auf seine Meldung vom 18. ins große Haupt-Quartier zu- gekommen, die ihn statt des beabsichtigten Durchbruchs über Sz.-Pätcr auf Miskolcz die Richtung über Püterväsär aus Ghöngyös cinschlagcn hieß. So trat denn Schlik »»verweilt den Rückmarsch an und war mit seinem Gros wohl schon wieder über Pntnok hinaus, während Dcmbiüski noch seine Anstalten traf ihn bei Sz.-Pötcr zu empfangen und zu schlagen. Doch ebenso wenig als der kaiserliche Feldherr gewillt war sich durch Fortsetzung seines Vormarsches im Sajü-Thale zwischen zwei Feuer bringen zu lassen, ebenso wenig wandelte Dcmbiüski die Lust an dem alten Reiter- General in die Thäler der Matra zu folgen und ihn zum Kampfe zu reizen. Er verharrte in seiner Stellung bei Sz.-Pöter, während Schlik, der ihm jetzt vorgezeichneten Richtung folgend, den vom Feinde zwar völlig unbehelligten, aber von Natur ans um so mühevolleren Marsch aus dem Sajü- und Rima-Thale in das der Tarna antrat. Am 21. abends lagerte man längs der Szombath-Putnoker Straße, die Brigade Fiedler zuletzt im Bivouak nächst Serke. Die Soldaten, denen die naßkalte Witterung nicht behagtc, schleppten Holz zu Lagerfeuern aus dem benachbarten Walde herbei, wobei sie so unvorsichtig und wohl auch so muthwillig waren einige der stehenden Bäume in Flammen zu setzen, so daß inmitten Marsch der Kaiserlich?» über die Matra. 129 der Nacht gegen hundert Eichen in Brand standen. Das Schauspiel war zwar schön, wie wir einem Augenzeugen aufs Wort glauben, spendete weit und breit eine romantische Helle, warf auf die malerischen Gruppen der Krieger einen erwärmenden Schein, zog aber manchem der leichtfertigen Veranstalter desselben nachdcrhand eine Tracht Stockprügel ein. Mit dem 22. begann der Marsch in südlicher Richtung über Berg und Thal aus elendem Weg, streckenweise auch ohne Weg. Es ging durch das vielverzweigtc Gcbirgsland der Matra, über steile Ansteigungen hinauf, an jähen Abgründen vorbei, dann wieder zwischen schroffen Wänden in sehr engen Thülcrn deren Grund durch den winterlichen Niederschlag in Weichland umgewandelt war, wo die Schlitze Gefahr liefen stecken zu bleiben und auch wirklich zu Hunderten stecken bliebe», so daß die Klügern ihre Fußbekleidung in der Hand marschirten oder, nach Zulaß der Gegend ihre Gewehre als Stützen und Bergstöcke benützend, sich längs den felsigen Seitenwänden oft stundenlang fortdrückten. Die Räder der Wagen und Geschütze sanken oft bis über die Axen in den Morast wo alles was in der Nähe war Hand anlegcn mußte um aus der Noth zu helfen. An andern Stellen wo unbändige Wildwasser querüber liefen mußten Brücken geschlagen werden die gerade so lang anhielten um das Fuhrwerk glücklich auf die andere Seite zu schaffeil. In Zäbor ließ der Feldherr, mitten im Koth stehend, seine Truppen an sich vorbcimarschiren die trotz der Mühen und Strapazen guten Muthes waren. Auch wurde nach Möglichkeit dafür gesorgt sie an kräftigender und dem hungrigen Magen erwünschter Nahrung, Erbsen Bohnen Brod, nicht Mangel leiden zu lassen. Der Tag war für die Jahreszeit warm, was die Kälte der darauf folgenden Nacht um so empfindlicher machte; dazu die Ermüdung der Leute von denen 30 bis 40 per Compagnie blosfüßig in die Station einrückten und mancher sich erschöpft zum Schlafe hinwarf ohne sich die Zeit zu gönnen einen Bissen zu sich zu nehmen*). Die Beschwerlichkeiten am 23. waren fast dieselben, vorzüglich bei der Brigade Fiedler deren Artillerie und Fuhrwerk auf dem Marsche nach Ujfalu und Nemthi acht Stunden länger brauchte als das Fußvolk. Schlik nahm sein Haupt-Quartier mit der Brigade Pergcr in Erdü-Kövcsd oberhalb Psterväsär, welch letzteres FML. Schnlzig mit den Generalen Kriegern und Deym besetzte; eine Abtheilung Latour und die Pionniere wurden in Jväd einquartiert. Die *) Koöiöka S. 216 — 220 . Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 9 130 II. 9. Schlik und DembmSki im Sajö-Thale. Ortschaften waren zum Theil verlassen; der Weisung der ungarischen Regierung fvlgend hatten sich die Bewohner, die der magyarischen Sache vollständig ergebenen „Palöczen", in die Wälder geflüchtet, mit sich führend was sie konnten. Doch blieb noch manches zurück, Kornfrucht Salz Wein Schinken, an Orten die von den Soldaten bald aufgesunden und ihres » Inhalts entledigt wurden. Manchmal wurde auch ein Haus, aus Ingrimm über dessen nichts bietende Verlassenheit, in Brand gesteckt. Wo nur ein Bewohner zu Hause geblieben geschah nichts. General Parrot mit seiner Brigade befand sich an diesem Tage in Vcreböly auf der Losoncz-Gyöngyöser Straße. Am 21. Februar 2 Uhr nachmittags setzte Kossnth ein langes Schreiben an Dembwski auf, worin er ihm Mittheiluugen über den Stand der verschiedenen Corps, über den Fall von Essegg und andere Dinge machte und ihn neuerdings anffordcrte „das Resultat einer gewonnenen Schlacht dem armen Vaterlande je eher zu bieten", und wenn er schlage werde er hoffentlich dem Feinde keine Zeit zur Flucht gönnen. „Wir haben oft gesiegt", so endete das Schreiben, „aber nie den Sieg gehörig benützt, das war der Fehler unserer Generale!" Das Schreiben traf den Oberfeldherrn in Miskolcz wohin derselbe 10 Uhr vormittags am 22. zurückgekehrt war. Gleichzeitig mit dem Briefe Kossuth's überbrachte ihm der Courier eine amtliche Weisung der Regierung, laut welcher ihm der Oberbefehl über sämmtliche ungarische Streitkräfte übergeben wurde, mit Ausschluß der unter Bem in Siebenbürgen verwendeten Truppen und des Corps Asboth über das sich die Regierung nach wie vor die unmittelbare Verfügung vorbehiclt *). Letzteres hatte ihm auch Kossuth in seinem Schreiben auseinandergesetzt und über Dembwski's sonstige Stellung bemerkt: „Bei Ihrer Armee wird kein Stabs-Officier ohne den Antrag des Corps-Commandanten ernannt und kein General bestimmt ohne daß Sie es wünschen. Görgei", fuhr Kossuth fort, „wird gleich zum Divisions-General befördert werden ' sobald Sie es in Antrag bringen." Letzteres war leere Phrase; denn Kossuth hatte zu dieser Zeit einen Widerwillen gegen Görgei oder richtiger er fürchtete ihn und hätte ihn am liebsten unschädlich gemacht. Danzer I S. 142. Dembmski — Görgei — Szemere. l3l Dembiüski hingegen würde sich den jungen General gern als Freund gewonnen haben und schlug ihn wirklich der Regierung zur Beförderung vor; er nahm die Unternehmung von Sz.-Pster zum Anlaß, die er als einen Sieg hinstcllte und wesentlich der Mitwirkung der Görgei'schen » Division zu verdanken erklärte. Allein Kossuth ließ den Vorschlag Dem- biüski's unbeachtet*). Görgei war weit entfernt von gleichen Gesinnungen gegen Dembiüski erfüllt zu sein wie dieser gegen ihn. Als er am selben 22. in Miskolcz eintraf, vom Wirbel bis zur Zehe in Gift und Galle getaucht, richtete er an Dembiüski, den er noch in Sz.-Pster vermuthctc, in schneidendem Tone die schriftliche Anfrage: wo „seine" drei Divisionen seien? Denn er konnte es nicht verwinden daß der Oberbefehlshaber sich herausgenommen hatte Anlich Pöltenberg und Gnyon unmittelbare Befehle zukommen zu lassen. Kaum in Miskolcz eingetroffen erhielt Dembmski ein anderes Schreiben Görgei's der ihm erklärte daß in Folge der anbefohlenen Räumung Kaschnus sein ganzer Troß, den er über Tokaj geschickt, rcttunglos verloren sei und daß er gleichzeitig eine Abschrift dieser Anzeige nach Debreczin schicke. Auch über Szemerc, der zur selben Zeit in » Miskolcz weilte, war Görgei erbost und unterließ es ihn aufzusnchen. Einer seiner Vertrauten that es aber und wünschte den Regierungs- Ober-Commissar zu beschwichtigen: „Er nimmt es Ihnen übel daß Sie in Ihrem Berichte die Einnahme des Branisko dem Gnyon zuschrieben." Der wahre Grund von Görgei's Aerger war aber der, daß Szemere ihm das Mislingen des Schlik-Fanges zur Last legte. „Es ist jetzt nicht an der Zeit über Etiquctte-Fragen zu streiten", erwiderte Szemere dem Vermittler; „der gute tapfere Soldat ist jetzt der verdienstvollste Mann des Landes; wenn Ihr General nicht zu mir kommt werde ich zu ihm gehen"' >5), Im Laufe des Tages trafen zum erstenmal Dembiüski und Görgei persönlich zusammen; letzterer erschien in Begleitung Bayer's und noch eines Officiers seines Stabes dem Oberfeldherrn seine Aufwartung zu machen. Die Begegnung des reizbaren Polen und des sarkastischen Zipfers konnte keine freundliche sein"o). Doch stellte sich darnach ein leidliches Verhältnis zwischen beiden her, da Dembiüski cs an kleinen wohlwollenden Aufmerksamkeiten nicht fehlen ließ um seinen verbitterten Unterfeldhcrrn in bessere Laune zu versetzen, und Görgei min- *) Danzer I S. 136 f. 9 * 132 II. 9. Schlik und Dembiüski im lsajä-Thcite. destens äußerlich die dem Oberfeldhcrru schuldige Achtung u»d Rücksicht beobachtete. Am 22. löste Dembiüski die Stellung bei Sz.-Püter uns, dirigirte die Divisiemcn Görgei's über Miskotcz nach Mezä-Keresztes, Schulz nach Miskolcz, Klnpka mit der Division Dessewffy nach Erlau von wo er die Engen von Bcrpelüt und Sirok im Auge halten sollte, während Märiässh von Mczü-Kövesd und öNaklär nach Kcrecseud vorrückend Küpolna besetzen und gegen Ghöngyös streifen lassen sollte, und Sekulich vom Armee- Eorps Rspüsy auf der von Poroszlü führenden Straße herwärts zog. In der Nacht vom 22. zum 23. fuhr Dembiüski mit der Post nach Tisza- Fürcd um die daselbst angelegten Verschanzuugcn sammt Brückenkopf zu besichtigen und sich Uebcrzeugung zu verschaffen wie es mit dem von ihm gewünschten und von der Regierung ihm versprochenen Verpflegs-Magazin in Egyek ausschc. Niemand wußte in Füred von einem solchen; bei näherer Erkundigung fand sich daß dort Vorräthe etwa für einen halben Tag statt, wie der Obcrfeldhcrr verlangt hatte, für sechs Wochen Verpflegung seien. Dembiüski schrieb eilends an Kossuth und begehrte daß jene denen diese Saumseligkeit zu Last falle zur strengen Verantwortung gezogen würden. Dembiüski's Plan war jetzt das Schlik'sche Corps von Erlau ans mit Macht zu bedrohen, den kaiserlichen Feldmarschall zu Schlik's Unterstützung aus den Hauptstädten hcrauszulockeu und dadurch dem III. Armee-Corps jenseits der mittleren Theiß Luft zu machen; Väcsey hätte dann von Török-Sz.-Miklos einen Schlag gegen Szolnok zu führen, während Dnm- janich bei Czibakhäza hervorbräche und sodann beide in starken Tagmürschen an der Eisenbahn vorgingen um sich mit der nördlichen Hanptarmee in Verbindung zu setzen. Röpäsy sollte in dieser Combination derart Mitwirken daß er, während Sekulich auf der Poroszloer Straße weiter gegen Kaäl vorrückte, mit einer Infanterie-Division Füred besetzte, dagegen seine Reiterei in der Richtung von Török-Sz.-Miklüs nach Madaras sandte'^). Am 24. verließ der ungarische Oberfeldherr Tisza-Füred und kam in der Nacht zum 25. oder am frühen Morgen in Mezü-Kövesd an wo er abermals mit Görgei zusammentraf. Das slovakische Frei-Corps in Brezno. 133 Vom nördlichen Corps Ramberg hatte für den Augenblick Dcmbinski kaum etwas zu besorgen, Schlik kaum etwas zu erwarten. Rambcrg's Lage in Kirchdranf war eine ungemein kritische. Ob sich Görgei in Kaschau befinde oder auf Eperies zurückgegnugen sei oder gegen Schmölniz stehe, wußte man nicht. Es wurde sogleich ein emsiger Kuudschaftcrdicnst orgauisirt, Streif-Commanden entsendet, und auf die Nachricht daß FML. Vogel in Tylicz stehe ein Vertranter an diesen abgesandt, mit der Aufforderung durch einen Marsch über Bartfeld Ramberg's Bewegungen zu unterstützen und mit ihm zu wirken. Von Vogel kam jedoch die Antwort, er habe die galizische Gränze zu schützen, was er doch, wie sich Ramberg sagen mußte, durch eine Vorrückung gegen Eperies nur um so sicherer erreichte. Anderseits war und blieb Ramberg mit Schlik außer aller und jeder Verbindung; ja die Entfernung beider von einander wurde immer größer. In den Tagen da Schlik um Tornalja und Rima- Szombath lagerte stand eine Abtheilung des Ramberg'schen Corps auf wenig Meilen in der Luftlinie von ihm; aber Berge trennten sie, eine feindselige Bevölkerung verhinderte Botschaften zwischen ihnen, eines wußte vom andern nichts. An demselben Tage da Ramberg in Kirchdranf das Commando der Brigaden Götz und Jablonowski übernommen hatte, war von der Liptau her eine Abtheilung des slovakischen Frei-Corps unter Trommelschlag, die kaiserlichen Fahnen voran, in Brics cingerückt, in die „schwarzgclbe Stadt", das „Nest des Panslavismus", wie Brezno von den Magharcn gescholten wurde. Sehr mit Unrecht; denn auf der Einwohnerschaft lag der Alp der Furcht, was ja die Slovakenführcr auch an anderen Orten dieses Landstriches erfuhren. Am 15. kam Hurban nach, ließ am 16. die neugeworbenen Liptauer zur Fahne schwören und hielt ani Tage darauf eine Versammlung im Rathhause, dann eine größere auf offenem Markt- Platze ab, doch ohne alle Wahrzeichen jener Begeisterung die ihm in der Trenöiuer und noch mehr in der Turöer Gespanschaft so anregend zu Hilfe gekommen war. Im Gegentheile, die Bevölkerung wurde durch einschüchternde Meldungen in fortwährendem Bangen gehalten, wie es denn gerade au diesem Tage hieß: eine ungarische Reitcrschaar rücke über die „Teufelshochzeit" (ösrtovä. svackba), eine zwischen der Liptau und dem Sohlcr Comitat gelegene Alpe, gegen Bries heran. Hurban schickte eine Abtheilung in dieser Richtung aus, die aber am 18., ohne etwas vom angeblichen Feinde gesehen zu haben, unversehrt zurückkchrtc. 134 ' II. 9. Schlik und Dembiüski im Sajo-Thaie. Hurban sandte jetzt eine Colonne in südlicher Richtung gegen Polhora ab und ging, da ihm die Kunde wurde daß um Rima-Szombath etwas im Werke sei, mit dem Haupttheil seiner Truppe, der inzwischen einige Wagen voll Monturstücke verschiedener Art ans Leutschau zngekommen waren, bis Theißholz (Tisovce) vor, 19. Februar. Was eigentlich im Rima-Thale vorging scheint Hurban nicht genau erfahren zu haben, und in der That war Schlik um diese Zeit bereits um einige Meilen südost- wärts weiter, wohin ihm Hurban, auch wenn er es im Sinn hatte, schon darum nicht folgen durfte, weil ihm ein Befehl des Generals Götz zukam sich mit den andern Abtheilungen der Brigade zu vereinigen. Feldmarschall-Lieutenant Ramberg hatte das vom 15. Februar datirte chiffrirte Schreibe» des Feldmarschalls erst am 19. erhalten und um dieselbe Zeit in Erfahrung gebracht daß Görgei die Hauptstadt von Ober-Ungarn geräumt habe, worauf er sofort den Marsch auf Kaschau beschloß. Dem Obristen v. Pott, einem sonst kühnen Soldaten, erschien dieser Entschluß iu der mich allen Seiten ungewissen Lage so gewagt daß er sich vom Feldmarschall-Lieutenant die schriftliche Bestätigung erbat daß er von diesem Unternehmen abgerathen habe. Nachdem Ramberg durch eine Neben-Colonne Eperies besetzen lassen, 19. Februar, trat er mit dem Haupttheil seiner Truppen den Marsch über Margetzan Jaklovce Hämor nach Kaschau an wo er am 21. mit 7 Bataillonen, 31/2 Escadronen und 21 Geschützen einrücktc"^. Die Lage der Bevölkerung im Säroser Comitatc war seit dem Abmarsch der Kaiserlichen eine sehr bedrängte gewesen. Die ungarischen Truppen hatten fast von allen Gutsbesitzern ohne Unterschied Getreide Heu Wein Vieh n. dgl. gewaltsam erhoben, aber auch den Bauer nicht verschont, dem sie z. B. Schafe Wegnahmen und das Stück um fünf Groschen weiter verkauften. Görgei mißbilligte dieses Verfahren, soll auch Einzelnen der Beraubten — nur nicht den am härtesten mitgenommenen Comitats-Bcamten die der Kvssuth'schen Partei zumeist verhaßt waren — den Schaden in Kossuth-Notcn ersetzt haben; „aber diese Entschädigung wird die armen Säroser vor der bevorstehenden Hungersnoth nicht retten" *). Ramberg hatte jetzt seine regulären Truppen vollständig beisammen, nur das slovakische Frei-Corps war großentheils noch in der Zips. Am 2) Correspondeuz V Käsmark 23. Februar im „Lloyd" Nr. 103 (reets 104) vom 2. März Morg.-Ausg. FM. Ramberg besetzt Kascha». 135 23. rückte ätnr mit 4 Compagnien in Neudorf (Iglo) ein. Am 25. brach Hurbnn mit einem Theilc seiner Truppen von Theißholz gegen Epcrics auf; die andern sollte Borik über Muräny Groß-Rücze Jelsava Rosenau gegen Kaschan führen. Borik wurde aber durch Unwohlsein ab- gehaltcn seine Abtheilnng persönlich zu leiten, und blieb mit seinen wenigen Geschützen und einer kleinen Bedeckung von 24 Mann in Theißholz zurück. Indessen wurden seine Truppen, die schon bis Muräny marschirt waren, von einer feindlichen Ucbermacht angegriffen. Die etwas altern Compagnien unter den Hauptleuten Jesensk/ und Vestik hielten sich brav und wehrten ein paar Stunden lang alle Angriffe der Ungarn ab, denen sie mehrere Leute tödtetcn und verwundeten. Allein die Mehrzahl, Neulinge aus der Liptau, ergriff, als die Lage ernster wurde, das Hasenpanier und schlug den Weg gegen Norden ein, so daß auch die andern den Widerstand zuletzt anfgeben und das Feld räumen mußten. Beim Einmarsch in die Zips hatten sie neue Schwierigkeiten zu bestehen. Die Einwohner von Deutschendorf (Popräd) suchten sic für die Sache des Aufstandes zu gewinnen und als dies nicht verfing mit Gewalt aufznhaltcn, so daß sie sich kämpfend den Weg frcimachen mußten. Als Ramberg von diesen Vorfällen vernahm erließ er eine Kundmachung: daß Widerstand gegen die slovakischen National - Truppen mit jenen gegen andere Abthcilnngen der kaiserlichen Armee auf eine Linie zu setzen und daher Orte wo dergleichen vorfalle im Sinne der Proclamation des Feldmarschalls aus Kocs 1. Januar dein Erdboden glcichzumachen wären "2). Was seine Operationen betraf erging es Ramberg in Kaschan wie cs ihm früher in der Zips ergangen war. Kundschafter brachten übertriebene, zum Theil ganz falsche Nachrichten über die Stellung des Feindes — „bedeutende Streitkräfte seien in Torna und in Gäl-Szocs angesammelt" — so daß sich Ramberg „mit feindlichen Corps in der Flanke" nicht getraute auf der Miskolczer Straße vorzurückcn. Fcld- marschall-Lieutenant Vogel in Galizien, den er um Unterstützung anging, schlug sein Verlangen rund ab: er könne sich von der Gränze nicht entfernen die er zu decken berufen sei. Von der kaiserlichen Haupt-Armee war Ramberg nun wieder Tage lang ohne alle und jede Nachricht, ohne Kenntnis der Vorgänge auf den anderen Kriegsschauplätzen. In einem vertraulichen Schreiben vom 24. klagte er gegen Nobili bitter über eine Vernachlässigung die ihm alles Handeln unmöglich mache: „Mit einem 136 II. 10. Borbcreitungc» und Zwischenfälle. schwachen nichts weniger als selbständigen Truppen-Corps, van Haß und feindlichen Elementen umgeben, inmitten ausgedehnter Provinzen und einer fanatisch aufgeregten und aufgewühlten Bevölkerung tappe ich wie blind im Dunkeln und tätonnire statt zu handeln." Zugleich bat er um Verstärkungen: seine beiden Brigaden seien nicht vollzählig; von 7 Bataillons seien nur 3 zu 6 Compagnien, seine vierthalb Escadrons äußerst schwach. „Nur ein Corps von 10.000 Mann ist selbständig. Mit weniger ist man ohne Kraft, gleich unfähig zu manoeuvrircn und zu schlagen, weil man zu viel detachireu muß. Von einer Division wie die mciuige bringt man nach Abzug aller unentbehrlichen Entsendungen so viel wie gar nichts zu Gefechte. Als Streif-Corps sind wir viel zu stark und unbeweglich, zum raufen viel zu schwach"*). 10 . Auf die in Ofen eingelangtc Nachricht daß die Vereinigung Görgei's mit der ungarischen Haupt-Armee nicht aufzuhalten sei, hatte Windisch- Grätz beschlossen mit allen verfügbaren Truppen auf der Pest-Miskolczer Straße vorzugehen und dem Feinde eine Schlacht zu bieten. Er zählte dabei auf die Mitwirkung Schlik's mit welchem man bereits in Fühlung war, und säumte nicht Botschaft an Ramberg gelangen zu lassen, wobei man freilich im großen Haupt-Quartier die Unsicherheit die mit dem Eintreffen dieser Depesche am Orte ihrer Bestimmung verbunden war nicht in Anschlag gebracht zu haben scheint. Die unmittelbaren Truppen des Feldmarschalls hatten sich mittlerweile um die Brigade Dietrich vermehrt deren Zusammensetzung jetzt diese war: das 2. Bataillon Otoöaner, 4 Compagnien Sluiuer und Kreuzer, das 4. Bataillon vom 2. Banal-Regiment, das 4. Bataillon Warasdincr, 2 Escadronen Johann-Dragoner, eine Abtheilung Windisch-Grätz-Chcvnux- legers und 2 halbe Scchspfüuder-Batterien, zusammen 4023 Mann, 309 Pferde, 6 Kanonen. General Anton Dietrich hatte von seiner Fahrt stromaufwärts allerhand kleine Vorfälle zu berichten. Um die Mitte Februar waren einige die Donau aufwärts steuernde k. k. Schleppschiffe in der Gegend von Kalocsa mit Kanonen beschoßen worden; man hatte den *) Wortlaut aus dem LI8. Heller. An der mittler» Donau — Um Gy'ongtM. 137 Obristen Züllich von Zülborn der mit einem Bataillon Wimpffen in Tolna stand beordert die Donan zn übersetzen, Kalocsa zu züchtigen und die Geschütze zu nehmen, dieser aber sich für eine solche Unternehmung zn schwach erklärt, und wohl mit Recht. Denn zur selben Zeit war Vocsey mit 6000 Mann und 24 Geschützen bei Csongräd und Alpär auf das rechte Ufer der Theiß gegangen, hatte in Fölegyhäza Quartiere für größere Trnppenkörper angesagt und seine Vorposten bis aus eilte Viertelmeile von Kecskemöt vorgeschoben, das Obrist Stnuffer mit seinen Hardegg-Kürassieren zu räumen im Begriffe stand. Ans Ofen kam jetzt an den Grafen Nugent der Befehl, 1 Bataillon und 1 Escadron, die am 19. und 20. in Szekszärd eintreffen sollten, nach Tolna marschiren zn lassen wo sie weitere Befehle abzuwarten hatten*). Anderseits konnten Meldungen solcher Art den Feldmarschall in seiner Absicht der aufständischen Hauptmacht einen entscheidenden Schlag beizubringen nur um so mehr bestärken, als jetzt von der Komorner Seite keine Störung zu besorgen stand. Es gab da zwar fortwährend kleinere und größere Ausfälle der Garnison, die aber jederzeit mit Erfolg znrückgeschlagen wurden^"). Am 23. Februar hatte es Simnniö von Sz.-Peter südwärts von Nenhänsel mit einem Theile der Garnison von Gran aus die feindliche Besatzung von Heteny — 3 Bataillone Honved, 200 Husaren und 8 Geschütze — abgesehen, die aber beim ersten Erscheinen der Kaiserlichen in Eile den Ort verließ, die Ätva übersetzte und unbehelligt die Festung erreichte. Simuniö ging jetzt daran am linken Donau-Ufer den Ccrnirungs-Ning um die Festung zn schließen — Hetöny Kurtakeszi Marczalhäza Pnszta-Virth Zsitvatö — und durch eine zwischen Zsitvatö und Duna-Almäs nächst der Mündung der Ätva herzustcllende Ueberfnhr die Verbindung zwischen dem rechten und linken Ufer zu unterhalte»; der bei Radväuy postirte Dampfer Schlik— Eomman- dant Oberl. Turba v. Dravenau, Civil-Schiffö-Eapitain Ullisperger — und ein kleines Detachement in Duna-Almäs hatten diesen Uebergang zu sichern. Im großen Haupt-Quartier vermochte man zwar die wahre Absicht Dembmski's nicht zn durchschauen, was auch bei dessen bis dahin ziemlich zufälligen Kreuz- und Querzügen etwas schwierig war; allein von der eigenen Lage ausgehend glaubte man auch die Gedanken des Gegners 138 II. 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. errathen zu können dessen Augenmerk man immer zwischen Pest und Komorn suchte. Der Feldmarschall beschloß darum mit dem II. Armee- Corps, dessen Führung wieder Wrbna übernehmen sollte, ans der Mis- kolczer Straße vorzurücken, im Vormarsch Schlik heranzuziehen und sodann mit vereinter Kraft dem Feinde entgegenzugehen. Als aber am 19. von Colloredo Meldung kam daß sich die Ungarn bei Käpolna sammeln und es zunächst auf ^rok-Szälläs und Gyöngyös abgesehen zu haben scheinen, beschloß Windisch-Grätz den Feind herankommen zu lassen und bei Gödöllä zu erwarten, da die Gegend von da bis über Gyöngyös hinaus kein günstiges Schlachtfeld zu bieten schien. Von der Division Csorich war mittlerweile General Wyß von Waitzen nach Gödöllä gerückt; Fürst Edmund Schwarzenberg, dessen Division jetzt die Infanterie- Brigade Dietrich, die Grenadier-Brigade Schütte und die Cavalerie- Brigadc Bellegarde bildeten, und die Artillerie-Hauptreserve befanden sich marschbereit in Pest. Am 20. berichtigte Fürst Colloredo seine frühere Meldung: der Feind sei nicht vorgerückt, scheine sich vielmehr um Mezä-Kövesd zu sammeln und habe schwache Abtheilnngcn gegen Erlau vorgeschoben; Görgei scheine noch in Kaschau zu stehen. Das änderte den früheren Plan und es galt nun dem Feinde über Gyöngyös hinaus entgegenzugchen. Schwarzenberg erhielt Marschbefehl. An Schlik erging in der Nacht vom 21. znm 22. die Weisung von Pstcrväsär über Erlau und Käpolna seine Vereinigung mit dem II. Armee-Corps zu bewirken; sollte mittlerweile der Feind von Mezä-Kövesd gegen Pest vorgerückt sein so hätte Schlik seinen Marsch auf Gyöngyös zu richten. Die Depesche an Schlik war unterwegs als dessen Bericht aus Rima-Szscs über seine beabsichtigte Unternehmung gegen Sz.-Päter eintraf, woraus man ersah daß Görgei nicht mehr in Kaschau stehe und man es daher mit einer um dessen Armee-Corps verstärkten feindlichen Macht zu thun bekommen werde. Windisch-Grätz beschloß darum auch einen Theil des I. Armee-Corps in der äußersten rechten Flanke Mitwirken zu lassen und bestimmte zur Führung der für diesen Zweck zusammengestelltcn Brigade den Generalstabs-Chef des BannS. An Rainberg aber wurde am 23. Obcrlientenant Usz von Palatinal-Husaren abgcschickt, welcher ihm den Befehl zu überbringen hatte sich über Kaschau gegen Miskolcz in Marsch zu setzen und von da im Rücken der feindlichen Aufstellung zu operiren^H. rj: rj; lieberfall von Pötcrvnsär. 139 Obrist Klapka hatte van dieser combinirten Vorwärtsbewegung der Kaiserlichen keine Kenntnis, oder schlug sie nicht hoch genug an um sich eine Unternehmung entgehen zu lassen zu der ihn Schlik's augenblickliche Aufstellung verlockte. Von diesem befanden sich, wie früher erzählt worden, die beiden vordersten Brigaden in PÄerväsär, von dem weiter rückwärts gelagerten Rest des Corps durch Höhenzüge der Matra getrennt deren Wege und Straßen, besonders in dieser Jahreszeit, nicht überall leicht zu passiren waren. Psterväsar selbst, ein langgestreckter Ort, liegt in einem Gebirgskessel, auf drei Seiten von bewaldeten Höhen eingeschloßcn und konnte unbemerkt auf abgelegenen nur den Anwohnern bekannten Pfaden umgangen werden. Auch hatten es ohne Zweifel die Palüczen nicht unterlassen dem befreundeten Militair die Stellung der Kaiserlichen zu verrathcn, deren Zustand sie überdies als einen durch mühevolle Märsche hcrabgekommenen schilderten; ein Edelmann von Pstervüsür soll bei diesen geheimen Meldungen große Thätigkeit entwickelt haben. Anderseits hatte FML. Schulzig cs bedauerlicherweise unterlassen Befehle für eine nach allen Seiten ausreichende Vorpostenkette zu ertheilen oder deren genauen Vollzug zu überwachen; 3 Compagnien Parma, die für den Sicherheitsdienst ausersehen waren, an und für sich bei dem durchschnittenen Terrain bei weitem nicht genügend, nahmen ihre Stellung mehr gegen die Erlauer Seite hin, so daß die südwestliche Richtung ohne Bewachung blieb' 22 ). Klapka's Plan war aber gerade in erster Linie gegen diese Seite gerichtet. Müriüssy nämlich, den er zur Mitwirkung auffordertc, sollte mit einem Theile seiner Division von Kerecsend gegen Sirok aufbrechen, dort einige Stunden rasten, um Mitternacht linksseitig abfallen und den Feind in der Richtung von Derecske in der Flanke überraschen, während er selbst mit der Division Dessewffy über Bakta gegen die Front desselben losgehen würde. Der Angriff sollte beiderseits gleichzeitig 4 Uhr morgens am 24. erfolgen. Klapka hatte sein Unternehmen ohne Wissen Dcmbiüski's geplant, den er erst nachdem er alle Anordnungen getroffen in dienstliche Kenntnis davon setzte. Dem Oberfeldherrn, der kein Freund solcher Wagstücke aus dem Stegreif war, kam diese vorzeitige Alarmirung Schlik's nicht im geringsten gelegen, er sandte eiligst Gegenbefehl mit der Weisung an Klapka „die Stunde anzugebeu wann er die Depesche erhalten". Die Ordonnanz traf die Colonnen in vollem Marsche, und zwar jene Märiässy's bereits so tief "in den Bergen daß Stunden vergehen mußten che ihn die Contreordre traf. 140 II. 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. Am 24. Februar vor Tagesanbruch gelaugte die Truppen-Abtheilung Müriässy's, von wcgkundigeu Bauern geführt, auf die Höhe des Pster- väsar von der Derecsker Seite abschließenden Bergrückens. Infanterie und Geschütze nahmen ihre Stellung, während die Reiterei zum Beginn des Angriffs in Bereitschaft gehalten wnrde. Märiässy wartete das Zeichen ab das ihm von der Siroter Straße gegeben werden sollte. Nach längerem Harren beschloß er allein vorzugehen. Die Husaren rückten an die Umfassung des in tiefem Schlafe liegenden Ortes, die vordersten stiegen von den Pferden und überfielen die ans dieser Seite einqnartierten Artilleristen in ihren Lagerstätten, zogen sie aus den Häusern heraus, tödteten oder verwundeten mehrere, nahmen andere gefangen, erbeuteten Pferde. Als nun auch die Geschütze von der Höhe ein mörderisches Kartätschenfeucr erösfneten, mit Vollkugeln und Haubitz-Granaten die breite Hauptstraße bis auf den Marktplatz überschütteten, da war der Wirrwar unter der aus ihrer Ruhe aufgeschreckten Truppe maßlos. Ein Theil der Reiterei schwang sich in Hemd und Gatjen auf die Pferde um sich aus dem Bereich der feindlichen Geschoße zu briugeu. Das Fußvolk griff iu größter Eile zu seinen Kleidern, zu seinen Waffen; ein Officier von Parma-Infanterie rettete im letzten Augenblicke die Bntaillons-Casse. Auf dem Hauptplatze standen die ganze Munitionsreserve des Armee- Corps, die Bagage- und Sanitätswagen, und es war ein beispielloses Glück zu nennen daß eine Haubitz-Granate in die Mitte dieser letzten einschlug; ein paar Klafter weiter und das Unheil war unberechenbar. Die Otoöaner waren die ersten die sich um ihre Officiere sammelten; ein Häuflein von etwa 20 Mann stellte sich den Husaren entgegen und hielt diese so lang im Abstand, bis cs den Artilleristen gelungen war einige Geschütze in Ordnung zu bringen und Raketcu-Stativc zu postiren, deren Geschoße sie in die feindliche Flanke richteten. Die Eingedrungenen begannen zu weichen. Eine Compagnie Otoöaner rückte, nachdem der Feind aus dem Orte völlig herausgedrängt war, zum Sturm gegen die ungarische Infanterie vor, deren Reihen einige wohlgezielte Raketen-Geschoße ins schwanken brachten. Schon war auch das 2. Bataillon Latour unter Gewehr getreten und eilte gegen den Feind. Nun gab Märis-ssy, dem inzwischen der Gegenbefehl des Oberfeldherrn zugekommen war, das Zeichen zum Rückzug der thcilweise in regellose Flucht ausartetc. Märiässy nahm die Richtung auf die Siroker Straße und wurde hier von den Truppen Dessewffy's ausgenommen die ihm Klapka für diesen Fall entgegengesandt hatte. Haupt-Quartier des Feldmarschalls in Hatba». 141 Klapka hatte von seinem Standpunkte allen Grund die Schuld des inislnngenen Unlcrnehmens aus die Dcmbiüski'sche Coutrcordre zu schieben, und meinte, wie ganz anders die Folgen hätten sein mäßen wenn die Kaiserlichen, statt von einer Seite mit 5 Compagnien 1 Escadron und 4 Geschützen, von drei Seiten mit 5 Bataillonen und 20 Geschützen, wie er es geplant hatte, überfallen worden wären*). Anderseits war Schlik im Rechte wenn er über Vernachlässigung des Vorpostendienstes in einer so blosgestellten Lage eben so crboßt war, wie über den Verrath der Palüczcn ohne deren heimtückische Zwischenträgerei die Uebcrraschung nicht glücken konnte. Er würde beim Weitcrmarsch den Ort haben anzünden lassen wenn ihn die Rücksicht auf mehrere schwer verwundete Artilleristen die er znrücklassen mußte nicht davon abgehaltcn hätte**). Am 24. Februar verließ Fürst Windisch-Grätz im Wagen die Hauptstädte und begab sich zur Armee. Er nahm am selben Tage sein Haupt- Quartier in Hatvan wohin ihm von Fürst Colloredo Meldung kam daß die Sendung an Schlik nicht habe vollführt werden können da man bei Paräd ans starke Abtheilungen Husaren gestoßen sei; auch habe man morgens Kanonendonner aus der Richtung von Peterväsür vernommen. Der Befehl an Schlik — sein Corps über Päsztö gegen Ghöngyös zu führen und daselbst am 26. einzntreffen — wurde jetzt dem Postmeister von Hatvau anvertraut, der selben wirklich noch in derselben Nacht an den Ort seiner Bestimmung zu bringen wußte. Die Sendung kreuzte sich mit dem Eintreffen des Prinzen von Nassau in Hatvan, den Schlik am Abend zuvor ins große Haupt-Quartier beordert hatte; auch der Prinz hatte auf seinem Ritte am Morgen Kanonendonner aus der Gegend von Psterväsär vernommen. Am 2ö. verlegte der Feldmarschall sein Haupt- Quartier nach Ghöngyös***). Von seinen Unterfeldherren hatte Windisch-Grätz den Banns in Pest zurücklassen zu müßeu geglaubt und ihn mit der Aufgabe betraut die Hauptstädte gegen die mittlere Theiß hin zu decken. Er that es in schmeichelhafter Weise indem er dem Banns „einen zwar sehr wichtigen aber *) Klapka I S. 245. **) KoöiSka S. 227. ***) Nicht, wie es irrthümlich bei Nobili S. 283 heißt, erst „früh morgens" am 26. 142 II. 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. defensiven Wirkungskreis" znwciscnd sich vvrbchielt ihn „in die 2age zn versetzen mit Nachdruck offensiv handeln zu können was bald geschehen wird"*). Doch die freundlichen Worte waren nicht im Stande die tiefe Verstimmung zu heben die man in der Umgebung Jelaöiü' seit dem Einrücken in die Hauptstädte gegen alles empfand was aus dem große» Haupt-Quartier kam, und die sich noch verbitterte als man erfuhr daß der eigene Gcneralstabs-Chef des Corps- Commandanten zum Ausmarsch bestimmt worden, so daß gerade nur er selbst „gleich einem alten Pensionisten" zur Unthätigkeit verurtheilt sei. Denn daß es zu einem neuen Angriff der Ungarn von der Szvl- nvkcr Seite kommen würde, zu dessen Abwehr man sich ebenso kampflustig fühlte als vollkommen gerüstet glaubte, schien für den Augenblick keine Aussicht vorhanden. Zu einem größeren Vorstoß aber war der Banus weder ermächtigt, noch besaß er dazu die ausreichenden Streitkräfte ^). Er verfügte blvs über die Jnsantcrie- Brigaden Gramont Karger und RastiL — früher Neustädter, welch letzterer mittlerweile eine Bestimmung in Kroatien erhalten hatte — und die Cavalerie-Brigade Ottinger, zusammen 9 Bataillone 22 Escadrvuen 48 Geschütze, womit vorzüglich die beiden wichtigen Uebcrgangs-Punkte bei Szolnvk und Czibakhäza im Auge zu halten waren. Bei Szolnvk hatte man, wie früher erwähnt, in der ersten Hälfte Februar die Anlage eines Brückenkopfes begonnen, der am 17. vollendet war und mit schwerem Geschütz versehen wurde eine Unternehmung, welche ungarischerseits am 18. mit einer stärker» Abtheiluug Infanterie, einigen Schwadronen und Geschützen gegen denselben versucht worden, hatte dem Feuer der Kaiserlichen weichen müßen. In Czibak- hüza hatten die Ungarn die bei dem' letzten Angriffe der Kaiserlichen theilweise zerstörte Brücke wieder hergestellt und die Besatzung verstärkt, die jetzt 1 Bataillon Schwarzenberg, 1 Division Franz Karl, 2 Bataillone Honvods, 2 Escadrvnen und anderthalb Batterien betrug. Am 24. abends L 2 L L ülLL»t.s4> 1: 2V0.0UV Erfolgloser Angriff Ottinger'S auf Czikmkh-lza. 143 brach General Ottinger mit 2 Bataillonen 6 Escadronen und 3 Batterien von Nagy-Abony ans und stand nach einem siebenstündigen Nacht- marsch 5 Uhr morgens am 25. an der Theiß jenseits von Czibakhaza wo man die Ungarn, die offenbar von dem Anmarsch beizeiten unterrichtet worden, in voller Verfassung fand die Kaiserlichen zu empfangen. Ihre Geschütze waren, wenn auch an Zahl geringer, durch ihre gedeckte Stellung und die höhere Lage gegen die Kaiserlichen im Vortheil. Die Einleitung des Kampfes begann 8 Uhr eine gegenseitige Kanonade während welcher Ottinger seine Infanterie an die Brücke heran und zum Sturm vorführte. Der Angriff wurde blutig zurückgewiescn. Major Leiniugen an der Spitze des abgefallenen Bataillons Schwarzenberg dringt über die Brücke vor und wirst die Kaiserlichen zurück, denen aber neue Colonnen zu Hilfe eilen, worauf sich die Sache wendet und Leiningen, der in der Hitze des Kampfes das Zurückweichen seines Bataillons nicht rechtzeitig wahrgenommen, umringt, gefangen und in eine Scheuer unweit der Brücke in Verwahrung gebracht wird. Die retirirenden Schwarzenberg haben bereits die Brücke erreicht als sie das Verschwinden ihres Führers bemerken. Sie machen Halt, wagen einen neuen Angriff, dringen stürmend bis zur Scheuer vor, wo sie nicht blvs Leiningen befreien sondern auch Gefangene machen und im Triumph zu den Ihrigen bringen. Ein drittes-, ein Viertesmal erneuern die Kaiserlichen den Sturm gegen die Brücke, eine Kartätschenladung empfängt sie jedesmal und wirft sie zurück. Ottinger erkennt die Nutzlosigkeit fernern Kampfes, führt seine Truppen außer den Bereich der ungarischen Geschoße, 1 Uhr nachmittags, und tritt den Rückzug an. Sein Verlust war nicht gering an Mannschaft — bei Erzherzog Karl allein 18 Mann todt und 19 verwundet — und unverhältnismäßig groß an Officieren, von denen zwei fielen, Hauptmanu Jova- noviö vom 2. Banal-Gränz-Jnf.-Regimcnt und Oberlieutenant Digby von Wallmoden-Kürassieren, und vier verwundet wurden, davon einer zugleich gefangen lieber den ungarischen Verlust ist mir nichts verläßliches bekannt geworden; doch war derselbe nach dem Gang des Gefechtes und nach der ungünstigen Aufstellung der kaiserlichen Geschütze ohne Zweifel geringer. Die Rückkehr Ottinger'S in seine frühere Station war auch deshalb begründet weil Knndschaftermeldungen über einen neuerdings bevorstehenden Angriff auf Szolnok einliefcn, und zwar sollte derselbe von drei Seiten gleichzeitig erfolgen: südlich von Czibakhäza, dann gerade auf den Brückenkopf, endlich von Norden her über Püspöki und 144 H, 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. Szajol; nn letzter» Orl seien, so lautete die Anzeige, bereits 30 Wagen mit Material zum Brückenbau geschafft wordenes). Jelnöiö hatte aber nebst dem äußeren Feind die unruhigen Elemente der Hauptstädte nicht anßerncht zu lassen die seit dem Ausmarsch des II. Armee-Corps und der lebhafter» Truppenbewegung jenseits der mittleren Theiß eine fieberhafte Thätigkeit entfalteten, was sich zunächst in allerhand Gerüchten bemerkbar machte durch welche sie die Einwohnerschaft in Aufregung versetzten. Man erzählte sich von zwei Frauenzimmern die in Münnerkleidern im kaiserlichen Lager das sie ansspioniren wollten anfgegrisfen und gefesselt nach Pest gebracht worden seien. Der „lllZ/öl- msriü" schrieb, die Militair-Behörde sei einer Wcibcrvcrschwörung auf die Spur gekommen, an welcher besonders Damen ans höheren Kreisen theil- genommen hätten und die nichts geringeres im Auge gehabt habe als der kaiserlichen Besatzung, sobald einmal die ungarische Armee bis Waitzen vorgedrnngcn, eine sicilianische Vesper zu bereiten. Das waren ohne Zweifel Fabeln. Thatsnche war daß der Feldmarschall noch keine zwei Tage ins Feld gerückt war und cs eine förmliche Wallfahrt nach dem Blocksberg gab, von wo sich die Leute schier die Augen ansguckten um die ungarische Armee, wie ihnen geweissagt, im Triumph einmarschiren zu sehen. Gras Wrbna hatte darum vor seinem Abgang ins Feld, 23. Februar, seinen Tagesbefehl vom 26. Januar erneuert und Statthaltereirath Havas die Schließung aller Gast- und Kaffeehäuser und öffentlichen Schankräumlichkeiten mit dem Schlage Mitternacht befohlen, bei Strafe der Verhaftung von Wirth und Gästen, das zweitemal Sperrung des Locals. Diese Strenge war auch darum geboten weil nach dem Ausmarsch des II. Armee-Corps und der Colonne Zeisberg vom I. der ganze Soldatenstand in Pest-Ofen 2 Bataillone für den Wachdienst betrug; dazu die Musikbanden sämmtlicher Cavalerie-Rcgimenter und die Leibwache JelaÄö', die äereLaner. Die Mannschaft der Musikbanden stellte Major Graf St. Quentin zu zwei kleinen Escadrons zusammen, theilte „Kibitze" als Officiere ein und suchte nach einem Commandanten; „viel Feind wirft sich schwerlich auf uns, und als ultima, ratio bliebe uns ja die Festung!" Oder sollen wir etwa, hieß es in der Umgebung des Banns, „gar noch die Russen zu Hilfe rufen, wie General Lüders bereits in Siebenbürgen aus der Walachei eiumarschirt ist?!" Denn die Hermannstädter Vorfälle der ersten Februar-Tage waren jetzt erst, vor dem Auszug des Feld- marschalls ins Feld, im großen Haupt-Quartier bekannt geworden. Die Pester Stimmungen und Gerüchte. 145 äereLaner verdoppelten die Wachsamkeit um ihren vergötterten Banns. War diesen bösen Magyaren nicht zuzutrnuen daß sie ihm ans Leben wollten?! Gleich Bildsäulen standen ihrer zwei Schildwnche vor der Einfahrt des Hotels „znm Tiger", und des Nachts lagerten sie auf den Treppen, in den Gängen, vor den Thüren der Zimmer in denen ihr Haupt und Führer weilte. Jelaöiü für seine Person kannte keine solchen Besorgnisse, doch mußte er seine Leute gewähren lassen um sie nicht zu kränken. Was ihn näher auging und was in seiner jetzt vereinzelten Lage allerdings nicht ohne Einfluß und Bedeutung sein mußte, war daß man im großen Haupt-Quartier so ganz und gar vergaß ihn in Kenntnis dessen zu erhalten was ans dem Kampsplatze vorging und wie sich die Dinge dort entwickelten^). * Am 25. Februar kt Uhr vormittags ritt Dembiüski an der Spitze eines ansehnlichen Geleites, darunter Görgei, in die alte Erzbischofstadt Erlau ein; ihm folgten mit klingendem Spiel und wehenden Fahueu die Brigade Schulz und die Hauptquartiers - Colonne Görgei's. Zahlreiche Equipagen waren den Kommenden zur Stadt hinaus eutgegengefahren die jetzt den festlichen Einzug mitmachten; Straßen und Plätze erfüllte eine jubelnde Menge, aus allen Fenstern winkte und grüßte cs mit Hand und Mund, mit Hüteschwcnkcn lind Tücherwehen. Dembiüski schlug sein Haupt-Quartier in dem prachtvollen Palais des Erzbischofs auf wo es an fürstlichen Genüßen der Tafel nicht fehlte, eine fürDembiüski's Sybaritismns, so stichelten seine Gegner, keineswegs gleichgiltige Sache, welcher dagegen Görgei die volle Geringschätzung seines abgehärteten Wesens cntgegenbrachte. Auch sonst gab es zwischen den beiden so entgegengesetzten Naturen fortwährende kleine Anläße zu Mißbehagen und gegenseitiger Entfremdung > 2 ?). Am Abend kehrte Görgei zu seinen bei Mezü-Kövesd und Mezü-Keresztes gelagerten Divisionen zurück, um sich am folgenden Morgen im Hanpt-Quartier seines Oberfeldherrn wieder einznfinden. Dieser, der sich nach einigen Stunden der Ruhe sehnte, erlag schier den Huldigungen die ihm bis in die tiefe Nacht hinein gebracht wurden: Abend-Empfang beim Erzbischof, großartiger Fackelzug, Nachtmusik, Anreden in ungarischer Sprache, deren bezeichnende Stellen ihm die Erlauer Domherren ins Deutsche übersetzten. In der Nacht und am andern Morgen erhielt Dembiüski Depeschen aus Debreczin. Ein Brief Kossuth's jammerte im alten Tone: Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. Z. 10 146 II. 10. Vorbereitungen »nd Zwischenfälle. „Also wieder keine Schlacht und es ist schon der 23. Der Zeitverlust tödtet uns! Nur eine gewonnene Schlacht und dann ist alles gut!" Daran knüpfte sich die Mahnung Dembiüski möge keinen Ungehorsam dulden, jeden der sich dessen erdrcistc vor ein Kriegsgericht stellen*). Bald darnach traf ein neues Schreiben Kossuth's ein, der Dembiüski einlud sich persönlich in Tisza-Füred einzufinden wohin er, Kossuth, mit General Kiss „und noch einer dritten Person" kommen und sich mit ihm „wegen Görgei's Ungehorsam besprechen" wolle. Dembiüski lehnte die Aufforderung ab weil er sich im Augenblicke von der Armee nicht entfernen wollte; „übrigens seien die Mishelligkeitcn mit Görgei beglichen; wünsche Kossuth dennoch eine Unterredung so möge er sich nach Erlau bemühen". Kossuth war aber kein besonderer Freund von Pulver und Kugeln, und so unterblieb die Zusammenkunft^). Dembiüski benützte seinen Aufenthalt in Erlau um mit Szemcre Verpflegs-Angelegenheiten, mit Görgei die nächsten Operationen zu besprechen, das in dem weitläufigen erzbischöflichen Seminar untergebrachte Militair-Hospital zu besuchen und allerhand laufende Dienstsachen zu erledigen. Dembiüski's Augenmerk war noch immer in erster Linie auf Schlik gerichtet, während er anderseits darauf wartete daß sich Vscsey in Török- Sz.-Miklüs und Damjanich in Czibakhüza rührten. Seit drei Tagen hatte sein bester Courier Nathan Nagy den Auftrag sich mit einem gut bespannten Wagen in Bereitschaft zu halten um, wenn Nachricht von der mittleren Theiß käme, jeden Augenblick seine Reise antrcten zu können. Als ihm in dieser Zeit Klapka durch einen Ordonnanz-Officier sagen ließ daß er Schlik „mit 25 Pferden" beobachten lasse, fuhr Dembiüski in die Höhe: „Was?! Mit 25 Pferden?! Sagen Sie dem Obristen er solle mit all seiner Kraft trachten Schlik so tief als möglich im Thale gegen Pütcrväsür anfzuhalten!" Ani selben Tage hatte sich Graf Schlik mit den Majoren Gablenz und Prinz von Nassau und dem Rittmeister Grafen Török zu Pferde gesetzt um sich persönlich ins große Hanpt-Quartier zu begeben, wohin ihn der Feldmarschall behufs mündlicher Rücksprache berufen hatte. Schlik hinterließ den Befehl alle Brigaden, mit Ausnahme jener des Generals Parrot der über Püsztü gegen Pata vorzurücken hatte, in Püterväsrir zu sammeln Voller Wortlaut bei Danzer I S. 154 f. Schlik im große» Haupt-Quartier. 147 was für die entlegensten in Nemthi einquartierten Truppen auf den knietief verschlammten Wegen den Rest des 25. bis tief in die Dunkelheit in Anspruch nahm Schlik mit seinem Geleite und einer Bedeckung von 12 Kürassieren ritt inzwischen in Trab und Galopp über Nemthi und Vereböly bis Päszto wo ihn ein durch den General Parrot bestellter Wagen erwartete. Die Mienen der Einwohner, ihre verschränkten Arme, ihr trotziger Blick zeigten nichts freundliches, und in der That war es darauf abgesehen das Häuflein kaiserlicher Reiter nbzufangen und an den nächsten ungarischen Posten abzuliefern. Schlik begab sich deshalb ans das Stadthaus wo er in gebieterischem Tone Anordnungen traf, als folge ihm die Vorhut seines Armee-Corps auf dem Fuße nach, dessen Verpflegung er der Sorgfalt der Behörden und Bürger empfahl, während er seinem Or- donnanz-Corporal im Vertrauen den Auftrag gab die Pferde für den Hcimritt nach Pöterväsär in Bereitschaft zu halten*). Der Empfang den der „Held Ober-Ungarns" in Gyöngyös fand, wo er etwa 8 Uhr abends cintraf, zeigte ungemeine Herzlichkeit und Freude; es war, wie sich Nobili ausdrückt, „seit der Eröffnung des Feldzuges das erstemal daß man dieses tapferen vom Glück begünstigten Generals im Haupt-Quartier ansichtig wurde". Nicht so angenehm stand es mit dem was er über die letzten Schicksale und die jetzige Stellung seines Armee-Corps zu berichten hatte und was nicht ohne Einfluß auf die nächsten Operationen der Haupt-Armee bleiben konnte. Am 25. Februar befanden sich die Division Csorich und die Brigade Schütte in Gyöngyös, die Division Schwarzenberg in ^rok-Szälläs; die kaiserlichen Vorposten standen eine Stunde vorwärts dieser Orte. Den Feind, angeblich 40.000 Mann stark, vermuthete inan in Erlau Maklär Mezü-Kövesd Poroszlü; von Käpolna kamen weder Reisende noch Land- leutc nach Gyöngyös, ohne Zweifel durch die Ungarn aufgchaltc». Fürst Windisch-Grätz fand die Gegend die er innc hatte nicht geeignet eine Schlacht anzunehmen; auch wollte er der Gefahr ausweichen daß die beiden Divisionen des II. Armee-Corps einzeln angegriffen würden. Er beschloß darum am nächsten Tage nach Käpolna und Kaäl aufzubrechen, während Schlik in Gyöngyös einrücken sollte um entweder gegen Käpolna oder gegen Heves, wohin General Zeisberg mit der zusammengesetzten Brigade vom I. Armee-Corps beordert war, Unterstützung *) Koöivka S. 229 s. io* 148 II. 10. Vorbereitungen und Zwischenfälle. zu leisten und thätig eiuzugreifeu. Aus Schlik's Mittheiluugeu erfuhr man aber daß seine Brigaden noch in Psterväsär standen, was es jetzt, wo man mit dem Vormarsch gegen den Feind nicht länger zuwarten zu dürfen glaubte, unmöglich machte daß sein Corps zu rechter Zeit in Gyön- gyös eintreffe. Schlik erbot sich darum über Sirok und Verfielst vorzurücken woselbst er am nächsten Abend eintreffen und von da dem II. Armee-Corps die Hand bieten zu können meinte. Nach einigen Einwendungen die vorzüglich aus den Schwierigkeiten des Vorrückens in der Thalenge der Tarna mit einem, wie man im kaiserlichen Haupt-Quartier meinte, übermächtigen Feinde in der linken Flanke hergeholt waren, ließ man sich den Vorschlag gefallen. Nur die Brigade Parrot sollte ihren Marsch auf Gyöngyös fortsetzen, und die Bagage unter Bedeckung eines Bataillons Gränzer über Päsztö und Apcz nach Hatvan geschickt werden*). *) Nobili S. 283—287. Tagesbefehl des Feldmarschalls von Hatva». 149 Nachdem Schlik beim Feldmarschall einen Thec genommen bestieg er mit seinen Begleitern um Mitternacht wieder den Wagen, stieg in Pklsztü bei einem alten Bekannten ab wo er etwas frühstückte, und schwang sich ehe der Morgen graute aufs Pferd um den unsicher» Platz so bald als möglich im Rücken zu haben. Auch der Weiterritt wurde mit Vorsicht unternommen, da man im Gebirge Hinterhalt zu besorgen hatte; Török ritt, wo sich die Straße gegen eine Höhe wand, voraus um einen Ueberblick zu gewinnen ob die Gegend vom Feinde frei sei. * * 4 - Noch aus Hatvan 25. Februar hatte Windisch-Grätz einen Tagesbefehl an seine Truppen erlassen. Der Augenblick sei erschienen den Feind „zur Ausführung eines entscheidenden Schlages" versammelt zu finden. „Soldaten, ich halte mich überzeugt daß Euch dieser Moment willkommen ist! Das Heer der Rebellen wird unseren hier concentrirten Streitkräften an Zahl weit überlegen sein. Allein ich trage kein Bedenken im Vertrauen auf Eure Tapferkeit auch einem zweifach überlegenen Feinde die Spitze zu bieten. An Euch ist es nun die Gewalt des hohen Muthes, den uns die gerechte Sache des Monarchen und des Vaterlandes verleiht, den Werth der Disciplin und der Kriegsgcwandtheit zu erproben, womit die Armee Oesterreichs die Feinde ihres Kaisers zu allen Zeiten selbst unter den ungünstigsten Verhältnissen überwunden hat." Er erinnerte sie an die heißen Kämpfe von Wien, an die Tage von Bäbolna Moor Kaschau Schemnitz, und knüpfte seine Erwartung daran daß „am nächsten entscheidenden Tage ein neues Blatt des Ruhmes in Oesterreichs Kriegsgeschichte durch Euch eingeschaltet wird. Der Dank des auf Euch zählenden Führers, die Anerkennung unseres jugendlichen Kaisers, der Segen der nach Frieden sich sehnenden Völker wird Euer Lohn sein" *). Der Geist der vorwärts marschirenden Truppen ließ in der That nichts zu wünschen übrig. Es gab da keinen Unterschied der Nationalität; das Gefühl der Waffenbrüderschaft, des Kampfes für ihren obersten Kriegsherrn, für das gemeinsame Vaterland drängte alles andere zurück. Auch auf ungarischer Seite war mau der Ueberzeuguug daß die nächsten Tage einen Hanptschlag bringen würden. Als am 25. die Truppen der Division Csorich, das 2. Jäger-Bataillon an der Spitze, Gyöngyös singend *) A. A. Ztg. 1849 Nr. 75 S- 1144. 150 II. 11. Der erste Schlachttag bei KLpolna. und jubelnd verließen, vernahmen sie aus der Volksmenge welche diesem Schauspiele zusah die Worte: „Wartet nur bis morgen, da wird euch wohl das Singen vergehen!" Der Fcldmarschall selbst sowie die Officiere seines Haupt-Quartiers waren in der besten Laune, obwohl man sich den Ernst der Lage keineswegs verhehlte. Es gab wohl solche die da meinten das Ziel dem Krieg mit einem Schlage ein Ende zu machen werde sich jetzt erreichen lassen und die feindliche Hauptmacht von drei Seiten umstellt — Wrbna von Süden, Schlik von Westen, Ramberg von Norden — bei einer entscheidenden Niederlage zu einer Capitulation n In Ulm gezwungen werden, dafern nicht Dembinski klüger als Mack die strategische Mausfalle rieche und beizeiten zum Rückzug blase*). Führte aber der Schlag den man vor hatte nicht die gewünschte Entscheidung herbei und hielt sich Komorn, dann war man bis auf weiteres d. h. so lang keine ausreichenden Verstärkungen nachkamcn, ans die Vertheidigung dessen was man bereits hatte angewiesen, vor allem ans die Behauptung der Hauptstädte, nicht blos weil sie den Mittelpunkt des Landes, sondern auch durch die Ueber- gänge die sie schützten die Donau-Linie beherrschten. 11 . Die von Windisch-Grätz für den 26. Februar getroffenen Dispositionen waren diese: Schlik über Sirok gegen Verfielst — Wrbna mit der Division Csorich von Gyöngyös gegen Käpolna — Edmund Schwarzenberg von ^.rok-Szälläs gegen Kaäl — Zeisberg nach Heves. Eine auf Vorposten gegen Solymos stehende Division Erzherzog Stephan, Hanptmann Radanovich, und eine in Säär stehende Jäger- Division, Hanptmann von Brandenstein, hatten Befehl gegen Verfielst vorzurücken, dort das Erscheinen Schlik's abzuwarten und sodann bei ihrer zur Brigade Colloredo gehörigen Truppe einzurücken. Der Gesammtstand der operircnden kaiserlichen Truppen betrug nach den Standcs-Rapporten *) tt Pest 23. Februar A. A. Ztg. Nr. 60 S. 915; offenbar aus der Feder eines kaiserlichen Osficiers. Gegenseitige Dispositionen zur Ausnahme des Kampfes. 151 rund 23.000 Mann. Für seine Person beschloß der Feldmarschall, der von der Voraussetzung ausging der Feind werde sich ihm zwischen Kerecsend und Mezü-Kövesd stellen, den 26. in Gyöngyös zu bleiben, die von den verschiedenen Corps einlaufenden Meldungen abzuwarten und sich dann am 27., für welchen Tag er die Schlacht erwartete, nach Käpolua zu begeben. In der That lag cs im Plaue Dcmbmski's nicht vor dem 27. zu schlagen, de» Kampf herwärts von Mezä-Kövesd aufzunehmcn, nnd hatte er sich für diesen Zweck die Linie der Tarna ansersehcn. Es ist dies ein Flüßchen das im Matra-Gcbiete ein paar Stunden oberhalb Psterväsär entspringt und von da in einem von'Norden nach Süden gerichteten wenig gewundenen Laufe bis Bod fließt, wo es etwas westwärts ciubicgt um sich südlich von ^rok-Szüllüs bei Jäsz-Bersny mit der Zagyva zu vereinigen. Die Tarna durchströmt in ihrem Oberlaufe die Engen von Sirok und Verfielet und fließt von da zwischen sanfteren Höheuzügen hin, die an ihrem linken östlichen Ufer oberhalb Käpolna, au ihrem rechten westlichen etwas unterhalb Kompolt in die große mittelungarische Ebene hinaustrcten. Ihr Oberlauf bietet bei Sirok und Verfielet die entschiedensten Vortheile für eine Verthcidiguug und das war, wie früher erwähnt, die Strecke in der Schlik angriffsweise vorzugcheu hatte. Ihr Mittellauf von Verfielet bis Kompolt hat ein tief eingeschuittenes, nur iu den größeren Orten überbrücktes Bett. Das sonst wenig bedeutende Flüßchen war in Folge des letzten Thauwetters etwas augcschwollen, auch waren die von Gräben und Canälen durchschnittenen Niederungen zu beiden Seiten an vielen Stellen versumpft; doch zeigten sich im Flußbette hin und wieder seichtere Stellen die mau durchfahren und durchwaten konnte. Alle diese Bodenverhältnisse kamen der von Dembinski gewählten Stellung zu statten, die nur dadurch im Nachtheile war daß die am westlichen Ufer sich hinziehenden Hänge fast durchaus höher waren nnd daher die drübigcn beherrschten. Diescmuach war die Vertheilung der ungarischen Streitkräfte diese: Klapka mit der Division Dessewsfy von Sirok bis Verfielst — Brigade Schulz in Erlau und im Defils von Bakta — Pöltenberg iu Debrä — Märiässy in Käpolna — Brigade Sekulich in Kaäl — Brigade Hertelendy in Poroszlö, 152 II. 11. Der erste Schlachttag bei Käpolna. Die drei andern Divisionen vom Armee-Corps Görgei's waren am 26. im Anmarsch begriffen, und zwar Aulich in Maklär, Guyon in Mezö-Kövesd wohin Görgei sein Corps-Qnartier verlegt hatte, Kmety in ^bräny. Die Gesammtzahl der ins Feld rückenden ungarischen Truppen schlug Dembiüski ans 30.000 Mann an, während sie Klapka mit 3? Bataillons 44 Escadrons und 136 Geschützen, zusammen 36.000 Mann bezifferte *). Dembiüski's Plan im großen war dahin gerichtet Windisch-Grätz mehr nordwärts zu locken und da festzuhalten, während Damjanich, deni Vöcsey als Unterstützung dienen sollte, über Czibakhüza nach Szolnok hervorbräche und gegen die Hauptstädte operirte; gleichzeitig hatte Nspasy mit einer starken Reiterabtheilung nordwärts gegen Szerencs vorzugchen und die Meinung zu verbreiten daß die Hauptmacht von 40.000 Mann ihm nachrückc; durch letzteren Schachzug sollte verhindert werden daß Ja- blonowski — von dem Commando-Wechsel durch Ramberg wußte Dembiüski nichts — von Kaschau ans gegen den Rücken der ungarischen Aufstellung vorrückte. Im allgemeinen fehlte es Dembiüski eben so sehr au genauen Nachrichten über die Aufstellung der Kaiserlichen, wie umgekehrt den letzter» über die seinige. Der ungarische Oberfeldhcrr vermuthete den Fürsten Windisch-Grätz mit seiner Hauptmacht erst in Hatvan; nur ein Theil der kaiserlichen Truppen, welche Spione auf 12.000 Manu schätzten, habe ^rok-Szülläs besetzt. In Gyöngyös hingegen meinte man, wie früher erwähnt, die Ungarn stünden weiter nach Nordost, obwohl aus der dortigen Gegend ankommende Flüchtlinge übereinstimmend meldeten sie seien im Anmarsch auf die Hauptstädte. Dembiüski, der noch immer in Erlau weilte, war eben beschäftigt dem Hauptmann Löwinger seine Anordnungen in die Feder zu dictiren, als gegen 11 Uhr vormittags Görgei bei ihm eiutrat. Es wurden Maßregeln zur Verpflegung der Truppen besprochen, wobei Dembiüski Görgei's Urtheil über die Kriegsfähigkeit derselben zu vernehmen wünschte. Der Gefragte, Pessimist und sarkastisch wie immer, gab zum Bescheid: „Rechnen Sie auf die Tapferkeit und Ausdauer der ungarischen Truppen gar nicht. Lassen Sie dieselben einen Wald, ein Dorf stürmen, so werden Sie dies mit Muth ausführen; wenn aber der erste Anprall mislingt so kommt den Officieren die Mannschaft aus der Hand**)". Dasselbe bestätigte der *) Danzer I S. 167 f. vgl. 184; Klapka I S. 247 Aiun. **) Vgl. Danzer I S. 166 f. mit Görgei I S. 222 f. Ausmarsch der Kaiserlichen aus GyöiigiM. 153 herbeigerufene Bayer, und doch hatten beide nach dem was der gemeine Mann in Windschacht und am Branisko geleistet, wenn auch an er- sterem Orte mit ungünstigem Erfolge, keine Ursache so zu sprechen! Der Anmarsch gegen die Tarna wurde wegen Unterbringung der Truppen in den kalten Februar-Nächten in getrennten Colonnen eingeleitet. Gegen 9 Uhr vormittags am 26. Februar rückte die Brigade Parrot vom Schlik'schen Armee-Corps, das von jetzt an „das dritte" hieß, in Gyöngyös ein. Das 3. Bataillon Erzherzog Stephan, das den Vortrab bildete, traf hier seit 1846 znm erstenmal wieder mit den beiden Feld-Bataillons seines Regiments zusammen, und mit freudigem Willkomm begrüßten einander Officiere wie Mannschaft, bis das Vergatternngs- zeichen des 1. und 2. Bataillons zum Abmarsch rief. Die Brigade Parrot hatte vorderhand als Reserve in Gyöngyös zu bleiben. Der Feldmarschall ließ den Ermüdeten Brod Wein Fleisch anweisen; auch ihre sehr hcrab- gekommcnen Monturen wurden durch frische ersetzt. Zur selben Zeit, etwa halb 10 Uhr vormittags, defilirten die Truppen der Division Csorich bei dem Gyöngyöscr Schloße vor dem Oberfeldherrn; es waren die Brigaden Cvlloredo Wyß Schütte, von denen die ersten beiden mit dem CorpS- Commandanten an der Spitze sich sogleich gegen Käpolna in Marsch setzten, während Schütte mit lO Compagnien Grenadieren von den Bataillons Rattay und Richter, 1 Escadron Johann-Dragoner — 2 Compagnien und 1 Escadron blieben im Haupt-Quartier des Feldmarschalls zurück — und der Artillerie-Reserve eine Stunde später Nachfolgen sollte^). Die Division des Fürsten Edmund Schwarzenberg war um 9 Uhr vormittags von ^rok-Szülläs aufgcbrochen; als Graf Wrbna mit der Division Csorich auf der Höhe von Detk angelangt war, konnte er nach Nagyüt hinübersehen das eben Abtheilungen der Division Schwarzenberg durchzogen. Beide Colonnen, sowohl die gegen Käpolna als die nach Kaäl vorrückende, stießen während ihres Marsches wiederholt auf ungarische Husaren-Schwärme die aber jedesmal eiligst Kehrt machten. Nur bei der Vorhut Schwarzenberg's, von Obstl. Graf Nostic geführt, kam es mit einer dieser Abtheilungen zu einem Reitergefecht, wobei die Husaren geworfen, mehrere von ihnen getödtet und verwundet, 14 gefangen wurden'^). Es ist früher erwähnt worden daß die ungarische Aufstellung am östlichen Ufer der Tarna insofern ungünstiger war als sie von den höher ansteigenden westlichen Höhenzügen beherrscht wurde. Am meisten war dies 154 II. ll. Der erste schlachttag bei KLpolna. bei Debrö und Käpolna der Fall, welche beiden Orte sich deshalb ohne gleichzeitigen Besitz des gegenüber liegenden Thalrandcs auf die Länge nicht halten ließen. Allein kaum war es diese strategische Erwägung sondern seine augeborne Verwegenheit und Kampfeslust, was Märiässy am Vormittag des 26. zum Aufbruch seiner Husaren von Käpolua bewog uni, wie er sich später gegen Dcmbmski rechtfertigte, eine scharfe Aus- kundung gegen ^rok-Szülläs vorzuuehmen. Als er hierbei auf die im Anmarsch begriffenen Kaiserlichen stieß führte er alle seine Truppen aus Käpolua ans das rechte Ufer der Tarua, und ersuchte Pöltenberg von Debrü und Sekulich von Kaäl ans ein gleiches zu thun. Märiüssy stellte seine Infanterie quer über die von Gyöngyös herführende Straße auf, vor sich zu beiden Seiten der Straße meist Weinberge, die rechte Flanke durch einen theilwcise gelichteten Wald gedeckt, der sich von da bis zu einer nach Vocs hinabführendcn Schlucht zog. Den linken Flügel gegen Kompolt hin sollte Cavalerie bilden, und hier kam ihm ein zwischen Käpolna und Kaäl vorspringcnder Wald zu statten durch den sich, ohne vom Gegner beobachtet zu werden, die Verbindung mit Sekulich Herstellen ließ. Dieser letztere hatte inzwischen seine Brigade gleichfalls über die Tarua geführt und au einem vortheilhaftcn Punkte aufgestellt; etwa 1200 Schritte vor seiner Front zog sich ein breiter Wassergraben über welchen eine steinerne Brücke führte. Es war gegen 2 Uhr nachmittags als Schwarzenberg der Ungarn ansichtig wurde und seine Infanterie in zwei Tressen, an jedem der beiden Flügel eine halbe Batterie, aufmar- schircu ließ; seinen äußersten linken Flügel gegen den Kompolter Wald hin bildete eine Division, seinen rechten eine Escadron Max-Aucrsperg- Kürassierc mit je einer halben Batterie; eine dritte Batterie wurde hinter den Linien des Centrums verdeckt gehalten. Die Ungarn erösfneten auf die anrückenden Kaiserlichen ein Geschützfener, das von diesen, sobald sie ihre Aufstellung genommen hatten, aus allen Batterien erwidert wurde; da der Boden stark aufgeweicht war verschlugen sich die meisten Geschoße. Diese Kanonade war zur Division Csorich hinüber zu vernehmen, als selbe eine Wegstunde vorwärts von Käpolna die feindlichen Linien im Aufmarsch begriffen sah; die von Gyöngyös herführende Straße hat hier eine sanfte Steigung, auf welcher die Kaiserlichen gegen die ungarische Aufstellung vorrückteu. Das de» Vortrab der Brigade Wyß bildende 2. Jäger-Bataillon stieß zuerst auf die feindlichen Vorposten, etwa halb 3 Uhr nachmittags, und es gab nun, während die Haupttruppe im An- Aufstellung MüriLssy'S herwärts von KLpolua. 155 marsch begriffen war, ein langwieriges völlig ergebnisloses Geplänkel. Graf Lato Wrbna zeigte große Ruhe. „Ich werde die Kerls angreifen", sagte er zn seiner Umgebung und traf, während von drüben her bereits die Geschütze zu spielen begannen, die für die Aufnahme des Kampfes zweckdienlichsten Anordnungen. Er ließ eine Cavalerie-Batterie unter Deckung einer Escadron Kreß-Chevauxlegers und einer Division Fürsten- wärther links der Straße Vorgehen und ordnete das Gros seiner Infanterie in je zwei Treffen, die Brigade Wyß rechts, die Brigade Colloredo links, die Batterien zwischen beiden nächst der Straße. Letzteres war der schwache Punkt seiner Aufstellung weil die Kanonen, wenn die Truppen rechts und links weiter ab engagirt wurden, fast ohne Bedeckung blieben >^). Mit klingendem Spiele marschirten die Bataillone auf, während Mä- riässy eine Batterie nach der andern ins Gefecht brachte, deren Feuer so wirksam wurde daß die vorgesandte kaiserliche Reiterei bald nach der einen bald nach der andern Seite abschwenken mußte. Die Gcschützkugeln der Ungarn überschoßen aber häufig die Schlachtliuie und trafen den etwa 400 Schritt nach rückwärts hergerichteten Verbandplatz, wo die Zwölf- pfünder wie die Erbsen in den weichen Boden einschlugen, so daß die Feldärzte und Feldgeistlichen sich einen entfernter» Punkt aufsuchen mußten. Die Linie der Ungarn dehnte sich links gegen Kompolt rechts gegen den Vocser Wald immer weiter aus, gegen welch letzteren Wrbna auf das Einrathen Wyß' eine Compagnie vom 6. Jager-Bataillon rücken ließ. Es war das auch hoch an der Zeit; denn dieser selbe Wald war es den Pölteuberg von Dcbrü aus iu Angriff nahm, um die kaiserliche Aufstellung in der linken Flanke zn umgehen. Nicht minder groß war um diese Zeit die Bedrängnis am rechten Flügel der Division Csorich, wo eine Compagnie vom 2. Jäger-Bataillon und die Cavalerie-Batterie, Cvmmandant Hauptmann Heinrich Leidl, von den Geschützen Märiässh's arg ins Kreuzfeuer genommen wurden; auch die Honvods schoßen schnell und gut. Leidl hatte binnen kurzem einen so starken Verlust an Leuten und Bespannung daß er glaubte sein Feuer einstellcn und eine gedeckte Stellung hinter dem ersten Treffen suchen zu müßeu. Da ritt Major v. Dürfeld, Commnudant der Zweier-Jäger, auf ihn zu und sagte mit seiner gewohnten Gelassenheit: „Sie wollen abfahren? Ich mit meinen Leuten bleibe!" Aus dies hin änderte Leibl seinen Entschluß, ließ von neuem feuern und Hielt tapfer aus, bis eine aus dem Ccntrum vorrückcude kaiserliche Batterie ihm Luft machte; er hatte fast die Hälfte seiner Mannschaft und Pferde verloren. 156 II. 11. Der erste Schlachttag bei Kspolna. Ncich dem Abmärsche seiner Truppen aus Gyöngyös hatte Windisch- Grätz einen Bericht an den Kaiser aufgesetzt. Vom Banns sei ihm Anzeige von dem mislungencn Unternehmen ans Czibakhüza erstattet worden; die Zeitungen meldeten daß es überall gähre; von dem Schicksale des morgigen Tages dürfte daher viel abhängcn. Er wies auf die geringe Truppenmacht die ihm zu Gebot stehe, auf die Möglichkeit unvorgesehencr Zwischenfälle, daher auf die Unsicherheit des Ausganges hin. „Ich werde", so schloß er seinen Vortrag, „nichts destoweniger den Feind, wahrscheinlich morgen, in seiner Stellung angreifen, wenn nämlich heute meine Vereinigung mit dem Grafen Schlik vollkommen zustande kommt"*). Merkwürdiger Weise war von dem Kanonendonner, der sich am rechten Flügel und im Centrum der Kaiserlichen immer heftiger entwickelte, nach Gyöngyös nichts zu hören. Auch Zeisberg, der wider Erwarten in Gyöngyös erschien und welchem es der Fcldmarschall rügte daß er sich in einem Augenblicke von seiner Brigade entferne wo man möglicherweise auf den Feind stoßen könne, meldete nichts daß die Action bereits im Gang sei, obwohl er während seiner Fahrt in das Haupt-Quartier vom Fürsten Schwarzenberg beschickt worden war ihm, da er sich den Ungarn gegenüber sehe, Beistand zu leisten. Nur der aus der Gegend wohin die kaiserlichen Cvlonne» gezogen waren ansteigende Pulverdampf fiel dem Comman- dnntcu der Stabs-Dragoner im Haupt-Quartier Major Hoffer zuletzt ans, so daß er dem Feldmarschall Meldung erstattete. Dieser befahl sein Pferd vorzuführen, als ein Umstand dazwischen trat der cs ihm, sehr gegen seinen Wunsch, dringend gebot in Gyöngyös zurückzubleiben. Zur selben Zeit traf, von Wrbna gesandt, Rittmeister Greipel mit einer Depesche über den Gang des Gefechtes ein, deren klare und ruhige Fassung dem Oberfeldherrn Bürgschaft zu sein schien daß sich die Sache in guten Händen befinde. Gleichzeitig hatte Wrbna dem General Schütte den Befehl zugesandt seinen Anmarsch zu beschleunigen. Der Kampf am äußersten linken Flügel der Kaiserlichen nahm von Viertelstunde zu Viertelstunde an Lebhaftigkeit zu, weil Pöltenberg fortwährend Verstärkungen »achsandte, was denn auch Colloredo thun mußte dem Wrbna den Befehl hatte zukommen lassen de» Dieser Wald um jeden Preis zu halten. Der einen Compagnie Jäger folgte bald der Rest des Bataillons unter Major Kronenberg, darnach eine Division Paumgartten - *) Nobill S. 288 f. Kämpfe um de» Vl'cser Wald. 157 unter Hcmptmann Fürst Ruspoli, während Obstl. Derschatta mit den Stephcmcrn und der Brigade-Batterie die Stellung an der Hauptstraße zu halten hatte, wo das Geschützfener Märiässy's so heftig wurde daß Wyß seine Zwölfpfündcr-Batterie etwas znrückziehen mußte. Ueber- haupt leistete die ungarische Artillerie ungewöhnliches. Der halben Batterie am rechten Flügel der Division Schwarzenberg wurde ein Geschütz unbrauchbar, dem commandirenden Lieutenant zerschmetterte eine Kanonenkugel den Kopf, worauf Corpora! Stnhlpfarrer den Befehl übernahm und tapfer anshielt. Am äußersten linken Flügel der kaiserlichen Aufstellung beschoß Pöltenberg den Vscser Wald derart mit Kartätschen, daß die Truppen Colloredo's mehr und mehr ins Gedränge kamen, bis im entscheidenden Augenblicke unerwartete Hilfe eintraf. Hauptmann Brandenstein der, wie früher erzählt worden, mit Sechser-Jägern und einer Division Stephan von Saär über Domoszlü gegen Verfielst entsendet worden, hatte diesen Ort vom Feinde so stark besetzt gefunden, während von Schlik noch immer nichts zu sehen noch zu hören war, daß er sich, durch das Feuer zu seiner Rechten eingeladen, gegen den Vscser Wald wandte, eine Abtheilunh Honvsds mit dem Bajonnet nngrifs, in die Flucht jagte und ihr eine Anzahl Gefangene abnahm. Bald bekam er mit einer von Oberlieutenant Ritter von Feldegg geführten Abtheilung seines Bataillons Fühlung und drang jetzt mit dieser vereint im Walde immer weiter vor. Eine ungleich größere Gefahr hatte zur selben Zeit die Brigade Wyß zu bestehen. Zur Rechten derselben verlief das Terrain in sanft geneigtes von Wiesen und Saatfeldern bedecktes Land bis zu jenem Kompolter Zwischenwald, jenseits dessen sich Eduard Schwarzenberg gegen Seknlich im Kampfe befand. Es bildete das eine ziemlich weite offene Strecke die sich Märiässy zum Kampfe ausersehen hatte um das Centrnm der Kaiserlichen im Rücken zu fassen. Eine ans 3 Bataillons Infanterie, 5 Divisionen Husaren und 2 Batterien zusammengesetzte ungarische Abtheilnng rückte aus dem Zwischenwald gegen die kaiserliche Aufstellung vor und war mit ihrer aus mehreren Escadrons Kaiser-Husaren bestehenden Tste bereits auf gleiche Höhe mit dem zweiten Tressen der Brigade Wyß gelangt, als ihr Wrbna, indem er gleichzeitig die äußersten Divisions- Echelons etwas zurückzog, den Major Baselli mit einer Division Civalnrt- Uhlanen entgegenwarf und Wyß Befehl gab die halbe Raketcn-Batterie der Brigade im Fluge herbeizuholen Es entwickelte sich jetzt das rasch 158 II. II. Der erste Schlachttaq bei KLpoluci. bewegte Schauspiel eines Reiterkampfes, dessen einzelne Momente sich zn Gunsten jetzt des einen jetzt des andern Theiles entwickelten und dessen schließlichen Ansgang die beiderseitigen Fußtrnppen und bald auch die Artillerie unthätig aber mit pochendem Herzen abwarten mußten. Eine Escadron Uhlanen galoppirt gegen die Husaren an und wird geworfen; die zweite Escadron vom Major Basclli persönlich angeführt kommt herbei, wirft in einer brillanten Attaque die ungarische Reiterei und sprengt ein hinter dieser aufmarschirtes Infanterie-Bataillon, als neue Escadronen, von Märiässy in Person geführt, im Trabe zur Unterstützung anreiten. Die geworfenen Husaren sammeln sich von neuem, abermaliges Gewirre mit den Uhlanen, so daß die Cavalerie-Geschütze in den von Feind und Freund kämpfend durchmischten Knäuel nicht schießen können. Mehr und mehr kommen die kaiserlichen Reiter ins Gedränge, näher und näher rücken die Escadronen Müriüssy's an die Aufstellung Wyß' heran. Da tritt eine plötzliche Wendung ein. Vom linken Flügel der Kaiserlichen kommen, vom zweiten Obristcn Grafen Montenuovo auf einem prächtigen Goldfuchs geführt, drei Züge Cheveauxlegers herangeritten, in leichtem Trab fest geschlossen und in gerader Richtung, als ob sie eine Evolution auf dem Exercirplatze auszuführen hätten. Wie ein Keil dringt die Heldenschaar in den wirren Knäuel wo sich Freund und Feind untereinander schlagen, degagirt die Uhlanen von denen Lieutenant Franul von Wcißenthurn und 7 Mann todt, 35 verwundet sind und jagt die Husaren in die Flucht. Schon sind auch die kaiserlichen Raketen-Geschütze zur Stelle. Ohne einen Befehl abzuwarten, von einer Abtheilung Zweier-Jäger unterstützt, führt Oberfeucrwerkcr Neubauer, ein blutjunger Mensch, seine Rakcten-Würste weit vorwärts, wo er in aller Eile, aber auch, ohne sich durch die Nähe des Gefechtes beirren zu lassen, mit aller Umsicht und Ruhe die Stative in Stand setzt, deren trefflich angelegte Geschoße jetzt in die Hausen der mit verhängten Zügeln über das Blachfeld davon jagenden feindlichen Reiter, aber auch in die Blassen der ungarischen Infanterie einschlagen. Die Wirkung ist furchtbar, die erste Rakete Neubaucr's kommt geflogen, eine zweite, eine dritte folgen nach; die ganze Husarcn-Masse gcräth in einen wirren Durcheinand von stürzenden oder sich bäumenden oder scheu ausreißenden Pferden, eine Anzahl vou mehr als 50 Reitern bleibt todt oder verwundet auf der Wahlstatt, die andern wenden sich zu rascher Flucht. Es ist iu der vierten Nachmittagstunde als General Schütte mit seinen Grenadieren und frischen Batterien eintrifft, die Graf Wrbna in Reitergefecht beim Kompolter Walde. 159 die ziemlich weite Lücke einführt, die nächst der Hauptstraße durch die Kämpfe an den beiden Flanken der Division Csorich entstanden ist und die nun, im Verein mit den schon früher vorhandenen Geschützen, ein betäubendes Feuer gegen die Colonnen Mä.riassy's eröffnen. Von den im Anmarsch begriffenen Grenadieren werden zwei Compagnien gegen den linksseitigen Wald abgeordnet, wohin Colloredo jetzt auch zwei Divisionen Stephanen entsendet und eine Batterie in gestrecktem Laufe bis ans 800 Schritte von der ungarischen Aufstellung vorführt. Major Baron Snlis von Erzherzog Stephan wird durch einen Granatensplitter am linken Auge verwundet und muß außer Gefecht gebracht werden. Hauptmann Oppenauer sammelt die durch die Verwundung ihres Führers etwas erschütterte Division, als ihm eine Musketcnkugcl den rechten Vorderarm zerschmettert; doch hält er aus um das letzte Stück Arbeit zu Ende zu bringen. Denn schon sind Pöltenberg und Märiässy nicht mehr Herren ihrer Truppen, von denen ganze Abtheilungcn die Tarna übersetzen und gegen Verfielst ausreißen oder sich unter Dach und Fach in Sicherheit bringen, wie das Bataillon Zanini das sich in Tothfaln so heimisch einrichtete daß man den ganzen Ort durchreiten kannte ohne einen Mann zu Gesicht zu bekommen. Märiassy schäumte vor Wuth über die schlimme Wendung welche die Dinge nahmen. Als der Artillerie-Hauptmanu Glatz, ein erfahrener und tüchtiger Officier, welchem er eine Aufstellung seiner Batterie befahl, dagegen Einwendungen machte weil er nach der Lage des Gefechtes einen andern Platz für geeigneter hielt, ritt Märiässy auf ihn zu und versetzte ihm ein paar Säbelhiebe über den Kopf daß der Hauptmann blutend aus dem Gefecht gebracht werden mußte; er würde ihn vom Flecke weg haben erschießen lassen wenn die Artilleristen die an ihrem Officier hingen sich nicht widcrsetzt hätten*). Auch bei Pöltenbcrg war man am Ende aller Mühen des Tages angelnngt. Das Vscser Holz befand sich schon ganz im Besitz der Kaiserlichen und ebenso der Kompolter Zwischenwald welchen Schwarzenberg durch seine Warnsdiner- Kreuzer mit gefälltem Bajonnet säubern lassen. Se. Excellenz Feldmarschall-Licutenant Dembiuski saß mit seinen Officieren, auch Görgei und Bayer darunter, in Erlau an wohlbcsetztcr Prälaten-Tafel, deren Genüßen er sich nach des Vormittags Aerger und y Danzer I S. 174—176, 181. 160 II. 1l. Der erste Schlachttag bei KLpolna. Plagen in mnnterer Laune hingab. Da trat ein Erlauer Bürger ein, der sich dem Oberfeldherrn näherte und ins Ohr flüsterte daß man Kanonendonner vernehme. Ungläubig über diese Meldung und wohl etwas unwillig über die drohende Störung beschied ihn Dembinski, gleichfalls mit gedämpfter Stimme: das müße eine Täuschung sein, er möge besser horchen. Allein bald darauf stürzte ein zweiter ins Zimmer und sagte laut so daß es die ganze Tischgenosscnschaft vernahm: man höre dumpfes Dröhnen der Geschütze aus der Gegend von Psterväsär. Jetzt erhob sich Dembinski und trat mit den andern an ein Fenster das geöffnet wurde und wo man nun die gebrachte Meldung bestätigt fand. Ein naher Höhepunkt wurde bestiegen: dieselbe Wahrnehmung, nur daß es nicht die Richtung von Psterväsär sondern jene von Käpolna war, ans welcher der dumpfe Widerhall zu kommen schien. Dembinski rief nach Wagen und Pferden, obwohl er noch immer nicht recht glauben wollte: „Das kann Windisch-Grätz nicht sein! ^.rok-Szülläs liegt einen guten Tagemarsch von Käpolnn!" Ein Leiterwagen war schnell zur Stelle geschafft, indessen Korb über einen hineingezwängten Bund Stroh Dembinski und Görgci Platz nahmen, als sich die guten Erlauer dazwischen warfen: „sie würden cs auf keinen Fall dulden daß der Oberfeldherr auf einem so elenden Karren auch nur einen Schritt weiter fahre, das wäre eine Schande für ihre Stadt, für die ungarische Nation!" Darüber verrann eine Minute nach der andern, wo Dembinski bei jeden: neuen Schuß der zu vernehmen war in die Höhe fuhr und dann mit um so größerer Schwere wieder zurückfiel, so daß sein Sitz immer tiefer wurde, während Görgei, der seine ganze sarkastische Ruhe behielt und sich an der Ereiferung seines neuen Vorgesetzten weidete, immer höher hinauf und beinahe über die Leiterseite hinansgedrängt wurde. Endlich kam eine anständige Kalesche angefahren in welcher nun die beiden Generale Platz nahmen, während ein Husar Dembinski's Reitpferd am Zügel nachführte. Die Fahrt ging nach Verpelät, und je mehr man sich dem Orte näherte desto dröhnender wurden die Kanonenschläge: es war die Zeit wo sowohl die Kaiserlichen als die Ungarn aus allen Batterien feuerten und der Nahckampf gegen das Ende ging. Dembinski war in einer nicht zu bändigenden Aufregung, er sprach alles mögliche durcheinander, gab bald dem Kutscher Geld damit er schneller fahre, bald zankte er ihn wieder aus daß er die Pferde nicht genug nntrcibe, wobei ihm mitunter der Stoßseufzer entfuhr: „Das ist zu früh! Das Hab' ich nicht Dembinski und Görgci in Erlau. 161 gewollt!"^) Als die Beiden in Verfielst aulangten, einem in der Niederung gelegenen Orte von wo die Straße gegen Käpolna wieder bergan steigt, war schon alles im Rückzug, einige Truppenkörper in guter Ordnnng, aber auch einzelne oder truppweise Flüchtlinge zu Fuß und zu Pferd. Auch dem armen Glatz, der auf zwei Männer gestützt sich zum Verbandplätze schleppte, begegnete man. Dembinski springt ans dem Wagen um das Roß eines fliehenden Husaren zu besteigen das aber, durch das Gefecht und den Lärm scheu gemacht, nicht standhalten will, als der Soldat mit Dembinski's eigenem von Schweiß und Staub bedeckten Pferde eintraf. Görgei fand einen andern Husaren den er ab- sitzen ließ, und ritt nach Kaäl hinüber wo indessen das Gefecht auch schon abgebrochen war. Sekulich, der seine Stellung gegen Schwarzenberg im Ganzen behauptet hatte, staud noch immer jenseits der Tarna; Görgei hieß ihn, um einem Ueberfall mit dein Fluß im Rücken vorzubeugcn, seine Truppen nach Knül ziehen wo sie nothdürftig nntergebracht und mit Lebensmitteln versehen wurden; nur Vorposten blieben am rechten Ufer zurück. Darauf ritt Görgei nach Käpolna zu Dembinski, der auf seinem Wege dahin mehrere im Rückmarsch befindliche Truppenkörper aufgehalten, in gedeckte Aufstellungen geführt, in Unordnung gebrachte Hnsaren-Abtheilungen gesammelt und Front hatte machen lassen. Doch in der Hauptsache ließ sich nichts mehr ändern noch Herstellen. Im Gegenthcil, Dembinski hieß die Batterien ihr Feuer einstellcn und die Truppen über die Tarna zurückgehcn; Käpolna wurde von einem Bataillon besetzt, nur einige Husaren-Postcn blieben auf dem westlichen Ufer zur Beobachtung der Kaiserlichen. Die Brücke über die Tarna ließ Dembinski verrammeln daß nur ein einzelner Reiter sie passireu konnte, und postirte hinter sie eine Compagnie. Auch Pöltenberg war inzwischen über die Tarna zurückgegangen, von wo er Patrouillen gegen Käpolna sandte; als ihm diese die irrige Kundschaft brachten der Ort sei von den Kaiserlichen besetzt, gab er Dcbrö auf und marschirte gegen Kerecsend ab. *) Bgl. Görgei's i» beißende» Humor getränkte Darstellung dieser Scene I S. 224—220 mit Dembinski's eigenem Geständnis bei Danzer I S. 17>. Helsert, Geschichte Lesterreichs. IV. s. II 162 II. 11. Der erste Schlachttag bei KLpolna. Es wurde früher erwähnt daß Windisch-Grätz, in dem Augenblick da er van Ghönghäs auf das Schlachtfeld abreiten wollte, daran durch einen Zwischenfall verhindert wurde. Es war Alexander Hübner, vom Minister-Präsidenten aus Wien entsendet um dem Feldmnrschall die letzte Redaction der Verfassungs-Urkunde vorzulegcn und zu erläutern*). Begreiflicherweise war letzterer wenig in der Laune sich ein paar Wegstunden von dem Orte wo seine Truppen im Feuer standen in neuerliche Erörterungen über Gegenstände cinzulassen die von ihm mündlich und schriftlich schon so oft, so ausführlich und eingehend behandelt worden waren. Da sich aber der LcgationSrath ans die gemessene Weisung des Fürsten Schwarzenberg berief; da er auf das nachdrücklichste betonte wie in Krcmsier mit jedem Tage die Unzukömmlichkeiten wüchsen; da er dringend bat die Sache „wo möglich noch heute" zum Schlüße zu bringen, so blieb dem Feldmarschall, nachdem er sich die Bemerkung gegönnt: „Wenn man meinem Rath gefolgt hätte wäre der Reichstag längst aufgelöst", zuletzt nichts übrig als zu bleiben und sein Erscheinen bei der Armee auf den frühen Morgen des 27. anfzuschiebcn. Wir müßcn somit eine Weile von dem heißen Kampfe der ans den Hügeln beiderseits der Tarna tobt ab- sehen und uns auf ein Gebiet ganz anders gearteten Widerstandes begeben; falls der geneigte Leser diesen Wechsel der Walstatt von Käpolna mit einem Berathungszimmer im Schloße zu Ghönghös zu unvermittelt und grell finden sollte, so ist dieser Gegensatz eben nur durch die Lage der Tatsachen hcrbcigeführt die wir in ihrer Gleichzeitigkeit zu erfassen haben. Die Abänderungsvorschläge des Fürsten Windisch-Grätz, die Bruck nach Wien gebracht hatte, waren im Schoße des Ministeriums eingehender und, wie sich Fürst Felix ausdrücktc, „gewissenhafter" Bernthnng unterzogen worden, ohne daß selbe, wie nach so anhaltendem und beiderseits so unnachgiebigen Gedankenaustausch vorauszusctzen war, an der einmal beschlossenen Hauptsache viel ändern konnte. Bach war von seinen College» damit betraut worden den Standpunkt des Ministeriums und die Einwendungen des Feldmarschalls in einer ausführlichen Denkschrift gegeneinander abzuwägen, und die Erörterungen dieser Denkschrift waren cs ohne Zweifel welche der Minister-Präsident dem weitläufigen Schreiben an seinen Schwager, von Wien 23. Februar datirt, zugrunde legte, dessen Ucberbringer jetzt Lcgations-Rath Hübner war. *) S. vor. Bd. S. 470. Alexander Hübner in GyöngM. 163 Eigentlich war i»nn nur in zwei wichtigeren Punkten den Wünschen des Feldmarschnlls entgcgengekommen: in dem Erlasse einer Proclamation, woraus Windisch-Grütz, wie drei Monate früher in Olmüz, einen so hohen Werth legte und deren Abfassung Fürst Felix selbst übernehmen zu wollen erklärte; dann in der Beseitigung „derjenigen allgemeinen Bestimmungen die sich mehr oder weniger in allen Verfassungen finden", der sogenannten Grundrechte, aus der Reichs-Verfassung, indem man dieselben thcilweisc in die Lnndcsordnungcn zu verlegen oder sonst wo unterzubringcn gedachte. In allen andern Stücken glaubte das Ministerium beim besten Willen dem Fcldmarschnll nichts wesentliches einraumen zu können. Den Haupt- und Angelpunkt der Windisch-Grätz'schcn Ideen bildeten, wie schon oftmals erwähnt worden: die Provinzial-Landlage als Grundlage und ein aus denselben hcrvorgchendcr Senat mit einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Vertretern! als Spitze. Aber die Pro- vinzial-Laudtage, meinte das Ministerium, hätten sich gerade in der Praxis der letzten Zeit so wenig bewährt, hätten thcilweisc so ansgeartet und seien die alten Landeöordnnugen auf derartige Voraussetzungen gegründet die seit geraumer Zeit thatsächlich außer Kraft stünden, daß eine Rückkehr zu den früheren Zuständen als unmöglich erscheine. Die Zulassung des Bauernstandes habe Windisch-Grätz, wie ihn sein Schwager erinnerte, selbst cingeräumt: „sic ist, wie Du sehr richtig bemerkst, eine Nothwcndigkeit der Zeit und sogar nützlich; denn jetzt wo der Bauer nichts mehr als solcher zu leisten hat, liegt die möglichste Erhaltung dessen was er hat so sehr in seinem Interesse wie in dem des reichsten Großgrundbesitzers". Wie stehe es aber, bemerkte der Minister-Präsident weiter, mit den andern, den nach den bestehenden Provinzial-Ver- sassnngen landtngsbercchtigten Stünden, und wie hätten sich diese zuletzt gehalten? Wie in Steiermark „wo einige hundert Pcrsonalisten ohne Besitz, blos ihres Namens wegen, auf dem Landtage zu erscheinen das Recht hatten und die Führung der Geschäfte mehr als irgendwo ausschließlich dem Landtagsausschuße zukam"?! Wie in Mähren wo alle bedeutenderen Besitzer sich beim ersten Sturm vom Landtage zurückgezogen hätten, „um ihre Plätze den unpassendsten Nachfolgern ohne Widerstand zu überlassen"?! Wie in Galizien „wo die Landtagsnngclegcnheitcn in den Händen des ganzen schlechten anti-österreichischen Adels" gewesen? re. Es sei, fuhr Fürst Schwarzenberg fort, mit diesen Bemerkungen durchaus nicht so gemeint als ob mau die „Provinzen" und deren Landtage völlig 11» 164 II. 11. Der erste Schlachttag bei Käpolaa. übersehen und übergehen wollte; nur eine andere Grundlage für die Vertretung müßc gefunden werden. „Den Provinzen sollen so wichtige Rechte, soll ein so großer Antheil an der Verwaltung zugewiesen werden, daß eine gleichmäßige Vertretung des Besitzes in den Landtagen die einzige Gnrantie geben kann für das Vorwalten des conservativen Elementes." Damit sei auch das Interesse der verschiedenen „Stände" am besten und richtigsten gewahrt: „da der Besitz die Grundlage der Vertretung sein soll, so werden sich die Stände ihrem Interesse gemäß von selbst zusammcnfinden". Die Windisch-Grätz'schc Idee eines Scnatcs im Mittelpunkte des Reiches war vom Fürsten Felix, und durch ihn vom Ministerium, von allem Anfang ans das entschiedenste bekämpft worden und wurde cs bis zum letzten Augenblicke, und zwar ans einem zweifachen Gesichtspunkte. Einmal war man gegen dessen Beschickung aus den Landtagen die man fürchtete. „Ich bin überzeugt", meinte Schwarzenberg im Geiste Bach's und Stadion's, „daß eine solche Vertretung oder vielmehr ihre Bcstand- theile nur die Interessen ihrer rcspectiven Kronländer im Auge be- > halten und vertreten würden und daß das Interesse des Ganzen, wo es ; momentan oder scheinbar mit dem einer oder einiger Provinzen in s Widerspruch wäre, stets den kürzer» zöge." Nicht minder entschieden war E das Ministerium gegen die geringe Anzahl von Mitgliedern, die Windisch- : Grätz aus Erwägungen die wir bereits kennen als einen großen Vortheil ? ansah, worin man aber in Wien nur neue Gefahren erblickte. Die Gründe die man dafür nnführte klangen allerdings mitunter etwas sonderbar. „Die kleine Zahl der Vertreter", schrieb Fürst Felix „ist eher ein Nachtheil als ein Vortheil wie die parlamentarische Geschichte aller Länder zeigt; die deutschen Regierungen z. B. Baden, Württemberg, sind an ihren 80 bis 100 Dcpntirten gescheitert, während England mit 640 und Frankreich mit ebenso viel Vertretern fertig wurden; ich nenne Frankreich mit, weil die letzte Revolution mit den Kammern, wo die Regierung stets die Majorität hatte, nichts gemein hat." Da man sich übrigens — „aus Gründen denen Du Deine Billigung nicht versagt hast" — für einen Eensus „der sogar ziemlich hoch erscheint" und für dircctc Wahlen entschieden habe, so müßten Wahlbezirke von 250.000 bis 500.000 Seelen gebildet werden, wobei „auch der sozusagen mechanische Theil des Wahlgeschäftes solchen Schwierigkeiten unterworfen wäre daß es in den meisten Fällen zu keinem Resultate führen dürfte", was nebst- Der Ministerpräsident an den Fcldmarschall. 165 bei die Regierung im In- und Auslände in ein schiefes Licht stellen müßte, „indem mnn darin die Absicht erblicken würde die Volksvertretung durch die Thnt illusorisch zu machen". Endlich würden bei Wahlbezirken von 250.000 Seelen für die untere Kammer manche der kleinern Kronländer nicht mehr als einen Depntirten zu wählen haben, bei solchen von 500.000 für die obere gar keinen. „Mit 1 auf 250.000 bekämen wir ein Unterhaus von 136 Köpfen wovon beinahe immer ein Viertel fehlt; diese Vertretung von 100 Köpfen werden die Leute nie als das anerkennen was sie sein soll, als die Vertretung von 34,000.000 Oester- reichcrn (ohne Italien). Ein Theil des Ministeriums", fügte der Minister- Präsident bei, „ist von der Ansicht daß eine so beschränkte Anzahl von Depntirten dem Zwecke der octroyirten Verfassung widerstreben würde so durchdrungen, daß ich es nicht für möglich erachte ihre Meinung in dieser Hinsicht nmznstimmen." Er beschwor den Fcldmarschall die Sache nicht auf die Spitze zu treiben, was der Fall sein würde wenn er darauf bestehen wollte seine fernere Wirksamkeit, wie er dies letzthin ausgesprochen, an die Verwirklichung seiner Idee einer Gesammt-Reichsvcr- tretung zu knüpfen. Fürst Schwarzenberg ließ nichts unversucht womit er auf seinen Schwager wirken zu können hoffte. Bald nahm er die ganze Sache von der leichten Seite: er sehe darin nichts „sehr wichtiges", obwohl auch er für seine Person eine größere Anzahl von Depntirten wünsche als Windisch-Grätz zugeben wolle; die größte Wichtigkeit liege darin daß etwas geschehe und daß dies sobald als möglich geschehe. „Ob in dem Reichstage der frühestens in einem Jahre zusammentreten soll 250 oder 450 Leute in beiden Häusern znsammensitzen halte ich nicht für entscheidend. Wer weiß was sich bis dahin alles ergibt!" Dann wieder suchte er dem Feldmarschall zu schmeicheln und ihn an der Gemüthsseitc zu fassen. „Dein Austreten ans Deiner bisherigen Wirksamkeit wurde einstimmig als eine Unmöglichkeit erkannt, daher vier von den anwesenden Ministern erklärten ihre Entlassung Sr. Majestät zu Füßen legen zu wollen." Wenn aber das Ministerium bei Gelegenheit der Octroyirung auseinandcrfallc so erhalte das ganze Werk das Ansehen einer Parteisache: „nicht die Regierung als solche, der Kaiser selbst geräth dadurch in eine böse Lage. Wir haben beide nur unfern jungen Kaiser und Oesterreich vor Augen; diese sind aber in der größten Gefahr wenn mit der Octroyirung der Verfassung die der unsicher» Gegenwart ein Ziel 166 II. 11. Der erste Schlachttag bei K-tpolna. setzen soll gezaudert wird". Er malte ihm den Ernst der Lage, falls es über den MeinnngSzwicspalt wegen der Verfassung zu einer Katastrophe käme, in den düstersten Farben ans. Die innern Zustände der Monarchie seien von der prekärsten Natur, schnell mäße gehandelt werden wenn die Gefahr in den Provinzen nicht wachsen solle. Nach allen Richtungen seien die Vorarbeiten weit gediehen, die politischen Behörden müssten umgcstnltet werden, die Ncorganisirung der Gerichte sei im vollen Zuge, die bäuerlichen Verhältnisse bedürften dringend einer Regelung: wie aber dies alles bei einer dazwischen tretenden Minister- Krisis solle zu Ende geführt werden, das sei nicht abznschcn. „Von mir will ich nicht reden. Das; ich aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen durch den Abgang van vier Collegcn vollkommen gelähmt und in die Unmöglichkeit versetzt bin in irgend einer Richtung voran zu gehen ist mir vollkommen klar. Wo ich andere Minister hernchmcn soll sehe ich nicht ein, und sollte es möglich sein nach wochenlangem Suchen ein oder das andere Individuum zu finden, so ist inzwischen so viel Unheil geschehen das; die besten Maßregeln kaum mehr zu etwas führen dürften. Die Sache steht nun bei Dir", so schloß Fürst Felix seine eindringlichen Vorstellungen; „ich werde den Kaiser nicht verlassen, das wird ihm aber wenig nützen. Ich halte cs für meine Pflicht Sr. Majestät heute noch über die Lage der Dinge umständlich und unumwunden Bericht zu erstatten und meine Meinung ansznsprcchcn. Du weißt daß ich der Ent- mnthignng nicht zugänglich bin, gestehe aber daß, wenn Du auf einem Punkt dessen Wesentlichkeit ich nicht anerkennen kann beharren solltest, meine Prognose unserer Zustände eine sehr trübe ist. . ." Mai, wird gestehen das; cs Vorstellungen solcher Art gegenüber, die durch mündliches Znthnn zu verstärken Hübner gewiß nicht unterlassen haben wird, dem Feldmarschall schwer fallen musste auf seinem alten Standpunkt zu beharren. Wenn er van dem Werthc seiner Ansichten die er sich nicht erst gestern gebildet tief durchdrungen war, so widerstrebte es ihm in gleichem Grade seine Hoffnung — wie ihn Schwarzenberg zu trösten suchte — ans das zu setzen was sich an dem Geschaffenen etwa mit der Zeit werde ändern lassen; was man wenn auch nur für einstweilen gebe, so meinte Windisch-Grätz, müßc jedenfalls ein solches sein mit dem sich anskommen und regieren lasse. Anderseits schien man, wie er ans Hübncr's Reden zu entnehmen glaubte, in dem einen Hanptstücke, der Zusammensetzung der Provinzinl-Lnndtage auf der alten Grundlage, also mit Anmarsch Schlik'S auf Sirok. 167 hcrvortrctcndcm Einflüße deö Adels, einem Zugeständnisse in seinem Sinne nicht abgeneigt. Gewiß war Hübner zu einer Einräumung in dieser Richtung nicht ermächtigt; vielleicht war cs auch nur eine halbe Zusage, eine Phrase womit es Diplomaten nicht sehr gcnan zu nehmen pflegen, die Windisch- Grätz in seinem Ernste und seiner Wahrhaftigkeit förmlicher hinnahm als sie gemeint war. So waren cs denn nur noch zwei Cardinalpunkte, die Beschickung des Senats ans den Landtagen und die geringere Mitglicdcrzahl des crstcren, worin eine Meinungsverschiedenheit bestand aber eine solche wo auf keine Nachgiebigkeit seitens der Mehrheit des Ministeriums zu rechnen war, trotz allem was Fürst Felix, wie er wiederholt seinem Schwager versichert, hierin versucht hatte. Wenn nun aber Windisch-Grätz, darüber waren der Kaiser, Fürst Schwarzenberg, alle Minister einig, unter keinen Umständen mitten in seiner Arbeit znrücktrcten konnte, widrigenfalls vier der Minister, darunter offenbar Stadion und Bach, scheiden zu mäßen sich erklärten, so hieß dies das Ministerium sprengen; so hieß dies, da der Minister-Präsident erklärte keine andern Männer in Vorrath zu haben, eine Rcgierungskrisis bedenklichster Art herbciführcn; so hieß dies die Auflösung des Reichstages, der immer tiefer ins radicalc hincinkam, ans unbestimmte Zeit hinanö- schiebcn; so hieß dies jenen unerträglich gefährlichen Zustand andanern lassen, dessen baldigste Abkürzung von allen einsichtsvollen Patrioten auf das sehnlichste herbcigcwünscht wurde; so hieß dies, um es in ein Wort zusammcnznfasscn, die höchsten Interessen der Monarchie aufs Spiel setzen. Ließ sich eine so ungeheure Verantwortung übernehmen? Wie die Dinge in Wie», in Olmüz und Krcmsier standen, war ein längeres Hin- ansschicben der Octrphirnng ebenso unthnnlich als die Auflösung des Reichstages unaufschiebbar: beiden diesen Forderungen konnte aber nur genügt werden wenn man nnnahm was und wie cs vorlag. Acndernngen so tief- und durchgreifender Art, wie sic in Windisch-Grätz'schcm Sinne hätten vvrgenommcn werden mäßen, erforderten neue Wochen für die Umgießung eines Werkes an welchem man nahezu zwei Monate arbeitete. So gab denn Windisch-Grätz den Kampf gegen die vom Ministerium beabsichtigten Formen ans, obwohl nicht seinen Widerspruch gegen dieselben, seine Zweifel ob sic znm erwünschten Heile führen würden, und Hübner schied um nach Wien zurückznkehrcn, wo man die Minuten zählte welche die Zustimmung des Feldmnrschnlls zu dem großen Werke bringen würden. * 168 II. 11. Der erste Schlachttag bei Käpolna. Was war es zur selben Zeit mit Schlik? Er war am 26. gegen Mittag von Gyöngyös in Poterväsär eingetroffen und hatte, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, seine Truppen in Eile Brod fassen und marschfertig machen lassen. Darüber war mehr als eine Stunde vergangen und es wurde die Tarna hinab gegen Sirok aufgebrochen: General Kriegern voran, mit dem 2. Bataillon Latour als Vorhut, dann Dehm Fiedler Pergen. Es fing zu dunkeln an als die Vortruppen bei dem Engpässe ankamen, welchen Jdzikowski mit 2 Compagnien Polen, 4 Compagnien Houvsds, 1 Escadron und 4 Geschützen halten, im äußersten Falle die drei über das Flußbett führenden Brücken abbrechcn sollte. Schlik beorderte 1 Bataillon Otoöaner und 1 Bataillon Waras- diner-Krenzer, mit dem Landes-Miliz-Bataillon Paumgartten als Unterstützung, gegen die linksseitigen von der ungarischen Infanterie besetzten Höhen; zur Aufstellung der Geschütze bot die schmale, von der einen Seite von steil abfallenden Höhen, von der andern von sumpfiger Niederung eingefaßte Straße nur wenig Raum. Unter dem Schutze der Dämmerung drangen die Gräuzer vor, deren lautes Kriegsgeschrei zwischen den Bergen um so lauter schallte. Jdzikowski hielt nicht lange Stand, sondern zog seine Truppen, während es allmälig Nacht wurde, aus dem Gefechte und ließ die Flußübergänge, ohne auch nur einen Versuch zu machen sie zu zerstören, im Besitz der Kaiserlichen, die Herren des wichtigen Punktes wurden ohne einen Mann verloren zu haben Auch zog sich Jdzikowski nicht, wie ihm befohlen war, auf Verfielst zurück wo Klapka und Aristides Dessewffy standen, sondern führte sic auf Umwegen nach Erlau. Schlik beorderte die Warasdiner - Kreuzer und das Landwehr- Bataillon Parma voraus bis Sz.-Maria, mit einer Division Mazzu- cchelli und den Pionieren des Corps als Unterstützung und zur Bewachung der dazwischen liegenden Brücken. Die andern Brigaden waren noch im Anmarsch. Mehr als eine der über die Tarna führenden Holzbrücken brach unter der Last der Geschütze zusammen, so daß man für die nachrückendcn Abtheilungen die steile» Ufer abgraben mußte um ihnen das Uebersetzen des Bettes zu ermöglichen. So wurde es 2 Uhr nachts ehe das Gros des Corps in Sirok ankam, wo sich nun auch der Feldherr kurze Ruhe gönnte. Er hatte fast 36 Stunden auf dem Pferde gesessen, ohne anderes als in Gyöngyös etwas Thee, in Päsztü ein eiliges Frühstück genommen zu haben; jetzt machte er einen Schluck aus der Ergebnisse des erste» SchlachttcigeS. 169 Feldflasche des Corps-Adjutanten und legte dann sein Haupt nächst einem Lagerfeuer auf den Boden . . . Auch den Truppen vor Käpolna war nur kurze Frist gegönnt. Die Division des Fürsten Schwarzenberg verblieb mit wenig Lagerfeuern in den Stellungen die sic zuletzt vor dem großen Wassergraben eingenommen, ein Theil in dem Zwischenwald den sie zuletzt erobert. Die Brigade Zeisberg war in Msra und Bocsonäd einqnartiert. Im Centrum zog Wrbna, da er sich überzeugt hielt einem vielleicht doppelt so starken Feinde gegenüber zn stehen, sämmtliche Truppen der Division Csorich und der Brigade Schütte sammt den Geschützen ll olloval der Hochstraße zusammen; nur das Holz von Vöcs blieb vom äußersten linken Flügel besetzt. Die Verwundeten und Tvdte» waren znrückgeschafft, das Umherirren reiterloser oder schwer verwundeter Rosse, nachdem man die ersteren eingefangen, den letzteren den Gnadenstoß gegeben, hatte nufgehört, und so lagerten denn in der mond- und sternenlosen Nacht unter dem Schutze einer starken Vorpostenkette und unter Waffen die ermüdeten Truppen auf mitunter nassem Boden und bei empfindlicher Kälte, Generale Officiere Mannschaft, wohin ein jedes nach seiner Einteilung gehörte. Die Bagage war zurück, nichts zu essen, wenig Fonrage. Wrbna war in solchen Fällen immer übertrieben mit seiner Vorsicht; nachdem aus- gcsandte Streifwachen die Meldung gebracht daß sich der Feind über die Tnrna zurückgezogen, konnte er seinen in Schlachtordnung ruhenden Truppen mindestens die Wohlthat großer Lagerfeuer gönnen "7). Nach Mitternacht wurde der Reif, der naßkalte Luftzug so durchdringend, daß die Leute aufstanden und umherliefcn um sich zu erwärmen; manche wagten sich als Patrouillen bis in die feindliche Vorpostenkette hinein und holten sich aus Gärten etwas Brennstoff um sich irgendwo ein Privat-Feuercheu zu machen. Die Ehre des Tages gebührte ohne Frage Wrbna. Er hatte den Kampf unverzagt ausgenommen, obwohl er einen ungleich stärkeren Feind vor sich sah; obwohl er keine Gewißheit hatte ob Schlik mit seiner- linken Flanke in Fühlung kommen werde und obwohl die Reserve unter General Schütte noch nicht zur Stelle war. Er hat in entscheidenden Phasen des Gefechtes, wie bei dem Hervorbrechcn des Feindes aus dem Kompolter Zwischenwald, im Augenblick das richtige getroffen und in Vollzug gesetzt, mitunter etwas keck und nicht ohne großes Wagnis, 170 II. II. Der erste Schlachtta^ bei K-lpolna. bauend auf die ausdauernde Tapferkeit der Truppen aller Waffengattungen. Die Truppe selbst hat denn auch das Vertrauen ihres Führers glänzend gerechtfertigt, vom General bis zum gcmeiucu Mann, und so sei denn zum Schlüße dieser Schilderung des ersten Kampftages von Knpolna »och jenes Gefechts-Momentes gedacht der als der entscheidende Wendepunkt desselben anzusehen ist. Wenn man große Schlachten in ihre Einzclnhciten verfolgt, sie bis zu dem Punkte analysirt der im kleinen eine Wendung gegeben die dann im großen Ganzen zur glücklichen Entscheidung geworden, so wird man häufig auf die That eines untergeordneten ManncS stoßen der, allerdings nur als Werkzeug, denn er hat ja nicht die Ilcbersicht des Ganzen, aber als geschicktes ungemein glückliches Werkzeug, diese Wendung hcrbcigcführt. Das war mit dem kühnen und cntschloßencn Vorgehen dcö Obcrfcuerwcrkcrs Neubauer der Fall, das mit seiner verheerenden Wirkung ganz eigentlich das Schicksal dcö Tages entschieden hat! Der Fcldmnrschnll in Ghöugyös rüstete sich um mit dem frühesten Morgen nach dem Kampfplätze anfzubrechen was ihm jedenfalls für den Augenblick näher lag als die Vorgänge in Olmüz und Kremsicr. Das bedenklichste für ihn war daß man weder in Knpolna, von wo Wrbna noch vor völligem Abbruch des Kampfes einen neuen Bericht cingesnudt hatte, von Schlik etwas wußte, noch daß von diesem ins Haupt-Quartier irgend eine Meldung gekommen war, so daß man sich schon der Befürchtung hingab, er möchte wohl bei seinem kühnen Ritte durch unfreundliches Gebiet einer Strcifpartic in die Hände gefallen, sein Corps ohne Führer geblieben und wohl gar nicht abmarschirt sein. War aber dies der Fall dann stand es mit den Truppen vor Küpolun in hohem Grade bedenklich, da sic schon am heutigen Tage, wie Wrbna gemeldet, gegen eine bedeutende Ncbcrmacht gekämpft hatte», die am morgigen nach den Angaben der Kundschafter durch das Eintreffen Görgci's einen neuen Zuwachs erhalten sollte. Es wurde daher noch in der Nacht ein Courier nach Pötcrväsär abgcsnndt um für alle Fälle Vorkehrung zu treffen daß das III. Armee-Corps am morgigen Schlachttngc mitwirkcnd ciugrcife. Die Reiterei der Brigade Pnrrot, 2 Escndrons Aucröperg-Kürassiere und 2 Escadrons Kaiser - Ehcvauxlcgcrs, erhielt Befehl sich nllsoglcich marschbereit zu machen und in das Lager vor Käpolna abzurücken wo sic am frühen Morgen des 27. eintrnf; mit ihr eine Schaar von Marke- tcnderincn die den ausgehungerten und durchfrorenen Soldaten will- In der Nacht vom 26. zum 27. Februar. 171 kommcnc Stärkung feilbotcn: Vrod Wein Branntwein. Der Rest der Brigade Parrot — das 3. Bataillon Stephan, 1 Escadron Kaiscr-Chcvaux- lcgerS nnd 6 Geschütze — hatte Gyöngyös besetzt zu halten, vorwärts der Stadt Stellung zu nehmen, auch einerseits gegen Hcvcs anderseits gegen Paräd und Vcrpclöt streifen zu lassen . . . Um nochmals ans den Tag von Gyöngyös zurückznkommcn, so ist nachmals die Behauptung ausgesprochen worden die man noch heute zu hören bekommt, das Ministerium habe nur den Ausgang der Schlacht vor Käpolna nbgewartct um mit dem Schritte hcrvorzntrcten den cs lang vorbereitet: der Auflösung des Reichstages und der Octrohirung der Verfassung. Wie wir jetzt gesehen, reiste Hübner in einem Zeitpunkte nach Wien zurück wo die Entscheidung vor Käpolna noch sehr im ungewissen war. Die Tage die dann nach seiner Rückkunft noch vergingen wurden reichlich durch die letzten Arbeiten, Schlnß-Ncdnction Drucklegung Kundmachungs-Modalitäten rc. nusgefüllt, an die man jetzt erst, mindestens was das mechanische betraf, Hand anlegcn konnte. Die Tage vor Käpolna mochten einen Ausgang haben welchen sic wollten, so konnte man sich sagen daß damit das Schicksal des Krieges kaum werde entschieden sein, wie man anderseits mit der Auflösung und Octrohirung lang schon vor dem Ausmarsch des Fcldmarschalls nach Hatvan und Gyöngyös vorgegangcn sein würde, wenn die Einigung mit letzterem früher zu erreichen gewesen wäre. 12 . Wie im kaiserlichen Hanpt-Qnarticr zu Gyöngyös, so war auch im ungarischen jenseits der Tarna die ganze Nacht vom 2l>. zum 27. Februar hindurch alles in Bewegung. Erst in vorgerückter Abendstunde war Dembmski dazu gekommen seine Dispositionen für den folgenden Tag z» treffen; cs waren diese: Aulich rückt von Maklär nach Kaäl wo er das Commnndo übernehmen wird; 172 II. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. Guyon von Mezö-Kövesd, Kmety von ^bräny brechen gegen Kerccsend ans wo sie in den Vormittagsstunden einzntreffen und als Reserve zn dienen hoben; Müriüssy hat Küpolna zu halten; ebenso Klapka Verfielst, bis ihm Pöltenberg Verstärkung znführen ilnd das Commando daselbst übernehmen wird; Schulz zwischen Szolüt und Bakta. Diese Befehle insgcsammt an Ort und Stelle zu bringen hatte einige Schwierigkeit. Dembiüski's Ordonnanz - Officiere waren noch in Erlau, die Görgei'ö in Mezö-Kövesd; letzterer erbot sich daher selbst nach Mezö-Kövesd zn reiten, während ein Courier Dembiüski's nach Erlau abgeordcrt wurde von wo dann, allerdings theilweise auf großen Umwegen, die Befehle zu den verschiedenen Abtheilungs-Commandanten gebracht werden sollten; seinen Generalstnbs-Chef Bayer ließ Görgci beim Oberfeldhcrrn zurück. Als Görgei in der stockfinsteren Nacht — da auch im ungarischen Lager wie drüben im kaiserlichen keine Wachtfeuer brannten — nach Kerecsend kam traf er daselbst Pöltenberg der, wie wir wissen, am Abend zuvor, in der Meinung die Stellung bei Küpolna sei anfgcgeben, seine Truppen zurückgeführt hatte. Görgei berichtigte Pölten- berg's Jrrthum und hieß ihn noch vor Tagesanbruch nusrücken und sich gegen Verfielst in Marsch setzen. Mitten in der Nacht wurde auch das Bataillon Zanini, das sich in Tüthfalu so behaglich einquartiert hatte, alnr- nllrt und beordert mit dem frühesten Morgen nach Küpolna aufzubrechen. Görgei traf erst gegen 4 Uhr morgens in Mezö-Kövesd ein, wo er Guyon den Auftrag des Oberfeldherrn überbrachte; Görgei wollte selbst das Abrücken der Truppen abwartcn da er Guyon, der in seinen Augen nichts als ein verwegener Angreifer und. tapferer Drcinschlager war, die nöthige Umsicht nicht zutrautc. Auch verzog sich in der That die Marschbereitschaft bis zum anbrechendcn Tag worauf Görgei seinen Rückweg nntral. An Kmety in ^brüny gelangte der Befehl Dembiüski's gar erst um 7 Uhr morgens worauf er seine Colonnen in Eile marschbereit machte. Der Befehl an Klapka war gleich den andern noch vor Mitternacht von Dembiüski ausgefertigt worden; es hieß darin: „Obwohl Sie im Range älter als Obrist Pöltenberg sind, so ersuche ich Sie morgen die Selbstüberwindung zn üben und im Interesse der Sache den Kricgs- crfahrungcn eines an Dienstjahren älteren Kameraden sich unterzuordnen." Anmln'sch Schlik'S Sz.-Märia. 173 Die Meldung traf aber bei Klapka erst am 27. ein, wo dieser, wie cs scheint in einem ähnlichen Jrrthum wie Pöltenberg am gestrigen Abend befangen, im Begriffe war seine Stellung bei Verfielet zu räume». „Nachdem Sie aber, Herr Feldmarschall-Lieutenant", schrieb er dem Obcrfeldherrn zurück, „sich mit dem Hanpt-Qnartier in Käpolna befinden, so stelle ich meine rückgängige Bewegung ein." Noch vor Tagesanbruch ließ Klapka das Bataillon Don-Miguel und das 43. Honvsd-Bataillon in Verfielet einrücken, postirte eine halbe Sechspfündcr-Batterie rechts im Thal zur Bestreichung der über die Tarna führenden Brücke und nahm mit dem Rest der Division Dessewffh eine vortheilhafte Stellung auf den rückwärtigen den Ort und das Thal beherrschenden Höhen, wo ihm außerdem einige massive Meicrhöfe zustatten kamen. Er verfügte über ungefähr 3600 Mann, 500 Pferde und 16 Geschütze; allein er wußte daß nicht blos Pöltenberg ihn unterstützen sollte, sondern auch der durch das Einrückcn Jdzikowski's verstärkte Schulz zur Hilfe herbeigezogen werden konnte. Schlik befand sich bereits im Anmarsch gegen ihn. Zu 4 Uhr morgens war der Befehl zum Aufbruch gegeben, was auch Schlik von seinem Lager aufstörte; denn so wie die abrückenden Colonncn an ihrem hartgebetteten Feldherrn vorbcizogen brachen sie in lauten Jubel aus so daß an eine weitere Ruhe, deren er nach der ununterbrochenen körperlichen Anstrengung der letzten anderthalb Tage so sehr bedurfte, nicht mehr zu denken war. Bon Sz.-Märia, bis wohin seine Vorposten in der Nacht gelangt waren, beginnt sich das Thal zu erweitern und zieht sich zwischen zwei ansehnlichen von Nord nach Süd streichenden sandigen Hügelreihen, Ausläufern der Matra, bis zu dem am linken Tarna-Ufer gelegenen Verfielst fort. Die Tarna hat sich im Thalgrund mit tiefem Schnitte wie bei Kapolna ein Bett gegraben, was den Schlikischen, die über keine Brücken-Eguipage verfügten, das Uebersetzen des etwas angeschwvllencn Flüßchens erschwerte. Eine Strecke vor Verfielst schiebt sich in den westlichen Thalgrnnd ein Hügel vor, der Cnpellenberg genannt, über welchen die von Sz.-Märia laufende Straße sich hinzieht. Als die ersten Truppen der Brigade Kriegern hier zum Vorschein kamen und sich in Schlachtordnung formiren wollten, eröffneten die Geschütze Klapka's ein so wirksames Feuer gegen sie, daß Schlik gerathen fand sie in eine gedecktere Stellung hinter den Capellenberg zu führen und das Nachrücken von Verstärkungen, besonders Artillerie abzuwarten. Die feindlichen Geschoße schlugen 174 II. 12. Der zweite Schlachttag von K-tpolna. fortwährend ein. Eine Haubitzen-Granatc flog bei fünfzehn Schritte vordem Feldherr» ein, der trotz der dringenden Abinnhnungcn seiner Begleiter rnhig und unbeweglich ihrem bohrenden Spiele zusah bis sie ohne jemand zu treffen platzte. Sein Beispiel wirkte begeisternd auf die Truppe. Lin zweites Geschoß traf mitten in eine Infanterie-Masse, von der eine Anzahl schwer getroffen nicdcrstürztc. Lö war kein Laut zu hören, nicht die geringste Unordnung fiel vor, schweigend traten Rückwärtige vor um die entstandene Lücke auszufüllen. Schlik ließ die cintrcffcndcn Geschütze ans dem Lapcllenbcrg auf- fahrcn und das ungarische Feuer erwidern; nach und nach waren vier seiner Batterien in voller Thätigkcit. Rittmeister Graf Török wagte in Schlik's Aufträge einen kühnen Ritt an der ungarischen Aufstellung vorbei nach Käpolnn um dem Obcrfcldherrn das Eintreffen des dritten Armee-Corps zu melden und sich Weisungen zu erbitten. Vor Käpolna beleuchtete die Morgcnsonne, die umschleiert den Dünsten des Horizontes entstieg, eine möglichst unmalerische Gegend mit manchen grausigen Spuren des Kampfes der am gestrigen Tage gc- wüthet hatte, um binnen kurzem von neuem, vielleicht noch verheerender, zu entbrennen. Auch die kampffähige Mannschaft bot einen trübseligen Anblick: naß und fröstelnd, mit blassen übernächtigen Gesichtern, dabei ausgehungert, drängten sich die meist blutjungen Leute aneinander und nicht ein lustiges Wort ertönte aus ihren Reihen, die sonst nie »m einen guten oder schlechten Witz verlegen waren wenn irgend eine ungewöhnliche Lage ihre heitere oder böse Laune erweckte. Am jenseitigen Ufer der Tarna ritt der feindliche Obcrfeldhcrr in der Morgendämmerung seine Vorposten ab. Vom österreichischen Lager war bei dem dichten Nebel der über der Gegend la-g nichts zu entdecken, nur einzelne Trommelwirbel, vom Morgenwind getragen, tönten herüber: sie kamen von jenen Truppen die nach dem anö Ghöngyös erhaltenen Befehle gegenüber von Käpolna und Töthfalu in Schlachtordnung anfmarschirtcn. - Eine zur Ausknndnng vorgcsandtc Es- cadron der Kaiserlichen wurde bcschoßcn worauf zwei Compagnien vom 2. Jäger-Bataillon vorwärts beordert wurden. Dcmbmski fand Käpolna von einem tiefen Graben umgeben, welchem entlang er eine Plünklerkette anfstcllte; zwei mit Kartätschen geladene Kanonen fuhren nächst der verrammelten Brücke auf. Unter diesem Schutze ließ sich hoffen daß Dembii'iski und Windisch-Grätz an der Tarua. 175 Aknriässy den Ort ein paar Stunden halten werde bis Guhon, der um 10 Uhr vormittags in Kerecöcnd erwartet wurde, Hilfe brächte. Ein Bataillon Preußen beorderte er nach Kompolt und stellte cs unter Aulich mit dem Befehle die Stellung vor Kaäl zu behaupten. Inzwischen war cs nahezu 8 Uhr geworden, und schon glitzerten durch den Nebel von den westlichen Höhen Bajonnetc und Gcwehrlüufc herüber. Als Dembinöki näher ritt vernahm er Hochrufe der Truppen und die von den Feld- musikcn angestimmte österreichische Bvlkö-Hhmne, woraus er schloß auch drüben sei der Fcldmarschall bereits an seinem Platze. In der That war Windisch-Grätz, der um halb 6 Uhr anfgebrochcn und mit seinem Stabe in scharfem Trabe gegen Käpolna geritten war, zur selben Zeit, da am andern Ufer der feindliche Obcrfeldherr die Gegend abritt, bei seinen Truppen angckommcn und von ihnen mit stürmischem Jubel empfangen worden. Der Fcldmarschall rccognoscirtc, da sich inzwischen die Nebel gelichtet hatten, die feindliche Stellung. Er ritt auf einen etwas höher gelegenen Punkt, von welchem er die Gegend weit umher überschauen konnte. Es war bald schönes heiteres Wetter und die Pust für die frühe Jahreszeit auffallend warm. Alles kam daraus an ob das III. Armee-Corps dem entworfenen Plane gemäß eingreifen werde. Da stiegen aus der hochliegcndcn Gegend von Verfielst, die man von dem Käpolncr Höhenznge vollkommen überschaute, Rauchsäulen auf und Kanonenschläge grollten dumpf herüber: es waren die ersten Schüße Klapka's womit er, wie früher erzählt, die von Sz.-MLria anrückendcn Kaiserlichen empfing. Ein freudiges Gefühl durchdrang die Gruppe der Offi- ciere um den Oberseldherrn: Schlik war an seinem Posten und that seine Schuldigkeit! Bald traf auch Török ein, welchem der Fcldmarschall die Weisung für das III. Armee-Corps gab: die Stellung von Verfielst zu forcircn, die Fühlung mit dem Armee-Corps Wrbna hcrzustellen und gleichzeitig die Rückzugslinie des Gegners zu bedrohen. Es war Zeit auch von Wrbna's Seite den Kampf zu beginnen. Wyß stand, wie am gestrigen Tage, Käpolna, Colloredo Töthfalu gegenüber; zwischen beiden faßte General Schütte mit seinen Grenadieren und einem Bataillon Fürstenwärther Posto; zur Linken von Colloredo stand Major Angustinctz Dcbrü gegenüber mit Paumgarttcn-Jnfcmtcrie und Jägern, um für die Verbindung mit Schlik in Bereitschaft zu sein. Den Kampf deö Tageö cröffneten die Kaiserlichen vor Käpolna mit Geschützfencr das seitens der Ungarn nur schwach erwidert wurde; daö 2. Jäger-Bataillon 176 71. 12. Der yveite Schlachttag von Kapotna. wurdv in dic Weinberge rechts und links der über die Thnlwnnd sich gegen Käpolna hinabscnkenden Straße beordert, ein Bataillon Baden in gleicher Höhe mit den Jägern verdeckt ausgestellt, Montenuovo mit der Reiterei, einer Cavalerie- und einer Rakctcn-Batteric gegen Kompolt abgesandt. Auch Colloredo ließ seine Batterien an dem steilen Thalrand Tothfalu gegenüber anffahren ; da aber ansgesandte Patrouillen die Meldung brachten daß sowohl dieser Ort als das benachbarte Debrü unbesetzt seien, führte der Fürst seine Truppen im Eilschritt in die Niederung hinab, übersetzte die Tarna und nahm jenseits derselben Stellung. Das gleiche geschah von Angnstinctz' Seite der, nachdem er die bei Debrü über die Tarna führende Brücke Herstellen lassen, den Ort besetzte. Vor Käpolna waren die Geschütze welche Dembinski zur Enfilirnng der Brücke ausgestellt zum Schweigen gebracht. Um so thätigcr waren die ans den Höhen rückwärts von Käpolna postirten ungarischen Batterien, unter deren Feuer sich Major Dürfeld mit den Zweier-Jägern und Hauptmann Dorningcr mit Baden-Infanterie, durch welche inzwischen die Weinberge und die Einfassung des Dorfes vom Feinde gereinigt worden, zum Sturme auf Käpolna in Bewegung setzte. Die Soldaten waren jetzt, wo Marsch und Kampf ihre ermüdeten Glieder in neue Bewegung brachten, flink und munter wie nach einem gesunden Schlafe und einer gesunden Mahlzeit, von denen beiden sie in Wahrheit nichts verkostet hatten. Theils über die Brücke deren Verrammelung weggcräumt wurde, theils an seichten Stellen durch das Wasser watend, wurde die Tarna überschritten und das nördliche Ende des Dorfes in Angriff genommen. Die Ungarn leisteten fast keinen Widerstand, einige Gefangene fielen in die Hände der Kaiserlichen, die zu ihrer eigenen Ucbcrraschung so leichten Kaufes Herren dieses Theilcs von Käpolna wurden. Die Truppen Märiässy's zogen sich gegen das südliche Ende des Ortes wo sie einen rechts davon etwas höher gelegenen großen Meicrhof zu ihrem Stützpunkt erkoren, während ihre Batterien außerhalb des Ortes ihr Feuer einstelltcn und eine andere Bestimmung zu erhalten schienen. Whß führte seine Truppen ungehindert in Käpolna weiter vor, hieß Baden- Infanterie sich im Orte verbarricadiren und beorderte Dürfeld mit zwei Compagnien Jägern zum Sturm gegen den Meicrhof. Fürst Colloredo hatte kaum den Angriff seiner Nachbar-Brigade wahrgenommcn, als er zur Unterstützung derselben zwei Batterien aus K-lpolna von den Kaiserlichen genommen. 177 Töthfalu hcrausführtc, untcr Bedeckung einer Division Stephan-Infanterie nnd zweier Escadrons Johann-Dragoner eine Flnnkcnstellung gegen Küpolna nchincn ließ nnd sein Fcner gegen die ungarische Alifstellnng auf den Höhen rückwärts des Ortes cröffncte. Dembu'iski mußte fürchten sein Centrnm vollends durchbrochen zu sehen, ließ 6 Geschütze der Division Müriässh eine Stellung nehmen von wo sie die Allsgänge von Küpolna bestreichen und ein Debouchiren der Kaiserlicheil verhindern konnten, und wandte sich mit den 10 andern, 5 Escadrons Husaren und dem Bataillon Zanini gegen Töthfalu um dem Vordringen Colloredo's Einhalt zu thun. Auch feuerten seine Geschütze so wirksam daß sowohl bei den Stcphanern als bei den Dragonern Leute und Pferde getroffen wurden und Colloredo eine gedecktere Stellung suchen mußte. In Eile warf Dcm- biüski mit Bleistift einen Befehl an Aulich aufs Papier, ohne Zaudern den rechten Flügel der Kaiserlichen anzugreifen, während von Verfielet herüber der Kanonendonner sich von Viertelstunde zu Viertelstunde verstärkte. Da traf Görgei von seinem nächtlichen Ritte nach Mczs-Kövesd bei ihm ein, um Meldung von dem Abrücken der Division Guyon zu erstatteil. Dcmbiuski übergab ihm den Befehl bei Verfielst, „denn die beideil Obristen dort rivalisircn. Nur Energie Kraft und Pünktlichkeit", rief er ihm zu, „und alles wird gut gehen!" "s). Während nun der Kampf zwischen Jägern und Ungarn um den Mcicrhof wüthet; während General Wyß mit seiner Begleitung auf das Kompolter Plateau reitet und dem Grafeil Monteuuovo Anordnungen gibt die Verbindung mit dem rechten Flügel herzustellen; während Edmund Schwarzenberg seinerseits, nachdem er sein gesammtes Geschütz gegen die Front Aulich's in Thätigkcit gesetzt, den Oberst!. Minntillo mit einer Division Auersperg-Kürassiere und einer Cavalerie-Battcrie gegen die linke Flanke der Ungarn entsendet, die sich dadurch, nachdem sie Kompolt geräumt, die Stellung westlich der Tarna vollends aufzugeben und sich auf das linke Ufer zurückzuzieheu gezwungen finden "^), niüßen wir jetzt nach Verfielst hinübersehcn wo wichtige Dinge in der Entwicklung begriffen sind. * Bereits war Rittmeister Török von seinem kühnen und schnellen Ritte zurück und hatte dem Grafen Schlik die Weisungen des Obcrfeld- herrn überbracht""). Der beiderseitige Geschützkampf hatte während dieser ganzen Zeit ununterbrochen sortgedauert, als jetzt Schlik die Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 12 178 II. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. Stellung Klapka's zu nehme» beschloß. Es wnr gegen 10 Uhr vormittags als er die Otoöaner und das Bataillon Mazzncchclli in Stnrm-Colonnen formirte, das Landwehr-Bataillon Parma als Unterstützung. „Euch überlasse ich die Ehre Verpelöt zu stürmen", rief der Feldherr sic an. Mit Hurrah und Ävio setzte sich die Truppe iu Marsch. An zwei Punkten wurde die zwischen 12 und 15 Schritt breite Tarna überschritten und gegen den Ort marschirt, in welchem zwei Häuser und mehrere Strohlager in Flammen standen. Die ungarischen Batterien waren gezwungen sich zurückznzichen, die ungarische Infanterie schien zur Vertheidigung entschlossen. Mit dem Wahlspruch: sa. linjonstom — Nur mit Bnjonnet!" dringen die Gränzer bei dem nördlichen Ende, die Mazzu- cchelli durch die Hauptstraße iu den Ort, wo sie von den ungarischen Bataillonen mit einem mörderischen Feuer empfangen werden. Jedoch uuausgehalten rücken die Kaiserlichen vor; ein erbitterter Kampf spinnt sich von Straße zu Straße fort, die Ungarn sind iu das letzte Drittel des Ortes zurückgedrückt. Jetzt führt Major Gablcnz 4 Compagnien Parma, 1 Escadrou und eine halbe Raketen-Batteric in die linksseitigen Weingärten und bedroht durch zahlreiche Pläuklcrschwärme den rechten Flügel der Ungarn, die nun den Ort völlig räumen und sich unter dem Schutze ihrer Cavalerie und Artillerie wieder zu sammeln suchen. Schlik sendet 6 Escadrons Preußen-Kürassiere in den Ort aus welchem sie jenseits, ohne sich durch das feindliche Geschützfeuer aufhalteu zu lassen, hcrvorbrechen und im Fluge eine Cavalerie-Batterie nehmen. 2 Escadrons Ferdinand- und 1 Escadrou Coburg-Husaren mit 1 Division Lehel- Husaren als Unterstützung werfen sich ihnen entgegen und cs entspinnt sich ein scharfes Durcheinand der beiderseitigen Reitermasscn vor der Front der beiderseitigen Infanterie, die Gewehr bei Fuß das blutige Schauspiel betrachtet. Rittmeister Uj von Coburg-Husaren erobert die Cavalerie-Geschütze zurück welche die Kaiserlichen wegen Mangel an Bespannung nicht gleich hatten fortschaffen können, aber fast die Hälfte seiner Mannschaft ist todt oder verwundet; die Ferdinand- und Lehcl- Hnsarcn halten den Stoß der Kürassiere nicht ans, der Knäuel löst sich, die Husaren fliehen in Unordnung. Auch die Kürassiere hat der kurze Strauß schwere Opfer gekostet: die Rittmeister Uichtritz und Zülow, von denen der letztere auf der Wahlstatt todt blieb, der ersten acht Tage später seinen Wunden erlag; ein Ober-, ein Unter-Lieutenant verwundet; dann bei 55 Todte und Verwundete von der Mannschaft. Verpest von Schlik genommen. 179 In diesem Augenblicke erscheint Pöltenbcrg in der linken Flanke der ungarischen Aufstellung. Vier Escadrans Alexander-Husaren sprengen mit verhängten Zügeln gegen die kaiserliche Reiterei, während Klapka das 34. Honväd-Bataillon zum Sturm varführt. Bei dieser Gelegenheit mochte cs gewesen sein wo ein Husar mit geschwungenem Säbel auf Schlik lossprcngte, der immer in der Nähe des Kampfes war. Schlik zog seinen Säbel und es würde sich nun das Schauspiel entwickelt haben: vor den Augen beider Heere ein kaiserlicher General der Cnvalcrie mit einem gemeinen Husaren im Zweikampf! Allein im letzten Augenblicke stürzte der Husar von der Flintenkugel eines Gräuzers getroffen, der dafür nachmals die silberne Tapferkeits-Medaille erhielt. Die Kaiserlichen werden nach Verfielst zurückgedrängt, Karl Földvärh mit der Bataillons-Fahne in der Hand sprengt den Honvsds voran, die im ersten Anlauf de» größten Theil des Ortes neuerdings in ihre Gewalt bekommen. Aber schon haben sich die Kaiserlichen gesammelt und Verstärkung erhalten. Zum zweitenmal müssen die Ungarn Verfielst räumen und nun gehen die Brigaden Deym und Kriegern zum Angriff gegen die Höhen außerhalb des Ortes über. Das Bataillon Parma wird geworfen, Latour und Otoöaner dringen vor, cs entwickelt sich ein hartnäckiger Kampf. Das 2. Bataillon Latour überschreitet im Sturmschritt eine schluchtartige Vertiefung vor der vom Feinde besetzten Höhe, ersteigt den jenseitigen Hang und gelangt in die Nähe der Kuppe. Da schlägt Kartätschenfeuer in die rechte Flanke des Bataillons ein, Hauptmann Sauer fällt schwer getroffen an der Spitze seiner Compagnie, Lieutenant Hostosch und mehr als 40 Mann sind in wenig Augenblicken kampfunfähig. Das Bataillon zieht sich zurück um Deckung zu suchen, sich zu sammeln und dann von neuem hervorzubrcchcu. Zum drittenmal wird die Höhe mit gefülltem Bajonuet erstiegen, während Otoöauer die feindlichen Batterien von Süden her zu fassen suchen und Hartmann-Jnfanterie zur Unterstützung von Latour anrückt. Jetzt erst beginnen sich die ungarischen Reihen zu lösen und wenden sich zum Rückzug. Es ist beiläufig Mittagszeit als Görgei bei dem rechten Flügel der Ungarn eiutrifft, von welchen noch vor Beendigung des Kampfes um die Höhen einzelne Abteilungen ausgeriffen waren, die sich nun, die Reiterei in geschloffenen Reihen, das Fußvolk vielfach bunt durcheinander, in der Richtung von Kerccsend zurückzogen. Görgei hält sie in ihrem Marsche auf und sendet Klapka gegen Erlau ab um die 180 II. 12. Der zweite Schlachttag von Küpolna. Truppen Schulz' und Jdzikowski's herbcizuführcn, während er selbst seine Anordnungen trifft um den Kaiserlichen jeden Schritt ihrer Vorrückung streitig zu machen. H * * Die Kampflinie erstreckte sich jetzt von nordwärts Verfielst bis südlich über Kaäl hinaus in einer Ausdehnung von zwei österreichischen Meilen; sie konnte auch kaiserlichcrscits nicht kürzer gehalten werden, da es am linken Flügel um die thatsächliche Vereinigung mit dem III. Armee- Corps zu thnn war. Rechnet man ungarischerseits noch die Abtheilung Schulz bei Erlau, kaiserlichcrseits die gegen Pvroszlü opcrirende Brigade Zeiöbcrg hinzu, so hatte das Schlachtfeld eine Ausdehnung von nahezu fünf österreichischen Meilen. Kam das Nord-Corps Rambcrg's dazu, dessen Eingreifen von Miskolcz her man kaiserlichcrscits immer in Rechnung zog, so erweiterte sich der Kampfplatz auf ebenso viele Meilen gegen Nordosten hin. Doch Oberlieutcnant Usz traf an eben diesem Tage in Kaschau ein, wo jetzt erst Ramberg in die Lage kam seine Brigaden nach einem festen Ziele nusmarschircn zu lassen. Den Mittelpunkt der beiderseitigen Manoenvrcs bildete noch immer der Ort, nach welchem mit Recht die Schlacht nachmals benannt wurde. Kripolna ist ein langgcdehntes Dorf, von dessen süd-östlichem Ende sich zu dem Hügel ans welchem der mchrerwähnte Meierhof liegt eine etwa 300 Schritt breite kahle sanft ansteigende Bodenerhöhung hinzieht; zwischen dem Dorfende und dem Mcierhof stand ein Häuschen, das mit guten feindlichen Schützen bedacht den vordringenden Kaiserlichen manche Unannehmlichkeit bereiten konnte. Der Hügel selbst war mit Mannschaft und Geschütz stark besetzt, so daß die beiden Jäger-Compagnien Dürfeld's, im Eifer der Eroberung zu hitzig losstürmend, vom feindlichen Kar- tätschenfeuer, von den Kugeln der Höhe und aus dem Einzelnhäuschen stark mitgenommen wurden und zuletzt sich in das Dorf znrückziehen mußten, so daß ihnen eine Abtheilnug Baden und eine Cavalerie-Batterie von der Artillerie-Haupt-Reserve zugcsandt wurde, während Dcmbmski 10 von den Geschützen, mit welchen er Colloredo bei Tüthfaln zum Stillstand gebracht, neuerdings auf die Höhen oberhalb Käpolna, das Bataillon Zanini aber gegen das nördliche Ende des Ortes beordert. Jetzt eröffnen die ungarischen Batterien von den Höhen ein fürchterliches Feuer gegen den Ort, Märiüssy führt das 47. Honvöd-Bataillon ans der Chaussee Heißer Kampf in Käpolna und um den Meierhof. 181 zum Sturm vor, Dembinski redet das Bataillon Zauini iu deutscher Sprache an, was ihnen der Artillerie-Obrist Psotta und der junge Feld- Pater Görgei's Cäsar Mednyänsky in ihre Muttersprache übersetzt; mit einem silbernen Crucifix in der Hand stellt sich dieser an die Spitze der Italiener, die in lautes Evviva ausbrechen. Das 47. Bataillon erstürmt von der einen Seite das Wirthshaus und treibt die Kaiserlichen zurück, Zauini besetzen einige Häuser am nördlichen Ausgange und dringen gegen die in der ober» Hälfte des Ortes gelegene Kirche vor, während am entgegengesetzten Ende die Ungarn vom Meierhof aus einen Ausfall gegen ihre Angreifer wagen, von denen nur noch die Jäger einigermaßen staud- halten. Schon war für sie kameradschaftliche Hilfe im Anzug! Die 2. Compagnie des Bataillons, Interims-Commandant Oberlieutcnant Anton Peduzzi, mit der Deckung der rechten Flanke der in Käpolna beschäftigten Truppen betraut, hatte im raschen Vorrücken die ihm gegcnübcrstehenden feindlichen Abtheilungcn geworfen und war bis an die jenseitige Lisiore vorgedrungen, wo er nun weiter gegen links hin ein scharfes Feuer vernahm und daraus schloß daß dort Unterstützung nöthig sein könnte. Da durch die inzwischen erfolgte Vorrückung Montennovo's gegen Kompolt von dieser Seite nichts zu befürchten war, setzte sich Peduzzi nach der Richtung des Gcschützfeuers in Marsch und führte seine Compagnie in den Ort hinein. General Wyß kam eben mit seiner Suite von der Kom- poltcr Seite gegen Käpolna zurückgeritten, als die Verwirrung unter seinen dortigen Truppen den höchsten Grad erreicht hatte. Die Cavalerie- Bntterie war im ausreißen, das Bataillon Baden im vollen Rückzug begriffen, das sich mit einiger Mühe in Ordnung bringen und zum Rückmarsch in den Ort bewegen läßt, um dem hartbedrängten Major Dürfcld zu Hilfe zu eilen. Wyß sendet zwei Ofsicicrc ab um das Bataillon Schönhals und von wo immer her eine Batterie zier Stelle zu schaffen, und reitet in Person davon die Ausführung dieser Befehle zu beschleunigen, seine» Ordonuanz-Ofsicier Prinz Ludwig Windisch-Grätz in Käpolna zurück- lnssend. Der bringt eine Zwölspfünder-Battcrie, die links vom Orte ab- fahrcn will, zum sichen und läßt sie gegen die immer näherrückcndcn Ungarn feuern. Schon sind diese auf etwa 200 Schritte herangekommc», man sieht sich gegenseitig das Weiße im Auge. Jetzt behaupten die Kanoniere ihr Pulver verschätzen zu haben und wollen ihren Platz verlassen, als sie Prinz Ludwig mit gezogenem Säbel zum aushalten zwingt und eine Abtheilung Kreß-Chcvauplcgers, die General Wyß als Unter- 182 II. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. stützung gesandt hatte, hinter ihnen aufstcllt, worauf sie wieder Munition finden und von frischem laden... Der Obcrfeldherr übersah von dein erhöhten Thalrande der Tarna das weite Schlachtfeld nach der einen Seite bis gegen Ncrpclst hin, wo Schlik kämpfte; die Aussicht gegen den rechten Flügel war durch das inmittc liegende Gehölz, das am gestrigen Tage eine so große Rolle gespielt hatte, verdeckt. Schlik machte, so mußte der Feldmarschall voraus- setzcn, bei Verpclöt Fortschritte oder hielt doch Stand; von Schwarzenberg herüber war eine Kanonade zu vernehmen die sich so ziemlich gleich blieb, was ans einen Stillstand des Gefechtes schließen ließ. Im Centrum vor dem Fcldmarschall breitete sich die ungarische Schlachtlinie auf dem gegen das linke Ufer des Flüßchens gering abfallenden Terrain ziemlich sichtbar ans. Die entscheidende Wendung stand jetzt nur in Käpolna bevor, gegen das ungarischerseits immer neue Truppen anrückten und neue Geschütze in Thätigkeit gesetzt wurden. Man gewahrte deutlich einen Befehlshaber mit seinem Gefolge, ohne Zweifel Dembinski, den Kampfplatz nach verschiedenen Richtungen abreiten. Bon kaiserlicher Seite kam jetzt alles auf das Eintreffen des Obcrstlientenants Baron Schneider von Arno mit seinen Schönhalsern und dessen glückliches Eingreifen an; schlug das fehl so hatte Windisch-Grätz nur die Brigade Schütte: 10 Compagnien Grenadiere und 1 Bataillon Fürstenwärther; konnte diese den Ort nicht zurückgewinnen so war das Centrum gesprengt und die Schlacht verloren und dann stand es schlimm, da man keine Reserve zur Verfügung hatte! Um den Angriff Schncider's zu unterstützen sandte Windisch-Grätz eine Batterie Zwölfpfündcr und die Division Kaiscr-Chevauxlcgers, welche er von der Brigade Parrot ans Ghöngyös mitgenommen hatte, über die Tarna nach Untcr-Debrü und befahl dem Fürsten Colloredo gegen die rechte Flanke des gegen Käpolna manoeuvrircnden Feindes vorzurückcn. Schon erscheint Schneider mit seinen im Sturmschritt in geschlossenen Reihen vorrückendeu Schönhalsern an der Tarna, unbeirrt durch die Gcschoße der Ungarn die zeitweise in ihre Masse cinschlagen; in der 2. Division reißt eine Kugel zehn Mann nieder, doch augenblicklich sind sie ersetzt ohne daß der Marsch inS stocken geräth. Nacheinander passircn sie eilig, doch in vollkommener Ordnung die einzige Brücke die zur Verfügung steht — „eine höhere Hand ruhte schirmend auf ihnen, denn keine Kugel schlug in den dicht gedrängten Haufen" —, drüben setzt sich Schneider an die Spitze der 1. Division mit welcher er gegen die Kirche Gefangennahme des Bataillons Zanini. 183 vordringt, die 2. und 3. müßen.links und rechts durch Gärten und Höfe brechen und in gleicher Linie anmarschircn. Die 1. Division nähert sich dem vom ungarischen Bataillon Zanini besetzten Platze und wird mit einer vollen Dechargc empfangen von welcher 4 Mann getroffen stürzen. Nun wirbeln die Trommeln zum Sturm und fast gleichzeitig erscheinen zu beiden Seiten die zwei andern Divisionen, sturmen auf den Platz heraus und gegen die Italiener los die Schrecken lind Bestürzung ergreift. Ein paar Mann werden niedergestoßen, mehrere wenden sich zur Flucht. Der Feldpater mit dem Crucifix war noch immer an ihrer Spitze, als er mit einemmal bemerkt daß von keiner Seite ein Schuß mehr fällt. Verwundert blickt er zurück und sicht den Boden mit Gewehren und Bajou- uetcn wie übcrsäet, das Bataillon das die Waffen gestreckt in voller Auslösung. Ein Schönhalser stürzt auf ihn zu und faßt ihn bei der Gurgel, Mcdnyünsky schlägt ihm mit der Kraft der Verzweiflung das silberne Crucifix mit solcher Gewalt an die Schläfe daß der Soldat uiederstürzt, wobei Mcdnhänsky Zeit gewinnt in eines der nächsten Häuser zu flüchten. Indessen vollzieht sich der Act der Uebergabc: der Bataillons-Comman- dant Venturini, 27 Officicre, 500 Mann mit der Fahne "i). Nun nimmt auch au den übrigen Punkten das Gefecht eine andere Wendung, besonders da jetzt Colloredo, nach der Weisung die ihm der Fcldmarschall gegeben, neuerdings aus Tothfalu hervorbricht und eine halbe Raketcn- Batterie in die Weingärten nächst Käpolna entsendet. Vergebens eifert Dembiüski die ungarischen Bataillone zu neuer Kraftanstrengung an, ersteht im stärksten Feuer, von acht Personen seiner Umgebung sind vier- verwundet, ihn selbst trifft eine Kugel am Kopfe; er sendet sein Geleite zurück, nur Corpora! Marcus Michael harrt treu au seiner Seite aus. Schon weichen seine Truppen auf allen Seiten. Die neuerdings zum Sturm gegen den Ort anrückcndcn Houvvds werden von den Kaiserlichen mit ein paar Raketen-Schüßen zerstreut und in die Flucht gejagt. Noch war der Kampf am südöstlichen Ende von Käpolna nicht aus- gcfochteu. Eben drangen die Ungarn vom Meicrhof aus neuerdings in den Ort vor, als die 2. Jäger-Compagnie durch die Hauptstraße heran- marschirt kommt und die Ungarn mit einem so scharfen Feuer begrüßt daß sich diese schleunig zurückziehcn und Schutz hinter der Umfassungsmauer des Meierhofes, hinter Hecken und Zäunen suchen. Oberlicntenant Pcdnzzi führt seine Compagnie vor, ergreift, als der trefflichste Schütze im Bataillon bekannt, das Gewehr eines seiner Jäger und schießt mit fünf 184 H. 12 . Der zweite Schlachttag von KLpolna. oder sechs Ladungen ebenso viel Feinde, in dem abseits liegenden Häuschen nieder, das nun die übrigen in Eile verlassen um gleichfalls Deckung in der Umgebung des Meierhofes zu suchen. Nun führt Peduzzi ohne einen Befehl abznwarten seine Leute zum Sturm gegen den Hügel vor; die beiden hart mitgenommenen Compagnien Dürfeld's, die sich mittlerweile gesammelt hatten, und zwei Züge Baden unter Oberlieutenant Heyßler in der linken Flanke wirken mit. Tapfer wehrt sich der Feind; viele Leute die theils todt theils verwundet nicderstürzen lichten die kaiserlichen Reihen; aber fest schließen sich diese wieder und zuletzt ist der Hügel erstiegen, das Thor der Umfassung eingerannt und die Kaiserlichen dringen in das Innere, noch immer den hartnäckigen Feind vor sich. Ein baumlanger Grenadier vom abgefallencn Regiment Wasa drückt auf etwa fünfzehn Schritt gegen Peduzzi ab, an dessen Kappe die Kugel hart vorbei pfeift und der nun seinerseits mit geschwungenem Säbel ans den Grenadier eindringt; aber schon hat ein kleiner stämmiger Unterjägcr, Spiegler ans Haida, dem Goliath das Haubajonnct durch den Leib gerannt. Noch gibt es vereinzelte Schüße und Kampfscenen; aber schon sind die Ungarn im weichen, der Meierhof ist im Besitz der Kaiserlichen und damit die Eroberung von Käpolna beendet. Der Feldmarschall ritt nunmehr ans die zwischen Käpolna und Kaäl gelegene Anhöhe um sich zu überzeugen wie es bei dem Fürsten Edmund Schwarzenberg aussehe. Als er an der Cavalerie-Brigade Montenuovo vorbeikam hielt er an um sic wegen ihrer Bravour am gestrigen Tage zu beloben; er ließ sich den Oberfeuerwerkcr Neubauer vorführen dem er die goldene Tapferkeits-Medaille zuerkannte. Der linke ungarische Flügel ist im Begriff seine bisherige Stellung anfzulvsen. Dreimal beschickt Dcmbmski den dort commandirenden Aulich mit der Mahnung zu neuem Angriff, doch dieser räumt Kompolt und zieht sich ans Knäl und die rückwärtigen den Ort beherrschenden Höhen zurück"-). Die Kaiserlichen marschiren vor und eröffnen ein Geschützfener gegen die Ungarn. Wieder wie am vorigen Tage soll an Zcisberg, der inzwischen Bod erreicht hatte, die Einladung ergangen sein die Manoenvres bei Kaäl durch einen Angriff in die linke Flanke Aulich's zu unterstützen. „Ich soll Wohl dem Fürsten Schwarzenberg zu einem Thercsienkreuz verhelfen?!" soll Zeisberg geantwortet haben*), und marschirtc weiter bis Erdotelek. Doch ") Ll8. a. d. Haupt-Quartier des Bauus. Kompolt von Anlich geräumt. 185 selbst hier blieb er hinter seiner Aufgabe zurück die rechte Flanke der kaiserlichen Haupt-Armee gegen die Theiß zu eclairiren, auf Poroszlü zu rücken und die dortige Brücke zu zerstören. Fürst Edmund Schwarzenberg beordert die Brigade Dietrich zum Angriff gegen die feindliche Stellung. Warasdincr-Krenzer und Banal-Gränzer rücken gegen je eine Hälfte des durch eine breite Gasse in zwei fast gleiche Theile geschiedenen Dorfes Kaäl, ans dessen Nmzännnng die Ungarn ein lebhaftes Tiraillenr- Fcncr unterhalten. Dietrich erhält einen Prellschuß am rechten Schenkel was ihn nicht hindert im Sattel zu bleiben und seine Gränzer zum Sturm vorznführen. Ein Hnsaren-Rcgiment, von Anlich zur Attaque beordert, hat sich kaum in Front entwickelt als es nach den ersten Kar- tätschcnschüßen der Kaiserlichen Kehrt macht*). Auch die Honvsds halten nicht länger Stand und bald ist der ganze Ort im Besitz der Kaiserlichen. Die Gränzer brechen ans Kaäl heraus und nehmen bei 1200 Schritt außerhalb Stellung; die Bataillons Wimpffen und Eckhcr werden mit den Geschützen auf die Höhen nächst dem Orte beordert, Graf Nostic an der Spitze von 3 EscadronS Civalart-Uhlanen wird vorgcschickt die feindlichen Husaren zu werfen. Doch bereits ist dort das Signal zum Rückzug gegeben, den Anlich ohne sich auf ein ernstes Gefecht mehr cinznlafsen gegen Füzes-Abony einschlägt. Etwa um 1 Uhr nachmittags war Gnhon mit seiner Division in Kcrecsend eingctroffcn, die er sogleich Branntwein fassen lassen um sic für den bevorstehenden Kampf zu begeistern. Allein Dcmbinski hatte bereits beschloßen die Stellung bei Käpolna aufzngeben und seine Truppen nach Kcrecsend zurnckzuführen. Er dispvnirtc 6 Escadrons Husaren und einige Geschütze gegen Töthfaln um den Vorstoß Colloredo's zu parircn und seine Dispositionen für den Rückzug ohne Störung treffen zu können. Der Kampf auf dieser Seite beschränkte sich von da an auf eine gegenseitige Kanonade. „Do Uor^no a-rrivo, il kaut norm rotiroDst soll Dcmbinski ausgerufen haben als er das Dröhnen der Geschütze vernahm das von Verfielet hcrüberdringend die Annäherung Schlik's verkündete. Zwischen ) Danzer I S. 18 » f. 186 II. 12. Der zweite Schlachttag von K»pol»a. der Tarna von Verfielst gegen Käpvlna und dem Laksö-Bach von Eger- Szalok gegen Kcrecsend streichen von Nord gegen Süd mehrere Hügcl- rcihcn, die gegen den Laksu-Bach bewaldet sind und in ihrem südöstlichen Theile in einer das ganze Gebiet überragenden Kuppe gipfeln. Der westliche Theil dieser Hochgcgend ist von der Debröer Seite durch eine kleine aber steile Senkung eingeschnitten, jenseits welcher gegen das Ccntrnm hin Görgei die Division Pöltenberg disponirte, während er von Bulharyn mit einem Theile der Division Klapka die unbcwaldetc Mitte des Plateaus cinnchmcn ließ, zu dessen rechter Seite von Erlau her Klapka mit seinen andern Truppen erscheinen sollte. Klapka suchte, wie wir wissen, Schulz uud Jdzikowski zwischen Bakta und Szoläth auf, traf sie aber erst nach langem Umherirren bei Egcr-Szalük von wo er sie nun ungesäumt in die ihm angewiesene Gefechtsstellung führte. Schlik seinerseits disponirte die Brigade Pcrgen mit der Cavalcric als seinen linken Flügel gegen die Erlaner Straße, von wo er eine Umgehung besorgte, die Brigaden Kriegern und Deym als seinen rechten Flügel in der Richtung von Dcbrü und Knpolna um die Verbindung mit dem Armee-Corps Wrbna hcrznstellen; General Fiedler hatte mit seiner Brigade als Reserve nachzurücken. Der Feldherr selbst befand sich bald da bald dort. Meist nur von einem Adjutanten oder Galopin begleitet flog er auf seinem „Rebcller" überall dorthin wo ein Gefecht im Zuge war. Der Tag der seine Höhe überschritten hatte war warm, tiefe Sandfelder erschwerten streckenweise die Vorrückung, die Zunge klebte dem Soldaten vor Staub und Durst am Gaumen, nirgends ein Tropfen Wasser. Schlik ritt mit Pergen, einer Abtheilung Preußen-Kürassiere unter Rittmeister Graf Wickenburg und einigen Geschützen, um eine Uebersicht zu gewinnen, eine Anhöhe hinan, auf welcher ihn eine schluchtartige mit Gehölz bedeckte Senkung von Bulharyn trennte. Auf der Höhe jenseits standen anderthalb Escadrons Husaren, während eine Abthcilnng Polen durch das Wäldchen gedeckt auf etwa 80 Schritt herankam und Feuer gab. Wickenburg setzt sich mit seinen Panzcrreitern in Galopp, säubert den Wald den die Polen räumen"^; pw Geschütze schlagen in die Reihen der Husaren ein, die in Unordnung gcrathcn. Die Bataillone Bnlharyn's machen Miene sich in den östlichen Wald zu ziehen, werden aber von Aristides Dcssewffy der jetzt den Befehl übernimmt zum stehen gebracht und rücken, während Pergcn sich mehr nordwärts wendet, thcilwcise in ihre frühere Stellung wieder ein. Die Verbindung zwischen Schlik und der Hanpt-Armce hcrgestclll. 187 Zur selben Zeit hatte Pölteuberg harte Angriffe van Schlik'S rechtem Flügel zu bestehen, während Major Augustinctz aus Debrü debouchirte. Gegen diese Seite hatte Pöltenberg 2 Bataillone, 1 Es- cadron und 2 Batterien auf einem vortheilhaftcn Punkte ausgestellt von wo er die Kaiserlichen mit einem wirksamen Feuer begrüßte. 6 Compagnien Jäger, 4 Compagnien Erzherzog Stephan, mit 2 Compagnien Paumgarttcn und 2 Escadrons Johann-Dragoner als Unterstützung, setzten sich gegen den Bergrücken in Marsch, ein bei sieben Fnß breiter Graben muß übersetzt werden, ein zweiter desgleichen, und im Sturm geht es jetzt gegen die Höhe. Ein Honvsd-Bntaillon und eine Abtheilung Husaren brechen den stürmenden Kaiserlichen in die Flanke; Johann- Dragoner werfen sich auf sic um den Stoß zu pariren, Oberlientcnant Feldegg mit einer Division Jäger rückt den ungarischen Geschützen in die Seite. Die ungarischen Reihen beginnen zu wanken, und als nun Fürst Colloredo, den Kampf gewahrend, mit 2 Batterien im rechten Augenblicke zur Stelle kam und seine Geschütze abprotzcn ließ, gab Pöltcnberg das Zeichen zum Rückzug gegen Kerccsend. Schon haben die Truppen Colloredo's die Höhe erklommen, als ihnen von jenseits neue Massen eutgegenblicken; aber ihre Betroffenheit verwandelt sich in Freude uud Jubel als sie Kameraden erkennen: es sind die ersten Co- lonnen vom langerwarteten Schlik'schen Corps mit welchem nunmehr die wirksame Verbindung hergestellt ist. Es war ungefähr 3 Uhr nachmittags als Klapka mit der Brigade Schulz von Eger-Szalök in der Nähe des Kampfplatzes eintraf. Seinerseits hatte Görgci dafür Sorge getragen die Kuppe als den den Kampfplatz beherrschenden Höhepunkt durch die Colonne seines Hnupt-Qnartiers zu sichern die er nächst der über den Laksö-Bach gegen KerccScnd führenden Brücke in Bereitschaft hielt, lieber dieselbe Brücke waren die Truppen des Dembiiiski'schen Centrums bereits hinübermarschirt und zogen jetzt in langen Reihen die Pöltcnbcrg's, nachdem sie die Stellung oberhalb Debrö geräumt. Dembmski führte rasch ein Regiment Husaren vor um die aus Tüthfalu gegen die Colvnnen Pöltenbcrg'S nnmnrschi- rcndcn Kaiserlichen aufzuhalten und befahl Pölteuberg in die GcfechtS- stellung einzurücken; allein dieser, nur die Weisung Görgei's im Auge, setzte ohne Aufenthalt seinen Marsch gegen Kerccsend fort. Auch au Guhon hatte Görgei, der es nicht vergessen konnte selbständiger Com- mandant über seine Divisionen gewesen zu sein, den Befehl zum Rückzug 188 II. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. zukommen lassen weil er eine Umgehung des ungarischen rechten Flügels von Käpolna und Kaäl ans fürchtete. Als Gnyon durch den Adjutanten Görgei's der ihm jenen Befehl überbracht hatte darum bei Dembmski anfrng, herrschte dieser den Officier an: „Sagen Sie Ihrem General daß er vom Krieg nichts versteht und daß er dort nichts zu befehlen hat wo ich mich persönlich befinde!" Er hieß Gnyon in der Stellung nusharren die er ihm vor Kerccsend angewiesen und zu deren Linken die Truppen Märiäffy's Stellung nahmen. Der linke Flügel Schlik's war inzwischen über Berg und Thal vorgerückt als er sich am Fuße der Szaloker Höhe der Brigade Schulz gegenüber sah, die Klapka ans die halbe Höhe des Berges herabführt und ein wirksames Fener gegen die Kaiserlichen eröffnen läßt das diese ihrerseits aus ihren Geschützen erwidern. Alis dem mittleren Höhenrücken, den Bnlharyn früher hatte räumen müßen, hat Desscwffy neue Angriffe der Schlik'schcn zu bestehen, welche das 34. und 42. Honvöd-Bataillon, so oft jene die Höhe erklommen haben, mit gefälltem Bajonnet abweist. Die Kuppe hat Görgei von den Haubitzen seiner Hanptguartier-Colonne besetzen lassen deren Feuer die Bcrtheidignng Desscwffy's kräftig unterstützt. Doch Schlik führt frische Colonnen vor, gewinnt von der Dcbrücr Senkung aus die Höhe, postirt seine Raketen-Stative, führt seine Feld- Geschütze vor, deren Geschoßc» die ungarische Infanterie gegen den Laksü- Bach ausweicht und in unordentlicher Flucht den jenseitigen waldigen Hang zu gewinnen sucht. Dessewffy von seinen Truppen verlassen, wendet sich allein gegen die Kuppe ans welche jetzt Görgei nach und nach seine ganze Hauptgnartier-Colonnc heranzicht: das Bataillon Ernst, die „Tyroler-Jäger", Alexander-Husaren, zuletzt die Grenadiere und gemischten Husaren. Doch seine Geschütze sind dem Feuer der Schlik'schcn nicht gewachsen, auch stellt sich Mangel an Schießbedarf ein, sie müßen bis auf 4 Haubitzen aus dem Gefechte gezogen werden. Schlik's Angriffs- Colonnen rücken gegen die Kuppe vor, seine Raketen wirken „buchstäblich rasirend" — um einen Görgei'schen Ausdruck zu gebrauchen — in der feindlichen Aufstellung. Das Bataillon Ernst, das Görgei gegen die Ra- ketcn-Stative commandirt, hat kaum hundert Schritte vorwärts gemacht als es den Rücken wendet und thalabwärts flicht. Auch die s. g. Tyroler- Jäger^räumen den Wald. Alexander-Husaren sprengen zweimal zum Angriff vor und werden zweimal geworfen. Die gemischten Husaren versuchen einen dritten Angriff, eine Raketen-Hülsc reißt ihren Rittmeister Görgei gegen Kerccßend zurückgedrängt. 189 Szeymond vom Pferde, worauf seine Leute rcißauö nehme». Die Görgei'schcn Grenadiere, kaum daß sic den Waldsanm erreichen, werden von einigen Vollkugcln überstrichen, ziehen sich wieder unter die Bäume und wollen den Abhang hinunter gegen den Lakso; da springt Görgci vom Pferde und mit Hilfe der Officierc gelingt es ihm die Mannschaft unter dem Schutze des Waldes zum Borwärtsmarschiren zu bringen. Aber inzwischen protzen die Kanoniere ohne Befehl ihre Geschütze ans; drei Haubitzen sind bereits in vollem Rückzug als eine Kanonenkugel in die Bespannung der vierten cinschlägt und eines der Pferde tödtet, worauf die Fuhrkncchte die Stränge der übrigen abschneiden und den drei andern Geschützen Nacheilen. Görgci eilt herbei, bringt einige Husaren zur Stelle, Dcssewsfy und Görgei's Bruder Stephan finden sich ein, während die kaiserlichen Wnrfgcschoße in dichtem Hagel rechts und links einschlagen und eines das Pferd von Görgei's Bruder unter dessen Leibe niederstrcckt. Den vereinten Anstrengungen ist cs endlich gelungen das fcstgeranntc Geschütz wieder flott zu machen, das einige Husaren und die Bedienungsmannschaft, Aristides Dcssewsfy mitten unter ihnen, vom Flecke ziehen. Nun ist aber kein Augenblick zn verlieren um die Kerecsendcr Brücke zn gewinnen, welche die letzten Abteilungen Pölten- berg's bereits passirt haben. Die Colonnen Schlik's eilen dem Feinde nach, von dem sie aber nichts als eine Anzahl verlorener Bärcnmützen der Görgci'schen Grenadiere finden die sich Schlik'sche Infanteristen jubelnd anfs Haupt setzen. Der Gcschützkampf währte an einzelnen Punkten, wie zwischen Schlik's linkem Flügel und der Aufstellung Klapka'S, bis in die hcrcinbrechende Dunkelheit fort. Im Centrnm reichten die Wnrfgcschoße der Kaiserlichen bis zur Stellung Gnyon's; Dembinski's ausharrcndcr Begleiter, der Corpora! Michael, verlor in des Generals unmittelbarer Nähe sein Pferd unter dem Leibe. Eine Verfolgung der Ungarn fand nur von zwei Seiten statt: durch den Major Angustinetz den der Feldmarschall mit einer Abthcilung Infanterie und sechs Geschützen in der Richtung von Kerccscnd aussandte, und durch den Grafen Montcnuovo den er mit 6 Schwadronen und 2 Cavalcric- Batterien persönlich über die Tarna und eine Strecke weit jenseits zwischen Käpolna und Kaäl hinaus geleitete. Der Feldmarschall ritt dann nach Kapolna zurück und erschien bei dem Bataillon Schönhals, welchem er für den Sturm dankte den es unverzagt in dem Augenblicke unternommen hatte wo das Dorf schon verloren schien. 190 II. 12. Der zweite Schlachttag von Käpolna. Montcnuovo mit sciucn Reitern kam nicht weit. Die Ermüdung der Pferde und die schwierige Bodeubeschaffcnhcit ließen den Marsch nur im Schritte zu. Gräben, sumpfige Stellen, Bodenschwierigkeiten, nächst Ke- recscnd waldige Strecken hinderten ihn in der eingcschlagenen Richtung weiter zu gehen, daher er etwas südostwürts abbog. Hier stieß er auf die gegen Füzcs-Abony abrückcudcn Colonnen Aulich's, gegen die ersinne Batterien anffahren ließ ohne daß der Feind das Feuer erwiderte; er mußte sich ausgcschosseu haben. Das that Montenuovo nach zweimal und richtete große Unordnung in ihren Reihen an, die aber zuletzt doch Füzcs-Abony erreichten, wo sie Montenuovo ahne Infanterie nicht angrcifcu konnte. Er kehrte um und nahm iu Kaäl Quartier. Der Feldmarschall schlug sein Haupt-Quartier in dem eroberten Krlpolna ans, wo sich am Abend alle Corps- und höhern Commandanten einfandcn um Weisungen für den morgigen Tag cinzuholen. Windisch- Grätz dachte daran die Grenadier-Bataillone Schütte's unmittelbar dem Feind uachrücken zu lassen, gab aber wegen ihrer zu geringen Anzahl den Gedanken wieder auf. Von den übrigen Trnppen-Abthcilungen war keiner eine solche Aufgabe zuzumuthen. Das Armee-Corps Schlik hatte vom frühen Morgen, immer von neuem kämpfend, zeitweise in erbittertem Strauße, die lange Strecke aus der Enge von Sirok bis ans die Höhen gegenüber von Kerecsend znrückgelcgt. Auch die kurze Ruhe, welche die Truppen Wrbna's vom gestrigen auf den heutigen Tag unter den Waffen genossen hatten, war kaum zu zählen; ordentlich abgekocht hatten sie seit dem 25. nicht. Es galt jetzt in erster Reihe sie die Nacht über zu frischen Kräften kommen zu lassen, um am folgenden Tage entweder den Kampf von neuem aufzunehmen oder den Feind mit Nachdruck über die Theiß zurückzudrängcn. Das bunteste Bild bot in den später» Abendstunden das Dorf Küpolua, zwischen dessen rauchenden Trümmern Hunderte von Feuern brannten, an denen sich die ausgehungerten Soldaten der Brigade Wyß ihr Mahl bereiteten, zu welchem ihnen die von den Einwohnern zurück- gelassenen Vorräthc den Stoff lieferten. Trotz ihrer Ermüdung nach dem stundenlangen hartnäckigen Kampfe waren sie guter Dinge und besorgten lärmend und singend mit großer Geschicklichkeit die verschiedenen Geschäfte des Abbrennens der Schweine, des Kochens und Bratens u. dgl. Besonders lustig ging cs bei den Zweier-Jägern her. Die Schlacht war geendet, aber ein Schlachten gab es noch, ein blutiges klag- und jammer- Das große Haupt-Quartier tu Käpolna. 191 volles: nicht von Menschen, sondern von dem Jnngvich des Meierhofes, das abgehäutet und ausgewcidet in die dampfenden Compagnie-Kessel und aus diesen in die Mägen der jungen Leute wunderte die sich solchen Hochgenusses seit achtundvierzig Stunden nicht erfreut hatten. Die Verluste der beiden Tage waren nicht gering. Das Schlik'sche Corps allein hatte zehn Officicre theils todt theils verwundet; Haupt- mann Sauer, der schwer getroffen nach Gyöngyös gebracht wurde, starb dort am 29. Auch ein Franul von Wcißenthnrn, Enkel der Schriftstellerin, Lieutenant bei Civalart-Ilhlanen, war unter den Todtcn; er war mit einer jungen Pragerin, der Schwägerin Sauer's verlobt, so daß von zwei Schwestern an einem Tage die eine ihren Gatten, die andere ihren Bräutigam verlor. Den Gesammtverlust an Todten Verwundeten und Vermißten berechnete man auf kaiserlicher Seite ans 16 Officierc, 335 von der Mannschaft, 152 Pferde*). Den Verlust auf ungarischer Seite finde ich nirgends in einigermaßen verläßlicher Weise ausgezeichnet. Sagen aber läßt sich daß er ungleich größer geworden, daß der Erfolg des Tages für sie ein weit ungünstigerer gewesen sein würde, wenn den Kaiserlichen nicht ein Umstand hindernd in den Weg getreten wäre der sich ja von allem Anfang in diesem Feldzuge empfindlich fühlbar machte: der Mangel von Dötail- Kartcn. Wäre im Haupt-Quartier des Feldmarschalls, was man.erst am folgenden Tage durch den Augenschein erfuhr, der Lauf und die Beschaffenheit des Laksö bekannt gewesen und Hütte mau darum die Gefahr ermessen können in welcher sich die Aufstellung Dembinski's mit dem Rinnsal dieses Baches im Rücken am zweiten Schlachttage von Käpolna befand, so würde man nicht versäumt haben die auf Kartätschenschußwcite leicht zu dominirende steinerne Brücke von Kerecscnd in einer Weise zu fassen, daß den Truppen Pöltenberg's und Görgci's, die am späten Nachmittag über diese Brücke ihren Rückzug ausführten, ein nicht zu berechnendes Schicksal bevorstand. Der verwundete Dembinski hatte sich nach Maklär bringen lassen"'). Die Verletzung war nicht von Bedeutung, der Arzt verordnetc Arnica- Umschläge, was den Feldhcrrn nicht hinderte seine Anordnungen für die folgende Nacht zu treffen, die auf den Rückzug gegen Mezo-Kövesd lan- *') Nobili S. 314 s. 192 II. 12. Der zweite Schlachttag von K/cholna. tetcn; eine starke Arrikregardc mit viel Geschütz sollte die Stellung bei Kcrccsend behaupten, bis die letzten Colonncn der Hanpttrnppe hinreichenden Vorsprung gewonnen haben würden. Görgci war damit, wie mit allem was Dembmski that, durchaus nicht einverstanden und wußte diesen Geist der Unzufriedenheit auch den Commandanten seiner Divisionen ein- zuslößcn. Er schrieb die Verluste des heutigen Tages einzig einem Zusammentreffen von ungünstigen Umständen zu; auch war nach seinem Raisonncmcnt ein Sieger der seinen Sieg nicht verfolgte und nicht aus- nütztc kein Sieger, und cs darum, bei der „überraschend guten Haltung" welche die ungarischen Truppen, gegen seine eigene frühere Meinung, gezeigt hatten, durchaus nicht gerechtfertigt dem Gegner vorzeitig das Feld zu räumen. Indessen war die Sache so gut wie ausgcführt und ließ sich nichts wesentliches daran ändern"«). Spät abends langte die Division Kmeth vor Kcrccsend ein; sic hatte für die Nacht dem Befehle.Dembmski's zufolge den Sicherheitsdienst zu besorgen. Als die Officiere vernahmen nur Görgci sei zur Stelle, Dembmski verwundet, vielleicht schwer, drangen sic in ihren früheren Corps- Commandanten den Oberbefehl zu übernehmen und Dembmski's, wie sie meinten, schmähliche Anordnungen rückgängig zu machen. Allein zuletzt mußte Kmeth selbst einsehcn daß dies nicht mehr anging, und so ritt Görgci nach Maklär um sich nach dem Oberfeldherrn umznsehen und sich zu überzeugen was cs mit dessen Verletzung für eine Bewandtnis habe. Bei dieser Gelegenheit mochte cs gewesen sein daß Dembmski ihn wegen wiederholter Durchkreuzung seiner Befehle — denn auch das verspätete Eintreffen der Division Kmeth wurde allgemein auf Görgei's Rechnung geschrieben — heftig anfnhr und ihn fragte: „Was würden Sie thun wenn einer ihrer Untcrbefchlshaber sich etwas ähnliches zu Schulden kommen ließe?!" „Ich würde ihn erschießen lassen", erwiderte Görgei"°). Um dieselbe Zeit war ein Regicrungs-Cvurier ans Debreczin ein- gclangt der die Beförderung Aulich's zum General brachte. Dembmski glaubte gerade am heutigen Tage nicht Ursache zu haben mit Anlich zufrieden zu sein und hatte, obwohl der Vorschlag von ihm selbst ausgegangen war, gute Lust das Decret einstweilen in Verwahrung zu behalten; da indessen Görgei bereits dahinter gekommen war so blieb nichts übrig als Anlich holen zu lassen und ihm das Decret einznhändigen. Anordnungen des Feidinarschalls für den 28. Februar. 193 13. Es lag im Plane des Fürsten Windisch-Grätz am 28. mit dem frühesten aufznbrechen und cs ans eine Wiederaufnahme des Kampfes an- kommen zn lasse». Die Schwierigkeit lag nur darin daß, wenn die Ungarn kein Gefecht mehr liefern sondern nach rückwärts answeichcn wollten, der Feldmarschall ihnen nicht weit über Kerecsend hinaus nachzichen konnte ohne sich von den Hauptstädten zn entfernen was einem preisgeben derselben gleichkam. Windisch-Grätz hatte allen Grnnd die Möglichkeit einer größeren Unternehmung seitens der Ungarn von der mittleren Theiß her im Auge zn halten; denn in der That hatte es Dcmbiüski darauf abgesehen den kaiserlichen Oberfeldherrn in der Erlau-Miskolczer Gegend festznhalten und dadurch Vücsey und Damjanich das Hervorbrechen gegen das Armee-Corps des Banns zn erleichtern. Diesen Plan durchschaute der Feldmarschall, und so sehr er es bedauern mußte der ungarischen Haupt-Armee keine entscheidende Niederlage beizubringen, so standen doch viel zn wichtige Interessen auf dem Spiele um ihn jenen Zweck ohne weitere Rücksichtnahme verfolgen zn lassen. Ans dem Gesagten erklären sich die Anordnungen des Feldmarschalls für den kommenden Tag: Graf Schlik wird mit einer Abtheilung gegen Erlau streifen lassen und mit seinem Gros den Feind von Miskolcz ab gegen Mezü- Kövcsd zu drücken suchen. — Das II. Armee-Corps von Käpolna über Kerecsend nach Maklür, von Kaäl nach Füzes-Abonh. — Zeisberg zur Deckung der rechten Flanke gegen Poroszlü. Die Munitions-Reserve mußte ohne Verzug von Gyöngyös nach Knpolna aufbrechen und die Truppen waren angewiesen sich in der Nacht mit frischem Schießbedarf zu versehen. Die sechste Morgenstunde wurde für den Aufbruch bezeichnet. Von Zeisberg kam halb 4 Uhr morgens Meldung ans Erdötelek, er werde „um dem hohen Aufträge zu entsprechen über Bcsscnhü gegen Poroszlü operircn", und in dieser Richtung konnte man sohin beruhigt sein. Auch die Division Schwarzenberg brach zur rechten Zeit gegen Füzes- Abonh auf. Vom III. Armee-Corps dagegen traf der Prinz von Nassau mit der Meldung ein daß die Stellung des Feindes bei Kerecsend Helfert, Geschichte Oesterreichs IV. Z. 13 194 II. 13. Bon K-Ipolna bis Poroszlä. eine so starke sei daß es Graf Schlik allein nicht ans sich nehmen könne selbe anzugreife». Windisch-Grätz, der stark an Hämorrhoide» litt, hatte sich durch die Anstrengungen der letzten Tage ein starkes Fieber zngezogen und darum nicht in aller Frühe persönlich bei den Truppen erscheinen können. Als nun aber der Prinz von Nassau eine Andeutung machte ob sich der Feldmarschall nicht persönlich von dem Stande der Dinge überzeugen wolle, überwand er sich, setzte sich zu Pferd und ritt gegen Ke- rccsend zu, wo inzwischen auch Colloredo, mit seiner Brigade ans dem Marsche nach Mecklar begriffen, eingetroffen war. Bei seiner Ankunft ans der Höhe nahm der Feldmarschall wahr daß die gegenüber liegende ziemlich steile Anhöhe, von der Schlik gemeldet hatte sie scheine ihm unangreifbar, von der Hauptmacht des Feindes bereits verlassen war; nur eine Abtheilnng, cs war die Division Kmety, hatte man vor sich, und auch diese, nachdem sie aus einer Kanone einen unwirksamen Schuß gegen die Kaiserlichen abgefeuert, räumte den Platz und zog den anderen Abtheilnngen nach, die znm Theil schon in der Nacht gegen Mezü-Kövesd anfgcbrochcn waren. Schlik bat den Oberfeldherrn sich seinem Corps das ihn noch nicht gesehen hatte zu zeigen, was Windisch-Grätz that, von den Truppen mit stürmischem Jubel empfangen"^. Allein das änderte an der Sache nichts. Durch Dembmski's Abmarsch nach Mezü-Kövesd war zwar erreicht was Windisch-Grätz am Abend zuvor im Sinne gehabt: den Feind von Miskolc; abzudrängen und mehr gegen die Theiß hin zu drücken. Allein ein wichtiger Moment: den im Abziehen begriffenen Feind mit Nachdruck anzngrcifen, war versäumt; überdies hatte Schlik, die Antwort des Obcrfeldhcrrn ans seine Meldung durch Nassau nbwnrtend, indcß abkochcn lassen, was die seit 26. mittags in fast ununterbrochenem Marsch und Kampf begriffenen Truppen allerdings sehr nöthig hatte», was aber, ehe sie marschbereit sein konnten, weitere Stunden in Anspruch nahm. Windisch-Grätz traf darum die Anordnung daß das III. Armee- Corps nach dem Abkochen die Richtung nach Maklär und Füzes-Abony einschlage, die Reiterei voran zur Verfolgung des Feindes, die Brigade Pergcn als Nachhut, die so laug in ihrer Stellung zu verbleiben habe bis man sich überzeugt haben würde daß Erlau vom Feinde frei sei "8). Colloredo rückte jetzt von Kerecsend ab, die Reiterei unter Monte- nuovo rechts von der Straße in der Ebene; eine Zeit darnach die Reiterei Schlik's, 5 Escadronen Preußen-, 1 Division Sunstenau-Kürassicre mit 6 Cavalerie-Geschützen unter Graf Deym mit Major Gablenz zur Seite; Ausstellung Dembwski's bei Mezö-KöveSd. 195 zuletzt die Infanterie vmn III. Armee-Corps init Ausnahme des Grafen Pergen der eine Ausknndung gegen Erlau ins Werk setzte. Der Oberfeldherr ritt mit der Brigade Colloredo gegen Maklär das die Truppen Dembiüski's inzwischen geräumt hatten. Windisch-Grätz traf gegen Mittag in Maklür ein und gewahrte auf mehr als eine Meile vor sich, da der. Boden hier fast ohne alle Abschnitte und Hindernisse ist, den Feind im Aufmarsch vor Mczü-Kövesd. Inzwischen hatte sein Unwohlsein in solchem Grade zugenommen daher sich nicht mehr auf dem Pferde halten konnte; er quartierte sich im Pfarrhause ein und legte sich zu Bett. H * K Gegen ll Uhr vormittags trafen die Spitzen der ungarischen Co- lvnnen vor Mezü-Kövesd ein, an dessen westlichem Ende sie ll cllsvnl der Hauptstraße Freilager bezogen: rechter Flügel nordwestlich der Straße gegen das Gebirge hin Görgci mit den Divisionen Gnyon und Aulich; linker Flügel südöstlich der Straße Sekulich Klapka Pöltcnbcrg. Eine Stunde später setzte sich Kmety von Kerecsend in derselben Richtung in Marsch. Er war bereits über Szihalom hinaus als seine Nachhut von den Kaiserlichen eingeholt wurde: es waren Dchm und Gablenz die, nachdem sie mehr als eine Meile in Trab und Galopp geritten, angesichts der in Schlachtordnung ausgestellten ungarischen Haupt-Armee den die sumpfige Niederung durchschneidenden Ostoros-Bach auf einer Brücke übersetzten, jenseits in Eile sich ordneten und den letzten Colonnen Kmety's nachjagten. In der That gelang es ihnen einen Theil derselben auf das ungarische Lager zurückzuwerfen wo die Ueberraschung über das Erscheinen der Kaiserlichen keine geringe war. Obrist Gaspär kam an der Spitze einer Ab theilung Husaren in das Lager gesprengt; „nicht um zu fliehen", wie er zu Dembmski sagte, „sondern um seine zerstreuten Leute zu sammeln". Allein schnell hatte man sich von der ersten Verblüffung erholt. Nicolaus- Hnsaren die dem Kampfplatz am nächsten waren, schwangen sich in den Sattel und ritten im Galopp ihren bedrängten Kameraden zu Hilfe. Görgei führte von der Division Kmety eine halbe Batterie, die eilig reißaus genommen hatte, in das Gefecht zurück und es entspann sich jetzt auf kaum 2000 Schritte Entfernung von der ungarischen Aufstellung ein erbitterter Strauß dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte, da die Ungarn immer frischen Snccurs nachschickten, während die Colonnen der 13 * 196 II. 13. Von KLpolna bis Poroszlö. Kaiserlichen weit zurück waren. Und hinter der Reiterei und Artillerie Deym's der Sumpfgraben mit einer Brücke! Die Husaren auf ihren flinken Rößlein stürmen gegen die schweren Panzerreiter Deym's heran deren Reihen sie durchbrechen, während andere Abtheilungen nachkommend sie von der Flanke anfallcn. Das Zeichen zum Rückzug muß gegeben werden und alles drängt gegen den sumpfigen Bach und die Brücke um sich auf die andere Seite zu retten. Drei Geschütze, darunter zwei von denen die man bei Kaschan den Ungarn abgejagt, verfahren sich im Morast und sind, ehe es gelingt sie flott zu machen und über den Graben zu schaffen, Beute der Husaren, die sie jubelnd und die Säbel schwingend ins ungarische Lager bringen. Außerdem hat der unüberlegte Streich den Kaiserlichen 9 Todte, bei 50 Verwundete, wovon die Mehrzahl auf der Wahlstatt zurückgclassen werden mußten, sowie eine Anzahl Gefangener gekostet. Unter den Verwundeten befanden sich 3 Officiere von Preußen- und 1 von Sunstenau-Kürassiercn; dann Major Prinz Holstein der sich in seiner Husaren-Uniform — er war Major im 9. Husaren-Regiment — dem Unternehmen als Freiwilliger angeschloßen, im Gefecht den unterscheidenden Czako verloren hatte und so von den eigenen Kürassieren im Rücken angefallen worden war, so daß er übel zugerichtet nach Mecklar gebracht werden mußte i"). Graf Wrbna, an der Spitze seiner Infanterie eben über Maklür hinausgerückt, war, als er die ersten Kanonenschüße aus der Gegend von Mezü-Kövesd vernommen, der Meinung gewesen FML. Ramberg sei von Miskolcz eingetroffen, und hatte den Prinzen Ludwig Windisch- Grätz mit dieser Meldung ins Haupt-Quartier gesandt; der Feldmarschall, der sich kaum zu Bette begeben, sandte Nobili an Ort und Stelle sich vom Stande der Dinge zu überzeugen. Inzwischen hatte Montenuovo, durch den immer zunehmenden Kanonendonner gerufen, seinen Anritt beschleunigt und traf in der Nähe des Kampfplatzes zur rechten Zeit ein um die retirirende Reiterei Deym's auszunehmen. Eine Batterie die er Vorfahren und schnell abprotzen ließ hielt die Husaren von weiterer Verfolgung ab, worauf auch Deym seine geretteten Geschütze wieder ins Feuer brachte. Bald war auch die Brigade Wyß zur Stelle und man formirte sich eben in Schlachtordnung als Nobili eintraf. Der General- Quartiermcister des Feldmarschalls, die Ruhe und Ueberlegung in Person, war nicht geneigt die Verantwortung eines Angriffes für sich zu tragen und ließ die Truppen auf den Höhen vor Maklar Stellung nehmen, wo Reitergefecht bei Szi'halom. 197 er das Anrücken des Schlik'schen Arinee-Corps abwartete. Als dieses cin- traf war der Nachmittag bereits so weit vorgerückt daß wohl nicht daran zn denken war etwas weiteres zu unternehmen. Man befand sich hier auf der letzten Haltstelle in der Richtung von Mezö-Kövesd, auf eine Entfernung von nahezu zwei österreichischen Meilen, dazwischen nicht ein Halt- oder Anlehnungspnnkt für eine Stellung. Die beiden kaiserlichen Armee-Corps bezogen ein Lager vor Mnklär woselbst eine kleine Reserve zurückblieb, was aber nicht hinderte daß hier und da geplündert wurde. Von einem ordentlichen Requisitions-System war, da die Ortsbehörden in der ganzen Gegend fast ausnahmslos geflohen, keine Rede; es war kalt und neblig, der Soldat brauchte Holz das in der Gegend nicht zu finden war, und da mußten denn Zäune Thore und Thüren, Fensterstöcke, allerhand Einrichtungsstücke herhalten. Das Gefecht von Szihalom, für die Ungarn verhältnismäßig von so glänzendem Erfolge, hatte in ihrem Lager einige unangenehme Auftritte in seinem Gefolge, wobei wie schon so oft Görgei und Dcmbinski aneinander gericthcn. Jener wollte den Commandantcn der halben Batterie, welche beim ersten Erscheinen der Kaiserlichen das Weite gesucht hatte, wegen Feigheit vor ein Kriegsgericht stellen und vor der Front seiner Truppen erschießen lassen; doch der Oberseldherr, von welchem er die Erlaubnis dazu einholen mußte, begnügte sich damit dem Officier den Säbel zerbrechen, die Auszeichnungen herabreißen und ihn in Ketten nach Debrcczin schaffen zu lassen; den Kanonieren aber drohte er, falls sie nicht bei der nächsten Affaire den Schandfleck rein wüschen, sic Mann für Mann vor die Gcwehrlänfe zu stellen. Blutiger lief ein anderes Zwischenspiel ab wo Görgei im ersten Augenblicke der Hitze selbst das Richternmt übte. Ei» Honved-Hanpt- mann Namens Udvarnoky, ein junger aufbrausender Mensch, aber nicht unbeliebt bei seinen Kameraden, tapfer und wegen seiner Verwegenheit bekannt, mochte in einer Restauration von Mezö-Kövesd etwas zn viel Erlaner getrunken haben, als er das Schießen vernahm, hinansstürztc, einem ihm begegnenden Husaren ein paar Dncaten gab damit ihm dieser sein Pferd abtrcte, und nun in das Getümmel eilte wo er wie ein Rasender in die Kaiserlichen dreinhieb. Beim Zurückrciten kam er an Kmety vorbei der ihn anhielt und zu Rede stellte wie er zu dem Hnsarenpferd gekommen. Udvarnoky gab etwas trotzige Antwort: er habe das Pferd gekauft und könne bannt machen was er wolle; doch 198 II. 13. Bon Käpolna bis Poroszlä. fügte er sich auf das strenge Gebot Kmety's, gab das Pferd ab und wandte sich zum fortgehen, wie es heißt mit der Drohung er hätte Lust dem Obristen den Kopf zu spalten. Da kam er Görgei in den Wurf, der von dem Vorfall gehört hatte und ihm Rede und Antwort abverlangtc. Was sich da in Eile entspann und abwickeltc ist nicht näher bekannt, nur das Ende: Görgei rief ein paar daherreitendc Husaren an, die sogleich vom Leder zogen und auf den Unglücklichen, der mit den Armen über dem Kopfe sich zu schützen suchte, ihre Streiche führten bis ihn einige Pistolenschüße, wie cs heißt von der Begleitung Görgci's, zu Boden streckten. Als Dcmbiüski herangesprcngt kam zu sehen was es da gebe, lag der junge Mann von Blut überströmt in seinen letzten Zuckungen Im allgemeinen hatte nach dem gelungenen Rcitergefcchte die Kampfeslust bei den Ungarn neue Nahrung erhalten, nicht blos bei den Truppen sondern auch bei vielen der Führer. Besonders Görgei ließ sich diesen Anlaß nicht entgehen seinem polnischen Oberfeldherrn eine neue Unannehmlichkeit zu bereiten. Dcmbiüski hatte gegen Abend die Vorposten der Division Kmety abgeritten, ans eine lange Strecke nicht eine Vedette, nicht ein Geschütz gefunden, hatte den Commandanten rufen lassen und darüber zur Rede gestellt. Kaum war er in sein Hanpt-Quartier zurück- gekehrt, als Görgei Klapka und die meisten Divisions-Commandanteu vor ihm erschienen und ihn um Mittheilung seines Operations-Planes ersuchten. Die Stimmung der Truppen, sagte Görgei, sei bei den zwecklosen Strapazen und der mangelhaften Verpflegung eine sehr gereizte, die der Führer in Folge der unklaren und stets wechselnden Dispositionen eine unbehagliche; sic seien zwar gern bereit alle Befehle des Ober-Com- mandos zu vollziehen, hielten aber dafür daß sic unter so schwierigen Verhältnissen berechtigt seien beim Entwurf entscheidender Operationen mindestens eine bcrathende Stimme zu haben. Dcmbiüski entgegnetc kurz: er werde von seinen Entwürfen niemand etwas mittheilcn und erwarte von seinen Unterführern unbedingten Gehorsam*). Bei den Kaiserlichen konnte man es noch weniger begreifen warum man nach zwei so entschieden günstigen Schlachttagen die Waffe im Arm unthätig einem Feinde gegenüber verharre dem man sich, trotz der numerischen Uebcrlegcnheit desselben, mehr als gewachsen fühlte. Einen Theil der Schuld trug ohne Frage die Unschlüßigkeit Nobili's der beim *) Danzer 1 S. 211—213. Schlachtordnung der Kaiserlichen vorwärts Maklär. 199 cinbrechcnden Dunkel nach Maklär zurückritt ohne irgend welche Anstalten für einen neuen Angriff getroffen zu haben; er schien die Entwickelung der Dinge abwarten zu wollen. Erst Windisch-Grätz traf solche für den morgigen Tag als ihm Nobili über die ungarische Aufstellung Bericht erstattete. Da ließen sich aber Wrbnn und Schlik melde», die dem Feldmarschall die Ermüdung der Truppen vorstellteu die es nicht gestatten werde etwas größeres zu unternehmen; auch gehe die Geschütz-Munition zur Neige. Der Feld-Artillerie-Dircctor General Joseph Dietrich von Hcrmannsberg wurde berufen der sich erbot noch in dieser Nacht das nöthige von Küpolna herbeikonnnen zu lassen Hierauf gebot der Oberfeldherr Schlachtordnung für den morgigen Tag, doch Vorrückung nur wenn der Feind angreifen sollte. Am späten Abend rückte auch Pergen, der Erlau von den Ungarn frei gefunden hatte, bei Maklär ein, so daß nun der Hauptthcil der Armee wieder beisammen war, bis auf Edmund Schwarzenberg der, wie ihm befohlen, bei Füzes-Abony stand. Von Zeisbcrg lief um dieselbe Zeit Meldung ein er habe auf Erdötelck zurückgehen müßen da er in der ihm vorgezeichucten Richtung die Geschütze nicht habe sortschasfen können; er werde nun versuchen den Weg über Tenk und Atany eiuzuschlagcn. Es wurde ihm noch um 9 Uhr abends der Befehl zugeschickt mit dem frühesten von neuem gegen Bessenyü vorznrücken, von wo er die nach Poroszlü führende Straße wirksam zu beobachten und die Haupt-Armee in der rechten Flanke zu decken im Stande sei. Mit den Bodenverhältnissen, auf deren schlechte Beschaffenheit sich Zcisberg berief, hatte es wohl seine Richtigkeit. Je mehr man sich der Theiß näherte desto schwieriger wurde die Beschaffenheit der Ebene durch die sich Bäche in zahllosen Verästungen und meist mit sumpfigen Stellen zu beiden Seiten hinzogen. Die Ufer des Hauptstromes waren auf weite Strecken von Morästen eingefaßt über welche stundenlange Dämme die einzige Straße bildeten die man in feuchterer Jahreszeit benützen konnte. Als in der Nacht vom 28. Februar zum 1. März leichter Schnee fiel der dann beim Kräftiger- wcrdcn der Sonne wieder aufging wurde der Boden noch mehr aufgewcicht, stellenweise zum Versinken, besonders für das Geschütz und Fuhrwerk, so daß 30 bis 40 Mann herbeigerufcn werden mußten ein verfahrenes Stück vorwärts zu bringen. Verkehrs-Hindernisse solcher Natnr waren allerdings für Freund und Feind in gleichein Maße vorhanden, so wie auch die Witterung die am 1. März mit einem dicken Nebel anhob, einem Nebel 200 II. 13. Von KLpolna bis Poroszlö. „zum schneiden" wie es bei Dembiüski heißt, dazwischen zeitweise dichtes Schneegestöber, so daß man nicht ans hundert Schritte weit sehen kannte. Daher vermochten die beiderseitigen Armee», obwohl die eine wie die andere ebenso in Schlacht- als in Marschbereitschaft standen, die ungarische nächst Mezö-Kövesd, die Kaiserlichen eine Stunde vorwärts Maklär, einander nichts anzuhaben. Fürst Franz Liechtenstein der, beim Ansmarsch ans Pest krank zurückgeblieben, inzwischen nachgekommen war, wurde mit der Reiterei ans Ausknndung gegen Mez6-Kövesd ausgeschickt, konnte sich aber wegen der Unsicherheit des Ausblickes nicht weit vorwagen. Auf ungarischer Seite sah es ähnlich aus, obwohl Dembinski seine Anordnungen bereits getroffen hatte. Seine Absicht ging dahin im Halbkreise Poroszlö und den Theißübergang zu decken, wobei er zugleich den Verpflcgs-Magazinen in Egyek näher kam; auch war es ihm darum zu thnn den stark ermüdeten Truppen einige Zeit zur Erholung zu gönnen. Er hatte sein Augenmerk noch immer auf die mittlere Theiß-Armee gerichtet deren Hervorbrechcn er abwarten wollte um sein weiteres Handeln darnach zu bestimmen. Seine Anordnungen waren diese: Klapka mit Scknlich nach Eger-Farmos — Anlich nach Eger-Lövü mit der Weisung Klapka für den Fall eines Angriffs zu unterstützen — Görgei mit Pöltenberg und Kmety nach Sz.-Jstvän — Gnyon nach Nögyes*). Sein Haupt-Quartier nahm der Oberfeldherr in Jvänka. Der Aufbruch der einzelnen Divisionen erfolgte nllmälig in den Morgenstunden bis gegen Mittag, worauf der Oberfeldherr sein Hanpt-Qnartier nach Poroszlö übertrug ^ 2 ). Fürst Windisch-Grätz hatte sich über Nacht etwas erholt, obwohl noch bei weitem nicht seine gewohnte Kraft znrückgewonncn. klm 5 klhr morgens nahm er eine Meldung des Generals Parrot entgegen daß über das Erlauer Gebirge eine starke feindliche Macht gegen Ghöngyös anrücke. Das konnte wohl, nach dem was Pergen am gestrigen Tage ans- gekundet, nicht richtig sein; allein eine Erhebung in Masse mochte im Werke sein und kannten sich die Städter, wie ihnen von Kossnth befohlen worden, bewaffnet haben. Der Feldmarschall hatte demnach vor, am 2. den Fürsten Franz Liechtenstein nach Erlau zu beordern und die Stadt *) Nögyes liegt etwas außerhalb des Rahmens unseres Kärtchens ostwärts von Ivänka. Rückzug der Ungarn gegen die Theiß. 201 durch eine Kanonade züchtigen zu lassen. Nachdem er noch einen scharfen Erlaß gegen Plünderung hcransgegeben worin mit . dem Stnndrccht gedroht war, bestieg er um 9 Uhr vormittags sein Pferd und begab sich zur Truppe. Nobili hatte keinen rechten Entschluß fassen können, um so weniger als die beiden Corps Commandanten keine Lust zu raschem Vorgehen zeigte», während man sich in der Truppe diese nun schon den zweiten Tag währende Thatlosigkeit nicht erklären konnte'^'). Der Fcld- marschall ließ die Truppen auf der Hochebene on irmsse in zwei Treffen aufmarschiren, es waren nicht viel über 20.000 Mann beisammen. Gegen Mezö-Kövesd nusgesandte Abthcilnngen brachten die Meldung daß nach Aussagen der Leute die Ungarn ihre Stellung verlassen hätten. Die Bestätigung brachte die Sonne als sich gegen Mittag der Himmel nufheitertc und die Kaiserlichen die Gegend überschauen konnten. Sie gewahrten die ungarische Schlachtordnung bereits aufgelöst; ein nicht enden wollender Zug war in der Richtung von Sz.-Jstvän zu sehen: die beiden Divisionen Görgci's; andere kaum minder lange Colonnen über Szihalom hinweg in der Richtung von Eger-Farmos: Klapka und Seknlich. Der Feldmarschall erließ nun in Person seine Befehle, die von der Annahme ansgingen der Feind habe es auf vollen Rückzug über die Theiß abgesehen: Wrbna mit der Division Csorich und der Cavaleric-Brigadc Monte nuovo über Szihalom und Eger-Farmos gegen Poroszlö — Anton Dietrich von der Division Schwarzenberg von Füzcs-Abvny über Mezü-Tärkäny ebenfalls gegen Poroszlö — Zeisberg, welchem Edmund Schwarzenberg den diesfälligcn Befehl znkommen lassen sollte, desgleichen gegen Poroszlö - Die Cavaleric-Brigade Deym über Mezo-Kövcsd, um vielleicht die ungarische Nachhut zu ereilen und zu fassen. Der Feldmarschall gab dem II. Armee-Corps das Geleite bis Szi- hnlom, dann ritt er nach Maklrir zurück. * Wie die Kaiserlichen, nachdem sich der Tag geklärt, nach Mezö Kö- vesd und darüber hinansgeblickt hatten, so hatte auch Klapka ans seinem Marsche zurück gegen Maklär ausgeschant wo er seinen Gegner in voller Bereitschaft ausgestellt sah. In Eger-Farmos machte er Halt und ließ 202 II. 13. Von Käpolna bis PoroSzlö. abkochcn. „Heute werden sie mich nicht mehr angreifen", sagte er, „und Margen sollen sie. mich nicht mehr finden!"*) Auch konnte er sich seiner Stärke nach sicher fühlen: er hatte, wie Dembinski angibt, die Brigade Seknlich inbegriffen, 16.000 Mann mit 49 Geschützen. Es war nm die dritte Nachmittagsstnnde als Graf Wrbna mit der Brigade Wyß gegen Szcmerc marschirend die Stellung Klapka's gewahrte. Klnpka beorderte Märiassy gegen den Feind, während er mit seinen übrigen Truppen rückwärts von Eger-Farmos eine gedeckte Stellung wählte. Müriässy besetzte den Ort mit 2 Bataillons; 4 Escadrons Kaiser- Husaren nahmen in den breiten Querstraßen Stellung; 2 Bataillons und 2 Batterien führte er vor Eger-Farmos den anrückenden Kaiserlichen entgegen. Wrbna ließ Wyß mit 2 Cavalerie-Batterien, 1 Zwölfpfünder- und einer halben Rakcten-Battcrie ans Szemere Herausbrechen welchem Fürst Collvredo als Unterstützung zu folgen hatte. Wyß nahm einige hundert Schritte vorwärts Szemere Stellung. Die Ungarn richteten gegen ihn ein mörderisches Feuer, womit ein Geschützkampf eingelcitet war dessen Widerhall man bis in die beiderseitigen Haupt-Quartiere vernahm. Von dort ergingen nun auch in beide Lager Befehle. Windisch-Grätz entsandte seinen ältesten Sohn an Wrbna mit dem Aufträge die Verfolgung mit allem Nachdruck fortznsetzen und den Feind nicht mehr ans den Augen zu lassen; ein zweiter Officier hatte Zeisberg aufzusnchen und denselben anzuweisen daß er alles aufbiete den Feind noch vor dem Uebergang bei Poroszlo zu fassen. Seinerseits ließ Dembinski Klapka den Befehl zu- kommen die Stellung bei Eger-Farmos nm jeden Preis zu halten; Aulich wurde beordert sich ohne Aufenthalt zu Klapka's Unterstützung in Marsch zu setzen. Aber auch Görgei in Sz.-Jstvän hatte das Dröhnen der Geschütze vernommen und machte allsogleich seine beiden Divisionen marschbereit, mit denen er auf grundlosen Wegen die Richtung von Egcr-Lövö cinschlug. Vor Szemere hatte Wyß noch immer das Feuer der Artillerie Klapka's auszuhalten, die so trefflich bedient war daß die kaiserlichen Batterien in Unordnung geriethen und auch die Infanterie zu wanken begann. Da sprengte Obstl. Schneider herbei, führte die Geschütze ins Feuer zurück und bestimmte 30 Mann seines Bataillons bei Bedienung derselben behilflich zu sein. Während nun diese von neuem zu arbeiten *) Nobili S. 336. Treffen bei Eger-ffarmos. 203 begannen setzte sich das 2. Jäger-Bataillon zum Sturm gegen die feindliche Stellung in Marsch; zur selben Zeit war Montennovo ans dem Kampfplatze eingetroffcn und führte seine Reiterei seitwärts von Eger- Farmos in Staffeln auf, mitten im feindlichen Geschützfencr das einem Ofsicier von Civalnrt-Uhlanen durch eine Vollkngel das rechte Bein wcg- riß. Schon hatte Klapka das Zeichen zum Rückzug gegeben. In voller Ordnung führte er seine Truppen sammt dem Troß auf einer schmalen und nicht sehr sichern Brücke über die stark »»geschwollene Erlau, jenseits deren er etwa auf 1600 Schritte neuerdings Stellung nahm. Müriässy hatte, während die Geschütze der Kaiserlichen ohne Unterlaß fortdröhnten, mit der Fortschaffung seiner eigenen durch die vom Thauwetter knietief verschlammten Dorfwege nicht wenig zu schaffen: zu mehreren Dutzenden mußten sich Honvöds ins Zeug legen um sic über das Flüßchen bis au die Straße zu bringen. Doch gelang es zuletzt glücklich und ohne Verlust; erst jenseits der Erlau geriethen ein Geschütz und einige Munitionskarreu so tief in den Morast daß sic als anfgegebcn galten. Schon waren die Jäger in den Ort gedrungen, der nun vollends von Märiässy's Truppen geräumt wurde. Um 7 Uhr abends hatte verletzte Mann die Erlan-Brücke passirt, die Klapka darauf abbrechcn ließ; nach seiner eigenen Angabe zählte er 120 Mann an Todten und Verwundeten. Die Höhe des Verlustes der Kaiserlichen, der einzig auf Rechnung der feindlichen Geschütze kam, finde ich nirgends genau angegeben Erst nach 8 Uhr bei völligem Dunkel verstummte der Kanonendonncr der Kaiserlichen die jetzt vollends von Eger-Farmos Besitz nahmen; mehr war nicht zu thn». Der Ort liegt in einer völlig versumpften Gegend, was ja Klapka's Truppen am ersten erfahren hatten; bei den Kaiserlichen kannte niemand Weg und Steg, an verläßlichen Karten gebrach es in diesem ganzen Feldzuge durchaus, und aufs ungewisse konnte man sich in der Nacht in eine Gegend von so trügerischer Bodenbeschaffenhcit unmöglich hinauswagen. Wrbna gestattete darum der Division abznkochcn was selbe seit gestern früh nicht gcthan hatte. Unter den Weghindernissen die Wrbna die Verfolgung seines Sieges unmöglich machten hatten auch dessen Gegner zu leiden. Mindestens redete sich Anlich, der von Ävü her Klapka zu Hilfe kommen wollte, ans die stark ausgetretenen Gewässer ans, die zwischen seiner und Klapka's Stellung Hiuliefeu und die ihm den Wcitermarsch durchkreuzten. Görgei hatte sich mit den Divisionen Pöltcuberg und Kmety auf grundlosen 204 II. 13. Von Käpolna bis Poroszlö. Strecken abgeplngt, als ihn spät abends der verstnmmende Kanonendonner belehrte daß der Kampf vor ihm ein Ende genommen; erhalte darauf seinen Marsch beschleunigen wollen, war aber auf neue Wcghindcrnissc gestoßen und zuletzt in vorgerückter Stunde an den Känya- Bach gelangt der gleichfalls aus seinen Ufern getreten war und den Uebergang unendlich erschwerte. Als endlich dieser nach Mitternacht bewerkstelligt war hatte Görgei den einzigen Vortheil sich mit Anlich vereinigt zu wissen, der von seinem versuchten Ausmarsch mittlerweile nach Lövä zurückgckehrt war. Görgei meinte nun, ganz gegen die vom Oberfeldherrn seinen Divisionen gegebenen Weisungen, nichts besseres thun zu können als sich nach Poroszlö znrückzuzichen, welchen Befehl er auch Gnyon in Nögyes znsandte. Klapka befand sich gleichfalls auf dem Marsche nach Poroszlö wo er 1 Uhr nach Mitternacht ankam und ein Bivouak bezog. Dembinski war wnthcnd über diesen neuen Beweis von Unbotmäßigkeit seines Unterfeldhcrrn. In der ersten Hitze warf er einen Befehl nach dem andern miss Papier. Anlich sollte Görgei den Weg verlegen und ihn in seinem Marsche nnfhalten, da Dembinski jetzt, nachdem die Stellung von Egcr-Farmos aufgegcben war, mindestens die von Lövä halten wollte. Dann entsetzte er Görgei seines Commandos und befahl ihm sich augenblicklich nach Debreczin zu seiner Verantwortung zu verfügen. Dann wieder wollte er, Röpäsy solle mit seinen Truppen gegen Görgei anfbrcchen, die Brücke von Poroszlö besetzen und niemand, „ob General ob Grenadier", hinüber lassen. Allein zuletzt blieben alle diese Befehle im Pulte Dembmski's, der mit Recht besorgen mochte daß nicht blos Anlich eher Görgci als dem nnlandsmännischen Oberfcldherrn gehorchen, sondern auch Röpäsy Anstand nehmen möchte die seltsame Weisung ausznführen*). Ebenso unzufrieden war man im kaiserlichen Haupt-Quartier mit dem Ergebnis der Affnire Vau Egcr-Farmos. Windisch-Grätz befand sich bei Schlik als vom Kampfplätze Franz Liechtenstein und Langenau in Maklär cintrafen. Der Feldmarschall hatte mit Sicherheit einen namhaften Erfolg der eingelcitete» Verfolgung erwartet und sandte sogleich seinen ältesten Sohn an Wrbna ab, welchem derselbe den gemessenen Befehl zu übcrbringen hatte die Verfolgung energisch fortznsetzen und *) Danzer I S. 217 f. Haupt-Quartier des Feldmarschalls in Gyöugpös. 205 dem Feinde so viel Schaden als möglich beizubringen; Nobili stellte dem Corps-Commandanten für diesen Zweck die Brigaden Zeisberg und Anton Dietrich zur Verfügung. In tiefer Nacht traf Prinz Alfred die Suite Wrbna's die sich an einem für Klapka in Bereitschaft gehaltenen Male gütlich that. Der FMO. selbst war eben im Dictiren seiner Meldungen begriffen und gab dem Abgesandten des Fürsten mündliche Erläuterungen, besonders über die bare Unmöglichkeit sich in der finstern Nacht und bei der sehr unsicher» Bodenbcschasfenheit ins ungewisse hinauszuwagen. Der Feldmarschall hatte inzwischen beschloßen sein Haupt-Quartier nach Ghöngyös zurückzuverlegen. War er doch mit seiner Armee bereits viel weiter vorgegangen als er unmittelbar nach der gewonnenen Schlacht beschloßen hatte. Es blieb nun kaum ein Zweifel mehr daß die Gcsammtmacht seines Gegners im Rückzüge auf Poroszlo und Tisza-Füred begriffen sei; „von dort aber", sagte der Feldherr, „steht er über Szolnok Pest näher als wir!" Er war allerdings sehr unzufrieden über den geringen Erfolg bei Eger-Farmos; aber nach dem was ihm sein von dort zurückgekehrter Sohn mündlich auseinandergesetzt, war unter den gegebenen Umständen nicht viel anderes zu machen. Von FMB Ramberg kam jetzt Nachricht daß er mit Zurücklassung seines gesummten Troßes Miskolcz zu besetzen vorhabe und daß Kaschau Eperies Rosenau und die Zips durch 10 Compagnien des Bloudek'schen Frei-Corps gedeckt seien. Allein Ramberg kam jetzt, gewiß ohne seine Schuld, viel zu spät um in die Operationen der Haupt-Armee einbezogcn werden zu können, die für die nächste Zeit eine ganz andere Richtung nehmen mußten. Noch in der Nacht ritt Moriz Pälffy mit Aufträgen des Feld- marschalls an den Grafen Wrbna ab. * » * Wie über fast alles andere, so waren Görgei und seine Divisions- Commandanten auch über die Frage, ob Poroszlö zu halten oder anf- zugcben sei, mit dem Oberfeldherrn im Widerstreit. Das Mistrauen in Dembinski's Anordnungen und der Widerwille ihm zu gehorchen hatten aber auch die Commnndanten der drei Klapka'schen Divisionen ergriffen so daß diese offen erklärten keinen Befehl Dembiüski's mehr zu respcc- tiren der nicht von Görgei oder Klapka mitfertigt sei. Doch ließen sie 206 II. 13. Bon Knpolna bis Poroszlö. sich von Görgei überreden sich den Weisungen Dembmski's einstweilen zu fügen bis der Uebergang über die Theiß bewerkstelligt sein werde. Dein- binski behauptete nicht sein Plan sei cs gewesen über die Theiß znrück- zngehen, sondern, wie er leidenschaftlich meinte, die Truppenkörper „die vor jedem feindlichen Kanonenschuß davon gelaufen" hätten ihn dazu gezwungen. Jetzt verfügte er, Görgei solle mit den Divisionen Pöltcnbcrg und Kmcty Poroszlö halten, für welchen Zweck er demselben den Oberst Hertelendy mit 6 Schwadronen von der Division Röpäsy zur Verfügung stellte; Gnyon und Sckulich sollten am linken User den Brückenkopf und die Stellung von Tisza-Füred decken. An Klapka erging die Weisung nach dem Abkochen gleichfalls das Ufer zu wechseln und Cantonirungcn um Kün-Madaras zu beziehen. Dembinski hatte vor, Klapka nach Szolnok zu beordern und, falls der Angriff gegen diesen Punkt gelänge, ihn dem Corps Voesch znzutheilen; der Civil-Commissär in Törvk-Sz.-Miklös erhielt Befehl, Brod Fleisch Wein und Fuhrwerk für das Corps Klapka bereit zu halten. In Eger-Farmos war mit dem frühesten Morgen alles znm Abmarsch bereit. Wrbna nahm selbst die Auskundnng gegen Poroszlö vor. Eger-Farmos zeigte sich von einem ziemlich breiten Graben umgeben, bis ans eine waren alle über denselben führenden Brücken abgetragen. Der nähere Weg nach Poroszlö, den Klapka in der Nacht marschirt war, führte über tiefes schwarzes sumpfiges Erdreich, dessen Beschaffenheit in der Nacht gefallener Schnee völlig ungangbar machte. Wrbna entschied sich darum für den weitern Weg der südlich von Eger-Farmos in die von Mezü-Tärküny nach Poroszlö führende Straße mündete, wo überdies die Brücken stehen geblieben waren. Sofort wurde das Zeichen zum Abmarsch gegeben. Bald war die Colonne Dietrich in Sicht, während Zeisberg weiter zur Rechten die von Bessenyu gegen Poroszlö führende Straße einschlng. Der Marsch war sehr beschwerlich da sich die Theiß hier auf mehrere Meilen hinaus durch sumpfige Niederungen zieht, durch welche hier und da kaum hundert Schritte messende Wcgengen führen; letztere sind so unregelmäßig und bilden einen so allmälig schwindenden Abfall gegen den Morast daß man sich in letztem verstrickt findet ohne es selbst zu merken. In solche Lage geriethcn die Colonncn Wrbna-Dietrich und Zeisberg wiederholt, indem sie beiderseits gegen das gemeinsame Ziel vorrückend einander immer näher kamen. Anmarsch Wrbna's gegen PoroSzlö. 207 Es war in den ersten Nachinittagsstnnden als Görgei nach Tisza- Füred, wohin Dembinski inzwischen sein Haupt-Quartier verlegt hatte, das Anrückeu der Kaiserlicheil meldete, die in einer Stärke von 25.000 bis 27.000 Mann, wie er »leinte, seinen Streitkräften bei weitem überlegen seien, daher er sich anßer Stande sehe, selbst wenn Gnyon herübergezogen würde, ans die Länge Widerstand zn leisten. Dembinski sandte ihm den Befehl zurück Poroszlö auf jeden Fall zu halten: „Wenn Sie von 27.000 Mann angegriffen werden so bin ich in der Lage 38.000 Mann entgcgenzustellen." Zugleich schickte er Röpäsy den Befehl zu ein Bataillon ans den von der Brücke gegen Poroszlö führenden Damm voranszusenden um die etwa zurückweichenden Abtheilungen anfnehmen zu können. Mittlerweile hatte Görgei seine Slreitkräfte bereits vorrücken lassen und seine Batterien in Bereitschaft gesetzt. Die beiden Colonnen der Kaiserlichen hatten etwa 3000 Schritt herwärts von Poroszlö ihre Bereinigung bewerkstelligt, wo Wrbna nun angesichts der vom Feinde zur Vertheidiguug seiner Stellung günstig postirten Geschütze Halt machen und seine Truppen so breit als möglich aufmarschiren ließ. Poroszlö ist ein von Norden nach Süden gestreckter Ort, ans einer Bodeuerhöhung gelegen, welche das hier über eine Stunde breite Ueber- schwemmuilgsbereich am rechten Theiß-Ufer westlich abgränzt. Diese Bodeuerhöhung böscht sich gegen Osten steil ab und bildet zugleich das rechte Ufer des Cseru-Baches oder der „kleinen Theiß", deren linkes bereits im Ueberfluthungsgcbietc selbst liegt. Uebcr dieses Gebiet läuft zur großen Theiß ein mit vielen Durchlaßbrücken versehener Damm etwa eine Stunde lang und von einer Breite daß sich zwei Fuhrwerke eben noch ausweichen können, und da die Theiß ausgetreten war gestattete jene Straße die einzige Verbindung zwischen Poroszlö und der nach Tisza-Füred laufenden Brücke, eine Straße deren längs derselben hin- laufende Baumrcihen die einzige Deckung bildeten. Die Verbindung zwischen der Dammstraße und der erhöhten Lage von Poroszlö bildete eine die kleine Theiß übersetzende Jochbrücke. Der Ort Poroszlö reicht nicht hart an das Ufer der kleinen Theiß, sondern läßt zwischen der rechten Uferböschung und der östlichen Häuserreihe des Ortes eine» kleinen Raum ganz geeignet zur Aufstellung von Batterien von denen, wenn die Ungarn sich zurückziehcn mußten und der Gegner Poroszlö gewann, die in senkrechter Richtung von jener Häuserreihe auslaufende Straße der Länge nach mit einer Wirkung bestrichen werden konnte welche die retirirenden 208 II. t3. Von KLpolna bis Poroszlö. Truppen geradezu herabfcgeu mußte*). Jedoch nach Poroszlö zu kommen, wenn es halbwegs gut verthcidigt wurde, das eben war für die Kaiserlichen die große Schwierigkeit. Denn auch nach Westen hin.zog sich in dieser Jahreszeit versumpftcs Land das nur auf wenigen, ein bis zweihundert Schritt breiten Zungen eine Annäherung gestattete die unter der Wirkung der ungarischen Geschütze, welche die niedriger gelegenen Dämme vollkommen bestreichen konnten, kaum zu wagen war ^). Wrlma hatte die Absicht Zcisberg und Dietrich in die linke Flanke der Ungarn zu entsenden, den in dieser Richtung sich am weitesten aus- dehnendcn Ort anzünden und sodann die Colonnen mit Macht Vordringen zu lassen, wo sodann der Aufmarsch auch in der Fronte erleichtert werden dürfte. Doch Zeisberg machte Einwendungen: „Man wird bei diesem Versuche zwei Dritttheile der Mannschaft opfern, was bei der numerischen Schwäche der Gcsammt-Armee unverantwortlich wäre." Wrbna rief den eben in seiner Nähe erscheinenden Prinzen Alfred herzu: „Sie haben gesehen daß ich angreifcn wollte. Ich kann jedoch diese Chance nicht auf mich nehmen. Ich werde meine Generale zu einem Kriegsrath versammeln, dem Sic beiwohnen sollen um dem Feldmarschall darüber zu berichten." Die Versammlung fand statt, in welcher Zeisberg auf seiner Ansicht beharrte. „Es ist möglich", sagte er, „daß die ganze feindliche Armee vor uns steht um uns zu erwarten. Von vorn ist die Stellung nicht anzugreifen; nm aber in beiden Flanken, wo man das so veränderliche Terrain nicht kennt, alle Trappen zu vereinigen ist cs zu spät. Man würde übrigens dem Feinde weniger Schaden zufügen als wir selbst erleiden müßten." Von allen Generalen, darunter solche die als „schneidig" bekannt waren, Wyß, Colloredo, Anton Dietrich, war nicht einer der für einen unter solchen Umständen zu unternehmenden Angriff das Wort führte; einstimmig erklärten sie die feindliche Stellung für so stark daß, wenn man selbe auch mit Aufopferung eines halben Armee-Corps zu gewinnen vermöchte, der Feind bereits die Theißbrücke erreicht und seine Truppen in Sicherheit gebracht haben würde. Obwohl Prinz Alfred sich hierüber die Bemerkung erlaubte: „er werde wohl dem Fcldmarschall die Schwierigkeiten welche der Angriff auf die feindliche Stellung biete auseinanderzusetzcn, aber nimmer zu beweisen vermögen daß cs die ganze feindliche Armee sei die bei Poroszlö stehe und daß *) Görgei I S. 207 f. Görgei räumt Poroszlü. 209 der Feind, mit einem stundenlangen Döfilö in seinem Rücken, Willens sein könne stand zu halten", blieben die Generale dennoch bei ihrer Meinung. Uebcr die weitere Frage des Corps-Commandanten: wo man die Nacht zubringen solle, war es wieder Zeisberg der zuerst das Wort ergriff und die Stellung bei Poroszlö für zu gefährlich erachtete um nicht die Besorgnis einer Umgehung in der Nacht zu hegen; auch fehle es an der Verpflegung. Nur Generäl Wyß war der Meinung daß man die Stellung die man gewonnen behaupten solle, die andern Stimmen fielen Zcisbcrg bei und es wurde sohin beschloßen die Truppen auf Mezü-Tär- kany, bei vier Stunden von Poroszlö zurückzuziehcn. „Sie haben gesehen", sprach der Corps-Commandant zuletzt den Flügel-Adjutanten des Oberfeldherru an, „daß ich den Feind angreifen wollte; aber gegen die Ansicht meiner Generale war mir dies nicht möglich"*). So standen die beiden Gegner, jeder den andern für stärker haltend als er wirklich war, bis zur eiubrechendcu Dunkelheit einander gegenüber, um sodann jeder ungesehen von dem andern den Rückzug anzutretcn. Dabei ereignete sich auf kaiserlicher Seite ein cigenthümlicher Zwischenfall. Der Troß des II. Armee-Corps war in Eger-Farmos zurückgelasseu worden, hatte sich aber nachmittags auf einen blinden Lärm vom Anrücken des Feindes bis Szihalom zurückgezogen. Hier kam derselbe in Gefahr durch die Einwohner die zu den Waffen griffen geplündert zu werden, und schlug bei cinbrcchender Nacht die Richtung von Poroszlö ein wo derselbe in der nächsten Nähe des Feindes bivonakirte, während sich die Truppen selbst bereits auf dem Wege nach Mezü-Tärkäny befanden wo sic nicht ohne mancherlei Irrfahrten in der stockfinstern Gegend erst nach Mitternacht eintrafen"«). Görgei hatte, während ihm die Kaiserlichen gegenüber standen, Hu- saren-Patrouillcn nach verschiedenen Richtungen ausgcsandt, von denen eine mit einem Mann von Civalart-Uhlanen zurückkam der eine Depesche Windisch-Grätz' an Wrbna zu überbriugcn hatte. Der Inhalt derselben, den wir nicht näher erfahren**), mochte den General in seinem Vorhaben die Stellung von Poroszlö aufzngcbcn bestärken. Dembmski im Gegen- theile drang mehr als je darauf selbe zu halten. Noch am späten Abend *) Nobili S. 327—329. Görg ci I S. 209. Hctscrt, Geschichte Oesterreichs. I V. S. 14 210 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Fürcd. hatte er an Hertelendy die Weisung geschickt Görgei zu fragen ob er sich dem Befehle des Oberfeldhcrrn zu fügen gedenke; sollte der General in seinem Ungehorsam verharren so möge ihn Hertelendy „bitten" mindestens so lang auszuharren bis er durch andere Truppen abgclöst würde. Dembmski hatte sich bereits zur Ruhe begeben als Nöpäsy und Scknlich an seiner Lagerstatt erschienen und ihn beschworen er möge nicht darauf bestehen daß Poroszlö gehalten werde; sie waren offenbar das Organ Görgei's, da Scknlich dieselben Gründe brauchte auf die sich Görgci selbst zur Vcr- theidigung seines Satzes berief daß sich die Stellung in Poroszlo „mit einem langen offenen nicht zu vertheidigenden D4filö im Rücken" nicht behaupten lasse. Dembmski hieß sic schlafen gehen und legte sich ans die andere Seite um den gestörten Schlummer von neuem zu finden *). Die Antwort Görgci'ö auf den Befehl Dembiüski's war ein trotziger und grober Brief, worin er demselben vorrückte wie er, nachdem er selbst die günstigen Gelegenheiten den Feind zu schlagen bei Tornalja Kcrccscnd und Mezü-Kövcsd versäumt, nun ihm, Görgei, zumuthen könne, zwei Divisionen des besten Corps das die ungarische Armee besitze nutzlos hinschlachten zu lassen?! Er gab darauf den Befehl zum Rückmarsch der um 1 Uhr nach Mitternacht angetreten wurde. Am 3. März morgens marschirte er mit klingendem Spiel in Tisza-Füred ein. In Poroszlo blieb nur Hertelendy mit seinen Husaren, von denen er Strcifwachcn gegen Eger-Farmos Lövü Jvänka aussandtc ohne eine Spur mehr von den Kaiserlichen zu entdecken. Bei einem dieser Strcifzüge stieß man ans die in der Nacht vom 28. Februar znm 1. März bei Eger-Farmos im Sumpfe stecken gebliebenen Geschütze und Pnlverkarren, die nun flott gemacht und nach Poroszlo gebracht wurden. 14. In Pest war, wie wir uns erinnern, der Banns mit einer geringen Trnppenmacht zurückgeblieben. Täglich 12 Uhr bei der Ablösung der Wache war Militair-Musik vor seinem Corps-Quartier, wozu in der Regel eine Menge Zuhörer sich einfand; JelaöiL weilte, *) Danzer I S. 225—228 mit dem Wortlaut und der GeschästSzahl des au Nöpäsy gerichteten Schreibens vgl. mit Görgei I S. 270. Ofen und Pest. 211 während die Capelle kriegerische Weise» erschallen ließ, gewöhnlich eine halbe Stande am Fenster und es gab immer Neugierige die sich heran drängten das Antlitz des Mannes zu schauen der ihnen so lange Zeit als Haupt-Rebell, als blutdürstiger Wütherich, als der leibhafte Satanns und Belzebub an die Wand gemalt worden war, was sic allerdings ans diesen heiter freundlichen Zügen mit der hohen freien Stirn nicht heraus- finden konnten. Es gab noch einen zweiten Punkt der in de» letzten Februar-Tagen aus ganz andern Gründen seine Anziehungskraft übte. Es war dies der Blocksberg von Ofen dessen Spitze rüstige mit großen Fernrohren bewaffnete Spaziergänger erstiegen um gegen Norden zu blicken und nach dem ans jener Gegend nufstcigcndcn Ranch ansznlngen der, wie sie hofften und wünschten, immer näher an die Hauptstädte hcran- rücken werde. Die Physiognomie von Pest trug mehr und mehr einen unheimlichen Charakter. Man sprach von Kossnth'schen Sendlingen von denen es in der Stadt wimmle, ja von ehemaligen Kossnth'schen Re- giernngs-Commissaren die, für vogelfrei erklärt, jetzt kein Bedenken trügen sich bei den Ihrigen einzufinden und die andere Partei laut für Vaterlands verräther anszuschreien. Auch der „Fighclmezü" gebrauchte spitzigere Federn, erlaubte sich Ausfälle wider die ander» Nationalitäten, unterzog Regierungs- Maßregeln einer scharfen Kritik, so daß dem Redaeteur durch General Rousseau eine mündliche Warnung crtheilt wurde. Einen Tag hatte es ein so drohendes Aussehen daß die Militair-Behörde einen Aufstand be sorgte und die Truppen im Nengcbäude sammelte. Wohl mochten diese Stimmungen zusammenwirken in Abwesenheit des Feldmarschnlls eine Maßregel herbciznführcn die innerhalb und außerhalb des Landes das ärgerlichste Aufsehen Hervorrufe» mnßte. Am 23. Februar, also noch vor seinem Abgang ans den Hauptstädten, hatte Fürst Windisch-Grätz die Scheine von 15 und von 30 kr., die Kossuth damals anszngcben begonnen *), „für ungiltig und wcrthlos" erklärt und „deren Annahme sowohl bei öffentlichen Lassen als im Privat-Verkchr" verboten. Rücksichtlich der übrigen „ungarischen Banknoten" sollte eine Verfügung Nachfolgen**). Als eine solche Verfügung mnßte ein Beschluß des Ministcr- rathes erscheinen der, zu Wien am 24. Februar durch ein Circular der *) S. vor. Bd. S. 495. **) Sammlung der Manifeste S. 47. 14 * 212 II. 14. Militair-Rwolte in Tisza-Füred. niedcröstcrreichischen Landesregierung kundgemncht, dahin ging: „daß die von der ungarischen Rebcllcn-Regierung in Umlauf gesetzten Banknoten im Verkehr ebenso wenig wie bei den öffentlichen Lassen angenommen werden dürfen; daß jeder Umsatz derselben und deren Gebrauch zu Zahlungen untersagt ist; und daß, sofern solche Banknoten in dem Verkehre betreten werden, dieselben den Inhabern abzunchmen und an die nächste landesfürstliche Cassa abzuliefern sind, welche sie an die Staats-Central- Casse zur Unbrauchbarmachung cinzuscnden hat" Das war ein klares, ein entschiedenes Wort und ließen die Folgen nicht auf sich warten. Sie waren in Wien: daß das Gold- und Silber-Agio an der Wiener Börse namhaft sank, und in den ungarischen Hauptstädten: daß niemand ungarische Banknoten mehr annehmen wollte. Als einer der Kossuth'schen Agenten nach Dcbreczin die Nachricht von der Außcr-Cours-Setznng der ungarischen Noten brachte, wurde er allsogleich fcstgcnommen. Eine Stunde später wurden nach allen Richtungen Placatc angeschlagen und versendet: die Wiener Natioualbank habe ihre Zahlungen eingestellt, daher die österreichischen Banknoten keine Giltigkeit mehr besäßen. Doch ließen Kossuth und sein Anhang durchblicken daß die Regierung alle jene, die durch den Besitz von Banknoten in Nachtheil versetzt würden, mindestens theilweise schadlos halten wolle, indem sic jene um den halben Nennwerth gegen ungarische Noten einwechseln wolle; dies müße aber binnen drei Tagen geschehen. Das Gerücht von dem Falliment der Natioualbank kam auch nach Pest wo die Verwirrung im Geldwesen, welche die widersprechenden Wiener und Ofener Anordnungen in den letzten Tagen her- vorgerufeu hatte, um eine neue vermehrt wurde. Ein wucherischer Umtausch der Papiere begann, wobei es zumeist auf das zum Markte strömende Landvolk abgesehen war, das, wie immer in solchen Fällen, oft genug in die Falle ging. Mehrere Arretirungen die wegen Ausstreuung solch betrügerischer Nachrichten vorgenommcn wurden, und die Gewißheit die man sich durch unmittelbare Anfrage in Wien verschaffte, unterbrachen zwar diese wühlerische Hantirung für den Augenblick; allein nun tauchte eine neue Irreführung des Publicums auf, indem verbreitet wurde binnen wenig Tagen werde eine Verordnung die volle Giltigkeit des ungarischen Papiergeldes neuerlich aussprechcn >58). Mp in der Thal! Wie erstaunte man hüben und drüben als am 2. März das Ofener k. k. Armee-General-Commando — der Marschall war aus dem Felde noch nicht zurück — „zur Beruhigung des Publicums" bekannt zu geben fand Zuwiderlaufende Maßnahmen bezüglich der Kossuthnote». 213 „daß eine Außcr-Cours-Setzung der ungarischen Noten im Privatverkehr für Ungarn keine Anwendung" finde""). Sehr begreiflich daß alle die ungarische Geldzeichen in Händen hatten, wozu leider auch das k. k. Mi- litair von unten bis hinauf gehörte, über diese Erklärung der höchsten Militair - Behörde laut jubelten und daß dieselbe in allen Classen der Geschäftswelt „beruhigend" wirkte""). Allein von der andern Seite war es doch ebenso auffallend als bedauerlich, zwischen dem Ministerium des Reiches und der obersten Landesverwaltnng in Ungarn einen Zwiespalt so greller Art sich kundgeben zu sehen daß diese „nein" sagte nachdem jenes „ja" gesagt hatte. Hatten die Minister, so mußte man sich fragen, bevor sie eine so folgenschwere und einschneidende Maßregel wie jene vom 24. Februar ergriffen, die Unvorsichtigkeit begangen sich nicht zuvor der Zustimmung des Höchst-Commandirenden in Ungarn, welches Land ja davon zunächst getroffen wurde, zu versichern? Oder will der kaiserliche Alterego in Ungarn vor aller Welt zeigen daß er die Anordnungen des verantwortlichen constitutionellen Ministeriums nicht ihn bindend erachte? Noch zwei Ereignisse völlig verschiedenen Charakters zeichneten den 2. März aus. Das Zurückbleiben des Banns in Pest, während die Armee hinauszog und heiße Schlachttagc durchkämpfte, bot neuerlichen Anlaß zu allerhand Deutungen. Während man im Haupt-Quartier des Feldmarschalls meinte, die ihm zugetheilte Aufgabe sei um so ehrenvoller für ihn als sie bei dem Mangel ausreichender Truppeuznhl mit Gefahr verbunden war und daher ebenso viel Umsicht als Tapferkeit erheischte, empfand man es im Eorps-Qnartier schwer daß sein thatendurstigcr Führer in einem so entscheidenden Momente zur Unthätigkeit verurtheilt sei ">)- Dazu kamen Nachrichten aus Agram wo das Gerücht verbreitet wurde, der BanuS habe, weil in Kroatien die deutsche Amtssprache eingesührt werden solle, auf seine Würde resignirt und solle ein Baual-Locumtenent an seiner Stelle ernannt werden. Obwohl dieses Gerede von Agram selbst aus für eine „grundlose und lügenhafte Ausstreuung" erklärt wurde, ließ mau sichs im Zusammenhang mit dem früher erwähnten Umstande doch nicht nehmen, eö bestehe zwischen Windisch-Grätz und Jelaöiö eine hochgradige Spannung die einen vollständigen Bruch hcrbeizuführen drohe. Da war es nun der letztere der am 2. März eine Erklärung hinans- gab: er sei „als österreichischer Soldat von demselben Geiste festen Vertrauens und freudigen Gehorsams beseelt" wie jeder seiner Waffenbrüder, „eine Pflicht deren angenehme Erfüllung bei meiner persönlichen 214 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. unbegränzten Verehrung für Seine Durchlaucht den Feldmarschall Fürsten Windisch-Grätz durchaus keine Selbstverläuguung auferlegt. Von Nationalitäts-Streitigkeiten wird in unserem Heere nie eine Rede sein; wohl aber wird das warme heilige Nationalitäts-Gefühl nach wie vor bei jedem Einzelnen den edlen Wetteifer rege erhalten seinen Bruder andern Stammes an Muth und Ausdauer, an Treue und Hingebung für unseren constitutionellen Monarchen und unser Gesammtvaterland zu übertreffen. Möchte doch dies praktische Beispiel brüderlicher Einigung in Oesterreichs Heere baldige heilsame Nachahmung bei Oesterreichs Völkern finden!"*) Jelaöiü veranstaltete, wie um ein Abbild im kleinen von dieser Einmüthigkeit in der Armee zu geben und um zugleich ihrer Ehre und Tapferkeit eine sichtbare Huldigung darzubringen, am selben Tage eine militairische Feierlichkeit. Der Fuhrwesens-Gemeine Scheder der bei Szolnok am 25. Januar mit zerschmettertem Bein bis zu Ende des Gefechtes auf seinem Pferde ausgehalten und dafür die goldene Medaille erhalten hatte, war am 27. Februar im Spitnte seiner schweren Verwundung erlegen. Am 2. März wurden seine irdischen Reste zur Ruhe bestattet: der Banns mit seinen in Pest zurückgebliebenen Generalen, eine zahlreiche Suite von Stabs- und Ober-Officieren, dann Abtheilungen von allen Trnppenkörpern der Garnison gaben dem wackeren Waffenbruder das Geleite ' 62 ). Der Feldmarschall erfuhr von all diesen Vorgängen am 3. in Gyön- gyös. Es kam da für ihn viel unangenehmes zusammen: Almäsy-Roussean's Erlaß wegen der Kossuth-Noten; der mündliche Bericht Moriz Pälffh's über die Erfolglosigkeit des Marsches gegen Poroszlö; ein Besuch des Militair-Spitais das neben zahlreichen Verwundeten auch einige Cholera- Kranke beherbergte. Zum Schutze der letzteren sollten ein Bataillon von der Brigade Fiedler in Ghöngyös, die übrigen Abtheilungen dieser Brigade sowie jene der Generale Kriegern und Montenuovo, zusammen 9 Bataillons, 6 Schwadronen und 24 Geschütze unter dem Befehle des FML. Schulzig bei Mezü-Tärküny Zurückbleiben; da Schulzig erkrankte betraute der Feldmarschall den eben von Erlau zurückgekehrten Fürsten Franz Liechtenstein mit diesem Commando und mit der Aufgabe Poroszlö *) Wr. Ztg. Nr. 57 vom 8. März S. 674. Besetzung von Poroszlü durch die Kaiserliche». 215 zu besetzen und die dortige Brücke zu zerstören. Poroszlü hielt, wie früher erwähnt, nach dein Abmarsche Görgei's Hertelendh besetzt; als sich am 3. die Kaiserlichen mit überlegener Macht zeigten, bat Hertelendh seinen ansgcsetzten Posten verlassen zu dürfen und schickte zwei Kanonen, die Dembmski knrz znvor zur Verstärkung seiner Stellung beordert hatte, nach Tisza-Füred zurück, weil er sie zu verlieren besorgte. Am 5. wurde nach dem Abzug der Ungarn kaiscrlicherseits eine Compagnie Pionnicrc beordert die zwischen Poroszlü und Tisza-Füred befindlichen vier Jochbrücken zu zerstören. Der Versuch die Brücke über den Hanptstrom in Brand zu stecken konnte nicht gemacht werden weil ein heftiges Kartätschenfeuer der Ungarn jede Annäherung der Nakctcngeschütze verhinderte; die drei kleineren Brücken wurden bis ans den Wasserspiegel abgebrannt*). Die kaiserlichen Reserven mit Geschütz und Munition, dann die Brücken-Eqnipagen wurden vom Fcldmarschall nach Pest znrücküeordert wo sie am 5. nachmittags eintrnfen. An diesem Tage erschien auch Windisch-Grätz wieder in den Hauptstädten, wo ihn nur Unannehmlichkeiten erwarteten. Zunächst der Bericht über die Stimmung in den Hauptstädten; die Nedaetion des „Figyelmezü" erhielt durch General Rousseau eine neuerliche scharfe Mahnung, und diesmal schriftlich. Rousseau selbst wurde in der Papiergeldsrage von seinem Oberfeldherrn desavouirt: laut einer Kundmachung vom 8. sollten die ungarischen Noten zu 5 und zu 100 fl. der Anordnung des Ministerrathes gemäß definitiv außer Conrs gesetzt werden; „die ungarischen Banknoten zu 1 und 2 fl. aber, die einen Metnllstock besitzen, werden demnächst in kaiserlich-österreichische umgewechselt und das dabei zu beobachtende Verfahren sowie die Orte der Auswechslung bekannt gegeben werden; diese bleiben daher vorläufig in ihrem Conrse" **). Die Tage von Küpolna bis Poroszlü hatten im ungarischen Haupt- Quartier die Spannung zwischen DembinSki und dessen eigensüchtigem und hochstrebcnden Uuterbefehlshaber Görgci auf das äußerste gebracht. Görgei's Unlust sich den Befehlen des fremdländischen Oberfeldherrn zu fügen, ja die wiederholten Fälle geraden Zuwiderhnudelns gegen dessen ") Briuuer II 1 S. 118. **) Sammlung der Manifeste S. 7V. 216 II. 14. MMair-Revolte in Tisza-Füred. klare Weisungen hatten die Entwürfe Dembiüski's in wesentlichen Punkten gekreuzt, geschwächt, um die beabsichtigte Wirkung gebracht. Dembiüski's strategischer Gedanke war ohne Zweifel richtiger und klarer als der seines Gegners, der in dieser ganzen Zeit nichts als den Drang zu haben schien alles schlecht zn finden und Andern als schlecht hinzustellen was von Dembiüski ausging. Dembiüski rühmte sich, und nicht ganz mit Unrecht, um mehr als vierzehn Tage früher den Platz bestimmt zu haben wo er sich seinem Gegner zu stellen gedenke, und er hatte gleichzeitig Anstalten getroffen, während er die Hauptmacht der Kaiserlichen gegen Erlau und Miskolcz festhielt, im Rücken derselben einen Hauptschlag auf die schwach gedeckten Hauptstädte zu führen, einen Schlag der nur durch die Unschlüssigkeil Dninjanich' nicht rechtzeitig ausgesührt wurde. Taktisch hatte Dembiüski allerdings den kürzeren gezogen; allein wie die Sachen auf beiden Seiten standen war der Erfolg für ihn höchst anerkennenswertst Zwar waren auf kaiserlicher Seite viel junge Truppen im Gefecht, während auf ungarischer außer den bewährten Husaren auch sonst manche Abtheilung dem alten Armeestande angehörte. Aber als Ganzes waren es doch dort die alt-militairischen Traditionen, Ordnung und Zucht, hier ein neugeschaffenes noch halb in der Bildung begriffenes Heerwesen, und gleichwohl hatte letzteres erstcrem durch eine Reihe von Kampsestagen in achtunggebietender Weise standgehalten. Aber so sehr Dembiüski seinem Unterbefehlshaber an militairischen Verdiensten überlegen war, so entschieden war er im persönlichen Auftreten demselben gegenüber im Nachtheil. In der Regel schweigsam und verschlossen wurde Dembiüski im Affect zum aufbrausenden Polterer, während Görgei gerade in solchen Momenten nicht aus seiner Fassung zu bringen war. Dembiüski drohte, aber Görgei wußte daß es bei der Drohung sein Verbleiben habe. Görgei hatte es planmäßig darauf angelegt den „alten polnischen General" zu stürzen und davon würde ihn dieser auch durch das zuvorkommendste Wesen nicht abgebracht haben. Görgei war zu schnell gestiegen um nicht noch höher steigen zu wollen; sein Ziel war wohl jetzt schon die erste Stelle — nicht blos in der Armee. Wurde doch schon in dieser Zeit unter seinen Officieren gegen die Debrecziner Wirtschaft, gegen diese Regierung von „Advocaten und Täblabirüs" losgezogcn und dieNothwendigkeit eine militairische Persönlichkeit mit der höchsten Gewalt zu bekleiden mit Vorliebe erörtert *), ein Thema das ja Görgei in seiner Waitzener Proclamation selbst zuerst angeklungcn hatte. *) Danzer I S. 250. Dembiüski und Bem. 217 Einer sülchen Natur gegenüber hätte Dembiüski sein müßen was er eben nicht war -- ein Bem! Wenn es der mit Görgci zu thnn bekommen hätte so würde es von beiden Seiten Funken gesetzt haben, und kaum würde es der Pole gewesen sein der die schwersten Brandwunden davon trug. Es hieß, Dembmski's ganzes Wesen habe nicht zu dem ungarischen gepaßt; er sei wortkarg und schroff gewesen, wo unter den andern Führern heiteres und offenes Wesen geherrscht habe; er, der Fremde, mit den örtlichen und persönlichen Verhältnissen Unvertraute, habe aus seinen Planen und Absichten ein Geheimnis gemacht, anstatt dieselben mit den Einheimischen zu berathen. „Die Operations-Vornahme", hieß es in einem von den Kaiserlichen aufgefangenen Briefe Dembmski's an Röpäsy, „soll stets ein Geheimnis des commandirendcn Generals sein. . . Das Geheimnis der Operationen ist ein halber Sieg . . . Den Krieg betrachte ich als ein Schachspiel und halte meine Züge verdeckt"*). Waren das nicht auch die Grundsätze Bem's und würde sich dieser, auf das blose Verlangen seiner Officiere, in die Karten haben blicken lassen? Allein darin lag der Unterschied: Dembiüski war gegen seine Officiere in Worten schroff, aber den Worten folgte nicht die That; von Bem wußte man daß er gegen Ungehorsam nicht blos mit dem erschießen drohte, sondern daß es ihm, wenn der Fall eintrat, nicht darauf ankam aus der Drohung Ernst zu machen. Und doch war Bem von seinen Officiere» nicht blos gefürchtet, sondern auch beliebt; Dembiüski war bei der Partei Görgei weder beliebt noch gefürchtet. Ein Mann wie Bem würde mit einem Mann wie Görgei bald fertig geworden sein; oder vielleicht richtiger: ein Mann wie Görgei würde mit einen: Mann wie Bem gar nicht angebunden haben. Aber au Dembiüski war Görgei und dessen Anhang alles nicht recht: wie er war und was er that. Er machte ihnen den Eindruck „eines Mannes der weit mehr als Pflegling einer Irrenanstalt denn als Führer einer Armee an seinem Platze wäre" **). Sic tadelten Dembiüski's „aristokratisches Benehmen", da er sich von seinen Adjutanten „Exccllenz" heißen ließ. Den: allerdings um zwanzig Jahre jünger» und wunderbar abgehärteten Görgci, der im Nothfall auf bloser Erde das Haupt auf seinem Reitcrsattel schlief, war es ein Stein des Anstoßes daß Dembiüski *) Vom 23. Februar; Nobili S. 276—278. Görgei I S. 215. 218 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. auf ein bequemes Nachtquartier hielt und sich's bei der Tafel gern wähl sein ließ, vor den Augen seiner Officierc guten Wein trank, ohne daß sich „ein goldenes Porte-spse rühmen konnte je einen Schluck aus der Generalsflasche gemacht zu haben" *). Von den Soldaten gar nicht zu reden, die in den Tagen von Kn- polna an allem Mangel litten so daß sie, wie Klapka klagte, bei Egcr- Farmos schlecht gekleidet, ohne Holz dem Regen und Frost ausgesetzt, seit drei Tagen mit Hunger kämpfend, durch andauernde Märsche erschöpft dem Feinde nicht standhalten konnten**). Allein so sehr dies zu bedauern war so traf die Schuld gewiß nicht den Obcrfeldherrn, der mit Szemere vor Beginn der Operationen alles reiflich besprochen und Magazine jenseits der Theiß, vom Feinde sicher, in Egyck hatte an- legcu lassen. Dembinski war es ja selbst der das Darben der Armee am meisten beklagte und es geradezu „Görgci's üblem Willen" zuschrieb daß seine und Szemere's Anstalten nm ihren Erfolg gebracht wurden ***). Als ihn Kossuth ansholte warum er die Armee „nach einem Sieg" hinter die Theiß führe, antwortete Dembinski: „Weil sie hungert!" Auch darin erblickte die Partei Görgei ein von den übelsten Folgen begleitetes Ungeschick des Oberfeldherrn, daß er bei seinen Dispositionen für die Schlacht die einzelnen Corps zerrissen habe wodurch „einander ganz fremde Heeresabtheilungen in nachbarliche Gefechtsstellungen gebracht" und Truppen für den Augenblick unter die Befehle von Führern gestellt wurden denen sie „fremder waren als die feindlichen" si). Dembinski erklärte dies aus dem Drang der Umstände, was ihn auch genöthigt habe „an die einzelnen Divisionen des Görgei'schen Corps directe zu schreiben, welches zwar von dem General Görgci nicht mit jener Moderation ausgenommen ward die man von einem einsichtsvollen Soldaten erwarten sollte, welches aber unumgänglich nöthig war" sich). So war denn, als sich die Armee um Tisza-Füred sammelte, alles zum unheilbaren Bruche reif. Das Vorspiel dazu ging schon am 2., an dem Tage wo Görgci mit Gnyon und Herteleudy gegen Wrbna bei *) Levitschnigg I S. 14V. Unabhängigkeitskrieg I S. 270. Danzer I S. 143. ch) Görgei I S. 248. Pf) In dem o. a. Schreiben an RspLsy bei Nobili I S. 277. Meuterei Görgci's und Klapka's gegen den Oberfeldherru. 219 Poroszlo standen, vor sich. Dembmski war von seinem Ansritt an den gefährdeten Posten kaum zurück, als sich Szcmere bei ihm melden ließ. Szemere hatte um einiger politischen Angelegenheiten willen eine Fahrt nach Miskolcz vor, gegen das FML. Ramberg von Kaschau nnrücktc. Vor seinem Abgehen sprach er Dembmski, machte ihn auf die bedenkliche Stimmung in der Armee aufmerksam über deren Ungehorsam dieser gleich zu klagen begann, und crtheilte ihm den wohlmeinenden Rath sich als Fremder mit seinen Nnterbefehlshabern i» freundlicheres Benehmen zu setzen, für seine Stabs- und Kanzlei-Chefs bessere Wahl zu treffen und vor allem einen Kriegsrath einzuberufen um jene mit seinen ferneren Absichten vertraut zu machen. Das wies Dembmski schroff zurück: „Einen Kriegsrath beruft nur der General der sich allein nicht zu helfen weiß; ich aber nehme die Verantwortlichkeit für meine Operationen auf mich selbst und allein." In diesem Sinne schrieb er am selben Tage an die Regierung nach Debrecziu, indem er sich bitter über die Unbotmäßigkcil der Corps-Commandantcn beklagte: „Nicht ich habe die Armee hichcr- geführt, sondern ich habe ihr folgen müßeu." Schon befanden sich aber auch von der Gegenseite zwei Stabs-Officiere auf dem Wege nach Debrecziu, von Görgei und Klapka beauftragt „der Regierung über die nächsten Ursachen des mislungcuen Fortganges unserer KriegS-Operationen die Augen zu öffnen". Von Kossuth selbst empfing der Oberfeldherr am selben Nachmittag einen langen Brief voller Vorwürfe und Nathschläge: „Also wieder eine Retirade nach einem Sieg! . . . Tausend- und tausendmal muß ich wiederholen, nur eine vorsichtig geleitete Offensive gibt uns sicheren Sieg . . . Wollen Sie Ihre Armee gut verpflegt haben so müssen Sie Terrain zu gewinnen suchen, nicht Terrain aufgcben!"* *) Am 3. während Szemere's Abwesenheit kochte es in den Gemütheru ohne daß etwas zum Ausbruch kam. Dembmski entwarf einen Bericht an den Kriegs-Minister worin er, unter Beischluß der Abschriften seiner jüngsten Befehle, die Bitte stellte: „es möchte eine mit ausgedehnten Vollmachten versehene Persönlichkeit nach Tisza-Fürcd entsendet werden um der unerquicklichen Situation ein Ende zu machen" **). Der Bericht kreuzte mit einem Befehle des Kriegs-Ministers an Dembmski: „der Obrist Klapka sei von seinem Corps-Commando zu entheben und nach Koch Danzer I S. 222 f. 236—243. *ch Ebenda S. 229. 220 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. morn zu senden, wo man seiner dringend benöthige". Klapka argwöhnte ein Rünkespiel Dembinski's der ihn aus seiner Nähe bringen wolle, was aber durchaus nicht der Fall war, und lehnte „den ehrenvollen Antrag" mit der Bitte ab ihn an der Spitze des I. Corps zu belassen*). Daß Görgei bei dieser Ablehnung seine Hand im Spiele hatte wird nirgends gesagt, ist aber mehr als wahrscheinlich, da er für seine Zwecke gerade jetzt Klapka's dringend bedurfte. Am Abend empfing der Oberfeldherr eine Meldung Damjanich' von der mittleren Theiß der mit den Worten begann: „Morgen ist Szolnok unser!" Dembinski's Feldzngsplan war also auch nach dieser Richtung hin im reifen, freilich um einige Tage später als er es gewünscht und voransbercchnet hatte. In der Nacht vom 3. zum 4. kam Szemere von Miskolc; zurück; er fuhr in einem Fischernachen über die Theiß und hatte cs, wie er versicherte, nur der Dunkelheit zu danken daß er den Kaiserlichen in Po- roszlv glücklich entkam. Szemere's erster Gang war zu Dembinski den er in sehr gereizter Stimmung und durchaus nicht in der Laune fand in irgend einem Punkte nachzugeben. Da er weiter durch Rspäsh erfuhr die Generale und Obristen seien gewillt den Obcrfeldherrn „mit Gewalt" ab- zusctzen und einen andern an dessen Stelle zu wählen, so sandte er einen Eilboten nach Debreczin mit dem Berichte über den Stand der Dinge und mit der Bitte, der Regierungs-Präsident möge nicht säumen sich in Person in Begleitung des Kriegs-Ministers im Lager einzufinden. Szemere suchte in Person die Hähern Officiere auf die er in einem halb verfallenen Hause am äußersten Ende des Ortes versammelt fand. Nur Klapka fehlte noch, und dem Rcgiernngs-Commisfar fiel cs auf daß, als sich der Obrist nahte, ihm der General Görgei an der Spitze des Officicrs-Corps zum Empfang entgcgenging. Nachdem die Versammlung vollzählig war — außer Guyon der fern blieb — ergriff Görgei das Wort indem er vor allem den „Stellvertreter der Regierung" in Worten begrüßte, als ob Szemere auf seine, Görgei's, Einladung gekommen wäre. Er rechtfertigte sodann sein Verhalten in der letzten Zeit, hob bezüglich der Waitzener Proclamation hervor daß dieselbe nur einen vorübergehenden Zweck, die wankenden Officiere seines Corps beisammen zu halten, gehabt habe und ging sodann auf die jüngsten Kriegsercignifsc über, die er, wie *) Ätapka I S. 273 s. mit dem Wortlaute des kriegministerialcn Schreibens ogt. mit Danzer I S. 230. Verhandlungen Szemere'S und der Officiere mit DembinSki. 221 kaum erwähnt zu werden braucht, iu der für den Oberfeldherrn ungünstigsten Weise schilderte, um daraus den Schluß zu ziehen daß die Armee weder iu Dembmski's Talente noch in dessen guten Willen Vertrauen setzen könne. Alle riefen: „Ja, ja" und die hitzigsten wollten ohne weiters zur Wahl eines neuen Obcrfeldherrn schreiten, wobei Görgei mit angenommener Bescheidenheit erklärte: „cs liege ihm fern diesen Posten für seine Person anznstreben; das Interesse des Vaterlandes sei es allein was ihn zu seinem Schritte bewogen habe". Allein nun legte sich Szcmerc ins Mittel, indem er erklärte einen solchen Schritt nicht billigen zu können; im Nothfalle werde e r als Vertreter der Regierung eine einstweilige Vorkehrung treffen, worin ihm Klapkn beifiel; zuvörderst aber möge man sich zu Dembmski verfügen und demselben folgenden Vorschlag machen: Es sei die Ankunft des Regierungs-Präsidenten und des Kriegs-Ministers abznwarten; bis dahin habe Dembmski den Oberbefehl zu führen, aber mit einem ans den Generalen Röpäsh Aulich und Görgci sowie dem Obristcn Klapka bestehenden Kriegsrath zur Seite. „Will Dembmski ans diese Bedingungen nicht eingehcn", so schloß Szemcre, „so werde ich als Vertreter der Regierung den einstimmigen Wunsch der Eommandanten zu würdigen wissen." Die fünf begaben sich also in die Wohnung des Obcrfeldherrn, es war gegen 4 Uhr nachmittags. Da Szcmerc das aufbrausende Temperament Dembmski's kannte so verfügte er sich, indem er die andern im Vorzimmer zu warten bat, vorerst allein zu ihm und erklärte ihm um was es sich handle. Die Verhandlung dauerte ohne Erfolg länger als eine Stunde und nun ries Szemere seine Begleiter herein, wobei abermals Görgci das Wort führte. Allein von einem Kriegsrathe wollte Dembmski nichts hören. „Auf meiner Rctirade in Litauen", sagte er, „verlangten einst meine Officiere zu wissen wohin ich sie führe. Meine Herren, antwortete ich ihnen, sehen Sic hier meine Mütze! Wenn ich voraussctzen könnte daß die Mütze von dem was ich denke etwas ahne so würde ich sie zu Boden werfen und zertreten", und dabei riß er wirklich seine Mütze, die er nur für diesen Zweck während seiner Ansprache aufgesetzt zu haben schien, vom Haupte, beutelte sie mit sichtlicher Entrüstung in der Luft und schmiß sic in eine Ecke. Ueberhaupt benahm er sich während der ganzen Verhandlung äußerst aufgeregt, während ihm Görgci kalt gegenüberstand, selbst unempfindlich gegen Dembmski's mitunter persönliche Ausfälle. Zuletzt lenkte letzterer doch etwas ein, erklärte seine Plane dem RcgiernngS- 222 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. Commissar mitthcilen zu wollen der sodann, so es ihm gefalle, die Corps- Commandanten davon unterrichten könne. Görgci schien geneigt sich bis zur Ankunft der Debrecziner Regierungsinänner diesen Mittelweg gefallen zu lassen; aber Szcniere versuchte nun, nachdem die andern abgetreten, wieder allein Dembinski mit Bitten und Vorstellungen zu bestimmen daß er ans den ihm gemachten Vorschlag cingehe. Dazu war Dembinski nun nnd nimmer zu bewegen. „Uebernehmen Sie selbst kraft Ihrer Vollmacht als Regiernngs-Commissar die Leitung der Armee", sagte er zu Szemcre; „Sic werden sie besser führen als die vier Herren die eben fortgegangen; ich will Ihnen als militairischcr Rathgeber zur Seite stehen bis der Präsident erscheint und alles in Ordnung bringt." Es war inzwischen 7 Uhr abends geworden, wo Szemcre den General mit dem Bemerken verließ: cs bleibe ihm somit nichts übrig als ihn vom Oberbefehl zu suspcndircn. Das that er denn auch, indem er zugleich Görgci als rnngsältesten der anwesenden Generale mit dem provisorischen Ober-Commando betraute. Kaum hatte Görgei diesen Befehl in Händen als er seinem General- stabs-Chef Bayer befahl Dembinski das Befchls-Protocoll abznverlnngen. Bayer bat Rnpnsy's Gencralstabs-Chcf Obristcn Meszsna und Nspäsy's Adjutanten Major Läznr zur Begleitung „bei einem wichtigen Dienst- gange" und trug in Gegenwart der beiden Officiere Dembinski die Forderung seines Generals in einem herausfordernden Tone vor. Dembinski erwiderte: „Das Befehls-Protocoll gehört der Vergangenheit nnd folglich mir an; was die Gegenwart nnd Zukunft betrisst so habe ich mich darüber mit dem berufenen Regiernngs-Commissar anscinnndergcsetzt." Als Bayer hierauf sogar mit „Gewalt" drohte sprang Dembinski wüthend vom Sitze, befahl seinem Adjutanten ihm ans dem Nebenzimmer das BcfehlS- Protocoll zu bringen, ergriff cs mit der linken Hand, den Degen mit der rechten und schrie: „So lang die eine Hand den Säbel halten kann wird die andere das Befehlsbuch der ungarischen Armee nicht auslassen." „Wir werden sehen", sagte Bayer trotzig, verließ ohne Gruß mit den beiden andern das Zimmer, nnd alsbald vernahm Dembinski den gemessenen Schritt von Soldaten die ans seine Thüre zuschritten. Er konnte nur eben schnell dieselbe von innen verriegeln, worauf draußen „bei Fuß" commandirt wurde. Er setzte einen Brief an Szemcre auf den sein Adjutant überbringen sollte; allein im Vorzimmer wurde diesem erklärt die Wache habe Befehl jeden mit dem Bajonnct niedcrznstoßen der sich Rücktritt Dembiüski's vom Ober-Commando. 223 aus den Gemächern des Generals entfernen wolle. Einige Zeit später erschien Görgei bei Szemere und theiltc ihm mit was er gegen Dem- bii'iski eingeleitet hatte. „Können Sie denn", frng der Regierungs-Com- missar, „ohne diese Schriften bis morgen keine Anordnung treffen?" „O ja!" „Wenn dem so ist, finden Sie es für gut die Wirren in denen wir uns befinden durch einen Scandal zu vermehren?" „Nein", sagte Görgei ruhig und entfernte sich um die Wachen abzurnfen. Mittlerweile war aber Rspäsy bei Dembiüski erschienen, der den Grenadieren sobald er von dem Vorgänge erfuhr nbzuziehen befahl und dann Dembiüski für diesen ohne sein, Ropäsy's, Vorwissen geschehenen Gcwaltact um Verzeihung bat. Auch Rüpüsy's Generalstabs-Chef und Adjutant thatcn dies, indem sie versicherten Major Bayer habe ihnen voraus nicht mitgctheilt was er zu thnn vorhabe. Am 5. traf Kossuth in Begleitung von MüszLros und Vetter in Tisza-Füred ein. Sie kamen alle drei mit dem Vorsatze dem meuterischen Geiste in der Armee „keine Segel vorznspannen"; denn sonst würde das Staatsschiff von dem Orcane gepackt und zertrümmert werden. Sie waren alle für Dembiüski und gegen Görgei und dessen Anhang gestimmt „die durch ihre Scheelsucht das Vaterland ins Verderben zu stürzen drohen". Als sich Szemere beim Regierungs-Präsidenten einfand und gegen diesen die Bemerkung fallen ließ Görgei sei ein gefährlicher Mensch, entgcgnete Kossuth: „Nicht blos gefährlich, er ist ei» Verräther, er muß vor Gericht gestellt werden." Dazu, meinte Szemere, dürfte doch wohl vorderhand kaum genügender Anlaß sein; ans jeden Fall verdiene Görgci Strafe und Dembiüski Genngthuung. Es fand nun in Kossnth's Absteige-Quartier eine Znsaminentretnng statt, an welcher nebst Dembiüski die vier Corps-Commandanten Görgei Röpäsy Anlich und Klapka theilnahmen. So gewandt und schlagfertig Görgei war so sprachen die Thatsachcn, namentlich der Ungehorsam gegen den schriftlichen Befehl von Poroszlü, so laut gegen ihn daß er mehr denn einmal in sichtliche Verlegenheit gerieth. Auch schloß Kossuth die Berathung mit der Zusage an Dembiüski: die Regierung werde den Vorfall vom gestrigen Tage „ganz bestimmt dcöavouiren". Allein es kam anders. Am Abend war Görgci bei Kossuth; auch am folgenden Tage beriethen beide miteinander bei verschlossenen Thüren. Kossuth der anfangs ernst und kalt gegen Görgci gewesen war wurde immer freund- 224 II. 14. Militair-Revolte in Tisza-Füred. licher gegen ihn, und es war voraus zu sehen daß nicht der junge General gegen den alten polnischen Haudegen den kürzeren ziehen werde, sondern umgekehrt. Am 7. reiste Kossuth ohne von Dcmbiüski Abschied zu nehmen nach Debreczin zurück, wo der Reichstag dcu bisherigen Obcr- fcldhcrrn fallen ließ und den FML. Vetter mit dem Ober-Commando betraute. Dembinski verlangte seine Entlassung und wollte nach Frankreich zurückkehrcn; er ließ sich aber von Kossuth und M6szäros beschwichtigen und nahm den Posten an Möszäros' Seite im Kriegs-Ministerium an * * * Die Debrecziner Bulletins bejubelten die Schlacht bei Käpolna als ihren Sieg. In Pest wollte man von einem Ts Osum wissen das in Debreczin abgchalten worden, und von einem neuen „Ludwig Kossuth- Orden" dessen Großkrcuz der Regierungs-Präsident den „Haupt-Rebellen" verliehen, das Klcinkreuz den „kleineren Rebellen" Vorbehalten habe. Von den kaiserlichen Heerführern insgesammt wurde iu jenen Kreisen mit völliger Geringschätzung gesprochen; Schlik allein, der alte Husaren-Gc- ncral, machte eine Ausnahme dessen Unternehmungsgeist und Manoeuvres sie einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren ließen. Auch auf kaiserlicher Seite war man mit dem Erfolge von Käpolna durchaus nicht zufrieden. „Es ist gewiß nicht aus Neid", heißt es in einem gleichzeitigen Tagebuch, „wenn mau sagt: eine zweitägige Siegesschlacht muß mehr Trophäen haben als ein Bataillon Zanini mit der Fahne, oder sie ist für irgend ein Opfer zu theuer." Geschütze Hütten sogar die Ungarn erobert. Der Feldherr sei zurückgekehrt, „aber ohne Pauken und Trompeten, die Jungfrauen hatten etwas anderes zu thun als Blumen zu streuen, der Triumphator zog still ein und nicht einmal der Postillon blies der das Viergespann antrieb". Windisch-Grätz habe sich durch Dcm- biüski täuschen lassen, habe fortwährend gemeint der Feind ziehe sich gegen Miskolcz und in Folge dessen den Flankcnmarsch gegen die Theiß ruhig geschehen lassen. „Das Vertrauen der Truppen ans ihren Führer schwindet zusehends. Mau darf sich keine Illusionen machen: der Feind ist nun durch mehrere politische Aventuricrs, die aber den Krieg zu führen verstehen, gut commandirt." Urtheile solcher Art wurden im Stabe des Banns, aber auch in der Umgebung dcö Fcldmarschalls laut Hier schob man einen großen Wrbna — Zeisberg — Nobili. 225 Theil der Schuld, daß der Sieg nicht erfolgreich ausgenützt werden konnte, auf General Zeisberg der alles zn tadeln wußte was vom großen Haupt- Quartier ausging, den aber jetzt nicht ohne Grund der Vorwurf traf nicht kraftvoll genug gegen die Theiß, wie ihm befohlen war, vorgedrungeu zu sein. Man hielt sich im großen Haupt-Quartier überzeugt daß Zeisberg, „so klug und tapfer er sein mochte, nichts für den Erfolg leistete wenn er nicht seine Persönlichkeit voranstellen konnte, sondern überall paralysirte wo für den Fürsten ein Vortheil vorauszusetzen war"- Den Grafen Lato Wrbna, auf dessen Namen man im I. Armee-Corps alles zu wälzen liebte was im Felde schief ausging, traf diesmal kaum ein gerechter Tadel. Er hatte am ersten Schlachttage in Abwesenheit des Feld- marschalls seine Sache gut geführt; am Tage von Poroszlö aber war, wie der zusammenbernfenc Kriegsrath einstimmig erkannte, wegen der Bodenverhältnisse nichts zu thun. Die Meinung daß man es kaiserlicherseits mit einer ungeheuren gegnerischen Uebermacht zu thun gehabt war im großen Haupt-Quartier allgemein, während man im ungarischen Lager, und hier entschieden mit Unrecht, gerade das Gegentheil behauptete. Windisch-Grütz mußte zugeben daß er es in der „Rebellen-Armee" mit einem militairisch ebenbürtigen Gegner zu thun habe, der nicht blos sich tapfer zu wehreu, sondern selbst nach einer Niederlage geschickt zu mauoeuvrircn verstand. Daß die Ungarn ihren Rückzug mit Erfolg durchzuführen im Stande waren, dazu wirkte allerdings eine Reihe van Umständen ans kaiserlicher Seite zusammen, von denen keiner der Oberleitung zur Last fiel: die äußerste Abspannung und Ermüdung der Schlik'schen Truppen am Tage von Kerecsend; die Unwillfährigkeit und wohl auch Säumnis Zeisberg's in seinem Marsche gegen die Theiß; vor allem aber das so heftige Unwohlsein des Feldmarschalls in den Tagen unmittelbar nach der Schlacht und die Unentschlossenheit Nobili's der seine Stelle zn vertreten hatte 15 . Werfen wir, ehe wir das ungarische Kriegstheater verlassen, einen Blick darauf, wie es in den Tagen da die Schlacht von Käpolna geschlagen wurde auf den andern Schauplätzen des großen Kampfes gestanden habe. Helfert, Geschichte Oesterreichs. kV. 2. 1b 226 II. 15. Auf den ander» Kriegsschauplätzen. Die Cernirung von Komovn war nunmehr, so weit die zur Verfügung stehenden Kräfte reichten, geschlossen. FML. Simuniö hatte sein Haupt-Quartier in Kurtakeszi. Nach Lsva wurde Obstl. Aloys Gaher v. Gayersfeld mit 2 Compagnien Hartmann 1 Escadron und 3 Sechs- pfündern zur Sicherung der Detachements in den Bergstädten beordert. Die Cernirung der Festung von der Neutraer Seite war diese: 10 Compagnien Infanterie 1 Compagnie Jäger 3 Escadrons und 3 Batterien in Hct6»y und Marczalhäza; 6 Compagnien 1 Escadron und 1 Batterie gegen den Waag-Brückenkopf der Festung; 2 Compagnien 1 Flügel Ca- valeric und eine halbe Batterie in Birth und Zsitvatü, von wo eine nach Duna-Almas über die Donau geschlagene Brücke den Verkehr mit der am rechten Ufer operirenden Brigade Lederer hcrstcllte. Die Ätva bei ihrer Einmündung in die Donau wurde verdämmt, zur besseren Jnundirung des Ätva-Gebietes der Neutraer Damm bei MartoS durchstochen; bemannte Boote auf der Neutra hatten den Verkehr der Ko- morner Festung mit den östlichen Landstrichen zu verhindern. Am 4. März traf General Sossai ans den oberen Gegenden in Aranyos ein, von wo er mit 13 Compagnien Infanterie 1 Compagnie Jäger 3 Escadrons und 2 Batterien die Palatinal-Linie, welche das Gebiet der Festung gegen die Insel Schütt abschloß, im Auge halten sollte; eine Brücke, die bei Puszla-Lovad nordwestlich von ^cs über die Donau geschlagen wurde, unterhielt die Verbindung der Truppen Sossai's mit jenen Lederer's*). Die Aussichten auf eine Bezwingung von Komorn, für welche der Feldmarschall auf die Mitwirkung Welden's von Wien aus rechnete, standen in weiter Ferne. Von einer Aushungerung war noch lang keine Rede: die Festung litt keinen Mangel an Lebensbedürfnissen, keine Thenerung herrschte, das Pfund Rindfleisch war noch immer um 17 kr. zu habe», Wochen- Märkte wurden regelmäßig nbgehalten. Man konnte also, da cs hieß daß es in der Festung mit der Artillerie nicht znm besten bestellt sei, nur auf Bezwingung durch ein Bombardement rechnen, wofür es aber zur Stunde den Kaiserlichen an ausreichendem Geschütz gebrach. Die Verbindung der Hauptstädte mit dem südlichen Kriegsschauplätze war nach wie vor bedroht, nicht durch größere feindliche Streitmasseu, aber durch die Bevölkerung die einen kleinen Krieg führte und es besonders auf Zufuhren sowohl auf der Donau als vom Lande her *) Strack Winter-Feldzug S. 68—70, 73 s. Cernirung von Komorn. 227 abgesehen hatte. In LaczhLza südlich von Pest am linken Donau-Ufer erschienen, als eben Markt gehalten wurde, 50 Berittene aus Dunavecse und Solt, trieben mit ihren Bleiknopfpeitschen alles zum Verkaufe bestimmte Vieh zusammen und führten es weg. Weiter südlich, besonders bei Dnna-Földvär bis Tolna hinab, zeigten sich starke Massen von Landsturm. Im Bezirke von DombovLr, einer Esterhäzy'schen Herrschaft, wurde dem Fürsten alles Vieh hingcschlachtet. Gegen Ende Februar fuhr von Pest ein Dampfschiff mit fünf stark besetzten Schleppern die Donau hinab um die Gegend vom Landsturm zu reiuigen; aber dieser hielt nirgends stand, sondern verlief sich beim Herannahen größerer Abtheilungen nach allen Richtungen, um schon am nächsten Tage aus den bergenden Ufer- gebüschcn den Gegner von neuem zu necken. Die Nachricht von der Uebergabe der Festung Essegg hatte im ungarischen Lager großes Aergernis hervorgerufen. Letzteres war begreiflich; und ebenso daß man in Debrcczin das Ereignis als „Verrath" bezeichnte, wie Mäszäros im Landtage ausdrücklich sagte; alle Officiere der Festung erklärte man für ehrlos und Vaterlandsverräther, so lang sie sich nicht vor einer kriegsgerichtlichen Commission gereinigt haben würden. Der Obrist Nemegyei wurde gefänglich eingezogen und vor ein Kriegsgericht in Szegedin gestellt, weil er mit 3000 Mann zum Entsätze von Essegg entsendet worden sei und sich in einer andern Richtung habe abdrängen lassen. Auf kaiserlicher Seite waren es die, wie man ineinte, zu günstigen Bedingungen der Uebergabe an denen man Anstoß nahm. „Die Capitulation von Essegg hat mich erschreckt", schrieb Fürst Felix an den Feldmnrschall, „und nur große und sehr reelle Vortheile in andern wichtigen Beziehungen können die zngestandencn Stipulationen erklären. Graf Nngent hat vom Jsonzo bis Treviso auch solche Capitulatiouen geschlossen und wenige Tage daraus haben die dankbaren Geschonten regelmäßig wieder auf uns geschoßen." Windisch-Grätz war zwar mit dem Vorgänge auch nicht einverstanden; aber verloren sei dabei nichts, wie er dem Minister-Präsidenten zurückschrieb, „da diese Leute keine andere Tendenz haben als der Sache las zu werden und in ihre Heimat zu gehen. Was den Commandantcn und die übrigen Officiere betrifft, ist nichts ausgesprochen worden und sie wären nach den Gesetzen zu behandeln. Insbesondere kann ich keineswegs für eine nachsichtige Behandlung des Commandantcn stimmen". In Wahrheit sollte mau aus kaiserlicher Seite über den Erfolg 15 * 228 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. bei Essegg nur zufrieden sein. Kam Komorn in die Gewalt der Kaiserlichen, sei cs unter noch nachgiebigeren Bedingungen als die Esscgger über die man in Ofen und Olninz seine Glossen machte, so war der ungarische Feldzug so gut wie beendet. Auch säumte Nngcnt nicht den gewonnenen Borthcil zu verfolgen und nunmehr Peterwardein ins Auge zu fassen. Die Kämpfe zwischen der Besatzung und den Serben des anliegenden Landstriches hatten hier nie geruht. Am 19. Februar brachen die letzter» aus der Römcrschanze hervor und griffen Kiszacs an wo Abtheilungen von Ghnlai und Don Miguel lagen, schlugen dieselben heraus und besetzten den Ort; aber nun eilte Hrabovsk/ mit 1 Compagnie Este und 1 Compagnie vom 2. Honvöd- Bataillon über Piros zur Unterstützung herbei, eroberte Kiszacs zurück und nahm den Angreifern 1 Kanone und mehrere Munitionskarrcn sammt 1 Fahne ab. Der empfindlichste Schlag für die Kaiserliche» erfolgte am 24. Hauptmann Paul Thot von den Önjkistcn war am Tage zuvor mit 8 Compagnien theils Grttnzcrn theils syrmischcn Provinzial-Trnppen am linken Donau-Ufer gegen Neusatz vorgegangen, hatte mit 400 Mann Futak besetzen lassen und mit der übrigen Mannschaft und den Geschützen rückwärts vom Orte Stellung genommen ; gegen Neusatz und Petcrwardcin aber waren, so scheint cs, alle Vorsichtsmaßregeln unterlassen worden. In der Nacht vom 23. zum 24. zog nun Major Bozü mit 3 Bataillons Honvöds 3 Bataillons Linie 1 Zug Husaren und 6 Geschützen aus Peterwnrdein und Neusatz aus und umzingelte Futak von allen Seilen che der Morgen graute. Die überraschte Besatzung wollte sich retten und versuchte einen Rückzug der ihr aber von allen Seiten abgeschnittcn wurde, während die deutschen Bewohner des Ortes zur Flinte griffen und die Shrmier aus den Fenstern beschoßen. Geschützdonner der Ungarn und der Kaiserlichen vermehrte die Verwirrung und bald standen mehrere Gehöfte in Flammen. Schon waren die Truppen Bozü's in den Ort gedrungen, wo sie alles niedcrmachten was ihnen von den flüchtigen Serben unter die Waffen kam. Nur 60 Mann sollen nach dem Berichte eines Augenzeugen von der ganzen Besatzung gerettet worden sein, die meisten durch die Flucht über den Donau-Arm der zu ihrem Glück seicht war und leicht übersetzt werden konnte. Auch Thot mußte, nachdem er 4 Kanonen, viele Todtc und Verwundete verloren, den Rückzug antretcn, und wurde auf dem Wege von seinen erbitterten Leuten, die ihn des Ver- rathes beschuldigten, erschlagen, ein anderer Officier gebunden. Zwei Nugent vor Peterwardein. 229 Stunden nach der Affaire kam eine Colonne Nngent'scher Truppen unter Obrist Mamnla van Essegg her die Donau herabgcfahren. Bozö hatte, nachdem er den serbischen Theil von Futak in Brand gesteckt, die Gegend bereits verlassen und seine Truppen in ihre frühere Stellung zurückgeführt. Ein Theil der Colonne Mamnla's stieg ans Land und steckte den andern Theil von Futak dessen Bewohner ans die Syrinier geschossen hatten in Brand, so daß jetzt der ganze Ort in Flammen stand. Das war so der Brauch in diesem Kriege! Die deutsche Bevölkerung die Rache der Serben fürchtend flüchtete nach Neusatz. Futak war ein betriebsamer Marktflecken dessen Tabakpflanzungen gerühmt waren und dessen Gartenbau die Gegend weit umher mit Gemüse versah. Er brannte zwei Tage lang *). Obrist Mamnla hatte den Auftrag die Umgegend von Petcrwardcin ausznknndcn und Anstalten zur Einschließung der Festung zu treffen. Er kam am 28. unter strömendem Regen nach Kamenic das von Peter- wardeincr Gränzern und einer Abtheilnng Provinzialisten besetzt war, und zog noch eine Compagnie heran von welcher die Vorposten bezogen wurden. In den Tagen darauf kamen weitere Truppen nach, Nngent selbst fuhr auf dem Dampfschiffe „Stephan" die Donau hinab und hielt bei öcreviü. Die Festung wurde unter Mamnla's Leitung mit einem Netze kunstgerecht in strengstem Sinne des Wortes unter den Kanonen der Festung erbauter Verschanzungen umschlossen. Der rechte Flügel wo Hauptmann Bigga commandirte, wurde mit Benützung der Höhen Ka- rakar und Vezirac und anderer günstiger Terrain-Punkte derart gesichert, daß es den Belagerten unmöglich war gegen Karlovic vorzndringen oder sonst die Kaiserlichen zu delogiren**). Auf dem linken Ufer war Neusatz noch immer in den Händen der Ungarn welche die umliegende Gegend durch Fouragirnngen ansbentcten. Nngent leitete Unterhandlungen wegen Uebergabe der Festung ein. Obrist Csnha und die andern Officiere, um von sich die Verantwortung abznwälzen, redeten sich auf ihre Mannschaft aus der sie nicht Herr seien und die von einer Capitulation nichts wissen wolle. Im kaiserlichen Lager erfuhr man im Gegentheil daß 3 Compagnien Gynlai nur auf die Gelegenheit warteten zu ihren alten Fahnen 2) Bgl. Klapka II S. 104 f. mit „Lloyd" 1849 Nr. 119 vom 10. März „Scmlin 4. März" und „Presse" Nr. S5 vom 6. März „Von der unteren Save 28. Februar". Skizze der Ereignisse S. 47. 230 II. 15. Aus den andern Kriegsschauplätzen. zurückzukehren. Die Feindseligkeiten ruhten; den Ungarn in der Festung war vom Commando bei Todesstrafe verboten auf die Kaiserlichen zu schießen *). In der Gegend von Szegcdin hatte Knivanin nach dem Wicder- verluste von Szöreg eine Stellung bezogen deren rechter Flügel Beba besetzt hielt; das Centrum etwas versagt stand in Oroszlämos; der linke Flügel in Gyala und Serbisch-Kcrcsztür mit einer Abtheilung in Türkisch- Kanizsa; das jenseitige Ungarisch-Kanizsa war von 1000 Mann Oaj- kisten und 600 Serbiancrn mit 8 Geschützen unter Hauptmann Davidovac besetzt Dabei wurde fleißig geworben und cinexercirt, wobei sich besonders Hauptmann Laziö große Verdienste erwarb, indem er 2 Bataillons Freiwillige zusammenbrachte und für die Waffen tauglich machte. Der Ersatz kam Kniöanin um so willkommener als die Zuzüge aus dem Fürstenthum, von denen viele fern von der Heimat und ihrem Anwesen bei dreiviertel Jahre unter Waffen standen, sich schaarenweise nach Hause meldeten. Sie waren aufgeboten worden und hatten sich herbeigefunden das serbische Gebiet bis an die Maros vom Feinde zu befreien: die Maros-Linie war jetzt erreicht, der Krieg, wie es schien, der Hauptsache nach beendet. Aus ihren Bergen kamen Rufe nach Wiederkehr; ihre mitgebrachte Kleidung war zerfetzt und das Corps nicht im Stande ihnen neue zu schaffen; auch der Gränz-Soldat hatte sich seine Montur vom Hause zu besorgen. Kniäanin hatte keinen rechten Grund ihnen die Entlassung zu verweigern und ließ die Bittenden ohne Anstand ziehen. Aber das Beispiel wirkte ansteckend, besonders da die Erinnerung an die letzte Waffenthat bei Szöreg keine aufmnnternde war; es folgten immer mehrere so daß Kniönnin sein Corps allmalig schwinden sah. Zuletzt wurde ihm die Sache doch zu arg, er setzte sich in einen Wagen, fuhr uach Gyala, versammelte seine Serbianer um sich und redete sie, seinen Oibuk in der Hand und im Mund, in seiner drastischen Weise an: Viele hätten ihn gebeten nach Hause gehen zu dürfen; er habe es ihnen erlaubt weil er geglaubt daß sie eine besondere Ursache dazu hätten; aber dann seien mehrere gekommen, aus bloser Nachahmung, „sie sahen Schafen gleich jene über den Balken springen" — hier ahmte er mit dem Zeigefinger den Sprung über die Wagenflechte nach — „und sprangen nach. Jeder Mensch *) Oereviü in Syrmie» 7. März; „Presse" Nr. 77 vom 31. März. Ehrenauszeichnnngen für Kniäani». 231 hat den Trieb in sich nach Auszeichnung" (So ist's!), „der eine im guten, derHajduk im bösen" (So ist's); „denn der für gar nichts Sinn hat ist nicht besser als ein Schwein" (Bewunderung und allgemeine Heiterkeit). „Und so hoffe ich daß ihr euch ferner auszcichncn werdet im guten d. h. im ausharren, im helfen diesen eueren Brüdern hier, in Tapferkeit und im Gehorsam!" (Wir wollcns! Dank der Liebe und dem Worte!), „Und sohin mit Gott!" Sprach's und fuhr davon. Von dem Tage meldete sich zum Nachhauscgehen keiner mehr* *). Der wackere Serbianer-Führer erlebte in dieser Zeit manche Freude. Selbst Gegner der Sache der er sich widmete konnten ihm ihre Anerkennung nicht versagen. Baron Billot, Großgrundbesitzer im Banat, der sonst an den „Näczen" kein gutes Haar ließ, bezeichnet« ihn in einer Denkschrift an den kaiserlichen Minister-Präsidenten „des höchsten LobeS würdig", nannte KniLanin einen Mann „von Ehre und Festigkeit" der sich alle Mühe gebe den Ausschreitungen seiner Landsleute zu steuern. Vom Patriarchen RajaöiL kam Kniöanin ein Diplom zu, laut dessen er in Würdigung seiner ausgezeichneten militairisch-patriotischen Dienstleistung zum National-General ernannt wurde. Der Vladika Petrovi« NsgnZ von Crnagora sandte ihm ein Bildnis des Milos Obiliö als Auszeichnung und ans Erkenntlichkeit für seine „rastlosen Bemühungen" um das Wohl seines Volkes; indem Schreiben von welchem diese Sendung begleitet war nannte er ihn eine „Zierde unserer Nation. Du hast vollkommen den Ruhm der Helden Dnsan und Karagyorgh gerechtfertigt!" Auch seine äußere Wirksamkeit, so schien es, sollte trotz der Einbuße die seine Streitmacht in den Kämpfen der letzten Wochen sowie durch Heimkehr vieler seiner Landsleute erlitten, in nächster Zeit sich wieder glänzender entfalten. Noch vor der Szoreger Affaire war der greise Prota Ncnadoviö in das Fürstenthnm znrück- gegangen um an einer Versammlung theilzunehmen in welcher, wie verlautete, eine große Aushebung von Streitern für die nationale Sache beschlossen werden sollte: jede der l8 Nahien des Fürstenthmncs sollte 1000 Mann stellen, die unverzüglich auf dem Schauplatz der ungarischen Kämpfe zu erscheinen hätten **). Auch das kaiserliche Kriegs-Ministerium zeigte sich für das serbische Armee-Corps besorgt. Am 20. Februar langte in Semlin ein großer Transport von Patronen an, und einige Tage später überbrachte Hauptmann Blagoviö als Cabinets-Courier 500.000 fl. E) (Stefan oviö) Erlebnisse im sieb. Armee-Corps S. 144 s. *2) „Lloyd" Nr. 89 vom 21., Correspondenz aus Semlin vom 13. Februar. 232 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. Conv.-M. zur Deckung der Kriegskasten die von Semliu unch dem Buuut gebracht werden sollten. Um so mehr mußte nach all diesen günstigen Anzeichen überraschen was jetzt eintrat. Denn ans Belgrad kam an die fürstlichen Hilfstruppen der Befehl in ihre Heimat zurückznkchren, da das Gebiet der Woiwodschaft vom Feinde gesäubert und somit der Zweck deö von den Nnterthanen des Fürstenthnmes ihren Stammesbrüdern zu leistenden Beistandes erfüllt sei. Kniüani» berichtete an den Chef des österreichischen Armee-Corpö den erhaltenen Auftrag und bat daß man ihn und seine Landsleute ans dem kaiserlichen Dienste entlasse. General Thodoroviö marschirtc mit einem Theile seiner Gränzer nach Banatisch-Kanizsa wo er sein Haupt- Quartier aufschlug; NajaöiL hatte in dieser Zeit das seine in Groß- Becskerek. In einem ans Oroszlümos vom 28. datirtcn Aufrufe nahm KniLanin von seinen stammverwandten österreichischen Kampfcsgenosscn Abschied. Seine und seiner Truppen Bemühungen, sagte er, werden ihren schönsten Lohn darin finden wenn es ihnen vergönnt sein werde neben den Gräbern der für ihr Volk gefallenen Waffenbrüder den Baum der Freiheit erblühen zu sehen. Er schloß mit den bedeutungsvollen Worten: „Ich bin von der Hoffnung erfüllt daß die Serben, die blos die Save und die Donau trennen, auch künftig, wo immer sich die Gelegenheit dazu ergeben wird, einander beistehen werden." Die Freiwilligen wurden auf Dampfern eingeschifft und die Theiß und Donau abwärts nach Semlin geführt wo sie einige Tage cinqnartiert blieben, in ihrer bunten Kleidung die Stadt belebten und auf den Straßen kostbare Frauenstoffe und andere erbeutete Gegenstände, darunter auch eine Kirchcnglocke, zum Verkaufe ausboten. Zahlreiche Zigeuner, auch einzelne Türken strömten zusammen, so daß Semlin das auf eine so große Einquartierung nicht vorbereitet war ein ganz ungewohntes Aussehen bot. Am Morgen und Abend wurden, so lang Kniüanin in der Stadt weilte, ans einem auf dem Marktplatze aufgestellten Sechspfünder drei Salven gegeben, wobei, da man das Pulver nicht sparte, manche Fensterscheiben sprangen und zartnervige Hausfrauen in wiederholten Schrecken geriethen. Dazu Zapfenstreich Musik Gesang, aber auch allerhand Zank und Streit, so daß man den bis an die Zähne bewaffneten Gästen alles gab und that was sie wünschten um sich nur keine Unannehmlichkeiten zuzuziehen*). Am ') Correspondenz des Prager Ab.-Bl. S. 401 aus Syrmie» 15. März. Abberufung der >Lerbia»er vom Kriegsschauplatz. 233 9. März ließ Kuiönnin seine Truppen nusrücken. Der venu Fürsten Alexander abgeordnetc Sectionschef Nikoliö verlas ein Schreiben in welchem der Fürst den wichtigen Diensten, die seine Serben im Kampfe gegen die Unterdrückung ihrer Stammesbrüder geleistet, alle Anerkennung zvllte. Sodann hielt Kni- öanin eine Ansprache und machte ihnen bekannt daß der Patriarch in einem soeben an ihn eingelangten Erlasse jene Freiwilligen aus dem Fürstenthnme, die gegen einen Monatssold von 20 fl. Conv.-M. weiter dienen wollten, anfforderte sich bei ihm zu melden. Auf diese Einladung erklärten sich bei 2000 Mann bereit auf den Kriegsschauplatz zurückzukehren. Die übrigen wurden einige Tage darauf nach Belgrad hinuntergeschifft. Knidanin selbst blieb in Semlin zurück, es hieß er werde eine Reise nach Wien antretcn. Die Heimrufung der Serbianer machte begreiflicherweise um so größeres Aussehen je unerwarteter sie eingetretcn war, und gab zu den verschiedenartigsten Redereien Anlaß. Einige vermutheten britische oder französische Einflüße, andere riethen auf eine Einsprache der Pforte, die Dritten wollten wissen die fürstliche Regierung habe.einem Wunsche Rußlands nachgegeben. In österreichisch-serbischen Kreisen witterte man allerhand Ränke: es sei gelungen der Anwesenheit und heldenmüthigen Ausdauer der Serbianer in den kaiserlichen Staaten unlautere Absichten zu unterschieben; darauf hin habe Fürst Alexander dem dies zu Ohren gekommen die Heimkehr befohlen*). Die Sache scheint indessen ganz einfach zu liegen. Die Provinzial-Serbeu, und so auch ihre Gefährten aus dem Fürsteuthum, hatten nie ein Hehl daraus gemacht daß es ihnen einzig darum zu thun sei den eigenen Herd und Boden zu vertheidigen, vom Feinde zu säubern. Doch jüngster Zeit waren sie dem k. k. österreichisch-serbischen Armee-Corps einverleibt worden das nach des kaiserlichen Oberfeldherrn ausdrücklicher Erklärung durchaus nicht an die Maros- oder untere Theiß- Linie gebunden, sondern dort zu kämpfen berufen war wohin es das Wohl des Allerhöchsten Dienstes rief.. Nun waren allerdings die Serbianer keine regelmäßig geworbenen Truppen, allein sie galten doch als Con- tingent des Fürstenthums, und iu dieser Hinsicht konnte es aus Gründen der inneren wie der äußeren Politik nicht gleichgiltig erscheinen wenn sie unter dem militairischen. Oberbefehle eines fremden Staates zu Actionen verwendet wurden mit denen ihre Regierung nichts zu schaffen hatte. st. *) Erlebnisse im öst.-serb. Armee-Corps S. 145 f. 234 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. Im südwestlichen Siebenbürgen waren die Kaiserlichen am 10. Februar 2 Uhr nach Mitternacht van Broos aufgcbrochen und in nordöstlicher Richtung weiter marschirt. Auf dem halben Wege vom Siboter Posthause nach Mühlbach ist eine Straßcugabeluug: die Brigade Stutter- heim bog hier links gegen Karlsbnrg ab, während die andern Truppen auf der Straße nach Mühlbach blieben. FM8. Pnchner war, den Oberbefehl an General Kalliany abgebend, nach Mühlbach vornusgceilt von wo er noch am 10. weiter nach Hermannstadt fuhr. Die Spitze der Haupt-Colonne erreichte um Mittagszeit Mühlbach; am Abend war die Dislociruug der Truppen diese: Brigade Kalliany mit dem Haupt-Quartier in Szäsz-Piäu; Obst. Coppet mit der Reserve-Brigade deren Führung er an Loscnau's Stelle übernahm in fester Stellung vor Mühlbach; die Cavalerie und die sächsischen Jäger in Mühlbach und Petersdorf; Brigade Stuttcrheim in Al-Viucz. Zwischen der Aufstellung Stutterheim's und jener der andern Abtheilungen lag das Brodfeld (Lon^örnls^ö) das in einer Ausdehnung von nahezu drei Stunden mit fußhohem Schnee bedeckt war; eine Verbinduugsstraße durch dasselbe gab es nicht. Obwohl, wie früher erzählt worden, noch am Abend des 9. unter Bedeckung von Tursky- Grcnadicren ein Munitions-Trausport bei dem Corps eingetroffen war, hatten einzelne Abtheilungen noch immer Mangel an Schießbedarf. Unter andern mußte Lieutenant Eckhardt, der bei Al-Viucz mit 2 Compagnien Manch! den Borpostendienst übernahm, um seine Mannschaft nur einigermaßen kampffähig zu machen, alle in der Brigade noch vorsindigen Patronen cinsammeln lassen und unter seine Leute zu 6 bis 8 Stück ver- theileu lassen*). An der Straßengabelung gegen Sibot war von der Haupttruppe eine Abtheilung Reiterei als Avisoposten aufgestellt. Dieselbe Richtung wie die Kaiserlichen hatte, nur etwa einen halben Tag später, Bein Ungeschlagen. Durch das Militairgränzdorf Päd (Baad), das von ihm ohne die mindeste militairische Nothwendigkeit in Brand gesteckt wurde, war er in Broos cingerückt von wo er ohne Aufenthalt seinen Marsch fortsetzte. Bei schon einbrechender Dunkelheit stieß er hinter Sibot auf die Vorposten-Reiter Kalliany's die sich zurückzogen. Nun ließ Bein eine kleine Abtheilung gegen Mühlbach Vorgehen, seine Hauptmacht aber führte er auf der Karlsburger Straße gegen Al-Vincz. Jene hatte nur die Aufgabe zu demonstriren; die aus Husaren bestehende Nahlik S. 182. Treffen bei Al-Vi»cz. 235 Vorhut alarmirte die Vorposten Coppet's und Kalliany's, worauf 1 Bataillon 2 Schwadronen und ein paar Geschütze vorrücktcn. Coppet rief seine Truppen unter das Gewehr, Kalliany führte links davon seine Brigade in Schlachtordnung auf und inan erwartete in voller Bereitschaft > einen Angriff der aber nicht erfolgte. Denn mittlerweile war Bein vor Al-Vincz angelangt; es war bereits volle Nacht, dazu heftiges Schneegestöber, das sein nnbcinerktes Anrücken begünstigte. Aber die Kaiserlichen waren wach. Bem schickte das 11. Bataillon und das Märiässy's znm Angriff vor; sie wurden aus den vordersten Häusern mit Schüßen empfangen, mit spärlichen zwar, doch um so wirksameren, da den Kaiserlichen jede Patrone als kostbares Gut galt von dein sie nur Gebrauch machten wo sie, soweit es das Schneelicht gestattete, ein festes Ziel zu haben glaubten. Ans den ersten Alarm hatte sich Baron Stutterheim aufs Pferd geworfen, die Geschütze wurden in Thätigkeit gesetzt — ihr Feuer tönte zu Kalliany und Coppet hinüber ohne daß diese daran denken durften ihre Aufstellung zu verlassen —, die übrigen Truppen raillirt. Fast ohne Munition, von den andern Brigaden getrennt, konnte Stutterheim den Kampf mit seinem überlegenen Gegner nicht aufnehmen und > beschloß den Rückzug nach Karlsburg. Bem hatte inzwischen immer mehr Truppen herangeführt; in den Flanken von Infanterie, in der Front von Husaren bedrängt, zogen sich die beiden Vorposten-Compagnien fechtend in den Ort zurück, während die Geschütze unter Bedeckung von Max- Chevauxlegers in Sicherheit gebracht wurden und andere Abtheilungen herbeieilten das Nachdrängen des Feindes aufzuhalten. So gelang cs Stutterheim seine Truppen, die an Kampfunfähigen und Gefangenen einen Verlust von 31 Mann erlitten, in guter Ordnung über die Brücke bei Maros-Porto zu bringen; die 6. Division Bianchi, die aus ihrem entlegenen Standorte nicht rechtzeitig sich anschließen konnte, führte Hauptmann Degmek über die Eisdecke aus das andere Ufer. Stutterheim ließ, nachdem der Rückzug vollzogen, die Brücke gegen das linke User hin unbrauchbar machen, stellte die Geschütze unter angemessener Bedeckung zum ^ Schutze des Ucbergangs auf und märschirte sodann in die Festung Karlsburg ein. Bem recognoscirte bis Mitternacht, unternahm aber keinen weitern Angriff, sondern gönnte seinen ermüdeten Truppen einige Ruhe, die sie sich meist unter freiem Himmel suchen mußten. Es lag nicht im Plane Bcm's sich bei Mühlbach mit seinem Gegner zu messen; er strebte auf dem kürzesten Wege nach Mediasch. Aber auch 7 236 II. 15. Auf de» andern Kriegsschauplätzen. Puchncr lag jene Absicht fern; bei Kallinny traf der Befehl des Com- ninndirendcn ein die Truppen nach Hermannstadt zurückzuführcn. Am II. margcns nahm Bein zwischen Sebcsän und Lnngcndorf Stellung gegen Mühlbach, sandte den Traß mit den Kranken und Verwundeten unter Bedeckung des sehr zusammengeschmolzenen Bataillons Märiassy und einer Abtheilung Mätyäs-Husaren gegen Limba voraus und brach dann mit der Hanpttrnppc in derselben Richtung auf. Zwischen Limba und Csüged führte die mit Schnee bedeckte und winterlich schlüpfrige Straße über einen steilen Berg; man brauchte Stunden um die Geschütze hinanfzubringen, bald hier bald da blieb ein Gepäcks- oder Munitions-Wagen stecken so daß die Honvsds den erschöpften Gäulen zu Hilfe kommen mußten: all das im Angesichte der Wälle von Karlsburg, von denen nur ein paar Schüße losgebrnnnt zu werden brauchten um die Verwirrung zu steigern. Zum Glücke Bem's besaß man in der Festung keine so weittragenden Geschütze, die Truppen Kalliany's rüsteten sich zum Abmarsch nach Hermannstadt, und so konnte Bein den schwierigen Uebergang unbehelligt vollführcn "?). Jenseits des Berges schlug sich Bem in die nordöstlichen Gebirge und traf am Abend in Blutroth (Bcrve) ein, wo er den folgenden Tag zu einem Rasttag bestimmte. Zur selben Zeit marschirten die Kaiserlichen auf der beguemcn Post- strnße gegen die Landeshauptstadt, in deren Umgebung sie am 12. eintrafen. Am selben Tage 3 Uhr morgens war daselbst der tapfere Losenau nach drei schmerzensvollen Tagen den Folgen seiner Pisker Schußwunde erlegen. Er nahm das ehrendste Andenken von Freund und Feind mit sich in die Grube. Bem, der einst sein Schulgenosse gewesen, soll sich geäußert haben: „Die österreichische Armee hat einen Verlust erlitten den sie mit tausend andern Köpfen nicht aufzuwiegen im Stande wäre." Losenau war im Feldzug 1812 in russische Gefangenschaft gerathen und nach Kyjev gebracht worden wo er sich, der nothdürftigsten Verpflegung entbehrend, durch Unterricht in der französischen Sprache hatte forthelfcn müßen. Das war nicht vergessen, und im Hinblick darauf sagte jetzt Obrist Skarintyn: „Was die Russen einst an dem Lebenden verschuldet, das werden sie an dem Todten zu repariren wissen." An dem Leichenbegängnisse des tapfern Kriegers nahm darum nicht blos die österreichische Garnison von Hermannstadt, sondern auch das russische Corps in voller Parade theil^s). Den Beweggrund warum sowohl Bem als Puchner, ohne bei Mühlbach einen neuen Kampf auszunehmen, ihre Truppen auf verschiedenen Ende des Obriste» von Losenau. 237 Wegen, aber in der Hauptsache in der gleichen Richtung abmarschiren ließen, brachten die Ereignisse im Norden und Osten des Landes, wohin wir daher jetzt, in der Zeitfolge etwas nach rückwärts greifend, unsere Blicke wenden mäßen. Im mittleren Siebenbürgen hatte diese ganze Zeit der kleine Krieg fortgewährt. Von seinem Standpunkte in Schäßbnrg ans war Major Heydte nach Elisabethstadt vorgerückt, hatte am 7. Februar einen feindlichen Posten bei Prelai überfallen, denselben in die Flucht gejagt und war darauf am 8. gegen Mediasch vorgegangen. Auf der Anhöhe halbwegs hatten die Insurgenten unter Szilägyi Stellung genommen ans der sie jedoch bald geworfen wurden, worauf sie durch die Stadt und die Weinberge in der Richtung von Balästelkc den Rückzug antraten der theilweise in wilde Flucht ansartete; 8 Gepückswagcn wurden von Romanen-Gränzern ereilt, die Bedeckung niedergemacht. Spät am Abend zog Heydte in Mediasch ein: üOO Musketen, Vorrüthe von Uniformen Wüsche Tuch fielen ihm als Beute zu, die er noch in der Nacht auf Wagen laden und nach Schäßbnrg abführen ließ. Szilägyi hatte sich mittlerweile von der Balästclker Höhe gegen die nach Hcrmannstadt führende Straße gezogen und war hier auf befreundete Schaarcn gestoßen: cs war Major Zsnrmay der sich vom Salzburger Kampfplätze in, das Weiß-Thal gezogen und eben erst Klein-Kopisch besetzt hatte. ZSnrmay und Szilägyi brachen nun vereint gegen Mediasch auf. Bon der Heydte hatte Vorsichtsmaßregeln keineswegs unterlassen. Eine Nationalgardc-Patrouille war auf die Hermannstädtcr Straße entsendet worden; allein der Führer derselben, ein besserer Sohn als Soldat, hatte der Versuchung nicht widerstehen können seinen Vater den Pfarrer im nahen Probsdorf zu besuchen und dadurch die entscheidenden Augenblicke versäumt, so daß die Ungarn gegen 2 Uhr morgens am 9. völlig unbemerkt in die Nähe von Mediasch kamen. Die guten Bürger hatten am Abend zuvor de» Einmarsch der kaiserlichen Truppen mit einer Illumination gefeiert und ihren Jubel noch nicht ansgeträumt, als sie die Schrcckcnskunde traf vor ihren Thoren stehe der Feind. Major Heydte, der in der Dunkelheit die Stärke seines Gegners nicht ermessen konnte, entschied sich für den Rückzug der nicht ohne manche Verwirrung und Gefahr ablicf. Die Landsturm-Compagnie Panajot gab auf eine befreundete Truppe Feuer; eine zum Abmarsch commandirtc Abthcilung Infanterie stieß in den ihr unbekannten Gassen auf eine eben cinrückendc ungarische 238 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. Colonne, wodurch sie iu die Richtung von Darlöcz gedrängt wurde und nur uns Umwegen zur Haupttrnppe gelangen konnte. Die Mcdiascher mußten ihre gestrige Ovation für die Kaiserlichen mit 2000 fl. Brand- steucr an die Insurgenten bezahlen — man berechnete in dieser Zeit die Geldopfer, welche die Stadt aus ähnlichen Anlässen seit Ausbruch des Bürgerkrieges hatte bringen müßcn, bereits auf 20.000 fl. Conv.-M.! — und außerdem die freundlichen und freigebigen Wirthe für die Soldaten Zsurmay's machen. Doch auch das währte nicht laug; denn nachdem sich diese gelabt und ihr Führer die verlangte Summe thcilweise in Kossuth-Notcn ausgezahlt erhalten, räumten sie wieder die Stadt, 11 Uhr vormittags, so daß diese noch am Abend desselben Tages neuerdings von Heydte besetzt wurde *). Zur selben Zeit war die Garnison von Kronstadt durch eine Ab- theilnng russischer Uhlanen, eine wohlaussehende trefflich berittene Truppe, verstärkt worden, 9. Februar vormittags, was den gesunkenen Math der Bürger wieder etwas aufrichtcte. Denn trotz der Lehre die sie am 4. erhalten ruhten die Aufständischen der Häromszsk keineswegs, unternahmen Raubzttge in das Burzenland wo sie eben erst Helsdorf überfallen, Brod und Pferdefuttcr daselbst cingetrieben hatten, während ihre Agenten unter der sächsischen Bevölkerung Gerüchte von Zerwürfnissen zwischen Engelhardt und Schurtter, von dem baldigen Abmärsche der Russen, vom Anrücken bedeutender szüklcrischcr Massen verbreiteten. Das waren aber nur Ablenkungen von der wahren Fährte, denn das nächste Ziel der Bewegung unter den Szöklern war ein anderes. Am 10. Februar marschirtc Kiss Sändor mit dem 12. Honvöd-Bataillon 3 Bataillons regulärer Szoklcr 2 Bataillons szöklerischer Lanzcnträger 2 Schwadronen und 1 Batterie von Szcpsi-Sz.-György gegen Hidvog ab, übersetzte die Alt und schlug die Richtung gegen Reps ein, wo er am Abend des 12. erschien. Die Rcpscr Bürger griffen zu den Waffen und wollten sich hinter ihren Mauern vcrthcidigen, fanden cs aber zuletzt gcrathcn die weiße Fahne anfzuziehen, während der sächsische und romanische Landsturm mit den Bürgerssöhncn — es hatte sich das Gerücht verbreitet die Szäkler wollten die jungen Leute in ihre Reihen stecken —, Frauen ch Ausführlich von der Mengen S. 806—810. Majvr Heydte an der großen Kockel. 239 und Kinder auf Wagen und Schlitten, und zahllose Flüchtlinge, vor sich Ochsen und Kühe, Schafe Ziegen Schweine hertreibend, zur andern Seite aus den Stadtthorcu hinausdrängten. Kiss hielt strenge Mannszucht; nur in Häusern deren Bewohner geflohen fielen Gewaltthätigkeiten vor, wurden Thüren und Behältnisse erbrochen, in die Keller und Speisekammern gedrungen, auch sonst geraubt und geplündert. Die Bewegung des Obstl. Kiss hing offenbar mit einer andern zusammen, die von der entgegengesetzten Seite ein und dasselbe Ziel im Auge hatte. Wir haben Bem am 12. Februar in Blutroth verlassen, von wo er am andern Tage den Troß mit den Kranken und Verwundeten über Funzendorf und Tur nach Blasendorf sandte und weiter die Richtung über Thorda nach Klausenburg cinschlagen ließ. Er selbst mar- schirte über Fahersdorf Rothkirchen Schölten Appesdorf in das Thal der großen Kockel, nahm hier den seit der Niederlage bei Salzburg von ihm getrennten Major Zsurmay auf, und wandte sich nun gegen Mediasch von wo sich Heydte gegen Schäßburg zurückzog. Auch hier war Hcydte's Bleibens nicht; denn schon rückte Kiss Sandor, nachdem er den Repscrn eine Brandschatzung von 15.000 fl. auserlegt, gegen das Thal der großen Kockel heran, 15. Februar. Die Schäßburger zeigten sich anfangs ent- schloßen im Verein mit der kaiserlichen Besatzung ihre Stadt „bis auf den letzten Blutstropfen" zu vertheidigen. Allein Heydte überlegte daß, wenn er auch im Stande wäre den Szsklcrn Kiss' eine Zeit die Spitze zu bieten, Bem nicht zaudern würde mit seiner ganzen Macht heranzuziehen welcher die Kaiserlichen auf keinen Fall gewachsen waren. So erfolgte denn am 16. 4 Uhr morgens der Ausmarsch der Garnison und 500 Mann städtischer Nationalgarde auf der Hcrmannstädter Straße über Trnppold Henndorf Neithausen nach Agncthlen (Sz.-^gotha); hier blieb bis auf weiters die Schäßburger Bürgerwehr, während das Militair am andern Tage seinen Marsch über Groß-Schenk nach Fogaras fortsetzte. Am Abend desselben Tages da Heydte Schäßburg verlassen hatte kamen fünf Reiter in die Stadt gesprengt und kündigten den Anmarsch eines Corps von 17.000 Mann an, für die Quartier gemacht und Lebensmittel in Bereitschaft gehalten werden müßten; aber erst am 17. mittags marschirte Kiss mit 2 Compagnien in Schäßburg ein und zog, nachdem er der Stadt Lieferungen von Brod Speck und Wein und eine Brandsteuer von 10.000 fl. auferlegt, um 2 Uhr nachmittags wieder ab; am Abend erschienen 9 Compagnien die am Morgen des 18. wieder 240 H. 15. Auf den ander» Kriegsschauplätzen. abzogen, worauf zuletzt die Irregulären folgten und gleichfalls die Richtung gegen Mediasch einschlugen. Die unglücklichen Schäßburger bekamen cs bei dieser Gelegenheit schwer zu büßen daß sie sich so lange Zeit den Kaiserlichen freundlich erwiesen; außer den gewöhnlichen Bestellungen von Schlacht- und Zugvieh, von Lebensmitteln und Geld wurde ihnen Blei Zinn Eisen abgefordert, und mehr als eine Wanduhr mußte ihre Gewichte hergeben um dem strengen Gebote des Siegers zu genügen. Von größerem Interesse war, was^um dieselbe Zeit im nördlichen Gebirge vorging. Der Erfolg von Marosseny hatte es über den FML. MalkovM vermocht sich zu einem Einmarsch in Siebenbürgen zu entschließen und diesmal mit seinem ganzen Corps. Am 11. Februar brach Obrist Urban mit 2 Compagnien Cordonisten 2 Compagnien Sivkovich 2 Compagnien und einer Abtheilung vom I. Romanen-Regiment 1 Es- cadron Savoyen-Dragoner und einer halben Sechspfünder-Batterie von Pojana - Stampi ans, am 12. halb 10 Uhr abends traf er in Borgo- Prund ein; 8 schwache Compagnien Karl Ferdinand die rückwärts cin- gnartiert waren legten in einem Marsche die sieben deutsche Meilen lange Strecke von Dorna-Kandreni in der Bukowina bis Marosseny zurück wo sie als Abcndgruß folgender Befehl erwartete: Die Karl Ferdinander sind Mordleute, sie marschiren wie die Teufel; Sivkovich erhält den Befehl Platz zu machen. Nur vorwärts, der Feind hat Bistritz verlassen, ist in Bayersdorf. Morgen früh 7 Uhr Aufbruch von Marosseny nach Borgo-Prund wo die weitern Befehle liegen werden. Urban Obrist. In der That hatte Riczko nach dem Ueberfalle von Marosseny, eines neuerlichen Urban'schen Handstreiches gewärtig, sich von Bistritz zurückgezogen und in Baycrsdorf und Szeredfalva nächst der Gabelung der von Szäsz-Rägen hier nach Dass dort nach Bistritz führenden Straßen feste Stellung genommen. Am l4. stand Urban in Jaadt, von wo er 4 Compagnien Karl Ferdinand unter Hanptmann Fackler mit einer kleinen Abtheilung Reiterei nach Naszöd entsandte um das Szamos-Thal zu beobachten und Militair- Urban's neuer Einsall in Siebenbürgen. 241 Gränzcr aus ihren Heimatsdörfern einzurnfen; die Brigade Fischer befand sich in Borgo-Prund, Obstl. Springinsfeld in Marosseny und Po- jana-Stampi. In dieser Stellung blieben die Truppen ohne etwas bedeutendes zu unternehmen bis zum 17. wo Urban zwei Stunden vor Mitternacht in aller Stille aufbrach; Major Wieser mit 4 Compagnien Karl Ferdinand hatte hinter Bistritz abzufnllen und ans Szcredfalva los- zugehcn, während Fackler seinen Marsch von Naszöd so einrichten sollte daß er am 18. um 6 Uhr morgens in Magyaros, im Rücken der Stellung Riczkü's eintreffe. Es klappte alles vortrefflich. Niczkü hatte keine Vorposten ausgestellt, sondern sandte blos Patrouillen aus; eine derselben stieß auf dem Ritt gegen Heidendorf auf eine Abtheilung kaiserlicher Dragoner unter Lieutenant Benkncr, von der ihre Leute theils niedergeritten oder niedergeschosscn theils gefangen wurden. Jetzt ertönten von Bayersdorf her drei Kanonenschüße, denen die Alarmtrommel in Szeredfalva antwortete. Der Himmel röthete sich von den Signalfeucrn die der Gegner an verschiedenen Punkten anzündete. Schon ist Wieser mit seinen Karl Ferdinand vor dem Orte angelangt, vertreibt die SzMer daraus, besetzt die Brücke und rückt nun weiter gegen Bayersdorf vor, wo er fast gleichzeitig mit Obrist Urban eintrifft. Auf die erste Alarmirung hatte sich Riczkö aufs Pferd geworfen um persönlich an Ort und Stelle seine Anstalten zu treffen; eine Abtheilung der Polen-Legion beorderte er an die Brücke die etwa hundert Schritte vor Bayersdorf über einen tiefen Wasserriß gegen Szeredfalva führt. Es lag noch tiefes Dunkel über der Gegend als Urban vom Pferde stieg und sich persönlich an die Spitze der Gränz-Cordonisten stellte, hinter ihnen 2 Compagnien Romanen-Gränzer. Als man an den Wasserriß kam riefen die Polen jenseits der Brücke, offenbar ihre von Szeredfalva abrückenden Waffengenossen vermuthend, wie aus einem Munde „Linearst Urban läßt eine Salve geben, die Brücke mit gefälltem Ba- jomiet stürmen, worauf die Polen in den Ort hineinflichen, die Soldaten Urban's mit lautem „Hnrrah" ihnen nach. Ricztö bietet alles auf um die Seinen zu entschlossenem Widerstande anznfenern, als ihn, da er eben sein Pferd wendet, die Kugel eines Cordonisten in den Rücken trifft und er tödtlich verwundet zu Boden sinkt. Nun ziehen sich die Ungarn aus dem Orte heraus, Urban sendet seine Reiterei, 2 Compagnien Sivkovich und 3 Sechspfünder zu ihrer Verfolgung ab. Der Tag beginnt zu graue». Die Ungarn nehmen am Ansgang von Magyaros neue Stellung: vor Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 16 242 II. 16. Auf de» andern Kriegsschauplätzen. dem Orte und in den Häusern zu beiden Seiten der Straße Infanterie, ans der Straße drei Geschütze, vor diesen die Husaren. Urban's Reiter eilen zum Angriff vor, die Husaren schwenken zu beiden Seiten ab, um die Kaiserlichen in den Bereich des Geschütz- und Gewehrfeners zu bringen; doch die Dragoner sprengen auf die Kanonen los die sie im ersten Anlauf nehmen; einen Kanonier der statt der Lunte mit einem brennenden Strohbüschcl sein Geschütz abbrennen will, trifft im selben Augenblicke ein Säbelhieb auf den Arm. Husaren galoppircn heran die Geschütze zu retten; ein Dragoner spaltet ihrem Führer Major Csntnk das Gesicht so daß dieser aus Strömen blutend mit dem Kops auf den Hals seines Pferdes fällt. Die Husaren machen Kehrt; die Infanterie verläßt ihre Stellung und zieht sich in das Dorf zurück, das von ihnen bald gänzlich geräumt zu sein scheint, während man die Husaren im langsamen Schritt die Straße hin reiten sieht. Savoyen-Dragoner werden aufs neue znm Angriff commandirt, an ihrer Spitze Oberlientenant Graf Baudissin, als plötzlich die Husaren sich wenden, ein Klumpen Infanterie im Quarrä formirt eine Dccharge gibt, aus den Häusern, hinter Mauern und Hecken Schüße fallen. Nun streben die kaiserlichen Reiter so rasch als möglich aus dem Kreuzfeuer zu kommen um sich außerhalb des Ortes wieder zu sammeln; nur ihr tapferer Führer findet sich plötzlich mitten in einem Knäuel von Husaren und sinkt, von einem Schüße in den Hals, einem Stich in die Herzgrube und zahllosen Säbelhieben über das Gesicht getroffen, todt vom Pferde. In diesem Augenblicke ist Hanptmann Fackler von der andern Seite von Magyaros eingetrosfen und nun ist für die Insurgenten an einen weitern Widerstand nicht zu denken. Die kaiserlichen Dragoner reiten zum zweitenmal in den Ort, dringen wüthend über den Verlust ihres Officiers in die einzelnen Häuser, verfolgen einhauend die Flüchtigen auf der Straße. Außerhalb des Ortes findet sich die Leiche Baudissin's; ausgezogen bis auf das Unterkleid, selbst der Ringe beraubt, wurde sic ans dem Straßengraben anfgelcsen. Die Flucht der Ungarn ging theils auf der Hauptstraße nach Dsss, theils seitwärts über Kerles. Doch das waren die wenigeren; mehr als 100 lagen todt oder schwer verwundet auf dem Kampfplatz; der größte Theil streckte das Gewehr: es waren 2 Offictere und bei 250 Mann mit einer schwarz-goldenen Standarte, einer ungarischen Fahne, 3 Geschützen, 2 Munitionskarren und so zahlreichem Gepäck Proviant und Rüstzeug daß die Kaiserlichen 50 Wagen bedurften um die Beute in das Gefechte bei Baysrsdorf und Magyaros. 243 Hauptquartier Malkovsk^'s zu schaffen. Einzelne denen es gelungen war zu entspringen nnd in den Wäldern Zuflucht zu finden, wurden in den Tagen darauf van den Walachen aufgesucht verfolgt und großentheils eingcfangen. Von den Kaiserlichen waren außer dem tapfern Baudissin 5 Mann todt, 13 verwundet. Urban ordnete den Rückmarsch nach Bi- stritz au, wo seine Colonne mit den Trophäen des Sieges um 3 Uhr nachmittags ihren Einzug hielt. Unter den Gefangenen befand sich die Geliebte Woroniecki's, die schöne Polin Emilia Zagurzka die Urban in seinen ritterlichen Schutz nahm. Der Leichnam Baudissin's, welchem Ober- lieutennnt v. Wurstemberg des Gefallenen bester Freund als letzten Liebesdienst das Todtenhemd widmete, wurde in feierlicher Weise zur Erde bestattet; daneben ein gleichfalls in derAffaire gefallener Gemeiner*). Wieder einmal ging das unheimliche „Ilrlmn g'ön« (Urban kommt) durch alle Gauen wo Ungarn wohnten bis zu dem Sitz der Jnsurgentcn- Regierung hin. Aus Klauscnburg brach Obstl. Tüth mit einer Abtheilung gegen Dses ans, um die von Bayersdorf und Szeredfalva entkommenen Flüchtlinge aufzunehmen und von neuem vorwärts zu führen; aber der Schrecken vor Urban's Namen war so groß daß alle miteinander nach Klansenburg zurückliefen, wo einzelne Compromittirte ihre Habseligkeiten zusammenpackten und über Hals und Kopf nach Großwardein ab- fuhren. Aus Debreczin wurden eilends 1 Bataillon nnd 2 Schwadronen mit 8 Geschützen nach Nagy-Bänhn abgeordert um die Gränze zu schützen. Bem hatte nicht sobald das Unglück von Bahersdorf vernommen, als er mit 2 SzÄler- und dem 12. Honväd-Bataillon, 1 Escadron Husaren und der Abtheilung Kreß-Chevauxlegers, dann 2 Batterien nach Norden aufbrach, 22. 23. Februar. Man wollte wissen daß er noch immer an seiner Brooser Wunde leide, nnd mehr als ein biederer Sachse sandte Gebete zum Himmel daß er gütig ihn und > h n, nur freilich jeden in anderem Sinne, von dem Jammer dieses Erdenlebens erlösen wolle >6»), Das sollte vorderhand nicht zutreffen. Am 25. stand Bem in Szäsz-Budak, eine Stunde von Bistritz. Auf die Kunde von Bem's Anrücken ordnete FML. Malkovsk/, seiner empfangenen Weisung gemäß, den Rückmarsch in die Bukowina an; Oberst Urban dessen Truppen jetzt die ArriLre - Brigade bildeten *) Von der Mengen S. 818—822 vgl. mit Oest. Soldfrd. 1849 Nr. 34 v. 20. März: „Oberst Urban's neue Streiszüge". 16 * 244 II. 15. Auf den ander» Kriegsschauplätzen. kam nach Borgo-Zsoszenh, General Fischer nach Borgo-Prund, das Haupt-Quartier mit der Brigade Springinsfeld war im Rückzug über Marosseny und Tihutza begriffen. Am 26. Februar in Zsoszeny erfuhr Urban die Annäherung der feindlichen Vorhut, der er sich an der Spitze von fünfzehn Dragonern entgegenwarf; in der Mitte von Borgo-Ruß gewahrte er die Reiter Bem's, stürzte ihnen mit lautem „Hurrah" entgegen und jagte sie in die Flucht, wodurch in den nachrückenden Colonnen eine Stockung eintrat. Doch schon war es für Urban und dessen kleines Häuflein Zeit auf die eigene Rettung zu denken. Vor Zsoszeny nahm er Stellung, Unterstützung von der Brigade Fischer erwartend: er hatte bei 1300 Mann mit 7 Geschützen. Mittags entspann sich das Gefecht das Urban eine Stunde hinhielt, worauf er durch die zerstreut längs der Straße liegenden Häuser von Mislocscny und Zsoszeny Schritt für Schritt kämpfend den Rückmarsch bis Borgo-Prund anordnete, das Fischer mit seiner Brigade bereits verlassen hatte. Hinter der Brücke von Borgo-Prund die er in Eile abtragen ließ stellte sich Urban, die Flanken durch seine Dreipfünder gedeckt, neuerdings auf. Bein, der seine Truppen in zwei Treffen geordnet hatte, eröffnetc den Kampf mit seiner der Ur- ban'schen um das doppelte überlegenen Artillerie, während 3 Schwadronen zum Angriff in Bereitschaft gehalten wurden. Wiederholt beschickte Urban den General Fischer um Zusendung von Verstärkungen; als Bescheid kam zurück, der Obrist habe sich an FML. Malkovskv zu wenden; nur eine Division kam, wie es scheint ohne Befehl, und rückte in die-Gefechtsstellung ein. Gegen 4 Uhr nachmittags erschien eine ungarische Abtheilung in Urban's rechter Flanke, und nun mußte dieser das Gefecht abbrechen und sich nach Tiha zurückziehen. Auch hier hatte er noch ein kleines Gefecht zu bestehen. Der Kampf des harten Tages hatte ihn 2 Officiere und 17 Mann an Todten, 21 Mann an Verwundeten gekostet. In der Nacht marschirte er fortan unbehelligt nach Marosseny, wo er hinter sich die Brücke abtragen ließ, und war am 27. in Tihutza. Der Ort bestand nur aus dem Posthaus nebst einigen Wirthschaftsgebäuden, einem Branntweinschank und dem ehemaligen Contumaz-Gcbäude, was aber alles, seit die Insurgenten hier vorübergehend gehaust hatten, ausgebrannt in Trümmern lag. Urban sandte Cavalerie und Train nach Pojana-Stampi ab und erwartete den aurückendcn Feind. Allein Bern hatte seinen Zweck erreicht und ging nun gleichfalls zurück. Eine Abtheilung unter Obrist von Dobay blieb in Marosseny zur Treffen bei Borgo-Prund. 245 Beobachtung der Gränze; in Bistritz ließ Bein die Szökler, deren Obrist Johann Bänffy sich in den letzten Kämpfen besonders hcrllorgcthan hatte, zurück und bestellte zum Commandantcn den Obstl. Tüth. Er besuchte noch Doos und Nagy-Bäuya, wo er die Absendung eines großen Munitions-Transportes nach Mediasch anordnetc, betraute den Baron Kc- msny mit dem Commando von Klausenbnrg und ging dann wieder nach dein Süden ab Baron Hammerstein würde die Bukowina gern mit mehr Truppen versehen haben, wenn er deren nicht an andern Punkten der ausgedehnten Karpathen-Gränze in gleichem Grade bedurft hätte. Nordwärts von Siebenbürgen gaben die ungarischen Ansammlungen in der Märmaros und um Munkäcs von Zeit zu Zeit zu schaffen. Gegen Mitte Februar war das 1. Feld-Bataillon Deutschmeister, zur Brigade Barco gehörig, von Stryi näher an die ungarische Gränze beordert worden: l. und 2. Compagnie in Skole, 6. in Tucholka, 4. und 5. in Klimiec und Äipanie, 3. in Wolosjanka. Fast jede Nacht gab es Geplänkel zwischen den beiderseits die Gränze abgehenden Patrouillen. Am 27. erfolgte ein größerer Angriff seitens der Ungarn auf Klimiec und 2upanie, der bald abgewiesen war. Am Tage darauf marschirte Hauptmaun Rudolf Läugsfeld mit einer- halben Compagnie bei Wolosjanka über die Gränze, ein feindliches Piquet zog sich nach Prislob und besetzte ein Haus aus welchem es auf die anrückenden Kaiserlichen feuerte; das Gehöfte wurde erstürmt, die Mannschaft theils niedergemacht theils gefangen. Der feindliche Posten in To- ronya, den Längsfeld aufheben wollte, hatte mittlerweile den Ort bereits geräumt; es fanden sich nur Waffen Munition Proviant vor, mit denen als Beute die Kaiserlichen in ihre frühere Aufstellung zurückkehrten -r Kaiserlicherseits stand man somit gegen Ende Februar da, wo man zu Anfang des Monats vor der Salzburger Affairc gestanden hatte: das ganze Siebenbürger-Land war im unbestrittenen Besitz der Aufständischen, bis auf den kleinen Streif im Südosten von der Landeshauptstadt bis Kronstadt mit den zwei einzigen Rückzugslinicn durch den Rothenthurmund den Törzburger Paß auf fremdes Gebiet! Das Bergschloß Döva und die Festung Karlsburg standen vereinzelt, aber auch die Verbindung zwischen Hcrmnnnstndt und dem Burzenland und dieses letztere 246 II. 15. Auf den ander» Kriegsschauplätzen. VW selbst war einerseits von der Groß-Kockel-Linie durch Bein, anderseits durch das wilde Volk der HäromM unausgesetzt bedroht. Von allen Sachsen-Städten waren nur die zwei kleinsten Groß-Schcnk und Lesch- kirch vom Feinde verschont; doch auch diesen stand jeden Augenblick eine Heimsuchung bevor, wie solche ihre Schwestergemeinden auf das schwerste, » mitunter wiederholt, schon getroffen hatten. Die Stimmung des Sachsen- Volkes war unter diesen Umständen gedrückter als je. Dann und wann kamen aufmunternde Nachrichten von der kaiserlichen Haupt-Armee in Ungarn; doch auch diese nahmen auf dem laugen Wege den sie zu durchfliegen hatten eine so üppige Fülle von Uebertreibungen an, daß die Enttäuschung die daun uachhinkte nur um so bitterer empfunden wurde. Unter andern lief, um nur ein Beispiel zu geben, am 21. Februar abends in Hermannstadt die Nachricht ein, die kaiserlichen Generale Schlik und Schulzig hätten den Ungarn eine „mörderische Schlacht" geliefert, Debreczin und Großwardein genommen: „die ganze Schlachtlinie von Debreczin bis Großwardeiu ist dicht mit den zahllosen Leichen der Gefallenen die haufenweise aufgeschichtet liegen bedeckt". Dieselbe Nachricht wurde, wie die Hermannstädter einander mit Geungthuuug versicherten, „noch von drei andern Seiten bekräftigt!!!" Im Lager Bcm's gab es , nicht weniger Gerüchte, natürlich entgegengesetzter Art; bald war Windisch- Grätz aus Ungarn hinausgeschlagen, bald der Banns in Pest hingerichtet; einmal war sogar die kaiserliche Familie nach Prag verjagt, und richtig bestätigte dies ein zweiter Courier, beifügend die kaiserliche Familie sei nach Berlin geflohen, die Monarchie aufgelöst. Seit dem 15. Februar, wo zuletzt die Brigade Stutterheim aus Karlsburg eiutraf, war das gesammte Puchner'sche Corps in Hermannstadt und Umgebung vereinigt. Der Zustand desselben ließ nur zu viel zu wünschen übrig. Es fehlte an Packpferden, an Fuhrwesenwagen, an allerhand Feld-Requisiten, vor allem an der Bespannung; die Artillerie war fast durchaus mit gemiethetcn Gäulen versehen; zeitweise mußte man sich mit Ochsen behelfen. Walachische Bauernbnrsche und Zigeuner dienten als Fahr-Kanoniere die zu den einfachsten Bewegungen erst ab- ^ gerichtet werden mußten, und kutschirten die Munitions-Karren mit denen sie oft mitten im Gefechte von panischem Schrecken ergriffen reißaus nahmen, oder die sie mit ihren Pferden davonreitcnd im Stiche ließen. > Die regulären Truppen bestanden zu einem großen Theile aus Recrutcn, 30 bis 40 Mann per Compagnie, mit leinenen Brodsäcken als Patron- Lage Pnchner's in Hermannstadt. 247 tuschen und mit abgelegten Steinschloßgewehren, für die sie sich erst ans dem Schlachtfelde von den Todten und Verwundeten tauglichere zu verschaffen hatteil. Die Monturen selbst der älter gedienten Soldaten waren arg herabgekommen, das Schuhwerk zerrissen so daß man einzelne Leute barfuß sehen konnte; eine Hanptsorge während der unfreiwilligen Waffenruhe war es die schadhaft gewordenen Kleidungsstücke ausbcsscrn zu lassen*). Daß den Bürgern von Hermannstadt durch all dies fast unerschwingliche Lasten auferlegt wurden, braucht kaum gesagt zu werden. Alles war mit Einquartierung überfüllt, alles mit Verpslegungssorgcn überlastet. Das katholische und evangelische Gymnasium, die Rechts-Akademie, beide Casino, das Telekische Haus, Theile des Sonnenstein'schen, des Closius'schen Hauses waren als Krankenhäuser belegt; als zuletzt der Spitaltyphus ansbrach wurde auch das große Waisenhaus im Retranche- ment für Spitalszwecke hergerichtet. Die Bürger hatten nicht blos Leintücher und Charpie zu liefern, sondern auch für Nahrung und Wäsche der Kranken zu sorgen. Wie viel in sonstiger Weise der kleine Umkreis zu tragen hatte, mag darnach ermessen werden daß in der kürzesten Frist für das Militair 21.500 Kübel d. i. 32.250 Metzen Brotfrucht aufgebracht und beigestellt werden mußte**). Doch mit all dem war der Hauptsache wenig gedient. In einem Berichte an den Feldinarschall klagte Pnchner: daß seine Lage trotz der zeitweise errungenen wenn auch glänzendeil Erfolge sich um nichts bessere; daß die Opfer an Todten und Verwundeten sowie das Zugrundegchen des Materials das diese Siege kosteten unersetzlich seien, weil keine Nachschübe kämen und selbst die Lebensmittel schon schwieriger beigestellt würden; während Bem fortwährend Zuzüge aus Ungarn bekomme, schmelze das Häuflein der Kaiserlichen immer mehr zusammen, so daß er jetzt nicht daran denken könne die Insurgenten anzugreifen >^). Im Ganzen war die Situation Ende Februar betriibender als einen Monat früher. Damals konnte man sich mindestens sagen man stehe auf eigenen Füßen; seither hatte man auswärtige Hilfe herbcigcrufen und war gleichwohl um nichts besser daran. Schon vier Tage nachdem Pnchner den oben erwähnten Bericht in das große Haupt-Quartier hatte abgehen lassen, sah er sich genöthigt den Professor Gottfried Müller und *) Heydte Winter-Feldzug S. 265 vgl. mit Boner Siebenbürgen S. 615 >) und BlaLekoviü S. 534. **) Fricdenfels Bebens II S. 109. 248 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. den Magistratssecretär Friedrich Schelker nach Bukarest zu schicken um sich russische Verstärkungen zu erbitten; General Luders aber erklärte daß er selbst für den Augenblick nicht über mehr Truppen verfügen könne *). So vermochten die Abgesandten wenig gute Botschaft nach Hause zu bringen, während man in Olmüz und im großen Haupt-Quartier sowie im Publicum überhaupt über die russische Hilfe, die Nothwcndigkeit, die Unausweichlichkeit derselben noch immer die Köpfe zusammensteckte. Der einzige der über die Frage, und nicht blos für Siebenbürgen, klaren Bescheid wußte war der Feldmarschall. „Sollte selbst fremde Hilfe noth- weudig werden", hieß es in seinem an den Minister-Präsidenten am 16. Februar gerichteten Schreiben, „so würde ich doch kein Bedenken tragen mich dafür auszusprecheu, da jedes Pactiren mit der Partei, wie sie sich nun gezeigt hat, nur zu gänzlicher Auflösung führen kann." Als jemand den Zweifel aufwarf ob es denn jetzt schon nothwendig sei die Russen zu rufen, gab Windisch-Grätz zur Antwort: „Vielleicht nicht, und um zu retten können die Russen allerdings noch später kommen; geschieht es aber erst dann nachdem wir im Nachtheil sind, dann ist es unendlich schädlicher." Ganz anders war über diesen Punkt die Stimmung in den Wiener Regierungskreisen und am kaiserlichen Hoflager, wo man noch immer zu glauben schien Pnchner habe die fremde Hilfe ohne eigentliches Bedürfnis herbeigerufen. Noch am 16. Februar ging aus Olmüz ein Schreiben des Fürsten Schwarzenberg an Pnchner ab, den er „auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers" anffordcrte die Ursachen zu erklären aus denen er sich ungeachtet der Weisung vom 20. Januar veranlaßt gefunden die russische Hilfe anzurufen, „ferner in dem weitern Verlaufe des Feldzuges Ihre Dispositionen in der Art zu treffen daß die kaiserlich russischen Truppen ausschließlich zur Besetzung des Gränzbezirkes verwendet, in keinem Falle aber zur Theilnahme an den Kriegs-Operationen im Innern des Landes gezogen werden". . . Das Bild der Lage Siebenbürgens in dem Zeitpunkte wo wir von dem Lande für diesmal Abschied nehmen zu vervollständigen, wäre noch anzuführen wie es an zwei einander diagonal entgegengesetzten Punkten seiner Gränze aussnh: am Ansgange des Maros-Thales gegen das Banat und am Borgo-Paß gegen die Bukowina. *) Pnchner an den FM. 18. Februar; s. Nahlik S. 185 f. Im Südwesten und im Nordosten von Siebenbürgen. 249 Nach dem Abzüge Bcm's aus dem Maros-Thalc hatte, wie wir uns eriuueru, Hauptmann Cernoeviö von Dsva wieder Besitz genommen und unternahm von da aus Streifzüge bis über Broos hinaus, bei deren einem er die 40 Granzer aufgriff die in den ersten Februar-Tagen dem Hauptmann Runkan entwichen waren und deren Rädelsführer er jetzt erschießen ließ, 15.16. Februar*). Einige Tage später erschienen Karl Schneider und Friedrich von Sachsenheim in Tcmesvär lim im Namen ihrer Mitbürger bewaffnete Hilfe zu erbitten, da Bem neuerdings scheine gegen Hermannstadt ziehen zu wollen, 20. Februar. Rukaviua that was er konnte. GM. Leiningen wurde mit 1500 Mann Fußvolk 2 Escadrons Schwarzenberg-Uhlanen 80 öereLanern und 9 Geschützen nach Facsst beordert, während Major Eisler der bisher Facset besetzt hatte mit seiner Colonne nach Dobra rückte lind eine Compagnie bis D4va vorschob. Es sollte dadurch einem Einfalle der Insurgenten von der Arader Seite nach Siebenbürgen vorgebaut werden, was wohl gut gemeint war, doch jetzt zu spät kam, während es von unermeßlichen Folgen hätte sein mäßen, würde man die Maßregel drei Wochen früher und in größerem Maßstabe ins Werk gesetzt haben. Gegen die Bukowina hin haben wir Urban in Tihutza und Pojana- Stampi verlassen, wo er bis in den März hinein blieb. Die arme dünn bevölkerte Gegend konnte nichts liefern, so daß die Truppen bei unausgesetzten Strapazen auch an mangelhafter Verpflegung lind ungenügender Kleidung zu leiden hatten. Rindfleisch mußte aus den umliegendeil Ortschaften requirirt oder von den zum Vorspann dienenden Ochsen genommen, ohne Salz und andere Zuthaten im Schneewasser gekocht werden; ein von den Civil-Behörden besorgter Transport brachte Kukuruz- und Hafermehl, das kaum genießbares Brod Kuchen u. dgl. lieferte**). Diarrhöen, Skorbut brachen unter den Leuten aus, bald stellte sich Typhus ein der nicht wenig Opfer forderte; zuletzt wurde auch der abgehärtete Führer von der Krankheit ergriffen und mußte den Befehl an Obstl. Springinsfeld abgeben, während ein Theil der Truppen nach Kimpolung Eisenau Warna zurückverlegt wurde. Die Verbindung zwischen Hermannstadt und dem Kronstädter Bezirk hielt der Schloßhauptmann Major Tulbäs in Fogaras aufrecht; General ") Heydte I S. 261. Von der Mengen S. 826 f. 250 II. 15. Auf den andern Kriegsschauplätzen. Schurtter hatte ihm um die Mitte Februar eine ansehnliche Verstärkung — 3 Compagnien Romanen-Gränzer, 1 Reconvalescenten-Compagnie, 1 Escadron Savoyen-Dragoner, 1 Flügel Szskler-Husaren mit einem Drei- pfündcr — mit der Weisung zugesandt seine Besatzung gegen Bedrohungen von szöklerischer Seite in Bereitschaft zu halten. In Leschkirch stand Major von der Heydte, der sich, wie immer zu neuen Unternehmungen bereit, unter den Umständen wie sie waren auf einen regen Sicherheit- und Beobachtungsdienst beschränken mußte. Als er sich in der zweiten Hälfte Februar in Hermannstadt seinem Oberfeldherrn vorstellte, fand er diesen körperlich leidend und bettlägerig, aber auch im Gemüth schwer herab- gestimint; aus den Aeußerungen Puchner's war ein leider nur zu gerechtfertigtes Mistraucn in seinen Generalstab und die ihm beigegebenen Generale herauszufühlen*). *) Von der Mengen S. 814. m Das Ereignis von kremsier. 16. Am 23. Februar fand die Erneuerung des reichstäglichen Bureaus statt. Als Präsident ging abermals Smolka mit 298 unter 312, als erster Vice-Präsident Kudler mit 158 gegen Hein auf den 132 Stimmen fielen, als zweiter Brauner mit 164 gegen De Pretis mit 114 und einige versplitterte Stimmen hervor. Die Wahl der Ordner am 27. fiel auf die vier bisherigen, unter denen der „Reichs-Director" Jelen die meisten Stimmen, 167, vereinigte; die andern drei Podlcwski Scherzer und Ambrosch wurden mit 156, 155, 145 Stimmen gewählt. In der Zusammensetzung des Reichstages hatten wohl einzelne Aendernngen stattgefunden. Ein eigenthümliches Ergebnis hatte die Neuwahl für Neutitscheiu in Mähren, wo der Minister-Präsident Fürst Felix Schwarzenberg im dritten Wahlgang mit 23 Stimmen gegen 69 eines gewissen Franz Teltschik fiel. Wenn die Opposition über diese eclatante Niederlage des ersten Mannes der Regierung Ursache hatte zu jubeln so konnte der Reichstag als Ganzes den Umstand, daß das Ministerium einen Werth darauf legte seinen Chef in die Mitte der Abgeordneten zu bringen, nur zu seinen Gunsten auslegen. Gegen Kübeck, der im II. Wahlbezirk Wien am 7. Februar gleich im ersten Wahlgang 57 Stimmen von 97 erhalten hatte*), war Dr. Megerle v. Mühlfeld, bisher Mitglied der deutschen National-Versammlung unterlegen, der dafür bei der Wahl für den Wiener Bezirk Landstraße-Erdberg gegen seinen Frankfurter Collegen Dr. Egger, gegen Dr. Max Wurzbach, Schmidl u. a. siegte. Unter den *) S. vor. Bd. S. 61 f. Anm. 26). 252 III. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. Wahlreden die bei dieser Gelegenheit gehalten wurden fand jene des letztgenannten bei den Wahlmännern großen Beifall; der Ausfall der Wahl war aber schon in vorhinein für Mühlfeld gesichert. Mit großer Stimmenmehrheit wurde am 27. Februar Minister v. Bruck in Triest gewählt, wogegen sein Amtsgenosse Kraus um dieselbe Zeit im Wahlbezirk Wc- scritz gegen den Nedacteur der Prager deutschen Zeitung Dr. Franz Klier unterlag: „ein Beweis", wie sich eine gleichzeitige Stimme vernehmen ließ, „daß man in Böhmen noch immer auf der einen oder andern Seite Ultra sein muß um als Volksvertreter erscheinen zu können". Es war also hier ein Seitenstück zu dem Falle mit Fürst Schwarzenberg: Jubel der Opposition, aber auch Genugthuung für den Gesammt-Reichstag. Dieser konnte noch andere Wahrzeichen zu seinen Gunsten geltend machen. Da war einmal die mit so großem Lärm in die Welt gesetzte Monstre-Adresse der Slovanskä Lipa, die dem Reichstage für dessen „erhabene politische Weisheit und unerschrockene männliche Freisinnigkeit" ihre „Bewunderung und den Dank der Völker Oesterreichs" ausdrückte und ihn bat überzeugt zu sein „daß hinter demselben die Majorität von Millionen stehe und daß die Völker Oesterreichs reif genug seien um nur in der Gesammtheit ihrer selbstgewählten Vertreter die wahre Offenbarung ihres Willens und die einzige Autorität zu erblicken, mit welcher ihre constitutionale Freiheit steht und fällt". Eine besondere Adresse sandte der Prager Studenten-Ausschuß die sein Mitglied Aull nach Kremsier überbringen sollte, wozu dann noch Vertrauens-Bezeugungen einzelner mährischen Gemeinden kamen. Eine dritte Vertrauens-Adresse, die aus der Mitte der deutsch-österreichischen Wahlkreise hervorgehen sollte, scheint gleich in ihren Anfängen an der Theilnahmslosigkeit der Bevölkerung gescheitert zu sein. Man brachte sie mit dem Namen des Reichstagsabgeordneten Vacano in Verbindung, der aber die Urheberschaft ablehnte '^). Ungleich bedeutungsvoller als diese mehr platonischen Kundgebungen war die Annäherung einzelner maßgebenden Organe aus der im Reichstage nicht vertretenen Hälfte der Monarchie. Zunächst durch Mittheilungen der ungarischen Nord-Slaven, in deren Nähe jetzt der constitui- rende Reichstag gerückt war, über neuerliche ihnen gewordene Bedrückungen veranlaßt, war in Kremsier ein Dreier-Ausschuß — Trojan, Franz Havliöek, Klaudh — gewählt worden um mit den Slovaken über den Stand dieser Angelegenheit zu berathen und die Mittel zur Abhilfe zu erwägen. Später Vertrauenskundgebungen dies- und jenseits der Leitha. 253 hatte der slavische Club denselben Trojan, dann die Mährer Ohsral und den Illyrier Cerne an die Minister abgeordert, von denen ihnen erwünschte Zusicherungen gemacht wurden. Keine ungarische Behörde, wurde ihnen gesagt, solle nach Kroatien oder in die Wojwodina hinüberrcichcn; die Alleinherrschaft des Magyarismns solle gebrochen, znm Behufc der Neugestaltung Ungarns ein Rath aus Vertrauensmännern aller Nationen des Landes nach Wien einberufen, den „getreuen" Slovaken der Eintritt in die Aemter ermöglicht werden; zugleich wolle die Regierung dafür sorgen daß allen Völkern der Monarchie das Gesetz in je ihrer Sprache, nicht als Uebersetznng sondern als giltiger Urtext, kundgemacht werde. Die verschiedenartigen Kundgebungen aus den Gebieten „jenseits der Leitha", von denen an seinem Orte die Rede war, ans der Slovakei und Woiwodschaft, ans Kroatien, von den ungarischen und siebenbürgischen Romanen*), machten einen so tiefen Eindruck daß in reichstäglichcn Kreisen die Frage erörtert wurde wie es möglich sei das seinem Abschlüße sich nähernde Verfassungswerk aus die hier nicht vertretenen und deshalb bisher nicht berücksichtigten Länder auszudehnen. Daß Ungarn mit all seinem Zugehör von den kaiserlichen Waffen werde bezwungen sein war doch nur eine Frage der Zeit, und daß man das eroberte und gedemüthigte Land nicht in seiner frühem Form, mit seinen Sonderrechten und Vortheilen gegenüber den andern Ländern werde fortbestehen lassen, konnte als gewiß angenommen werden. Lag es dann aber nicht nahe das Werk, das man für die gegenwärtig „im Reichstage vertretenen Länder" zu schaffen im Begriffe war, auf den ganzen und vollen Umfang des Kaiserstaates auszudehnen? Und sollte es so schwer sein für einen Uebergang von dem begränzteren zu dein erweiterten Standpunkte Rath zu schaffen? Für diesen Zweck, meinten solche Sanguiniker weiter, könnte der Kaiser nach Abschluß der zweiten Lesung des Verfaffungsentwurfes den Reichstag vertagen und in den ungarischen Ländern Abgeordnete wählen lassen, die dann an der dritten Lesung theilnehmen würden. Aber die Sanguiniker im Reichstag und in den für diesen sich in- teressirenden Kreisen waren nicht die einzigen, wohl nicht einmal die Mehrzahl, und ihre Gegenfüßler, die Schwarzseher, hatten ganz andere Gedanken. Die kommenden Jdus Martii schwebten ihnen vor den Augen. Lag es nicht nahe die Wiederkehr des großen Tages, der den Völkern 254 III. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. Oesterreichs die Verheißung constitutionaler Zustände gebracht hatte, durch die Erfüllung derselben zu feiern? Würden sie sich mit weniger zufrieden geben, mit militairischen Aufzügen und kirchlichem Pomp, mit parlamentarischen Expectorationen eines Rieger und Borrosch, eines Leopold Neumann und Balthasar Szäbel, eines Schuselka und Fischhof? Mehr konnte der Reichstag im regelmäßigen Laufe der Dinge bis zu jenem Tage gewiß nicht leisten! Wie aber wenn die Regierung damit umginge das zu thun was die Abgeordneten zu vollenden noch so weit vom Ziele standen? sie heimzuschicken und mit einer selbstgeschaffenen Charte hervorzutreten? Die Sanguiniker widersprachen mit Eifer daß so etwas im Bereich der Möglichkeit liege, einzelne wollten „aus guter Quelle" wissen daß das Ministerium mindestens für jetzt einen solchen Schritt nicht beabsichtige^). Allein die Schwarzseher wollten als „gute Quelle" Worte lind Versicherungen nicht gelten lassen, wo zu laut That- sachen sprächen. Nach jenem unglücklichen 8. Januar waren an vierzehn unter ncunnndzwanzig Sitzungstageu die Minister-Sitze ganz leer gewesen; am 26. Februar zählte man nicht weniger als ein Viertelhundert unbeantworteter Interpellationen, und fast in jeder Sitzung kamen neue dazu die gleich ihren Vorläufern einem ungewissen Schicksal ent- gegensnhen. Die Hoffer wurden nachgerade von den Zweiflern angesteckt. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit gab der Versammlung keine Ruhe. Einzelne traten aus, weil sie das ungewisse Spiel satt hatten und zu ihrer sicheren Lebensstellung zurückkehren wollten, wie der Schriftsteller Ne- beM zziel wurde von einer Verlegung des Reichstages, selbst aus Gesundheitsrücksichten, an einen andern Ort gesprochen, es sollte sogar ein Antrag in diesem Sinne gestellt werden^«). Da Wien wegen des Belagerungszustandes für den Augenblick unmöglich war, wurden Brünn Linz Grätz, und vor allem Prag genannt. Von jenen die sich mit einer Verstärkung durch Abgeordnete aus den Ländern der St. Stephaus-Krone schmeichelten wurde Presburg in Aussicht genommen. Aber durfte eine solche Gunst eine Versammlung erwarten in deren Mitte so viele Abgeordnete saßen die den ernstlichsten Verwicklungen mit den Strafgerichten cntgegensahen? Eine große Anzahl hatte, wie wir gesehen haben*), ihre vermeintliche Unverletzlichkeit auch außerhalb des *) S. oben S. 39—42. Compromittirte Abgeordnete. 255 Reichstagssaales zu unverantwortlichen Umtrieben in ihren Wählerkreisen benützt. Von einigen, wie Kobylica in der Bukowina, wußte man daß auf sie gefahndet wurde. Von Johann Store waren Briefe aufreizenden Inhaltes an das Landvolk aufgegriffen worden und waren hierüber seitens des k. k. Strafgerichtes Rzeszow Untersuchungen bei den Dominien Loki- dolne und Strzegocice im Zeige. Wider Mathias Herndl aus Grein in Ober-Oesterreich hatte wegen „unehrerbietiger und schamloser Aenßerungen gegen Se. Majestät den Kaiser" das k. k. Stadt- und Landgericht Linz Vorerhebnngen gepflogen und die Acten dem Magistrat von Neutitschein „zur weiteren Untersuchung und allfällig gesetzlichem Verfahren" abgetreten. Bedeutsamer war was man von der Thätigkeit des Wiener Strafgerichtes vernahm. Schon Ende Januar wurde davon gesprochen dasselbe sei im Besitze sehr wichtiger Belege über den Einfluß Kossnth's auf den Wiener October-Anfstand, namentlich eines Briefwechsels zwischen ihm und Pulszky der den Landsturm in Oesterreich hätte anfbieten sollen. Eine ganze Reihe von Abgeordneten, hieß es in Krcmsier in der ersten Hälfte Februar, solle in Anklagestand versetzt werden: Löhner Borrosch Fischhof Sierakowski Füster Goldmark. Neuestens wurden durch Rathsbeschluß des Wiener Criminalgerichtes vom 27. Februar Z. 226 Dr. g'ur. Ernst v. Bioland „k. k. n. ö. Landrechts-Auscultant", und Hans Kudlich „absolvirter Hörer der Rechte" des Verbrechens des Hochverrates bezichtigt Daß auch die Bevölkerung gegen sie war, hatte namentlich der letztere persönlich bei seinen mißglückten Aufreizungswanderungen im October in Nieder-Oesterreich erfahren *), und dann wieder während des Aufenthaltes in seinem eigenen Wahlbezirke von Ende December bis Anfang Februar. Dem Reichsraths-Präsidinm kamen aus deutschen und böhmischen Gegenden Zuschriften in die Hände, die mit nicht wiederzugebenden Ausdrücken die Ausstoßung von Leuten wie Kudlich Bioland Füster, aber auch Löhner Borrosch u. a. verlangten Als darum Kudlich ans den „schneeigen Jagdgründen Schlesiens" nach Kremsicr zurückkehrte — es hatte sich hier das Gerücht verbreitet er sei bereits über die Gränze gegangen, und cs sollte ans dem Schoße der Rechten eine Interpellation gestellt werden was an der Sache sei — wurde er von Schnselka Fischhof und andern Mitgliedern der Linken gebeten er möchte „um Gottcswillcn" nicht reden, weil sie mit Recht besorgten, sein bloses Auftreten würde der Bd. I S. 124, 309. k -4 . > 256 III. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. gereizten Stimmung die im Volke gegen den Reichstag fortwährend zunahm frische Nahrung geben. Auch über diesen letztern Punkt hatte Kudlich in seinem eigenen Wahlbezirke Erfahrungen gesammelt und konnte seinen politischen Freunden davon erzählen. Er hatte sowohl in Beunisch als au andern Orten Versammlungen einberufen und Standreden gehalten, die aber nach seinem eigenen Geständnis in der Hauptsache ohne Wirkung blieben. „Als ich die Bauern fragte ob sie sich der Sprengung des Reichstages und der Wiedereinführung der alten Zustände uöthigenfalls mit Gewalt widersetzen würden, wurde mir nur eine sehr unbestimmte Antwort zutheil" *). Warum sollten sie auch? Daß bezüglich ihrer Robot, die ihnen allein am Herzen lag, die alten Zustände nicht zurückkehren würden, dafür hatten sie das wiederholte Wort des alten und des neuen Kaisers, und was kümmerte sie sonst der Reichstag? Wenn der letztere die große Masse der Landbevölkerung durch seine vorzeitige Lösung der Robot-Frage für alles übrige gleichgiltig gemacht hatte, so war es ihm dagegen widerfahren andere Gesellschafts-Classen geradezu herauszufordern und wider sich in Harnisch zu bringen. Der in einem Zeitpunkte der Kriege wie jetzt doppelt mächtigen Militair-Partei mußten die Verhandlungen über den Antrag Zby- szewski wie ein Hohn erscheinen. Die höheren Stände hatte die Abschaffung des Adels aufs tiefste verletzt, und das umsomehr als Smolka diese Sache so genau nahm daß er, wo doch die Sanction noch fraglich, ja noch nicht einmal die dritte Lesung vorgenommen war, in seiner amtlichen Stellung sorgfältigst jedem Adels-Prädicate aus dem Wege ging und z. B. um nicht Stadion und Kraus den Grasen- und Freiherrn-Titel, Bruck und Thinnseld das „von" zu geben, regelmäßig nur den „Herrn Minister des Innern, der Finanzen" rc. aufrief; bei gewöhnlichen Abgeordneten wie bei „Herrn Karl Kübcck" legte er sich keinen Zwang auf. Das größte und allgemeinste Aergernis aber gab die „Religionsmacherei" bei den Verhandlungen über die M. 13 bis 15. Namentlich hatte der Brau- ner'sche Antrag, daß Weihen und Gelübde vor dem Gesetze keine bindende Kraft haben sollten, eine tiefe Entrüstung hervorgerufen, während diese selben Verhandlungen von Aufhetzcrn auf dem Laude benützt wurden das Volk in der Richtung aufzuhetzen, als ob der Reichstag „den Juden mehr Rechte gebe als den Christen". Der Paragraph der über diesen «') Rückblicke III S. 214, 216 s. AuflösuiigSbefürchtuiige» unter den Abgeordneten. 25)7 Punkt entscheide» sollte war der noch nicht in Bcrathung genommene 10., und in Abgeordneten-Kreisen wurde ganz ernstlich davon gesprochen daß die Hanaken gedroht hätten den Reichstag, wenn er die Inden cman- cipire, zu sprengen Zn all diesen Unannehmlichkeiten Verstoßen nnd Widerwärtigkeiten kam nun im Schoße des Reichstages ein Vorgang der die Regierung aufs höchste verletzen mußte, aber auch in weiteren Kreisen Unwillen, ja Abscheu erregte. Er galt einer persönlichen Angelegenheit die mitten in die Verhandlungen über die Kirchenfragc, mit der sic sonst nichts zn schaffen hatte, hineingefallen und, weil sie die Interessen eines Mitgliedes des Hauses betraf, mit aller Heimlichkeit behandelt worden war. Rur den unerwarteten Ansgang erfuhr man im Publicum. ^ * Ein Bauer, oder wie sie in der Reichstagssprache hießen „Wirlh- schaftsbcsitzcr" ans dem Dorfe Maisetschlng (MySüanh) im Wahlbezirke Krnmau den er vertrat, hatte nach dem Octobcr-Rcichstagc im Wirthö- hause höchst aufreizende Reden gegen die Regierung, gegen Windisch-Grätz, den Fürsten Felix Schwarzenberg geführt nnd an den Kaiser Ferdinand „eine zwar äußerst intime, aber auch unter Bauersleuten beleidigende Einladung" ergehen lassen^»). Auf dieses hatte ihn das Budweiser Cri- minal-Gericht mit Beschluß vom 29. November 1848 Z. 4800 des Verbrechens der „Störung der inneren Ruhe des Staates" bcinzichtigt nnd cs war darauf mittelst Zuschrift des Obersten Gerichtshofes der Reichstag um die Zustimmung ersucht worden daß gegen den Abgeordneten Kami das gerichtliche Verfahren eingeleitet werde, 12. Januar 1849. Es war ei» eigener Ausschuß überwiegend ans Juristen zusammengesetzt worden ^), der in der Sitzung vom 9. Februar seinen Bericht zu erstatten hatte. Allein als die Angelegenheit an die Reihe kam erklärte der Obmann des Kaim-Ansschußes Dr. Franz Schmitt, es sei in der letzten Sitzung ein neuer Antrag gestellt worden der sich noch im Stadium der Verhandlung befinde, daher der Ausschuß heute nach nicht in der Lage sei seinen Bericht zu erstatten. Wiser fügte in etwas mysteriöser Weise hinzu, die Gründe dieser Verzögerung würden „bei Vorlage des Berichtes mehr verdeutlicht werden" und er könne in Kürze nur sagen „daß vielleicht die ganze Angelegenheit ans eine jedenfalls sehr ehrenvolle Art enden dürfte". Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. S. 17 258 III. 16 . Hippokratische Physiognomie de« Reichstages. Wie ein Vorfall, als dessen einzige Entschuldigung sich die Unzurechnungsfähigkeit des Thätcrs im Zustande der Besoffenheit anführen ließ, einen „sehr ehrenvollen" Ansgang sollte nehmen können war kaum begreiflich. Für die Ehre und Würde des Hauses gab cs, sollte man meinen, nur einen Weg: den gegebenen Anlaß zu ergreifen sich eines Mitgliedes, das sei cs mit Bcwnstscin sei cs angetrunken eine so garstige Anklage auf sich geladen, so bald als möglich zu entledigen. Das war auch der Standpunkt der Rechten und deS Ccntrums, von denen namentlich PraLnk Ncuwall und Joseph Reumann, welcher letztere sich die Einsicht in die Acten verschafft und über eine Nacht dieselben dnrchstudirt hatte, „einfach zur Wahrung der Ehre der Kammer" ^2) den Antrag stellten, dem Ausschüße eine kurze Frist zu stellen binnen welcher derselbe seinen Bericht erstatten müßc. Als Vorrosch in seiner pathetischen Weise ansrief, man müße vom „hohen Reichstage" voraussetzcn „daß alle seine Mitglieder Männer von Ehre sind", rief eine sonore Stimme dazwischen „sein sollten", was Borrosch, während ein Theil der Versammlung in ein Helles Gelächter nusbrach, als eine „Infamie" bezeichnte und vom Präsidenten Smolka den Ordnungsruf verlangte, der ihn aber nicht cr- thcilcn konnte, weil er „nicht bemerkt" habe „von wem die Aeußcrnng nnsgegangen". Zuletzt gab Schmitt die Versicherung daß der Gegenstand für die nächste „gemischte" Sitzung spruchreif sein solle. Schmitt Wiser Polavek Borrosch hatten sich darauf gesteift daß cs sich bei diesem Falle zum erstenmal in dieser Kammer um die Anwendung eines Grundsatzes handle, der sehr wohl erwogen werden müßc und darum Zeit brauche,/zumal es hier „an einfachen Gesetzbüchern und den dazu gehörigen Commcntareu" fehle und der Ausschuß sich „mit Zeitverlust uud vielen Umwegen diese Hilfsmittel hier in Kremsier erst verschaffen" müße. Allein man brauchte kein Jurist zu sein und Gesetzbücher und Commcntare aufzuschlagen, um zu wissen daß der constitutionnlc Grundsatz der hier in Frage kam sehr klar und dessen Anwendung aus den einzelnen Fall ganz einfach war, indem es sich nämlich nicht darum handeln konnte den Lauf der Gerechtigkeit nach Belieben zu hemmen oder doch zu stören, sondern nur darum Verfolgungen denen eine politische Tendenz zugrunde läge einen Riegel vorzuschieben ^'). Auch war das nur Vorwand. Der wahre Grund lag für Bioland Füster Kudlich und die andern, über deren Häuptern sich die Wolken der Wiener Criminal-Justiz zusammenzogen, in dem bedeutungsvollen: „Heute mir morgen dir!" Scandal-Afsaire Kann. 259 Daher das fürsorgliche Bestreben durch ein günstiges Votum in dem vorliegenden Falle ein Präcedens für die noch kommenden zu schaffen, wie man sich denn überzeugt hielt die Kaim'sche Angelegenheit sei seitens der Negierung nur „ein erster Versuch, ein Fühler, um zu sehen was für eine Stellung der Reichstag überhaupt gegenüber solchen Requisitionen cinzunehmen gedenke" *). Daher auch das Bemühen der Linken die Entscheidung so lang als möglich hinanszuschieben und möglichst viel Stimmen für sich zu gewinnen. Hans Kndlich erzählt es in seinen Memoiren ungeschält wie er ans den Bauernfang ansgegangen. „Die Regierung", sagte er ihnen, „will den Kaiin hinauswerfen um einen Bauer weniger im Reichstag zu haben und einen Herrn im Frack, vielleicht den Fürsten Schwarzenberg hineinzubekommcn. Vielleicht will man nach und nach alle Baliern hinauswerfen, weil erst jetzt eigentlich die Hauptsache, die Frage der Entschädigung für die aufgehobene Robot, ausgctragen werden soll. Ist wohl einer von Euch sicher, in der Trunkenheit nicht ein und das andere respectwidrige Wort gegen die Obrigkeit ansgestoßen zu haben?! Wie also jetzt gegen den Kaim so kann man später gegen jeden von Euch Vorgehen" re. Gegen Schluß der Sitzung am 14. Februar zählte der Präsident unter den Gegenständen der kommenden Tagesordnung den Bericht des Kaim-Ausschußcs auf. Brauner beantragte daß diese Angelegenheit vor allen andern vorgenommen, Polaöek aber, der Berichterstatter des Ausschußes, daß dafür eine Sitzung mit Ausschluß der Oeffentlichkcit anberanmt werde. Dieselbe dauerte am andern Tage van KU/,, Uhr vormittags, mit dritthalbstündiger Unterbrechung zwischen 2 und 40^ Uhr nachmittags, bis 10 Uhr abends; den Vorsitz führte der Vice-Präsident Hein, weil Smolka sich als Mitglied des Ausschußes erforderlichen Falles an der Verhandlung bethciligcu wollte. Der Antrag des Allsschußes ging auf vorläufige Zustimmung daß mit Kaim ein summarisches Verhör, jedoch auf freiem Fuße und in Kremsier, vorgenommen und sodann das Ergebnis des von ihm dagegen zu ergreifenden Recnrses abgewartet werde, wo sich, wenn Kaim's Berufung abgewiesen würde, der Reichstag die endgiltige Zustimmung wegen Einleitung des ordentlichen UntersuchungsverfahrenS Vorbehalte. Die Thathandlung um die es sich bei der ganzen Sache drehte war in diesem Anträge völlig umgangensi^), „„d erst auf das r- ' i r *) Kudlich III S. 225. 17 * 260 III. ig. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. ausdrückliche Andringcn Brauncr's, „man mäße doch vor allem wissen was denn Kann eigentlich gesagt habe", wurden die Protocollc der cin- vcrnommenen Zeugen vorgelcscn. Trotz des anwidcrnden Eindruckes den diese Kundgebung machte und trotz der ausdauernden Bemühungen Ha- velka's VieLnick)s's Hauschild's, Joseph nnd Leopold Nenmann's, Grcdlcr's Lasser's Kndler's dem richterlichen Verfahren seinen Lauf zu lassen, nnd der für diesen Zweck ans ihrer Mitte gestellten Anträge, setzten cs die Redner der Gegenseite, der Berichterstatter Polaäek und, als dieser ein Unwohlsein vorschütztc, Wiscr, dann Borrosch Schmitt Brestel Schnsclka durch daß man auf den Ausschuß-Antrag zurückkam der zuletzt mittelst Kugelung mit 167 weißen gegen 139 schwarze Kugeln siegte. Als dieses Ergebnis bekannt wurde nannte es Klandy mit lauter Stimme „eine Schmach", nnd als darüber von der Linken einige „zur Ordnung" riefen, andere die Aufnahme dieser Aenßernng ins Protokoll verlangten, gaben die Rechte nnd das Centrnm diesem letzteren Anträge mit stürmischem Beifall ihre Zustimmung. Der Zwischenfall wurde aber nicht zu Protokoll genommen nnd eine wortgetreue Aufnahme, weil die Verhandlung geheim und keine Stenographen zugclassen waren, fand nicht statt Kann selbst schritt einige Tage später um einen vierzehntägigen Urlaub ein, während welcher Zeit es ihm „die betreffenden Behörden in Erfüllung des Reichstags-Beschlußes gewiß möglich machen würden sich gesetzlich zu rechtfertigen" Der Ansgang der Kaim'schcn Angelegenheit, so ließ sich mit Grund sagen, hat dem Ansehen des Kremsierer Reichstages den letzten Stoß versetzt, den Rest des Vertrauens daö man zu einer ersprießlichen Wirksamkeit desselben hatte erschöpft. Thöricht trinmphirten einige von der Linken: der Meisetschlngcr Bauer, der bei der Abgcordnetcn-Wahl seines Bezirkes den Fürsten Felix Schwarzenberg und den Bürgermeister des Ortes ans dem Felde geschlagen, habe ein zwcitesmal über seine beiden Gegner gesiegt > 28 ). A„s den Reihen des Centrums und der Rechten hörte man andere Urthcile. Was Klaudy eine „Schmach" genannt bezeichneten andere als eine „Calamität". Es wurde sogar der Gedanke angeregt ob es nicht an der Zeit sei das Ministerium um Auflösung des Reichstages anzugehen; mehrere sprachen davon ihre Mandate in Masse niederzulegen nnd dadurch die Auflösung herbciznführen*). Schärfer noch lauteten die *) „Lloyd" dir. 86 vom 20. Februar Morg.-Bl. Leit-Artikel „Wienden 19. Februar". Die geheime Sitzung vom 15. Februar. 261 Stimmen aus dem Publicum. Was falle mau von einer Versammlung halten die einen gemeinen Trunkenbold der, wie er die Person des Monarchen schmähte, eben so sehr den Reichstag compromittirte, auch unreinen Tag länger als nothwendig in ihrer Mitte sitzen lasse, anstatt die erste Gelegenheit zu ergreifen seiner loszuwcrden?! Was von einer Linken die bei jeder Gelegenheit von der alleinigen Herrschaft der Gesetze spreche, aber in einem so garstigen Falle dem Gesetze entgegentrctc statt der Gerechtigkeit den Lauf zu lassen?! Könne man sich wundern wenn das Volk mit Gleichgiltigkeit der Auflösung eines Reichstages entgegensetze, dem cs so großes Vertrauen cntgegcngcbracht und der dasselbe bisher so wenig zu verdienen gewußt habe? Mit großer Entrüstung wurde an die Slo- vanskä Lipa die Frage gerichtet, ob sic einem solchen Scandalc gegenüber noch länger auf ihrem Vertrauensvotum für den Reichstag bestehen wolle? Ein Vorwurf der allerdings insofern seine Adresse verfehlte, als es ja gerade Mitglieder der Rechten des Reichstages waren die am entschiedensten gegen den Commissions-Beschluß ausgetreten waren Der Beschluß in der Angelegenheit Kann war aber auch darum eine Unklngheit weil ja der Regierung nun kaum etwas anderes übrig blieb als den Reichstag aufzulösen, um deu Gerichte» iu Verfolgung der nach den vorliegenden Anzeigen ungleich schwerer als Kanu beschuldigten Abgeordneten das Feld frei zu machen. Die von der öffentlichen Meinung und wohl auch von ihrem eigenen Gewissen bezcichneten Abgeordneten hatten die dringendste» Anzeichen daß das Wiener Strafgericht gegen sie Ernst zu machen gedenke, und zwar in der allernächsten Zeit. Füster wußte daß man seinen Wiener Hausmeister und den Portier des Stadt- Convicts einvcruvmmen, und daß besonders der letztere ihn sehr grn- vireude Aussagen gemacht hatte*). Kudlich erhielt von seinen Wiener Frcunden fast jede Woche Kunde über den Stand der Voruntersuchung, die vernommenen Zeugen, deren Aussagen u. dgl. Er und Bioland singen an sich mit der Umgegend von Kremsier vertraut zu mache», den sichersten Weg zur preußischen Gränze zu studieren. Der erstere wohnte iu einem an der Stadtmauer gelegenen Hause, von wo er leicht das offene Feld gewinnen konnte. Man machte in freien Tagen Spaziergänge in der Richtung in der man, wenn der Fall eiuträte, davonzukommen suchen mußte. Kudlich stach zuletzt den ungefähr eine Meile von Kremsier ziemlich ) Memoiren II S. 267. 262 III. 16. Hippokratische Physiognomie des Reichstages. einsam gelegenen Markt Chropin als geeigneten „strategischen Punkt" heraus und machte sich mit den Stammgästen im dortigen Bränhause bekannt, in denen er, im Gegensätze zu den von „Pan Rieger und Comp." gedrillten hanakischen Bauern denen nicht zu trauen sei, „verläßliche brave Deutsche" erkannte. In der Gegend seiner Heimat kannte er sich wie keiner seiner Genossen ans und bezeichnet«: ihnen Skrochowitz an der Oppn, südlich von Jägerndorf, als geeignetsten Uebcrgangspunkt ans preußisches Gebiet. Die Koffer wurden in der Hauptsache gepackt um sie jeden Augenblick bereit zu haben, Fahrgelegenheiten, meist Bauernwagen, wurden im voraus gemiethet*). * Außer dem schmutzigen Zwischenspiele Kann war es eine Angelegenheit ernsteren Charakters welche zeitweilig die Debatten über die Kirchen- fragc unterbrach und eben dadurch dem Ministerium einen neuen Beweggrund gab mit dem so lang vorbereiteten Schritt nicht länger zu zögern. Am 10. Januar abends war im Wiener Burg-Theater das Schauspiel „Ein deutscher Krieger" wieder aufgeführt worden. Es hatte in der vormürzlichen Zeit viel demonstrativen Beifall hervorgerufen und war von der Kritik über alles herausgestrichen worden. Jetzt rührte sich keine Hand um den begeisterten Worten des Obristen Götze gerecht zu werden; nur der Elsässer Dorfjunge wurde beklascht. Woher kam das? fragte mau sich. „Glaubt ihr nicht daß man Deutschland einigen könne? Oder habt ihr jetzt nicht den Muth für die deutsche Sache Sympathien zu zeigen?"**) Es war noch ein drittes: man hatte jenes Deutschland, das dreiviertel Jahre früher sich den Blicken Ruhm und Glück verheißend aufgcthan und am Ende zu so bittern Enttäuschungen geführt hatte, jetzt in Oesterreich herzlich satt. Das zeigte sich in der Mehrheit der Kremsicrer Versammlung, das zeigte sich im großen Publicum der meisten Hauptstädte, das zeigte sich fast allenthalben in der Masse der Bevölkerung auf dem Laude, hier am auffallendsten bei den Ergänzungswahlen für das Frank- *) Ku blich III S. 236, 240 f. 256. „Lloyd" Nr. 21 vom 12. Januar Ab>-Bl. Wahle» für das Frankfurter Parlament. 263 furtcr Parlament, die selbst in ganz deutschen Bezirken nur van einem kleinen Brnchtheil der Wahlberechtigten vorgenommen wurden Noch schlimmer stand cs in den slavischen Bezirken, wo noch aus dem Vorjahre die überwiegende Zahl von Wahlen rückständig war, und wo nun Stadion, um den Verpflichtungen gegen die deutsche National-Vcrsammluug nachznkommen, die erneuerte Vornahme derselben „mit Beschleunigung" anbcfahl. Das betraf zunächst Kram wo die Bezirke Laibach Adelsberg Krainbnrg Stein Nendegg ohne Vertreter waren, in ungleich höherem Grade aber Böhmen und Mähren, in bereit slavischen Bezirken der Widerwille ein so ausgesprochener war daß die Landesstclle angewiesen wurde eine Wahl nur in solchen Bezirken auszuschreiben in denen dieselbe „ohne Gefahr für die öffentliche Ruhe und ohne große Aufregung thnnlich ist". In der That erließ, kaum daß diese Absicht der Regierung bekannt wurde, die Slovauskä Lipa an alle Zwcigvereiue die Weisung durch Belehrung dem Volke jede Betheiligung abzurathen und, dafcrn die Wahlen von der Regierung ausgeschrieben würden, dagegen Einsprache zu erheben und die Verwahrung dem Prager Hanptverein einznsenden, zweite Hälfte Februar. Einer so rückhaltslosen Kundgebung gegenüber konnte man versichert sein daß die Frankfurter Wahlen in den slavischen Theilen Böhmens jetzt ebenso wenig gelingen würden als im Jahre zuvor Eine Ausnahme machten die slovenischen Bezirke von Süd-Steiermark wo im Vorjahre die Wahlen, mitunter, wie cs scheint, sogar mit anständiger Bethciligung, ohne Hindernis stattgefunden hatten. Im Rückstände war hier nur der Wahlbezirk Pettau weil Bürgermeister Raisp und Professor Kudler, ans welche die meisten Stimmen gefallen waren, die Wahl abgclchnt hatten; man hoffte daß jetzt bei neuerlicher Vornahme der Wahl die Mehrzahl sich ans Professor Waser, einen geborncn Pettaucr, vereinigen und dieser dem Ruse folgen werde. Das Interesse für die deutsche Frage beschränkte sich in dieser Zeit auf die „deutschen Vereine" in den verschiedenen Provinzial-Hauptstädten deren Beruf und Bestimmung es war sich damit zu beschäftigen und ans einen Brnchtheil der Kremsicrcr Linken. Letztere hatte es lange Zeit vermieden eine Frage an die Tagesordnung zu bringen, von der sic wußte daß sie einem großen Theile der Versammlung nicht sehr am Herzen lag, einen noch größer» in dessen nationalen Gefühlen aufs tiefste verletzte. Allein nun drängten sich Ereignisse zusammen welche die Vertreter der deutschen Einheits-Idee nicht länger ruhen ließen: die österreichische Note 264 III. 16. Hippokratische Physiognomie dcS Reichstages. vom 4. Februar, die Ausschreibung der rückständigen Wahlen für Frankfurt, und ncuestcns ein Rundschreiben des Grafen Stadion, mit welchem er die von einzelnen österreichischen Abgeordneten in Frankfurt ausgehende massenweise Vcrthcilung der „Deutschen Grundrechte" in ihren Wahlbezirken zum Anlaß genommen hatte, die Krcishanptlente der deutsch- österreichischen Provinzen „in engstem Dienstvertranen" aufzufordcrn „der Verbreitung dieser Druckschrift entgegenznwirken". Der Minister hielt die Regierung zu einer solchen Maßregel um so mehr für berechtigt als die Form in welcher diese Verbreitung stattfand, nämlich durch Ausscndnng des Frankfurter Reichsgcsctzblattes vom 28. Dccembcr 1848, einer Art Kundmachung gleichkam. In der That waren von einzelnen Frankfurter Abgeordneten österreichische Behörden und Dominical-Acmter für diesen Zweck in Anspruch genommen worden, während Andere lithographirtc Briefe mit der Aufforderung aussandten den deutschen Grundrechten in jeder Weise in den deutsch-österreichischen Gebieten Geltung zu verschaffen. Einem solchen Treiben konnte die Regierung unmöglich ruhig zusehcn und damit hing es zusammen daß um den 20. Februar in Olmüz ein Polizci-Commissär bei den dortigen Buchhändlern die Runde machte und ihnen anfgab die deutschen Grundrechte an niemand aus den unteren Volksclassen zu verkaufen. Dieser Stand der Dinge war der Inhalt zweier Interpellationen in der Sitzung vom 21. Februar, von denen die eine von Karl Zimmer und Ferdinand Stamm, die andere von Schnselka gestellt wurde. Zimmer und Stamm traten gegen die Depesche des Fürsten Schwarzenberg auf, laut welcher dem Ministerium nur die neblichtc „Idee"' eines einigen Deutschlands vorschwcbe, „mit einer in Aussicht zu stellenden Grundlage" auf der alle deutschen Staaten sammt den außcr-dcntschen Bnndcstheilcn Platz fänden; diese „vagen jedes positiven Inhaltes ermangelnden Worte" könnten aber auf die österreichische Regierung den Verdacht werfen „daß Oesterreich nur die alte Zersplitterung und damit die alte Machtlosigkeit Deutschlands erhalten wolle, daß Oesterreich an dem alten Metternich'schcn Bundestag hänge welcher den Fluch aller deutschen Völker auf sich geladen" ; die Interpellanten richtete» daher „an das hohe Gcsammt-Mi- nisterium die Frage: in welcher Vcrfnssungsform ihm ein nach außen mächtiges, im Innern starkes und freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges Deutschland vorschwebt, und welcher Art das Verhältnis ist in welchem mit allen deutschen Staaten auch deren anßcrdcntschc Verbot der deutsche» Grundrechte iu Oesterreich. 265 BnndeStheilc Platz finden sollen?" In dem Rundschreiben des Grafen Stadion wegen der Frankfurter Grundrechte erblickte Schusclka „eine offenbare Beleidigung des deutschen Volkes und der deutschen Nalional- Vcrsnmmtnng, eine unheilvolle Cvmpromittirnng der deutschen Stellung Oesterreichs, eine Verletzung der allen Ocsterrcichern garantirtcn Preßfreiheit und besonders eine Verhöhnung und Unterdrückung der nationalen Freiheit der deutschen Oestcrrcicher" ; die französische VcrfnssnngSnrknnde, „also eine rcpnblicnnischc Verfassung", dürfe in Oesterreich gedruckt und verbreitet werden, „die Grundrechte des deutschen Volkes aber sind in Oesterreich eine verbotene Schrift!" Habe man vielleicht zu gewärtigen daß auch die österreichischen Grundrechte ans den Index der verbotenen Schriften gesetzt und dagegen etwa von amtswegen die Hefte Hans Jörgcls zur Aufklärung der unteren Volks-Classen verbreitet werden? Der Herr- Minister des Innern wolle daher die Frage beantworten: „ob er die angeführte Weisung wirklich erlassen habe und ob er nicht geneigt wäre sie znrückznnehmcn?" ES war zu erwarten daß nach so bezeichnenden Kundgebungen von deutscher Seite eine Antwort von der Gegenpartei nicht ausbleibcn könne; sie erfolgte ans dem Munde Palncky's in der Sitzung vom 23. in der Gestalt einer an das Gcsammt-Ministerinm gerichteten Interpellation. Die kaiserlichen Gewährungen vom März April Mai und Juni v. I., so lautete in Kürze seine Beweisführung, hätten den österreichischen Völkern „das unbezweifkltc Recht zngcstandcn über ihre künftige» Geschicke in Vereinigung mit ihrem Mndcsfürsten selbst zu entscheiden, und hinfort keine» anderen Gesetzen zu gehorchen als zu denen sic auf verfassungsmäßigem Wege ihre freiwillige Zustimmung ertheilcn"; der vom Kniscr cinbernfcnc constiluirende Reichstag stelle „den gesetzlich ausgeprägten Gc- sammtwillcn der Völker Oesterreichs dar, mit welchem Hand in Hand zu gehe» Se. k. k. Majestät fest entschlossen zu sein erklärte". Wie die Regierung daneben ein anderes Parlament habe beschicken lassen können sei einzig „ans Rechnung der damaligen Wirren" zu schreiben; unbegreiflich aber erscheine cs wie jetzt noch, wo Sc. Majestät der regierende Kaiser die Integrität des Kaiserstaates und die Gleichberechtigung aller Nationen desselben bei Allerhöchst Seiner Thronbesteigung wiederholt bestätigt habe, die obersten Räthe der Krone nicht nur die österreichischen Abgeordneten ans Frankfurt nicht znrückrufen, sondern sogar neue Wahlen für das deutsche Parlament ansschreiben können! Die von jeher dunkle Frage wie 266 III. 17. Der „zweite Theil" dei< Verfassungöwerkes. sich Oesterreich nn Deutschland „innig anschließen" soll habe durch die Note vom 4. an Klarheit nicht gewonnen; „nur so viel scheint mir daraus deutlich hervorzugchcn: daß Oesterreich eine deutsche Macht sein will und es zugleich nicht sein will". Der Grundsatz der nationalen Gleichberechtigung hier und der Hegemone Gedanke eines national-deutschen Reiches dort, wie wolle man sie nebeneinander zur Ausführung bringen? Und wenn man den deutschen Elementen in Oesterreich gestatte sich dem nationalen Ccntrnm anznschließcn, wie wolle man „unsere italienischen Landsleute abhalten ihrerseits die dostitnonto Itnliana zu beschicken? wie die Wünsche nach einer Wiederherstellung Polens verdammen? wie einen etwa beabsichtigten pnnslavischen Congrcß hindern?" Er frage daher: ob das Ministerium „seine im Programm vom 27. November v. I. erklärten Ansichten und Grundsätze" geändert und „ans welchem Grunde und ans welchen Rechts-Titel hin" cs Neuwahlen für das deutsche Parlament „sogar in denjenigen Ländern und Gebieten welche, wie namentlich die große Majorität von Böhmen und Mähren, ihren Widerwillen dagegen bereits unzweideutig erklärt", ausgeschrieben habe? „Ist die Regierung nicht vielmehr geneigt die zum großen Theil durch blose Minoritäts-Wahlen, somit rechtsnngiltig ernannten Dcputirten von Frankfurt abzuberufen?"i'-") Da sowohl am 21. wo Zimmer und Schuselka als am 23. wo Palack^ sprachen, die Regierungssitze leer waren, so konnte Smolka nur erklären er werde die Interpellationen an das Ministerium leiten. 17. ES wurde nn seinem Orte*) der Schwierigkeiten gedacht welche der „zweite Theil" des Bcrfnssnngswcrkes dem Constitntions-Anösehnße bereitete und die, nebst der RcichötngSpanse während des October-Aufstan- des und unmittelbar nach demselben, eine übermäßige Verzögerung dessen herbeiführten was von allem Anfang die Aufgabe dieser nicht eigentlich gesetzgebenden, sondern constituircndcn d. i. verfassunggebenden Vcr- Vor. Vd. S. 8 s. 63—65. Centralisten und Föderalisten. 267 sammlung war. Die Unannehmlichkeit der Lage entsprang, wie wir nnö erinnern, ans dem Zwiespalte der Grundanschauungen von denen ans der einen Seite die „Centralisten", ans der andern die „Föderalisten" im Constitutions-Ansschuße ausgingen, einem Zwiespalt der es zu einer gemeinsamen Vorlage für die Berathungen im Gesammtansschnße nicht hatte kommen lassen. Die Ausarbeitung Palack/'s wurde von den Centralisten abgelehnt, die Richtung Cajetan Mayer's widerstrebte den Föderalisten, der Gobbi'sche Entwurf stand in der Mitte von beiden und befriedigte darum nach keiner Seite vollends. Es waren hierauf die drei Projcctanten zu einer besondcrn Berathnng znsammcngctrcten — also ans dein Fünfer-Ausschuß ein engerer Dreier-Ausschuß — und Mayer hatte sich erboten auf Grund der Entwürfe Palnck)''s und Gobbi's einen dritten znsammenzustellen, den er im November 1.848 seinen beiden Mitarbeitern vorlegte. Die von ihnen über diesen Vermittlungsversuch gepflogenen Berathnngen hatten durch gegenseitige Zugeständnisse schlecht und recht zu einer Uebereinknnft geführt, deren Formulirung Palack/ übernahm und worin er namentlich in dem Abschnitte „Von der Reichs- Central-Gewalt" den Andeutungen Gobbi's folgte. Diesen vereinbarten Entwurf hatte man sohin lithographirt und sämmtlichen Mitgliedern des Constitutions-Ausschußes ansgetheilt. Allein auch Mayer hatte seinen nichtvereinbarteil Entwurf lithographiren lassen, und man hatte sohin abermals zwei verschiedene Vorlagen statt einer gemeinsamen^). lieber all diesen Zwischenfällen waren neuerdings nahezu zwei Monate verstrichen und nicht früher als am 22. Januar 1849 finden wir den Constitutions-Ausschuß am Beginne seiner Gesammtthätigkeit. In den Ausschuß hatte bekanntlich jede der zehn im Reichstage vertretenen „Provinzen" je drei Mitglieder gewählt, das große Galizien wie das kleine Küstenland, das dichtbevölkerte Böhmen wie das karstige Dalmatien, daher die Zahl der Stimmen das Gewicht derselben ganz unverhältnismäßig überragte; lind da von den Vertretern der kleineren Länder die meisten für den Centralismus waren so hatten die Verfechter decentrali- sirendcr landes-autonomer Einrichtungen voll vornherein kaum eine Aussicht dnrchzudringcn. So konnte es denn geschehen daß ungeachtet der *) Auseinandersetzung Palackzi's in der Sitzung des Constitutiouä-AusschußeS vom 2. Februar. Vgl. Anton Springer Protocolle des Verfassungs-Ausschußes im östcrr. Reichstage (Leipzig S. Hirzel 1885) und in ei ne Besprechung dieses Werkes im Wiener liter. Handweiser 1885, Nr. 17 vom 1. und Nr. 18 vom 15. September. 268 III. 17. Der „zweite Theil" des VcrsassimgSwerkes. begründeten Einsprnchc Palack/'s, welchem Gvbbi beificl, nicht der vmn Dreier-Ausschuß vereinbarte, sondern der Sander-Entwurf Maycr's als Grundlage der Bcrathnngcn erkoren wurde. Allerdings zog man am gehörigen Orte regelmäßig die Absätze des Palack)''schcn Entwurfes in Vergleich, allein der jedesmalige Schlußentscheid konnte in der so eben geschilderten Lage kaum zweifelhaft sein. Es durfte im Laufe der Debatte für einen außerordentlichen Fall gelten als bei der Bcrathung des ß. 58 des Maycr'schcn Entwurfes der Berichterstatter selbst die Palncky'sche Fassung für die entsprechendere erklärte, die denn auch angenommen wurde. Der grundsätzliche Zwiespalt, dessen sich beide Theile im Gegensätze zu einander sehr Wohl betonst waren, hatte zunächst die Folge daß sich keiner von ihnen mit seinen letzten Zielen recht herauswagte. Die Vertreter der kleineren Gebiete, am schärfsten der schlesische Hein, hätten am liebsten das Reich in gleichförmige Departements zerschlagen; da sic aber erkannten daß sie mit einem solchen Vorschläge das entschiedenste Aergernis der andern Seite erregen würden, so wollten sie die bisherige Ländereintheilnng zwar fortbestehen lassen und sogar den deccntralisiren- den Tendenzen grundsätzlich nachgebcn, doch in der Weise daß sie mit den Forderungen der Autonomie noch weiter gingen als ihre Gegner, indem sic das Hauptgewicht auf eine Kreiscinthcilnng der größeren Länder legten wobei die Landesgewalt mehr znm Scheine bcibehalten und der Sache nach, wenn auch nicht dem Namen nach, das Vorbild Frankreichs erreicht worden wäre. Die Verfechter des entgegengesetzten Princips hielten ihrerseits mit ihrem Ideale gleichfalls eine Zeit hinter dem Berge, bis zuletzt Pinkas mit seinem „Föderalismus" heransplatzte — „ich spreche endlich dieses Schrcckcnswort aus!" — was aber Palack^ in einer folgenden Sitzung dahin erläuterte: der Ausdruck „Föderalismus" sei ein uneigentlicher, indem das Bestreben seiner politischen Freunde nur dahin gehe „daß sämmtlichen Nationen zu Hause das gewährt werde was nicht dem Staate als Ganzem nothwendig ist um als Einheit zusammcngchaltcn zu werden" *). Wie Palack)l sich dies dachte war im tz. 4 seines Entwurfes zum Ausdruck gebracht, und um diesen entspann sich denn der Hanptkampf der Parteien. „Das Sclbstregiernngsrecht", so lautete seine Forderung, ) Springer Protocolle S. 10, 14. PalackF's Selbstregierungsrecht der Länder. 269 „umfaßt diejenigen Zweige der öffentlichen Gewalten welche entweder, ein Land ausschließlich betreffen oder in jedem Lande nach dessen besonderen Verhältnissen begründet oder eigenthümlich gestaltet werden können ohne die Einheit des Reiches zu stören." Den Ländern wäre sohin anhcim- zugebcn: die Landcspolizci Gerechtigkeitspflegc und Verwaltung; Unterricht und Cnltns; die agrarische und Jndustrial-Gcsetzgebnng; die Landes- Communicationcn; das Gcmcindewesen *). An der Spitze dieser verschiedenen Zweige der Landesvcrwaltung hätten nun die Föderalisten am liebsten eben so viele „Minister" gesehen; allein da zeigte sich abermals eine gewisse Verschämtheit: man behielt die Sache, vermied aber den Namen: ^verantwortliche Landräthe sollten sie heißen. Eine solche Einrichtung wollte sich selbst Fischhof gefallen lassen, der in diesem Sinne den Antrag stellte: Für den Vollzug der Landesgesetze ist jeder Landeschef, dort aber wo ihm verantwortliche Landräthe beigegeben sind, der je contrasignirende Landrath dem Landtage verantwortlich. Doch die Andern wallten von derlei Organen, mochten sie nun Minister heißen oder nur sein, unter allen Umständen nichts wissen. Vncano erklärte sogar: er halte das Institut der verantwortlichen Land- räthc für eine revolutionäre provisorische Regierung, worüber Pinkas in die Höhe fuhr: „Ich erlaube mir den Herrn Abgeordneten für Steyr ans eigene Faust zur Ordnung zu rufen, weil das eine Verdächtigung und folglich eine Beleidigung ist." Hein fand in dem Begriff der Landcs- Minister und des verantwortlichen Landeschefs einen Innern Widerspruch: „Bon der einen Seite sind die Landcschefs Bevollmächtigte, dctachirte Beamte des Ministeriums, gleichsam abgeleitete Minister, und als solche nur dem Central-Ministerinm verantwortlich; von der andern sollen sie wieder als Ur-Ministcr dem Landtage verantwortlich sein; das ist doch ein unheilbarer Zwiespalt." Nicger meinte nun freilich: das sei nicht der Fall; der Landcschcf wie jeder Minister sei nur für das verantwortlich was er contrasignire. Allein Hein's Bedenken waren dadurch keineswegs behoben **). Die Gegner der Centralisation waren nicht blos für Scheidung in der Sache sondern auch in den Personen, so daß in der Verwaltung, aber auch bei den Gcrichtöstcllcn jedes Landes nur Lnndeskinder ver- *) Voller Wortlaut s. Protocolle S. 63 f. Anm. 2. ^ '*) 27. u. 28. Februar. Protocolle S. 328, 338—342. 270 III. 17. Der „zweite Theil" des VerfassimgswerkeS. wendet werden sollten. Für diesen Satz kamen den böhmischen Abgeordneten Bundesgenossen selbst aus dem jenseitige» Lager zu. „Es muß den Geduldigsten in Harnisch bringen", sagte der Kramer Kautschitsch, sonst selbst der Geduldigeren einer, „wenn er sieht daß die Einheimischen von fremden Beamten gedrückt und gleich Heloten behandelt werden." Giov. Gins. Filippi, Advocat in Zara, klagte in italienischer Sprache: „Während der französischen Negierung hatte Dalmatien nur eingeborne Beamte, während jetzt bei den vier Tribunalen ein einziger eingcborner Rath, sonst nur Fremde zn finden sind." ZiemiaNowski erhob die gleiche Beschwerde für sein Galizien. Gegen diese Klagen und Forderungen erhoben sich nun die Vertreter aus den Erzherzogtümern und der Steiermark. Daß die italienischen Provinzen und Galizien bisher von nicht-cingeborncn Beamten überschwemmt waren, meinte Baron Cavalcabo k. k. Landrath in Grätz, sei erklärlich, „da es zur Politik des früheren Systems gehörte diese nie sehr anhänglichen und zufriedenen Provinzen von verläßlichen und unbedingt gehorsamen Werkzeugen des alten Nvginic überwachen zn lassen"; das höre aber jetzt von selbst auf. Anderseits, meinte er weiter, wäre zu bedenken „daß Landeskinder dort wo verschiedene Nationalitäten streiten nie ganz unparteiisch, daß von der Ländergewalt ernannte Beamte von dieser gewissermaßen abhängig sind und daß es, was namentlich die Gerechtigkeitspflege betrifft, dann mit der Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Richterstandes ein Ende hätte". Goldmark fand es unbegreiflich „daß hier, wo an der Einigung Oesterreichs gearbeitet werden soll, stets noch von Landcskindern die Rede ist. Ich kenne in Oesterreich nur Oester- - reicher die, sobald sie die gesetzlichen Erfordernisse haben, in allen österreichischen Kronländcrn Aemter bekleiden können". „Wie stünde cs dann", rief Brestcl aus, „mit nnserm Wahlsprnche: ein einiges starkes Oesterreich ! Wollen die Anhänger der gegenteiligen Ansicht zwischen den österreichischen Provinzen chinesische Mauer» aufführen um uns in den Augen der civilisirten Welt zn prostituiren?" *) Da die Verthcidiger der Landeskindschaft den Umstand in den Vordergrund schoben daß Eingeborne die Verhältnisse und Bedürfnisse des Landes am besten kennten und zu würdigen wüßten, und ans eben diesem Grunde der Landesgcwalt und den Landtagen die Fülle und das Schwergewicht der Regierung zuweisen wollten, so wurde ihnen von den ) Protocolle S. 72, 257—260. „Residcnzverstand" und „Provinzialverstand". 271 Centralistcn die „Kirchthurm-Politik" entgegcngchaltcn, auf den engcrn Gesichtskreis der Vertreter der Provinz im Vergleich zu jenem des Gc- sammtstaatcs hingewicscn und daraus der höhere Beruf des gemeinsamen Reichstages gegenüber dem der Landtage gefolgert. „Wird einmal politisches Leben in Oesterreich herrschen dann wird auch im Reichstage die Elite der Capacitäten des ganzen Reiches zu finden sein; in de» Landtagen werden nnr durchgefallenc Reichstags-Candidatcn und meist mittelmäßige Talente wirken, somit auch kleine spießbürgerliche Interessen ihre Vertreter finden" (Brestcl). Es war am selben Tage, 31. Januar, im Reichstage jenes Amendement Jonäk's über die Gcmcindeordnungcn durch- gcgangen das die Centralisten wie ein Stoß ins Herz traf*), und Hein der niemals fein war und sehr grob sein konnte, hob cs hervor: cs spreche dieser Beschluß der Kammer zwar nicht sehr zu Gunsten des Reichstags- Verstandes — „zum Glück war ich in der Minorität" — indessen hoffe er „der Reichstagsverstand werde als die größere Summe der Intelligenzen in der Folge größer sein als der Provinziallandtagsverstand". Pnlacky cntgegnete spitz: zur Zeit des Absolutismus habe man wohl den „Residenz- Verstand" für specifisch höher gehalten als den der Provinzler, und die Herren von der andern Seite scheinen sich noch heute auf demselben Standpunkte zu befinden. Pinkas konnte gleichfalls seine „Verwunderung über den so eben von Palackh gerügten Capacitätenccnsus" nicht unterdrücken. Gleichwohl blieben sie hier wie in andern Dingen — es war die Frage der Jndnstrial-Gesetzgebung die nach dem Palackh'schcn Entwürfe den Landtagen zufallen sollte — bei der Abstimmung in der Minorität **). Die drei Vertreter Böhmens wollten auch die Bewilligung zur Hcercsergänzung den Landtagen zugewiesen haben. Nieger nannte die Kriegspflicht eine „Menschenstcuer". Brestel fiel ihm hierin bei, und zwar sei es eine Steuer der drückendsten Art, weil sie den Armen mehr belaste als den Reichen. Lasser meinte, die Wehrpflicht sei weniger eine Steuer als ein nothwendiger Blutzehent. Bezüglich der Frage der Zuständigkeit des Reichstages oder der Landtage äußerte Brestel sehr gut: „Ich halte das preußische System für das beste, nach welchem jeder wehrfähige Mann eine Zeit wirkliche Militnir-Dienste leisten muß. Ich hoffe daß wir das auch bei uns einführen werden"***). *) Vor. Bd. S. 85—87. **) Protokolle S. 75—77. ***) Ebenda S. 305. 272 IN. 17. Der „zweite Theil" des Verfassungswerkes. Als es sich um die Zuständigkeit in Suchen der Gcrechtigkeitspflege handelte warf Riegcr den Herren von der andern Seite var: weil sic nun schon im Ecntrnm einen Justiz-Minister haben wollten, suchten sie für denselben nach einem Wirkungskreise: „mir fällt dabei die Fabel ein wie einer einmal ein Hufeisen gefunden und sich nun um ein Pferd dafür nmgcschcn habe". Doch Hein drehte den Spieß um: „Riegcr hat das Hufeisen der Landcsbehördcn gefunden und will dazu als Roß die Landes- Minister haben""). Den eigentlichen Beweggrund, warum sich er und seine politischen Freunde gegen die provinziale Autonomie wehrten, gab zuletzt Lasser kund indem er sagte: „WaS ich fürchte ist nicht das Los- reißen der größeren Provinzen von Oesterreich, sondern die Ucbcrflügelnng durch die nicht-deutschen Elemente, und darum suche ich Schutz in der Eentralisation" * **) "). * Der Kern- und Angelpunkt des Systems Palacky war also durch Stimmenmehrheit abgelehnt -— dafür stimmten nur die drei Böhmen, dann die Slovcnen Gorinp Krainz und Miklosich und der Wülschtyrolcr Turco***) — und dessen Schöpfer hatte, so meinte er, im Constitntions- Anöschuße nichts weiter zu thun. Verdrossen und mürrisch kündigte er seinen Austritt an und nahm vorerst Urlaub ans acht Tage, der ihm vom Reichstagspräsidcntcn in eigenem Wirkungskreise bewilligt wurde. In der Sitzung vom 6. Februar wo Smolkn dies dem Reichstage mittheilte forderte er zugleich, „da jetzt täglich Sitzungen im Constitntions- Ansschuße gehalten werden", die Abgeordneten „des Gouvernements Böhmen" ans nachmittags 4 Uhr im Sections-Zimmer Nr. 3 zusammen- zntrcten und einen Stellvertreter zu berufen. Die Wahl fiel ans Stro- bach, der dann ohne Zweifel gleich an der eine Stunde später beginnenden Nachmittags-Sitzung des Ausschußes theilgenommcn haben wird "s). Zur selben Zeit legte Gobbi, in das neu geschaffene Obcr-Medicinal-Collcginm nach Wien berufen s), sein Mandat als Abgeordneter zurück, was sein Scheiden ans dem Constitntions-Ansschnße zur Folge hatte. An seine Protokolle S. 68, 7l. **) Am 25. Februar; ebenda S. 302. **») Ebenda S. 45'). 's) Vor. Bd. S. 60. Die böhmischen Gewährungen vcun 8. April 1848. 273 Stelle wurde von Gobbi's Landsmannschaft der Abgeordnete für Voloska Criminal-Rath Joseph Mach gewählt*). Die Vertretung der Ansichten Palackh's im Constitntions-Ansschußc fiel nun zunächst seinen beiden früheren Mitkämpfern Riegcr und Pinkas zu, die jetzt an des Ansgeschiedenen Stelle auch die Nolle der Gekränkten und zugleich Empörten übernahmen, namentlich der crstere, der schon am 7. mit seinem Scheiden drohte, aber sich dann wieder bereden ließ ans- zuharren. Auch betheiligte sich Ricger an der Debatte, überall wo es seine und seiner politischen Freunde Grnndanschanung galt, mit lebhafter Wärme und gewohnter Meisterschaft der Rede, wenn er dieselbe auch etwa mit einem Ausdrucke des Mismuthcs begann: „Ich habe zwar schon alle Lust hier zu sprechen verloren" rc.**). Sowohl Riegcr als Pinkas und Strobach steiften sich für ihre Ansprüche ans die kaiserlichen Zugeständnisse vom 8. April 1848, worin das was sie jetzt dnrchznsetzen sich bemühten im Wesen schon enthalten war. „Und ich sage Ihnen", rief der Abgeordnete für Eiscnbrod bei einem solchen Anlasse aus, „daß wir uns ohne Gewalt den 8. April nicht nehmen lassen; wollen Sic daher eine Revolution im Lande, so nehmen Sie uns den 8. April"***). In diesem Sinne ließ sich der böhmische Heißsporn noch manchmal vernehmen, so daß ihm sein eigener Landsmann Strobach einmal vorhielt daß er „so oft" drohe „Revolution zu machen" si). Einschmeichelnder trug Pinkas die Sache vor; denn cs nähmen ja die Böhmen die Gewährungen des 8. April nicht für ihr Land allein in Anspruch sondern für alle Länder. Die Gegner jedoch wandten ein, die Gewährungen vom 8. April für Böhmen seien durch die Berufung des constitnirenden Reichstages und durch den Eintritt der Vertreter Böhmens in denselben um ihre Geltung und Kraft gebracht worden. Und wer sei es denn gewesen, fragte Brestel, der am meisten Beifall geklatscht als Bach seine Denkschrift über die ungarischen Verhältnisse verlesen?! „Aber alle Argumente jener Stnatöschrift sind nach der alten Bauernregel: was dem einen recht ist muß dem andern billig sein, auch auf den 8. April anwendbar." Und würden nicht in ihrem *) Sten. Auf. V S. 84, 4.->. **) So unter auderm am 17. Februar; Protocolle S. 229. »**) Ebenda S. 69. 4) Ebenda S. 179. Helsert, Geschichte Oesterreichs. IV. S. 18 274 m. 17. Der „zweite Theil" des Verfassungsmerkes. eigenen Lande die Deutsch-Böhmen gegen die Anwendung des 8. April Einsprache erheben? „Ich frage Sie", rief Vaeano zu Ricgcr hinüber, „ist der Erlaß vom 8. April contrasignirt?" Vom Minister Pillersdorff! „Dann werde ich den Minister Pillersdorff in Anklagestand versetzen" *). Rieger und Pinkas entgegneten allerdings nicht ohne Grnnd: Böhmen mit Ungarn zu vergleichen sei „gelinde gesagt ein Jrrthnm, in Wahrheit eine Beleidigung. Die Ungarn haben Forderungen gestellt die uns und unseren Freunden nie eingefallen sind, weil wir wußten daß ein Staat anfhören müßte Staat zu sein wenn es in demselben zwei Minister des Aenßern und zwei Minister des Krieges gäbe". Allein sie gewannen darum die Gegenseite nicht. „Haben Sic dafür gestimmt", entgegnete ihnen Goldmark, „daß gegen die Ansprüche der Ungarn Gewalt ange- wendet werde so ist damit auch Ihr 8. April null. Wollen wir ein einiges Oesterreich so kann keine Provinz Central-Behördcn haben; wenn jeder Landestheil Minister hat so hören die Central-Minister auf zu sein und dann ist die ganze Central-Rcgierung überflüssig" **). Wenn sich in sothancr Weise die Mehrheit des Constitutions-Ausschußes gegen die Zumnthungen der böhmischen Föderalisten wehrte, so war sie, wie schon erwähnt, keineswegs gesonnen ihre eigene Ansicht ans die Spitze zu treiben, ihren Herzenswunsch nach gleichförmiger Untcr- theilnng des Staatsgebietes als Forderung hinznstellen. Die von altcrsher überkommene Scheidung desselben in Politische Verwaltungsgcbicte oder Provinzen war bis zum Jahre 1848 diese: Galizien und Wladimiricn mit der Bukowina (Czernowitzer Kreis) und dem 1846 neu hinzngekommenen Krakau; Mähren und Schlesien; Böhmen; Nieder-Oesterreich; Ober- Oesterreich mit Salzburg; Tyrol und Vorarlberg; Steiermark; Jllyrien (Kärnten und Krain); Küstenland (Görz und Gradisca, Triest und Istrien); Lombardei; Venedig; Dalmatien. Den Ausdruck „Provinzen", der von den Königreichen seit jeher als erniedrigend nbgelehnt wurde, ließ auch der Constitntions-Ausschuß fallen. Im Mayer'schen Entwürfe war der Ausdruck „Kronläuder" an die Stelle gesetzt, wogegen aber von Dr. Joseph Krainz (Windischgrätz) eingewcndet wurde daß dies an „Krongüter" erinnere und daher so gedeutet werden könne als ob die Länder Eigenthum der Krone seien, während Vaeano bemerkte, die Erzherzogthümer Herzoges Protocolle S. ?ls. **) Ebenda S. 69. .Reichsländer". 275 thümer re. besäßen keine Krone sondern nnr einen Hnt, man müßte also „Krön- nnd Hut-Länder" sagen*). Zuletzt einigte man sich auf „Reichsländer". Diese nun dürften, so sprachen die Föderalisten, nicht zu gering an Umfang sein. Warum sollten, meinte Pinkas, nicht Niederem!) Ober-Oesterreich mit Salzburg zu einem Rcichslande vereinigt werden, Schlesien nicht in seiner politisch-administrativen Verbindung mit Mähren bleiben? Länder deren Vertretung in einem Kreistage aufgchc seien eine Anomalie**). Gegen diese Auffassung wehrten sich die Vertreter der kleineren Reichsländer, und ganz besonders kam der Antagonismus von Schlesien gegen Böhmen wiederholt zu scharfem, ja verletzenden Ansdruck. Wenn Ferdinand V. in Prag gekrönt worden, bemerkte Hein, nnd Schlesier „ans Neugier" mit dabei waren, so beweise das gar nichts; „die Böhmen mögen immerhin in der Einbildung leben daß sie ein unabhängiges Königreich bilden, sie bleiben doch nnr eine Provinz." Er beantragte Schlesien als besonderes Reichsland***). Lasser wies auf die „tausendjährige Geschichte" von Salzburg hin. „Wir verlangen", sagte er, „nnr unser gutes Recht und daß eine Provinz zu einer Zeit nicht vernichtet werde wo Recht nnd Freiheit als Parole gelten." Als es sich frug welches Gebiet dem „Herzogthum" Salzburg zugewiesen werden solle, erklärte er sich bereit die Hälfte des Jnnviertels bei Ober-Oesterreich zu belassen; dagegen werde sich zeigen daß nicht unbedeutende Parcellcn von Tyral ehemals znm Salzburgischcn gehörten si). Scholl trat für Kärnten als „selbständiges" Herzogthum ein. Goriup forderte für die Grafschaft Görz „dasselbe Recht welches andere Provinzen für sich beanspruchen". Der Vorarlberger Ratz vcrtheidigtc seine „seit ihrer Vereinigung mit der Krone Oesterreichs in ständischer Beziehung immer als selbständig erkannte Provinz"; man habe „die Politische Todesstrafe in den Grundrechten aufgehoben", wolle man dieselbe über ganz Vorarlberg verhängen? Gobbi warf sich zum Ritter der „politischen Selbständig- keit" von Triest ans. Filippi wünschte die beiden Lnssin nnd überhaupt die Inseln des Quarnero zu Dalmatien geschlagen, wo ihm aber Mado- nizza mit gegründeten Einwendungen entgegcntrat sisi). *) Protokolle S. I17f. **) Ebenda S. 16 f. ***) Ebenda S. 38, 68. ck) Ebenda S. 22 f., 124. ts) Ebenda S. 17- 19, 23, 25f., 28. 18 ' 276 III. 17. Der „zweite Theil" des VerfassungSwerkeS. Es konnte nicht ausbleibcn daß die Nationalität in diesen Kämpfen mitspielte, die im Sinne der Centralistcn zunächst bei der Eintheilung in Kä-cise berücksichtigt werden sollte. Dem „Groß-Schlesier", wie man Hein scherzweise nannte, vergalten die Böhmen dessen beleidigende Gereiztheit gegen ihre Krone damit daß sie Schlesien nach den Sprachen in drei Kreise getheilt wissen wollten, einen deutschen, einen böhmischen und einen polnischen, worauf ihnen jener die Antwort nicht schuldig blieb: in Schlesien gebe es nur zwei Sprachen, deutsch und slavisch, letztere von den „Wasser-Polaken" gesprochen; „eine öechische Nation daselbst kenne ich nicht". In andern Ländern kam die Loslösung gewisser Landcsthcilc zur Sprache. Von der seitens der Süd-Throlcr beanspruchten Abtrennung ihres Gebietes von Nord-Tyrol war bereits die Rede*). Krainz beschwerte sich über die Rücksichtslosigkeit welche seine Slovenen in der steirischen Landeshauptstadt erführen; als im Grätzcr Landtag von 1848 zwei ihrer Vertreter verlangten daß man sich bei den Verhandlungen auch der slovcnischen Sprache bedienen dürfe, seien sic einfach ausgelncht worden; darum sei in der untern Steiermark der Wunsch allgemein „sich von Laibach aus regieren zu lassen" **). Der tiefe Zwiespalt zwischen Mazuren und Rnssinen, der zu jener Zeit im Lande Galizien eine sä bedanernSwerthc Rolle spielte, kam auch in den Kremsicrcr Verhandlungen zum Vorschein. Ziemialkowski wollte seine Genossen im Verfassungs- Ausschüße glauben machen: eine ruthcnische Nation sei erst jüngster Zeit „erfunden" worden; das was man Ruthcncn heiße sei mit den Polen eine Nation, in welcher zwar ein „Rcligions-, aber durchaus kein Nationalitäts-Zwiespalt" bestehe; ihre Geschichte sei eine gemeinschaftliche, ihre Schicksale und Leiden seien die gleichen: „Gehen Sic in die Gefängnisse des Spiclbergs und Kufsteins, Sie werden dort Polen und Ruthenen finden; wir haben uns immer miteinander verschworen." Vertreter der Ruthenen im Ausschüße war der Bischof Jnchimowicz von PrzcmtM, der den Beweis aus der Geschichte führte daß Rnssinen und Polen verschiedene und einander seit Jahrhunderten feindliche Nationen seien, daher die Gebiete auf welchen diese und jene wohnten auch politisch getrennt werden müßten. Aber auch die Böhmen sprachen in gleichem Sinne; namentlich Rieger nahm die Ruthenen als besonderes Volk in *) S. oben S. 66—72. **) Protocolle S. 36—38. Polen und Ruthenen. 277 Schutz, was Zicmiaikowski außer Raub und Baud brachte. Als Riegcr de» Satz ausführtc polnisch und rnthenisch seien zwei Sprachen, beide Nationen grundverschieden, rief ihm Zicmiaikowski gereizt dazwischen: „Ich habe mich in Angelegenheiten die ich nicht verstehe nicht gemischt; thnn Sic das gleiche, Sie verstehen hievon gar nichts." „Ich bitte cs zu beherzigen", entgcgnetc Riegcr, „daß ich beide Sprachen kenne. Drei Millionen Russinen leben in Oesterreich, dreizehn in Rußland. Meine Herren, ein Volk von 16,000.000 Seelen bleibt, Sie mögen machen was sie wollen. Wird den Ruthenen hier nicht geholfen so werden sie sich wo anders hin zu wenden wissen, und beherzigen Sie cs wohl, meine Herren, Sie werden hiedurch nicht blos das politische Element, nicht nur Oesterreich, Sie werden auch die Freiheit mit Verlust bedrohen" *). Trotz dieser beredten und den thatsächlichen Verhältnissen durchaus entsprechenden Auseinandersetzung Ricgcr's blieb der Antrag Jachimowicz mit 3 Stimmen gegen 22 in der Minorität. Achnlichcs Schicksal hatten die Anträge Gorinp's ans Selbständigkeit der Grafschaft Görz und Ratz' auf jene von Vorarlberg, wogegen Scholl mit seinem Anträge für Kärnten, Lasser mit jenem für Salzburg, Hein für Schlesien und, wie wir uns erinnern, Tnrco mit dem seinigcn für Süd-Throl als Sieger hervor- gingcn, so daß die vom Constitntions-Ansschnße beschlossene Gebietscin- thcilnng nun diese war: Böhmen; Galizien mit der Bukowina; Nieder- Oesterrcich; Oesterreich ob der Enns ohne das Jnnvicrtel; Salzburg mit dem Inn-Viertel; Steiermark; Kärten; Krain; Schlesien; Mähren; Dentsch- Throl mit Vorarlberg; Wälsch-Throl; Küstenland mit Görz; Dalmatien — im Ganzen vierzehn „selbständige und untrennbare Reichsländer" **). Noch gab es eine Meinungsverschiedenheit, und dazwischen eine kleine Hechelei zwischen dem „Groß-Schlcsier" und den Böhmen, wegen der Reichssarben. Hein meinte nämlich: Schwarz und Gold seien die uralten Farben von Oesterreich, die rothe Farbe aber finde sich bei allen österreichischen Nationalitäten; es geschehe also nicht aus Dentschthümelei wenn er Schwarz-Roth-Gold als Reichsfarben beantrage. Brestel war für Blan-Roth-Gold: „wenn man schon mehrere Farben will so nehme man solche die dem Auge angenehm sind". Darauf Pinkas: „Weiß-Roth sind die österr. erzherzoglichen, Roth-Gelb die Farben des Hauses Lothringen, *) Protocolle S. 20, 24—28, 30—32. **) Ebenda S. 4S. 278 III. 17. Der „zweite Lheil" des BerfassuiigswerleS. und du Weiß und Ruth in fast allen Nationalfarbcn Vorkommen, scheint Wciß-Roth-Gold die glücklichste Farben-Berbindnng zn sein." Das wurde zuletzt einstimmig angenommen, auch von Strobach der sich aber nicht enthalten konnte zn bemerken: „Wenn nicht Pinkas eine begründete Com- bination hcrvorgczogcn hätte, so würde ich Weiß-Blan-Roth vorgeschlagen und dem Abgeordneten ans Groß-Schlesien versichert haben daß ich es nicht ans Slaventhümelei thue"*). Gleich in der ersten Sitzung vom 22. Januar war es kein geringerer als Ernst von Bioland, der Mann von der äußersten Linken, gewesen der beantragt hatte das Ministerium cinznladcn und sich dessen Anschauungen zn erbitten, ein Borschlag der auch von Hein und Palackh gebilligt, von crstercm in einer später» Sitzung wieder ausgenommen worden war. Allein Pinkas, der Schöpfer des Dringlichkeits-Antrages vom 8. Januar, erklärte es „wider die Würde des Reichstages sowie des Constitutions-Ausschußes wenn man sich durch die Ansichten des Ministeriums leiten und sich somit eigentlich von der Regierung den Constitutions-Entwurf ansarbciten ließe", und somit unterblieb jeder Schritt in dieser Richtung**). Um so maßvoller war die Vorsicht und Besonnenheit die man, nachdem auf eigenen Füßen zu stehen beschloßen war, sich auferlcgtc, »m alles und jedes zn vermeiden wovon sich mit Sicherheit vorarisschen ließ daß es die Zustimmung der Krone nicht erlangen würde. Dem in der Wiener Zeit so aufdringlich vorwaltcndcn RadicalismnS wurde im „zweiten" Theile des Verfassungsentwurfes eigentlich nur ein auffälliges Opfer gebracht, ja eigentlich nicht einmal gebracht, weil cs nur Folge dessen war was man bereits bei den Grundrechten beschloßen halte und was von der Kammer angenommen worden war, und so blieb denn der grund- besitzende Adel, in keinem der festländischen Staaten Europas von solchem Ansehen und Einfluß wie in Oesterreich, im Kremsicrcr Berfassungsentwurf ohne alle Berücksichtigung als ob er überhaupt nicht bestünde. Gleichsam als Sühne für diese Reminisccnz aus der heißen Wiener Zeit beeilte man *) Peotoeollc S. 269. **) Ebenda S. 12. 14 f. 78. Bruch mit dem Radikalismus des Jahres 1848. 279 sich den K. 1, den die Kammer von der Spitze der „Grundrechte" abgesetzt hatte, vollends aus der Welt zu schaffen. „Ich bewege mich gern auf praktischem Boden", sagte derselbe Pinkas der um dieses Paragraphen willen dem Ministerium früher so großen Verdruß bereitet hatte, „und nachdem ich vorziehe unfern Völkern eine praktische Constitution zu geben statt einen theoretischen Streit zu beginnen und um einer Marotte willen unsere Stellung zu gefährden, so stimme ich dagegen. Ich sehe den Kammcr- beschluß als eine diplomatisch vernünftige Ablehnung des Z. 1 an. Von Adam her geht freilich alle Gewalt vom Volke aus, aber in xraxi steht cs damit anders." Goldmark zeigte sich wohl etwas ungehalten darüber daß „ein so wichtiges Princip eine Marotte genannt werden soll", und meinte gegen Pinkas: „Wenn wir uns aus den heute praktischen d. i. den Windisch-Grätzischen Boden stellen, so gibt cs gar keine Theilung der Gewalten, höchstens so daß einer haut und alle andern die Streiche empfangen." Doch selbst Brestel, also ein Parteigenosse Goldmark's, pflichtete diesmal Pinkas bei und eroberte für sein Amendement: „Die Staatsgewalten dürfen nur auf die in dieser Constitution festgesetzte Weise ausgeübt werden" die größere Anzahl von Stimmen*). Welcher Geist der Mäßigung die Mehrheit des Ausschußes beherrschte gab sich auch bei Berathung des die Nationalgarde, also einer der am höchsten gepriesenen unter den Mürz-Errungenschaften betreffenden Absatzes kund. Er wolle sich zwar, äußerte Hein, keineswegs der Hoffnung hingebcn daß er mit seinem Anträge auf gänzliche Beseitigung der Bolkswehr durchdringen werde; allein er für seinen Theil habe von diesem Institute gar nichts ersprießliches erfahren, und wenn er sich die freiesten Staaten der Welt, England und Amerika anschauc, so müße er sagen daß die Nationalgardc für den Bestand freier Staaten keineswegs nothwendig sei. Casetan Mäher war ganz derselben Meinung: „Wo haben in Wien die gewählten Chefs Gehorsam gefunden? Und wie sind diese selbst in ernsten Krisen z. B. am 6. Octobcr ihren Pflichten nach- gekommcn? Wären sic von der Regierung ernannt gewesen würden sie bessere Dienste geleistet haben. Wird die Nationalgarde wie bisher eine militairische Spielerei bleiben so wird sich ans diesem Institute der ganze Geist verlieren. Wollte man militairisches Leben hineinbringen so müßte man gediente Leute an die Spitze stellen." Zuletzt fiel der Beschluß *) Am 7. Februar; S. 127 s. 280 m. 17 , Der „zweite Theil" des VerfassungsweekeS. für die Beibehaltung der Nationalgardc „wenigstens in allen Orlen van 1000 und mehr Einwohnern" aus; ihre Einrichtung solle durch ein Gesetz geregelt werden*). Das interessanteste Schauspiel bot die Debatte über die Frage: Ein- odcr Zwcikammcr-Systcm? Seit dem 15. Mai war „Eine Kammer" das radicale Schlagwort des Tages geworden; der constitnirendc Reichstag selbst war ja das Ergebnis und lebendige Beispiel dieses Fcldgeschreies; konnte, durfte er das Princip verleugnen das ihm sein Dasein gegeben und ans welchem er fortwährend ruhte? Und dennoch geschah cs so! Hein äußerte, er habe seinen Wählern zugesagt daß er für das Zwci- kainmcr-System stimmen werde, „und dies zu einer Zeit wo man noch fast allgemein für eine Kammer schwärmte. Der Reichstag hat mich in meiner früheren Ansicht nur bestärkt". „Mich auch", rief Pinkns dazwischen. „Am Reichstag", fuhr jener fort, „hat inan sehr vieles überstürzt; solche Uebcrstürznngen zu verhüten geschieht durch die Errichtung zweier einander paralysircnder Kammern." „Ich bin heule ein schwarz- gelber Föderalist", erklärte Ricger, „und daher stimme ich für den Maycr'schcn Entwurf." In gleichem Sinne sprachen Strobach und Pinkns, letzterer mit Ricger erklärend: „Ich bin ehrlich schwarzgelb", wobei man sich erinnern muß daß „schwarzgclb" damals „reaktionär" bedeutete, und reaktionär war cs doch vom Wiener 15. Mai auf das Zweikammcr-Shstem zurückzngchen! Das merkwürdigste Bekenntnis aber legte Goldmark, der Erzrndicnle im Jahre 1848, ab. „Ich erinnere mich", sagte er, „an jene idyllische Zeit in Wien, wo ich für das Einkammer-System sprach und hierüber zum Dcpntirten gewählt wurde. Heute erkläre ich mich für das Zwei- knmmer-Systcm, bin aber in Verlegenheit ob ich hiedurch nicht als Demokrat meiner Pflicht untren werde." „Rein!" rief Mayer mit komischem Ernst dazwischen, Do allsolvo!" Eonseguent blieb nur Zieminl- kowski der „vom österreichischen Standpunkt" an „einer Kammer" festhielt : „Ich gebe zu daß unser Reichstag sehr vieles voreilig beschloß. Ich finde cs aber ganz natürlich und wundere mich daß er nicht viel schrecklicheres beschlossen. Wir sind Schulbuben, kaum vom llchrcr entlassen, und so wird es noch lang sein. Aber künftig wird das besser werden." Das Ergebnis der Abstimmung fiel mit überwiegender Mehrheit für zwei .Kammern aus**). Protocollc S. 265 — 268 . **) Ebenda S. 165 — 144 . Volkskammer — Läiiderkammcr — Kreistage. 281. Auch für das Fortbestehen der Landtage war der Ausschuß: „Jedes Reichslaud hat das Recht einen eigenen Landtag abzuhalten." Die Mehrheit aber schob, wie bereits erwähnt, in den größern Ländern zwischen Reichstag und Landtag ein drittes Glied ein: die Kreistage, und thcilte denselben Geincindeangelegenheiten, Kreisstraßen, Errichtung von Sparcassen und Leihanstalten, und überhaupt „die Besorgung aller Angelegenheiten welche nur die Kreisgcmeinde oder mehrere Bezirke derselben betreffen" zu. „Sowie cs Provinzial-Eigenthümlichkeitcn gibt", betonte Fischhof, „so gibt cs auch Kreis-Eigcnthümlichkeiten, deren Berücksichtigung doch offenbar im Kreistage eher als im Landtage zu erwarten ist." Er verlangte auch daß die Kreise, „die ihre Unterrichts- und Bolkserziehnngs-, ihre Kranken- nnd Humanitäts-Anstalten auf eigene Kosten erhalten", von den Beiträgen zu Landesanstalten derselben Art befreit seien. Vergebens sperrten sich Ricgcr und die Seinen gegen eine solche Znmuthung: den Kreistagen nicht blos eine administrative sondern auch eine legislative Gewalt znthcilcn heiße nichts anderes als die Autonomie der Landtage vernichten. „Und wie denken Sie sich denn Kreisgesctze die dem Kaiser zur Sanction vorgelegt werden sollen? Wäre das nicht ein Hohn für die Landtage? Sagen Sie meinetwegen: Alles was nicht dem Reichs- und dem Kreistage zngewicsen ist bleibt dem Landtage; dann haben Sic zwei Arme, aber keinen Körper" *). Die Kreistage sollten im Sinne der ecntrnlisircnden Mehrheit des Ausschußes auch in die reichstäglichc Thätigkeit cingrcifen, denn die beiden Kammern waren jede ans eine andere Grundlage gestellt: die Volkskammer ans die Bcvölkernngszisfer, die Lünderkammcr auf die Lnnd- und Kreistage; jeder Landtag hatte in die letztere sechs Mitglieder zu entsenden, aber in Ländern die aus zwei oder mehreren Kreisen bestehen auch jeder Kreistag eines. Ziemiatkowski wollte nur eine Länderkammer gelten lassen, keine Volkskammer; denn, so meinte er, „die verhältnismäßig passendsten Abgeordneten werden wir noch der Wahl der Länder zu verdanken haben; bei weitem unpassender werden die Depntirten sein wenn das Volk wählt". Rieger war für zwei Kammern, wollte aber beide „vom Standpunkte der Föderation ans" behandelt haben; „die Einführung eines Reichstages in Oesterreich auf Grund der reinen Volksvertretung halte ich für einen Unsinn". Er führte dies in einem längern ) Protocollc S. 231, 309. 282 m. 17. Der „zweite Theil" des Verfassungswcrkes. Vortrage aus, welchem Hein mit der bissigen Bemerkung entgcgentrat: er wisse nicht ob Rieger seine Erziehung in einem „ooIIoKio 8ooiotrctis .losn" genossen habe; ans seiner Rede schaue übrigens nichts heraus als der jesuitische Pferdefuß. Seine eigene Meinung faßte Hein in die Worte zusammen: „Die Volkskammer halte ich für das Medium welches das einige Oesterreich Zusammenhalt; mit der Länderkammer bringe ich dem Föderalismus eine Huldigung dar"*). Bei den Bernthungen über den Abschnitt „Der Kaiser" trug der Ausschuß, seinen eigenen Svuvcrainetäts-Jdeen vom Sommer 1848 ein neues Opfer bringend, der erhabenen Stellung des Monarchen volle Rechnung. Das Veto betreffend sprachen wohl so ziemlich alle gegen ein absolutes Veto; allein cs waren mehr Klngheitsgründe die man für eine blos aufschicbendc Verweigerung der A. H. Sanction ins Treffen führte. Bor allem geschah dies von Lasser, also einem Mitglied«: der Mittelpartei. „Ich halte es", sagte er, „gefährlich der Krone ein absolutes Veto znzngcstehen, und um dieser Gefahr vorzubengcn, um dem Revolutions- Kessel ein Ventil zu geben, spreche ich mich für das suspensive Veto ans." Mayer stimmte ihm bei: „Weiß das Volk daß es, wenn auch der Monarch zweimal vom Veto Gebrauch macht, zum drittenmal dennoch zu seinem Recht kommen werde, so wird einer Revolution vorgebeugt; daher das Interesse der Krone durch das suspensive Veto besser gewahrt ist als durch das absolute." Zieminlkowski meinte freilich, es werde schon das erstemal wenn die Sanction verweigert wird „stark kochen", und darum finde er es klug und vorsichtig, damit der Kessel nicht springe, die Sanction nicht noch ein zweitesmal verweigern zu lassen; allein die Mehrheit entschied sich für den Mayer'schcn Vorschlag**). An charakteristischen Aenßcrungcn fehlte es bei keinem der Paragraphe. Als die Verheiratung des Kaisers zur Sprache kam wollte Filippi dieselbe in dem Falle an die „vorläufige Genehmigung des Reichstages" gebunden wissen, als die Wahl ans eine Prinzessin falle „welche einem regierenden Hanse in einem Lande angehört wo der Herrscher die gesetzgebende Gewalt mit dem Volke nicht theilt", und Goldmark unterstützte diesen Antrag mit dem geschichtlich ebenso hinfälligen als patriotisch unzarten Argumente: „Wäre die Gemahlin Ludwig XVI. nicht eine österreichische *) Protocolle S. 135 f. 140 f. **) A. a. O. S. 160—167. Stellung und Rechte des Kaisers. 283 Prinzessin gewesen so würde die französische Revolution nicht so weit gekommen sein. Die Freiheit soll sich nur mit der Freiheit und der Tag nicht mit der Nacht vermählen." War denn als Marie Antoinette nach Frankreich zog dort „Freiheit" und der „Tag"?! Außer den beiden Genannten stimmten nur noch Nicger Violand Madonizza und Ziemialkowski für den Antrag, der somit mit weitaus überwiegender Mehrheit fiel*). Bei der Ernennung der Beamten durch den Kaiser, H. 19, wurde von einer Seite der Zweifel angeregt ob sich dies auch auf die Bischöfe beziehe, d. h. ob der Kaiser der freien Kirche gegenüber noch das Er- nennnugsrecht der Bischöfe habe? Gegen dieses freie Recht der Kirche erhob sich Kautschitsch: „Die Religionen unterscheiden sich in solche die ein von jeder Staatsgränzc unabhängiges Ccntrum haben, oder nicht; die letzter» sind ungefährlich und dahin gehört die protestantische; die crsteren sind staatsgefährlich, wie die katholische griechische und jüdische. Wenn daher ein Staat bestehen soll so kann er keine Kirche die im Ausland ihr Ccntrum hat unabhängig erklären, denn niemand kann zweien Herren dienen." „Bezüglich der jüdischen Religion", entgegncte Goldmark, „ist der Abgeordnete Kautschitsch im Jrrthum. Daß die Unabhängigkeit der jüdischen Kirche nicht staatsgcfährlich ist folgt schon daraus daß sie kein Vermögen hat; und wenn es wahr ist daß wir auf einen Messias warten so muß er im Jahre 1849 kommen. Sind wir nicht mehr gedrückt so brauchen wir keinen Messias; unsere Hierarchie legen wir gern auf den Altar des Vaterlandes"**). Bezüglich der Minister bestimmte der Z. 43: „Kein Mitglied der kaiserlichen Familie und niemand der nicht österreichischer Staatsbürger durch Geburt ist kann Minister werden." Cavalcabo war für die Weglassung der Worte „durch Geburt", was Brestel mit dem Beisatz unterstützte: „Wir haben schlechte Minister gehabt welche Inländer waren; unter den gegenwärtigen Ministern ist vielleicht der im Ausland gcborne ***) noch der beste." Kautschitsch Laufcnstein Goldmark Ricgcr waren gleichfalls für den Vcrbesscrungsantrag, der aber doch in der Minderheit blieb; denn, wie Goriup meinte, „Ausländer werden wohl nicht leicht aus Patriotismus, sondern aus Eigennutz Ministerstellen annchmen; auch ist es für das eigene Vaterland entehrend sich durch Fremde regieren zu *) Protocollc S. 100 f. **) Am 3. Februar S. 88 s. ***) von Bruck. 284 III. 17. Der „zweite Thcil" des Verfassuugswerkes. lassen" *). Das Schreiben womit der Kaiser jemand mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt, wollte Brcstcl von dem Erfordernis ministerieller Gegenzeichnung ausgenommen wissen. Denn sei einmal ein Minister erschlagen worden so könnten auch alle erschlagen werden, oder sie könnten an der Cholera sterben; auch sei der Fall denkbar „daß einmal alle Minister den Kopf aufsetzen und die Ernennung eines neuen Ministeriums nicht gegcnzeichncn wollen. Ich mindestens", fügte er bei, „würde den weinigen aufgesetzt haben, wenn ich dadurch ein Ministerium Stadion hätte unmöglich machen können"**). 2 * * In der Vormittagösitzung des 26. Februar forderte Pinkas seine Arbcitsgenosscn ans „sich bis zur Vollendung des Constitntionswcrkes für permanent zu erklären, wenn eö auch bis Mitternacht dauern sollte, um in der morgigen Rcichstagssitzung die Vollendung der Constitution ankündigcn zu können". Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Allein mit einem Beisainmenbleibcu bis Mitternacht war es, wie der Erfolg zeigte, nicht abgethan. Es war nicht blos eine ganz stattliche Reihe von Paragraphen noch durchznberathen, darunter einige die der Fünfer- Commission zu neuer Tcxtirung überwiesen worden waren, was bei allem beschleunigten Tempo das man jetzt einschlug die Vor- und Nachmittags- sitzungeu des 26., jene des 27. und die Vormittagssitzung des 28. reichlich ausfülltc; sondern cs waren auch eine Anzahl von inzwischen eingelaufcnen Petitionen zu erledigen und einzelne Frage», über die sich gewichtige Bedenken erhoben hatten, in neuerliche Bcrathung zu ziehen. Rieger sperrte sich zwar gegen eine solche Wiederaufnahme einmal gefaßter Beschlüße: „Die bisherigen Debatten haben mir viel Aergcr verursacht und gewiß mehrere Jahre meines Äbcns gekostet. Ich ließ vieles über mich ergehen weil ich auf Modifikationen rechne und wir unsere Minoritätsvolcn in den Sitzungen und in der Kammer begründen werden. Ich wünsche darum um alles in der Welt keine Wiederholung unserer Debatten" ***). Allein die Mehrheit des Ausschußes war gerade für die Austragung gewisser in der Schwebe gehaltenen Fragen in ihrem eigenen *) 5. Februar S. 109—111. **) 2. Februar S. 85 f. ***) 28. Februar S. 846. Die wälsch-tyrolische Frage noch einmal. 285 Schoße, und namentlich den Deutsch-Tyrolcrn hatte man ja eine nochmalige Prüfung des am 25. Januar gefaßten Beschlußes in Aussicht gestellt. Tnrco legte dagegen Verwahrung ein, Pfrctschner Scholl Hein sprachen dafür. Lasser hob hervor daß jener Beschluß gewiß nicht die kaiserliche Sanction erhalten würde, und Kautschitsch befürwortete eine neuerliche Berathung um so mehr „als Vorwürfe laut geworden sind, der Constitutions-Ausschuß liebäugle mit Carlo Alberto". Bei der Berathung selbst fiel manches hitzige Wort. Tnrco meinte: Tyrol werde nichts dcstoweniger Tyrol bleiben, wenn es auch bei der einmal beschlossenen administrativen Scheidung zwischen Nord und Süd sein Verbleiben habe. „Die Wälsch-Tyroler werden am Landtage in Innsbruck immer in der Minorität sein, zwischen uns und den Nord-Tyrolern ist eine große von beiden Thcilen gleich gefühlte Kluft; wir haben aber kein Mittel uns gegen die Majorität der Nord-Tyroler am Landtag zu wehren. Wir würden schlechter daran sein als früher, wo uns gegen eine Entscheidung von Innsbruck der Recnrs nach Wien offen stand. Was soll aber geschehen wenn der Landtag ein gesetzgebender Körper ist! Ich sage nur, Gott beschütze mein Land vor einem solchen Unglücke. Warum be- harrt man bei dieser unnatürlichen Mariage, welche nur Bastarde hcr- vorbringcn kann?! Sie geben ein Land der Unterdrückung Preis wenn Sie uns nicht von Innsbruck trennen. Ich versichere, die Trennung von Innsbruck ist nicht mehr blos die Hoffnung meiner Landsleute, dieser Gedanke ist schon in unser Blut übergegangen: wie Hütten sich sonst in so kurzer Zeit für unser Begehren 50.000 Unterschriften gefunden, obendrein trotz des Entgegenarbeitens der deutschen Beamten! Sollte übrigens die Entscheidung nicht zu unfern Gunsten ausfaüen so werden wir nicht drohen, nein, wir werden uns den Beschlüßen der Kammer und der Regierung fügen; wir wollen die treuesten Unterthanen von Oesterreich sein, auch wenn unsere Wünsche nicht befriedigt werden." Pfrctschner leugnete die- von seinem gegnerischen Landsmann behauptete ehemalige Sonverainctät des Fürstbisthnms Trient; aber selbst diese vorausgesetzt so rechne man jetzt „beiläufig 320.000 Seelen zu dem selbständig her- znstellenden Wälsch-Tyrol. Dadurch würden aber auch 120.000 Seelen des Rovercdaner Kreises, der nie zu Trient gehörte, als selbständig neu geschaffen und Trient cinverleibt; ich frage, wäre das recht?!" Nach Lasser's Ansicht lasse sich „nur jenen Landestheilen eine provinziale Selbständigkeit zngestehen die bisher ein selbständiges Leben hatten. Auch 286 III. 17. Der „zweite Theil" des Verfassungswerkes. haben wir nirgends die Nationalität als Basis der Ländcreinhciteu angenommen, warum sollte sie hier entscheiden? Turco nennt die Verbindung von Deutsch- und Wälsch-Tyrol eine obwohl unnatürliche Ehe und meint, es könnten nur Bastarde hieraus entstehen. Ich bin den Bastarden nicht so sehr feind; Bastarde sind Kinder der Liebe, die meistens nicht ohne Geist sind. Dixi." Den Ausschlag gab aber wohl das praktische Bedenken des unzweifelhaften Vetos der Krone. „Eine Trennung von Nord- und Süd-Tyrol", rief Hein, „würde die freche Drohung des Todfeindes von Oesterreich zur Wahrheit machen, und schon deshalb allein kann die Krone einem solchen Anträge unmöglich die Sanction geben"; und Mayer warnte: „Wenn wir sonst die Hoffnung haben die Sanction zu erlangen, warum sollen wir um dieser einen Bestimmung willen unser ganzes Werk scheitern machen?" So erfolgte denn die Abstimmung mit Namensaufruf, und gerade nur mit einer Stimme Mehrheit — 12 gegen 11 — wurde der Antrag Pfretschner's zum Beschluß erhoben*). Nicht das gleiche Glück hatte Ratz mit seinem Verlangen daß der Ausschuß das Memorandum der Vorarlberger wegen Selbständigkeit ihres Landes in Erwägung ziehe. Brestel beantragte „Uebcrgang zur Tagesordnung", was mit 11 gegen 9 Stimmen beschlossen wurde. Gegen diesen Vorgang erhob Ratz Einsprache: „Ich bin seit vierzig Jahren Beamter, allein ich glaube man würde mit mir nicht zufrieden gewesen sein wenn ich je einer Partei die Erledigung ihres Gesuches verweigert Hütte." Lasser Cavalcabo und Vacano schloßcn sich dieser Verwahrung an**). Auch die Scheidung Galiziens in einen polnischen und russinischen Thcil wurde nicht beliebt. Scholl berichtete über 35 in diesem Sinne gehaltene Petitionen; darunter jene der ruthcnischen Central-Vcrsammlung in Lemberg und vieler einzelnen Gemeinden mit 21.000 bis 67.000 Unterschriften, „großenthcils und erklärlicher Weise Kreuzzcichen". Sein von dem Ausschüße gebilligter Antrag lautete: der Constitutions-Ausschuß habe „die Gebietseiutheilung nach dem historischen Princip" beschloßen d. h. jedes Land das sich als selbständiger Erwerb darstelle und bisher ein gewisses Sonderlcbcn, namentlich eine besondere ständische Verfassung gehabt, solle in Zukunft eine Einheit im Staate darstellen; das sei aber *) 28. Februar und 1. März S. 350—358. **) S. 359. Vorarlberg — Ost-Galizie» — Bukowina. rücksichtlich des rnthenischen Theiles von Galizien nicht der Fall; auch sei die rnthenische Nationalität durch den A. 21 der Grundrechte hinreichend gewahrt. Acht Petitionen waren um eine abgesonderte provinziale Stellung der Bukowina eingelaufen, über welche Smolka mit dem Antrag refcrirtc denselben zu willfahren. Auch Zicmia-tkowski war dafür: „Ungeachtet die Bukowina mit ihrem Neligiansfond von sieben Millionen und andern Dingen ein sehr anlockender Bissen für Polen wäre, anerkenne ich doch mit der den Polen stets eigenen Gerechtigkeit die Selbständigkeit dieses Landes." Goldmark sprach sich in gleichem Sinne ans, weil er meinte die Walachei werde doch eher von Oesterreich angezogen werden als umgekehrt, und die Bukowina werde einen Magnet für die rumänischen Fürstcnthümer bilden. Der Antrag wurde mit 24 Stimmen gegen 3 — Lanfenstein Hein und Mach — angenommen ">'> . . Wenn man gegen den constitnirendcn Reichstag den Vorwurf erheben hörte daß er vor lauter Sprachen- und Länderhadcr zu keinem gedeihlichen Ende zu kommen vermöge >^°), so ließ sich dieser Vorwurf dem Verfassungs-Ausschuß nicht machen. Es haben da jene Factoren ernste Kümpfe, und nicht ohne mannigfache Ausbrüche der Leidenschaft gekämpft; allein die Mehrheit, welche eine centralistische und deutsche war, hat mit ihrer Macht keinen Misbrauch getrieben, sondern überall eine gewisse Mitte einznhalten gesucht die den Anforderungen der Minderheit nach Thunlichkeit gerecht werden sollte. Befriedigen konnte sic dieselben allerdings nicht, allein diesen blieb die Aussicht ans die Bcrathnng in den Abteilungen und im vollen Hause wo das Stimmenverhältnis ein ganz anderes war. „Wir Vertreter der größeren Länder", hatte am 16. Februar der immer hitzige Rieger ausgernfen, „sind verpflichtet für die Autonomie derselben in die Schranken zu treten. Wir sind zwar im Ausschüße in der Minorität und können von den Vertretern der kleineren Provinzen leicht überstimmt werden. In der Kammer ist dies anders, da werden wir schon die »öthigen Zugeständnisse uns erringen, und erringen wir sie nicht, so werden wir sehen wie wir ans andere Art zu unserem guten Rechte kommen"*). - 2 fl *) S. 223. 288 in. 18. Der Bischof von Przemysl und der Abgeordnete für Tachau. 18. Die Sitzung des 1. März bot zwei merkwürdige Erscheinungen: erstens Stadion ans der Ministcrbank wo er seit 14. Februar nicht zu sehen gewesen war — von den anderen Rüthen der Krone war niemand anwesend — und zweitens den Eintritt eines neuen Mitgliedes, des „Herrn Abgeordneten Karl Kübeck", der mit „allgemeinem Beifall" begrüßt wurde. Eine Curiosität war das Schreiben des Ragnsancrs Androvich ans Wien, der, wiederholt zum Erscheinen in Krcmsier anfgcfordcrt, endlich ganz kategorisch erklärte: er sei von seinen Committenten nach Wien geschickt worden und nicht „in ein kleines Städtchen in Mähren", wohin er sich nie begeben werde. Der Präsident erklärte demgemäß daß das Reichstags- Bureau das Ministerium des Innern um Ausschreibung einer neuen Wahl für Ragusa angehcn werde. Es folgte die Mittheilung Smolka's daß „viele Vertrauens-Adressen aus Böhmen an den Reichstag gelangt" seien (Bravo); es seien ihrer in allem 343 Adressen (Beifall), „verschiedenen Inhaltes, jedoch hauptsächlich nach dem Wortlaute der von Seite der Slovanskä Lipa vorgeschlagen wurde"; ob die Kammer die Vorlesung dieser letzteren Adresse verlange? Vielstimmiger Ruf: Ja, ja! Die Vorlesung der großen vom 22. Februar datirten Adresse der Slovanskä. Lipa fand nun statt und zwar zuerst in böhmischer, dann in deutscher Sprache. Die Adressen, bemerkte hierauf der Präsident, rührten von 732 Stadt- nnd Dorfgemeinden her, 170 davon seien „blos durch ihre Ausschüße und Vorstände unterschrieben; überdies sind aber 40.595 individuelle Unterschriften beigefügt" (Beifall*). Eine Interpellation des Abgeordneten Bogdas für Tarnow betraf die grundherrlichen Verhältnisse, den unerschöpflichen Quell von Klagen und Beschwerden galizischer „Grund- wirthe"; eine ausführlichere Löhner's, vom Abgeordneten selbst verlesen und von großem Beifall begleitet, den Einmarsch der Russen in Siebenbürgen. Nach wenigen geschäftlichen Angelegenheiten des Finanz- und des Ausschußes für Schul- und Unterrichtswescn eröffnetc der Präsident die Fortsetzung der zweiten Lesung der Grundrechte mit der Anzeige daß über den ß. 15 als Redner eingeschrieben seien, und zwar für sechzehn, gegen *) Wortlaut Sten. Aufnahme V S. 252, Verzeichnis der Unterschriften S. 276—278. Sitzung vom l. Mörz 1849. 28!) einunddreißig. Auch eine Anzahl neuer Amcndeinentö lagen vor: von Haßlwanter, von Bischof Wierzchlejski, von Wiscr und Genossen, von Helcel Szaszkiewicz Koszakiewicz Hncmer Schcrzer. Der tz. 15 lautete in der Fassung wie er ans der ersten Lesung der Grundrechte hervorgegangen war, wie folgt: Die Verhältnisse zwischen Staat und Kirche, namentlich in Bezug auf das Kirchenvermögcn und die Wahl der Kirchenvorsteher, sowie die Bedingungen unter welchen Klöster und geistliche Orden fortzubestehcn oder anfzuhören haben, werden durch besondere Gesetze bestimmt. Den Reigen der Redner cröffnete Wiscr gegen den A. 1:5. Er gab zu daß die Kirche Anspruch auf Freiheit habe die der Staat seinerseits nnstrebe. Allein er mäße gestehen daß der Staat, die Gemeinde, jeder Bürger de» gleichen Anspruch haben auch für sich in kirchlichen Sachen emancipirt zu werden, und dabei vertiefte er sich in eine Lobpreisung des Josephinismus der, wie er meinte, wenn er nur im Sinne des großen Kaisers wäre ausgesührt worden, sich keineswegs als eine Anfcindnng der Kirche, sondern als Reinigung derselben herausgestellt haben würde. Der Staat könne innerhalb seiner Gränzen keine Macht über sich haben, die Kirche als Gesellschaft müße also dem Staate untergeordnet sei»; anderseits könne die Kirche was ihre Grnndlehre betreffe keine Einmengung dulden, „nicht sowohl um ihrer selbst willen als vielmehr um der Menschheit und ihres Zweckes willen". In unwesentlichen Dingen hingegen ließen sich Veränderungen vornehmen ohne die Kirche oder den Staat zu gefährden, und sie müßten vorgenommen werden wenn in dem einen Theile solche Umstände einträten die auch auf den andern zurückwirken, wie das jetzt im österreichischen Staate bei dem Uebcrgangc vom Absolutismus zum Cvnstitutionalismus, bei der Statuirnng der Freiheit der Gemeinde, bei der Thcilnahme der Vertreter des Volkes an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten der Fall sei. In Folge dessen müße auch in der Kirche das Recht der Gemeinden und Synoden bei der Wahl der Vorsteher, bei der Bestellung von Organen zur Verwaltung des Kirchenvermögens zur Geltung kommen. Goriup, der erste Redner für den Z. 15, sprach gleichwohl für den Antrag von Wiscr und Genossen der doch angeblich gegen den Z. l5 gerichtet war. - Seine Rede die einen ganz andern Geist athmete als jene vom 21. wo er für die Hochhnltung der Religio» und gegen den H elfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 19 290 III. 18. Der Bischof von PrzemtM und der Abgeordnete für Tacho». Jndiffercntismns gesprochen hotte, war diesmal eine Mnsterknrte von allem was je gegen die Kirche vorgebracht worden war: Excommunication und Jnterdict; Opfer der kirchlichen Disciplin in den „Folterkammern" der Klöster — aus männlichen Klöstern drängen mindestens zeitweise Klagen in die äußere Welt, ans Frauenklöstern aber erfahre man gar nichts! — päpstliche Bannflüche gegen Staatsoberhäupter und Entbindung der Unter- thancn von Treu und Eid die keineswegs zu den verschollenen Erscheinungen vergangener Jahrhunderte zu zählen und die nur an der Riescn- größe Nnpolcon's machtlos abgcprallt seien; Autodafv und Hexen-Pro- cesse, Simonie und Ablaßkrämerei, all das und manches andere wurde bunt durcheinander geworfen um zu beweisen, wie sehr der Staat das „g'n8 oavoncli« brauche und wie wenig er daran denken dürfe das „sns oiroa, saora« prciszugeben. Die Crociati mußten für die Nothwendig- kcit des IMostnm roA'inm hcrhalten, indem sie den Beweis lieferten wie vom Vntican ans, von der geistlichen Macht ein katholisches Volk gegen ein anderes gehetzt werde. Die Kirche habe durch den Josephinismus nur gewonnen und man könne sich der Betrachtung nicht erwehren daß von vielen die Hierarchie nur als Damm gegen demokratische Einrichtungen gewünscht werde. Was wolle man denn thnn wenn die Kirche, wie es schon vorgckommcn, Freiheitsbestrebungen als Sünden verketzere? Oder wolle sich jemand die Wiedereinführung der Jesuiten gefallen lassen? Wolle man die Verwaltung des Kirchenvermögcns in die Hände der Bischöfe legen damit diese daraus bedeutende Summen nach Rom fließen lassen? Es sei übrigens sehr fraglich ob der Staat nicht das Recht habe aus volkswirthschaftlichcn Gründen eine unbcgränzte Anhäufung von Rcich- thümer» in todtcr Hand zu verhindern. Die Klagen der nirgends wie in Oesterreich begünstigten Hierarchie seien übertrieben; eine Emancipation der katholischen Kirche sei nicht zu verlangen weil sie sich nie im Zustande eines innnoi^inm, einer Knechtschaft befunden habe. In die Kirche sei seit Joseph II. viel Licht gekommen: wolle man nnvcrantwortlichcrweise die Gefahr eines neuen Obscnrantismns heranfbeschwören? Wenn ihr die Privilegien deren sic sich in Oesterreich erfreue schädlich und lästig erschienen, so enlschlagc sic sich derselben; cs sei aber sehr fraglich ob die Würdenträger der Kirche sich hiezu entschließen werden. . . Franz X. Ritter von WicrzchlejSki für PrzemlM war der erste Bischof der in dieser Frage daö Wort ergriff, und er sprach als Bischof. Gegen die blos negative Fassung des ß. 15 müße er sich verwahren, sie krünke Anspruch? der katholischen Kirche. 291 das katholische Bewustsein. Allen Staatsbürgern werden Grundrechte gewährleistet, mir das Recht der Kirche werde in der Schwebe gelassen, werde einem Gesetze Vorbehalten von welchem man nicht wisse von wem und wann es erlassen werden solle. Werde es vom Staate getroffen werden ohne Vereinbarung mit dem Obcrhaupte der Kirche, dann werde es die Angelegenheiten der Kirche nicht ordnen, sondern nur verwirren, es werde einseitig und darum ungerecht sein. Was der Episcopat von der Gesetzgebung erwarte seien positive Gewährungen; jedem im Staate werde sein Recht zurückgcgcben, und so müße cs auch die Kirche verlangen. Er sage nicht: „die Religions- Gesellschaft" ; denn nicht jede solche sei eine Kirche. Die katholische Kirche verlange erstens Freiheit der Lehre. Die Lehre des Heilands dürfe nicht innerhalb des Gotteshauses auf die Predigt, die Katechisation, den Beichtstuhl beschränkt werden, oder nur auf die Sonn- und Feiertage, ohne sich zu kümmern ob die Gläubigen dabei erscheinen oder nicht, ob sic daran sich erbauen oder nicht. „Die katholische Kirche ist nicht wie eine Kanzlei die nur zu gewissen Stundeil amtirt, ihre Pforten stehen immer offen, ihre Geistlichen stehen Tag und Nacht den Gläubigen zu Diensten. Und wenn diese ihre Dienste nicht ansprechcn können oder nicht ansprechen wollen, sucht sie das Mutterhcrz der Kirche in ihrem Hanse, in ihrer Wohnung ans und bringt die geistige Hilfe nach Hause um nur dem Aufträge Gottes zu genügen: Gehet hin!" Die Kirche verlange zweitens Freiheit der Liturgie. Alan habe eine Unterscheidung statnirt zwischen jura in saora lind jnra. eiron saora, von denen jene der Kirche zukämen, diese dem Staate. Allein cing'ns in 8aorn gebe es nicht, das komme Gott allein zu, die Kirche sei nur Spenderin der ihr überkommenen göttlichen Geheimnisse; und ein staatliches ,j,i8 oiron sa-ora bestehe nicht, denn nicht der Staat sondern die Kirche habe das Recht über das wesentliche oder unwesentliche im Cultns zu entscheiden. Ein dritter Punkt betreffe die Freiheit der Kirchenzucht. So groß die Macht der Bischöfe in ihrer Diöcese, so sei sie doch nicht unbeschränkt. Der Bischof dürfe nur nach Maßgabe des Kirchengesetzes handeln, er sei an den Rath seines Capitcls gebunden, er habe die Synoden an seiner Seite, den Metropoliten, den Papst über sich. „Hütte der geehrte Abgeordnete für Olmüz*) sich über diese Verhältnisse belehrt, hätte er sich über den Geist der bischöflichen Gewalt von katholischen Schriftstellern, nicht aber von nnswürligen, und hiezu von Feinden unterrichten lassen, so hätte er sich nicht so verletzend k r « » »' 1 , 9 * y Sz-tb?l. 292 in. 18 . Der Bischof von PrzeiiuM nnd der Abgeordnete für Tachau. gegen den Episcopat geäußert, er hätte das zufällige eines Misbrnuchcs van dem Wesen, das individuelle von dem allgemeinen geschieden nnd dem Epis- copate so verächtliche Absichten wie die Vorliebe für den Absolutismus nicht in die Schuhe geschoben. Der Josephinismus ist der verkappte Feind des Katholicismus" (Zischen nnd Murren ans der Linken, das aber vom Beifall im Eentrum überboteu wird*); „denn der Josephinismus war cs der den Absolutismus aus den Boden der Kirche verpflanzen wollte. Er schwächte den Einfluß des Papstes auf die Bischöfe, er entzog die Bischöfe der Aufsicht des Metropoliten, er untersagte jegliche Appellation vom Bischöfe an eine höhere Gewalt, nnd stellte sich dafür zum Gesetzgeber und Richter, ja zum Herrscher in der Kirche auf. Wenn der Episcopat sich jetzt wie ein Mann dagegen erhebt, können Sie das Herrschsucht nennen?" Der Abgeordnete für Olmüz habe erklärt er sei bereit in die Freiheit der Kirche zu willigen wenn diese selbst frei sei von ihrer „Hierarchie", wenn sic sich ihre Verfassung auf demokratischer Grundlage constitnire. Aber die katholische Kirche brauche sich nicht erst zu constituiren, sie habe von allem Anfang an ihre Constitution gehabt. Die Grundlage dieser Constitution sei die Hierarchie; der Kirche die Hierarchie nehmen wollen heiße ihre Lebensader unterbinden, heiße sie selbst zu etwas anderem machen wollen als sic seit achtzehnhundcrt Jahren sei. Die Demokratie wirke von unten nach oben, der Katholicismus von oben nach unten, nicht um über das Volk zu herrschen, sondern um dem Volke ans dem Wege des Heiles zu dienen. Aus diesem Grunde dürfe man auch an dem Verhältnisse der Kirche zu deren Oberhaupt dem Papste nicht rütteln; trenne sich der Katholik vom Papste so habe er aufgehört Katholik zu sein; was das Haupt dem Leibe das sei der Papst dem Katholiken, wie der Baum vom Stamme so werde der Katholicismus vom Papste getragen. Ein weiterer Punkt sei das Kirchenvcrmögcn. Die Verwaltung des Religionsfondes, oder doch die Einsicht in und der Einfluß auf dieselbe stehe der Kirche zu, nicht etwa daß die Capitalicn des Religionsfondes herausgegeben werden sollen, sondern damit die Einkünfte desselben im Sinne der Kirche verwendet werden. Ein gus supromav inspeotiouis lasse sich dem Staate nicht abstrciten; allein dies sei blos negativ, sei nicht gegen die Freiheit sondern gegen den Misbrauch der Freiheit gerichtet. Er stelle sich in dieser Hinsicht die Kirche wie einen Markt vor, die Bürger bewegen sich frei, handeln ruhig, die Polizei ) R. T. Bl. Nr. 58 S. 1V6. >7ns inspevtioni» des Staates. 293 sicht von wcitcin zu ob keine Ucbergrisfc unterlaufen. Auch die Kirche ist ein solcher Markt, habe das Licht der Oeffcutlichkcit nie gescheut, fürchte keine Polizei: nur gegen die Ncberhebuug der Polizei wehre sie sich, gegen die Chicanen von Seite des Staates wenn er dort seinen Eingriff geltend mache wo er nichts zu schaffen habe. Die Kirche verlange keine besondere Freiheit für sich, sie verlange die allgemeine Freiheit; sic begehre keine Vorrechte, ihr Vorzug sei ihre Unfehlbarkeit „und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden". Und man solle nicht glauben daß die Kirche sich gegen den Fortschritt stemme. „Meine Herren, die Kirche versteht ihre Zeit, sie weiß wo der Schuh drückt, sic will sich verjüngen und bebt nicht zurück vor dem Worte Reform (Bravo). Der heilige Vater hat cS 1847 in einem an alle Bischöfe erlassenen Breve über die Klöster ausgesprochen. Aber etwas anderes ist das Messer in der Hand des verständigen Gärtners, und etwas anderes das Messer in der Hand eines ungeübten Gärtnerjnngen (Bewegung). Nur einen Fortschritt wird die Kirche niemals zugebcn, den vom Glauben znm Unglauben der sich der göttlichen Offenbarung cntschlägt, der die katholischen Dogmen für starre Formen erklärt, der die biblischen Thatsachen für Mythen der Vorzeit hält, der den einzigen Gegenstand unserer Verehrung, unserer Hoffnung, unseren Trost und unser Heil, Jesus Christus den Sohn des lebendigen Gottes in eine Reihe mit Sokrates und Hns stellt — einen solchen Fortschritt verwirft und verdammt die Kirche (Bewegung). Es ist kein Fortschritt, es ist ein bcklagcnswcrthcr Rückschritt, weil er das religiös-sittliche Element zerstört, die Lebenskraft des Einzelnen, das Brod der Familie, die Grundlage des Staates. Ist das Fundament schwach so kann auch das Hans nicht fest sei»; man kann daran flicken wie man will, über kurz oder lang wird es zusammcnstürzen" . . . Der hochwürdige Bischof hatte bei zwei Stunden gesprochen*), die Versammlung war seinen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt, hatte sie mit wiederholten „Bravo", die Linke und stellenweise auch die Rechte einzelne Stellen mit „Unruhe" cntgegengcnommcn; als er aber die Tribüne verließ tönten ihm laute Beifallsbczcngnngcn ans allen Thcilen des Hauses zu. Auf den Repräsentanten deS katholischen Episcopatcs folgte als Organ einer gewissen commnnistischen Richtung im unteren Clerns der lat.- kath. Pfnrr-Vicnr Kosznkiewiez für Myslcnicc. Er wolle keine Freiheit Stcn. Auf». V. S. 263—273. 294 18 . Der Bischof von PrzcmyLl und der Abgeordnete für Tacho». der Kirche wie in Ungarn we> die Bischöfe ein enormes Einkommen haben; die Apostel seien arm gewesen, wollten keine Güter verwalten; das sei jetzt nicht der Fall, einige hätten viel und arbeiteten wenig, andere hätten wenig und arbeiteten viel; früher sei der Bischof verpflichtet gewesen seinen Diöcesan-Clerns zu erhalten, das sei jetzt in Vergessenheit gerathcn n. dgl. m. Seine Rede die er mit sarkastischen Ausfällen gegen die Kirchen-Obcrn würzte erntete manches „Bravo", aber noch mehr „Heiterkeit" abwechselnd mit „Zischen". Sein Amendement, das die Kirche ganz unter die Aufsicht des Staates gestellt, die Seelsorger vom Staate besoldet, das Kirchcnvcrmögen vom Staate verwaltet wissen wollte, fand keine hinreichende Unterstützung. In der Sitzung am 2. März, welcher die Minister Stadion und Kraus beiwohnten, erhob sich, nachdem das Haus zwei längere Interpellationen Wildner's über die ungarische Frage und Strnsser's über die Einwechslung der Banknoten nngehört hatte, unter allgemeiner Spannung Feifalik als Vorstand des Eonstitutions-Ansschußcs, von dessen Mitgliedern mehrere mit weiß-roth-goldcnem Bande geziert im Saale erschienen: den lothringischen Farben die man für das Wappen Ncn-Oestcr- reichs gewählt hatte. Sie hatten am gestrigen Tage mit zwölf Stimmen gegen cilf entschieden daß Süd-Throl von Nord-Throl nicht getrennt werden solle, und Feifalik konnte mit den inhaltschwercn Worten beginnen: „Ich fühle mich glücklich dem hohen constituirendcn Reichstage anzuzeigcn daß die Eonstitution im Entwürfe vollendet ist." Lang anhaltender stürmischer Beifall lohnte diese Mitthcilung; denn es war ja als ob die Gcmüthcr von einem Alp befreit würden, von dem Vorwurfe endloser Verschleppung des Berfassungswcrkes der dem Reichstage von allen Seiten in die Ohren tönte! Wohl bedachten die sich selbst beglückwünschenden Abgeordneten dabei nicht, daß ja mit jener Thatsache noch wenig gewonnen sei; daß man das dritte Monat die Grundrechte bcralhc und kaum über die Hälfte der Paragrnphe hinaus sei; daß die jetzt vor- zuuehmcude Abthcilung mehr als doppelt so viel Parngraphc enthalte, von denen jeder einzelne wichtiger sei und größere Meinungsverschiedenheit an den Tag bringen werde als z. B. die Bestimmungen über das Vcr- sammlungsrccht oder die Preßfreiheit. Oder sollte inan, nachdem man jede einzelne Bestimmung der Grundrcchle genau beratheu und jeder Stimme darüber Gehör gegeben, sich über den viel umfangreicheren und weiter- Sitzung vom März 1849. 295 tragenden Rest zu einem summarischen Bcrfnhrcu hcrbcifinde» ? mit einem snlto inoi-tnlc: über die zweite Hälfte der Grundrechte und das gesummte weitere Verfassungswcrk hinübersctzen? dasselbe ohne Bcrnthnng im Hause durch einfache Abstimmung entweder als „souveraincr" Reichstag zum Gesetze erheben oder der Krone als mitwirkendcm Factor zur Bestätigung vorlcgen?! . . Bezeichnend genug daß Vorschläge solcher Art anftnnchtcn und ganz ernsthaft in Erwägung gezogen wurden. Feifalik gab eine kurze Geschichte der Arbeiten des Ausschußes. Seit dem 10. Januar, an welchem Tage das Fünfcr-Comitö seinen Entwurf übergeben hatte, war der Constitutions-Ausschuß in Permanenz geblieben; nahezu ein Halbhnndert Sitzungen sei an dem Werke gearbeitet worden, das nun dem Drucke übergeben worden sei um in wenig Tagen in die Hände der Mitglieder zu gelangen. „Unterziehen Sic den Entwurf einer aufmerksamen Würdigung", so sprach er zuletzt mit Wärme; „cS werden Ihnen dabei jene Partieen nicht entgehen welche als das Resultat heißester Gegcnstrcbnngen und vorläufigen Ucbcreinkoinuiens zwischen den Vertretern der einzelnen Nationalitäten, zwischen den Interessen der größeren und kleineren Ländcreinheiten anznschen sind. Prüfen Sie diesen Entwurf mit aller Aufmerksamkeit, mit aller Strenge, wir wünschen es. Wenn Sic aber die Bcrathungcn hier in diesem Saale beginnen, dann, meine Herren, bitte ich Sie nicht zu vergessen daß sic die Principien eines freien politischen Lebens schaffen sollen, nicht blos für die einzelnen Länder sondern auch für unser gesnmmtes Vaterland an welchem wir mit Liebe hängen (Bravo). Dann bitte ich Sic, meine Herren, nicht zu vergessen daß Sic die Bande weben sollen, fest und »nzerrcißlich, aber nicht verletzend, für die verschiedenen Völkerstämme unter sich und mit ihrem vielgeliebten Kaiser!" (Lebhafter Beifall). . . Den Gymnasial-Kntechelcn aus Jiöin kennen wir bereits. Er gehörte gleich Pilteri zu den gern gehörten Rednern der Kammer, und aus dem gleichen Grnnde, weil man immer versichert sein konnte daß man etwas zum lachen bekommen werde. Es war ein cigenthümlicher Knnzel- und Käthedcr-Mann. Ein volles roth glänzendes Gesicht mit einem großen zahnarmcn Munde, immer zu einem breiten Lächeln gezogen, das die Mundwinkel in fortwährend spielender Bewegung hielt, wozu die kleinen klugen Angen listig und selbstgefällig blitzten und, wenn er in seinem derben Böhmisch- Deutsch sprach, wie nach Zustimmung unter den Zuhörern nmhcrsuchten, mochte er nun von den ernsthaftesten oder von den spaßhaftesten Dingen reden. 206 III. 1. Der Bischof von PrzcmtM und der Abgoordnolo für Tacho». Er war im Grundsätze für die Emancipation der Kirche. „Sollte ich die so oft aufgeworfene Frage ob die Kirche über dem Staate, neben dem Staate, gegenüber dem Staate, in dem Staate oder außer dem Staate steht, mit bestem Wissen und Gewissen beantworten müßte ich sagen: die Kirche steht nicht unter dem Staate als dessen Tochter; denn sie ist nicht ans ihm hervor- gegangcn, sie stammt von Gott, der Herr nennt sic sein Reich. Sie steht nicht neben dem Staate als dessen Gefährtin; denn sie ist das Reich der inneren und ewigen Glückseligkeit, der Staat dagegen der äußeren nnd irdischen. Sie steht nicht gegenüber dem Staate als dessen Feindin; denn sic lehrt ausdrücklich daß es keine Gewalt gibt die nicht von oben kommt und daß jene die da besteht von Gott angeordnet ist. Sie steht, was ihren Zweck betrifft, über dem Staate, gleichwie das ewige heilige unveränderliche höher steht als das zeitliche eitle und vergängliche, gleichwie der Geist des Menschen höher steht als sein Körper. Sic steht als ein äußerer Bcrband in dem Staate: wie sie alle Rechte des Staatsbürgers genießt hat sie anch alle Pflichten des Staatsbürgers zn tragen. Was endlich die erhabensten Bestrebungen der Menschheit betrifft geht sie mit dem Staate Hand in Hand. Deswegen sagte recht gut der Erzbischof Clemens Drvste-Vischcring von Köln, dieser ehrwürdige Vorkämpfer der kirchlichen Freiheit: Beiderseitige Selbständigkeit nnd wechselseitige Freundschaft." Wahrlich, der Bischof von PrzcmtM konnte diese schönen Sätze mit beiden Händen unterschreiben. Aber wenn schon der Eingang von Sidon's Rede mit möglichst vielen und scharfen Hieben gegen den Episcopat, die Hierarchie versetzt war, die er des Absolutismus mehr als den Staat beschuldigte, deren Helfershelfern, geistlichen Räthcn nnd Consistoricn cs nur darum zn thnn sei den übrigen Clerns mnndtodt zu machen: so mußte man, je weiter er in seinen Auseinandersetzungen fortfuhr, sich mit Staunen fragen was denn schließlich von der von ihm an die Spitze gestellten Emancipation der Kirche übrig bleibe? Er verlangte „Umwandlnng der Kirche im constitutionellen Geiste" nnd darum zuvörderst „weise gesetzliche Bestimmungen über das Kirchenvcrmögcn nnd über die Wahl der Kirchen- vorstcher, unbekümmert um die Episcopnts-Adrcsscn, die Consistorial- Cnrrcndcn, um die Sammlungen von Unterschriften ans Petitionen um Beibehaltung kirchlicher nnd pfarrlichcr Grundstücke, um Beibehaltung der Stola, des Zehents und der übrigen pfarrlichcn Grundstücke, mit einen» Wort um Beibehaltung des statns g;no. Meine Herren, sowie in jedem andern Stande gibt cs anch bei uns Riescnzöpfe (Heiterkeit), die bis ?. Johann Sidon. 297 heutigen Tages nicht merken wolle» daß ihr Stündlein geschlagen hat" (Bravo). Darum schreite man an eine gleichmäßige Berthcilung der Einkünfte des Kirchenvermögens als „eine unausweichliche Forderung des Rechtes und der Billigkeit", der längste Caplan erhalte nicht weniger als 400 fl., der höchste Dignitär nicht mehr als 1200 fl. Die Verwaltung der geistlichen Güter werde den Gemeinden zugcwiescn, was den doppelten Vorthcil bringe: daß der Geistliche damit nicht von seinen Pflichten abgezogen und daß dnrch Verpachtung in kleinen Parccllcn dem Pauperismus entgcgengewirkt werde. „Was die Besetzung der Kirchcnstellc» anbelangt, so werden die Herren wohl selbst cinschen daß die bisherige absolute aristokratische Verfassung in unserer Kirche zur alten volksthüm- lichcn Urform, wie cs in den ersten christlichen Gemeinden war, zurückkehren müße; denn das Patronats-Recht setzt die Würde, das Ansehen der Geistlichen herab, ihr gutes oder schlechtes Fortkommen hängt von der Protection, von der Laune ab, nicht vom Verdienste." Dann sprach er von den Klöstern und war gegen deren Aufhebung; denn eine solche Maßregel wäre schädlich und ungerecht weil cs immer Menschen geben werde die einen Hang zur Zurückgezogenheit haben, und weil K. 12 allen Staatsbürgern das Vercinsrccht gewährleistet, insofern Zweck und Mittel der Vereinigung weder rechtswidrig noch staatsgefährlich seien, was von den Klöstern nicht nachgcwiesen werden könne. Dann war er aber wieder für deren Aufhebung. „Wenn die Ordensmänncr mehr in den Straßen und Gassen der Stadt als in den Zellen und Tempeln bei ihrem beschaulichen Leben weilen; wenn die Herren Prälaten und Aebtc in goldbetreßten Equipagen mit Livrcrc cinherfnhrcn; wenn die Herren Chorherren an rcichbesctzten Tafeln sich ergötzen und weltliche Lustbarkeiten besuchen, so ist das wahrlich eine Satyre ans das Gelübde der Armnth, der Zurückgezogenheit und der Selbstvcrlängnnng (Bravo). Wenn sich die unnützen Parademncher, die mit ihrem geckenhaften Wesen manchen Laien überlrcffcn und deren cS bei Ritterorden und bei Stiftern so viele gibt, nicht bequemen wollen einfache Mönche zu werden, so hebe man sic ganz ans." Er schloß mit dem Wunsche daß der constitnirendc Reichstag den Zusammentritt einer constituircndcn Reichs-Synode veranlasse, an der auch Laien betheiligt seien und deren Mitglieder geistlichen Standes von ihren Amtsbrüdcrn gewählt würden, auf Grund einer Wahlordnung nach welcher jeder Priester Wähler und wählbar sei. „Sollte in einer Zeit wo alles was früher gespalten getrennt und zerrissen war, sich zu nähern, zu 298 in. 18 . Der Bischof vo» PrzemlM und der Abgeordnete für Tachau. vereine», zu cvnsviidiren wünscht, sollte in einer solchen glücklichen Zeit nicht cininnl ein leiser Versuch gemacht werden die oft in Folge kleinlicher Zwiste von uns geschiedenen Brüder mit uns wieder zu vereinigen, im Interesse des Ehristcnthums, des christlichen Staates?! (Bravo, bravo.) Diesen Versuch wird jene Synode zu machen haben. Sollte der Versuch auch nicht gleich gelingen, einmal wird cs gelingen und das große Wort unseres göttlichen Lehrmeisters in Erfüllung gehen: Es wird ein Hirt und eine Heerde sein." (Thcilwciser Beifall und Zeichen des MisfallenS.) Nachdem Pcitlcr in einer wenig bedeutenden Rede für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche, jedoch unter der Bedingung einer Reform derselben und der Wiederherstellung der alten Synodal-Vcrfassnng, und im Sinne des Wiscr'schen Eollectiv-Antragcs für die Erlassung eines organischen Kirchcngesctzes durch den constituirendcn Reichstag gesprochen, wurde vom Präsidenten der Abgeordnete für Tachau auf die Tribüne gerufen. Er erklärte nicht für und nicht gegen den Inhalt des Z. 15 sprechen zu wollen, denn derselbe habe keinen Inhalt und „wo nichts ist hat der Kaiser sein Recht verloren"; er gedenke darum „gegen die Jnhalt- losigkeit dcö Z. 15" zu sprechen. Er sei im allgemeinen nicht gegen eine Verweisung in den Grundrechten auf später zu erlassende Gesetze: „Ja ich halte diejenigen Grundrechte für die besten, weil dauerhaftesten, welche die wenigsten, nur allgemeinsten und unerschütterlichen Grundsätze enthalten und das meiste der dem Wechsel der Umstände, der reifenden Erfahrung unterliegenden Ausführung in besonderen Gesetzen überlassen. Allein die Anforderung stelle ich an Grundrechte, daß sie einen Grundsatz enthalten ans daß man wisse woran man ist." Das aber vermisse er im tz. 15, und cs wolle ihm scheinen als habe man Bedenken getragen hier überhaupt einen Grundsatz auszusprcchcn. „Den Grundsatz den man folgerichtig hätte aussprcchcn mäßen, scheint cö wollte man nicht aufstellen, und den Grundsatz den man gern hätte aufstellcn möge», scheute man sich ansznsprechen weil er folgewidrig war. Mit der Farbe heraus! Sind Sie für die Freiheit der Kirche, wollen Sie ihr diejenige Freiheit, keine andere, gewähren als die jeder Staatsbürger genießt, dann setzen Sic diesen Grundsatz an die Spitze des Paragraphen. Wollen Sie das nicht, dann mäßen Sic eben so aufrichtig sein das vffeu auszusprcchcn: wir werden ja dann sehen wie sich das anönchmen wird inmitten der Sätze und Paragraphen die den österreichischen Staatsbürgern jede und alle mit dem StaatSzweckc vereinbarliche Freiheit im Einzelnen, in Vereinen Josephinismus. 299 wie in der Gesnmmtheit gewähren — nur der Kirche nicht." In der General-Debatte habe ein Redner seine Verwunderung darüber geäußert, daß jene die sonst nicht zu den Freisinnigen zählen gerade in der Kirchenfragc für die Freiheit seien. Nun er wolle nicht darauf cingchen „was inan so unter Frcisinnigkeit verstehe und ob etwa dieses Prädicnt etwa nur denjenigen Herren znkominc die das Glück haben auf der linken Seite des Hauses zu sitzen" (Oh, oh). Aber er mäße jene Verwunderung durch eine andere wettmachen, da es doch jedenfalls ebenso merkwürdig sei daß jene die sonst immer zu den „Freisinnigen" gehören nur bei dieser Frage gegen die Freiheit seien! . . Nach einer Geißelung der Jnconscqucnz der Linken die hier alle ihre Grundsätze verleugne und einem besonders scharfen Seitenhicbc gegen „das verehrte Mitglied für dicRoßau"*), kam der Redner aus den Josephinismus. „Der Himmel bewahre mich daß ich an dem Andenken eines Monarchen rütteln sollte dessen Regierung als ein leuchtendes Meteor dasteht in der Geschichte Oesterreichs. ,Wcnn Oesterreich den Namen seines Joseph nicht ehren wollte, die Menschheit würde cs zur Ordnung rufen' (Beifall aus allen Theilcn des Hauses). Aber, meine Herren, der Himmel bewahre mich ebenso sehr daß ich das was Kaiser Joseph für seine Zeit gewesen, für die u n s c r e befürworte. Der Dichter mag singen: ,Ein Despot ist er gewesen, doch ein solcher wie der Tag!' Ich sage umgekehrt: Wie der Tag ist er gewesen, doch er war — Despot. Wissen Sie, meine Herren, was das Josephinischc System war'? Das System des unbedingten Herrscherwillcns der von dem Grundsätze nusging: ,Ein Reich das ich regiere muß »ach meinen Grundsätzen regiert sein'! Das System der schematischen Gleichförmigkeit, das keine Landes-, keine National-Eigenarl schonend, alles nach den Linien eines vorgeschriebcnen Planes behandeln wollte. Das System einer bnrean- kratischcn Viel- ja Allesregiererci von oben. Und dieses System wollen Sie für unsere Zeit befürworten? Doch nein, das wollen Sie ja nicht. Sie wollen ja die Rechte jeder Nationalität gewahrt wissen, Sie wollen der kleinsten Gemeinde freie Bewegung gestatten, Sic wollen nichts wissen von Vielrcgiercrci, von Bcvormundschaftung, von Ausbringen einer Zwnngs- jackc, Sic wollen ja in allen Stücken das Gcgcnthcil vom Josephinischc» System — nur in Absicht auf die Kirche wollen Sic es beibehallcn?! (Bravo.) Aber ich sage Ihnen: Wenn Sic das Josephinischc System für *) Brcftcl. 300 III. l8. Der Bischos von Przemy^l und der Abgeordnete snr Tacho». dic Kirche belassen wallen, dann erhalten Sie es ganz aufrecht, denn cs ist — System! Wollen Sie es aber nicht ganz aufrecht erhalten, dann mäßen Sie cs ganz fallen lassen" (Bravo). Was sei doch wohl der Grund warum man sich von vielen Seiten gegen dic Freiheit der Kirche sträube? Es sei behauptet worden, die Kirche verlange ihre Freiheit blos darum weil ihr vor der unfern bang werde. „Meine Herren, der Kirche wird so leicht nicht bang! Dic Kirche hat in den achtzehn Jahrhunderten ihres Bestandes gar manches dnrchgcmacht! Sie hat in nahezu unserer Zeit einen Mirabeau und Grögoire durchgemacht und bestanden, dic ihr ihr ganzes Vermögen weggcnommcn; sic hat einen Nobcspierrc durchgemacht und bestanden der ihr ihren Gott erst weg- und daun wieder zudccre- dirte; sic hat einen Napoleon durchgemacht und bestanden der ihr sichtbares Oberhaupt in dic Gefangenschaft wegnahm - sic wird dic Philippika des Abgeordneten für Olmüz auch bestehen. Aber cs scheint aus der Rede dieses verehrten Mitgliedes hcrvorzugcheu daß umgekehrt ihm sehr bang wird vor der Macht der Kirche. Meine Herren, das liegt in unserer Hand. Gewähren wir der Kirche was sie als ihr gutes Recht in Anspruch nimmt, dann braucht uns vor ihrer Macht nicht bang zu werden. Denn dann mußte sie ja gegen ihren eigenen Vortheil sein, wollte sie nicht mit Liebe einer Verfassung auhängen, dic ihr dasjenige gewährt was ihr das frühere System mistrauisch und argwöhnisch verweigert hat" (Bravo). Wenn man einweude daß Reformen in der Kirche nothwcndig seien, wer wolle das läugnen? Aber diese Reformen müßten von jenen ausgchcu die dazu berufen seien! „Das Hciligthum der eleusiuischen Geheimnisse dürfen nur Eingeweihte betreten. Wer au eine Reform der Kirche Hand anlegcn will muß vor allem kirchliche Gesinnung mitbringen. Ocki zu-otainun vulKus ot urvoo." Wenn Einige meinen dic Kirche solle zu jenen Einrichtungen zurückkehren die sic in den ersten christlichen Jahrhunderten gehabt, so schaffe man doch erst die allgemeinen Verhältnisse und Zustände wie sic damals bestanden haben! Oder könne es jemand cinfallen zu verlangen daß wir unsere staatlichen Einrichtungen auf jene Form zurückführcn, da unsere Vorfahre» vor tausend Jahren in den hercynischen Wälder» lebten? (Oh, oh.) Was die Kirche unter Hierarchie verstehe sei schon von andern Redner» erläutert worden; „allein auch für das Wort Nltramontnniömuö sei cs erlaubt daß ich gegenüber dem verehrten Abgeordneten für Olmüz, der als Laie gesprochen hat, als Sachverständiger eine Aufklärung gebe". (Ruf von der Linken: Sind Sie Olli >>rofü,num Villen» «t Lreeo. 301 Theolog? „Nein, aber Canonist!") „Die katholische Kirche diesseits der Alpen muß nach ihrer Wesenheit nltramontan sein, da ihr sichtbares Oberhaupt jenseits der Alpen, ultra inontos weilt. In diesem Sinne den Ultramontanismus d. h. das Streben nach dem kirchlichen Einigungö- pnnkte verketzern wollen, das heißt die ganze katholische Kirche diesseits der Alpen angreifen." Daß cs Ucbelständc Mißbrauche Uebergriffc in der Kirche gegeben habe und noch gebe, lasse sich nicht abstreiten. „Die Kirche, obwohl göttlichen Ursprungs, so lang sie auf der Erde wirkt, ist i» der Ausübung eben den Schwächen unterworfen an denen alles leidet was unter der Sonne lebt. Aber, meine Herren, wenn ich auf die eine Wagschale die Uebelstände und Misbräuche die in der Kirche stattfinden, und auf die andere das unabsehbare Unglück lege das hcrcinzubrcchen droht wenn Unglaube und Gottlosigkeit in allen Schichten der Gesellschaft Eingang finden sollten, dann scheue ich mich nicht offen zu bekennen daß mir jenes als das kleinere Uebcl erscheint. Was wir zu fürchten haben ist keine Sündfluth, nicht weil wir zu wenig Sünden haben, sondern weil es nicht genug Wasser gibt; auch keine Völkerwanderung, denn das Geschlecht der wackeren unverdorbenen Barbaren ist ausgcstorben; was uns droht ist ein socialer Krieg, schrecklicher als Völkerwanderung und Sünd- sluth. Dieses Unglück hintanzuhalten vermögen aber nur die sittlichen Schranken welche die Menschen in den ewigen Gesetzen festhalten in denen sich die Gesellschaft von Anbeginn bewegt. Diese sittlichen Schranken aufrecht zu erhalten mäßen wir alles thun und befördern was sittliches Bewustscin, was religiöse Gesinnung kräftigen und unterstützen kann, und dazu wird erfordert daß die Kirche sich frei bewegen, in ihrem Gebiete sich frei entfalten könne. Wenn man in jedem Stücke von der siegenden Kraft der Freiheit das beste erwartet, warum will man nur bezüglich der Kirche aus der Freiheit Uebelstände und Misbräuche herauswnchscn sehen? Ich erinnere Sie an das Wort des edlen Börne: ,Es gibt keinen Menschen der nicht die Freiheit wollte; aber der Gerechte will sie für alle, der Ungerechte für sich allein? Wollen Sic die Freiheit nicht blos für sich, wollen Sie sie für alle, folglich auch für die katholische Kirche!" (Beifall.) Er schloß mit der Verlesung seines Antrages: Die katholische Kirche sowie jede andere nach Zulaß des 13 im Staate bestehende Religions-Gesellschaft ordnet und verwaltet ihre inneren Angelegenheiten selbständig, unbeschadet der Rechte die kraft des Obcraufsichts- und Vcrwahrungsrechtcs 302 III. 19. Schlich der Verhandlungen über die Religion?- n. Kirchen-Frage. dem Steinte oder kraft besonderer Erwerbung dem LandeS- fürstcn znstchcn. Die Bestimmungen der Ausführung dieses Grundsatzes, namentlich in Absicht ans die katholische Kirche, werden auf Grundlage besonderer Vereinbarung mit den dazu berufenen kirchlichen Organen durch das Gesetz geregelt — und verließ hierauf unter „anhaltendem" Beifall die Rcdncrbühnc. Sein Antrag wurde zahlreich vom Ccntrum und theilweise von der Rechten unterstützt Um so ärger hatte er cs bei den Andern verschüttet! Es war als ob sie cs begreiflich fänden wenn ein Abgeordneter aus Throl wie Haßlwanter oder ein Bischof wie Wierzchlejski mit Entschiedenheit für die Freiheit der Kirche eintrctcn; daß aber ein Laie ans dem Husiten- Lande den gleichen Standpunkt einnahm schienen sie nicht verwinden zu können. Das zeigte sich gleich bei Szäbcl der zwar dem Bischof von Przcmysl ganz gehörig den Text las, aber sich doch viel mehr mit dem Abgeordneten für Tachau zu schaffen machte. Er spottete über dessen Naivetät zu glauben man solle die Freiheit an jeden hcrschenken der darum an die Thüre des Hauses klopfe, höhnte ihn als glücklichen, als mnthigen Mann der „die Uebcrgriffc etlicher Bischöfe und des kleinen Häufleins von Ultramontancn die unter der Fahne der Religionsfreiheit kämpfen" nicht fürchte. „Ich als Josephinischcr Katholik", rief er unter dem Gelächter des einen Theiles des Hauses und dem donnernden Beifall des andern, „begreife daß man die Kirche als göttliches Institut innig verehren und zugleich die Auswüchse daran heftig bekämpfen kann." Im übrigen brachte er nichts neues vor, was auch bei der vorangegangencn Behandlung des Themas nach den verschiedensten Seiten kaum mehr möglich war, sprach aber fließend beredt und wirkungsvoll wie das erstemal und erntete von der Linken um so reicheren Beifall, je mehr cs derselben darum zu thnn war den Eindruck der Rede seines Vorgängers zu verwischen. 19. Am 3. März wurde die zweite Lesung der Grundrechte durch eine s. g. gemischte Sitzung d. h. eine solche wo verschiedenartige, meist laufende Geschäfte an die Reihe kamen unterbrachen. Anwesend waren von Ministern, obwohl sie erst etwas später eintraten, Stadion Bach Kraus- Reichstags-Sitzung vom 3. März 1849. 303 Es war über die Wahl-Acte mehrerer neu cingctreteiien Abgeordneten zu berichten, die siimmttich für unbeanstandet erklärt wurden, darunter die des „Karl Friedrich Freiherr» von Kübcck" wie der Berichterstatter beantragte, oder des „Herrn Abgeordneten Karl Knbcck" wie Smolka con- segncnt sagte. Zunächst an die Tagesordnung kam ein Gegenstand der Finanz- Verwaltung. Am 29. Mai 1848, in einer Zeit wo das Geld knapp zu werden anfing, während kein Vcrtretnngskörper da war von welchem sich die Regierung einen Credit erwirken konnte, hatte das Ministerium Pillcrs- dorff die Verfügung getroffen daß die bei den Gerichtsbehörden oft viele Jahre lang todt erliegenden Dcpositcn-Gcldcr als Staatsdarlehen in die ärarischcn Casscn abznführen seien, denen dadurch eine Summe vou nahezu 2,000.000 fl. zu stattcu kam und die dafür Zinsen zahlten was daher für die Parteien jedenfalls von Vorthcil war. Wenn eine Partei unter den obwaltenden Umständen kein Vertrauen zu den Staatsfiuanzen zeigte so stand cs ihr frei das Depositum zurückzufordern, was denn auch in vielen Fällen geschah; und zwar sollte die Herauszahlung in derselben Sorte stattfindcn in der das Geld ursprünglich eingelegt worden war: Papier gegen Papier, Silber gegen Silber, Ducatcn gegen Dn- caten; bestand das Depositum aus Münzsorten die einen besondcru Werth hatten so durfte es überhaupt nicht berührt werden. Es waren übrigens bis Mitte Februar 1849 vou jenen 2,000.000 fl. nicht ganz 143.000 fl. zurückgefordert und ausgezahlt worden, davon etwas über 30.000 fl. in Gold, bei 8000 fl. in Silber, ein Beweis daß die Maßregel die weitaus überwiegende Anzahl der Deponenten nicht beunruhigt hatte. Dagegen war zu Anfang des Jahres 1849 eine Petition von Einwohnern des Strycr Kreises um Aufhebung jener Ministerialen Verfügung beim Reichstage cingclaufen und von diesem am 12. Januar dem Finanz-Ausschuße zugcwicsen worden. Am 30. hatte dieser seinen Bericht dem Bureau übergeben, am 9. Februar war derselbe im Hause verlesen, jedoch über ein Schreiben des Finanz-Ministers daß er der Verhandlung darüber beizuwohnen wünsche, letztere vertagt worden, 20. Februar. Der Antrag der Mehrheit des Finanz-Ausschußes ging dahin: 1. es möge von den Ministerien der Finanzen und der Justiz eine beruhigende Erklärung über die Natur und Tendenz dieser Maßregel an das Publicum und eine genaue Instruction an die Gerichtsbehörden erlassen, und 2. den Petenten erklärt werden daß eS jedem Deponenten ! -" n !« ' fl- ' V - < - 304 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religion^- u. Kirchen-Frage. freistehe sein Depositum zurückzufordern und gegen eine ihm mislicbige Entscheidung des Gerichtes sich nn die Obergerichte, nöthigenfnlls nn das Justiz-Ministerium zu wenden. Der Gegenstand war ein rein geschäftlicher und in diesem Sinne sprachen alle Redner: Bilinski Pra2äk Dylewski gegen, Kreil und Thie- mann, zuletzt Klebelsberg als Berichterstatter für den Majoritäts-Antrag. Nur Schuselkn erklärte, er halte de» Gegenstand für einen Politischen, für ein Bcrtranen das man dadurch der Regierung bekunde, und dieser Regierung könne er ein solches Nertranen nicht zutheil werden lassen. Er hielt nun in seiner zungenfertigen Weise eine der heftigsten Philippika gegen das Ministerium, sprach von allem uud einigem andern, schob die Gräuel der October-Tage der unerwarteten Abreise des Hofes „in Begleitung von 5000 Soldaten" in die Schuhe (wiederholter Ruf: Zur Sache; anhaltcude Bewegung); bezcichnctc die gegenwärtige Lage als einen durch die systematisch durchgeführtc Contrc-Revolutiou geschaffenen Zustand permanenter Revolution, die Politik der Regierung als eine der Rache und der Furcht; ging sehr schlau den Nationalen um den Bart, indem er die pomphaft ausposauutc „Gleichberechtigung der Nationalitäten" als eine „gleiche Knechtung für alle, und zwar Knechtung des einen durch Hilfe des andern Theiles" bezeichnetc (Beifall von der Linken); donnerte gegen das Ministerium das haufenweise Interpellationen unbeantwortet lasse, seine Gegenwart dem Reichstage entziehe und nur von Zeit zu Zeit einen seiner Redner loslassc der in einer Weise spreche „als ob diese Tribüne eine Lehrkanzel und diese Versammlung ein Auditorium von Schülern wäre" (Beifall, Zischen). Letzteres war auf den Abgeordneten für Tachau gezielt, den er dann noch insbesondere ins Gebet nahm weil derselbe das Joscphinische System ein despotisches genannt: wie solle man dann jenes System nennen „nach welchem Oesterreich jetzt regiert — was sage ich regiert? beherrscht, tyraunisirt wird? (Großer Beifall links.) Es ist vielleicht heute wieder einer im Stadtgraben erschoßcn worden!" Er sprach für die Kroaten und Süd-Slavcn die „für ihre beispiellose Hingebung noch bis heute nicht den Lohn empfangen haben für den sie eigentlich kämpften", und schmeichelte den Polen indem er die Stadion'schc „Erfindung der Ruthenen" und den Einmarsch der Russen in Siebenbürgen aufs Tapet brachte, da es die Männer der gegenwärtigen Regierung zur ewigen Schmach dahin gebracht hätte» „daß wir das freie, das constitutionnle Oesterreich mit Hilfe der Kozaken auf Schuselka — Joseph Neumann. 305 bauen sollen" (Stürmischer Beifall von der Linken, Zischen ans dem Centrum und von der Rechten), und erlaubte sich weiter die Unwahrheit als ob Oesterreich cs gewesen das den Congreß von Brüssel verlangt eind sich dessen Ausspruch zu unterwerfen herabgewürdigt habe. Und einer solchen Regierung solle man Vertrauen schenken? mit einer Finanz-Wirtschaft die nicht etwa Papiergeld, sondern schlechte Fetzen von Papiergeld gebrauchen müße und wo es bald dahin kommen werde daß jede Oebstlerin ihre eigenen Münzscheine haben werde, weil selbst schon das Kupfcrgeld zu verschwinden anfange? Wenn das Ministerium in dieser Weise fortfahre könne der Staat nicht für 5 fl., um so weniger für die Depositeu- Gelder Sicherheit bieten! Er schloß mit der Warnung, wenn das Sprichwort sage „Oesterreich sei nicht umzubringen", so werde dieses Ministerium sich den Ruhm erwerben dieses Sprichwort zu Schanden zu machen (Großer anhaltender Beifall von der Linken, Zischen aus den andern Theilen des Hauses). Nach diesen endlosen Ausfällen konnte Joseph Neumann, der sonst gern bei der Sache geblieben wäre, nicht umhin gleichfalls das Gebiet der Politik zu betreten, was er mit gewohnter Geschicklichkeit, aber auch mit gewohnter furchtloser Schärfe that. Wenn der Abgeordnete für Perch- toldsdorf nach den vandalischen Vorgängen am 6. October die Noth- wendigkeit der Abreise des Hofes bezweifle, so könne er die Größe dieses Sichcrheitsgesühles bewundern aber nicht theilen (Bravo). Was die Verhängung des Belagerungszustandes betreffe so erbiete er sich „einen großen, ja den größer» Theil der Bevölkerung Wiens dafür als Zeugen anzurufen, daß die Zustände Wiens wie sie nach dem October eingetreten von ihr als eine Wohlthat, als die einzige Möglichkeit zur Rettung der bürgerlichen Existenz begrüßt worden seien" (Sensation). Den Ausfall gegen den Abgeordneten für Tachau parirte er durch die Betheueruug, er wisse nicht daß jemand, so lang er in diesem hohen Hause zu sitzen die Ehre habe, dasselbe in einer solchen Weise abgekanzelt hätte wie der geehrte Abgeordnete der so eben gesprochen (Lachen). Und ob derselbe denn nicht wisse daß der Congreß von Brüssel keineswegs von Oesterreich berufen worden sei, daß das erste Wort das der Vertreter Oesterreichs dabei gesprochen gelautet habe, daß sich Oesterreich au dem was ihm gehört und was seine siegreichen Waffen dem Verrathc abgerungcn, nicht das geringste werde schmälern und abhandeln lassen?! Auch Baron Kraus der in einer ruhigen und klaren Auseinandersetzung He Isert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 20 306 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religion?- u. Kirchen-Frage. den Stand der Angelegenheit präcisirte, konnte es doch nicht verabsäumen Schuselka entgegenzuhalten was der Kaiser für die Nothleidenden Wiens gcthan, zweimal zu 100,000 fl. unmittelbar nach seinem Regierungsantritte, später 500.000 fl. „So übe Se. Majestät auf den Rath des Ministeriums Rache!" (Beifall, Zischen.) Und was die „Politik der Furcht" betreffe, so könne man, „wenn man die Umstände gehörig erwägt, den Männern die jetzt im Ministerium sind wohl alles andere aber nicht Furcht vorwerfen" i"8)... So wurde denn, nachdem noch der Berichterstatter den Antrag des Finanz-Ausschußes befürwortet und der Finanz-Minister nichts dagegen einzuwenden erklärt hatte, in diesem Sinne mit entschiedener Majorität abgestimmt. . . Schuselka hatte, wie wir gesehen, scharf geladen und sein Knallfeuerwerk augenscheinlich nur zu Gunst und Ehren der Räthe der Krone abgebrannt, deren so viele auf einmal seit nahezu drei Wochen nicht auf den Minister-Sitzen zu sehen gewesen. Warum waren die Minister überhaupt in der Kammer erschienen? Um ihrer constitutionalcn Pflicht zu genügen? So mußte es scheinen da, unmittelbar nachdem die Verhandlung über die Depo- siten-Geldcr geschloßen, Stadion nicht weniger als zehn, Kraus und Bach je vier seit Wochen gestellte Interpellationen beantworteten '"^). Oder war es ihnen, indem sie so thaten, etwa mit darum zu thnn jene Mitglieder des Hauses, gegen welche das Wiener Criminal-Gericht seine Hand ausstreckte, in Sicherheit zu wiegen, um ihrer in der entscheidenden Stunde um so gewisser zu sein? Denn am selben Tage, da die Minister in Kremsier weilten, wurde in Wien mittelst Rathbcschlnßes die Einleitung der Untersuchung gegen Füster wegen Verbrechens des Hochverrathes beschloßen. Als dann Kndlich einen Anlaß ergriff den Finanz-Minister im Vertrauen zu fragen ob für ihn in der nächsten Zeit etwas zu fürchten sei, beruhigte ihn dieser mit der Bemerkung: seitdem die Angelegenheit Kann einen für die Regierung so ungünstigen Verlauf genommen denke letztere überhaupt nicht daran die Auslieferung eines Abgeordneten zu verlangen, man werde die Beendigung des Reichstages abwarten. „Dann allerdings", fügte er bei, „dürfte cs für Sie gerathen sein rasch zu verschwinden, oder lieber gar nicht den Schluß abwarten" 200 ). Auch Stadion scheint nicht dafür gewesen zu sein die Sache aufs äußerste zu treiben. Von andern Seiten war freilich die Bemühung um so eifriger nichts zu unterlassen um der strafenden Gerechtigkeit glatte Wege zu bereiten. Namentlich galt dies von der Militair- Pnrtei, vom Feldmnrschall in Ofen, von Melden in Wien; und selbst Die Minister von Kremsier nach Olmüz. 307 Fürst Schwarzenberg besorgte nichts so sehr als daß die Einzufangenden, obwohl dafür Sorge getragen war sie in Kremsier durch eigens dazu ausgestellte Polizei-Beamte zu überwachen, dennoch „Wind bekommen" und „das weite suchen werden, vor man ihrer habhaft wird". Am 4. hatten die Minister Kremsier wieder verlassen. In den schwarz-roth-goldenen Abgeordnetenkreiscn wurde gemnnkelt, sie gingen nach Olmüz wo eine große Conferenz über die deutsche Frage stattfindcn werde und nebst allen Ministern auch die drei Sendboten aus Frankfurt cintrcffen sollten. Aber auch in den andern Gruppen des Hauses knüpfte man an die vorübergehende Anwesenheit der Räthe der Krone neue Hoffnungen, lobte sich den Constitutions-Entwurf dessen allgemeinen Inhalt nun schon viele kannten, weil er den Centralisten eine starke Reichsgewalt, den Föderalisten landtägliche Autonomie in der Verwaltung zu verbürgen schien, und erzählte sich mit Vergnügen Stadion habe sich geäußert: er würde keinen Anstand nehmen den Entwurf wie er sei zur Annahme zu empfehlen. Dann gab es wieder Zweifler die auf alle diese Zeichen nichts gaben, wobei sie ans den Ton der amtlichen und halb-amtlichen Blätter in allen Kronländern hinwiesen, die in jeder möglichen Tonart das Thema variirten hinter dem Ministerium stehe das Volk, was sich nicht anders deuten lasse als daß die Regierung damit umgehe dem Reichstag ein baldiges Ende zu bereiten. „Sie stecken in den Clubs die Köpfe zusammen" , schrieb Etienne in jenen Tagen nach Leipzig, „gleich einer scheuen Heerde von Schafen und haben nicht einmal den Muth ihr Mandat in Masse niederzulegen"*). * Wenn der Obmann des Constitutions-Ausschußes am 2. März der Kammer mitgetheilt hatte, man sei mit dem Verfassnngswerke zu Ende, so war dies thatsächlich wohl nicht ganz richtig, da auch noch an den beiden folgenden Tagen allerhand zu schlichten war. So kam man in der cilfteu Stunde noch einmal auf die Länder der ungarischen Krone zu sprechen. Die Redactions-Commission beantragte für diesen Zweck die Streichung des Z. 6: „Die Aufnahme eines neuen Kronlandes in den *) Leuchtthurm dir. 10 S. 157. 20 * 308 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religion«- u. Kirchen-Frage. Verband dieser Constitution kann nur kraft eines Reichsgesetzes geschehen." „Ein einiges großes Oesterreich", betonte Mayer, „ist der allgemeine Wunsch; dieser Paragraph aber wäre geeignet die Völker Kroatiens Sla- voniens Siebenbürgens durch die Besorgnis einer Octroyirung von dem Anschlüße an Oesterreich abznhalten." Pinkas war für eine Aendernng in der Stylisirung dieses Paragraphen. Das magyarische Volk sei besiegt, dessen alte Verfassung durch Verrath und Rebellion gebrochen; dieser Thatsache gegenüber sei die siegende Krone im vollen Rechte zu octroyiren; Siebenbürgen habe eine selbständige Verfassung, die Verbindung mit Ungarn sei aus dem Stegreif geschaffen, was die nachträglichen Verwahrungen dagegen bewiesen; die Verhältnisse dieser Länder seien daher nicht gleich und könnten nicht gleich behandelt werden. Brestel wollte den Satz nicht anerkennen „daß die Krone durch einen Aufstand im Lande ihrer Verpflichtungen ledig sei"; er glaube wohl auch daß es zweckmäßig sei wenn alle Länder der ungarischen Krone mit Oesterreich vereinigt werden, allein dagegen müße er protestiren daß die Regierung nur einen Thcil davon zu Oesterreich schlage, das übrige fahren lasse, was eben durch den Z. 6 verhütet werden solle. Er beantragte folgende mit allgemeiner Zustimmung angenommene Formulirung des Z. 6: Die Aufnahme eines neuen Reichslandes in den Verband dieser Constitution kann ohne Zustimmung der gesetzgebenden Rcichsgewalt nicht erfolgen*). . . Allein — wird man auch wirklich zur Ucberprüfung dieses Absatzes, ja überhaupt des ganzen Verfassnngsentwurfes in den Abtheilnngen und zur Vollberathung im Hause kommen?! Böse Ahuuugeu beschlichen wiederholt einzelne Mitglieder des Verfassungs-Ausschußes. Hatte nicht schon am 25. Februar Lasser gestanden daß ihm der Gedanke einer bevorstehenden Octroyirung „nicht erst heute" gekommen sei, sondern schon während seiner letzten Anwesenheit in Wien wo er von ganz gewöhnlichen Leuten habe hören müßen, mit diesem Reichstage sei ihnen nicht gedient?!**) Ganz besonders aber herrschte diese Stimmung in der Ausschuß-Sitzung am 4. März, als Brestel es offen aussprach: „Der gegenwärtige Reichstag hat die öffentliche Achtung verloren, er steht dem Ministerium gegenüber machtlos da!" und Nieger in gleichem Sinne äußerte: „Dieser *) Protocolle S. 361 s. **) Ebenda S. 302. Antrag Haimcrl wegen Beschleunigung des Verfassungswerkes. 309 Reichstag wird, mögen wir es uns nur gestehen, vom Ministerium ge- pudelt; ich wünsche mir nichts sehnlicher als fortzukommen." Das waren die letzten Worte des Abgeordneten für Eisenbrod, der seine Hoffnungen auf den künftig einznberufenden Reichstag setzte . . . '*). Die Redaction des zweiten Theiles des Verfassungs-Entwurfes war im Ausschüße vollendet und genehmigt und wurde vom Vorsitzenden ausnahmsweise sogleich vcrificirt. Adolf Much, der an diesem Tage die Schristführnng besorgt hatte, wurde noch spät abends in die vor der Stadt gelegene Filiale der Staatsdruckerei geschickt, wo die früheren Theile des Entwurfes bereits im Satze vollendet standen, damit so schnell als möglich die ersten gefalzten Exemplare in die Hände der Abgeordneten gelegt werden könnten. Der 4. März war ein Sonntag und folglich keine Sitzung. Am 5. um 3/4 10 Uhr vormittags war man wieder bei der Arbeit und der Präsident begann mit der erfreulichen Mittheilung daß schon morgen der Entwurf der Verfassungs-Urkunde gedruckt sich in den Händen der Mitglieder befinden werde. Es erhob sich Professor Haimcrl aus Prag, Reichstagsabgeordneter für Elbogen, zur Begründung eines von ihm und 140 Genossen eingebrachten Antrages: Die hohe Kammer beschließe, rücksichtlich des Constitutions- Entwurfes von der Bestimmung des ß. 37 der Geschäftsordnung abzugehen und denselben, ohne ihn zur Vorbernthung au die Abtheilungen zu verweisen, sogleich zur ersten Lesung bringen zu dürfen. Der Vorschlag war, wie es aus solchem Munde nicht anders kommen konnte, gewiß ehrlich und aufrichtig gemeint. Der Sache nach war es aber der schneidendste Hohn auf die Hauptaufgabe des constituirenden Reichstages, auf dessen ganze bisherige Gepflogenheit und auf das parlamentarische Wesen überhaupt, wenn, nur um dem Selbstvorwurfe der Versammlung und der drängenden Ungeduld der Völker über die unabsehbare Verzögerung des Verfassungswerkes ein Ende zu machen, von den Vorschriften einer mit Aufwand von so viel Zeit und Mühe zustandegekommenen Geschäftsordnung gerade in dieser wichtigsten und folgenschwersten Angelegenheit abgcgaugen werden sollte. Auch erhoben sich sogleich Rieger und Strobach gegen einen solchen Vorgang; es lasse sich das gewünschte Ziel auch ohne Umgehung der Geschäftsordnung erreichen, wenn man die Sitzungen nach Beendigung der Debatte über den *) Protocollc S. 363 s. 310 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religions- u. Kirchen-Frage. ß. 15 unterbreche, den Entwurf der Verfassung in den Abteilungen ungestört bis zum 13. dnrchbcrathen und auf Grund dieser Verhandlungen am 14. vom Constitntions-Ausschnße die Revision vornehmen lasse, worauf dann am 15. März als dem Jahrestage der Constitutions-Erthei- lnng die erste Lesung des Entwurfes stattfinden könne. Es war auch dies kein corrccter Vorgang; denn er zielte im Grunde ans ein Durchpeitschen des ernstesten Theiles des Verfassnngswerkes binnen wenig Tagen, und wenn Rieger für diesen Zweck vorschlug daß jene allgemeinen Grundsätze die in allen Constitutionen vorkämen, über die Unverletzlichkeit des Kaisers, über die Verantwortlichkeit der Minister und andere, einfach zur Kenntnis genommen und die Oesterreich eigentümlichen Bestimmungen, wie über die Einteilung in Kronländcr, die Zusammensetzung des Reichtages und dergleichen eingehend berathen werden sollten, so war dem entgegenznhalten warum man denn bei den Grundrechten, die gewiß allgemeine in allen Verfassungs-Urkunden vorkommende Grundsätze enthielten, eine solche Abkürzung des Verfahrens nicht für notwendig gefunden hatte? Zuletzt wurde ein Antrag Cajetan Maycr's mit einem Zusatz Brauner's angenommen wie folgt: Der Constitutions-Entwurf hat am 15. März zur ersten Lesung zu gelangen, wofür eine eigene Sitzung anzubcraumen ist. Zu diesem Behnfe ist die Beratung über die Grundrechte mit Schluß der Debatte über Z. 15 und Abstimmung über denselben auszusetzen, und hat die Beratung über den Constitutions- Entwurf in den Abteilungen stattzufinden. Sofort schritt das Haus zur Fortsetzung der Debatte über den Z. 15, für und gegen welchen, wie wir uns erinnern, noch ein kleines Heer von Rednern eingeschrieben war. Der erste war der griechisch-katholische Pfarrer Johann Lomnicki ans Jawora der für eine angemessenere Dotirnng des Curat-Clerns, Aufhebung der Stolgebühren sowie Ergänzung des ans Kirchenmitteln nicht zu deckenden Abganges ans dem Staatsschätze sprach und einen dahin zielenden Antrag auf den Tisch des Hauses niedcrlegte. Pinkas der auf ihn folgte sprach gegen Wierzchlejski und Haßlwantcr — den ihm persönlich befreundeten Abgeordneten für Tachau traf er nur mit einem leichten Ausfall — durchaus im Geiste Szäbel's und ebenso maßlos, wobei er überdies eine seltene Unkenntnis mancher Zustände und Verhältnisse bloslegte. Eine Gesellschaft die der Christus-Lehre zuwider durchaus ans absoluter Gewalt beruhe, eine Gesellschaft deren Oberhaupt außerhalb des Staates sich befinde, vertrage sich nicht mit den Institutionen eines freien Staates. Wenn der Bischof von Przemysl auf den Pfarrer Lomnicki — Pinkas — Dylewski — Borrosch. 311 in der katholischen Kirche bestehenden Jnstanzenzug hingewiesen habe, so handle es sich in Wahrheit nicht so sehr um Instanzen als um Garantien (Bravo). Oder ob man wohl eine Garantie darin finden würde wenn man den Angeklagten Wiens den Jnstanzenzug von Melden an Windisch- Grätz und von Windisch-Grätz an den Zar Nicolaus in Aussicht stellte?! (Anhaltender stürmischer Beifall von allen Seiten.) Der arme Angeklagte wäre im Stadtgraben erschossen, ehe das Urtheil bestätigt zurückkäme! (Bravo.) Was von der Freiheit der Kirche zu halten sei, beweise das Beispiel von Frankreich und Belgien wo sie lang bestehe; ein ungebildeter Clerns und Jndifferentismus sei die Folge davon, ächte Religiosität werde dort vermißt. „Das kleine Belgien hat in zwanzig Jahren an vierhundert klösterliche Institute gegründet: meine Herren, wenn das die Resultate einer freien Kirche sind so verwerfe ich diese Freiheit" (Beifall). Und nichts zu fürchten sei von der freien Kirche? Was wären denn die Scheiterhaufen und Inquisitions-Tribunale? die Kreuzzüge gegen die Albigenser und Waldenser? der Treubruch und schmähliche Mord an Johannes Hus „den edlen Sohn meines Vaterlandes?" (Bravo), die Ferdinand'schen Bluturtheile in Oesterreich und Böhmen? die Ausstoßung der armen Zillerthaler? „Ich mache Sie, meine Herren, schließlich aufmerksam daß in den hier vertretenen Provinzen rund 26.000 Mitglieder des untergeordneten Clerus leben, in ganz Oesterreich 60.000. Meine Herren, diese 60.000 sind unbedingte Unterthanen und Leibeigene des Episcopates, von ihm in jeder Beziehung abhängig; erkennen Sie in dieser Armee nicht die furchtbare Gefahr gegen die Freiheit? Meine Herren, auch dieser noch rechtlosen Menschenzahl muß ihr Recht werden" (Bravo), „und ich hoffe Ihre Weisheit wird das Mittel finden die Gefahren abzuwenden." (Verläßt unter anhaltendem allgemeinen Beifall die Tribüne.) Auch er brachte ein Amendement ein, dessen bezeichnendste Stelle lautete: Dem Staate stehen die bisher ausgeübten Rechte jedenfalls noch so lang zu, bis durch Einführung einer zeitgemäß eingerichteten Synodal-Vcrfassung sowohl den kirchlichen Gemeinden als auch dem gesammten Clerns der gebärende Einfluß auf ihre kirchlichen Angelegenheiten eingeräumt und ihnen namentlich das Recht ihre geistlichen Vorsteher frei zu wählen zugestandcn sein wird. Der Antrag wurde zahlreich unterstützt. Dhlewski sprach sodann für die Freiheit der Kirche, nach ihm Borrosch für eine der Kirche durch den Reichstag zu gebende Synodal- Verfassung, beide nicht ohne hundertmal gesagtes zu wiederholen. Der 312 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religions- u. Kirchen-Frage. eine lobte den Abgeordneten für Tachau, der nur leider in den Conse- qucnzen nicht weit genug gegangen sei; der andere ließ sich in eine weitläufige Belehrung desselben ein wie man, um logisch und conseguent zu sein, Vorgehen mäße; wie man das Josephinische System ganz wollen und doch der heutigen Zeit anpassen könne, nämlich „als das constitu- tional-garantirte System der Geistesfreiheit und der Wohlfahrt des Volkes"; und in fortwährend schulmeisterndem Tone dergleichen grünes Zeug mehr. Wenn ihm daher ein Bravo nach dem andern zutheil wurde, so war es gewiß selbst bei den Linkesten nicht dafür daß er eitel Weisheit predigte, sondern weil er, wie sie meinten, dem gehaßtesten Manne einer ihnen verhaßten Regierung gehörig den Text las . . . Am selben Tage, da auf dem fruchtbaren Boden der Hana über Kirche und Hierarchie, Kirchenvermögen und Pfründen so viel gestritten wurde, ging in der alten Königsstadt Prag der Fürst-Erzbischof Aloys Joseph Freiherr von Schrenk auf Notzing und Egmating in ein besseres Jenseits hinüber. „Nun wäre es an der Zeit", hieß es von gewisser Seite, „den Gehalt des Prager Erzbischofs der mehr als 100.000 fl. Einkünfte hat zu beschränken. Wie viel Capläne und Schullehrer könnten, durch Ver- theilung dessen was unser Kirchenfürst bisher zu viel hatte, eine Verbesserung erhalten!" In der Sitzung vom 6. März — „Auf der Ministerbank: Niemand" — berichtete Smolka den Austritt des Abgeordneten Wenzel Nebesk^ für Be- natek mit dem Beifügen, das Ministerium des Innern werde angegangen werden eine Neuwahl auszuschreiben; gestattete die Verlesung einer Anzahl neu angemeldeter Interpellationen; und schritt sodann zur Fortsetzung der Debatte über den Z. 15 der Grundrechte. Es wurden mehrere neue Anträge gestellt: von dem Abgeordneten Biclecki der in der Kirchcnfrage zuerst gesprochen hatte, von Kaüski und Prato im Sinne der Autonomie der Kirche in deren inneren Angelegenheiten; und zwar von letzterem ohne Beschränkung; vom erstgenannten mit Vorbehalt einer Vereinbarung zwischen Staat und Kirche um „den Staatsbürgern als Glaubensgenossen" einen Einfluß auf die Verwaltung des Kirchenvermögens, das Kirchen-Patronat und die Wahl der Kirchcn- vorsteher zu verschaffen und „gewisse Beschränkungen in Hinsicht der Klöster und Orden" anzubahnen; von Kaüski mit noch weiter gehenden Bielecki — Kanski — Prato. 313 Zugeständnissen an die Liberalen bezüglich der Einflußnahme der Pfarr- gemeinden. Bielecki schritt auch zu einer Begründung seines Antrages, wobei er in scharfer und dabei witziger Weise die Ausfälle Pinkas' zurück- wies. Gegen wen sei diese Glut, diese Entrüstung, dieser Ingrimm gerichtet? „Gegen die katholische Kirche — im Mittelalter! Wenn der Herr- Abgeordnete für den dritten Wahlbezirk Prags seine Standrede vor drei-, vierhundert Jahren in einem Concil als orator ro^ins gehalten hätte; wenn er mit seiner Vertheidigung des Doctor Hns vor den Constanzen Vätern aufgetreten wäre, da würde sie mehr am Platze gewesen sein und vielleicht ihre Wirkung nicht verfehlt haben" (Heiterkeit. Zur Sache!). „Aber die Manen der Gregore, Heinriche und Barbarossen heraufbeschwören um jetzt mit ihnen zu schrecken, scheint mir doch etwas trox tnrä." Mansche die heutige katholische Kirche an! Trete sie noch „im purpurnen Herrscher- gewande des Mittelalters, in gebieterischem Hochmuthe" auf? Erscheine sie nicht vielmehr an der Schwelle dieses Hauses „als eine gebeugte und gedemüthigte Magd" (Bewegung) um jenen Antheil an der Freiheit zu erbitten den die Versammlung allen andern Staatsbürgern gewähre?! Dncks si-Ao tantas nniinis eoolsstibns irns?" Der Abgeordnete für den dritten Wahlbezirk Prags behaupte daß die katholische Kirche die ihr gewährte Freiheit misbrauchen könne, ja misbrauchen werde? Woher wisse er das? Habe er damit schon ein Experiment machen lassen? Und woher habe er die andere Ueberzeugung daß die Bürger die Freiheit, denen er dieselbe mit vollen Händen zu ertheilen gesonnen ist, nicht misbrauchen werden? Bielecki vertheidigte sodann in längerer Auseinandersetzung die Anträge Wierzchlejski's gegen die Entstellungen des Prager Abgeordneten und schloß mit den Worten: „Wollten Sie aber irgend ein Ungethüm von Verbesserungsantrag anuchmen" (Lachen), „dann würde ich Ihnen schon den Z. 15 nach dem Ausschuß-Anträge empfehlen; denn er befiehlt wenigstens nichts und verspricht nichts, sondern läßt alles in der Schwebe" (Heiterkeit). Nach Biclccki's Rede beantragte Neuwall „Schluß der Debatte!" Aber von der Linken ertönte „Nein, nein!" Auch hatte der Präsident dem Abgeordneten Adolph Purtscher, Onnci. Noä., das Wort bereits cr- thcilt, der nun in einer von Bildern und Vergleichen strotzenden Rede den Weg besprach um „den Oesterreicher und Christen von ehedem in den Menschen von jetzt zu übersetzen". Wenn man in die Eingaben der Bischöfe blicke erhalte man den Eindruck „daß leider einen großen Theil 314 III. 19. Schluß der Berhcindlungcu über die Religious- u. Kirchcn-Frage. der s. g. Staatskirche, nämlich den hierarchischen, nicht so sehr jener schlichte Schuh drückt in welchem sie im Weinberge des Herrn arbeiten soll, als vielmehr der souveraine Pantoffel den sie nach wie vor von den warmen Küssen gläubiger Huldigung bedeckt wissen möchte". Der einzig rechtmäßige Organisationskreis der freien Kirche im freien Staate sei die freie Gemeinde; die Kirche brauche sich dessen nicht zu schämen, da sie ja selbst vor achtzehnhundert Jahren mit der Losung: Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit vorangegangen sei. Die Kirche sei nicht mehr die Hierarchie von ehedem mit ihrem 1'sAliso o'sst moi, sondern die Ge- sammtheit der Gläubigen, und darum könnten auch nur die Gläubigen in den Local- und Diöcesan-Gcmeinden als die rechtmäßigen Eigcnthümer alles Kirchen- und Klostervcrmögens angesehen werden. „Mögen das jene wohl bedenken, die im jetzigen Momente das kirchliche Leben zur hierarchischen Mumie machen wollen um es in nntura. zu erhalten, und nur im Geiste Petri zu handeln glauben wenn sie alles pctrificiren." Der schwülstige und übermäßig ausgesponnene Vortrag, der selbst von der Linken nur mit sporadischen Bravos, und bei den.Stellen die gegen den „Herrn Abgeordneten für Tachau" zielten mit „Heiterkeit" und „Lachen" unterbrochen wurde, hatte die Geduld der Versammlung erschöpft, so daß sie jetzt den Schluß der Debatte mit Majorität anuahm, worauf Cajetau Mayer gegen und W. W. Toinek für den Ausschußantrag als General- Redner gewählt wurden, die sich ihrer Aufgabe ohne besondere Theilnahme entledigten. Nach Unterbrechung einer halben Stunde um die Beleuchtung des Hauses zu bewerkstelligen und nach einer mit stürmischem Beifall aufgenommenen Einladung des Präsidenten an die Mitglieder des Hauses, sich am 15. März „um diesen denkwürdigen Tag ans eine feierliche, eine würdige Weise zu begehen" zu einem feierlichen Gottesdienste vor ll Uhr vormittags im Saale einzufinden und von da sich in die Kirche zu begeben, betrat Nieger als Berichterstatter des Constitutions-Ausschußes die Rednerbühue. Es war eine seiner bedeutendsten oratorischen Leistungen, getragen von Geist und vielseitigem Wissen, gewürzt mit Humor und schlagfertigem Witz, aber ebenso reich an Trugschlüßen und Spitzfindigkeiten, und leider nicht frei von den unzartesten Ausfällen gegen Institutionen der Kirche und von höchst verletzenden Anspielungen auf die Persönlichkeit des hohen Kirchenfürsten, der mit so großer Liberalität seine Kremsierer Residenz demselben Reichstage eingeräumt hatte in dessen Namen der Abgeordnete für Eisenbrod das Wort führte. Er begann mit Purtscher — Rieger. 315 einer kurzen Prüfung der zahlreichen zu Z. 15 eingebrachten Amendements, von denen er einige verwarf, andere im Grundsätze billigte und nur auf jenes des Abgeordneten Borrosch nicht weiter eingehen zu wollen erklärte, weil es dieser Abgeordnete nach seiner ausdrücklichen Erklärung nur gestellt habe „um dem Herrn Abgeordneten für Tachau eine Lcction in der Logik zu geben" (Heiterkeit). Dem „Herrn Abgeordneten für Tachau" eine Reihe anderer Lectionen zu geben, sparte der Berichterstatter sich selbst auf; jener weilte, nebenbei bemerkt, zur Zeit nicht in Kremsier, sondern hat erst nachträglich von Freunden erfahren welch vielseitige Gewitter sich am 5. und 6. über sein schuldiges Haupt entluden. Der Abgeordnete für Tachau, sagte Rieger, wünsche trotz der Freiheit der Kirche jene „Rechte" unangetastet zu lassen die „kraft besonderer Erwerbung dem Landesfürsten zustehen". Also solle es mit der Besetzung der Bisthümer gehalten bleiben wie bisher? Solle die Bewerbung um ein Olmüzcr Canonicat noch fernerhin der „gesammten Geistlichkeit der Diöcese offen stehen, unter der Voraussetzung jedoch daß der Candidnt saltsin oräinis s^nostris, wenigstens ritterlichen Standes" sei? (Heiterkeit.) „Soll es auch in Zukunft so gehalten werden daß man diejenigen Prinzen, welche nicht zu Generalen taugen, zu Oberhäuptern der Kirche bestellt? Der Herr Abgeordnete für Tachau der ein so großer Freund der Kirche ist, scheint in diesem Punkte nicht ehrlich für ihre Freiheit zu sorgen" (Bravo). Der Berichterstatter widmete dann seine Aufmerksamkeit den Ausführungen des Bischofs von Przemysl gegen welchen er den Josephinismus in Schutz nahm. Die Josephinische Gesetzgebung habe die Toleranz eingeführt: sei die Kirche etwa dadurch zu Schaden gekommen? Sie habe viele Klöster aufgehoben: seien nicht gerade aus dieser Maßregel durch Begründung neuer Seelsorge-Stationen große Bortheile für die Kirche entsprungen? Sie habe viele Misbränche ab- geschnfft: würde die freie Kirche dies auch gethan haben? „Meine Herren, wenn es ein Land gibt wo die Kirche sich bisher vollkommen frei gefühlt hat, so ist es Italien, insbesondere der Kirchenstaat. Ich kenne die dortigen Verhältnisse des Clerus aus eigener halbjähriger Anschauung, und wenn ich Ihnen die Versicherung gebe daß die Geistlichkeit bei uns nicht blos geachteter, sondern, was mehr sagen will, auch achtenswerthcr ist als dort, so ist dies allein diesem verketzerten Josephinismus zu danken" (Bravo). „Ich will mich nicht eiulassen in den alten Streit über das gus oiroa saara und das gus in saora, ich glaube es ist genug 316 III. 19. Schluß der Verhandlungen über die Religions- u. Kirchen-Frage. wenn man sagt: der Staat habe ein gns in non saora, und von diesen non saors. gibt es in der Kirche sehr viel" (Heiterkeit. Zuruf: Das ist sehr gut!). Der Bischof von Przemhsl beklage sich über die Verwaltung des Religionsfondes durch den Staat: würden die Bischöfe etwa mehr zuwege gebracht haben? Man betrachte das Loos der armen Capläne! Haben die Bischöfe ihnen geholfen? „Trotz ihres Uebcrflußes und der Hunderttausende ihrer Einkünfte hat keiner von ihnen nur halb so viel gethan als dieser grausame Religionsfond" (Bravo). Sei es mit den kirchlichen Gebäuden nicht ebenso? „Kleine verfallene Kirchlein wo der Wind durch das lückenhafte Manerwerk und durch die losen Fenster streift, sie bilden einen grellen Contrast zu den tempelartigen Oekonomic- Gebäuden*) die in bischöflichen Parks angetrosfen werden!" (Bravo, Zischen.) Er wolle, lenkte der Redner nach diesen Zeichen des Misfallens ein, nicht dem Gastrechte nahe treten; es sei ja bekannt daß der Kirchenfürst „der uns die Hallen seines Hauses freundlich öffnete" große Wohl- thatcn spende, allein — und dieser Vorwurf könne ja den gegenwärtigen Fürsten nicht treffen — wahr bleibe es immer daß die Einkünfte der Kirche nicht immer für kirchliche Zwecke verwendet werden: „Ich glaube, meine Herren, Sie werden mir den Beweis erlassen wenn Sie einen flüchtigen Blick auf die Decke dieses Saales werfen". Den Plafond schmückten nämlich Darstellungen aus der elastischen Mythologie, was bei dem größern Theile der Versammlung „anhaltende Heiterkeit und Beifall" hervorrief, während die Besonneneren schwiegen, weil der Redner durch diese abermalige Unzartheit mindestens nicht den derzeitigen Besitzer des Hauses, dessen Räume dem Reichstage dankenswerth geöffnet waren, treffen konnte. Nun kam wieder die Reihe an den Abgeordneten für Tachau. Er wolle Freiheit der Kirche: ja wer sei denn eigentlich die Kirche? „Die Bischöfe sagen: die Kirche sind wir, mit Ausschluß der Seelsorger und Gläubigen. Die Pfarrer sagen: die Kirche sind die Bischöfe und wir, mit Ausschluß der Capläne und der Gläubigen. Die Geistlichen sagen: die Kirche sind wir mit Ausschluß der Gemeinde. Meine Herren, ich bin kein Bischof, kein Professor und kein großer Thcolog, ich halte mich an meinen Katechismus und da heißt es: ,Die Kirche ist die Gemeinschaft aller Gläubigen unter ihrem sichtbaren Oberhaupte in Ronll re. Von den Bischöfen steht da gar nichts" (großer Beifall). Im Laufe y Siehe Bd. III S. 285. der Zeit sei die Trennung des Clcrus von den Gläubigen immer weiter gegangen, und das sei das Unglück der Kirche. Man habe den Satz der dem Abgeordneten für Tachau so sehr gefallen: Olli xrotauuiu vul^us st ai-sso in der Kirche zur Geltung kommen lassen; man habe die Gläubigen in der Kirche behandelt wie die missra soutriiousns plslos in der alten ungarischen Constitution, und die Folge davon sei um sich greifender Jndifferentismus, so daß wir Tausende, ja Millionen Christen haben die es nicht wirklich und im Geiste sind, sondern nur in den Katalogen der Kirche als solche figuriren, daher man sie mit größerem Rechte katalo gische Christen als katholische nennen könnte. „Der Herr Abgeordnete für Tachau hat Ihnen ferner gesagt, das Heiligthum der eleusinischen .Geheimnisse dürften nur Eingeweihte betreten. Ja, meine Herren, wir wollen aber unsere katholische Kirche nicht so behandelt sehen wie die eleusinischen Geheimnisse; die katholische Kirche ist kein mysteriöser Gottesdienst, die Christus-Lehre ist allen Menschen geoffenbart, seine Kirche ist ein freier Tempel der der ganzen Menschheit offen steht" (Bravo, bravo). Der gelehrte Abgeordnete für die Leopoldstadt*) habe auch für die Freiheit der Kirche gesprochen, obwohl er, Berichterstatter, bei aller Aufmerksamkeit die er dieser wirklich glänzenden Rede gewidniet, daraus nicht mehr klug geworden sei „als ungefähr aus einer Interpellations-Beantwortung unseres Ministeriums" (große Heiterkeit, Bravo). „Da lobe ich mir den Abgeordneten für Tachau, der verlangt Freiheit der Kirche, aber mit Anfrechthaltung der wohlerworbenen Rechte des Staates, mit Wahrung des staatlichen Aufsichtsrechtes rc. Daraus folgt mit ministeriell-logischer Conseguenz daß die freie Kirche gleich der freien Gemeinde die Vorsteher vom Staate bekommen müße" (stürmische Heiterkeit). „Aber das genügt nicht: der Staat hat auch die Pflicht die Kirche zu schützen, wie er zum Beispiel die Deputaten schützt, indem er sie einer besonder« Aufsicht unterwirft wenn sie ihre Wähler besuchen" (Heiterkeit, Beifall). „Meine Herren, der Abgeordnete für Tachau will die Freiheit der Kirche halb, ich aber will sic ganz. Er hat gemeint die katholische Kirche habe schon ärgeres und größeres bestanden als die Philippika des Abgeordneten für Olmüz, sie sei stark genug dazu. Meine Herren, die Kirche wird auch stark genug sein den schützenden Arm zu entbehren den ihr der galante Abgeordnete für Tachau angeboten hat" y Professor Dr. Leopold Neumann. 318 in. ig. Schluß der Verhandlungen über die Religions- u. Kirchen-Fragc. (Heiterkeit). „Ja, meine Herren, wir wollen die Freiheit der Kirche, aber nicht wie diese Freiheit in den Eingaben der Bischöfe zu lesen ist. Wir wollen keine Freiheit wie sie im alten Venedig war, die Freiheit der Patricier mit den Bleidächern, dem xouto sosxiri, der boooa cli laons. Wir wollen die Freiheit der Kirche, aber nicht mit geistlichen Nobili, mit geheimen Consistorien, mit der liotg.romg.nu, mit den Priester-Kerkern wie in St. Georg zu Prag und Mürau in Mähren". Man habe nur Petitionen des Episcopates, keine Petitionen vonCaPlanatcn, „und wenn letztere hier wären, sie würden bei der gegenwärtigen Stellung des untern Clerus, bei der absoluten Macht der Bischöfe über denselben nichts beweisen. Meine Herren, wenn ich Nadeckh wäre, so ist mir gar nicht bang darum, ich will Ihnen in vier Tagen eine Vertrauens-Adresse der ganzen italienischen Armee verschaffen, und das will doch viel sagen" (Heiterkeit, Beifall). Das Schlußergebnis seiner Rede war: Freiheit der Kirche, und zwar ganze Freiheit, die aber erst durch ein zu erlassendes Gesetz näher bestimmt werden solle. Wenn der Bischof von Przcmysl frage: wer denn dieses Gesetz zu erlassen habe, so sei es doch selbstverständlich: niemand anderer als die im constitutionalen Staate bestehende gesetzgebende Gewalt. „Wenn man für die Kirche keine Privilegien beansprucht, sie also nur als Privatperson wie andere Associationen betrachtet haben will, so ist es doch sonderbar anzusprechen daß der Staat mit der Kirche einen Vergleich über ihr Verhältnis zum Staate abschließen soll. Wo ist es noch vorgekommen daß der Staat über das Verhältnis von Privaten oder Associationen zu ihm mit denselben einen Vertrag geschlossen hätte?" . . . Nachdem Rieger „unter anhaltendem stürmischen Beifall" die Rednerbühne verlassen, schritt der Präsident an die Prüfung und Aneinanderreihung der zahlreichen Anträge von denen zuletzt der von Wiser und Genossen mit dem Zusatz-Antrag Plaoek-Knöcra in folgender Fassung angenommen wurde: Das Verhältnis des Staates zu den einzelnen Religions- Genossenschaften (Kirchen) ist durch ein organisches Gesetz zu regeln welchem folgende Bestimmungen zurGrundlage dienen sollen: 1. Jede Kirche steht, wie alle Gesellschaften und Gemeinden im Staate, unter den Gesetzen und dem Schutze des Staates — 2. Jede Kirche ordnet und verwaltet ihre inneren Angelegenheiten selbständig — 3. Das Recht die Kirchcnvorsteher durch freie Wahl zu bestellen wird den kirchlichen Gemeinden und Synoden, zu welchen auch die Gemeinden Vertreter senden, eingeräumt — Letzte Worte Smolka's am 6. März 1849. 319 4. Das Kirchenvermögen wird durch Organe, welche von den kirchlichen Gemeinden oder nach Umständen von Diöcesan- oder Provinzial-Synoden zu wählen sind, unter dem Schutze des Staates verwaltet. Bis zur organischen Regelung des Kirchenwcscns auf diesen Grundlagen werden die bisher in dieser Beziehung vom Staate oder von einzelnen Personen ausgettbten Rechte und die denselben entsprechenden Verbindlichkeiten aufrecht erhalten. Es war gegen 9 Uhr abends als Smolka die letzten Worte sprach: „Der Constitutions-Ausschuß tritt noch jetzt nach geschlossener Sitzung zusammen. Die nächste Sitzung wird sein am 15. d. M., die Tagesordnung blos die erste Lesung des Entwurfes der Constitution, und ich ersuche die Herren sich vor 9 Uhr im Saale einznsinden. Die heutige Sitzung erkläre ich für geschlossen." 20 . Am 28. Februar war Legations-Rath Hübner in Wien zurück, wo man ihn mit wachsender Ungeduld erwartet hatte. Er brachte die Ergebnisse jener Verhandlung die er, wie wir uns erinnern, am ersten Schlachttage von Käpolua mit dem Feldmarschall gepflogen hatte. Der Widerstreit des Fürsten gegen den Ministerialen Verfassungsentwurf war ein grundsätzlicher und aus monatelangem Meinungsaustausch sattsam bekannt; am wenigsten glaubte mau auf die Einwürfe und Bedenken, die Windisch-Grätz auch bei diesem Anlasse geltend zu machen nicht unterlassen hatte, jetzt im letzten Augenblicke eingehen zu können; man nahm sie für bedingte Zustimmung und schloß ab. Stadion's Centralismus und Uniformismus, von Schwarzenberg als Diplomaten und Soldaten aus autoritativen, von Bach als Wiener aus Metropolen Beweggründen unterstützt, hatten den Sieg davongetragen; wer im obersten Rathe der Krone den Standpunkt des Fcldmarschalls vertrat, war allenfalls Bruck, aber auch dieser kaum aus voller Seele und Ueberzeugung2°2). Es wurde nun die letzte Hand an das Preßgesetz und jenes über Associationen gelegt, die gleichzeitig mit der Verfassung oder unmittelbar darnach kuud- gcmacht werden sollten. Manifest und Proklamation womit der große Schritt den man vorhatte zu begleiten war, standen noch ans. Während dies in Wien besorgt wurde verfügte sich der Minister-Präsident zum Kaiser, 320 III. 20. Letzte Anstalten zur Octroyirung. 1. März. Am 3. wohnten, wie früher berichtet worden, drei der Minister der Reichstagssitzung in Kremsier bei und fuhren von da nach Olmüz, wo in vollem Minister-Rath die letzte Besprechung der Proclamations- Entwürfe, der Modalitäten der Auslösung des Reichstages, der Kundmachung rc. stattfand. Am 4. März erfolgte die Unterschrift Sr. Majestät des Kaisers, und diese Monatszahl drückte dem folgenschweren Werk ihren Stempel ans. Der Minister-Präsident sandte Tags darauf eine Abschrift des kaiserlichen Manifestes und der von allen Ministern gezeichneten, vom 6. datirten Proclamation an den Feldmarschall, während Stadion und Bach nach Wien abgingen, wo jetzt die Pressen der Staatsdruckerei zu thuu bekamen; alles in größter Eile und dabei im strengsten Geheimnis^). Gleicherweise in aller Stille wurde der Polizei-Obercommissär v. Fclscnthal, der unmittelbar nach Kremsier abzugehen hatte, zum Minister des Innern bcschieden, der ihm die Weisung gab: es solle, nachdem die Auflösung des Reichstages ausgesprochen, im Laufe des Tages nicht das mindeste Aufsehen gemacht, sondern jene die in Kremsier verbleiben würden in der Nacht aufgehoben, jene welche die Eisenbahn benützen würden, während der Fahrt verhaftet werden. Fclscnthal, der von Stadion mit den Worten entlassen wurde: „Sic waren nicht bei mir!", trug die Ueberzeuguug mit sich daß es dem Grafen darum zu thuu war die Beinzichtigten entschlüpfen zu lassen^). Auch in Olmüz wurden Vorbereitungen für das bevorstehende Unternehmen getroffen. Im Laufe des December hatte Radeckh den k. k. Major im General-Quarticrmeister-Stabe Grafen Johann Huhn neuerdings an das kaiserliche Hoflager geschickt der ihn in fortlaufender Kenntnis der Verhältnisse erhalten und für die Armee in Italien auf die höchsten Kreise einwirken sollte. Nun konnte es, wie die Dinge den Winter über sich entwickelt hatten, jeden Tag „unten wieder losgehen"; Huhn war vom Feldmarschall der Posten des Generalstabs-Chefs bei einem der Armee-Corps offen gehalten und der Graf strebte darum rechtzeitig im Haupt-Quartier einzutreffen; auf sein wiederholtes Anliegen hatte ihm aber Fürst Schwarzenberg in der letzten Zeit erwidert: er habe noch ein wichtiges Geschäft für ihn das er niemand anderem anvertranen könne. Am Morgen des 6. nun wurde Huhn zum Miuister-Präsidcnten bcschieden, der ihm mitthcilte was bevorstand, und daß er ausersehen sei die Sache Hand in Hand mit dem Olmüzcr Kreishauptmann Grafen von Mercandin durchzuführen. Schwarzenberg hatte die Berliner und Branden- Stadion — Bach — Helsert. 321 burger Auftritte vom vergangenen Spätherbst vor Augen, die er vermieden wissen wallte. In Kremsier befanden sich zwei Compagnien vom 4. Bataillon des Linien-Jnfanterie-Regiments Kaiser unter Befehl des Majors Baron Doudlebskh von Sternek, eben erst ausgehobene Mannschaft ans dem Kremsierer Bezirk, noch ungeübt und nicht einmal vollständig ausgerüstet; Huhn sollte darum zwei Compagnien ans Olmüz mit sich nehmen. Der gräfliche Major verlangte eine auf wenige Puuktationen beschränkte Instruction, die ihm Fürst Schwarzenberg einzuhändigen versprach; unmittelbar darnach, mit dem Krakauer Nachtzuge, sollte Huhn mit den Truppen nach Hnllei» und Kremsier abgehen. Für den 6. März war der Unter-Staatssecretär Dr. Helfert nach Wien beschicken worden. Kaum dort angelangt empfing er die Weisung sich für den Olmüzer Abendzug auf dem Nordbahuhofe einzufinden. Im Wartsaal gewahrte er den Laudrath Georg Ritter von Mitis und einige jüngere Beamte mit ungeheuren Päcken von Druckschriften die sie unter ihrer Obhut hatten. Stadion und Bach ließen nicht auf sich warten und nahmen Helfert in ihr Coups. Gleich nachdem man über Wien hinaus war sagte Stadion zu Bach: „Wir müßeu jetzt wohl unfern jungen Freund in Kenntnis setzen was im Zuge ist", that dies sogleich in kurzen Worten und fragte was dieser dazu meine. „„Haben Sie in Prag genug Militair?"" fuhr cs dem Unter-Staatssecretär unwillkürlich heraus; denn er kannte die gereizte Stimmung in Böhmen, die Rührigkeit der Slovanskä Lipa, das Treiben und Werben im Lande zu Gunsten des Reichstages. Stadion stutzte: „Wie so?!" Bach thcilte jene Besorgnisse nicht, sagte einige beschwichtigende Worte und brachte das Gespräch auf das Nächstliegende: das Wie dessen was mau vorhatte. Ich wüßte nicht mehr zu sagen ob es bereits in Wien zwischen den beiden Ministern ausgemacht war oder ob cs erst jetzt im Eiseubnhnwaggon festgestellt wurde: Stadion solle mit Helfert von Hullcin nach Kremsier nb- fallcn, während Bach nach Olmüz Weiterreisen würde; in Kremsier werde man den Anhang des Ministeriums einberufcn und selben mit dem vertraut machen was der kommende Tag zu bringen hätte. Es war finstere Nacht als Stadion und Helfert in Kremsier ein- fuhrcn und nllsogleich eine Anzahl Diener in die Wohnungen der gewünschten Abgeordneten ausschickten. Viele lagen schon im Bette, als Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 21 322 III. 20. Vom 6. zum 7. März 1849. sic die Einladung traf: „Se. Erlaucht läßt bitten sogleich zu erscheinen." So war cs 11 Uhr und darüber che die Geladenen zusammentrafen: von Oesterreichern ob und unter der Enns mit Salzburg: Leopold Reumann, Ncnwall, Wildncr, Lasser; von Böhmen und Mähren: Brauner, Pinkas, Thiemann, Cajctan Mayer; von Galiziancrn: Szaszkicwicz, Jachimowicz; von Dalmatinern: Petranoviä; von Tyrolern und Vorarlbergern: Gredlcr, Haßlwanter, Rak und noch ein und der andere^). Nachdem die Eingeladenen, unter denen, wie sich denken läßt, die gespannteste Erwartung herrschte und die sich in Zwiegesprächen in den verschiedensten Vcrmuthungen ergingen, vollzählig beisammen waren, nahm Stadion das Wort und eröffnet«: ihnen den Beschluß Sr. Majestät deö Kaisers den Reichstag aufzulösen und eine Verfassung zu geben die sich ans alle Theilc des Reiches erstrecken sollte; er berief sich aus den Stand der reichstäglichen Verhandlungen, die noch weit von dem Ziele seien zu dessen Erreichung der Reichstag vor mehr als acht Monaten cinberufen worden; ans das Hernnnahen des 15. März, an welchem ein Jahr zuvor die kaiserliche Verheißung einer Constitution gemacht worden und dessen Jahreswende man nicht könne vornbcrgchen lassen, ohne es zu einem Abschlüße in dieser Richtung zu bringen; auf die ungarischen Wirren die dahin drängten durch einen entscheidenden Schritt Klarheit in die Lage der Dinge zu bringen und dem Zustande der Zweifel und des Schwankens, in welchem sich die Vcrfassungsfrage noch immer befinde, ein Ziel zu setzen; auf die Zusammensetzung des constituirendcn Reichstages endlich in welchem die Länder der ungarischen Krone nicht vertreten seien, während cs für diese letzteren doch nicht minder wichtig sei eine feste constitutionale Grundlage zu schaffen und sie in den Rahmen einer Gesammt-Rcichs- verfnssnng cinzubeziehcn. Er setzte dann in allgemeinen Zügen die Hauptpunkte der octroyirten Charte auseinander, empfahl dieselben der Beachtung der Versammelten und bezeichnet«: jene besonder» Gegenstände, ins- ' besondere die Landesverfassungen, rücksichtlich deren sich die Regierung Vorbehalte mit Vertrauensmännern der verschiedenen Länder in den nächsten Wochen Berathung zu pflegen'-""). Der Eindruck den diese Mitthcilung auf die Anwesenden machte war überwältigend, und cs bedurfte einer geraumen Weile ehe sie sich soweit gesammelt hatten um ihre Empfindungen in Worte zu fassen. Diese waren, wenn man nach dem urthcilte was eoraru ^opulo gesprochen wurde, durchaus der ungünstigsten, ja bedenklichsten Art. Mayer Versammlung der Vertrauensmänner der Negierung. 323 Lasser Brauner Piukcis, selbst Haßlwautcr, die nach einander vartraten und sprachen, stellten den Schritt der Negierung als einen von der gefährlichsten Tragweite dar und wiesen als Vertreter ihrer Wahlkreise jede Betheiligung und Verantwortung von der Hand. „Ich habe das Mandat übernommen", rief Pinkas, „für Oesterreich eine freie Verfassung zu votiren; man hat mich nicht gewählt um bei willkürlichen Octroyirungcn zu helfen." Es sei eine sonderbare Zumuthung, meinte er weiter, die Wiederkehr des 15. März als des Tages der Constitutions-Verheißung durch einen Act feiern zu wollen, welcher die Zusagen des 15. Mai, des 2. Juni, des 2. December null und nichtig mache; wolle man nicht länger warten, so lasse sich bis znm 15. Mürz mit dem constituirendcn Reichstage eine Verfassung vereinbaren die dann alle Parteien befriedigen werde. Müßc schon octrohirt werden, äußerte sich Haßlwautcr, so nehme man den rcichstäglichen Entwurf und die Frankfurter Grundrechte, damit werde sich vielleicht das Volk zufrieden geben; im andern Falle werde der Schritt nur Widerstand erregen und die unheilvollsten Verwicklungen in seinem Gefolge haben. Je länger man sprach, desto mehr redete man sich in die Hitze hinein; einer schien den andern überbietcn zu wollen die Folgen eines solchen Staatsstreiches in den grellsten Farben auszumalen: in allen Ländern werde sich das Volk wie ein Mann erheben; der kaum gebändigte Aufstand werde von neuem losbrechcn, ein Bürgerkrieg schrecklicher als je entbrennen; die Gewalt der Waffen werde noch einmal in Anwendung kommen, das Blut in Strömen fließen u. dgl. m. Gewiß war cs in ihrem Inneren nicht Ernst mit dem, was jeder von ihnen in der Gegenwart der Andern zur Schau trug. Mau macht eben in der Politik, wenn man unter die Leute geht, parlamentarische Toilette, wie man im gesellschaftlichen Leben für den Salon den äußern Menschen hcrausputzt. Unter vier Augen war gerade in der letzten Zeit von solchen, die sich jetzt so gewaltig gegen den Entschluß der Regierung anfbäumtcn, ganz anderes zu Horen gewesen. War es nicht dieser da*) der wiederholt im Zwiegespräch mit dem Justiz-Minister geäußert hatte: „Schickt uns nach Hause, zustande bringen werden wir ja doch nichts!" Oder jener dort**) der, ebenfalls im Zwiegespräch, mit aufgehobenen Händen halb Scherz halb Ernst den Grafen Stadion angcrufcn hatte: „Erlaucht, löse» S' uns auf" ! Auch hatte ja die Auflösung des Reichstages nicht bloß *) Pinkas. **) Cajeta» Mayer. 21 * 324 III. 20. Vom 6. zum 7. März 1849. seit langen Wochen in der Luft geschwebt, sondern war unter den Abgeordneten znm täglichen Gespräch geworden, welchem einerseits das auffallende Sichfernhalten der meisten Minister von den Kammerverhand- lungen, anderseits die krampfhaften Anstrengungen der Slovanskü Lipa, den Reichstag durch massenhafte Vertrauensbczeugungen vom drohenden Untergange zu retten, stets neuen Stoff znführtcn. Und nun in der zwölften Stunde — thatsächlich und sinnbildlich — sollte sich, als die unerwartete Berufung in die Ministerränme des fürsterzbischöflichcn Palastes erfolgte, keiner von allen Anwesenden diese Möglichkeit vor Augen gehalten haben, sollten sie auf alles andere: eine wnnschenswcrthe Beschleunigung des Verfassnngswerkes, eine Berathung über einzelne strittige Punkte u. dgl. eher gefaßt gewesen sein als auf einen so „willkürlichen vollkommen unmotivirtcn" Act der Regierung der „das kaiserliche Ansehen nur schwächen müße"?! Von allen Anwesenden waren es nur zwei, Dr. Gredler (Schwaz) und Oberamtmann Thiemnnn (Rumburg), die aus ihrer Befriedigung' über die endliche Lösung der Berfassungswirren kein Hehl machten, obwohl sie ihrer Meinung keinen öffentliche» Ausdruck gaben; und ähnliches äußerte, gleichfalls nur im Vertrauen, Bischof Jachimowicz znm Untcr-Staatssccretür Helfert. Dieser letztere mischte sich nicht in die Debatte. War ihm doch selbst die Mittheilung im Eisenbahuwaggon zu überraschend gekommen um als Redner für den bedeutungsvollen Schritt anfzutreten, während er anderseits für seine Person nicht ganz frei von jenen Besorgnissen war die von Seiten seiner Reichstagsgenossen, obwohl in der übertriebensten Weise, ausgemalt wurden. Gleichwohl ver- theidigte er in einem abseits geführten Zwiegespräche mit Dr. Pinkas, der sich ungemein erregt zeigte, die Maßregel eines Ministeriums mit welchem er sich solidarisch verbunden fühlte, und gab dem aufrichtigen Bedauern Ausdruck welche Folgen es haben müße wenn Männer, die durch ihre Mission berufen seien mit klarem Blick und ruhigem Blut die Lage zu beherrschen, sich selber in solchem Grade von der Leidenschaft fort- reißcn ließen, wie es die gegenwärtigen Verhandlungen zeigten*). Stadion dagegen war sichtlich ergriffen. Seine Natur, die bereits bedenkliche Symptome geistiger Ucberspannung und Abmattung aufwics, wie er denn ruhigen gesunden Schlaf, wenn auch nur für wenige Stunden, kaum kannte, war solchen Stürmen nicht mehr gewachsen. Die Be- Erwiderung an Dr. Adolf Pinkas von Dr. Jos. Alex. Helfert; Wien 19. März 1849 Gerold und Sohn (8°, 20 S.). Neuwall's Vorschläge. 325 rathung war in ein Stadium gerückt wo, bis auf die zuletzt genannten Abgeordneten und Szaszkiewicz der schon in seiner Eigenschaft als Mini- sterial-Beamter keinen Anlaß fand den Schritt der Regierung zu bekämpfen, alle andern den Minister beschworen, er möge seinen ganzen Einfluß aufbieten um die „gefährliche", ja „gesetzlose und rechtswidrige" Maßregel rückgängig zu machen. Uebcr die Frage was dann zu geschehen habe waren die Meinungen getheilt. Während von einer Seite vorgeschlagen wurde, es sollteil die reichstägigcn Vorlagen, sowohl Grundrechte als Verfassung, mittelst kaiserlicher Botschaft den Völkern verkündet werden, worauf der Reichstag freudig und mit Ehren auseinander gehen werde, lehnten andere die Octroyirung in was immer für einer Form ab und beantragten eine Vereinbarung mit dem Reichstage, wenn auch kopfüber; wenn auch in der kürzesten Zeit wo man für die Hälfte der Grundrechte vierzehn Wochen gebraucht hatte; wenn auch mit Beiseitesctzung aller Vorschriften und Vorsichten der Geschäftsordnung, die gerade bei diesem wichtigsten und folgenschwersten aller Acte ohne Kraft sein sollten! In der nächsten Sitzung des Reichstages, so wollte Neuwnll, werde der Reichstag durch kaiserliche Botschaft zur Beschleunigung seiner Arbeit ausgesordert und ihm dafür eine kurze Frist gegeben; derselbe werde dann den ans den Beschlüßen des Constitutions-Ausschußes hervorgegangenen Verfassungs- Entwurf ohne Debatte annehmeu und der Regierung vorlegen; ein aus dem Schoße des Reichstages gewählter mit den nöthigen Vollmachten versehener Ausschuß vereinbare mit dem Ministerium die strittigen Punkte; am 15. März 1849 werde dann die Verfassung kundgcmncht und vom Kaiser beschworen 2»?). * Während dies in Kremsier vorging spielte sich eine Verhandlung anderer Art und in durchaus gelassener Weise in Olmüz ab. Major Graf Huhn hatte sich, dem ihm gewordenen Bescheide gemäß, gegen Abend beim Minister-Präsidenten eingefundeu um sich die erbetene Instruction zu holen. Allein die war noch nicht fertig; der Fürst berieth sie eben mit Bach und Bruck, denen im letzten Augenblicke Zweifel aller Art auf- stiegen, und zwar äußerte der Justiz-Minister Rechtsbedenken wegen der durch die Polizei vorzunehmendeu Verhaftung der Compromittirten, der Handels-Minister Einwendungen in constitutionaler Richtung über den Vorgang bei der Auflösung. So wurde uuter auderm erwogen ob cs III. 20. Vom 6. zum 7. März 1849. ' ' il l' . , ..U !' >!t d - j- !* > . 326 nicht gerathencr wäre die bezüglichen Druckschriften jedem einzelnen Abgeordneten znzuschicken und den Präsidenten zur Einberufung einer Sitzung aä Iwo aufzufordern, wo die Verfassung als Ganzes zur Abstimmung und Annahme vorgelegt würde?! Darüber verging eine halbe Stunde nach der andern; der Zeiger an der Uhr ging auf 1t Uhr los wo der Prager Zug Olmüz passirte. Graf Huhn, der nun keinen Augenblick zögern durfte um mit dem Morgen an Ort und Stelle zu fein, erbat sich unverweiltes Gehör und trat mit der Erklärung unter die Minister: „Ich verzichte auf eine Instruction, wenn mich Euer Durchlaucht genau und bestimmt über einige Punkte aufklären wollen. Erstens: Ist es des Kaisers Wille und Befehl daß der Reichstag aufgelöst werde?" Gewiß! „Zweitens: Ist dem Reichstag zu gestatten noch einmal zu einer Sitzung zusnmmenzutretcn?" Unter keinen Umstünden! „Drittens: Ist sonst in Kremsier oder im Weichbilde der Stadt eine Versammlung von Abgeordneten zum Zwecke von Adressen oder Protesten u. dgl. zu gestatte» ?" Ebenso wenig! „Ich danke Euer Durchlaucht, ich habe die Instruction die ich brauche und werde darnach handeln!" Ungefähr um 1 Uhr nachts, während die beiden von Olmüz mitgenommenen Compagnien von der Eisenbahn-Station Hullein nach Kremsier marschirten, langten Mercandin und Huhn in den Appartements Stadion's in der erzbischöflichen Residenz ein und waren sehr erstaunt zu vernehmen daß sich der Minister in lebhaften Verhandlungen mit mehreren Abgeordneten befinde; sie zogen sich, weil niemand von ihrer Anwesenheit etwas wissen durfte, in Seitengemächer zurück und warteten den Schluß der Berathung ab. Es war gegen die dritte Morgenstunde des 7. März als die Versammelten auseinandergingen, nachdem ihnen Stadion das Versprechen abgcnommen hatte über das was vorgefallen bis zur Entscheidung unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten, wogegen er ihnen zusagte sich ohne Aufenthalt nach Olmüz zu verfügen und für eine Aenderung der dort gefaßten Beschlüße zu wirken. Nachdem alle bis auf den Hausherrn und Helfert fort waren, trat der Major aus seinem Cabinete hervor. „Was machen Sie hier?!" fuhr ihn Stadion in seiner Erregtheit an. „„Euer Erlaucht wissen wohl daß morgen der Reichstag aufgelöst wird und dazu bin ich hier!"" „Das kann nicht sein! Ich werde das auf die beste Weise machen. Ich habe mich eben der Zustimmung der Abgeordneten versichert daß sie die Verfassung en dloo annehmen werden. Eine Ge- waltmaßrcgel ist daher nicht nothwendig und sehr gefährlich." „„Das Stadion und Helfert nach Olmnz. 327 mögen sehr richtige Ansichten sein; allein ich habe ganz bestimmte Weisungen van denen ich nicht abgehen kann, es wäre denn Fürst Schwarzenberg besetzte es."" Stadion erklärte daß eö ohnedies seine Absicht sei unver- weilt nach Olmüz zu fahren und dort mit dem Minister-Präsidenten zu sprechen. Dann sei die Sache sehr einfach, versetzte Huhn; der Postwagen mit dem er von Hnllcin gekommen stehe im Hofe und könne gleich zur Fahrt nach Olmüz benützt werden; Fürst Schwarzenberg möge dann telegraphisch seine Befehle geben nach denen er, Huhn, sich richten werde 20«), Während dieses Gespräches war Graf Mercandin, der sich in der Zwischenzeit einem kurzen Schlummer hingegcben hatte, herausgekommen, welchem der Uuter-Staatssccrctär, nachdem er von den militairischen Vorkehrungen für den Morgen vernommen hatte, im Abgehen dringend ans Herz legte alle mögliche Vorsicht und Schonung walten zu lassen. Fort ging es nun in die finstere Nacht hinein auf der Straße nach der mährischen Hauptstadt. Wohl mochte Stadion, der, ungleich seinem jüngeren Begleiter, ans der ganzen Fahrt gewiß kein Auge schloß uud dessen fieberhafte Erregung allmälig ruhigeren Gedanken Raum gönnte, sich das unerquickliche, weil völlig aussichtslose, einer Vermittlung klar gemacht haben zu deren Ucbcrnahme er sich, von allen Seiten gedrängt und bestürmt, in einer heißen Stunde hatte bewegen lassen. Es wurden wenig Worte gewechselt als Stadion und Helfert — es mochte lP/2 Uhr morgens sein — in Olmüz vor Bach's Wohnung ausstiegen, den sie in tiefem Schlafe fanden. Vom Diener mit einer Kerze versehen traten sie an das Bett und Stadion setzte dem Aufgcwachten in kurzen Worten, aber durchaus nicht im Tone jener Ueberzeugnng in welchem er anderthalb Stunden früher za dem Grafen Huhn gesprochen hatte, das Ergebnis der gepflogenen Berathung auseinander »nd knüpfte daran etwas unsicher die Meinung daß man wohl die Angelegenheit in diese Fährte leiten könne. Bach, halb schlaftrunken, machte große Augen, ergriff Stadion's Hand wie um ihm den Puls zu fühlen, sagte daun: „Euer Erlaucht werden am besten wissen daß sich jetzt nichts mehr ändern läßt", wünschte den Beiden „gute Nacht" und legte sich auf die andere Seite um weiter zu schlafen. Stadion und Helfert fuhren unmittelbar darauf in das Telegraphen- Bnrcau; die Depesche die sie nach Kremsier richteten enthielt drei inhnlt- schwere Worte: „Es bleibt dabei." * * * 328 III. 20. Vom 6. zum 7. März 1849. Die Einberufenen der-Nacht von 6. zum 7. hatten dem Grafen Stadion die Zusage, von dem um was es sich so eben gehandelt hatte fürs erste nichts verlauten zu lassen, um so bereitwilliger gemacht als ihnen ja seinerseits das Versprechen gegeben war die in Wien und Olmüz beschlossene Maßregel rückgängig zu machen. Auch scheint jene Zusage im allgemeinen gewissenhaft eingehalten worden zu seines), wenn es auch nicht ansbleiben konnte daß die nächtliche Vorladung einer so großen Anzahl von Abgeordneten in einer kleinen Stadt Aufsehen machte und zu allerhand Muthmaßnngen Anlaß gab. Eine dieser letzteren ging dahin daß wohl jetzt mit den gerichtlichen Schritten gegen gewisse Abgeordnete Ernst gemacht werden solle und daß sich der Minister dafür seines Anhangs im Hause versichern wollte. Als dann um 6 Uhr morgens eine Abthcilnng Truppen unter Trommelschlag in die Stadt einmarschirte stieg eine andere Vermnthung auf: man wolle vielleicht, da in der letzten Zeit so viel von der unter den Hanaken wegen der Judenfrnge zunehmenden Aufregung die Rede war, den Reichstag gegen Bedrohungen sicherstellen. Die Truppen, zwei Compagnien Mnzzucchelli-Jnfanterie aus Olmüz, nahmen ihren Marsch gerade zur erzbischöflichen Residenz wo Major Huhn, obwohl die Antwort aus Olmüz noch nicht eingetroffen war, ohne Verzug seine Anstalten traf. Das große Eingangsthor sollte mit einem Flügel offen bleiben, dazu ein rückwärtiger Seitenausgang zu welchem man aus den Reichstags-Kanzleien gelangte. Huhn ließ die 23. Compagnie in das Innere der Residenz marschiren, wo nur die Zugänge zum Präsidial- Bureau und von diesem zum reichstäglicheu Polizei-Amt und zur Reichs- tags-Casse offen blieben, alle anderen Gänge und Thüren aber, namentlich die in den Sitzungssaal und in die verschiedenen Ausschußzimmer führenden, mit Posten von mehreren Mann besetzt wurden die den gemessenen Auftrag hatten unter keinen Umständen jemand Zutritt zu gestatten; der Rest der Compagnie war im Hofe in Bereitschaft gehalten. Die 24. Compagnie beorderte Huhn in die Caserne aus welcher von 8 Uhr ab Streif- wachen durch die Gassen der Stadt entsendet werden sollten. Auch vor dem städtischen Postamt wurde ein Posten aufgestellt. Alle diese Vorkehrungen waren bereits getroffen, als gegen 7 Uhr das Olmüzer Telegramm einlangte. Um dieselbe Zeit arbeitete Smolka, noch nicht angekleidet, bei Lampenlicht in Reichstagsangeicgenheiten; das letzte in seiner Eigenschaft als Smolka »nd Graf Mercandin. 329 fnngirender Präsident von ihm Unterzeichnete Geschäftsstück war die kurze in polnischer Sprache abgefaßte Antwort ans die Vertrauens-Adresse der Prager Studenten. Ein Herr wurde angcmeldct, dessen Angelegenheit keinen Aufschub leide; es war Graf Mercandin der Smolka „im Aufträge des Minister-Präsidenten" ein stattliches versiegeltes Pnguct überreichte und ihn ersuchte, im Sinne der Papiere die er darin finden werde zu handeln. „Kennen Sie den Inhalt dieses Pnquets?" fragte Smolka, nachdem er das kaiserliche Manifest überflogen. „„Ich bin von allem unterrichtet."" „Was wünschen Sie also, Herr Graf, daß ich thun soll?" „„Ich bin beauftragt an den Präsidenten des Reichstages die Bitte zu richten das kaiserliche Manifest zu verlautbarcn und zu vollziehen."" Smolka blickte noch einmal in die Papiere und erklärte nach einer Pause, er sei nicht in der Lage diesem Verlangen zu entsprechen; der Reichstag sei einbcrufen Oesterreich eine Verfassung zu schaffen; bevor er diese Aufgabe erfüllt könne er ebensowenig durch einseitigen Beschluß der Krone aufgelöst als von dieser eine Verfassung octroyirt werden. „„Was gedenken Sie also zu thun?"" „Ich werde eine Sitzung des Reichstages einbernfen und demselben die erforderliche Mitthcilung machen." „„Das dürfte wohl nicht angchen."" „Und warum nicht?" Mercandin bat Smolka an ein Fenster zu treten von welchem man gegen die erzbischöfliche Residenz sah; alle Zugänge zum Sitzungssaal seien militairisch besetzt, erläuterte der Vertrauensmann des Ministeriums, und die Soldaten hätten die Weisung jedem Versuche in den Sitzungssaal ciuzudringeu Widerstand entgcgenzusetzen. „„Ich wiederhole demnach, Herr Präsident, den mir gewordenen Auftrag und bitte mir zu sagen ob Sie demselben zu entsprechen gedenken."" Smolka wünschte sich mit den Mitgliedern des Bureaus zu beratheu; diese eiuzubcrufcn könne keinen laugen Aufschub verursachen, da sic in den frühen Morgenstunden sicher zu treffen seien. Mercandin willigte ein und begab sich in ein Nebenzimmer um das Ergebnis der Berathung nbzuwarten. Es erschienen von den beiden Vice-Präsidcuten Kudlcr, von den Schriftführern Wiser und »och einer, dann Lasser. Lasser sprach dafür daß dem au den Präsidenten gerichteten Verlangen entsprochen werde; er blieb aber mit seiner Meinung allein. Ein Vorschlag der von anderer Seite anftauchte — Wiser? — der Präsident solle den Reichstag nach einem andern Orte einbcrufen, konnte nach dem, was sich ein Vierteljahr früher mit der preußischen Nntional-Versammlung begeben hatte, noch weniger Zustimmung 330 III. 20. Vvm 0. zum 7. März 1849. finden. Smolka ersuchte den Grafen einzutretcn. „Ich vollziehe den Auftrag den Sie mir im Namen der Negierung überbracht haben n i ch t, ich pnblicire das Manifest nicht, um nicht meinerseits an einem Acte theil- znnchmen den wir für einen ungesetzlichen halten. Wir weichen der Gewalt!" 2u>) In der Zwischenzeit schwirrten allerhand Gerüchte durch die Stadt, allein gewisses wußte man in der Mehrzahl noch immer nicht. Biele Abgeordnete eilten in das Schloß und gewahrten den großen Hof in ein Feldlager umgewandclt, Soldaten hier Soldaten da, den beiden Seiten entlang die Gewehre in Pyramiden zusammengestellt. Den eintretendcn Abgeordneten wurden von dem wachthabenden Officicr Passir-Scheine cingehändigt. Sie schritten die Treppen hinan um in den Sitzungssaal zu gelangen, fanden aber die Zugänge zu demselben von starken Posten besetzt, die jedem der passiren wollte mit gekreuzten Flintenkolben den Eintritt wehrten. So war es auch vor den Räumen wo die Abtheilungen und Ausschüße des Reichstages zu verhandeln pflegten, vor jenen des Redactions-Bureaus der stenographischen Berichte; die von dem ersten Stockwerke in das zweite führende Treppe war durch ein Piqnet von 25 Mann abgesperrt. Nur der Zugang zum Vorstands-Bureau blieb frei, wo sich allmälig immer mehr Abgeordnete einfandcn die ihre Muth- maßungen über diesen unerwarteten Stand der Dinge aussprachcn. Die Auflösung des Reichstages kam wohl auch in Frage, allein man wollte nicht glauben daß sie in solcher Form stattsinden könne. Erst die späteren Ankömmlinge brachten die Lösung. Nach der entschiedenen Weigerung Smolka's sich an der Kundmachung des kaiserlichen Manifestes zu betheiligeu, mußte Mercnndin dieselbe unmittelbar iu seine Hand nehmen, und so eilten seine Diener um das Manifest an dem geschloßenen einen Flügel des Hauptthores der erzbischöflichen Residenz wo es jedem Ankommenden gleich in die Augen fallen mußte, sowie im Innern derselbe», dann an den am meisten begangenen Punkten der Stadt nnzuschlagen. Exemplare der oetroyirtcn Verfassung sowie- deö Robolentschädigungsgesetzcs gelangten in das Vorstands-Bureau wo sic die anwesenden Abgeordneten unter sich anStheiltcn. Das kaiserliche Manifest vom 4. März 1849. 331 21 . Jene die der vorausgcgangenen nächtlichen Berathung beigewohnt hatten fanden in der Ansprache des Kaisers an seine Völker den Hauptgrund wieder, den Stadion für die Nothwendigkeit der Auflösung in den Vordergrund gerückt hatte. Nachdem das Manifest auf „die siegreichen Fortschritte Unserer Waffen in Ungarn" hiugewicsen, hieß es weiter: „Eine Verfassung welche nicht blos die in Kreinsier vertretenen Länder sondern das ganze Reich im Gesammtvcrbande umschließen soll, ist es was die Völker Oesterreichs mit gerechter Ungeduld von Uns erwarten. Hiedurch ist das Verfassungswerk über die Gränzen des Berufes dieser Versammlung hinausgetreten." Doch in der Einleitung waren noch andere aus dem Charakter lind der Haltung des Reichstages selbst geholte Beweggründe angeführt, die Stadion seinen Reichstagsgenossen gegenüber schonend verschwiegen hatte. Es sei der Wille des Kaisers „die Revolution zu schließen", was mit dem Fortbestände dieser Versammlung „trotz der höchst achtbaren Elemente die sie enthält" nicht zu erreichen sei. Namentlich hätten „Erörterungen aus dem Gebiete der Theorie, welche nicht blos mit den thatsächlichen Verhältnissen der Monarchie im entschiedenen Widerspruche stehen, sondern überhaupt der Begründung eines geordneten Rechtszustandes im Staate entgegcnstehcn, die Wiederkehr der Ruhe, der Gesetzlichkeit und des öffentlichen Vertrauens in die Ferne gerückt, bei den wohlgesinnten Staatsbürgern trübe Befürchtungen erzeugt und der durch Gewalt der Waffen zu Wien eben erst geschlagenen, in einem andern Theile Unseres Reiches noch nicht gänzlich besiegten Partei des Umsturzes neuen Muth und neue Thätigkeit verliehen". Auch die Verschleppung des Verfassungswerkes durch die endlosen Verhandlungen über die „Grundrechte" wurde betont, was die Erwartung getäuscht habe „daß diese Versammlung, die gegebenen Verhältnisse des Reiches im Auge haltend, die ihr übertragene Aufgabe ehebaldigst zu einem gedeihlichen Ergebnisse führen werde". Es waren harte Anklagen, deren Triftigkeit doch jeder unbefangene Außenstehende anerkennen mußte. Den Abgeordneten selbst, obwohl sie sich untereinander das gleiche wiederholt bekannt haben mochten, fielen jene Sätze jetzt mit doppelter Schwere ins Gewicht und sie bedurften einiger Zeit um sich von der ihnen gewordenen Ucbcrraschung zu erholen. 332 III. 21. Auflösung des coustituircudeu Reichstages. Dann trat der Ernst der Thatsache vor ihre Seele: die Papiere die sie in den Händen hielten waren — der Abschied. Es kam allen hart an und mehr als einem brachen die Thränen hervor als sic den Genossen Hand und Mund reichten. Die Partei machte in dieser letzten Stunde keinen Unterschied mehr; von der Rechten und von der äußersten Linken, Deutsche und Böhmen oder Polen, selbst Nord- und Süd-Tyroler fielen einander in die Arme und drückten sich in überwallender Rührung an die Brust. Die einen tauschten gegen einander Karten oder kleine Andenken ans, andere sammelten ans Bogen die Unterschriften ihrer Mitkämpfer durch so lange Monate. Es waren ergreifende Auftritte die jedem der Theilnehmer mit tiefem Eindruck hasten blieben. Aus dem Vorstands-Bnrcan führte der Weg zur rcichstäglichen Cassa wo ihnen die fälligen Diäten und die gebärenden Reisegelder, von da zum reichstäglichen Polizei-Amt wo ihnen die Passirschcine zur Abreise ansgcfolgt wurden. Zu einer andern Seite als ans der sie gekommen waren traten sic ins Freie; zurück durfte niemand. In der Stadt wurde die Kunde nicht mit Freude — entging ihr ja durch den plötzlichen Wegfall so vieler Zehrer ein reicher Gewinn! — aber ohne Aufregung hingcnommen. Die Nationalgarde, die um 8 Uhr auf ihren gewöhnlichen Sammelplatz Unberufen wurde, fand sich ordnungsgemäß ein. Auch den Landlentcn, die an diesem Tage zum Wochenmarkt zahlreich in die Stadt kamen, war keinerlei Unruhe anznmerken. Es war mehr Neugierde mit der man sich um Abdrücke der kaiserlichen Kundmachungen riß, deren Zahl im ersten Augenblick bei weitem nicht für die Fülle von Nachfragen hinreichte. In allen Häusern gab cs Vorbereitungen zur Abfahrt, so daß bald alle verfügbaren Fuhrwerke in Anspruch genommen waren und nicht wenige sich entschloßcn den Weg zur Eisenbahn-Station zu Fuß znrückzulegen und sich das Gepäck auf einem Hand- Wägelchen nachbringen zu lassen. Ein großer Theil blieb den Tag über noch an Ort und Stelle. In allen Gassen gab cs Abschiedsscenen einander begegnender Abgeordneten. Auf dem Hanptplatzc standen ihrer viele in Gruppen umher, „gleich Ausgeschlossenen denen man die Thür vordem eigenen Haus zngeschlagen hat". Selbst vielen Männern vom Ccntrnm, dieser „Leibgarde Stndion's", war das Ereignis so überraschend gekommen daß sie sich nicht gleich darein zu finden wußten. „Dr. Sieber ans Warnsdorf", wie ein Augenzeuge beobachtet haben will, „war einer der wenigen die an der Sache nichts ansznsctzen hatten, und Herr Schopf Vorbereitungen znm Abschied. 333 fand die octroyirte Verfassung übertrieben liberal". Eine Anzahl von der gemäßigten Linken stand um Pillersdorfs der zu ihnen sagte: „Nun, meine Herren, war die Verfassung vom 25. April nicht besser? Wären wir bei ihr geblieben, so würde cs nicht so weit gekommen sein!" 2 ") Rühriger als die andern waren viele Mitglieder der Rechten welche in erregter Weise die Vorgänge des Morgens besprachen und zu irgend einer auffallenden Kundgebung geneigt zu sein schienen. Graf Huhn fand sich ans dem Platze ein und mahnte Brauner, den er von Person kannte, in ernsten Worten es nicht zum äußersten kommen zu lassen, da der strengste Befehl gegeben sei auf jeden Fall ein Winkelparlamentiren zu verhindern. Der kaiserliche Major glaubte ihn überzeugt zu haben; allein es wurde dennoch eine Zusammenkunft des slavischen Clubs, an der sich auch einige andere Abgeordnete betheiligen wollten, für 3 Uhr nachmittags verabredet. * * * Eine Anzahl von Abgeordneten gab es, für welche das Scheiden von Kremsier keine so leichte Sache war, denen darum von wohlmeinender Seite gerathen wurde keinen Augenblick mit der Abfahrt zu säumen, was sie aber auf den für die andern Mitglieder offen stehenden Wegen auszuführen nicht wagen durften. Am ersten hatte Bioland die vernichtende Kunde erfahren. Er hatte noch tief in den Federn gelegen, als einer der Schriftführer des Constitutions-Ausschußes, der ihm befreundete Adolph Much, zu ihm in die „Verlorne Gasse" geeilt war und ihn mit den Worten: „Der Reichstag ist aufgelöst, Militair ist da!" aus dem Bette gebracht hatte. In Eile war eine längst in Accord genommene Lohnkutsche zur Stelle geschafft, der bereits gepackte Koffer aufgeladcn worden, und in Mantel und Pelzmütze tief vermummt, eine Reisetasche in der Hand, war Bioland zu Freund Kudlich geeilt der gleichfalls noch in Morpheus Armen gelegen. Bioland hatte sich dann, mit dem Auftrag an den Kutscher ihm nachzufahren, zu Fuß zum Wasserthor gewandt; cs war von Militair besetzt das jeden Reisenden scharf ins Auge faßte und untersuchte. Es war ihm geglückt hinter dem Rücken des Officicrs das Freie zu gewinnen, wo er etwa 50 Schritte vor dem Thor sein Fuhrwerk erwartete; cs kam bald nach, aber ohne Koffer den, als „einem Deputirten" gehörig, der Officicr 334 lll. 21. Auflösung des constituircndeu Reichstages. hatte abheben lassen, mit dem Aufträge an den Kutscher: der Herr des Koffers habe zurückznkchrcn. Das hatte nun Bioland allerdings nicht gethan, sondern den Wagen bestiegen, von der nach Hullein führenden Straße links abbiegen und den Weg nach Chropin einschlagen lassen wo er sich mit Kndlich das Stelldichein gegeben. Kudlich hatte sich nach dem Erscheinen seines Freundes rasch in die Kleider geworfen, willens in die Stadt zu gehen und Erkundigungen cin- zuziehcn. Am Ansgang der ans den großen Ring einmündenden Straße war er auf Adolph Neustadt gestoßen der ihm zuricf: „Sind Sic noch immer hier, Kndlich? Machen Sie doch rasch daß Sie hinanskommcn! Es dürfte sonst zu spät für .Sic sein!" Sic wandten sich dem Schmied- Thor zu, vor welchem Nr. 32 Fischhof lind Goldmark wohnten. Der dort commandirendc Ofsicier von der Kremsierer Garnison kannte Kudlich ans Kaffeehaus-Gesprächen und ließ ihn gegen dem passiren daß er wieder znrückkomme; eine Weisung die Compromittirten fcstzunehmen war noch nicht erfolgt. Fischhof und Goldmark waren eben im Ankleiden begriffen; Journalisten kamen und gingen sic von dem Stande der Dinge zu unterrichten; alle riethcn Kndlich zu größter Eile und setzten ihn, da er zu zaudern schien, mit freundschaftlicher Gewalt auf die Straße damit er davon komme. Trotzdem ging Kudlich durch das Schmied-Thor nochmals in seine hart an der Stadtmauer gelegene Wohnung, um eine Anzahl compromittirendcr Briefe zu verbrennen, kletterte dann über das Dach ans die Stadtmauer an welcher, etwa hundert Schritte entfernt, außerhalb eine mächtige Linde stand, an deren Aesten er hinabkroch und bald die nach Olmüz führende Hauptstraße gewann, wo ihn ein leer einher- fnhrendcr herrschaftlicher Wagen, dessen Kutscher er ein Trinkgeld gab, rasch bis Kojetein brachte. Zu Fuß erreichte er Chropin, wo Bioland auf ihn bereits wartete. Beide traten nun, die Eisenbahn und die Hauptstraße vermeidend, ihre gemeinsame Wanderung an. Füster war gegen 7 Uhr morgens von seinem Diener geweckt worden: „Der Reichstag ist aufgelöst, das Schloß und die ganze Stadt mit Militair besetzt. Ziehen Sie sich schnell an und entfliehen Sie!" Bald hatte sich auch ein Journalist mit der gleichen Mahnung ein- gefnnden: „noch sei zwar niemand verhaftet worden; es werde aber nicht ausblcibcn". Auch zwei Depntirte brachten den gleichen Rath. Füster, der ganz den Kopf verloren hatte, suchte Fischhof und Goldmark ans, deren Wohnung noch immer von Journalisten erfüllt war; auch Ludwig August Violand — Kudlich — Füster — Goldmark. 335 Frankl befand sich bei den beiden Frenndcn. Fischhof erkärtc auf das entschiedenste er werde nicht fliehen; es würde dies als Bekenntnis einer Schuld gelten deren er sich nicht bewust sei. Goldmark dagegen rüstete zur Abreise, nahm noch ein Frühstück das er in der ihm eigenen hastigen Weise fortwährend unterbrach um in leidenschaftlichen Worten die Vorfälle des Morgens zu besprechen, zornig die Zukunft zu prophezeien, den Machthabern zu fluchen. Dann nahm er, von den Andern gedrängt, kurzen Abschied; eine theilnehmende Frau trug ihm, um ihn als unverfänglichen Spaziergänger erscheinen zu lassen, die Reisetasche zum Dorfe Zdounek nach, wo ihn ein Wagen erwartete und bald aus dem Bereich der ersten Gefahr brachte. Schwieriger ging cs mit Füster der in seinem Schrecken den Hcnker- tod vor sich sah und jedes Entschlußes unfähig war. Der starke hvchauf- rngcnde Mann saß, die Schweißtropfen von der Stirn wischend, fast regungslos da. Fischhof und Frankl redeten ihm zu sich aufznraffen; er versuchte es langsam um sich wieder auf das Sofa znrückfallen zu lassen. Endlich gelang es ihm nnd er bat um Begleitung. Frankl reichte ihm den Arm an welchem er schwer hing, und mühsam Schritt für Schritt ging es ins Freie hinaus, einer Anstcigung der Landstraße entgegen, hinter welcher ein für die Weitcrfahrt bestellter Wagen den Fliehenden anfnehmen sollte. Füster hatte mit seinem Führer die letzten Häuser von Krcmsier hinter sich als er mit dem Schmerzensrnf: „Ich kann nicht weiter!" im freien Felde nicdcrsank. Frankl ließ den an einein körperlichen Gebrechen leidenden Mann eine Viertelstunde ruhen »nd half ihm dann neuerdings empor. „Wenn sie meiner habhaft werden", preßte ihm seine Todesangst aus, „so werden sie mich zu Pulver und Blei begnadigen. Ich schäme mich nicht der brutalen Gewalt gegenüber feig zu sein. Hat doch Johannes Hus, als er das seiner harrende Schicksal erkannte, sich in einen mit Heu beladenen Wagen verkrochen!" Langsam ging es nun weiter. Da wies Füster, neuerdings heftig erbebend, auf einen in einiger Entfernung schreitenden Mann, den er für einen Wächter des Gesetzes mit anfgcpflanztcm Gewehre hielt. Frankl belehrte ihn, es sei ein Land- mann mit seinem Rechen der offenbar seiner Feldarbeit nachging, nnd zwar in einer ihnen beiden sich nicht nähernden sondern entfernenden Richtung. Endlich hatten sic die Strecke, die in einer Viertelstunde leicht zu dnrchmcsscn war, nach andcrthalbstündigcr von Angst nnd Sorge immer wieder unterbrochenen Wanderung znrückgelcgt. Alan stand am Fuße 336 III. 21. Auflösung des constituirende» Reichstages. einer kleinen Anhöhe. „Jetzt leben Sie wohl!" sagte Frankl. „Ich kehre zur Stadt zurück. Wenn Sie da oben anlangen werden und ein Gefährte erblicken, so ist es das für Sie bestellte; es enthält die nothwendigsten Kleidungsstücke. Geben Sie mir mit dem Stocke ein Zeichen." Man umarmte sich. „Werden wir uns Wiedersehen?" sprach Füstcr und reichte seinem Retter aus der Gefahr thränend die Hand. Frankl sah dem mühselig emporschreitenden Manne nach, bis dieser die Höhe erreicht hatte und das verabredete Zeichen gab^'^). Frankl fand sich abermals in der Wohnung Fischhof's ein, den er mit dem Ordnen seiner Papiere, mit dem Einpacken seiner Kleider und Bücher beschäftigt fand. „Ich bleibe heute noch hier", sagte Fischhof, „damit es nicht den Anschein habe als ob ich geflohen sei." Er ging dann ans um Abschiedsbesuche in der Stadt zu machen und bat Frankl die kommende Nacht das Schlafzimmer mit ihm zu theilen damit er, falls sich mit seiner Person etwas ereignen sollte, einen Zeugen habe. Ebenso wenig wollten Schuselka und Borrosch von Flucht etwas wissen, obwohl auch sie, namentlich der erstere, meinten es möchte nach ihnen gefahndet werden, was aber von Anfang bis zuletzt nicht der Fall war. Als dem Grafen Huhn gemeldet wurde, daß einige der Compro- mittirten entwischt seien, bat er auf telegraphischem Wege um weitere Berhaltungsbefehle. * Um 3 Uhr nachmittags fand in einem Saale des Vrblk'schen Gasthauses in Krcmsier die verabredete Zusammenkunft des slavischen Clubs statt. Es fanden sich aber auch mehrere deutsch-böhmische Abgeordnete sowie Mitglieder der Linken und des linken Centrums ein oder erklärten sich nachträglich bereit den Beschlüßen der Versammelten beizutreten, darunter Hornbostel Szäbel Schmitt Pillersdorff Halter Wiser Pfretschner Hnimcrl Borrosch. Daß die Stimmung eine sehr aufgeregte und die heftigsten Reden zu vernehmen waren, läßt sich denken. Von Ricger soll unter anderm das Wort gefallen sein: „Wir haben jetzt nur noch eine Hoffnung: Frankfurt! In acht Tagen lasse ich mich in die deutsche National-Versammlung wählen!" Ein Witzling meinte, das erinnere an den Beschluß des Verriua, nachdem der Freiheitstraum geschwunden, der Zusammenkunft beim Vrblk. 337 Mantel mit dem Herzog gefallen war: „Ich gehe znm Andreas!" Der Zweck der Zusammenkunft beim Vrbik war zu berathen, wie man sich einerseits der octroyirten Verfassung anderseits den eigenen Committenten gegenüber zu benehmen habe. In ersterer Hinsicht blieb, wie man sich bei ruhigerer Ueberlcgung sagen mußte, wohl nichts übrig als hinzunehmen was nicht zu ändern war; einen Widerstand zu versuchen, dem Gebote der Regierung durch eine gewappnete Erklärung oder durch Fortsetzung der Versammlungen nach Unruh'schem Muster zu trotzen, war angesichts des Winkes den der augenblickliche Inhaber der Gewalt dem Abgeordneten Brauner gegeben hatte nicht zu denken. Es wurde also beschlossen eine gemeinschaftliche Erklärung abzufassen welche die Haltung des Reichstages zu rechtfertigen, namentlich die Beschuldigungen die das kaiserliche Manifest gegen denselben erhob zu widerlegen hätte; man solle sich dabei alles Raisonnements enthalten und sich ans eine getreue Darlegung der Ereignisse des 6. und 7. März beschränken. Ein engerer Ausschuß, bestehend aus Pillersdorff Rieger Haimerl und Strobach, wurde mit der Redaction dieser Ansprache betraut, der seinerseits die eigentliche Ausarbeitung den beiden ersteren anheim gab. Jeder von diesen beiden machte einen Entwurf, nachmittags kam Rieger in Pillersdorff's Wohnung, wo die beiden Aufsätze in einen verschmolzen wurden. Das Schriftstück, das dann abends bei einer zweiten allgemeinen Zusammenkunft verlesen und angenommen wurde, entschuldigte in seinem ersten Theile die beklagte Langsamkeit der Arbeiten des Reichstages. „Konnte das erste Parlament Oesterreichs sein Ziel mit jenem sichern raschen Gange verfolgen welchen gesetzgebende Körper, seit Generationen mit dieser Bahn vertraut, auf derselben einzuschlagen vermögen? Konnte cs jenem Ziele unverrückt entgegengehen, während ihm kein Führer, keine Stütze zur Seite stand, während Aufruhr und Bürgerkrieg mehrmals an seine Thüre klopften und die Hand der cxecutiven Gewalt bald machtlos dahinsank bald der Militair-Dictatnr gefesselt erlag?" Das Verfassungs- Werk, hieß es dann weiter, sei im Entwürfe vollendet gewesen, „der schwierigere Weg war bereits zurückgelcgt, und es waren nicht mehr tiefgreifende Principienfragen zu erörtern, bei welchen das Gebiet der Theorie nicht unberührt bleiben kann und soll; es handelte sich nur mehr darum den aufgestellten Principien eine consequente Anwendung zu sichern". Dann folgte ein Vorwurf gegen die Regierung: „Hätte sich die Execntiv- Gewalt an den Erörterungen über das Verfassungswerk betheiligt, hätten H eifert, Geschichte Oesterreichs. IV. S. 22 338 III. 21. Auflösung des coustituirende» Reichstages. Vertrauen und Offenheit, jene Grundbedingungen des Zusammenwirkens zu einem gemeinschaftlichen Zwecke, die Stellung der Executiv-Gewalt zur gesetzgebenden Versammlung bezeichnet, wären die Worte des Ministerialen Programms je zur vollen Wahrheit geworden, so würde dieser Zeitpunkt, sowie er in den Wünschen aller lag, auch in seiner Ausführung noch bedeutend näher gerückt worden sein." Uebcr das Verhältnis zu den Ländern der St. Stephans-Krone hieß es: „Lag es in der Absicht der Regierung ein gemeinschaftliches Band um alle Theile der Monarchie zu schlingen, so würde der Reichstag ein solches Vorhaben mit Freuden begrüßt haben." Den Schluß bildete die Sprache des gekränkten Biedermannes: die Mitglieder des Reichstages „werden auch ihres Mandates entkleidet fortsahren ihren Mitbürgern Frieden Eintracht und Gesetzlichkeit aus Herz zu legen. Sie werden so durch die That bewähren daß einer hochherzigen Regierung andere Wege zu Gebote stehen als loyale Gesinnungen mit dem Makel unverdienten Argwohnes zu beflecken, und daß cs nicht der militairischeu Gewalt bedurfte um den Beschlüßen des Monarchen Geltung zu verschaffen". . . Man wird zugeben, die Mitglieder des aufgelösten Reichstages, wenn sie sich ihren Wählerkreisen gegenüber schön machen wollten, konnten kaum anderes Vorbringen als in ihrem Manifeste zu lesen war. Anders fiel allerdings das Urtheil unbctheiligter Zeitgenossen und füllt für alle Zeiten das Urtheil der Geschichte aus. Der leicht und glatt dahinfließende Redestrom scheint auf Pillersdorff als Schöpfer hiuzuweiscu; aber auch wenn er nur Mitbernther war, mußte cs sonderbar erscheinen daß darin auf Zeiträume wo „die Hand der cxeeutiven Gewalt machtlos dahinsank", und eben dadurch auf sein eigenes Regiment beispielloser Unselbständigkeit und Schwäche, wie mit Fingern hingewiesen wurde. Daß sich die nuscinaudcrgehcndcn Gesetzgeber mit den „tiefgreifenden Principien- Fragen" ihrer Grundrechte schmeichelten und es in dieser Hinsicht für die Aufgabe eines Parlaments erklärten „dnö Gebiet der Theorie" zu betreten, mochte einfach belächelt werden. Aber was für einen Begriff von der Wichtigkeit und Tiefe ihrer Aufgabe ließ sich nachträglich Männern beimcssen, die mit der Spiegelfechterei dieser Grundrechte, wofür sich Muster in allen Verfassungsurkuuden Europas und Amerikas auftreibcn ließen, den „schwierigeren Weg bereits zurückgelegt" zu haben meinten und welche in der eigentlichen Verfassungsfrage eines Staates von so ganz vorbildlosem Gebilde wie Oesterreich nichts anderes und weiteres erblickten Rechtfertigungsschrift der Abgeordnete». 339 als darin „den anfgestellten Prineipien", also den schattenlosen Grundrechten, „eine consegucnte Anwendung zu sichern?!" Ganz heuchlerisch aber, den vorangegangenen Thatsachen gegenüber geradezu erfunden und erlogen, war das Bedauern daß einer im parlamentarischen Leben noch ungeübten Versammlung „kein Führer, keine Stütze zur Seite" gestanden; daß cs die Executiv-Gewalt verabsäumt habe sich an den Erörterungen über die Verfassnngsfragen zu betheiligen; daß die Regierung bei dem Zusammenwirken zu einem gemeinschaftlichen Zwecke es ihrerseits an „Vertrauen und Offenheit" habe fehlen lassen. Also hatten es die Abfasser der Kremsierer Weh- und Klageschrift bereits vergessen, jenes Zetergeschrei das sich iin letzten Sommer darüber erhoben hatte als es der Justiz-Minister Bach wagte in einer wichtigen Frage den Standpunkt der Regierung zu bezeichnen, was aber von der entrüsteten Kammer zu einem Attentat gestempelt wurde das freie Votum der Abgeordneten zu beeinflußen und zu beirren? Und wenn es damals in Wien großentheils nur die Linke gewesen die sich in solcher Weise betrug, waren es nicht am 8. Januar in Kremsier die Linke und die Rechte die gleich ain Eingang zu den Ver- fassungs-Berathungen, als das Ministerium mit unumwundener Entschiedenheit klarlegte worüber hinauszugehen die Regierung Sr. Majestät nicht im Stande sei, außer Rand und Band gcriethen und mit dem kindischen Beharren auf einem vielbcstrittenen Theorem, das sie im letzten Augenblicke gleichwohl fallen ließen, ein seltenes Beispiel parlamentarischer Untreue und Unfähigkeit gegeben hatten? Wahrlich die Regierung war nicht Schuld daß „die Worte des Ministerialen Programms zur vollen Wahrheit" nicht werden konnten; der Regierung war es voller Ernst gewesen mit den Vertretern der österreichischen Völker Hand in Hand zu gehen. . . Da einige der Theilnehmer bereits abgereist, andere in der Abreise begriffen waren, so wurde beschloßen Pillersdorff oder ein anderer der Wiener Abgeordneten sollten den Aufsatz mit sich nehmen, in Wien die nöthigen Unterschriften anbringen lassen und denselben so vervollständigt nach Prag schicken. 340 III. 22. Auseinander! 22 . Der geneigte Leser wird sich erinnern daß Baron Prokesch, einem an ihn ergangenen Rnfe folgend, in der zweiten Hälfte Februar von Athen über Triest nach Wien gereist war. Seine Bestimmung war Berlin und dorthin trat er unverzüglich die Fahrt über Olmüz an, woselbst er in der Nacht vom 1. zum 2. März eintraf und in einem Gasthause mindern Ranges „zur Krone" absticg. Andern Tages speiste er bei Hof und wurde für den Abend von der Erzherzogin Sophie zum Thee gezogen. Sie sprach mit ihm die ganze Zeit „mit der Gewandtheit und Wärme die sie auszeichnen" und „mit großartiger Offenheit, nannte alle Dinge beim Namen und entwickelte mir den Thronwechsel. Es ist eine merkwürdige Frau die ihren eigenen Maßstab hat". Das militairische Wesen des jungen Monarchen machte auf Prokesch, der ja selbst den Soldatenrock trug, den besten Eindruck. „Er ist einfach, ernst, ohne jede Verlegenheit die in seinem Alter so natürlich wäre. Er ist hübsch von Gestalt und Ansdruck, er spricht gut. Er ist wie er sein soll. Das enge kleinliche boshafte neidische, was sonst in der Hofluft groß wächst, habe ich hier nicht gefunden ; die hohle Form hat wieder einen Kern." Auch den Minister-Präsidenten zeichnet er uns. „Fürst Schwarzenberg nimmt eine große Stellung mit Leichtigkeit ein als stünde er seit Jahren darin. Er hat ein Gefühl der Würde und Kraft des Kaiscrstnates das mich das beste hoffen läßt. Er hat vor Metternich die Jugend, die Unabhängigkeit von einer Menge Traditionen, das mächtige Nationalgefühl voraus. Sein Verstand ist scharf, sein Charakter ist fest und entschieden großartig. Es gibt eine aristokratische Weite und eine aristokratische Enge, er hat nichts von der letztern. Er arbeitet ungemein leicht und ohne Phrasen. Er und der Banns haben die Monarchie gerettet. Sie wird sich kräftigen und verjüngen. Der junge Kaiser ist ihr Ausdruck und ihr Sinnbild" . . . Von dem was sich von Wien ans vorbereitete und schon nahe daran war in Erfüllung zu gehen, hat Prokesch gewiß nichts erfahren; er war schon zu weit weg von der mährischen Hauptstadt um Zeuge dessen zu sein was hier einen der nächstfolgenden Tage zu einem so festlichen gestalten sollte. Am 6. März empfing I. Nitschner, Redacteur der oppositionellen Hölzel'schen „Neue Zeit", die amtliche Weisung Olmüz zu verlassen; an Freudenbezeigungen in Olmüz. 341 seine Stelle sollte ein Herr von Hagen treten. Es geschah dies, wie um den Boden rein zu machen für das, jeden möglichen Miston fernzuhalten von dem, was für den 7. erwartet wurde. Und in der That, hoffnungsvolle Freude durchdrang die Bevölkerung der mährischen Hauptstadt als dahin die Kunde des Kremsierer Ereignisses gelangte, große Maueranschläge den Wortlaut des kaiserlichen Manifestes und der Proclamatiou der Minister brachten und Exemplare der Verfassungsurkunde von Hand zu Hand gingen. Gegen Abend füllte sich der Ober-Ring mit einer immer anwachsenden Menge; eine aus unisormirteu Bürgern und Nationalgarde zusammengesetzte Compagnie zog mit wehender Fahne und klingendem Spiel vor das Theater-Gebäude, vor welchem kurz nach 7 Uhr der Kaiser vorfuhr; die Volks-Hymne erklang, tausende von Hochrufen erschütterten die Lust. Ebenso stürmisch war der Empfang in dem in festlicher Beleuchtung erglänzenden Innern des Schauspielhauses wo der Kaiser, sichtlich ergriffen, an die Brüstung der Loge trat und freudestrahlenden Antlitzes mit ritterlichem Anstand sich dankend nach allen Seiten wandte und verneigte. Die dritte Huldigung ward ihm dann beim Austritt aus dem Theater und auf der Nachhausefahrt zutheil. Nicht so freudig und festlich ging es zur selben Zeit in Kremsier her, wo sich nun alles zum Abschied und Aufbruch rüstete. Der Abend des 7. März vereinigte eine Anzahl von Abgeordneten verschiedener Nationalität und Partei in den Gasthausräumlichkeiten „zum Primas", wo es an Toasten aus den constituireudeu Reichstag, auf das Elaborat des Constitutions-Ausschußes, auf den Berichterstatter des Z. 1, auf die Absender der Vertrauens-Adressen an den Reichstag nicht fehlte. Noch einen andern geselligen Kreis gab es zur selben Zeit in Kremsier. Der militairische Auflöser des Reichstages nämlich hatte den Salon des abwesenden Grasen Stadion eröffnet, die liebenswürdige Gemahlin Baron Sternek's, eine Tochter des Mailänder General-Polizei-Directors Baron Torresani, machte die Honneurs, jeder der sich einfaud war willkommen. Darunter befand sich der Präsident des gewesenen Reichstages, und Graf Mercandin benützte diese Gelegenheit von Smolka die Auslieferung gewisser noch ungedruckter Reichstags-Protocolle zu verlangen. „Was wollen die Herren damit machen?" „„Alle diese Sachen müßen vernichtet werden.'"' „Dann bedauere ich daß ich den Herren nicht dienen kann." „„Und warum nicht?"" „Weil ich vernommen habe daß gegen verschiedene Abgeordnete 342 HI. 22. Auseinander! wegen ihrer Reden Untersuchungen eingeleitet werden sollen und ich für etwaige Processe die stenographischen Protokolle, die ein wichtiges Ver- theidigungs-Material für die Angeklagten bilden könnten, bereit halten will." „„Und was werden Sie thun wenn wir diese Protocolle suchen und mit Gewalt wegnehmen?"" „Suchen können Sie, aber finden werden sie nichts, dafür ist gesorgt" 21 s). Die Conversation war allseits im Gang als dem Grafen Huhn durch den alten Kammerdiener Stadion's ein Telegramm überreicht wurde. Es war abends 7 Uhr zu Hullein von dem daselbst stationirten Oberlieutenant Karl Grünner von Mazzucchelli-Jnfantcrie aufgegcben worden und lautete wie folgt: „Se. Durchlaucht der Herr Minister-Präsident Fürst Schwarzenberg sind so eben mit Separatzug hier durchgesahren und haben an Euer Hochgeboren den Auftrag mündlich ertheilt die be- zeichneten Personen, falls sie noch in Kremsier anwesend wären, diese Nacht ohne weiters zu verhaften und hieher zur Weiter-Transportirung zu senden." Der Major setzte sich in unauffälliger Weise mit dem Kreishauptmann ins Einvernehmen und fertigte auf dem Stehpulte Stadion's, in demselben Saale in welchem sich seine Gäste bewegten und unterhielten, die Haftbefehle aus die allsoglcich in Vollzug gesetzt werden sollten. Zugleich war er darauf bedacht, nachdem einmal auch diese Angelegenheit in seine Hände gelegt war, Weisungen zu erthcilen daß den Flüchtlingen auf den Straßen die sie eingcschlngen haben konnten nachgesetzt und deren Festnahme, wo man sie träfe, in Vollzug gesetzt werde. ^Es erforderte dies umfassende militairische und polizeiliche Maßnahmen, die im Lause des abgelaufenen Tages bereits allseits getroffen waren. Kremsier war wie belagert; Kojetein und die meisten in der Hana gelegenen Ortschaften hatten Einquartierung. Ans der ganzen Strecke von Kremsier bis Hullein standen in Zwischenräumen bewaffnete Abtheilungen die jedem von dort kommenden Reisenden dessen Legitimation abforderten; dasselbe war mit den Zugängen zum Bahnhofe der Fall de» niemand betreten konnte ohne sich paßpolizeilich ausgewiesen zu haben. Aber auch die Eisenbahn-Stationen von Hullein bis Hohenstadt waren von Militair besetzt; fast ans jeder Station ließen sich Polizei-Beamte die Pässe vorzeigen. Die Stadt Kremsier bot in der Nacht vom 7. znm 8. ein unheimliches Bild. Durch ihre stillen mondhellen Straßen tönte der schwere Schritt bewaffneter Streifwachen deren scharfes „Wer da?" jeden Begegnenden anhielt. Eine stärkere Abthcilung, drei in Mäntel gehüllte Ge- Im Salon des Grafe» Stadion zu Kremsier. 343 stalten voran, verfügte sich zu den Häusern wo die zu verhaftenden Abgeordneten wohnten. Fischhof und L. A. Frankl lagen bereits zu Bette als sie durch Waffengeklirr aus dem Schlafe geweckt wurden. Goldmark's Alibi war bald constatirt, Fischhof aber mußte sich ankleiden, durfte eine Handtasche mit Kleidungsstücken und Wäsche mitnehmen und wurde inmitten von Soldaten mit nufgcpflanzten Bajonneten in ein Vorzimmer des Stadion'schen Bureaus gebracht, wo er vorerst warten mußte ehe er nach Hullein geschafft werden konnte. Der Reichstagsordner Jelen durchschritt das Zimmer wiederholt ohne von Fischhof, den er sonst sehr gut kannte und der ihn zu grüßen suchte, Notiz zu nehme». Abate Coute Prato, der süd-tyrolische Abgeordnete, wurde in ähnlicher Weise sest- genommen; die andern waren, wie wir wissen, nicht mehr zu fassen. Die Eisenbahn-Station von Hullein passirte der Wiener Zug um die zweite Morgenstunde und je näher die Zeit der Abfahrt heranrückte, desto mehr Kutschen fuhren vor, oder kamen Abgeordnete Journalisten Stenographen rc. zu Fuß einhcrgeschritten, so daß die nur matt erleuchteten Räume des kleinen Bahnhofs bald überfüllt waren. Der Umschwung der so plötzlich die Lage der Dinge von gestern ans heute geändert hatte, lag sichtlich auf den Gemüthern der Harrenden. Ungefähr um halb 2 Uhr nachts kamen von Kremsier zwei Kutschen angefahren, deren Anblick eine neue Aufregung brachte. Soldaten ans dem Kutschbock, Soldaten im Innern, Soldaten als Bedeckung, die ein Officier von Kaiser-Infanterie commandirte. Von den Kutschen bis zum Eingang des Stations-Gebäudes wurde Spalier gemacht und zwischendurch schritt ein hagerer in einen Mantel gehüllter bleicher Mann den man zur Casse geleitete wo er sich eine Fahrkarte zweiter Classe eiulöste; es war Prato der sich sodann aus der Eingangshalle auf den Perron verfügte. Nach ihm kam in gleicher Weise Fischhof dessen schöne von kurzgeschorenem Haar und einem schwarzen Vollbart umrahmte Gesichtszttge wohl alle kannten. Er trug einen kürzeren Radmantel und blickte ohne Scheu umher; nur um den Mund, wenn er hier und dort einen befreundeten Abgeordneten grüßte, spielte ein wehmüthiges Lächeln. Mehr als ein Auge wurde feucht. Auf dem Perron, vor dem Einsteigen in das Coups, ließ der Officier in Gegenwart der Verhafteten seine Mannschaft die Gewehre laden: „Die Soldaten werden ans Sie schießen, wenn Sic einen Fluchtversuch machen" 2 "). 344 III. 22. Auseinander! Am 8. März sah es in der vor kurzem noch so belebten Reichstagsstadt schon bedeutend stiller aus. Was nicht abgereist war, rüstete zur Abfahrt. Nur das gewesene Präsidium und der Ordner Jelen hatten noch für mehrere Tage zu thun, um Papiere und Kanzlei-Requisiten für den Transport nach Wien zu ordnen, die vom Reichstage benützten Räumlichkeiten in den alten Stand setzen, die aus Prag entlehnten Sesseln zurückschaffen zu lassen u. dgl. Bon einfachen Abgeordneten machten nur einige „Polen im Frack" keine Miene die Stadt zu verlassen. Auch Schu- selka zeigte sich überall; er schien ans ein politisches Marthrerthum ü In. Fischhof und Prato zu warten, das sich aber für ihn nicht einstellen wollte. Abends war abermals Thee in Stadion's Wohnränmen, und wieder war es Smolka mit welchem die Vertreter der Regierung zu unterhandeln hatten. Man wolle die gesuchten Reichstags-Protocolle, hieß es jetzt, nicht der Vernichtung prcisgeben; man wolle sie genau so wie sie aufgesetzt worden drucken lassen, und jedes Mitglied des aufgelösten Reichstages solle nachträglich ein Exemplar davon erhalten. Dagegen konnte der gewesene Reichstags-Präsident nichts einwenden; er bedang sich nur die Abfassung eines in zwei Exemplaren auszufertigenden Protocolles aus, in welchem jene Zusage förmlich auszusprechen wäre. Noch im Laufe desselben Abends wurde seinem Begehren entsprochen und es erging an ihn das weitere Ersuchen sich, sobald die Uebergabsarbeiten in Kremsier vollendet sein würden, nach Wien zu begeben, wo gleichfalls zahlreiche Reichstags-Acten zu ordnen und zu übergeben waren Gegen 11 Uhr nachts erhielt Ministerial-Rath von Sachse eine telegraphische Depesche des Grasen Stadion : es seien die Vertrauensmänner der Rechten und des Centrums nach Wien einzuladen, wo die Berathungen über die Ausführung der Verfassung beginnen sollten. Es waren darunter Palack/ Pinkas Ullepitsch Petranovie Brauner, von welchen die meisten schon abgereist oder in der Abreise begriffen waren. Pinkas lehnte unbedingt ab, er werde die Schwelle des Ministers nicht mehr betreten. „Unser Mandat", soll er erwidert haben, „lautet auf Constituirung des Reiches; da Sie dies allein gemacht haben, so können Sie auch das andere allein machen." Für den 9. März war eine Cyrill- und Methud-Feier, ein Seitenstück zu der griechischen Wasserweihe am Dreikönigstage, verabredet worden, zu welcher das Landvolk der Umgebung seine Vorbereitungen traf. An eine Abhaltung dieses Festes war unter den geänderten Umständen nicht zu denken. Im Kremsier war jetzt von Abgeordneten fast nichts Major Huyn und die „Polen im Frack". 345 mehr zu sehen. Auch Felsenthal, der seine Aufgabe in Krcmsier so gut erkannte erfüllt hatte, war nach Wien zurückgegangen; die Journalisten hatten sich bis auf den letzten Mann verloren 21 "), Major Huyn, welchem vor Ungeduld den Wicderausbruch der Feindseligkeiten in Italien nicht zu versäumen der Kremsierer Boden unter den Füßen brannte, berichtete nach Wien, von wo Schwarzenberg zurückschrieb: „74 Polen scheinen mir noch immer einen Krystallisationspunkt für die Confusion zu bieten, und der soll in jedem Falle vorgebeugt werden." Das hieß mit andern Worten: Huyn sollte ausharreu bis der letzte Abgeordnete Kremsier verlassen haben würde. Wie lang konnte das dauern? In polizeilichem Wege erfuhr der Major daß die polnischen Herren ganz gemüthlich die bessere Jahreszeit abwarten wollten. Und der italienische Krieg?! Huyn war bald entschlossen. Er bat einen der galizischen Herren zu sich, es war Samstag am 10., und fragte ihn um die Ursache seines und seiner Genossen verlängerten Aufenthaltes in Kremsier. Aus der Antwort war zu entnehmen, daß sich die Herren zur Rückkehr in ihre Heimat nicht entschließen konnten weil sie dort Unannehmlichkeiten wegen ihrer reichstäglichen Haltung fürchteten; daß sie daher einstweilen hier das weitere abwarten wollten. „Ja, meinen Sie", nahm der Major das Wort, „so lang in Kremsier zu bleiben bis die Saison kommt wo Sie die Bäder von Karlsbad oder Marienbad besuchen können? Ich erlaube mir Ihnen mitzutheilen daß ich die gemessene Weisung habe nicht früher von hier zu gehen als nicht der letzte Reichstagsabgeordnete abgereist ist. Aber ebbnso bestimmt erkläre ich Ihnen daß ich nur noch vierundzwanzig Stunden in Kremsier bleibe. Sie sind Cavalier, ich brauche mich wohl nicht deutlicher zu erklären." „„Ich verstehe vollkommen"" 2 "). Am andern Morgen empfing Huyn die Meldung daß kein Abgeordneter mehr in Kremsier sei. Er fuhr nach Olmüz um sich vor seinem Abgänge zur Armee Sr. Majestät vorzustellen. Der Kaiser kam ihm rasch entgegen, hörte seinen mündlichen Bericht mit sichtlicher Freude, daß alles ruhig abgelaufeu, an und schüttelte ihm dankend beide Hände. Mit dem Morgenzug des 13. fuhr Huyn nach Wien ab. * Es ist noch, ehe wir von Kremsier Abschied nehmen, über die nächsten Schicksale derjenigen zu berichten welche die Stadt auf unfreiwillige Weise verlassen hatten. 346 III. 22. Auseinander! Fischhof und Prato wurden, in Wien angekommen, jeder in einem besonderen Wagen erst nach der Hofburg gefahren wo das Civil- und Militair-Gouvernement seinen Sitz hatte, und von da in das Polizei- Gebäude in der Sterngasse gebracht. Am 13. März, an dem Tage wo er ein Jahr früher seinen Namen zuerst bekannt und bald berühmt gemacht hatte, wurde Fischhof in das Crimiual-Gebäude überführt. Seine und Prato's Verhaftung erregte in weitesten Kreisen gerechtes Aufsehen, weil niemand zu sagen wußte warum der Arm der Gerechtigkeit gerade auf diese zwei Abgeordnete gegriffen habe. Die aberwitzigsten Gerüchte lösten einander ab. Von Fischhof wollten einige wissen er habe sich mit der ungarischen Aufstandspartei, von Prato er habe sich mit Carlo Alberto in hochverräterischen Verkehr eingelassen. Andere erinnerten an Prato's Sendung in das Lager des Banns; in die Stadt zurückgekehrt habe er mit Vorbedacht die Zahl und Beschaffenheit des kroatischen Corps herabgesetzt und dadurch wesentlich beigetragen daß der Widerstand der Wiener im frischen Athem erhalten wurde. Fischhof sollte überdies dadurch gravirt sein daß er und Goldmark im Bunde dem gerichtlich verfolgten Dr. Emperger aus Grätz geheimen Aufenthalt in ihrer Wohnung gegönnt hätten*). Oder wurden sie blos wegen ihrer Theilnahme an der reichstäglichen October-Permanenz zur Verantwortung gezogen? Aber waren dann nicht alle, welche Mitglieder dieses Ausschußes gewesen und folglich bei dessen Entschließungen mitgewirkt, darunter Schu- selka Catinelli Lasser, zur gleichen Verantwortung zu ziehen? Oder war es nur auf die Thätigkeit dieser Permanenz in den letzten October-Tagen abgesehen? . .^ Prato hatte den Wienern nicht näher gestanden; allein für Fischhof nahm die ganze Stadt Partei, weil man ihm Ruhe und Besonnenheit nachrühmte womit er bei mehr als einer Gelegenheit manches Unheil verhütet hatte, so daß ihn, wie seine Freunde hervorhoben, wegen dieser seiner gemäßigten Haltung die radicale Presse wiederholt heftig angegriffen habe. Uebrigeus wurden die beiden Gefangenen gut behandelt, bekamen Zeitungen zu lesen, durften Besuche empfangen, und bald liefen Gerüchte um daß sie auf freien Fuß gesetzt werden sollten. In der That erfolgte dies mit Prato schon nach wenig Tagen, allerdings zugleich mit der Weisung Wien sogleich zu verlassen. 2) S. meinen „Alahü Fischer" Oesterr. Jahrbuch 1885 S. V6 s. und Buchausgabe Juusbruck 1885 S. 66 f. Was die Kremsierer Flüchtlinge betrifft so sind wir am genauesten über die Abenteuer Füster's unterrichtet. Auf dem Bauernwagen der ihn außerhalb Kremsier erwartete fuhr er bei fünf Stunden landeinwärts, wie es scheint, mit der einzigen Richtschnur: Olmüz zu vermeiden. So kam er am andern Tage nach Mährifch-Neustadt und wandte sich von da gegen Sternberg, vor dessen Thoren er einkehrte. Er verschaffte sich einen Wagen nach Troppau, durchfuhr Sternberg den Hut tief ins Gesicht gedrückt damit ihn keiner der Nationalgarden entdecke die ihn im Sommer zuvor in der Wiener- Aula gesehen hatten, und kam nach Bärn (Beroun) wo er einen Förster traf der „nach Herzenslust" über den Reichstag schimpfte, aber dem katholischen Geistlichen, den er in dem unbekannten Herrn erkannt haben wollte, großen Respect bewies. „Hätte der gute Mann", bemerkt Füstcr in seinen „Memoiren" ganz naiv, „gewußt wer vor ihm stand, der Respect würde wohl etwas nachgelassen haben." In Dorf-Teschen wo er zu nächtigen beschloß gab sich Fitster für einen Piaristen aus, der sich seit kurzem im Convente von Proßnitz befinde und aus einer Erholungsreise begriffen sei. Am 9. ließ er in Groß-Herrlitz, etwa eine Meile vor Troppau, links abbiegen, gewann in nördlicher Richtung die Jägerndorfer Straße und sprach in Skrochowitz bei dem Wirthschaftsbesitzer Maximilian Sterz, ehemaligem Reichstags-Abgeordneten, ein, der ihm dringend rieth sich so schnell als möglich aus dem Staube zu machen. An einer einsamen Stelle übersetzte er die Oppa und fühlte sich erleichtert als er die österreichische Gränze hinter sich hatte. „Ich ging auf das nächste Dorf zu mit einem Wonnegefühl ohne gleichen; mit Freuden begrüßte ich die schwarzweißen Farben. Ich traf Bauern auf dem Felde. Ich grüßte sie auf ächt katholische Art, gab vor daß ich in der Nähe von Ratibor am Sonntag an Stelle eines Pfarrers der erkrankt sei den Gottesdienst abhalten sollte, daß sie mir einen Wagen verschaffen möchten", was die guten Leute mit aller Bereitwilligkeit thaten. Allein man war ihm bereits aus der Spur. Als er am 10. um 8 Uhr morgens in Ratibor, wo er sich ganz sicher meinte, seinen Gasthof eben verlassen wollte, wurde an seine Zimmerthür geklopft und herein traten drei uniformirtc Herren die ihn um seinen Namen fragten und ihn verhaften zu müßcn erklärten. Es waren der Kremsierer National-Garde- Officier Joseph Gabesam der mit dem Ministerialen Haftbefehl auf Füster's Fährte ausgeschickt war, und der dirigirende Polizei-Ober-Commissär Franz Hartmann aus Troppau in Begleitung des preußischen Polizei-Commissärs vom Orte; der Bürgermeister hatte, unter der Bedingung daß von öfter- 348 III. 22. Auseinander! reichischer Seite sogleich die Auslieferungs-Verhandlung eingeleitet werde, im Namen des Stadtrathes die Verpflichtung übernommen für strenge Bewachung des Verhafteten zu sorgen. Doch die Obhut war eine sehr laxe. Ein Theil der Bürgerschaft war gegen die Gefangennahme, zwei Wiener Journalisten und mehrere polnische DsPAtirtc die sich bei Fitster einfanden, überhäuften den Bürgermeister mit Borwürfen. Fitster war inzwischen der Schrecken in die Gedärme gefahren, er klagte über Leibschmerzen, der eine lief um den Arzt, der zweite um die Medicin, ein dritter hals ihm sich anskleiden. Das währte so bis zum Abend, sein Zimmer wurde nicht leer von Besuchern. „Da wanderte, ich weiß nicht wie, mein Paletot aus dem Zimmer, desgleichen meine Leibwäsche. Ich stand auf, ging ebenfalls zur Thür hinaus, über ineine Krankheit klagend, und bat den Polizeimann mir zu erlauben mich in den ersten Stock hinunter zu begeben, zur bequemer» Erleichterung meines Nebels. Er erlaubte es mir. Als ich hinunter kam wies man mich durch einen Gang in einen Hof und daselbst in einen bereitstehenden Wagen, wo ich meinen Paletot fand lind einen Beschützer an meiner Seite. Wir fuhren wie der Blitz durch Ratibor" u. s. w. J„ Breslau führte ihn ein Journalist, den er von Kremsier ans kannte und der ihm in Ratibor gute Dienste geleistet hatte, zu einem Schriftsteller bei welchem er zu seiner großen Freude mit dem einen Tag früher dort angekommeuen Goldmark zusammentras. Gold- mark's Ankunft in Breslau war nach Wien an den Grafen Stadion telegraphirt worden; gleichwohl wurde er nicht weiter verfolgt. Er weilte eine Zeit in Leipzigs») und fand später seinen Weg über das große Meer in die — neue Welt. Fitster, der noch immer nicht ans seiner Todesangst heraus war, ging es viel schlechter. Er schlug Landwege ein um nach Sachsen zu kommen, wurde bei böser nächtlicher Fahrt ganz durchnäßt und zitterte vor Kälte: „Meine Phantasie war auf eigentümliche Art erhitzt, ich wußte oft nicht ob die mir vorschwebenden verschiedenen Menschengruppen, Schlüßen und dergleichen Dinge Wirklichkeit seien oder ob ich träumte." Endlich gelangte er nach Dresden und von da nach Leipzig, wo er sich in den Kreisen der Wiener October-Flüchtlinge sicher und behaglich fühlte. Seine weitern Schicksale gehören nicht hieher. Auch Leopold Häfner befand sich in Leipzig. Er war vom Brünner Spielberg *) nach der Festung Josephstadt gebracht worden und hatte *) S. Bd. I dieses Werkes S. 125. Hüfner — Kudlich — Bioland. 349 daselbst in sehr strenger Haft nahezu fünf Monate gesessen. Er durfte nicht einmal in den Hof um Bewegung zu machen und wurde die ganze Zeit nicht zum Verhör vorgerufeu. Vielleicht hat er schon von dort aus geheime Anknüpfungen mit der Wiener Polizei gesucht und gefunden; denn auf einmal war er frei. Der Commandant der ihm seine Entlassung ankündigte fügte bei, er könne ihm nichts besseres ratheu als sich zu erschießen. Häfner aber fand eine andere Auskunft. Von allem entblößt kam er nach Leipzig wo er in den Flüchtlingskreisen gut ausgenommen wurde. In aller Stille aber scheint er gleichzeitig durch das kaiserliche General-Consulat seine Fühlung init Wien warm erhalten zu haben, weil schon damals manche seiner scheinbaren Genossen gegen ihn Verdacht schöpften. Es dauerte auch nicht lang daß er in Paris anftauchte, wo alle Welt darüber einig war daß der ehemalige Herausgeber des politisch ungebundensten aller Wiener Journale in geheimen Diensten stehe die ihm gut gezahlt würden. . . Kudlich und Violand waren von Chropiu, wo wir sie verlassen haben, nordwärts gewandert, hatten sich auf einem Kahn ans andere Ufer der Beöva bringen lassen und von Hof aus die schlesische Gräuze überschritten. Abseits von Bcnnisch, dem Hauptort seines Wahlbezirkes, hatten sie im Schutz der Dunkelheit Kudlich's Schwager Kromer, Besitzer der Mittelmühle, ausgesucht und dort eine ruhige Nacht zugebracht. Seine Eltern zu sehen durfte Kudlich nicht wagen, weil ihm Violand mit Grund vorstellte, dort würde man ihn am allerersten aufsnchen, wenn nicht schon in diesem Augenblicke jemand in der Nähe auf der Lauer liege. Die beiden Schicksalsgenossen verfügten sich also, Lobenstein auf eine Wegstunde nordwärts lassend, über Brannsdorf nach Skrochowitz zu Sterz, bei dem sich, wie wir uns erinnern, auch Füster aufgehalten hatte, übersetzten in der Nähe die Oppa und wandcrten nach Branitz, dem preußischen Gränzdorf, wo Kudlich von seinem aus Lobcnstein herübcrgekommcnen Vater Abschied nehmen konnte. Ueber Leobschütz ging es dann weiter nach Breslau wo jedoch ihres Bleibens nicht war. Der Commandant der dortigen Volkswehr Dr. Engelmanu erklärte für ihre Sicherheit nicht cin- stchen zu können; wisse er doch selbst nicht wie lang er in der Stadt bleiben werde. Sie fuhren nach Leipzig wo sie sich trennten, Violand wandte sich nach Hamburg, Kudlich nach Frankfurt*). ') Kudlich III S. 253—258. 350 III. 23. Aufnahme der octroyirteu Verfassung i» Wie». 23. In Zeiten gewaltiger Krisen, wie damals in Wien nach der vorausgegangenen Revolution, ist die Menschheit zur Zeichendeuterei aufgelegt. An einem der ersten Märztage 1849 war von der Spitze des St. Stcphans-Thurmes ein Stoßvogel hcrabgefahren und hatte eine Taube in seine Klauen gefaßt; scharfe Augen sahen die gerupften Federn im Winde fliegen, den Hintergrund bildete das schwarz-goldene Banner „das so riesengroß daß es den Thurm fast verkleinert". In der Menge unten hörte man sagen: „Der Windisch-Grätz ist der Falke, unsere Freiheit ist die Taube!" Am 5. gewahrte man noch bei helllichtem Tage die Venns die sich deutlich am goldrothen Knauf des Stephans-Domes abspiegeltc. „Der Stern Oesterreichs!" sagte einer. „„Aber doch nur ein Abendstern!"" setzte ein anderer bei. . . Ja doch, ein Abendstern, aber vor einem herau- brechendcn schöneren Morgen! Es war in der Reichshauptstadt nicht ganz unbeachtet geblieben daß die Räume der Staatsdrnckerei durch zwei Tage hermetisch abgeschlossen, daß namentlich vom 5. zum 6. März einige Setzer die Nacht über in voller Arbeit znrückgehalten worden waren; allein es hatte sich dies im Laufe des ereignisvollen Jahres so häufig wiederholt daß man im Publicum keinen bcsondcrn Werth darauf zu legen schien. Als daher am 7. morgens die Kunde von der octroyirteu Verfassung die Stadt dnrch- drang, da war die Ucberraschung allgemein, aber auch — die Freude. Denn auf den ersten unbestimmten und darum etwas unbehaglichen Eindruck den jede unerwartete Botschaft zur natürlichen Folge hat, folgte alsbald und in weitesten Kreisen ein Gefühl wie nach der Erlösung von einem beengenden Alp. Gott sei Dank, hörte man die Leute sagen, daß wir endlich etwas gewisses haben! Die Patente waren allerorts angeschlagen und schon am Morgen so zahlreich vertheilt daß in jedem besuchteren Gast- und Kasfeehause mehrere Exemplare auflagen. Aber jedermann wollte ein Exemplar für sich haben und eilte zur Staatsdruckerei um sich eines zu verschaffen. Der Andrang war so groß und stürmisch daß die Zugänge durch Infanterie abgespcrrt werden mußten und Cavalerie-Piquets die Ordnung aufrecht hielten. Die Leute in ihrer frohen Stimmung fügten sich willig militairischen Maßregeln die ein halbes Jahr früher bei ihnen, durch „Gott sei Dank daß wir etwas gewisses haben." 351 Stichelreden und pomphafte Phrasen aufgehetzt, lauten Unwillen erregt haben würden. Jeder wartete im Gedränge ruhig bis die Reihe an ihn kam eingelassen zu werden. Hin und wieder bildeten sich Gruppen um einen solchen der seinen Fang bereits gemacht hatte und der nun, selbst erregt, der erregten Menge die Paragraphe vorlas, immer wieder von lauten Bravos, von vielstimmigem Beifallsruf unterbrochen. Ein ziemlich bejahrter Mann, der sich unterfing die ausgetheilten Papiere einen „reinen Flederwisch" zu nennen, mußte eilig das weite suchen und entkam seinen Verfolgern nur durch Benützung eines Durchhauses wo sic seine Spur- verloren. In wenig Stunden waren bei zweitausend Exemplare vergriffen und machten von Hand zu Hand die Runde durch alle Theilc der Stadt. Das Stadt-Commando hatte umfassende Maßregeln ergriffen um vorfallende Ausschreitungen im Keim zu ersticken; allein es gab nicht den geringsten Anlaß irgendwo einzngreifeu. Denn der vorherrschende Charakter des Tages war frohes Behagen und munterer Ansblick in die Zukunft. Der Cours der füufpercentigen Metalligues ging von 83^, auf 845/z und 85 hinauf, und daran hatte allerdings die „Emancipation der Juden" großen Anthcil, umsomehr als, wie einige Schriftgelehrte herausfanden, der 4. März mit dem Tage zusamincufiel der ihren Vorältcrn die Befreiung aus der babylonischen oder assyrischen Gefangenschaft gebracht hatte. Einer ihrer Glaubensgenossen legte sogleich 600 fl. auf den Altar des Vaterlandes nieder. Aber auch von der übrigen Bevölkerung, aus der so mancher gerade an diesem Paragraph kein besonderes Gefallen finden mochte, war es nicht zu viel gesagt, daß eine gehobene Stimmung sic erfüllte, daß es ein halber Fest- und Feiertag war den sic beging. Man hatte nun schon vielfach die Gelegenheit gehabt die einzelnen Bestimmungen der neuen Charte durchzusehen, zu besprechen, zu erwägen, und das Ergebnis siel in weit überwiegendem Maße günstig aus. Man fand die Ansprache des Kaisers eindringlich bestimmt, die Kundmachung des Ministeriums kernig und entschieden, die Verfassungs- Urkunde in fast allen Punkten befriedigend, in vielen auffallend freisinnig, und was die Hauptsache war, man hatte mit ihr sichern Boden unter den Füßen, man war aus dein Zustande der Unruhe in den Hafen des Friedens, in ein neues Stadium verfassungsmäßiger Freiheit getreten. Je mehr man sich die Sache überlegte desto natürlicher fand mau sie. Habe es denn anders kommen können? Man habe es sich Voraussagen sollen! Vermöge jemand ein anderes Mittel zu bezeichnen dem 352 III. 23. Aufnahme der octroyirten Verfassung in Wie». auf die Länge unerträglichen Zustande, dem beständigen Hin- und Herzerren am Staatsruder ein Ende machen, unsere so allseitig verwirrten Verhältnisse einer haltbaren Lösung cntgegenzuführen? Ja habe man nicht vielmehr zu bedauern daß der Schritt nicht viel früher geschehen sei, wodurch dein Reiche ein hübsche Summe Geldes und den Annalen des Reichstages die letzte Interpellation Schnselka's erspart worden wäre?! Diese Stimmung gab sich auch im Schoße des Gemeinderathes zu erkennen, der um halb 6 Uhr abends Sitzung hielt. Nach einer warmen Ansprache des Präsidenten Dr. Seiller und einem begeisterten dreimaligen Hoch auf den jugendlichen Monarchen beantragten nacheinander die Ge- meinderäthe Bondi Götz und Weixelbaum eine Adresse und feierliche Deputation des Gemeinderathes an den Kaiser, sowie eine Ansprache an die Bewohner von Wien denen besonders der Inhalt des Z. 3 der Constitution: „Wien ist die Hauptstadt des Kaiserreiches und der Sitz der Reichsgewalt" ans Herz zu legen wäre; dann Joseph Schmid die Abhaltung eines feierlichen Dankamtes bei St. Stephan und Abfassung eines Vertrauens-Votums für das k. k. Gesammt-Ministerinm; Dr. Fol- warczny die Einladung an die andern Consessionen Wiens gleichfalls eine gottesdienstliche Feier zu Ehren und Dank des kaiserlichen Geschenkes zu begehen — Anträge die insgesammt ohne Berathung angenommen wurden. Die Deputation nach Olmüz, für deren Abscndnng erst die Erlaubnis des Militair- und Civil-Gouvernenrs eingeholt werden mußte, sollte aus dem Präsidenten und zwölf durch Stimmzettel gewählten Mitgliedern dann ans dem Vice-Bürgermeister und drei Magistrats-Räthen bestehen und sich bereits am nächsten Tage, am 8. März, ans den Weg machen 2"). Unter jenen Reichstags-Abgeordneten die schon am 7. aus Kremsier den ersten südwärts gehenden Zug benützt hatten um sich in ihre Heimat zu begeben, waren einige Dentsch-Throler. „Was werden wir in Wien treffen?!" seufzte einer von ihnen, dem Bilder von Trnmmer'schen „Zusammenrottungen", von allgemeiner Erregung und drohendem Aufstand, wohl gar von einem neuen 6. October vor der bangen Seele aufstiegen. „„Was wir in Wien treffen werden?"" fiel ihm Gredler ins Wort, der aufgeweckteste und Hellstblickende von ihnen: „„Illumination!"" Und in der That! Als der Zug am Abend ans dem Nordbahnhofe einlief, gewahrten sie schon einige beleuchtete Fensterreihen in benachbarten Häusern, bei der Fahrt in die Stadt wurde diese Erscheinung in der Jägerzeilc, Illumination. 353 in der Leopoldstadt immer zahlreicher, in der inner» Stadt war sie fast allgemein. Und diese Beleuchtung, was der Sache eine ungleich höhere Bedeutung gab, sie war eine ans dem Schoße der Bevölkerung selbst entsprungene, eine vollkommen freiwillige, keine von oben befohlene oder auch nur angedeutete. Im Gegentheil, Weiden konnte eine derart in die Nacht hinein währende Kundgebung einer im Belagerungsstande befindlichen Stadt nicht einmal gern sehen und soll in der That, wie man sich erzählte, einer bei ihm darüber uachfragenden Deputation von Bürgern in diesem Sinne geantwortet haben. Aber er untersagte es nicht geradezu, und so ließen sichs die Leute nicht nehmen, ihrer Freude, ihrer Dankbarkeit für den Monarchen und dessen Regierung sichtbaren Ausdruck zu geben. Weiden beschränkte sich darauf den Sicherheitsdienst zu verstärken und mehr Streifwachen als sonst durch die Straßen ziehen zu lassen. Man hat aber nicht vernommen daß irgend ein Anlaß zu militairischem Einschreiten gegeben worden sei, obwohl es ja begreiflich war daß unter den Massen die in buntem Gewühl die Plätze erfüllten, durch die engen Straßen sich drängten, auch Gruppen von Mißvergnügten waren; allein der allgemeinen Befriedigung gegenüber getrauten sie sich nicht ihrem Unmuth offenen Ausdruck zu geben und zerstreuten sich schnell wenn sie eine Patrouille um die Straßenecke herannahen sahen. Es war eine herrliche Nacht. Die Mondsichel glänzte vom reinen Himmel herab und schien mit ihrem erborgten Glanze den künstlichen Glanz unten wettmachen zu wollen, während die wogende Menge an dem einen wie an dem andern ihre Freude hatte und nicht minder lebhaftes Treiben die Gast- und Kaffeehäuser erfüllte, bis die „Welden-Stunde" an ein sittsames Nachhausegehen mahnte^?). Am nächsten Abend bekam man in einigen Vorstädten eine nachträgliche Beleuchtung zu verzeichnen; die Bewohner derselben waren vielleicht am 7. durch ihre schaulustige Pilger- schast in die innere Stadt abgehalten worden ein gleiches zu thuu. -St * * Der größte Theil der böhmischen Abgeordneten, mit ihnen mehrere aus den deutschen Provinzen, die Kremsier in der Nacht vom 8. zum 9. verlassen hatten und am frühen Morgen Olmüz passirten, vernahmen die Kanonensalven die von den Wällen der Festung in die Umgegend hinausdonnerten, derselben verkündend was in der alten Fürstenstadt heute festlich Helsert, Geschichte Oesterreichs. IV. S. 23 354 III. 23. Aufnahme der octroyirten Verfassung in Wien. begangen werden sollte. Es war ein feierliches Dankamt im Dom, welchem der junge Kaiser in Marschalls-Uniform, die anwesenden Mitglieder der kaiserlichen Familie, die Civil- und Militair-Behörden, die Gemeindevertretung rc. beiwohnten. Nach geendetem Gottesdienst schwang sich Franz Joseph I., dessen jngendfrische ritterliche Erscheinung alle Welt mit immer neuem Entzücken erfüllte, auf's Pferd, machte an der Spitze eines glänzenden Stabes, darunter die Erzherzoge Franz Karl, Wilhelm, Ferdinand, aus dem Ober-Ring gegenüber der alterthümlichen Rathhausuhr Halt und ließ die in Parade ausgerückten Truppen, uniformirten Bürger und Nationalgarden vorbeimarschiren 223). Um die Mittagsstunde fand der Empfang der Wiener Deputation statt. Die Adresse deren Wortlaut sie dem Monarchen vortrugen sprach den Dank für die verliehene Verfassung als die „durch die Hand unseres geliebten Kaisers" geschaffene Grundlage zu dem „Domban eines einigen starken freien Oesterreichs", und insbesondere für die Erklärung Wiens als Mittelpunktes des Gesammtstaates aus und schloß mit dem „Gelöbnis fester unerschütterlicher Treue gegen unser thenres Herrscherhaus, des festen vereinigten Zusammenwirkens unserer besten Kräfte zur Aus- rechthaltnng der uns verliehenen Constitution, zum muthvollen Widerstande gegen alle diesem kaiserlichen Geschenke feindseligen Tendenzen". Der Kaiser erwiderte dankend für diese „an den Tag gelegten Gefühle" und sagte dann: „Möge Mir der allmächtige Gott in dem Maße die Kraft verleihen die Völker Oesterreichs einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen, als es Meine Absicht und der heilige Zweck meines Lebens ist." Zum Schlüße sprach er seinen den Vertretern des Wiener Gemeindewesens besonders angenehmen Wunsch ans: daß es ihm bald möglich sein möge „Mich in Ihre Mitte zu begeben" 22Z. Nach beendeter Audienz eilte die Deputation den erfreulichen Ausgang ihren Mitbürgern nach Wien zu überbringeu, und konnte darum nicht Zeuge jener Olmüzer Stadtbeleuchtung sein, welche das nächtliche Seitenstück zu der vormittägigen Kirchen- und militairischen Feierlichkeit bildete. Der Kaiser, seine Herren Eltern, die Erzherzoge durchfuhren in fünf offenen Wagen die Straßen der Stadt, überall vom lauten Jubel der freudig erregten Bevölkerung begrüßt. Auch in Wien, dessen Bewohner der Militair- und Civil-Gonverneur für deren loyale und maßvolle Haltung am 7 . mit einer weiteren Erleichterung des Belagerungszustandes belohnte — Promenade auf den Gemeinderaths-Deputation in Olmüz — Feierlichkeiten in Wien. 355 Basteien bis 10, Offenhalten der Kaffee- und Wirthshäuser bis 12 Uhr nachts — folgte in diesen Tagen eine Feierlichkeit auf die andere. Am Samstag den 10. fand eine solche im israelitischen Bettempel in der Seitenstettengaffe statt, wo der Prediger Mannheimer die Dankrede hielt und die Volks-Hymne mit hebräischem Texte gesungen wurde. Am ' Sonntag darauf war feierliches Hochamt bei St. Stephan, Ausstellung der Garnison, bei 14.000 Mann mit 6 Batterien, auf allen Hauptplätzen der iunern Stadt, 101 Kanonenschüße von den Basteien. „Es hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht!" versichert ein Augenzeuge. „Diesen Donner mit seinem eigenthümlichen Rollen und Echo hatteil wir seit der furchtbaren Kanonade des letzten Octobers nicht in Wien gehört; er rief alle Schrecken jener Tage, den großartigen Schluß des Kampfes und alle blutigen Folgen desselben wieder ins Gedächtnis!" Nach beendeter kirchlicher Feier war Desilirung der Truppen vor dem Militair- und Civil-Gouverneur und dem Minister-Präsidenten, die auf dem Michaeler-Platze Stellung nahmen, so daß der Abmarsch durch die kaiserliche Burg erfolgte: voran ein Trupp öereLaner, ganz neu uniformirt, und ein Bataillon Gränzer, daraus die Brigaden Chizzola Sanchez Herzinger und Gerstner, zuletzt Artillerie mit den Geschützen. Der Andrang der Bevölkerung war so groß daß zeitweise Stockungen eintraten, besonders am Kohlmarkt, bis Baron Weiden den vorsorglichen Befehl gab, die Abtheilungen in geringerer Breite aufmarschiren zu lassen 22"). Abends war militairischer Zapfenstreich. Den großartigen Zug, der die von wogenden Menschenmassen erfüllten Straßen der Stadt durchschritt, bildeten 2 Musikbanden und 60 Tambours; ein Geleite von mehreren Tausenden von Leuten vor ihm und hinter ihm die, als die Volks-Hymne angestimmt wurde, in stürmischen Jubel ausbrachen, vielfach auch den Text mit lauter Stimme dazu sangen. Nicht geringere Ausbrüche der Freude rief ein Fiacre hervor, der das Innere seines offenen Wagens in eine Art Schnuzelt umgeschasfen hatte in welchem zwischen Fahnen Blumen und Lampen das Bildnis des Kaisers ausgestellt war, das er nun in langsamem Tempo durch die Straßen führte. Die Stimmung der Bevölkerung war eine gehobene, man sah nur frohe Gesichter und hörte nur Worte der Befriedigung über die so glückliche Wendung der Geschicke Oesterreichs 220 ). Während der Ausrückung am Vormittag war eine unbekannte Dame bei dem auf dem Neue» Markt ausgestellten Grenadier-Bataillon Wocher erschienen und hatte dem Commandirenden 356 III. 23. Aufnahme der octroyirte» Verfassung in Wien. 100 fl. zur Verkeilung unter die Mannschaft überreicht; der Juwelier Ross spendete der Mannschaft jeder Wachstube 5 fl. n. dgl. m. Ueberhanpt zeigte sich große Opferwilligkeit für militairische Zwecke. Kleinere Beträge aller Art, von Einzelnen und ganzen Gemeinden, aber auch ansehnlichere Summen strömten so zahlreich ein daß Weiden an die Bildung eines eigenen Foudes schreiten konnte, aus dessen Mitteln er die Zukunft der im Kriege Krüppel gewordenen armen Soldaten zu sichern gedachte. Eine hiefür niedergesetzte Commission sollte nämlich an jene Gemeinden, wo sich der Invalide niederzulassen gedächte, Beträge von 500 fl. abwärts bewilligen; „um diese Summe kann ihm auf dem Lande oft ein kleines Eigenthum oder die besondere Pflege in einer oder der andern Familie verschafft werden, der Staat erspart die kostbare Hausvcrpflegung; und ist es möglich daß ein armer Krüppel das Ende seiner Tage noch mit einigem Frohsinn hinbringe, so ist es nur auf diese Weise". Es spornte die Patrioten, welche in dieser Richtung thätig waren, nicht wenig an daß gerade in diesen Tagen eine Zuschrift Radeckzl's an den Wiener Gemeinderath einlangte, worin sich der greise Marschall für die Eintragung seines Namens in das goldene Buch der Ehrenbürger der freien Commune Wiens als ersten derselben bedankte; die Auszeichnung war ihm durch Gemeinderathsbeschluß vom 8. August v. I., nach der Siegesbotschaft der Wiedereinnahme von Mailand, zugesprochen worden 2 ^). Die Physiognomie der Stadt gewann von Tag zu Tag ein vor- theilhafteres Aussehen. Handel und Gewerbe zeigten ein frischeres Leben, die Fabriken entfalteten eine neue Regsamkeit, die Straßen der Stadt, in denen noch Wochen nach dem Octobcr keine Equipage zu sehen war, erhielten allmälig ihr früheres Anssehen. Es fehlte nur die Rückkehr des Hofes! Wie man sich in Wien erzählte, hätte Weiden einer bei ihm anfragenden Deputation des Gemeinderathes gegenüber ein Wort fallen lassen, das in jenem Sinne ausgelegt werden konnte. Auch hatte der Gemeinderath nicht gesäumt seinen Mitbürgern die freundlichen Worte, die der Kaiser zur städtischen Deputation gesprochen hatte, in einer schwungvollen Ansprache zu Gemüthe zu führen. Ueber all dieses entstand nun das Gerücht, der Kaiser werde unter dem Namen eines „Grafen von Habsburg" zwar nicht nach Wien, aber nach Schönbrunn zurückkehren, das man für diesen Zweck außerhalb des Belagerungs-Rayons erklären würde. Es wurde iu der Thal über diese 357 Welden-Fond — Haltung der Mißvergnügten. Angelegenheit zwischen Wien und Ofen neuerdings correspondirt. Der Minister-Präsident versicherte den Marschall wiederholt, es werde, wie man es ihm versprochen, nicht ein Schritt ohne dessen Vorwissen geschehen ; es brauche auch darum weder von Aufhebung des Belagerungsstandes noch von Ertheilung einer Amnestie die Rede zu sein; aber anderseits lasse sich doch nicht verkennen daß jetzt der Zeitpunkt sei „der Welt zu zeigen daß der Kaiser Herr in seinem Hause ist". Allein Windisch- Grätz bat immer wieder, nichts zu verfügen bevor er sich in der Lage befinde der Zweckmäßigkeit einer solchen Maßregel beizustimmen; auch mäße man wohl erst in Ungarn fertig sein ehe sich in der Haupt- und Residenzstadt die alten Verhältnisse Herstellen ließen. q- * * Wenn Baron Melden einmal die Wiener Bevölkerung lobte und sich ihr gefällig erwies, ein andermal sich über den bösen Geist beschwerte der erst aus ihrer Mitte weichen müße ehe von einem Nachlaß der Strenge die Rede sein könne, so lag darin keine Doppelzüngigkeit; es war nur eine Verschiedenheit der Standpunkte den er hier und den er dort einnahm. Jenes galt von der überwiegenden Mehrheit die gut war, dieses galt von Einzelnen die böses im Schilde führten und offen oder unerkannt schlimme Streiche spielten, und weil nun dieser Einzelnen, wie es ja nach dem so gewaltigen und so andauernden Gährungs-Processe des Jahres 1848 nicht anders sein konnte, noch immer welche auftauchten, war es dein Militair- und Civil-Gouverneur, bei der ungeheuren Verantwortlichkeit die auf ihm lastete, kaum zu verdenken wenn er gegen eine vorzeitige Rückkehr des Hofes Einsprache erhob. Denn Fälle von aufreizenden Reden, boshafte Aenßerungen über die kundgemachte Verfassung, Schmähworte gegen den Kaiser, die Regierung, das Militair fielen immer wieder vor. Selbst in den so freudig erregten Tagen vom 7. bis 11. gab es Verhaftungen auf offener Straße die freilich in dem allgemein heiteren Gewühle kaum von den Nächststeheuden beobachtet wurden Vielen Anlaß zu derartigen Ausschreitungen gaben die Nachrichten aus Ungarn, und auch in dieser Hinsicht mußte man Weiden Recht geben, wenn er vor glücklicher Beendigung des ungarischen Feldzuges von einer Aushebung des Belngerungsstandes, wobei das Erscheinen des Kaisers in der Mitte seiner Wiener kaum zu umgehen war, nichts wissen wollte. 358 III. 23. Ausnahme der oetroyirten Verfassung in Wien. Es fehlte zwar nicht an siegverkündenden Botschaften, und die Transporte ungarischer Gefangener, oft im elendesten Zustand, viele barfuß, ohne Wäsche, schienen dieselben zugleich zu bestätigen und zu illustriren. Aber man wußte selbst nicht warum, man glaubte im Publicum nicht recht daran. Selbst die Börse, in den ersten Tagen nach der Octroyirung so schwungvoll, wurde flauer. Bei den Misvergnügten verfingen alle jene Nachrichten nicht und die heftigeren unter ihnen ließen sich zu allerhand ärgerlichen Auftritten Hinreißen. Hier erklärte einer das 24. Armee- Bulletin, das die Leute beim Stubenthor lesend umstanden, für eine gedruckte Lüge; dort zerriß ein anderer in einem Gasthause das 25. unter Schimpsreden und warf die Fetzen unter die Gäste. Unter solchen Umständen näherte man sich der Jahreswende der drei vielgepriesenen März-Tage von 1848. Stadion hatte, um die unausbleibliche Erinnerung daran in ein geregeltes Bette zu leiten, noch im Laufe des Februar auf diesbezügliche Anfragen einzelner Länder- Chefs erwidert daß, um einer Glorificirung des 13. März vorzubeugen, am 15. als dem Tage der von Sr. Majestät Kaiser Ferdinand verheißenen Constitution eine Feier stattfinden solle die sich jedoch auf einen Gottesdienst zu beschränken hätte. Nachdem dann aber das Verfassungs- Werk zur Reife gediehen war, hatte Stadion jene Weisung dahin abgeändert daß unmittelbar nach Kundmachung desselben und zwar ausschließlich zur Feier dieses Staatsactes ein solenner Gottesdienst abgehalten werde, jene andere auf den 15. März angesagte Kirchenfeier dagegen zu entfallen habe. Allein was durch diese vorbauende Maßregel vermieden werden sollte, trat dennoch ein, und zwar unmittelbar in Wien, jenem Schallplatze wo sich eben die vorjährigen Ereignisse abgespielt hatten. Wenige Tage nach den Freudetagen, welche die Kundmachung der oetroyirten Verfassung in ihrem Gefolge hatte, durchlief die Stadt das Gerücht es werde am 13. März sowohl bei St. Stephan als auf dem Schmelzer Friedhof eine Erinnerungsseier für die Gefallenen begangen werden. Gewiß gab es viele welche die Sache ernstgläubig Hinnahmen und sich im Dome einfanden, „um an dem Jahrestage der errungenen Freiheit für unser theuerstes Gut dem Himmel zu danken und der Gefallenen in heißem Gebete zu gedenken". Ebenso gewiß ist es aber daß die Veranstalter jener Feier ganz etwas anderes im Sinne hatten als eine Handlung frommer Erinnerung zu begehen; daß vielmehr ihre Absicht war der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen, dabei die eigenen Beabsichtigte Feier des 13. März. 359 Kräfte zu messen und der Welt zu zeigen daß mau noch existire. Die Kirchenverwaltung selbst scheint arglos in die Falle gerathen zu sein; denn es war einige Tage vorher im Kirchenmeisteramt eine unbekannte Frau erschienen und hatte einen Betrag von 116 fl. erlegt, um für einen Kaufmann Julius Wünsche ein feierliches Requiem am 13. März abhalteu zu lassen. Derselbe war bereits vor einigen Jahren gestorben, und als man die Bittstellerin fragte warum sie gerade den 13. März gewählt habe, gab sie den au sich unverfänglichen Grund an: es seien Verwandte des Verstorbenen aus Grätz die an diesem Tage und für diesen Zweck nach Wien kämen. Die Kirchenverwaltung ließ dem zufolge, wie es gewünscht worden, einen Trauer-Katafalk Herrichten und die Lichter um denselben und am Hoch-Altare anzünden. Mehrere stille Messen an Seiten-Altären hatten bereits begonnen, als man merkte daß es mit der angeblich Julius-Wünsche'schen Todtenseier doch seine ganz sonderbare Bewandtnis haben müße. Denn die Zahl der Verwandten dieses dahingeschiedenen Kaufmanns erschien als Legion, die ganze Kirche war schon um 10 Uhr von ihnen angefüllt, während das feierliche Todtenamt erst um 11 beginnen sollte. Dazu das auffallende und herausfordernde Benehmen vieler jungen Leute, einzelner in auffallender Kleidung, aber auch mehrerer schwarz gekleideten Frauen, von deren bös verzogenen Lippen, als die erwartete Feierlichkeit noch immer nicht beginnen wollte, Worte ganz andern Charakters als trauernder Andacht flößen. „Wir müßen mehr sammeln", sagte eine bissig zu einer andern, „der Erzbischof hat noch nicht genug." Einen Burschen hörte man laut schimpfen: „Die verfluchten Pfaffen, wie viel Geld soll man ihnen denn geben?!" Als nun aber, nachdem die Uhr eilf geschlagen hatte, eine Deputation in die Sacristei geschickt wurde und von dort den Bescheid brachte die Abhaltung des Traueramtes sei verboten worden; als gleich darauf Kirchendiener kamen und die Lichter am Katafalk auszulöschen begannen, da wurde der Unwille immer lauter, in den geheiligten Räumen ertönten die anstößigsten Reden die sich, als die Lästerer sahen man sei hinter ihre Schliche gekommen, auf die Gasse hinaus fortpflauzten wo Gruppen schimpfend und fluchend das Gotteshaus umstanden. Aber schon war Militair zur Stelle, eine Abtheilnng Polizei-Soldaten besetzte die Kirche, Grenadiere marschirten auf, Cavalerie kam heran, zahlreiche Streifwachen säuberten den Platz und die einmündenden Straßen und nahmen einige Verhaftungen vor, darunter eine Dame in Schwas und einige junge Leute 360 III. 24. Demonstrationen in Prag. mit Abzeichen an Hut und Arm^). Das Militair blieb bis 2 Uhr nachmittags in seiner Aufstellung, worauf es, da alles ruhig war, in seine Casernen zurückbeordert wurdet). Auch auf dem Schmelzer Friedhof gab es Ansammlungen bei dem Grabe der März-Gefallenen, das mit einem hölzernen Kreuze bezeichnet, mit Immergrün, mit Blumen und Kränzen geschmückt war. Besonders am Nachmittag, wahrscheinlich um die bei St. Stephan vereitelte Kundgebung hier von neuem zu versuchen, trieb sich viel Volk an dieser Stelle herum; die Leute rissen sich um einzelne Blumen an den Kränzen, um Splitter von dem hölzernen Kreuze, das im Laufe des Tages von seiner Stelle gerückt, nach der Behauptung Einzelner absichtlich herausgerissen und hingeworfen war. Melden hatte auch hier Militair ausrücken lassen; da aber nichts vorfiel und Vertrauensmänner aus dem Bürgerstande ihr Wort für die Aufrechthaltung der Ruhe einsetzten, so befahl er die Truppen wieder einrücken zu machen*). Trotzdem schlugen die Radikalen gotteslästerlichen Lärm, als ob die Behörden mit rauher Hand an das Heiligste gerührt hätten. Sei es erhört daß man zarte Frauen durch Bajonnete verhindert Blumen als friedliche Zeichen auf die Gräber gefallener Helden zu streuen?! Sei es erhört daß man Friedhöfe militairisch besetzt um eine Todtenfeier zu stören?! „Der große edle Melden will der armen unglücklichen Stadt nicht einmal zu weinen und zu trauern erlauben! Wien durfte über die hochherzigen Opfer der März-Bewegung nicht trauern weil es der Corpora! Melden mit dem Stock nicht gestattete! Graf SedlnickF ist ein Stümper gegen Melden, von welchem er, wenn er nicht schon zu alt wäre, lernen könnte. Beim Himmel, man fängt in Wien an eine unbezwingbare Sehnsucht nach der russischen Knute zu bekommen, und es dürfte gar nicht so übel sein wenn Melden von irgend einem Kozaken-Häuptling abgelöst würde." Am Abend sah man in den Vorstädten hin und wieder in den Fenstern mit Flüren umwundene Kerzen „welche wie Todtenlichter am Sarge der verblichenen Freiheit brannten" ^i). 24. In Wien war man, nachdem man sich von dem Erstaunen über die Olmüzer Geschenke etwas erholt hatte, gespannt was man „aus der *) Episoden S. 51. ^ Erste Eindrücke in den verschiedenen Ländern. 361 Provinz" zu hören bekommen werde; hoffentlich, meinten die friedlich Gesinnten, werde auch dort „die gesunde Ansicht" über eine „krankhafte Ideologie" den Sieg davontragen. Der erste Eindruck in den verschiedenen Ländern war überall derselbe: Ueberraschung, eine Art Betäubung in der man sich nicht sogleich zurechtfinden konnte, Ungewißheit wie man das Geschehene aufzunehmen habe, unentschiedenes Urtheil; dann ruhigere Ueberlegung, meist günstige Stimmung für das was gebracht worden, minder günstige über das wie es gebracht wurde; denn mit der militairischen Auflösung des Reichstages, mit der völlig rücksichtslosen Behandlung der Abgeordneten, und eben dadurch der Wählerkreise welche sie geschickt hatten, war kaum jemand einverstanden. Die Landbevölkerung die nun einmal hatte was ihr nicht mehr genommen werden konnte, war in allen Ländern zufrieden; viele Gemeinden oder Gruppen von Gemeinden sandten Dank-Adressen an den Kaiser, an das Gesammt-Ministerium, an das Ministerium des Innern 232 ). Von größeren Städten, wo die Constitution mit ungetheilter oder doch weit überwiegender Freude ausgenommen und mit allerhand Festlichkeiten begangen wurde, war vor allem Brünn zu neunen: 9. und 10. Tedeum, Parade des Militairs und der Nationalgarde, Volks- Hymne im Theater, Stadtbeleuchtung: „die kaiserlichen und die Landes- Farben (Roth und Gold) wallen vom Thurme des Rathhauses und von der Hanptwache der Bürgerwehr, gleichsam als Commentar des H. 8 der Reichsverfassung." In Görz wurde am 9. die Verfassuugsurkunde von einer Amtsperson vorgelesen, der zum Schlüße nur das Malheur passirte, daß sie ein Hoch auf „Ferdinand den Gütigen" ausbrachte. In sehr- schöner Weise beging die Stadt Marburg iu Steiermark am 10. ihr Fest. „Keine Stadt der Monarchie", hieß es in einer Correspondenz der »Gr. Ztg.", „zählt vielleicht weniger Kannegießer; unsere Bürger sind seit einem Jahr viel zu ernst und seit jeher viel zu praktisch um sich viel in Theorien zu ergehen." Sie hatten binnen Jahresfrist mehr als 30.000 fl. an freiwilligen Gaben gespendet; von Januar bis Deccmber 1848 waren nicht weniger als 150.000 Manu durchmarschirt, davon 760 Officiere, 58.333 Mann, 11.210 Pferde in der Stadt einquartiert, 30.000 Eimer Wein auf dem Bahnhof an vorbeizichende Truppen gespendet worden. Am 15. fand in Innsbruck die Constitutious-Feier statt, für welche Fürst-Bischof Galura von Brixen einen Hirtenbrief veröffentlichte; an die Garnison und zwei Nationalgardc-Bataillons schloß 362 HI. 24. Demonstrationen in Prag. sich die Schützen-Compagnie von Willen unter Hauptmann von Mörl und eine Abtheilnng der Höttinger Schützen. Eine ziemlich getheilte Stimmung herrschte in Laibach, wo die Slovenen ihre Wünsche nicht erfüllt sahen, in Grätz und Klagenfurt in welch beiden Städten der Radicalismus sich wieder zu rühren begann, und in Triest aus verschiedenen Ursachen. Die kirchliche Feier im Dome der steierischen Hauptstadt am 12. ließ, was die Betheiligung aller Stände und Bevölkerungsclassen betraf, nichts zu wünschen übrig; die Illumination am Abend war reich und glänzend und überstrahlt, wie am 7. in Wien, vom Mondlicht und Sternengeflimmer des reinen wolkenlosen Himmels. Man erinnerte sich seit dem März v. I. keines Tages wo so große Menschenmassen durch die Gassen strömten und nicht die geringste Unordnung vorfiel; die Nacht verfloß in schönster Ruhe und Harmonie. Gleichwohl waren die Bemühungen der Radikalen nicht zu verkennen, verschiedene aufregende Botschaften unter die Leute zu bringen: Windisch-Grätz sei geschlagen, die Jnsnrrections-Armee stehe an der Leitha, Wien befinde sich in Hellem Aufruhr u. dgl. m. Die Studenten der Hochschule die sich eine Woche früher bei der Auslosung für die Armee musterhaft benommen, hatten eine kirchliche Feier für die am 13. März gefallenen „Freiheitskämpfer" im Sinne; als ihnen von der akademischen Behörde dies nicht gestattet wurde zogen sie am Abend in die neu eröffnete Bierhalle nächst der Eisenbahnbrücke wo bei vollen Humpen allerhand Vivats und Pereats ausgebracht wurden. In den Tagen darauf kamen hin und wieder rothe Mützen Hahnenfeder» Ziegenhainer zum Vorschein, ohne bei der Menge besondern Anklang zu finden. Als wollten sie Aufmerksamkeit für sich erzwingen beschloßen sie für den 15. eine nachträgliche Todtenfeier bei Maria-Trost, und als ihnen auch hier durch militairisches Einschreiten ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, für den 16. eine Sturm-Petition mit Protest an das Landes-Präfidium. Allein von Seite der Behörde wurden Gegenanstalten getroffen, Militair und eine Abtheilung Nationalgarde in Bereitschaft gehalten, und nach einer stürmischen Verhandlung auf der Universität scheinen denn doch die Stimmen der Besonneneren den Ausschlag gegeben zu haben 23 s). In der Hauptstadt Kärntens war die Aufnahme der neuen Wendung am 13. vorherrschend eine günstige, wozu nicht wenig ein gleichzeitiger Ministerial-Erlaß beitrug, laut dessen das bisherige Kreisamt, gewisse vorbehaltene Fälle ausgenommen, sogleich als Griitz und Klagensurt — Triest und Trient. 363 Landesbehörde zu fungiren und als solche unmittelbar mit dem Ministerium zu correspondiren hatte. Aber die nicht geringe Zahl jener die der gegenwärtigen Regierung um jedeu Preis Opposition machten, ließ sich auch durch dieses staatsrechtlich-administrative Zugeständnis nicht begütigen; sie bezcichneten die neue Charte als ein „Ruhestands-Product Metternich's". In Triest war am 23. Februar morgens König Ferdinand's Cor- vette „Ercolano" im Hafen eingelaufen, völlig bemannt und wie es hieß als Vorläufer anderer Kriegsschiffe die vereint mit den kaiserlichen manoeuvriren sollten. Doch der „Ercolano" blieb allein, und statt der erwarteten Neapolitaner erschienen vom 5. bis 8. März die britische Fregatte „Spartan" Capitain Symonds, die französischen Dampf-Fregatten „Asmodse" und „Panama", Segel-Fregatte „Psyche" und Dampf-Cor- vette „Brasier", und es fiel unangenehm auf daß letztere gegen die herrschende Sitte die Begrüßung der Stadt Triest unterließ. Ein anderer Zwischenfall ereignete sich als die kaiserlichen Patente bekannt wurden und die Stadt Vorbereitungen zu einer würdigen Feier dieses Ereignisses traf. Capitain Symonds segelte nämlich gerade an diesem Tage ab und kam mit seinem „Spartan" erst später zurück; es mochte Zufall gewesen sein, sah aber wie Absicht aus und fand auch diese Deutung. Von der Stadt wurde die Constitutions-Feier am 9. März in würdiger Weise begangen und waltete freudige Stimmung vor. Dazwischen ließen sich gleichwohl Mislaute vernehmen, sowohl von Seite der illyrischen Bevölkerung welche die Erwartungen einer abgesonderten nationalen Stellung nicht erfüllt sah, als auch der Städtischen selbst denen die Einbeziehung ihres Emporiums und Küstengebietes in das mit dem Namen eines „Königreichs Jllyrien" bezeichnete Conglomerat nicht behagte: sie hatten sich von ihrem Mitbürger Bruck, der jetzt in: höchsten Rath der Krone saß, eines andern versehen! Wo die neue Verfassung ausgesprochenem Widerwillen begegnete, das war — die bäuerliche Bevölkerung auch hier überall ausgenommen — bei den Jtalianissimi in Süd-Tyrol und bei der oppositionalen Partei in Galizien. Die Wälsch-Tyroler knirschten noch unter dem Eindrücke jenes Ministerial-Erlasses der durch ihre Trenuuugsplane einen so dicken Strich gezogen hatte. Kam nun dazu aus Kremsier die Kunde daß sich der Constitutions-Ausschuß im letzten Augenblicke für das Verbleiben ihres Gebietes beim Lande Tyrol entschieden habe, und fielen wenig Tage später ihre Blicke gleich im Z. 1 der Verfassuugsurkunde vom 4. März 364 III. 24. Demonstralionen in Prag. auf die Worte „der gefürsteten Grafstadt Tyrol und Vorarlberg" als eines der Bestandtheile des Kaiserthums Oesterreich, so kam es, bei dem strammen Regiment das sie über ihren Häuptern sahen, zwar zu keinen öffentlichen Ausbrüchen ihrer Wnth; allein daß sie in der Tasche ihre Fäuste ballten und mit verbissenem Ingrimm den Hoffnungen uachblickten, die sie seit Monaten auf die Erfüllung ihrer territorialen Wünsche gesetzt hatten, war begreiflich genug. In Galizien herrschte das Kriegsgesetz und die Landesbehörden fanden keinen Anlaß in der Handhabung des Belagerungsstandes die Zügel schlaffer zu halten oder denselben wohl gar aufzuheben. In Lemberg nöthigte die Nähe des ungarischen Kriegsschauplatzes den Behörden die größte Wachsamkeit auf, so daß von der Strenge der militairischen Maßregeln in nichts nachgelassen werden durfte. Der Landes-Commandirende machte dem Grafen Goluchowski, wie dieser am 10. an den Grafen Stadion berichtete, sogar die vertrauliche Mittheilung: „wienach die jetzigen Verhältnisse in Ungarn, wo die Insurgenten sich den Gränzen dieser Provinz nähern und einen Einfall nach Galizien möglicherweise versuchen werden, die Möglichkeit herbeiführen könnten daß er mit dem größten Theile der hiesigen Garnison Lemberg verlasse und denselben entgegenrücke". Der Statthalter verabredete mit Baron Hammerstein daß für diesen äußersten Fall jedenfalls 1200 Grenadiere, einige Reiterei und Artillerie als Garnison in Lemberg Zurückbleiben ^). In Krakau waren es fortwährend verdeckte Aufreizungen die ein scharfes Auge verlangte». Die Militair-Behörde witterte Umtriebe der noch immer nicht völlig aus dem Laude geschaffte» Emigranten und bedrohte jeden Fremden, der ohne gesetzlichen Aufcnthaltsschein betroffen würde, mit kriegsrechtlicher Behandlung, jeden Hauseigenthümcr oder Unterstandgeber eines solchen mit 100 fl. Conv.-M. Geldstrafe oder dreitägigem Arrest^). In einer solchen Lage wollten ihrerseits die Krakauer von einer Feier zu Ehren der kaiserlichen Octroyirung nichts wissen. Dagegen beabsichtigten einige überspannte Köpfe eine solche zur Erinnerung an den 17. März, den Jahrestag der Freilassung der politischen Gefangenen, durchliefen am Abend die Stadt mit dem Rufe: „IluminnL^a, ilnrainao^s.!" und warfen in Häusern, wo nicht sogleich Folge geleistet wurde, mit Steinen die Fenster ein, so daß die Organe des Stadtrathcs und des Sicherheitsausschußes, denen es ernstlich um Aufrechthaltung der Ordnung zu thnn war, alle Mühe aufwendeu mußten die Störefriede zu paaren zu treiben. Galizien und Krakau — Die ungarischen Länder. 365 Am 18. erschien eine amtliche Kundmachung, laut welcher jede Stadt- belenchtung bei schwerer Strafe verboten wurde. Waltete in Galizien und Wladimirien der Belagernngszllstand, so wüthete in den ungarischen Ländern der Krieg, und unter Waffengeklirr schweigen nicht blos die Musen, es schweigt auch jede andere Politik als die des augenblicklichen Kampfes. In den von der eigentlichen Walstatt entlegenen Gebieten gedachte man zwar das Ereignis von Kremsier nicht unbeachtet vorübergehen zu lassen, und vom Kriegs-Ministerium erging nach Presburg im Geiste des Stadion'schen Erlasses die Weisung für den 15. März eine Verfassungsfeicr anzuordnen. Als jedoch Kempen pflichtschuldigst in Ofen anfragte, inachte der Feldmarschall „mit Rücksicht auf die iu Ungarn noch nicht unterdrückte Revolution" diesen Befehl rückgängig und wurde in der That das Geschenk von Kremsier in keinem Orte Ungarns festlich begrüßt. Dafür benützte der Cooperator an der Pfarrkirche zu Maria-Blut in der Ofener Christinenstadt Franz Baron HorcckF de Hora die Fastenzeit, um jeden Freitag Nachmittag seine Zuhörer, die zahlreich seinen Predigten zuströmten so daß das Gotteshaus nicht einmal alle fassen konnte, an die ernsten Zeichen der Zeit zu mahnen und dem wilden Toben des Aufstandes, des verheerenden Bürgerkrieges die Lehren des Christenthums und das Beispiel des Welterlösers entgegenzuhalten. In seiner 4. Fastenrede am 18. März 1849 wählte er als Stoff, wie „das wüthende Volk einen Aufrührer und Mörder von Pilatus freigesprochen wünschte, den unschuldigen Heiland aber mit Ungestüm zum Tode verurtheilt begehrte"; er warf dabei einen Rückblick auf das Schreckensjahr 1848, erinnerte in ergreifenden Worten an den verhängnisvollen 28. September und dessen blutiges Opfer, stellte die Revolution als „eine der gröbsten Versündigungen gegen Gott und den Nebenmenschen" dar, ging dann auf die vom Kaiser Franz Joseph großmüthig verliehene Constitution als den beglückenden Schluß einer verirrnngsvollen Periode der Leiden und Drangsale über und schloß mit einem Gebete für den jugendlichen Monarchen, für dessen erlauchten Vertreter „den greisen Feldhcrrn Fürsten zu Windisch-Grätz" und für das ungarische Vaterland welchem der Herr bald die Segnungen des Friedens und eines geordneten und gesicherten Daseins verleihen wolle!*) _ * *') Pester Ztg. Nr. 934 S. 5446; unterzeichnet: „Mehrere seiner andächtigen Zuhörer". 366 HI. 24. Demonstrationen in Prag. Die gegründetsten Besorgnisse die man hinsichtlich der Aufnahme der octroyirten Verfassung hegte, galten der böhmischen Landeshauptstadt, und zwar hegte man solche nicht blos in Wien, sondern fast allerorts. Aus Salzburg ließ sich am 10. das Organ Karl Havliöek's mittheilen: „Wohin man kommt, überall dieselbe Frage: Wie wird sich die Slo- vanskä Lipa verhalten?" Am selben Tage schrieb Baron Otto Hingenau an die „Gr. Ztg." aus Brünn: „Die Partei der Slovanskä Lipa hat noch nicht gesprochen"; er meinte damit die mährische, die aber mit der böhmischen in innigstem Verkehr und Zusammenhang stand. In deutschen Kreisen machte das dem Dr. Rieger in den Mund gelegte Wort: „Wir wählen nach Frankfurt" ungeheures Aufsehen. Wolle er sich in die Arme Deutschlands werfen um die deutsche Reichsverfassung gegen die österreichische Octroyirte auszuspielen? Solle es etwa dahin kommen daß die „slavische Linde" den Fall der deutschen Eiche aufhalte?! Oder habe man einen slavischen Aufstand zu erwarten? Sei es nicht bekannt daß Baron Stürmer im Aufträge seiner Regierung bei der Pforte angefragt habe, wie sich dieselbe im Falle einer Erhebung der österreichischen Slaven zu verhalten gedenke?! Der Gründe zur Unzufriedenheit gab es in einem so großen, so volkreichen und überdies national so gespaltenen Lande wie Böhmen genug, und wenn eine Constitution vom Himmel herabgefallen wäre, alle Erwartungen zu befriedigen, alle Besorgnisse zu beschwichtigen war unmöglich. Die bevorstehende Verfassung — man dachte dabei an die des Constitutions-Ausschußes — beschäftigte seit Wochen die Geister. Man wußte daß eine Veränderung der Kreise und eine Abthcilung derselben nach Sprachgränzen in Aussicht genommen sei; einige sprachen von drei böhmischen — Prag Budweis und Oaslau oder Kuttenberg — und zwei deutschen — Reichenberg und Eger oder Saaz —, andere von sechs böhmischen und drei deutschen, die dritten von einer Eintheilung des Gebietes in drei große Bezirke'^"). Jede dieser Modalitäten fand ihre Vertheidiger und ihre Gegner, während eine große Zahl es bei den seit langem hergebrachten und eingewohnten sechzehn Kreisen belassen wissen wollte. Einen andern Zündstoff bot die nunmehr hart bevorstehende Recrutirung nach dem neuen Vorgang mittels des Loses. Die Radicaleu in Böhmen wie in"andern Ländern waren von vornherein dem ungarischen und italienischen Krieg abhold, weil sie einen Triumph der kaiserlichen Waffen Günstiger Ablauf der Recrutiruug. 367 als Stärkung der Regierungsgewalt besorgten; die täglichen Transporte von Gefangenen, die durch Prag nach den böhmischen Festungen abgeführt wurden, nährten diese Stimmung; waren es zudem Fälle wie jener mit dem Lembergcr Dobrzaüski, mit dem Schriftsteller Kaminski, so stieg die Erbitterung auf's höchste. Als die Zeit der Trnppenaushebuug heranrückte sprachen die Leute von nichts als von Widerstand und Krawallen, die einen im Tone der Befürchtung, die andern in jenem der Schadenfreude. Gerüchte von Verkündigung des Belagerungsstandes tauchten wiederholt auf, besonders als man erfuhr es sei aus Budweis eine Batterie nach Prag beordert worden und solle auf der Marien-Schanze aufgestellt werden. Indessen lief alles wider Erwarten ruhig ab. In Prag umstanden am 5. März Gruppen von Neugierigen das Altstädter Rathhaus, zwei Bataillone Nationalgarde waren ausgerückt, 300 Mann im inner» Gebäude vertheilt, eine Abtheilnng hielt das „Brückl" besetzt; das Militair hatte in seinen Easernen Bereitschaft. Es geschah aber gar nichts; alle Vorsichtsmaßregeln erwiesen sich als unnöthig. So war es auch allenthalben im Lande, Pribram und PiLely allein ausgenommen. Dort gerieth der Bürgermeister in Lebensgefahr bis es der Geistesgegenwart und That- kraft des Bergoberamts-Verwalters Gubernial-Rathes Lill von Lilienbach gelang die Ruhe herzustelleu. In der Gegend von PiSely hatte sich unter den ärmeren Leuten das Gerücht verbreitet daß viele von den reicheren noch rüstigen Bauern auf Aurathen der Beamten ihre Höfe ihren Söhnen verschrieben hätten um dieselben von der Kriegspslicht zu befreien. Am Tage der Losung kamen nun Häusler und Juleute in Hellen Haufen mit Sensen und Heugabeln bewaffnet zum Wirtschaftsamt, so daß die Beamten ihr Heil in der Flucht suchten; später wird man wohl Ordnung geschaffen haben, da nichts weiter darüber verlautete. Auch in den andern Ländern lief das Geschäft trotz aller seit Monaten gehegten Befürchtungen fast durchaus ruhig ab. In Klagenfurt lobte man das Verhalten der losungs- pslichtigen Jugend. In Laibach fanden einige Stockungen statt, weil sich unter den Bürgern aus Besorgnis sich misliebig zu machen kein Vertrauensmann finden wollte. Von Widersetzlichkeit war nur aus Werfen im Salzburgischcn etwas zu vernehmen, 5. März; der Amtsverweser Graf Mniszech verlegte die Verlosung auf den 10. und forderte den Gemeindevorstand zu unweigerlichem Gehorsam auf. Als Herd der Unzufriedenheit unter der böhmischen Bevölkerung galt nicht mit Unrecht die Slovanskä Lipa in deren Sitzungen so ziemlich alles 368 IH. 24. Demonstrationen in Prag. znsammentraf was sich irgendwie in der österreichischen Slavenwelt bemerkbar machte. Noch bis in die ersten Märztage hinein flößen ihr aus böhmischen Städten Vertrauens-Adressen für den Reichstag mit Hunderten, tausenden von Unterschriften zu, obwohl sie selbst mit den böhmischen Abgeordneten in Kremsier durchaus nicht zufrieden war. Sie waren ihr zu fügsam, zu wohldiencrisch gegen die Regierung; das Ministerium, warnte sie dieselben, werde ihnen schmeicheln so lang es ihre Dienste brauche, und sie wie eine ansgepreßtc Citrone wegwerfen wenn sie ihrer nicht weiter bedürfe. Was den Verein selbst betraf so wußte er ganz gut wie er bei der Regierung angeschriebcn war, und daß diese nur auf eine Gelegenheit lauere ihm den Garaus zu machen. Es gab unter seinen besonneneren Mitgliedern immer solche die mahnten man solle nicht zu weit gehen, man solle manchen Bestimmungen der Statute», die den Stempel der stürmischen unklaren Zeit trugen in der sie geschaffen worden, eine minder schroffe Fassung geben. Allein dann kam wieder der angeborne Trotz dazwischen, das Rieger'sche „Usckegino ss" oder, wenn man will, das jesuitische: „8int nt sunt aut non siut", und mit allen guten Vorsätzen hatte es ein Ende. Am 7. März hielt der Prager Stadtrath eine Sitzung, in welcher die dem böhmischen Cicernacchio seit beinahe Jahresfrist verheißene „National- Belohnung" berathen werden sollte. Man mußte anwesend sein nm die Ueberschwänglichkeiten zu vernehmen womit einer der Väter der Stadt den andern in Lobpreisung dieses zu einer Berühmtheit hinaufgeschranbten gemeinen und völlig ungebildeten Menschen zu überbieten suchte. „Peter Faster", rief Dr. Horäöek, „ist der Petrus der uns mit dem goldenen Schlüße! den Dom der Freiheit geöffnet hat." Als es zur Frage des Wie kam beantragte Fcrles eine jährliche Gabe von 1000 fl. aus den Stadt-Renten, Hanke den ungetheiltcn Nutzgenuß der ehemals Steinitzl- schen Gastnahrung nächst dem Kleinseitner Brückenthurm für Faster auf Lebenszeit und für dessen Erben bis zur Großjährigkeit des jüngsten seiner Kinder. Dieser letztere Vorschlag wurde angenommen, und des weiteren festgesetzt: am 11. März, dem Jahrestage der Versammlung im St. Wenzelsbade, solle nach feierlichem Gottesdienst in der Tcyn-Kirche die Ausfertigung und Uebergabe der Schenkungsurkunde stattfinden. . . Man befand sich in der Stadt noch in voller Aufregung über diesen Beschluß, gegen den sich nicht wenige als ein heilloses und unverantwortliches Gebühren mit dem Säckel der Bürger ereiferten und insbesondere Aufgeregte Stimmung über das Ereignis von Kremsier. 369 auf der Kleinseite, wie man bald erfuhr, eine entschiedene Einsprache vorbereitet wurde, als gegen Abend die Nachricht von dem Krcmsierer Ereignisse eintrnf. Gleich der erste Eindruck bekundete die tiefe Spaltung welche die verschiedenen Elemente der Einwohnerschaft von einander schied. Die „Siebenundsechzigcr" rieben sich die Hände und jubelten, aber nur in aller Stille, die „Svornoster" und die deutschen „Gut-Gesinnten" *) schrien über Hinterlist und Verrath. Denn habe man, sagten die Nationalen, eilten constitnirendcn Reichstag, welchem die böhmische Nation ein so großartiges Vertrauens-Votum gegeben, dazu besessen um dessen Werk durch eine von der Regierung beliebte Verfassung ersetzt zu sehen?! Andere sahen in der Charte einen Sieg der Adelspartci, die jetzt nicht säumen werde dem unterjochten Gegner, den Demokraten, den Fuß auf den Nacken zu setzen. Die Einen wie die Andern ergingen sich in den schonungslosesten Angriffen gegen das Ministerium, vor allein gegen Bach und Helfcrt über welche die „Deutsche Zeitung aus Böhmen" die ganze Fülle ihres Zornes ausgoß. „Mroclui idlovin^" machten sich weniger mit den Personen zu schaffen und zerzausten dafür das Werk, das sie geschaffen, in so unbarmherziger Weise daß keine heile Stelle daran blieb. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel sei der Schlag gekommen, schrieb Havel Borovsk/ am 8. und fügte bei: „Wären auch diese Manifeste und was sic bringen das beste von der Welt, immer wird die Art wie es uns gebracht ward eine Treulosigkeit bleiben, und ich zweifle ob in nnserm Volke je Vertrauen zu der gegenwärtigen Regierung Wurzel fassen wird." Das nähere Eingehen auf den Inhalt behielt er sich vor und brachte erst einige Tage später einen Artikel, worin er die Verfassungsurkunde Abschnitt für Abschnitt kurz und rücksichtslos, von dem Standpunkte seiner Partei allerdings meist treffend, beurtheilte oder richtiger vernrthcilte. Im Schoße der Slovanskä Lipa wurde in der ersten Betäubung darüber berathcn ob man nicht schleunigst nach Frankfurt wählen solle. Die wüthendsten Dcutschenfresser sprachen dafür; man würde dadurch, sagten sie, der Regierung neue Verlegenheiten bereiten, die Kräfte derselben zersplittern. Allein die Ansicht der Gemäßigteren überwog, daß man damit zu spät käme und sich durch die Absicht jetzt erst zu wählen nur schaden könne *) Bernhard Gutt, mit Dr. Franz Klier, Ncdactcnr der „Deutschen Ztg. a. B." Hetscrt, tvcschichte Oesterreichs IV. S. 24 370 III. 24. Demonstrationen in Prag. Mit dem Abendzug 10 Uhr am 8. kamen die ersten Abgeordneten ans Kremsier an: Nenberg Havelka Klandy Äoda u. n. Am 9. um dieselbe Zeit wurden neue Ankömmlinge erwartet, eine große Menschenmenge, darunter viele Studierende, füllten den Bahnhof; als der Zug ankam wurde der Reichstags-Linken ein stürmisches Hoch gebracht, welchem Andere ein „Pereat Stadion" zngesellten. Als man unter den Aus- steigenden Abgeordnete erkannte, von den Deutschen besonders Zimmer Stamm, von den Böhmen Rieger, ertönten neue Begrüßnngsrnfe. Am 11. abends kam Borrosch welchem die lärmendste Ovation bereitet wurde. Eine große Menge Studenten, darunter böhmische, drängten sich um ihn da er ausstieg, trugen ihn auf ihren Armen in die Vorhalle wo er einige Worte sprach, geleiteten ihn von da in ein nahegelegencs Hotel, aus dessen Fenstern ein Wiener Legionär eine begeisterte Rede hielt. Borrosch mahnte zur Ansdauer und Aufrechthaltung der gesetzlichen Freiheit, zum Kampfe, aber nicht mit den Waffen in der Hand, sondern mit den Waffen des Geistes. Hundertstimmiges „Hoch", „8Iäva" tönte ihm entgegen. In den böhmischen Kreisen mischte sich zwar mancher bittere Tropfen in den Freudentrank. Einzelne der minder einflußreichen Mitglieder des slavischen Clubs, wenn ihnen Vorwürfe über ihre Haltung im Reichstage gemacht wurden, beschwerten sich bitter über den tyrannischen Druck der seitens der Führer auf sie geübt worden sei — eine Klage die man unter vier Augen schon in Kremsier hören konnte — was dann manches aufgeregte Wort gegen Palack/ Strobach Brauner zur Folge hatte. Aber das waren doch nur dünne Wasseradern, sich verlierend in dem gewaltig brausenden Gewogc der herrschenden Strömung, die für die Abgeordneten und gegen die Regierung war. Und zwar war diese Stimmung eine so gewaltsam aufdringliche daß eine maßvollere Meinung dagegen nicht aus- kommen konnte und die Andersgesinnten, und deren war keine kleine Zahl in beiden nationalen Lagern, cs nicht wagten mit Kundgebungen in ihrer Richtung hervorzutrcten. Wenn man daher nur ins Auge faßte was sich öffentlich abspielte, konnte man allerdings glauben es sei die Gesammt- Bevölkerung Prags die so denke und Händlers). Um 11. März abends, der Jahresfrist seit der Versammlung im St. Wenzels-Bade, wurde eine Beseda ans der Schützcninscl, eine andere im Convicts-Saale abgchaltcn: Musik und Gesang, Reden und Trinksprüche, Släva dem Reichstag, Percat der Octroyirtcn, 2ivio Rieger, Släva Smolka. „Die Unzufriedenheit mit JelaöiL und mit der Regierung, die Freude über die Erinnerungsfeicr am 11., am 12. und am 13. März. 371 letzten Unfälle unserer Armee, über die Annäherung der Serben und Magyaren gegeneinander — so lautet die allgemeine Stimme aller freiheitsliebenden Leute!"*). Am 12. fand die von der Regierung veranstaltete Constitutionsfeier in der Tchnkirche auf der Altstadt und im St. Veits-Dome ob dem Hradschin statt. Es erschien wer erscheinen mußte, sonst niemand; von einer Betheiligung der theils mismuthigen theils eingeschüchtcrten Bevölkerung war keine Rede. In der Tchnkirche waren von der Nationalgarde, die derlei Anlässe sonst nicht zu versäumen pflegte um sich in Parade zu zeigen, kaum einige der höheren Officierc anwesend „um dem vereinsamten Bürgermeister Gesellschaft zu leisten"; denn auch der pflicht- mäßige Besuch der Stadtverordneten war sehr schwach. Selbst das bei solchen Gelegenheiten übliche Gedränge von Neugierigen fehlte; als die Truppen nach geendetem Gottesdienste von der Kleinseite nach ihren Casernen abmarschirten, blieben kaum hier und da ein paar Leute stehen sich das Schauspiel zu besehen. „Eisige Ruhe ist Prags einzige Antwort auf das dankeslose Geschenk des Ministeriums" 2 ss). Um Abend desselben Tages erschien Rieger, von donnerndem Släva empfangen, im akademischen Rede- und Lesevcrein, wo eben die Besprechung des Kremsierer Ereignisses im Zuge war. Ein Redner behandelte das Thema daß die Regierung sich durch diesen Schritt alle Gemüther abwendig gemacht, daß die Dynastie die Sympathien verloren habe, daß damit der Anlaß zu neuem Umsturz und Aufruhr gegeben sei. Ein anderer zog die octroyirtcu Grundrechte ins lächerliche rc. Dann bestieg Rieger die Redncrbühne. Sein Vortrag hatte den Grundsatz der nationalen Gleichberechtigung zum Vorwurf. „Alle Nationen", sagte er unter anderem, „haben gleiches Recht, aber nicht alle Nationen sind mit den ihnen von Gott ertheilten Rechten zufrieden, sondern maßen sich durch Unterdrückung anderer Nationen eine Oberherrschaft an. Es trifft folglich nicht jene Völker die Schuld welche ein gleiches Recht beanspruchen, sondern jene welche das gleiche Recht unterdrücken." Im ganzen war der Charakter seiner Rede beschwichtigend. Der Auftritt in der Lesehalle der Studenten war ein passendes Vorspiel zu der Feier, welche das „Trauer-Comits der Prager Studenten" für den 13. zum Andenken aller „die in den letzten 365 Tagen im «) I4är. k4c>v. Nr. 61 Vom 13. März S. 242. 24 « 372 III. 24. Demonstrationen in Prag. edlen Kampf für die Volksfrciheit gefallen" ausgeschrieben hatte und die in der Teynkirche begangen werden sollte. Der Tag brach trüb und regnerisch an, aber niemand ließ sich von der Theilnahme an der Festlichkeit abhalten. Dumpf ertönten vor 10 Uhr die Glocken der alten Teynkirche als sich die Akademiker in geschlossenen Reihen aus dem Cle- menlinnm über den Marien-Platz in Bewegung setzten. „Es war ein erschütternder Anblick als der unabsehbare Zug unserer Studenten und unseres Volkes düster und schweigsam an dem Rathhause vorüberging, über den verhängnisvollen Platz aus welchem so oft die Edelsten des Landes verblutet, vorbei an der Siegessäule welche das niedergeschmctterte Prag zum mehr als zweihundcrtsährigen Denkmal seiner tiefsten Schmach errichten mußte, hin nach der alten Teynkirche." Im Mittelraume des Gotteshauses, wo Nationalgnrde vom Eingang bis zum Presbyterium Spalier machte, war ein einfacher Katafalk aufgerichtet, oben lag ein grüner mit weißen Bändern geschmückter Kranz „13. März", zu Füßen waren Blumen gestreut, Lichter und Flambeaux beleuchteten und umgaben ihn. Die Kirche war gedrängt voll, in der Mehrzahl natürlich von Studenten; von den Professoren, obwohl man sie eingeladen hatte, war keiner erschienen. In der Menge sah man auch mehrere Svornoster, vier davon mit dem umgeschnallten Säbel. Selbst vor der Kirche bis in die Vorhöfe und Gassen hinaus stand zahlreiches Volk. Mitten durch das Gewühl bahnte sich ein Mädchen den Weg zum Katafalk, zu dessen Füßen es, Thräueu im Antlitz, einen mit rothen Camelien geschmückten Kranz von Immergrün niederlcgte. k. Johann Arnold las die Todtenmesse, der akademische Gcsangsvcrcin trug ein Vocal-Rcguiem mit Einlagen von Masek KolesovskF Wiesner vor. Zum Schlüße theilten sich die Anwesenden in die Blätter und Blüthen jenes Kranzes und schmückten ihre Kopfbedeckung „mit den Zweigen der Hoffnung auf ein einstiges Wiedersehen". Dann bewegte sich der Zug der Studenten zurück ins Clemcn- tinum, in dessen Hörsaal der „Physik" eine Trauerrede gehalten wurde. Am selben Tage herrschte unter den Nationalen große Aufregung, weil es hieß die Auflösung der Slovanskri Lipa sei bereits bcschloßcu, der deutsche Verein werde nachfolgend"). Die Slovanskä Lipa trat zu einer Sitzung zusammen. Sie gab dem schmerzlichen Gefühle Ausdruck daß auf die Hunderte und Hunderte von Vertrauens-Adressen an den Reichstag, auf die tausende und tausende von Unterschriften mit einem Gewaltakt gegen die Vertreter des Volkes geantwortet worden, und Slovanskä Ltpa. 373 beschloß die Adresse wie die Unterschriften durch die Zeitungen zu veröffentlichen, jene Adressen die nicht mehr abgeschickt werden konnten in ihrem Archiv zu hinterlegen. Die Angelegenheit des Janeöek'schen Frei- Corps kam sodann an die Reihe, welchem eine neue Unterstützung von 150 fl. zugewcndet werden sollte. Jetzt erhob sich Vävra mit der Frage was für Schritte der Verein für den Fall seiner Auflösung durch die Regierung unternehmen solle? Er beantragte Vorbereitungen zu treffen daß sich die Slovanskä Lipa aus einem politischen Verein in einen nationalen umwandle. 8ebek fiel ihm in der Hauptsache bei und meinte daß für den Zweck der Sicherstellung geringe Aenderungen in den Statuten, namentlich im Z. 1, genügen würden; statt „Wahrung des constitutionalen Princips auf breitester Basis" setze man: „Entwicklung der constitutionalen Principien innerhalb der gesetzlichen Gränzcn"; wenn man dies unterlasse habe die Regierung einen Anhaltspunkt die Linden- Vcreine aufzulöscn. Gegen ihn traten Gauö Gabriel Kncdlhnns-Liblin- sk^ auf, letzterer Redacteur des radicalen „Vevsrni list" und einer der entschiedensten Gesinnungsgenossen Havliöek's; sic meinten, wenn die Regierung die Auflösung der Linden-Vercine beschloßen habe, werde sie eine Statuten-Acnderung daran nicht hindern. Tieftrunk schlug die Herausgabe einer Flugschrift vor, welche die Thätigkeit des Reichstages ans- einandersctzen und eine kritische Gegenüberstellung der vom Constitutions- Ausschuße entworfenen und der octroyirten Verfassung liefern sollte. Sein Antrag wurde als iu diesem Augenblicke der allerbedenklichste ab- gelchnt, da ja dies dem Ministerium die willkommenste Handhabe bieten würde das ins Werk zu setzen was man doch vermieden wissen wolle. Zuletzt einigte man sich in dem Beschlüße die Schritte der Regierung abzuwartcn und darnach sein Verhalten einznrichten. „Lieber es darauf ankommen lassen daß mau uns mit Gewalt auseinandertrcibt", sagte Gabriel; „wir werden mindestens würdig fallen; dann wird auch die Zeit sein uns neu zu constituircn." Um auf die Huldigung für die Todten am 13. März eine für die Lebenden, auf die kirchliche Feier eine weltliche folgen zu lassen, wurde für den Abend des 14. ein Fackelzug zu Ehren der Abgeordneten an- gekündigt. Borrosch wohnte iu einer etwas beengten Gasse, cs wurde darum beschlossen daß er sich bei Riegcr cinfinden sollte, dessen -Fenster auf den Kohlmarkt, einen großen breiten Platz hinausgingenDie Veranstalter der Festlichkeit hatten nicht unterlassen dem Stadtverordneten- 374 III. 24. Demonstrationen in Prag. Collegium Anzeige zu erstatten und es wurde deu Theilnchmern von ihren Führern eingeschärft von Anfang bis zu Ende die strengste Ordnung und Mäßigung cinzuhalten; dennoch war man seitens der Behörden nicht ohne Besorgnis und hielt die gesammte Garnison in Bereitschaft. Der Zug, beiläufig 200 Fackeln, ging uni 9 Uhr abends vom Clcmen- tinum aus; die wegen ihrer nationalen Gesinnung bekannten 17. und 18. Compagnien der Nationalgarde, Rott und Fingerhut, schlossen sich demselben an. Als sich Ricger und Borrosch am Fenster zeigten ertönten endlose Rufe. Zuerst sprach Rieger böhmisch, dann Borrosch deutsch. „Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt", sagte jener, „und hege sie jetzt fester als je, die Reaction werde nicht siegen; die Haltung Prags in diesen Tagen ist der beste Bürge dafür." Borrosch sprach: „Nicht durch Nationalitäten-Hader, sondern durch Einigkeit und Verbrüderung der Nationen wird das große Werk des Jahrhunderts zu einem gedeihlichen Ende gebracht, und wie ich als Deutscher jetzt Rieger den Böhmen umarme" — er that es bei diesen Worten wirklich - „so wünsche ich daß sich beide Nationalitäten Böhmens brüderlich an die Brust sinken und nur einem Gedanken, dem der Freiheit, Raum geben." Vivat, Släva, Hoch auf Rieger, auf Borrosch, ans die Linke des Reichstages unterbrachen beide Redner wiederholt; auch Rieger's Wort: „i^oclojms ss" wurde im Haufen vernommen. Borrosch ergriff nochmals das Wort: „Es gibt in Oesterreich einen Mann dessen Andenken in der Brust des Volkes nicht erlöschen darf, dieser Mann ist Ferdinand der Gütige!" Donnernder Zuruf. Nachdem der akademische Gesangverein drei Chöre vorgetragen, hatte das Fest, das in bester Ordnung verlief, ein Ende. Die böhmischen Studenten begaben sich noch in die Girtlergasse wo Palack/ wohnte, der sie mahnte in der Freiheit die Einigkeit zu wahren. „Ich weiß sehr wohl", fügte er bei, „daß die Auszeichnung die Sie mir bringen nicht meiner Person gilt, sondern meinen Bemühungen um Vaterland und Freiheit. Ich hoffe daß uns die Freiheit zutheil werden wird, und sie wird cs in der That werden, wenn Sie alle, meine Herren, und die ganze Nation sich dafür einsetzen" Die Aufnahme der kaiserlichen Gaben in der Landeshauptstadt war maßgebend für einen größer» Theil des Landes, namentlich die Städte. So machten in Schlan die Veranstalter einer Stadtbeleuchtung entschiedenes Fiasco, und konnten in Pilgram weder der Commandant der Nationalgarde seine Mannschaft noch der Bürgermeister seine Ausschuß- Borrosch und Rieger am 14. März — HavMek. 375 Männer bewegen der Feierlichkeit beizuwohnen. „Die Verfassung ist nur für den Adel und die Beamten", hieß es; „Gott müßte uns für Narren halten wenn wir für ein solches Geschenk danken wollten." In der Kirche erschienen, so lautete der Bericht eines Oppositions-Journals, die k. k. Pensionisten, der Magistrat, die Finanzwache, der Herr Dechant mit den Ministranten und dem Kirchendiener, ein paar alte Männer und einige neugierige junge und alte Weiber. Manche kleinere Orte zeigten mehr Selbständigkeit gegenüber dem Gebote der Landeshauptstadt. So ging in Vran bei Königssaal, also ganz in der Nähe von Prag, die Festlichkeit in der schönsten Weise von statten; vormittags am I I. Gottesdienst mit Predigt über den Text Ephes. 5, 8, 9: „Denn ihr wäret einst Finsternis, nun aber seid ihr Licht im Herrn, wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes aber ist jede Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit;" abends Beseda mit Gesang und Vorträgen rc. Havliäek wird sich baß geärgert haben als er davon hörte. Er erklärte es für seine Pflicht seine Leser „über die wahre Gesinnung der Nation über die Auseinandertreibung des Reichstages und die gewaltsame Aufdrängung der Verfassung" aufzuklären „und das um so mehr als die Regierungsblätter mit einer bisher nie gesehenen und nie gehörten Keckheit und Unverschämtheit die größten Lügen darüber anshecken und verbreiten". Er konnte nicht begreifen wie jemand, noch dazu von seinem Volke, dieser Regierung Vertrauen schenken könne, und erklärte sich „wahrlich begierig zu erfahren wie lang noch dieses Ministerium gegen den ausgesprochenen Willen der Völker am Ruder bleiben wird. Ja, wir hoffen den Zeitpunkt zu erleben wo dieses Ministerium für sein gewaltsames wortbrüchiges Vorgehen nach dem Gesetze gerichtet und bestraft werden wird. Oder haben die Gerichte nur andere Aufwiegler (duriös) zu verfolgen, die Aufwiegler ans den Ministerstühlen aber nicht?!" Was die Constitution betraf, so sah er kein anderes Heil „als daß alle Völker einstimmig verlangen daß man ihnen jene Verfassung gebe die der constitnirende Reichstag im Entwurf ausgearbeitct hat. Das sei das Losungswort aller Liberalen, und wenn cs alle verlangen, so wäre es nicht unmöglich daß wir uns von dieser Octrohirten vom 4. März befreien". 376 III. 24. Demonstrationen in Prag. Am 16. März, also ziemlich verspätet, veröffentlichten die „Slavi- schen Central-Blätter" jenes „Manifest" das die „Fünfunddreißig" in Pillersdorff's Wohnung zu Kremsier angenommen hatten. Als die Ursache dieser Verspätung wurde in einer Redactions-Anmerkung „der enge Raum unserer Blätter" angegeben. Das klang vornherein sehr unwahrscheinlich: für ein so wichtiges Aktenstück, das übrigens nur vierthalb Spalten cinnahm, mußte, wenn nicht Hindernisse anderer Art dazwischen lagen, unter allen Umständen Raum geschafft werden. Der wahre Anlaß war daß, wie früher erwähnt, das Original nach Wien mitgenommen war und dort verschiedene Wege, um die dazu gehörigen Unterschriften einzusammeln, gewandelt haben mochte. Unter dem Walten des Belagerungsstandes konnte es dort nicht gedruckt werden, und so hatten, um nicht nutzlose Zeit verstreichen zu lassen, zuletzt die Prager eine Abschrift verlangt, von der nun ihre Blätter Gebrauch machten^). Es wurde zwar von allen größern Zeitungen nachgedruckt; Wirkung und Aussehen scheint es aber nirgends gemacht zu haben, konnte es wohl nicht machen, einmal weil es viel zu spät kam, wo die Thatsache bereits allgemein hiugenommen und durch neuere Ereignisse in den Hintergrund gedrängt war, daun aber auch wegen seines matten und dazu vielseitig anfechtbaren Inhaltes. Die „Ost-deutsche Post" als Oppositions-Blatt czuaiiä m6M6 bemühte sich zwar dem „Manifest" das Wort zu reden und es durch einige Zugaben und Erläuterungen zu stützen; allein wenn dabei unter andern, gesagt wurde daß der energischen Führung des Krieges in den italienischen Ländern vom Reichstage nicht nur jeder materiale sondern auch „moralische" Vorschub geleistet wurde, so hieß das doch, dem Schicksale des bekannten Selmger'schen Antrages gegenüber, der Wahrheit geradezu ins Gesicht schlagen. Zang's „Presse" dagegen, Nr. 67 vom 20., verurtheilte das Schriftstück in jeder Richtung und stellte namentlich der Berühmung desselben, „mehrere Millionen gedrückter Landlente von schweren Fesseln zu befreien und zur Würde freier Staatsbürger zu erheben", die Erwägung entgegen daß ja der Reichstag nur dem Worte geliehen was dessen Mutter und Führern,, die Revolution, gcthan hatte und daß er auch hierin über „allgemeine Normen" nicht hinansgekommen sei: „die Ausarbeitung der einzelnen Bestimmungen kam nicht zu stände". Am schärfsten und einschneidendsten trat der „Lloyd" in einem Leit- Artikel: „Laßt die Todten ruhen!" gegen die Fünfunddreißig aus. Er bezeichnte die Erklärung als eine „Selbstschau", die das eigenthümliche Kremsicrer Manifest der Fünfunddreißig. 377 biete daß darin „die sclbstcigene Grablegung" besprochen werde, „während in der Regel der beharrlichste Selbst-Biograph es nicht weiter als zu den vorletzten Dingen bringt". Der Artikel deckt dann die grellen Entstellungen der Thatsachen auf, z. B. daß Kaiser Ferdinand „schon in den Märztagen" die Einberufung eines constituirendeu Reichstages als das einzig legale Mittel erkannt habe um unabweisbaren Forderungen Genüge zu leisten; nimmt insbesondere Pillersdorff ins Verhör der wegen der Mai-Ereignisse, die der unter seiner Aegide entstandenen octroyirten April-Charte den Todesstoß versetzt hatte, sein Portefeuille niederlegcn wollte und jetzt für die Frucht eben jener Mai-Ereignisse sich so gewaltig cinsetze u. dgl. m?"). An ähnlichen Schwächen litt ein zweites viel umfangreicheres Schriftstück, welches eine Anzahl von böhmischen Abgeordneten am 21. März veröffentlichte und worin sie die von ihnen während des Reichstages befolgten politischen Grundsätze zu rechtfertigen suchten. An der Spitze der Unterschriften war Palack/ zu lesen, der auch als der Verfasser derselben galt^°). 25. Die Prager Opposition gegen die Charte vom 4. März 1849 war aus drei Elementen zusammengesetzt, aus jenem der Radicalen, dann der slavischcn Nationalen und dem dritten der Schwarz-Roth-Goldcncn. Und weil dies die drei Factoren waren die überhaupt im Reiche ihrem Unwillen über das Kremsicrer Ereignis Worte liehen, so ist cs am Platze den Auffassungen und Beweggründen jedes derselben genauer nachzugcheu. Beginnen wir mit den Radicalen und schicken wir die Bemerkung voraus, daß sie in einem Punkte Zustimmung auch außerhalb ihres Lagers fanden. Denn über die Art und Weise wie die neue Verfassung dem Reichstage gegenüber ciugcführt worden, gaben Männer von der verschiedensten politischen Farbe ihre Misbilligung zu erkennen und unterschieden sich mehr nur durch die Tonart in welcher die Einen ihrem Unbehagen, die Andern ihrem Zorn und Acrgcr darüber Ausdruck gaben. Die Gemäßigteren meinten, cs hätte dies wohl in einer schicklicheren Form geschehen können und wiesen namentlich auf das, was sie 378 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. die bessern Elemente im Reichstage nannten, hin, die ein solches Aus- einandcrschicken über Nacht mit Hintansetzung aller parlamentarischen Formen nicht verdient hättenwährend die Heftigen über diese „Verletzung der schlichtesten Regeln des Anstandes und der Höflichkeit", über dieses „Einfangen von Abgeordneten durch polizeiliche Büttel in demselben Augenblicke wo ihre Mandate durch einen Gewaltact tim ihre Geltung gebracht waren" ihren lauten Unwillen bezeigten 2 ^). „Wir lieben nicht blos unsere Deputirten", schrieb Jordan in den Slav. Central-Blättcrn, „wir achten sie auch, und daß man sie so ohne weiters nach Mitternacht zur Thüre hinanswarf, das kränkt nicht so sehr unsere Deputirten als uns denen dieser Fußtritt gilt." Havel Borovsk)l wollte nicht Ansehen warum die Regierung gerade bei der Inhaftnahme der Exdcputirtcu so besorgt gewesen sei die constitutionalen Formen zu wahren: „warum sie diese angeschuldigten Abgeordneten nicht schon früher Anfängen lassen? Ein bischen mehr oder weniger Gewaltthätigkeit hätte doch wahrhaftig keinen Unterschied gemacht". „Und warum gerade jetzt auflöscn", raisonnirte Havliöek weiter, „jetzt wo in der kürzesten Frist das Werk zu Ende geführt werden sollte?! Der Grund", meinte er, „war kein anderer als der daß die Regierung gefürchtet die Verfassung, vom Reichstag beschlossen, möchte zu liberal ausfallen und sich darum beeilt hat mit aller Hast und Gewalt dein vorzubauen. Aber haben die Minister auch gewußt was sie thun? Kaiser Ferdinand der Gütige hat die octroyirtc Verfassung vom 25. April 1848 zurückgeuvmmen und den constituirenden Reichstag cin- berufcn, er hat sich dadurch des Rechtes begeben den Weg der Octrohirung ferner zu betreten. Kaiser Franz Joseph hat beim Antritte seiner Regierung verheißen das Verfassungswerk in Vereinbarung mit dem Reichstage zustande zu bringen. Weiß das Ministerium was das heißt eine kaiserliche Zusage brechen, ein kaiserliches Wort werthlos machen, für alle Zeiten das darein gesetzte Vertrauen vernichten?!" 2 "). Das Menschenmögliche an Gift und Galle leisteten, unerreichbar für die Arme der k. k. Staatsanwaltschaft, die zwei jenseits der Gränzcn Oesterreichs befindlichen Sammelstätten der Vaterlandsflüchtigen, aber auch der im Lande zurückgebliebenen Radicalen. Die Leipziger „Wiener Boten" ergoßen eine Fluth von Schmähungen über die neue Verfassung und deren Veranstalter. „Nur sehr dünn und durchsichtig ist über das Mauerwerk des alten Metternich'schen Baues der constitutionale Kalk gestrichen, und jenes schimmert überall ganz deutlich durch. Die k. k. ^äroäiii Novinx Wiener Boteir .Leuchtthurm". 379 octroyirte Verfassung vom 4. März ist der Schlußstein der Contrc-Re- volution gegen welche Wien im October den Kampf begann, in welchem es verlassen blieb und unterlag; die octroyirte Verfassung ist die verbriefte Reaction. Die Octroyirung einer Verfassung in Oesterreich an und für sich ist ein monarchisch-absolutistisches Beginnen, ist widerrechtlich und ungesetzlich. Es liegt in der Natur der Sache daß die Krone, was sie in Berücksichtigung der öffentlichen Wohlfahrt, aus freier Bewegung und eigener kaiserlicher Macht verleiht, wieder in derselben Berücksichtigung zurücknehmen kann, daß somit gar keine sogenannte gesetzliche Garantie für die Fortdauer dieser Verleihungen besteht, wenn sie dem Volke auch wünschenswcrth erschienen. Es ist ein fluchwürdiges Geschenk diese Verfassung, sie ist ans Unrecht und Gesetzlosigkeit gegründet, sie ist ein Verbrechen. Sie trägt Zerrüttung Krieg Unheil jeder Art in ihrem Schoße. Sie ist die freche Vernichtung des März und des Mai 1848; sie beschwört aber einen neuen März und einen neuen Mai herauf, die im Kalender so verzeichnet stehen werden daß sie wohl keine kaiserliche Regierung ansradiren wird" *). In Keil's „Leuchtthnrm" schrieb, ohne sich zu nennen, Michel Etienne: „Ein vormärzlich-bayerisches Rcpräsentativ- Verfassungs-Schattenbild, gewürzt, mit den Herrschergelüsten bourbonischer Willkür! Ein eiserner glühender Ring der den Völkern um den Hals geworfen sie ewig an den Thron knüpft! Eine Verfassung die, ihnen mit allem Schmutz feudalistisch-pfäffisch-aristokratischer Zügellosigkeit impo- nirend, Blut aus den Adern saugend, sie zu Sclavcn schindend, nachdem das letzte Auge für den Anblick der Freiheit geblendet, ausgezogcn und ausgesogen von der erprobten habgierigen habsbnrgisch-lothringischen Fa- milicn-Politik, sie endlich hinausstößt in die eisige sibirische Zone kaiserlich russisch-österreichischer Zwingherrschaft! Oesterreich soll nach dem Plane dieser absolutistischen Verschwörer und Satrapen ein großartiges Waisenhaus werden wo man die 36,000.000 Waisen in eine und dieselbe glcichgefärbte Zwangsjacke stecken will. Von diesem Tage an rasselt ein entsetzliches Kettengeklirr durch alle Gauen des Landes. Aber der zahlende Tag wird nicht ausbleibcn, an welchem der auf Leichen und Aschenhanfen gleich einem Aasgeier sitzende Kronenträger nach dem wüsten *) „Wiener Boten" 1849 I S. 836—338: „Die Auflösung des Reichstages und die octroyirte Verfassung"; 353—357: „Die k. k. octroyirte Verfassung vom 4. März". 380 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. Haupte fahren wird um die Krone noch zu erhaschen welche in den bodenlosen Abgrund der Zukunft hinabfallcn wird!"*) . . . Für eine Stimmung die sich in Kundgebungen solchen Charakters Luft machte gab cs in der ganzen Verfassung nicht einen Abschnitt, nicht einen Artikel worin sich nicht neuer Stoff des Acrgcrnisscs gefunden hätte. Schon was darin ausgelassen, was auf nachfolgende Erlasse verwiesen war, wie ein Gesetz über die Presse, über das VereinSwescn und Vcrsammlungsrccht, über die Nationalgarde, erregte ihr Mistraucn. „Wir zweifeln nicht einen Augenblick", schrieb Havliöck, „daß das Ministerium alle diese Gesetze am 4. März bereits fertig gehabt, aber absichtlich auf eine spätere Zeit aufbehalten hat, damit der ganze Schlag nicht auf einmal geschehe und damit man vielleicht mit geringerem Schmerz der Freiheit eine Feder nach der andern ausrupfe." Man besehe sich nur einmal diese „Grundrechte"! Seien sie etwas anderes als „leere Schatten die, wenn man sie anfasscn will, in der Luft zerfließen? Der Kniff von der Censnr-Abschaffnng, die man als eine Art Gottheit in die Sterne der Grundrechte versetzt, ist gar zu plump und täuscht wohl niemand, wie unmündig man das Volk in dem kaiserlichen Palaste auch wähnt. Keine Censur — aber auch keine freie Presse! Keine Präventive aber desto strengere Rcprcssiv-Maßregcln nach Art der Louis-Philipp'schcn September-Gesetze. Die Wahrheit im Worte wird von keinen: Censor im vorhinein wcggcstrichcn, aber mn so unerbittlicher von Bütteln nachträglich bestraft. Dieser Tausch ist sogar ein vortheilhaftcr für die Fürsten; denn es wird durch eine Gefängnisstrafe nicht nur mancher gefährliche Gedanke, sondern der Denker selbst beseitigt". Und was sei cs mit den Cautioncn, die ohne Zweifel das noch allsständige Preßgesctz bcschecrcn werde? „Ist die Caution nicht präventiv? Wenn man von jedem Staatsbürger eine Sicherstellung fordern wollte daß er nicht stehle, würde dies als Repressiv- oder Präventiv-Maßrcgcl betrachtet werden?" Die Religions-Freiheit im Sinne dieser Grundrechte sei ein wahres Gaukelspiel. „Glauben kann jeder was er will, kann sich etwa zu Hause für sich selbst einen neuen Glauben anssinnen — in diesem Punkte ist also das Ministerium sehr liberal, das kostet ja nichts. Aber öffentlich können nur gewisse Glaubcnsmcinungcn, jene die vom Staate anerkannt sind, bekannt und auögeübt werden." Die Schwurgerichte, selbst wenn ') Leuchtthurm 1849 S. 169. Aus Wien 16. März. Radicale Verurtheilung der Octroyirten. 381 sic volksthümlich zusammengesetzt würden, bieten keinen Schutz gegen schlechte unwürdige sogenannte Gesetze; und müßen denn die Schwurgerichte nicht selbst durch ein Gesetz geregelt werden? „Haben bei dieser Regelung nicht die Minister wieder ihren ungeschmälerten Einfluß, und ist nicht mit der größten Sicherheit voranszusetzen daß die organischen Gesetze über das Gerichtswesen ans Kosten der Freiheit und des Rechtes als Barricaden der Uebcrgriffe von Seite der Regierung aufgeführt werden?!" Die neue „Neichsverfassung für das Kaiserthum Oesterreich"! An der Spitze steht eine Theilung der Monarchie in eine Menge Kron- länder! „Das ist das alte Diviäo ot iinpsrn; je mehr und kleiner die einzelnen Gebiete, desto mehr ist zu hoffen daß sie unter einander hadern und streiten werden und das Ministerium sie dabei eins wie das andere striegeln wird." Nach Abschnitt III Z. 19 verleiht der Kaiser den Adel: „wir behalten also den alten und kriegen einen neuen dazu!" Im Abschnitt VIII „Von dem Reichstage" finden wir das Oberhaus welches die Reichen vertreten wird, „jedenfalls eine Macht auf welche der Kaiser bei der Gesetzgebung erfolgreich wird zählen können". Die Abgeordneten werden auf zehn Jahre gewählt: „warum nicht lieber auf Lebenszeit? Das würde es dem Ministerium noch mehr erleichtern sie allgemach alle auf seine Seite zu bringen und dann den Monarchen uneingeschränkt herrschen zu lassen, wie es sich Louis Philipp iu Frankreich eingerichtet hatte". Die Stimmabgabe zu den Wahlen geschieht öffentlich und mündlich: „damit wird der Corruption freies Feld gegeben und der Terrorismus namentlich auf dem Lande begünstigt. Auch in der Kammer wird öffentlich gestimmt, damit die Regierung ihre Freunde kennen lernt und sich darnach richten kann. Eine recht bequeme Verfassung!" Und nun erst das absolute Veto! „Ist das eine Gesetzgebung im Verein mit dem Volke, wenn im Unterhaus 350 einstimmig beschließen, aber die absolute Majorität des Oberhauses, also 46 Stimmen, den Beschluß verwerfen können, und das, was beide Häuser vereint beschließen, von dem Kaiser nicht nur ein- oder zweimal, nein, immer verworfen werden kann?!" Abschnitt XI vom Reichsrathe: „da haben wir den alten Staatsrath wieder!" Nach Abschnitt XII von der richterlichen Gewalt unterstehen die Mitglieder des Herrscherhauses dem Hofmarschall-Amte: „die Statthalter sind verantwortlich; gesetzt ein Erzherzog würde Statthalter — aus ist es mit seiner Verantwortlichkeit." Abschnitt XHI „Von dem Reichsgerichte", welchem nach Z. 106 III u auch „Anklagen gegen die 382 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. Minister" zugewiesen sind. „Aber die Minister sind niemand verantwortlich als sich selbst; denn wer anderer als sie setzen das Gericht zusammen das über sie sprechen soll? Sie mögen also regieren wie sie wollen, inan wird sie nie fassen können, wir haben also ein unbeschränktes Regiment, unsere Verfassung ist nur dem Namen nach eine solche!" Nach tz. 121 im XVI. Abschnitt sollen „die bestehenden Steuern und Abgaben fort erhoben" werden, so lang nicht durch spätere Gesetze etwas anderes bestimmt wird. „Also ohne Bewilligung des Reichstages? Dieser Hauptgrundsatz jeder Constitution wird dadurch aufgehoben!" Ileberhanpt habe es sich das Ministerium sehr bequem eingerichtet. In dringlichen Fällen ist ihm die Ermächtigung Vorbehalten provisorische Gesetze zu geben die es dem nächsten Reichstag zur Bestätigung vorlegen will; „da aber alles wichtige im Staate auch dringlich zu sein pflegt, so hat Oesterreich gegründete Hoffnung sehr viele provisorische Gesetze zu bekommen". Da überdies der Reichstag erst dann einzuberufeu sei bis die Landtage mit den einzelnen Verfassungswerken fertig wären, was mit dem Jahre 1849 beendet sein solle, so werde das Ministerium jedenfalls ein volles Jahr uneingeschränkt regieren können; „ich sage uneingeschränkt weil der, der es vermocht hat den Reichstag dem wiederholten kaiserlichen Worte zum Trotz mit Soldaten auseinander zu sprengen, auch ln anderer Richtung seinen Willen ohne Rücksicht auf das Gesetz durchzuführcn wissen wird". Aber auch mit dieser Jahresfrist werde cs seine guten Wege haben; „denn es ist nichts leichter als das definitive Zustandekommen jener Verfassungen zu erschweren und hinauszuschieben. Die nächste Zukunft Oesterreichs ist also eine provisorische Uebergangsstufe zum that- sächlicheu unbeschränkten vormärzlichen Absolutismus — wenn nichts dazwischen kommt!"*). Als nun ani 13. und 17. März das Preß- und Associations-Gesetz wirklich erschienen, da brach das Unwetter von neuem los. „Es klebt diesen Ausgeburten die Fäulnis so dick und augenfällig an daß man sich zu einer eigentlichen Kritik unmöglich herablassen kann. Welcher Mann dieser Zeit, wenn er nicht gekauft oder verdummt ist, kann auf die Voraussetzung gerathen daß diese angeschwollenen aufgedunsenen Lügen, diese grell hcrvortretenden Ucbergrifse und Verbrechen beleuchtet werden müßen *) Mr. Hov. Nr. 61 vom 12., besonders aber Nr. 62 vom 14. Mörz: VFIrlaä oKtrojovLnö üstav^ vgl. mit „Wiener Boten" a. ll. O. S. 337 f. Gegen das Preß- und AssociationS-Gesetz. 383 damit man sie nicht übersehe? Wer möchte zu einem so niedrigen Standpunkte zurückkriechen, von welchem es noch nothwendig erscheint die Gesetzlosigkeit der neuen russisch-österreichischen Gesetze darzuthun damit sie jeder begreift!" Die volle Schale ihres Zornes goßen sie über das Preß- gesetz aus; griff doch dieses an ihren eigensten Beruf und Betrieb! Das Preßgesetz vom 13. März „ist die ans der Welden'scheu Praxis deducirte Theorie, es ist der geistige Belagerungsstand der in Permanenz erklärt wird! Es ist, wie sich Voraussagen ließ, die Vertauschung des präventiven Censors gegen einen repressiven Büttel. Es ist die verräthcrische Erlaubnis freien Eintrittes in ein Haus darin man beraubt mishandelt gemordet wird! Es ist der ehemalige Schranken, vor dein mau stehen bleiben mußte, gegen eine Schlinge vertauscht in der man sich verfangen und zu Tode zappeln muß!" „Jeder Satz dieses Gesetzes", schrieb Michel Etieune, „ist eine Guillotine." Nach Z. 32 des Rcpressiv-Gesetzes könne zu zehn Jahren verurtheilt werden, wer andere zu einer gewaltsamen Aenderung der Reichs- oder Landesverfassung verleitet. „Welch ein weiter vager Begriff! Hätte diese Preßfreiheit nicht Metternich bewilligen können? Nein! Denn die Tyrannei Mctternich's war eine offene, eine kühnere, weit achtbarere als die der jetzigen Regierung, die nicht das eiserne Veto gegen die Freiheit hinzuschlendern wagt, sondern sie rücklings meuchelt." Das neue Preßgesetz fordere eine Caution von 10.000 fl. Also seien es nur die reichen Leute die ihr Licht leuchten lassen dürfen oder „die Herren Quirin Endlich, Saphir, Bäuerle, die von einer begüterten nichtswürdigen Partei die nöthige Unterstützung erhalten?!" Nach ß. 42 sei der Herausgeber Verleger Drucker Verbreiter nebst dem Verfasser für den Inhalt jedes gedruckten Artikels verantwortlich! Heiße das nicht „die Geschäftsund Gewerbsleute in eine Prüfungs-Commission verwandeln, die wegen persönlicher Befürchtungen die Strenge des hie und da zweifelhaften Gesetzes überbieten werden? Der eine Censor von ehemals wird von einer Mehrheit abgclöst von deren verschiedenen Ansichten der Schriftsteller abhängig gemacht wird" § Das Losungswort der österreichischen Slaven, das zuerst in Prag am 11. März 1848 formulirt, dann vom Slaven-Cougreß in dem „Manifest an die Völker Oesterreichs" feierlich proclamirt worden war, 384 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. für das die Kroaten und Serben die Waffen ergriffen hatten, war: Gleichberechtigung. Es war damit in den westlichen Ländern der Monarchie anfangs mehr nur die sprachliche Gleichberechtigung mit dem in dieser Hinsicht so stark bevorzugten deutschen Elemente gemeint. Allein im Hingang der Monate hatte sich die Idee auch einer politischen, einer staatlichen Gleichberechtigung herausgebildet, ein Ziel das die aufständischen Süd-Slaven von allem Anbeginn vor Augen hatten; denn in sprachlicher Hinsicht hatten diese, den ganz magyarisirten Pester Reichstag etwa ausgenommen, nicht besonders zu klagen. Aber Unabhängigkeit von der St. Stephans-Krone, Selbstverwaltung und Selbstgesetzgcbnng, dann Annäherung untereinander, wenn nicht Verschmelzung zu einein gebietlichcn Ganzen, das war es wofür sic gegen ihre Neider und Feinde die Magyaren in Waffen standen. Die Führer in diesem Kampfe, Ban Jclaöiä voran, dann der serbische Patriarch, die „Helden" Stratimirovis und Kniöanin, der Woiwode Kuplikac waren ihre nationalen Größen, waren die Wiedererwecker und Vorkämpfer der Süd-Slaven zu politischem Dasein und Bewusstem, zu politischer Selbständigkeit — allerdings im Verband mit den andern österreichischen Ländern und unter kaiserlicher Aegide. Aehnliche Plane hatten sich nun auch der Führer der ungarischen Nord- Slnvcn bemächtigt, namentlich der Slovakcn, und das Ministerium Schwarzenberg-Stadion war denselben im Grundsätze nicht abgeneigt, selbst Windisch-Grätz hatte sich damit vertraut gemacht*). Da begannen denn auch die Slovcnen von einer „Slovenia", von einem slovenischen Königreich zu träumen, das an die Stelle des bisherigen Königreichs Jllyrien zu treten und alle nationalen Gebietsthcile von Kram Kärnten Istrien und Süd-Steiermark zu umfassen hätte. In Prag endlich war die organische Verbindung der Länder der böhmischen Krone, Böhmen Mähren und Schlesien, bereits in dns März-Programm und in die an den kaiserlichen Thron gerichtete große Petition ausgenommen worden**). Aus diesen mitunter recht überschwänglichen Phantasien wurden sic nun, namentlich die Süd-Slaven, aufgcschreckt. Befürchtungen aller Art begannen bei ihnen aufzustcigen, als mit dem Einmarsch der kaiserlichen *) Bd. IV. 1, Anhang S. 46. lieber die Idee der Gleichberechtigung ans dem Slavcn-Congrcß s. Bd. II dieses Werkes S. 264,276; das Königreich Slovcnicn II S. 257, 263; das Verlangen der Slovakcn nm Theilnng Ungarns nach Nationalitäten II S. 258. Südslavischer Mismuth über JelaLiü. 385 Haupt-Armee in Ungarn das neue und einheitliche militairische Ober- Commando auch in ihren Kreisen seine Geltung verlangte; als der kaiserliche Marschall über die serbischen National-Truppen ebenso befahl wie über die k. k. regulären; als er das serbische Gebiet unter seinen Oberbefehl, unter das kaiserliche Kriegsgesetz stellte, in der k. k. Militair- Gränze die deutsche Dieustsprache wieder hcrgestellt wissen wollte. Ihrem Patriarchen warfen sie jetzt Lauheit Nachgiebigkeit Schwäche vor; sie tadelten die langwierigen Unterhandlungen in die er sich einlicß anstatt, wie sie meinten, mit einem entschiedenen Worte fest auf dem Standpunkte auszuharren den er bisher in unmittelbarem Verkehr mit dem kaiserlichen Hoflager eingenommen hatte. Noch weit mehr fanden die kroatischen Heißsporne an ihrem bis dahin vergötterten JelaöiL auszusetzen. War er jetzt etwas anderes als kaiserlicher General gleich einem Schlik, einem Nugent, einem Nukavina, unter den Oberbefehl des kaiserlichen Feldmarschalls gestellt und sich demselben unterwürfig fügend wie diese?! Er war nicht unter den Seinen, er stand nicht an ihrer Spitze als der Erste und Einzige wie im Jahre zuvor, da er als Banns von Kroatien den Ungarn den Fehdehandschuh hingeworfen. „Er steht in fremdem Lande, unter fremden Truppen, in fremdem Lager wo niemand seine Würde achtet, jene Würde die er zu unserem und zu Oesterreichs Heile zu gebrauchen verstanden!" Gegen Ende Februar wurde viel her- umgesprochcn, und in den Kreisen der slavischen Exaltados vernahm man es mit Wonne, daß sich der Banns mit dem Feldmarschnll „wegen nationaler Sympathien" übcrworfen habe. Allein es erfolgte bald jene „Erklärung" worin JelaAö jenem Gerüchte widersprach und dabei versicherte daß er „als österreichischer Soldat von demselben Geiste festen Vertrauens und freudigen Gehorsams gegen seinen Befehlshaber" beseelt sei, wie jeder seiner „Waffenbrüder in der Armee" 200). War das nicht eine Bestätigung dessen was man in südslavischen Kreisen längst geargwohnt: der nationale Banns sei in dem k. k. Feldmarschall-Licutenant aufgegangcn?! „Der Banns steht unter fremdem Commando", hieß es in einer Correspondenz der Srbsks Novine „von der Donau" Anfang März, „und seine mit Blut zusammengebrachten Truppen sind unter fremden Befehlen auscinandcrgezcrrt. Das Drama nähert sich dem fünften Act. Werden die Serben und Kroaten von dieser Komödie weinend nach Hause gehen? Ist jemand da der über uns seine schützende Hand hält? Hat unser Kampf ein Ende oder müßen wir uns auf einen größern blutigern gefaßt machen?" . .. Heifert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 25 386 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. Da erscheint die Charte vom 4. März. Nichts von einer Zusammenfassung des Ländergebietes der böhmischen Krone, nichts von einem Königreich Slovenieu! Ein neues Herzogthum Bukowina, ein neues Großherzogthum Krakau, aber nichts von einem slovakischen Herzogthum, nichts von einer selbständigen Woiwodschaft! Serbien, Kroatien, Slovakei in der alten Zugehörigkeit zum Gebiete der St. Stephans-Krone! Und die Militair-Gränze, „dieses verdienstvollste aller österreichischen Länder", nicht einmal mit einer Verfassung bedacht, aufrecht erhalten wie ehedem in seiner militairischeu Organisation als ein intcgrirender Bcstandtheil des Reichsheeres! „Also nach wie vor Robot, sclavische Uuterthäuigkcit, Subordination, ewiger Belagerungszustand im ganzen Land, und bei alledem deutsche Schulen, deutsche Beamte, die ganze Einrichtung, das ganze Leben von dem fremden Deutschen angefresseu — das ist der Dank für uns Slaven!" . .. Ja Centralisation, strammes Regiment von oben, das war der erste und bleibende Eindruck den man in den slnvischen Kreisen der ganzen Monarchie von der octroyirten Verfassung empfing. „Die schöne Idee des Föderalismus", hieß es in einem Leit-Artikel der Südsl. Ztg. Nr. 30 vom 12. März, „deren Realisirung wir mit abwechselnd frohen und bangen Hoffnungen entgegensahen, ist nun so gänzlich über den Haufen geworfen daß uns auch nicht eine Spur davon übrig bleibt auf der wir unser Auge ruhen lassen könnten; ein Luftgebilde, weiter nichts, dünkte sie dem Ministerium lind an ihrer Stelle erscheint die Centralisation so streng durchgeführt als dies eben in einem polyglotten Staate möglich ist. Die Grundlage unseres, wie wir jetzt sehen, nur geträumten Zukunftsgebäudes hat der Octroi mit einem Schlage vernichtet." Alle Nationen, so verschieden sie sein mögen, müßen jetzt die „schwarz-gelbe Livree" anziehcn. Jeder Unterschied der „Provinzen", die fortan nur Verwaltnngsgebietc darstcllen, hört auf. „Den einzelnen Kronländern", klagt Llaveilski In§ am 10., „ist nicht einmal so viel Autonomie gewahrt als früher bei uns jedes Dorf, jede Gespanschaft und Stadt- gemeinde besaß." „Was bleibt den Ländern?" fragte Havel Borovsk/. „Ackerbau Bauwesen Armenanstalten, das ist wahrhaftig eine Satyre auf die Selbstverwaltung! Dann die näheren Anordnungen im Gemeinwesen, in Schul- und Kirchenangelegenheiten, endlich der ,Vorspanns jeder sieht daß davon nur der Bratspieß den Ländern gelassen ist, der Braten selbst wird in Wien aufgegessen." Dem Ministerium stehe nach .Das ist der Dank für uns Slave»! 387 Z. 89 die Befugnis zu Beschlüße der Landtage nicht auszuführeu oder dieselben zu sistiren; „es werden also die Landtage zu dem Ministerium ungefähr in demselben Verhältnisse stehen wie die Schulbuben zu dem Herrn Lehrer". Der Kaiser wird als Kaiser von Oesterreich gekrönt, es entfallen also die einzelnen Königskrönungen, es gibt keinen König von Böhmen mehr!2!U). Mit dem Widerwillen gegen die Centralisation ging die Besorgnis drohender Germanisation Hand in Hand. Die deutsche Sprache werde man zur Dienstsprache, zur allgemeinen Geschäftssprache erheben, sie mehr und mehr in den Schuleil einführen. Was sei das Recht der Freizügigkeit anderes als ein den Deutschen eingeräumtes Recht die nicht-deutschen Länder Oesterreichs mit Germanen zu überfluthen und den Kaiserstaat zu einer deutschen Colonie zu machen? Nach ß. 4 der Grundrechte solle jede Nation den Anspruch zur Pflege und Ausbildung ihrer Sprache haben; das gelte zwar scheinbar für alle gleich, werde aber doch nur den Deutschen zugute kommen, weil diese überall seien, in Böhmen und Mähren, unter den Polen und Russinen, in Ungarn wie in Italien. „In allen diesen Ländern", meinte Havllöek, „werden sich die Deutschen auf den Z. 4 berufen, werden deutsche Schulen verlangen, die Beamten werden überall deutsch sein müßen, mit einem Wort, Oesterreich wird bleiben was es bisher gewesen, eine deutsche Monarchie in welcher alle andern Nationen die Ehre haben werden als Anhängsel zu paradiren!" In den ungarischen Ländern wurden diese Zumuthungen um so lebhafter gefühlt als sie mit allen bisherigen Erinnerungen und Uebungcn in Widerspruch standen. Der Strom der Geschichte, hieß es, werde mit einemmal aufgchalten, in ein neues Bett geleitet, eine achthundertjährige politische Existenz in all ihren Verzweigungen urplötzlich geändert. Dürfe man wohl fragen, hieß es in der Südsl. Ztg. Nr. 31 vom 12. März, „ob die bestehende Verfassung in einem Lande dem eine Constitution nicht erst zngesagt wurde, sondern das eine solche schon vor dem März gehabt und dieselbe durch keine Rebellion verwirkt hat, anders als im verfassungsmäßigen Wege Abänderungen erleiden könne?! Und woher", hieß es weiter, „haben acht Personen, darunter leider ein Kroat, die Kühnheit genommen 36 Millionen eine Verfassung vorzuschreiben in welcher keine der von diesen 36 Millionen gehegten Erwartungen erfüllt wird?" Das Ministerium berufe sich auf die Stimme des Volkes. 25 * 388 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. Welches Volkes? Der Deutschen die dessen ärgste Feinde sind? Der Ungarn die mit den Waffen in der Hand gegen es kämpfen? Der Böhmen die dem Reichstag Vertrauens-Adressen gesandt und ihr Heil von Krcmsier, nicht von Olmüz erwartet haben? Der Galizianer die unter dem Belagerungsstand seufzen ? „Das Ministerium", schrieben idlovins clalin. 1i4r. slav., „setzt durch diesen Act der Willkür nicht blos das Schicksal der Dynastie, sondern auch die Zukunft des Reiches aufs Spiel". Die Belgrader Zeitung erinnerte an einen Auftritt bei der Uebergabe der Festung Esscgg, wo ein junger magyarischer Officicr zu einem serbischen gesagt habe: „Adieu Kamerad, gebe Gott daß wir uns bald wieder im Kampfe, aber als Freunde gegen unsere und eure Feinde begegnen!" ^ . . . In den serbischen Gebieten war die Enttäuschung um so bitterer als sich ihre Vertrauensmänner, welche vom Ministerium berufen worden waren um, wie man im Lande meinte, über den verfassungsmäßigen Anschluß an das Reich gehört und berathen zu werden, kaum erst auf den Weg nach Wien gemacht hatten. In Mitrovic wagte das Negiments- Commando gar nicht die octroyirte Verfassung knndzumachcn, geschweige denn die angeordneten Kirchenfeierlichkeiten zu veranstalten. Der „Na- predak" betonte wiederholt die Nothwendigkeit der Einberufung eines serbischen Congresscs; denn eine Verfassung au deren Zustandekommen die Serben weder unmittelbar noch mittelbar mitgewirkt könne für sie nicht als bindend betrachtet werden. Er richtete einige Fragen an Baron Kulmer und faßte seine Forderungen in folgende Punkte: 1. die serbische Woiwodschaft als besonderes Kronland; 2. gleich den übrigen Kronländern mit besonderer Landesverfassung; 3. ihr muß es zukommen sich durch Abgeordnete zu erklären ob sie eine Bereinigung mit einem andern Kronland überhaupt eingehen wolle, und mit welchem; 4. Beschränkung des Militair-Gränz-Systcms ans den activen Dienst. Ebenso schwer wie im Banat und in der BaÄa, in Karlovic und in Mitrovic trug man das unerwünschte Geschenk in Agram. Die bestehenden Landeseinrichtungen sollten nach dem Wortlaut der Verfassungsurkunde aufrecht erhalten, aber mit der neuen Reichsverfassung in Einklang gebracht werden und damit, sagten die Kroaten, „fällt der Hort unserer municipalen Autonomie. Die Befugnisse unseres Landtages stehen nicht viel höher als die eines französischen Municipal-Rathes". Erbitterung in Kroatien und der Woiwodschaft. 389 Der Landesverwaltung, des Banal-Rathes sei mit keiner Shlbe gedacht, sie seien so gut wie aufgehoben. „Hätte man uns wenigstens aufgefordert iin Wege unseres Landtages einzuwilligen in die großen Opfer die hier für den Gesammtstaat gefordert werden; hätten wir so wenigstens mit eigenen Händen selbst den letzten Rest unserer Autonomie hingegeben, oder hätte man, falls wir uns dazu nicht verstehen wollten, dann erst octroyirt, so wäre der Schlag nicht halb so schmerzhaft. Aber in dieser Zeit unserer allseitigen Aufopferung gleich den Rebellen in Italien und Ungarn behandelt zu werden, das ist in der Weltgeschichte noch nicht dagewcsen!" „Wir Kroaten", schrieben Hovins cialm. llsr. slav., „unterschreiben das Todesurtheil unseres Volkes wenn wir diese Verfassung annehmen, die uns alle nationalen Adern und Nerven durchschneidet und uns die verwünschte Zeit des Metternich'schen Regiments zurückbringt." Am 12. März berieth der kroatische Landes-Ausschuß über die octroyirte Verfassung. Es wurde geltend gemacht daß der Landtag zwar unterbrochen aber nicht aufgelöst worden sei; daß derselbe die Bedingungen einer Vereinigung mit den andern österreichischen Ländern bereits festgestellt habe, und daß daher nur derselbe Landtag über die nunmehrige Frage der Octroyirung zu entscheiden berufen sei. Der Beschluß ging dahin, bei dem Banns auf schleunige Einberufung des Landtages zu dringen. In dieser Zeit erschienen die auf der Reise nach Wien begriffenen Vertrauensmänner der serbischen Nation in Agram, wo sie vom Patriarchen angewiesen waren mit den kroatischen Landesbehörden ins Einvernehmen zu treten und über gemeinsame Schritte zu beratheu. Der Banal-Rath und der große Landtagsausschuß hielten darauf eine gemeinsame Sitzung, in welcher der Beschluß durchging der serbischen Deputation eine kroatisch- slavonische beizugesellen; beide sollten in Wien gemeinschaftlich Bestätigung der Landtagsbeschlüße von 1848 verlangen, als derjenigen Bedingungen unter denen die kroatisch-slavonisch-serbische Nation gegen die magyarischen Sonderbestrebungen und für den Gesammtbestand der Monarchie zu den Waffen gegriffen habe. . . Mitten in diese Tage unmuthiger Aufregung fiel als freudig erhebende Abwechslung der 22. März als Jahrestag der Ernennung Je- laoiä' zum Banus von Kroatien. Trotz allen Mismuths, den die nationalen Dränger in der letzten Zeit gegen den „k. k. Feldmarschall- Lieutenant" in Pest in ihren Organen zum Ausdruck gebracht hatten, überwog denn doch jetzt die Erinnerung an die glorreiche Erhebung ihres 390 HI. 25. Opposition gegen die Verfassung. Volkes im Jahre zuvor, die sich an den Namen Jelaöiö knüpfte. Der anbrechendc Morgen mit Pöllerschüßen begrüßt; ein feierliches Dankamt im Beisein der Civil- und Militair-Behörde»; Lustbarkeiten bis in de» späten Abend; Musikbanden die festlich erleuchteten Straßen durchziehend und nationale Weisen spielend. Es schien alles vergessen was noch kurz vorher den Einklang gestört hatte, tausendstimmiges „Ävio" durchbrauste die freudig erregte Stadt. Schon seit Wochen wurden in allen süd- slavischen Gauen Beiträge zur Anfertigung eines kostbaren Ehrendegens für ihn gesammelt, auf der einen Seite sollte stehen: Laroni äslaöiö äs Lu^iii Arata patria, auf der andern Seite sein Kriegssprnch: krönt Dons st llsronin kslisitas volnsrit. „Heuer geben wir dem Banns einen kostbaren Degen zum Geschenk", hieß es auf vielen der Subscriptionslisten, „für die Verteidigung unserer Freiheit und unserer Nationalität ; aufs Jahr werden wir ihm noch wichtigere Spenden zu Füßen legen!" Ein Agramer Himmelskundiger machte sein Publicum aufmerksam daß am 27. März der Vollmond unter die Venus zu stehen komme und diese Stellung genau das süd-slavische Wappen bilden werde: „Sollte dies Ereignis nicht eine große Bedeutung für uns haben? Lud llos siZuo vinsss!" * Wenn in Kremsier in der ersten Aufregung über den unerwarteten Staatsstreich von slavischen Abgeordneten der Ruf „Nach Frankfurt!" erklungen war, so hatte man in deutschen Kreisen gemeint darin einen Triumph der eigenen Sache, in dem frühern Gegner einen willkommenen Bundesgenossen zu erblicken, der in letzter Stunde die Einsicht erlangt habe, die Freiheit sei einzig unter dem schwarz-roth-goldenen Banner zu retten ^). Dem war aber nicht so. Jener Kremsierer Ruf war weiter nichts als ein Ausbruch augenblicklichen Unwillens, trotziger Schadenfreude, als ob mau seinerseits in der Lage sei der Regierung einen Haupttrumpf zu spielen. Bei ruhiger Ueberlegung dachten weder Rieger noch einer seiner Genossen weiter an dieses rasche Wort, wie denn überhaupt in slavischen Kreisen, nicht blos unter den Böhmen, die Abkehr von der deutschen Na- tional-Versammlung sich von Anfang bis zu Ende gleichblieb 2°>), obwohl sie allerdings für den Augenblick mit ihren nationalen Gegnern in der Ablehnung des jüngsten kaiserlichen Geschenkes übereinstimmten. Die großdeutsche Deputation in Wien. 391 Die schwarz-roth-goldene Partei war gegen die Charte vom 4. März schon darum eingenommen, weil darin das Verhältnis zn Deutschland nicht berührt war. „Die octroyirte Verfassung", hieß es hier, „ist eine Revolution gegen das deutsche Parlament." Wenn es heute, so spöttelten die „Wiener Boten", dein Kaiser Ferdinand beifiele, wie er es im vorigen Jahre gethan, auf den Balcon am Josephs-Platz zu treten und die deutsche Fahne zu schwingen, er müßte verhaftet werden. Die ganze Verfassung komme nur den Slaven zugute, sie trage den unverkennbaren Stempel des Kroaten JelaöiL und dessen Freundes Kulmer an sich. Das „eine untheilbare Oesterreich" mit seiner „Gleichberechtigung aller Nationen" habe mit Frankfurt nichts mehr zu schaffen. An die Stelle des deutschen Charakters der Monarchie sei jene „berüchtigte österreichische Nationalität" getreten „deren tiefer Gedanke in den sinnenden Stirnen des Olmüzer Cabinets horstet"*). Eindrücke und Stimmungen wie diese nahmen auch die drei Abgesandten der Frankfurter groß-deutschen Partei mit sich **). Sie waren zuerst von Bruck, der sic als ehemalige Collcgen begrüßte, dann ein zweitesmal von demselben in Anwesenheit des Unter-Staatssecretärs Baron Werner, der aber mehr den stummen Zuhörer und Beobachter abgab, auf das freundlichste empfangen worden, und hatten dann eine dritte Zusammenkunft bei Stadion der auch Bach beiwohnte, wo zwar nicht minder alle Rücksichten der Höflichkeit gewahrt wurden, obwohl der gegenseitige Eifer mitunter an die Gränzen leidenschaftlicher Rede und Gegenrede streifte. Gegenüber den Borwürfen welche die Frankfurter Sendboten der österreichischen Regierung machten daß sich dieselbe Frankfurt entfremdet habe, sowie ihren Mahnungen das versäumte nachzuholen, einen starken Schritt nach vorwärts zn thnn und sich der deutschen Verfassungsarbeit anzuschließen, wurde seitens der kaiserlichen Regierung alle Schuld auf Frankfurt geschoben das bei seinem Werke Oesterreich theils ignorirt theils feindselig behandelt, die österreichischen Erklärungen geringschätzig beiseite gelegt habe. Und nun in letzter Stunde wolle man verlangen daß sich Oesterreich den Frankfurter Planen und Beschlüßen ohne weiters anschließe? Die Frankfurter Versammlung habe sich für allein berechtigt erklärt, jede Vereinbarung von der Hand gewiesen, zuletzt das Gagern'sche Programm *) „Wiener Boten" I S. 336; „Leuchtthurm" Nr. 10 S. 156 f. "ch S. oben S. 107 f. 392 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. angenommen das für Oesterreich von vornherein nicht tauge. In eine Volksvertretung am Bunde könne die kaiserliche Regierung nicht willigen. Aber auch die deutschen Einzel-Regierungen, was sollten diese mit ihren etlichen dreißig Landes-Vertretnngen anfangen? Das Ganze würde auf eine Umwandlung Deutschlands in eine parlamentarisch zu leitende Staatseinheit hinanslaufen! Den Vergleich mit dein nordamerikanischen Congreß, mit der schweizerischen Tagsatzung, auf welche die Frankfurter hinwiesen, wollten Stadion und Bach nicht gelten lassen: das Staaten-System des deutschen Bundes sei ein durchaus anderes und eigenthümliches. Als die Deputirten am 7. März das Ereignis von Kremsier vernahmen wollten sie ohne Aufschub abreiseu; Bruck bewog sie sich noch beim Minister-Präsidenten einzufinden. Das seine vornehme Wesen Schwarzenberg's, seine gewinnenden Manieren, sein höfliches und dabei so sicheres Auftreten machte auf die Vertreter der National-Versammlung den vortheilhaftesten Eindruck. In der Sache selbst kamen sie nicht einen Schritt weiter. Wollten die kaiserlichen Minister nicht auf die Frankfurter Vorschläge eiugeheu, so waren jene ebensowenig geneigt die österreichischen Anträge: Krciseintheilung, Gencralstände und ein aus diesen hervorgehcndes Staaten- haus gntznheißen. Als die Abgeordneten auf solche Weise unverrichteter Dinge vom Fürsten schieden, hatten sich im Borsaale Stadion und Bach zu einem anberaumten Minister-Rath eingefunden. „Wie sind Sie und Ihre Herren mit Wien zufrieden?" fragte Bach Heckscher, der zur Antwort gab: „Man hat uns zu gut behandelt und Deutschland zu schlecht"^). Am 8. April mit dem Abendzug reisten Heckscher und Sommaruga unmittelbar nach Frankfurt ab, am 9. Hermann zuerst nach München wo er sich seinem Könige vorzustellen gedachte, bei welchem er gern gesehen und gehört war. In München war übrigens, wie selbst die Blätter der Gegenseite nicht zu läugnen vermochten, sowohl bei Hof als unter der Bürgerschaft der Eindruck der jüngsten Vorgänge in Oesterreich ein überwiegend günstiger. Anders war die Stimmung in Frankfurt a. M., woselbst ein kaiserlicher Courier mit den Schriftstücken in der Nacht vom 7. zum 8. eingetrossen war. In der Stadt verbreitete sich eine unsichere Nachricht zuerst am 9. und dann mit größerer Bestimmtheit am 10. Manchen mochte wohl, nachdem zuerst in Brandenburg, nun in Kremsier das Beispiel der Auflösung großer Volksvertretungen gegeben war, der Gedanke kommen daß der deutschen National-Versammlung ein ähnliches Schicksal bevorstehe. Die Erbkaiserlichen und die Großdeutschen in der PaulSkirchc. 393 Demi war ihre seit beinahe einem Jahre dauernde Wirksamkeit eine fruchtbarere als die der österreichischen und preußischen Parlamente gewesen? Hatte sie van den großen Erwartungen, von den freudigen Hoffnungen, mit denen ihr Zustandekommen von ganz Deutschland begrüßt worden war, bisher auch nur eine erfüllt? Hatte sie außer den sehr fraglichen und nur zum geringsten Theile anerkannten „Grundrechten" dem deutschen Volke etwas anderes geliefert als die endlosen stenographischen Berichte, aus denen letzteres, wenn es sich die Mühe dazu nahm, nichts herauslesen konnte „als daß seine Abgeordneten sich mit Wortklaubereien und Haarspaltereien beschäftigen, die Gelehrten ihre Nachtlampenweisheit auskramen und die Hauptsache ins unendliche verzögert wird?"*) Verschieden, wie sich denken läßt, waren die Eindrücke der Abgeordneten. Die von der Linken zeigten sich betroffen, blickten unschlüßig und rathlos darein lind trösteten sich einzig damit daß sie mit ihren Vorhersagungen im Rechte gewesen. Die Partei der Erbkaiserlichcn dagegen trinmphirte. Die „Central-Correspondenz" und die reichs-ministeriale Zeitung verkündeten den „neuen Aufschwung" den ihre Auffassung, dadurch daß Oesterreich sich centralistisch abgeschlossen ohne Deutschland auch nur zu erwähnen, gewonnen habe: „Mit der innern Verfassung Deutschlands hat Oesterreich, nachdem es sich vom Bunde durch die Urkunde vom 4. März losgesagt, nichts mehr zu schaffen; es kann nur noch davon die Rede sein, inwiefern die in dem Acte von 1815 enthaltenen Vertrags-Principien einem neuen Vereine Deutschlands und Oesterreichs zugrunde zu legen, oder welche anderen an ihre Stelle zu setzen sind" ^'). Ganz entgegengesetzt war begreiflicherweise die Stimmung bei den Groß-Deutschen. Die Nicht-Erwähnung Deutschlands in der österreichischen Ehartc verursachte ihnen eine schmerzliche Enttäuschung. Die österreichischen Abgeordneten selbst waren geradezu verblüfft über diese neue Ucbcrraschuug aus ihrer Heimat. Löhner hatte einige Stunden nach der letzten Reichstagssitzung Kremsier verlassen und war nun sehr erstaunt, kaum in Frankfurt angekommen, das Ereignis vom 7. zu erfahren. Er spielte hier den Märtyrer für die Sache der Freiheit, den österreichischen Flüchtling — mit dem Reisepässe des Fürsten Schwarzenberg in der Tasche! Den österreichischen Abgeordneten kam iin ersten Augenblicke der Gedanke ihre *) Frankfurter Correspondenz H vom 10. im „Lloyd" Nr. 128 vom 16. März Morg.-Ausg. 394 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. Mandate heimzusagcn, was den Preußen das liebste gewesen wäre die ihnen sagten: „Grämt Euch nicht jute Freunde; wenn Ihr jetzt jehen müßt, wir werden Euch doch wieder kriegen." Aber ihre Gesinnungsgenossen redeten ihnen den voreiligen Entschluß aus: cs komme jetzt mehr als je darauf au zusammenzuhalten und alles aufzubictcn daß nichts verkehrtes geschehe, das sei „deutsche Pflicht" eines jeden. In den obersten Regionen seufzte Erzherzog Johann, kaum von seiner Krankheit hergestellt, nach Erlösung von einem Posten aus welchem er keine Aussicht auf ein erfolgreiches Wirken mehr hatte*). Schmerling aber reichte seine Entlassung ein. In einem unmittelbar an den Kaiser übersandten Gesuche bat er um Wiederanstellung im Justiz-Fache; er halte das Verfassungs- Werk für unvereinbar mit seinen Anschauungen über Oesterreichs Verhältnis zu Deutschland; die Grundsätze des gegenwärtigen Cabinets seien nicht die seinigen^). Am Abend des 11. März versammelten sich die Erbkaiscrlichen im „Weidenbusch" wo man übereinkam mit der endgiltigen Beschlußfassung über die KZ. 2 und 3 nun ohne weitern Aufschub vorzugehen. Es fielen da mitunter die lächerlichsten Reden. „Wir lassen es eher auf einen europäischen Krieg ankommen", sprachen Leute die nicht einen Alaun ins Feld zu stellen hatten, „als den Bundesstaat, den Erbkaiser aufzugeben". Dann kam „die bodenlose Schwäche und Unfähigkeit" der preußischen Politiker an die Reihe. „Sollten wir etwa ein österreich-russisches Veto gegen die Einigung Deutschlands zu gewärtigen haben? Immerhin, wenn in Berlin statt Männern Hasen das Heft in der Hand haben!" Zur selben Zeit hatten sich die Groß-Deutschen im „Pariser Hof" zusammengefunden. Die Gemüther waren hier bereits so weit beruhigt daß man über das Geschehene, und was weiter zu thuu sei, bcrathen konnte. Die Nicht-Erwähnuug Deutschlands in der Charte vom 4. März, meinte man, lasse wohl eine andere Deutung zu als die einer Beleidigung des Parlaments, einer Abkehr vom deutschen Verfassungswerk; keinesfalls sei dieselbe so rücksichtslos und feindselig gegen Deutschland als die Fassung der HZ. 2 und 3 gegen Oesterreich gewesen. Oesterreich habe erst in der jüngsten Zeit Vorschläge und Anerbietungen zur Förderung des deutschen Verfassungswerkes gemacht, sich zur Erfüllung seiner Bundespflichten bereit erklärt; auch habe es seine Abgeordneten nicht zurückberufen, *) Wessenberg an Jsfordink 11. März I S. 21. Welcker im Pariser und im Englische» Hofe. 395 wünsche also daß dieselben nach wie vor Mittagen und mitthnn. Man fand sogar Anknüpfungspunkte zwischen den Grundlinien der neuen Verfassung Oesterreichs und jener die man für Deutschland im Sinne hatte heraus: die Binnenzölle von und gegen Ungarn seien beseitigt, was dem deutschen Zollverein zum Vortheil gereiche; das föderative Element, wodurch jeden: Lande eine besondere Verfassung und ein Landtag verbürgt sei, komme den analogen deutschen Verhältnissen in weit höherem Grade entgegen als die ccntralistisch gestaltete preußische Verfassung*). Der eifrigste in dieser Richtung war Welcker der eintrat als die Verhandlungen im Zuge waren. Er warnte mit großer Lebhaftigkeit vor überstürzten Beschlüßen und bekämpfte in sprudelnd anti-prenßischem Sinne die voreiligen Schlußfolgerungen der Klein-Deutschen: man müße sich jedem Dringlichkeits-Antrag, der etwa gestellt werden wollte, widersetzen; die Sache sei nicht spruchreifes). Er hatte übrigens den Text der Verfassnngsurkunde noch nicht gelesen und begab sich aus dem „Pariser Hof" noch spät abends in den. „Englischen", wo er von Mitgliedern der Gagern'schen Partei bei einem Glase Wein derart in die Hitze gebracht wurde daß ihm schon ans dem Nachhauseweg die Worte entfielen: „Nun ist freilich Oesterreichs Ausschluß nicht mehr zu umgehen". Im „Englischen Hof" wurde er auch mit cineni Exemplar der österreichischen Verfassung versehen die er in der Nacht studieren wollte. Am l2. morgens sah man ihn dann in der Zeit im Gespräche mit seinem Landes-Minister Herrn v. Dusch, der gerade an diesem Tage von Karlsruhe augekommen war, dann in Gesellschaft Bassermann's und Mathy's, durchaus entschiedener Erbkaiserlichen. Die Sitzung der Natioual-Versammlung am 12. vormittags begann matt und gedrückt. Schriftführer Biedermann aus Leipzig verlas das Protokoll der letzten Sitzung; eine Zuschrift des hannovcr'schen Bevollmächtigten an den Minister-Präsidenten betreffend die ZZ. 19 a und 37 des Versassungsentwurfes kam an die Reihe; Degenkolb aus Eilenburg, Esmarch aus Schleswig und Karl von Schrenk aus München trugen kürzere Berichte des volkswirthschaftlichen, des internationalen, des Geschäftsordnungs-Ausschußes vor; Schüler aus Jena, v. Raumer aus 396 III. 25. Opposition gegen die Vcrfossnng. Dinkelsbühl, Gevckoht aus Bremen richteten Interpellationen an das Ministerium die von Heinrich von Gagcrn und Robert von Mohl teilweise beantwortet wurden; Bresgcn von Ahrweiler stellte einen Dringlichkeits-Antrag, der nicht hinreichend unterstützt wurde — aber fast niemand in der Versammlung achtete auf all das, weil die Gcmüther zu sehr von dem eingenommen waren was sie seit gestern ausschlicßcnd beschäftigte. Da meldete der Präsident: es sei ihm so eben ein Dringlich- kcitsantrag von Wclcker mit der Bitte, denselben sogleich begründen zu dürfen, überreicht worden, worüber die Versammlung zu entscheiden habe. Eduard Simson verlas den aus acht Punkten bestehenden Antrag dessen Endziel darauf hinauslief: „angesichts der wiederholten öffentlichen Nachrichten von fremder Einsprache gegen die von der deutschen National- Versammlnng zu beschließende Verfassung" dieselbe „durch einen einzigen Gcsammtbeschlnß" anzunehmen und die darin fcstgestcllte „erbliche Kaiser- Würde Sr. Majestät dem Könige von Preußen" zu übertragen. Hatte sich schon während der Verlesung wiederholt große „Bewegung" im Saale bemerkbar gemacht und wurden am Schlüße fragende Stimmen laut: „Von Welcker ist dieser Antrag?!" „War das auch wirklich verlesen worden?!" so bot jetzt die Paulskirche einen Anblick wie er in diesen Räumen kaum noch erlebt war. Die Abgeordneten verließen ihre Sitze, allenthalben im Saale bildeten sich Gruppen, die in lebhaftem Durcheinander sowohl den Antrag als die Person von der er aus- gegangcn war besprachen. Es währte wohl eine Viertelstunde ehe Simson mit seiner Frage, ob die Versammlung den Antragsteller zum Worte zulassen wolle, durchdrungen konnte. Fast die ganze Versammlung erhob sich und unter dem Beifall, welchen diese Einmüthigkeit hervorrief, erhob sich der breitschulterige Mann von mittlerer Größe, mit dem ergrauten Haupte und dem lichtblauen großen Auge das, nach Laube's Ausdruck, „ebenso glänzend aber nicht so bohrend" wie das Friedrich II. von Preußen. Er sprach im Zustande einer übernächtigen Erregung, mit seiner raschen, nur zu oft hart und trotzig polternden Beredsamkeit, ein „Politiker der Extase" als was ihn ein Zeitgenosse charaktcrisirt, unter der fortwährend leidenschaftlichen Theilnahmc der Versammlung die sich von ihrem Erstaunen, ans solchem Munde solche Worte zu hören, die ganze Zeit nicht erholen konnte, so sehr er selbst, gleich zu Anfang seiner Rede, sich bemühen zu wollen erklärte „jedes Vorurtheil einer Jnconseqnenz zu beseitigen". Wenn er sich früher gegen das Erbkaiserthum erklärt, so habe Dringlichkeitsantrag Welcker's. 397 er sich dabei weder von Abneigung gegen Preußen noch von Vorliebe für Oesterreich leiten lassen; er habe nur verhindern wollen daß Oesterreich ausgeschlossen werde von der deutschen Staatsgemeinschaft; er habe gewollt daß alle Mittel erschöpft werden um die Integrität Deutschlands zu retten. Nun aber, nachdem Oesterreich sich selbst ans- und abgeschlossen, glaube er diese Mittel seien erschöpft und es stehe an der Zeit das übrige Deutschland mit Verzicht ans Oesterreich, das nun einmal nicht zu halten sei, zu einem festen Staatskörper znsammenznfügen. Wenn jetzt die National-Versammlung beschließe die deutsche Krone auf das Haupt des Königs von Preußen zu setzen, so haste kein Flecken an dieser Krone; denn Oesterreich sei nicht hinausgestoßen worden. Aber die Zeit dränge, die Umstände erfordern einen raschen und kräftigen Entschluß, es komme darauf an die Ehre der Reichsversammlung und die Souverainctät der Nation zu retten. Ob man die Wolken nicht sehe die den Himmel Deutschlands umdüstern? ob man nicht sehe wie die Cabinets-Politik Deutschland einklammere? Sei es noch möglich daß Oesterreich eintrete so sei nichts verloren; sei dies nicht möglich dann müße man gerüstet dastchen. „Denn seien Sie versichert, sowie dieser Bruch da ist zwischen Oesterreich und Deutschland, so sind die lauernden Feinde im Osten und Westen bereit die Einheit des jungen Deutschlands im Keime zu ersticken. Ich sage nichts weiter als: Das Vaterland ist in Gefahr, retten Sie das Vaterland !" Stürmischer Beifall von der Rechten und einem Theile des Ccntrums, während die Linke stumm und wie von Schrecken gelähmt da saß, ertönte durch das Haus. Viele Abgeordnete eilten zu den vorder» Bänken zu Gagcrn Mathy Basscrmann: „man müße das Eisen schmieden so lang es warm sei; man dürfe das endlich entzündete Feuer nicht verrauchen lassen, sonst werde es erstickt werden durch die Particularisten". Aber Welcker selbst hatte sich dagegen verwahrt als ob er seinen Dringlichkeits-Antrag so verstanden wissen wolle daß die Versammlung so wichtige Beschlüße vöm Flecke weg fassen solle, und so wurde über Vorschlag des Präsidenten die Verhandlung nach einer Frist von acht Tagen anberaumt. Das war nun den Heißspornen allerdings nicht recht. Schon auf dem Nachhauseweg aus der Sitzung beklagten sie es daß es keinem von ihnen in den Sinn gekommen sei, nicht einer den Muth gehabt habe, die Gelegenheit zu ergreifen und einen Antrag zu stellen der, durch betäubende Acclamation zum Beschlüße erhoben, „dem Deutschen ein Reich 398 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. und dem Reich einen Kaiser" gegeben haben würde. Die ungeheure Aufregung pflanzte sich aus dem Saale in alle Theile der Stadt fort, die einzige Börse ausgenommen die trotz günstiger Notirnngen aus Paris und Wien flau blieb. Daß die Erbkaiserlichen jubelten verstand sich von selbst. „Oesterreich hat die Partie verloren", trinmphirten sie, „unwiderbringlich verloren". Ob es sie aber aufgegeben, meinten Andere, ob cs gutwillig auf seinen Einfluß in Deutschland verzichten werde, sei das so leicht denkbar? Doch damit war man vorderhand nicht gelaunt sich den Kopf zu zerbrechen. Nebst der Sache priesen sie laut Welcker, der ihueu bisher Zielscheibe von Vorwürfen aller Art gewesen, der ihnen nun aber höher stand als einer der Ihrigen, der ihnen jetzt wieder der „Mann" war „der seit einem Menschenalter für deutsche Freiheit und Einheit gekämpft". Die Groß-Deutschen und die von der Linken waren überdiemaßen bestürzt. Die am mildesten urtheilten sagten, Welcker habe über die Wiener Nachrichten den Kopf verloren, es sei ihm das Blut zu Gehirn gestiegen, er habe jede sachliche Rücksicht beiseite gesetzt, und bedauerten eine Uebereilung die eines Mannes von Welcker's Alter und Erfahrung unwürdig sei. Die Mehrzahl ließ sich nicht nehmen daß er sich durch Beweggründe äußerlicher Art habe bestimmen lassen; namentlich habe ihn die Drohung des Ministers Dusch, er könne aufhören badischer Bevollmächtigter zu sein, eingcschüchtert; auf keinen Fall habe er seinen Antrag stellen dürfe» ohne das ihm von seiner Partei bisher geschenkte Vertrauen heimzusagen; so aber wie es geschehen, habe er verrätherisch seine Absicht verborgen und die eigenen Genossen der Ueberrumpelung durch die Gegner preisgegeben. Welcker selbst erschien am selben Abend im „Pariser Hof", wo sich auch Heckscher und Sommaruga nach ihrer Rückkehr aus Wien einfanden. Er rechtfertigte sein Auftreten so gut er konnte; man behandelte ihn mit großer Schonung, überzeugt aber und auf seine Seite hinübergebracht hat er niemand Am Abend des 12. kam Schmerling eine Note vom 9. März zu in welcher Fürst Schwarzenberg, anknüpfend an das Kremsiercr Programm und das nunmehrige „Grundgesetz" vom 4. und sich berufend auf seine bei früheren Anlässen über die Oberhauptsfrage, die Kreiseintheilung, das Staatenhaus entwickelten Ansichten Anlaß nahm sich über das nunmehrige Verhältnis des Kaiserstaates zu Deutschland auszusprechen: Oesterreichischc Note vom 9., preußisches Rundschreiben vom 10. März. 399 „Oesterreich, auf seine eigene Macht und Verfassung gestellt, kann seine deutschen Provinzen nicht aus dein innigen Verbände reißen der die Monarchie zur Einheit gestaltet. Wenn Deutschland dies Bedürfnis nicht anerkennt werden wir es beklagen, aber deshalb unsere Lebensbedingung nicht aufgeben. Wer die Einheit Deutschlands wirklich will, wird den Weg suchen der uns möglich macht ohne Aufgeben unser selbst im großen Gesammtvaterlande zu verbleiben." Die Note stellte die „Einigung des großen Kaiserstaates in sich zu einem auf ncueu Gruudlageu wohlgeordneten Ganzen" als die „naturgemäß und nothwendig der Regelung des Verhältnisses Oesterreichs zu Deutschland vorausgehende Bedingung" hin und erklärte die volle Bereitwilligkeit Oesterreichs „zn allem was innerhalb der Gränzen über die wir nicht hinauskönnen liegt, weil wir aufrichtig die Einigung, die mögliche Einigung Deutschlands zu einem großen lcbeusstarken, den gerechten Wünschen des denkenden Theiles des deutschen Volkes entsprechenden Körper wollen"*). In derselben Zeit inachte ein vom 10. datirtes Schreiben Graf Arnim's die Runde bei den deutschen Höfen, in welchem das preußische Cabinet seine Befriedigung, daß Oesterreich mit der Instruction vom 27. Februar „den von uns vorgeschlagenen Weg der Verständigung mit Frankfurt betreten" habe, und seine Bereitwilligkeit die österreichischen Vorschläge „einer reiflichen Erwägung zu unterziehen" erklärte und die Mitregicrungen aufforderte an den Berathungen über jene Vorschläge theilznnehmen**). Von den vier Königen zeigte sich Maximilian von Bayern voll Eifer für die österreichischen Vorschläge. Er befürwortete eine gemeinsame Verwahrung der Könige und jener andern deutschen Fürsten die sich denselben auzuschließen geneigt wären, gegen den Welcker'schen Antrag, falls dieser von der National-Versammlung angenommen würde, sowie eine Vereinbarung wie weit man Preußen und Frankfurt gegenüber bezüglich der Hanptgrundzügc der Reichsverfassung nachgeben könne. Er beschwor das kaiserliche Cabinet bei Deutschland auszuharren und lud es ein, im Verein mit Bayern bei den andern deutschen Regierungen gegen den Ausschluß Oesterreichs aus der deutschen Gesammtverfassung zu wirken. Er wünschte einen Congreß, nicht der Fürsten aber der Minister, zur Bcrathung über die Reichsverfassuug. Am königlich sächsischen *) Wortlaut s. Wr. Ztg. Nr. 02 vom 14. März Amtl. Th. ; A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 75 vom 16. März S. 1150 f. „Lloyd" Nr. 139 vom 22. März Abend-Ausg. 400 III. 25. Opposition gegen die Verfassung. und hannover'schen Hose war man nicht ohne weiters bereit auf diese Vorschläge einzngehen, und auch in Stuttgart zeigte man sich nicht entschlossen genug; König Wilhelm stellte nur eine Sendung seines Ersten Stallmeisters Freiherrn von Hügel in Aussicht, um eine Verständigung zwischen den beiden königlichen Nachbarhöscn zu erzielen^"). In Frankfurt selbst währte der Taumel über das Ereignis des 12. tagelang fort. Hatten es die Erbkaiserlichcn in der ersten Aufwallung versäumt ihr Ziel im Sturm zu erobern, so gingen sie mit um so größerer Zuversicht den anbcraumten Verhandlungen über den Welcker'schen Antrag entgegen. Von Oesterreich war bei ihnen keine Rede mehr. „Oesterreich hat sich", sagten sie, „am Geburtstage seiner Verfassung sein Urtheil geschrieben." Mit welchen Mitteln wolle es seinen Willen gegen sie durchsetzen? Auf die Stimmen in der Paulskirche könne es nicht mehr zählen. Sollte man annchmen daß seine Diplomatie bei den Höfen Hilfe finden, daß sich Preußen hergeben werde mit Oesterreich das deutsche Verfassungs- Werk zu hintertreiben? Oder rechne Oesterreich auf die Gewalt der Waffen, und geschehe es etwa mit Vorbedacht daß gerade in diesem Augenblicke die russische Ostsee-Flotte ausbreche und russische Heercsmassen der Posen'schen Gränze so nahe rücken daß man vom preußischen Boden aus die langen Reihen der moskovitischen Wachtfeuer überschauen könne?! In Olmüz und Wien dachte man nicht daran einen europäischen Krieg, den die Frankfurter Professoren so oft und so leicht im Munde führten und als die ultima ratio für ihre Umstaltungsplane hinstelltcn, hcrnufzubcschwörcn. Anderseits ließ das kaiserliche Cabinet in einer Depesche vom 17. in Frankfurt wissen: Oesterreich denke nicht daran sich von Deutschland in den Berathungen über dessen künftige Verfassung loszusagen. Wir unserseits nehmen von der Frankfurter National-Versammlung und dem Getriebe an den deutschen Höfen Abschied. Was sich mit dem Welcker'schen Antrag begab, was sich weiter daran knüpfte und daraus entwickelte, reicht in eine Zeit hinein mit welcher wir uns hier nicht beschäftigen könne». Die Form der Reichstagsauflösung. 401 26. Es erübrigt zum Schlüße unser eigcues Urtheil über die Charte vom 4. März 1849, obwohl immer, wie es im Charakter der Geschichtsdar- stelluug liegt, vom Standpunkte der damaligen Verhältnisse und Anschauungen, zu klären und festznstellen. Um mit dem Ereignisse vom 7. März zu beginnen so haben sich, wie wir gesehen, manche Zweifel über die Unumgänglichkeit desselben erhoben, fast alle Stimmen gegen den seitens der Regierung eingehaltenen Vorgang ausgesprochen. Man hielt sich dabei das Beispiel anderer Staaten vor Augen, wo die Auflösung in voller Sitzung und durch den Mund eines Mitgliedes des Ministeriums oder in Form einer Zuschrift der Regierung au das Präsidium des Hauses zu geschehen pflegt. Allein hiebei ist doch wohl der Unterschied vergessen zwischen dem was bei normalen Umständen geschehen muß, und was bei anormalen nicht geschehen kann. Der Wien-Kremsierer Rcichtstag als „constitnireuder" berufen, hatte sich bis zur Vollführung seiner im Namen der Gesammt- bevölkerung übernommenen Aufgabe die Eigenschaft der Souverainetät und Unauflöslichkeit beigelegt. War doch der Regierung das Recht bestritten worden die Versammlung in und wegen dieser ihrer Eigenschaft von Wien weg, an einen andern Ort als wohin dieselbe kraft der Errungenschaften des 15. Mai berufen worden, zu verlegen! War nun nicht, wenn die Auslösung in der unter verfassungsmäßig bereits festgestellten Verhältnissen üblichen Weise eingeleitet wurde, mit vollem Grund vorauszusetzen daß jene Einwendung werde erhoben werden? Eine Einwendung deren Gewicht sich, wie ja die Debatten in der Nacht vom 6. zum 7. bewiesen, auch die treuesten Anhänger der Negierung kaum entziehen, die sie vor der Oeffentlichkeit schon aus Rücksichten des Gemcingeistes, der Kameradschaft, der von ihren Wählern empfangenen Mission nicht ver- läugnen konnten. Eine Einwendung überdies, für deren Geltung sie sich auf die gerade in diesen letzten Tagen aus dem Schoße der Bevölkerung ihnen gewordenen Vertrauens-Kundgebungen berufen dursten. Wenn man bedenkt wie starr selbst Männer ruhigeren Blutes wie Lasser, Männer gereifteren Urtheils wie Kudler, am frühen Morgen des 7. dem Grafen Mercandin ihr „non possnrnns" zu wissen gaben und Smolka ihren gemeinsamen Entschluß in die Worte zusammenfaßte: „Wir weichen Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. Ztz 402 III. 26 . Kritik der octroyirten Verfassung. dcr Gewalt": was war von einer Vollberathung zn erwarten in welcher junge hitzige Männer, und deren besaß die Kammer eine hübsche Anzahl, Rieger mit seinem „i^säojms so" voran, einer den andern und mit ihnen den größten Theil der Versammlung in die Leidenschaft fortrisscn? Daß daraus ärgere Scenen als in Berlin und Brandenburg entstehen konnten, und daß solche Scenen in dcr augenblicklichen von außen und im Innern bedrohten Lage der Monarchie um jeden Preis zu vermeiden waren, wer mochte das läugnen? Und wenn schon, um sie hintanzuhalten, bewaffnete Macht nicht entbehrt werden konnte, war cs nicht vor- zuzichen dieselbe zur Vermeidung des Ucbcls vorbauend, als nach bereits erfolgtem Unheil rückstaucnd einschrcitcu zu lassen? Die Nothwcndigkeit den constituircnden Reichstag aufzulösen wurde zum Theil mit Gründen verfochten denen manches entgcgenzusetzcn war. So wenn gesagt wurde der Reichstag habe seine Ausgabe verkannt, habe in den October-Tagen mit Ueberschreitung seiner Vollmacht in die Executive eingegriffeu, habe auch sonst in Wien und in Kremsier sich mit Angelegenheiten befaßt die nicht Sache eines constituircnden, sondern eines mit allen verfassungsmäßigen Eigenschaften und Rechten bereits constituirten Vertrctungskörpcrs seien. Denn in letzterer Hinsicht kommt denn doch zu erwägen daß es, wie z. B. bei dcr 80,000.000-Anleihe, die Regierung selbst war welche die Mitbethciligung des Reichstages hcrausforderte. Was aber die October-Ereiguisse betraf, durfte man auf dieselben jetzt wo seither Monate verflossen waren zurückgrcifen? Durfte man dies, nachdem die Verlegung des Reichstages nach Kremsier einerseits als eine Art Sühne, anderseits als ein Zugeständnis nicht-verwirkter Berechtigung gelten mußte? So war auch die an sich ganz gerechtfertigte Rüge dcr Langsamkeit des Reichstages in seinen Arbeiten nicht ganz ausreichend, und Havliäek hatte gar nicht so unrecht wenn er dcr Regierungs-Partei die Frage cntgcgenhielt: „Seid denn Ihr mit allem fertig? Zieht sich der ungarische Krieg nicht auch in die Länge? Bis der zu Ende geführt ist, würde dcr constituirende Reichstag mit seinem Verfassnngswerke auch fertig geworden sein!" Eine vollkommen begründete Einwendung wurde nur gegen den aus reichstäglichen Kreisen, obwohl noch nicht vom Reichstage als solchem, hervorgeheuden Vorschlag erhoben: den Verfassungsentwurf, um den immer lauter werdenden Klagen über Verschleppung ein Ende zu machen, ohne Berathung der Einzclbestimmungen als Ganzes zur Abstimmung und Annahme zu bringen. Denn ein solcher Vorschlag UnauSweichlichkeit dieses Schrittes. 403 war gegen das Wesen, gegen den Berns, gegen die Pflicht jeder gesetzgebenden Versammlung, deren Schwerpunkt nicht, wie im Verhältnis des obersten Kronrathes zu dem Monarchen, in den Berathungcn bei verschlossenen Thüren, in den Ausschüßen und Abtheilungen, sondern in der öffentlichen Verhandlung liegt. Ein solcher Vorschlag war darum zu verwerfen, ein Beweis für die UnauSweichlichkeit der Auflösung des Reichstages als solchen war er jedoch nicht. Diese UnauSweichlichkeit lag vielmehr in zwei anderen Umständen, einem äußerlichen an welchem der Reichstag als solcher keine Schuld trug, und einem innerlichen dessen Schuld niemand als ihn selbst traf. Jener bestand darin daß eine Verfassung für die ganze Monarchie geschaffen werden sollte, während der constituirende Reichstag nur für einen Theil der Monarchie berufen und befugt war. Mau durfte dagegen nicht sagen: Warum hat die Regieruug die Kroaten, die Serben, die siebenbürgcr Sachsen, wie sie das wünschten und verlangten, nicht zur Vervollständigung cinbcruscn? Denn abgesehen davon daß dabei das eigentliche Ungarn und Lombards-Venetien, wo erst das Loos der Waffen entscheiden sollte, immer noch ausblieben, so war ja die Regierung zu einer solchen Vervollständigung aus Reichsgebieten, für welche die constituirende Versammlung von allem Anfang nicht eingesetzt war, wohl kaum ermächtigt. Die blose Bereitwilligkeit des Reichstages ein gemeinschaftliches Band über alle Theile der Monarchie zu schlingen, konnte über dessen rechtliche Befugnis dazu gewiß nicht entscheiden. Oder ging es an, wie das Organ Havliöck's nachträglich meinte, für die eine Hälfte der Monarchie die Verfassung durch den constituirendcn Reichstag ausarbciten zu lassen und die seinerzeitige Octroyirung dieser selben Verfassung auf die zur Stunde noch in der Auflehnung begriffenen und durch Gewalt der Waffen zu bezwingenden Reichsgebiete zu beschränken?! Gewiß nicht, sondern die Negierung hatte nur die Wahl zwischeu Beendigung des Provisoriums durch Octroy oder unabsehbarer Verlängerung des Provisoriums durch Ausschreibung eines neuen, für den ganzen Umfang der Monarchie berufenen constituirenden Reichstages *). Der innere Grund der UnauSweichlichkeit der Auflösung dieses Reichstages aber lag in dessen staatsmännischer Unfähigkeit, die sich bei *) 17Lr. Aov. Nr. 61 vom 13. Prager Artikel vom 10.; Lloyd Nr. 113 vom 7. März, Eingangsartikel vom selben Tage. 404 III. 26. Kritik der octroyirteu Verfassung. der Bcrathung über die sogenannten Grundrechte mit jeden: Tage deutlicher knndgegeben hatte. Allerdings war auch dieser Umstand nicht völlig eigene Schuld des Reichstages; er war die bedauerliche Folge jenes vormärzlichen Systems der Absperrung Oesterreichs von allen geistigen Einflüßen der fortschreitenden Zeit, der Hemmung aller gesunden geistigen Entwicklung, der polizeilichen Einpferchung aller frischen und jugendlichen Lebenskräfte. Der weitaus größere Theil des Reichstages stak noch fest in den staatsrechtlichen Theorien, die Ronssean's Gcsellschaftsvertrag geschaffen hatte; von denen die an den österreichischen Universitäten noch immer maßgebenden Ideen und Theorien der joscphinischen Periode durchweht waren; die zuletzt in dem Rottcck-Wclcker'schen Staats-Lexikon ihren voluminösen Ausdruck gefunden hatten. Die Verhandlungen über den ß. 1 der Grundrechte, über die Abschaffung des Adels — „Vorschläge die mit Wegweisern zur Republik verglichen werden können"*) — und zuletzt jene über die Kirchensrage cuthüllten eine so einsichtslose Oberflächlichkeit, eine so vollständige Unkenntnis alles dessen was die Wissenschaft seit dem „Oontrat social" weiter gefördert und tiefer begründet hatte, dabei eine so bedauerliche Verkennung aller gcschichtlich-thatsächlichen Zustände und Verhältnisse, daß von einer Körperschaft in welcher sich derlei Afterweisheit behaglich breit machen und trotz der Einwürfe und Vorstellungen von der Gegenseite zuletzt jederzeit den Sieg davontragen konnte, ein ersprießliches Wirken ein für allemal nicht zu erwarten war^i). Diesen Stempel burschikoser Rücksichtslosigkeit wiesen auch manche Bestimmungen im sogenannten zweiten Theile der Verfassung aus. Die Verweigerung des unbedingten Veto Z. 87, 88 zeugte gewiß von geringem Verständnis eines Staatsgebildcs wie Oesterreich, dessen ganzes Sein und Wese» im monarchischen Princip anfgeht. Oder die Bestimmung des Z. 63, der Kaiser dürfe sich „ohne Bewilligung des Reichstages nicht länger als zwei Monate in einem Jahre im Auslande auf- halten". Wie denn wenn er Feldherr ist und einen Krieg im Ausland führt, was er nach ß. 45 des Entwurfes doch wohl darf? Müßte der oberste Kriegsherr die Operationen einstellen oder seine Armee im Stiche lassen falls es dem Reichstage beliebte ihm den Urlaub zu verweigern? Carinthia 1849 Nr. 14 v. 17. Februar S. S4: „Noch einige Worte hinsichtlich der Abschaffung des Adels und Aufhebung der Fideicommisse"; unterzeichnet 1i. Politische Unreife de« coiistituirendc» Reichstages. 405 Dazu jenes fortwährende Pochen auf die „Souverainetät" des con- stitnirenden Reichstages; jene Selbstverherrlichung einer Körperschaft die da könne was sie wolle, deren Sache es sei die Verfassung einzig und allein zu geben, während es Sache der Völker wäre sich damit zurechtzufinden; jene eingebildete parlamentarische Omnipotenz die keine Vergangenheit und kein bestehendes Recht anerkennt, die nach eigenem Belieben und Ermessen Gebäude aufführt in deren absonderlichen Räumen sich die wirklichen Menschen und die thatsächlichen Verhältnisse ohne Widerrede einrichten sollen! Ja es waren die Flegeljahre eines neuen und darum völlig ungeübten Freiheitsgefühles, dessen Naivetät sich schon in dem übergroßen Werth bekundete den die Kammer auf die Construirung grundrcchtlicher Theoreme legte und die Lebensfragen der Monarchie einstweilen beiseite ließ. Das war es was dem Kremsierer Reichstag in allen überlegenden Kreisen den Todesstoß versetzte, was die „Inckaxsuclancs ihn einen „Selbstmörder" nennen, was einen Alt-Liberalen vom Schlage Wessenberg's über denselben wegen dessen unleugbarer „Unfähigkeit" den Stab brechen und den mnthigen Entschluß der Regierung, der er sonst mürrisch und übellaunig gern etwas am Zeuge flickte, als einen unabwendbaren billigen ließ. Ein Wiener Correspondent der A. A. Ztg. schrieb: „Daß Oesterreich die Möglichkeit einer vereinbarten Verfassung vor sich hatte, daß aber der Reichstag selbst diesem schönen und großen Werke hindernd im Wege stand, selbst den Bau untergrub der zuletzt über ihm zusammenstürzte, das ist sein Geschick, und es lastet zeitlebens so schwer auch auf den achtbarsten Mitgliedern desselben, daß wir um dieser willen unserer Constituante ein versöhntes: ,Sie fahre hin in Frieden^ Nachrufen wollen"^). Noch eine Erwägung, und eine sehr beherzigenswerthe, wurde geltend gemacht. Es war eine Stimme aus der Armee, die auf den Ursprung des constituirenden Reichstages hinwies. Denn führe dieser Ursprung nicht zurück ans den „schmachverewigten 15. Mai, jenen häßlichen Tag des Undankes und der Lüge wo dem besten der Monarchen das Zugeständnis abgepreßt wurde, wo man wagte dasjenige anzutasten was allenthalben selbst dem Bettler durch das Gesetz gewährleistet ist: die Unverletzbarkeit seiner Person und seines Hauses?! Diese widerwärtige Erinnerung würde uns den Genuß der besten in einer aus solcher Quelle stammenden Vertretung berathenen Constitution verleidet haben. Denn unmöglich kann ein wahres Glück an einem Gute haften dessen Ursprung 406 III. 26. Kritik der octroyirtim Bcrfassung. auf den Act einer Untreue und Thorheit zurückleitet. Gottlob der 4. März 1849 hnt den 15. Mlai 1848 begraben, und mit reiner Hand, mit frohem Gewissen pflücken wir jetzt die köstliche Frucht welche die Liebe, die Worttrene des Kaisers uns anfbewahrt hat!"*) „Es dürfte nicht leicht ein Land geben", behauptete mit Recht ein deutscher Publicist, „für welches die Entwerfnng einer zweckmäßigen d. h. Dauer versprechenden freien Verfassung mit so viel Schwierigkeiten verbunden wäre als Oesterreich; selbst die Aufgabe, für das zu einem einzigen Staate zu vereinigende Europa eine Verfassung zu entwerfen, würde kaum größere Schwierigkeiten darbieten" 2°»). Für eine Neugestaltung der Monarchie standen zwei Wege offen: die Zerschlagung derselben in äußerlich gleichmäßige Gebietstheile, wie es Frankreich 1789 mit seiner Departementirnng ohne Rücksicht ans die bis dahin bestandenen Provinzen gethan hatte; und die Anftheilung derselben nach den verschiedenen Nationalitäten. Der erstere Gedanke hatte auch im Schoße des Constitutions-Ausschußes seine Vertreter gefunden. „Es war ein Glück für Frankreich", rief Hein bei einem solchen Anlasse aus, „daß es vor seiner Revolution bereits centralisirt war, und es ist ein Unglück für Oesterreich daß wir uns aus dem Irrwege der Föderation befinden." Er wollte eine Eintheilung der Monarchie in Kreise, nicht in Länder; denn sonst, meinte er, liefe es darauf hinaus daß ein Dicker mehr Recht habe als ein Dünner, ein Großer mehr als ein Kleiner (Rieger: „So ist es auch!"); durch die Kreise, deren Tage mehr Rechte haben sollten als die Landtage — „wenn man letztere schon durchaus haben müßte!" — ließe sich zugleich den verschiedenen Nationalitäten Rechnung tragen. Auch Brestel beantragte die größeren Länder in Kreise zu thcilen „mit Berücksichtigung ihrer Nationalität", und wies auf Steiermark hin, das sich „recht gut" in einen deutschen und einen chemischen Theil scheiden lasse. Als Pinkas gegen die Beiden vorbrachte, die projectirten Kreise schienen ihm eine Falle für das Föderativ-Systcm zu sein — „man braucht nur die Landtage wegzndecrctircn und die volle Centralisation ist fertig" — suchte ihn Cajctan Mayer als Berichterstatter für den Entwurf zu be- *) LI (Marsano?) Dis Neichsverfassung vom 4. März, Oest. Soldfr. Nr. 30 vom 10. März. Departementirung oder Nationalstaaten? 407 schwichtigen: cs sei die Kreiseintheilung nicht deshalb vorgeschlagen „um die Central-Gewalt zn stärken oder zn schwächen, sondern nm die Provinzen znsammenzuhalten und dem früheren System der Vielregiererei eutgegcuzutretcn; denn vieles werden die Kreistage besser besorgen als die Landtage"*). In der Sitzung des constituirendcn Reichstages vom 26. Januar bei Berathung der Grundlagen einer Gemeindeordnung nahm Borrosch „eine departementale Gliederung des Kaiserstaates" zwar nicht geradezu in Schutz, drückte sich aber in einer Weise aus daß man schließen mußte, er würde diese Gestaltung jedenfalls der Provinzialisirung Oesterreichs vorstehend), woraus ihm von Klaudy entgegnet wurde, er werde seine Stimme und ganze Kraft aufbieten, „daß das Oesterreich das wir bauen wollen nicht ein nach französischem Muster in Departements ge- thciltes werde; denn lösen Sie die Länder deren Geschichte sie aneinander knüpft auf und machen Sie Departements daraus, so wollen Sie etwas was für Oesterreich gar nicht paßt." Auch hatte doch wahrhaftig für jeden unbefangenen Beurtheiler das Beispiel des in gleichmäßige Theil- gebiete zerschlagenen Frankreich nichts aufmunterndes. Hat Frankreichs Ruhe und Glück dadurch gewonnen daß es in seinem Paris aufging? daß seine Hauptstadt, so oft es einen Umschwung gab, die unselbständigen und machtlosen Departements in ihr Glück und ihre Freuden, aber auch in ihre Launen und Verirrungen willenlos mithineinzog?^). Die andere Idee war die Löhner's mit seinen „National-Stanten", über welche wir bereits seines Ortes unser Urtheil abgegeben haben**). Im Constitutions-Ausschüße hatte zuerst Kautschitsch eine Gliederung Oesterreichs nach Nationalitäten vorgeschlagen. Nach diesem Plane sollte Böhmen in zwei Theile zerfallen: „Bojerheim" und „Occhovicn"; Oberund Unter-Oesterreich mit Salzburg, daun Deutsch-Steiermark mit Kärnten sollten je eine Provinz bilden; „Slovenien" die slavischen Theile von Steiermark, von Kärnten und Kram, von Istrien vereinigen; hingegen Wälsch-Tyrol von Deutsch-Tyrol mit Vorarlberg, „Rnthenisch- Galizien" von „Mazurisch-Galizien" getrennt werden; dann waren aber Schlesien, Mähren, Dalmatien als besondere Theile aufgezählt als ob diese Länder national ungemischt wären. Der Vorschlag wurde vom Ausschüße gar nicht in ernste Erwägung gezogen. Couscquenter erschien ") Springer Protocolle S. 12, 16, 32f., 43. **) Bd. III S. 316 f. und Anm. 308. 408 III. 26. Kritik der octroyirten Verfassung. Palnck/ der im Wesen die Löhner'schc Idee aufgriff, nur daß er seinen Plan auch auf die ungarischen Länder ansdehnte, wie er überhaupt der Meinung war, der Verfassungs-Entwurf solle schon in der Anlage so gehalten werden daß derselbe auch für die im constituirenden Reichstage nicht vertretenden Länder annehmbar sei. Indem er den historischen Standpunkt als denjenigen bezeichnete der die „lebende" Geschichte der „pergamentenen" vorziehe, beantragte er: Deutsch-Oesterreich mit den Erzhcrzog- thümcrn und den deutschen Bcstandtheilcn von Böhmen Mähren und Schlesien; Böhmisch-Oesterreich mit der ungarischen Slovakei; Polnisch- Ocstcrrcich mit der Bukowina und Ungarisch-Rnthenien; Walachisch-Oestcr- rcich mit den rumänischen Bcstandtheilcn von Siebenbürgen Ungarn und der Bukowina; Jtalienisch-Ocsterrcich mit Süd-Throl und den italienischen Theilcn des Küstenlandes; das drcieinige Königreich mit der Wojwodina als südslavisches Gebiet; Magyaricn. Auch Palack/s Idee fand im Ausschüße keinen Anklang. Hein warf ihm vor, in Palack^'s Geiste müßten in „Böhmisch-Böhmen alle Deutschen kapores gehen" und Gobbi glaubte geradezu „jene Eintheilnng für gänzlich unpraktisch unzweckmäßig und verwerflich" erklären zu müßeu*). Das Ministerium und dessen mächtige Partei, in erster Linie bekanntlich Stadion, würde sich allerdings am liebsten auf den Standpunkt einer strammen Centralisation gestellt haben, für welche administrative Zweckmäßigkcits- und Beqnemlichkeitsrücksichten, das Ideal aller Staats- Mechaniker, sprachen. Allein einerseits hatte sich nur zu kräftig gezeigt daß man dadurch den Bestrebungen der an ihren geschichtlichen und nationalen Erinnerungen Hangenden Landesaugehörigen mit einer Schroffheit entgcgentretcn müßte die einen gefährlichen Gegenkampf Hervorrufen würde, doppelt gefährlich in einer Zeit wo ohnedies zwei große Gebicts- theile des Reiches in offener Auflehnung waren. Anderseits setzte ja die Departementiruug nicht weniger als die Bildung von Nationnl-Staaten einen völligen Umsturz des Bestehenden voraus, war also nur eine Fortsetzung der Revolution, die ja der Kaiser schließen, mit der er brechen zu wollen feierlich verkündet hatte. Es gab folglich kein drittes als die überkommene Länder-Eintheilung beizubehalten, dieselbe nach Wunsch und Begehr noch weiter zu entwickeln, jedoch um dieselbe und über dieselbe eine starke Central-Gewalt zu schaffen, in der der Grundsatz der ) Springer Protocolle S. 10, 12, 26f„ 29, 33f. Das alte Oesterreich in neuer Gestalt. 409 Einheit, der Kraft und Macht des Gesammtstaates zur Geltung gelangte 2 ^). Auch hatten ja im Laufe ihrer Geschichte die einzelnen Länder mehr und mehr einer sie alle umfassenden Einigung zugestrebt. Maria Theresieus, die sich noch „Königin von Ungarn und Böhmen" hieß, Sohn und Nachfolger begründete die „österreichische Monarchie", ihr Enkel Franz I. schuf den „österreichischen Kaiserstaat", dem jetzt der Urenkel Franz Joseph I. den verfassungsmäßigen Abschluß geben sollte. Es war das alte Oesterreich und doch in neuer Gestalt, das alte Oesterreich mit den alten Farben, jenem Schwarz-Gold, das seinen Heeren durch Jahrhunderte ans allen Kriegsschauplätzen ruhmvoll und siegreich vorangeleuchtct! Was sollte es mit diesem neuen Wciß-Roth-Gold, das der.Constitutions-Aus- schnß im Z. 154 seines Entwurfes vorgeschlagen? Waren es dynastische Anklänge durch die er so manches vergessen machen wollte was dem Reichstage aus dem Sommer 1848, aus dem October, aus den Verhandlungen über den Z. 1 vorgerückt werden konnte? Aber „bei der Neigung mancher ,schwarz auf weiß* zu sehen, wäre ein Uebcrgang in „Schwarz-Roth-Gold" nicht undenkbar gewesen!*). Das alte Oesterreich war es mit seinen altgeschichtlichen Bestandtheilen, „den k. k. Erbstaaten", nur in neuer Gliederung welche dieser Zusammensetzung größere Rechnung trug als die Charte vom 11. August 1804 mit deren Ergänzungen von 1814 bis 1816. Als am 13. März 1849 nach Klagenfurt der Erlaß des Ministers des Innern gelangte, welcher jeden Zweifel über die nunmehrige politische Selbständigkeit des uralten Herzogsthums Kärnten tilgte, wurde abends eine Stadtbelenchtung improvisirt, die Nationalgarde veranstaltete einen Fackelzug mit türkischer Musik und zog vor die Wohnung des Provisorischen Landes-Chefs Johann Freiherrn von Schloißnigg, der seine warme Ansprache mit dem Rufe schloß: „Es lebe Franz Joseph, Kaiser von Oesterreich, Herzog von Kärnten!" was die freudig bewegte Menge mit stürmischem Hoch erwiderte **). „Die größten Vorzüge unserer Verfassung", ließ sich eine öffentliche Stimme hierüber vernehmen, „bestehen darin daß die Autonomie der Provinzen soweit ertheilt wird als dies mit der nothwcndigeu Einheit des Gesammtstaates vereinbarlich ist" ***). Gerade zur gelegenen Zeit war kurz zuvor vom k. k. militairisch- *) 2. „Die Constitution Nom 4. März und der Constitutions-Entwurf des Reichstages, inilitairisch betrachtet"; Oest. Soldfrd. 1849 Nr. 35 v. 22. März. **) Klagenfurter Ztg. Nom 15. März 1849. ***) Klagenfurter Correspondenz vom 13. Lloyd Nr. 129 vom 16. März Ab. Ausg. 410 III. 26 . Kritik der octroyirten Verfassung. geographischen Institut eine Länder- und Völkerkarte der österreichischen Monarchie erschienen, „die erste ethnographische Karte von Oesterreich ans amtlicher Grundlage" ^). Ans diesem Gedanken entsprangen die im Z. 1 anfgezählten „Kron- länder" mit den beiden neugeschaffenen: „Großherzogthum Krakau" und „Herzogthnm Bukowina", und im ß. 2 die von diesen Kronländern gebildete „freie selbständige untheilbare und unauflösliche constitutionelle österreichische Erb-Monarchie". Der Monarch wird „als Kaiser von Oesterreich" gekrönt. Für alle Bürger des Reiches gibt es nur ein allgemeines österreichisches Reichsbürgerrecht; in keinem Kronlande darf zwischen dessen Angehörigen und jenen eines andern Kronlandes ein Unterschied im bürgerlichen Rechte rc. bestehen. Jeder österreichische Reichsbürger kann in allen Theilen des Reiches Liegenschaften erwerben, sowie jeden gesetzlich erlaubten Erwerbszweig ausüben. Das ganze Reich ist ein Zoll- und Handelsgebiet; alle bestehenden Binnenzölle hören auf und dürfen „unter keinem Titel" wieder eingeführt werden. Dagegen behält jedes einzelne Kronland seinen Namen und sein Wappen. Jedem Kronlande wird seine Selbständigkeit gewährleistet, die nur den durch die Reichsverfassnng geforderten Beschränkungen unterliegt. Das allgemeine Reichsgcsctzblatt hat in allen Reichs-, das Gesetzblatt jedes einzelnen Kronlandes in den betreffenden Landessprachen zu erscheinen, und ist nur den nicht-deutschen Texten eine deutsche Uebersetzung beizufügen. War damit der Idee der Centralisation ausgiebige Rechnung getragen, so mußten auch die Anhänger des Föderalismus ihre Ansprüche im Grundsätze berücksichtigt finden, wenngleich, wie es ja nicht anders sein konnte, die volle Ausführung und Anwendung je ihres Grundsatzes sowohl hier wie dort vermißt wurde. Es hieß eben einander diamentral wider- streitenden Anschauungen in einer ausgleichenden Mitte nach Möglichkeit gerecht werden^«). Das gleiche, einerseits Auseinanderhalten von Reich und Reichs- theilen, anderseits Jneinanderschlingen von beiden, kam in den großen politischen Vertretungskörpcrn zur Geltung. Das Reich hat seinen Reichstag mit zwei Häusern, jedes Kronland hat seinen einkammcrigen Landtag. Die Verbindung zwischen diesen und jenen wird dadurch hergestellt daß ein Theil des Reichstages, das Oberhaus, ans dem Schoße der Landtage hcrvorgeht, und zwar in dieser Weise: Jedes Kronland klein wie groß entsendet aus seinem Landtage zwei Mitglieder, deren Reichstag und Landtage. 411 Wahl an keinen Censns gebunden ist, in das Oberhaus, dessen übrige Mitglieder aus den Landtagen nach dem Verhältnisse der Bevölkcrungs- zahl des Kronlandes, und zwar aus solchen Rcichsbürgcrn die im Reiche wenigstens 500 fl. an directen Steuern zahlen, gewählt werden; eine Bestimmung in deren Folge der großgrnndbesitzende Adel mindestens auf einem Umwege zu einiger politischen Bedeutung gelangte. Das Unterhaus geht aus directeu Wahlen im ganzen Reiche hervor; die Wahl- fähigkeit und Wählbarkeit ist theils an gewisse persönliche Eigenschaften theils an einen Census gebunden, der in Wahlbezirken bis 10.000 Seelen nicht unter 5 fl., in solchen über 10.000 Seelen nicht unter 10 fl. C.-M. sein darf. Ans 100.000 Seelen entfällt ein Abgeordneter für das Unterhaus des Reichstages, die Zahl der Mitglieder des Oberhauses soll die Hälfte jener des Unterhauses ausmachen. Alle Mitglieder des Reichstages müßen seit mindestens fünf Jahren österreichische Reichsbürger sein, die des Oberhauses, die auf zehn Jahre gewählt werden, ein Lebensalter von 40, die des Unterhauses, auf fünf Jahre gewählt, eines von 30 Jahren haben; die einen wie die andern sind nach Ablauf ihres Mandates wieder wählbar. Die Zahl der Abgeordneten für den Landtag, sowie die näheren Bestimmungen über das Wahlrecht für denselben hat die für jedes Kronland zu entwerfende Landes-Verfassung sestzusetzen. Rcichsangelegenheiten sind: Der Kaiser, sein Haus und seine Krone; die völkerrechtlichen Beziehungen; jene des Staates zur Kirche; das höhere Unterrichtswesen; das gesammte Heerwesen zu Land und zu Wasser; alle Gewerbs- und Handels-Angelegenheiten: Reichsverbindungen zu Wasser und zu Land, Eisenbahnen, Post, Telegraphen; alle die Wahrung der innern Sicherheit des Reiches betreffenden Einrichtungen und Maßregeln. Landes-Angelegenheiten sind: Landescultnr; Landcsbauten; die Wohlthätigkeitsanstalten im Lande; die näheren Bestimmungen in Gemeinde-, in Kirchen- und Schul-Angelegenheiten, über Vorspannsleistung, Verpflegung und Einquartierung des Heeres; „die Anordnungen über jene Gegenstände welche durch Neichsgesetze dem Wirkungskreise der Landesgewalt zugewiesen werden. Alle Angelegenheiten die nicht durch die Reichsverfassung oder durch Reichsgesetze als Landes-Angelegenheiten erklärt werden, sind Reichs-Angelegenheiten". Die Landes-Verfassungen, gleich jener für das Reich vom Kaiser gegeben, sind seinerzeit dem Reichstage vorznlegen. Ein weiterer Einfluß des Reichstages auf die Beschlüße der Landtage findet nicht statt: jener wie diese sind in ihrem Wirknngs- 412 III. 26. Kritik der octroyirten Verfassung. kreise, die allgemeinen Reichs-Angelegenheiten dort, die besonder» Landes- Angclegenheiten hier, selbständig und von einander unabhängig. Hier wie dort ist zu einem gütigen Beschlüße das übereinstimmende Zusammenwirken der beiden gesetzgebenden Factoren, des Kaisers und der Volksvertretung, im Reichstage beider Häuser desselben erforderlich. Gcsctzesvorschläge können sowohl von der Regierung als von der Volksvertretung, im Reichstage von jedem der beiden Häuser desselben nus- gehcn; bleibt für ein beantragtes Gesetz die Zustimmung eines der gesetzgebenden Factoren ans, so kann der Gesetzentwurf in der laufenden Gesetzgebungs-Periode nicht wieder vorgebracht werden. Der Reichstag hat das jährliche Reichs-Budget, jeder Landtag sein jährliches Landes- Bndget zu berathen und zu beschließen. Wie man sieht war im Punkte der Freiheit so weit als möglich gegangen, und nur der Verdruß über den Ursprung der Verfassung konnte in dieser Hinsicht nergeln, daß z. B. der Census für das Oberhaus zu hoch gegriffen sei, wo doch je zwei Mitglieder aus jedem Kronlande ohne allen Census in das Oberhaus entsendet wurden. Die Anstheilung dessen was dem Ganzen, was den einzelnen Theilen zustände, war weise und maßvoll getroffen: es ließ sich im allgemeinen nicht sagen daß Gegenstände, die richtiger und billiger von Land zu Land zu schlichten sind, engherzig in den Bereich der Central-Gewalt gezogen, oder anderseits solche, die auf die Einheit und Macht, auf die Sicherheit und Wohlfahrt des Ganzen von Einfluß sind, an die einzelnen Landesvertretungen verzettelt worden seien. Die monarchische Spitze war in allen wesentlichen Punkten gewahrt: „dem constitutional-monarchischen Principe angemessen ist der Reichstag weder souverain noch unauflöslich noch unvertagbar, noch muß er in Wien gehalten werden, noch kann er seine Session nach Belieben verlängern, noch darf er ohne ausdrückliche Berufung sich vertagen" *). Dies galt natürlich auch von den Landtagen. In allem übrigen ist aber die Verfassung vom 4. März in der Entäußerung von irgend welchem nicht-parlamentarischen Einflüße bis an die äußerste Gränze gegangen. Alle Mitglieder der beiden Häuser werden durch Wahl berufen, aus den Landtagen oder unmittelbar aus der Bevölkerung, keines ist berufen oder wird ernannt. Jeder, auch der entfernteste Einfluß des Kaisers Die öftere. Reichövcrfassung vom 4. Marz 1849 re. von Johann Sporschil (Leipzig 1849 Jackonitz) S. 123. Beweglichkeit der parlamentarischen Elemente. 413 und seiner Regierung ist vermieden, was sich auch darin zeigt, daß Gewählten die ein öffentliches Amt bekleiden, wie unentbehrlich sie in diesem sein mögeil, der Urlaub nicht verweigert werden darf. Der alte erb- gcsessene Adel als solcher, in monarchischen Staaten der nächste dem Throne, aber von Felix Schwarzenberg grundsätzlich als staatsmännisch unfähige Kaste gcringgeschätzt, ja die Prinzen des Hauses haben keine Stelle im Obcrhause gefunden. Also eine vollständige Mobilisirung der Elemente des einen gesetzgebenden Factors — vom conservativen Standpunkte ein einschneidender Fehler, doch im damaligen Zeitgeiste ein nicht genug zu preisender Vorzug. Der Kaiser beschwört die Verfassung und jeder seiner Nachfolger wird es thnn. Der Eid auf die Verfassung wird in den Fahneneid der Armee ausgenommen. Ebenso war den sogenannten Grundrechten und den theils gleichzeitig mit der Verfassung theils gleich darnach herausgegebenen Gesetzen über die Grnndentlastung, das Gcmcindewesen, die Presse und Association, das Jagdrecht nachznsagen daß sie allen verfassungsmäßigen Anforderungen in liberalster Weise entsprachen. Jedem Volksstamm im Reiche war das „unverletzliche Recht ans Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache" gewährleistet, die Gleichstellung aller Confessionen und damit die Emancipation der Juden ausgesprochen. Das Unterrichts- und Erziehungswesen war sreigegeben, dem Staate nur die Aufsicht Vorbehalten. Letzteres galt auch bezüglich der Kirche, das Princip des Josephinismus war aufgegeben, das Eis einer fast achtzigjährigen Tradition war gebrochen*). Von allen Einrichtungen der modern-constitutionalen Schablone wurde allein die Nationalgarde vermißt; doch gab es, nach den Erfahrungen die damit in dem abgclanfenen Jahre gemacht waren, gewiß sehr wenige welche diesem Institute nachwcinten. Was viele zur Krönung des Ganzen wünschten war allgemeine Amnestie; in Wien erwartete man, nachdem einmal die Grundlagen constitutionalen Lebens allseits geschaffen, Aufhebung des Belagerungsstandcs und Wiedcrerscheinen des Kaisers. Doch bei ruhiger Ueberlegung konnte man es dem Ministerium kaum verübeln wenn es, so lang der Bürgerkrieg in Ungarn nicht beendet, solche Gewährungen dem Monarchen nicht einrathen zu sollen meinte. *) Hist. pol. Blätter 1849 I S. 467—469. 414 III. 28. Kritik der octroyirte» Verfassung. Wie augenblicklich die Dinge standen konnte die neue Verfassung nicht unmittelbar in allen Thcilcn des Reiches ins Leben treten. Am schwierigsten war dies im lombardisch-vcnctianischen Königreiche, wo selbst die der Regierung ergebensten Männer, unter dem Druck einer revolutionären mit dem auswärtigen Landesfeind in engster Verbindung stehenden Partei, keine Annäherung an die Central-Gewalt wagten, während in Ungarn eine ebenso zahlreiche als mächtige Hegemone Partei noch im Waffengang für das war was sie als Staatsrecht der St. Stephans-Krone erkannte. Für jenes wurde ein „besonderes Gesetz" in Aussicht gestellt, vvu dessen künftigem Inhalt, besonders im Verhältnisse zu dcu andern Kronländcrn, niemand einen klaren Begriff zu haben schien Die Sondcrverfassung Ungarns wurde im Grundsätze vorläufig aufrecht erhalten; nur sollten die Bestimmungen welche mit der nunmehrigen Reichsvcrfassung im Widerspruche ständen außer Wirksamkeit treten, dagegen die „Gleichberechtigung der Nationalitäten und landesüblichen Sprachen in allen Verhältnissen des öffentlichen und bürgerlichen Lebens", also mit Umsturz der thatsächlich uoch bestehenden Vorherrschaft, um nicht zu sagen Alleinherrschaft des Magyarismus, ohne Aufschub zur Geltung kommen und durch geeignete Institutionen sichergestellt werden; die nähere Regelung dieser Verhältnisse sollte „durch ein besonderes Statut" erfolgen. Da nun aber weiter 1) Siebenbürgen selbständig gestellt, „durch ein neues Landes-Statut" mit der Reichs-Verfassung „nach den Grundsätzen der Unabhängigkeit von Ungarn und der Gleichberechtigung aller das Land bewohnenden Nationalitäten" in Einklang gebracht; 2) über das dreicinige Königreich zwischen Abgeordneten Dalmatiens und der Landcs-Congregation von Kroatien und Slavonien; sowie 3) über die Vereinigung der Woiwodschaft mit einem andern Kronlande mit Abgeordneten desselben Verhandlungen gepflogen; endlich 4) die Militair- Gränze als „integrircndcr Bcstandtheil des Heeres der vollziehenden Neichsgcwalt unterstellt" werden sollte: so hatte jedenfalls Anton Springer, der meinte einfacher wäre es gewesen zu sagen: „Die ungarische Verfassung ist aufgehoben", mehr Recht als Karl Havliöek der vom Standpunkte der Opposition um jeden Preis mismuthig brummte: „Ungarn obwohl mit den Waffen in der Hand in offenem Aufruhr gegen den Kaiser, hat gleichwohl mehr Gnade in den Angen desselben gefunden als Böhmen, da sein Landtag auch über das bürgerliche, das Strafrecht und das gerichtliche Verfahren zu bcratheu haben wird". Auf die Sonder- Lombardo-Vcnetien — Die ungarische» Länder. 415 stellung des Gebietes der St. Stcphanskrone wurde einstweilen in dem Sinne Rücksicht genommen, daß jene Zweige der bürgerlichen oder strafrechtlichen Gesetzgebung, für welche in jenen Ländern noch abweichende Einrichtungen beständen, den Landtagen derselben zngewiescn seien und daß um dieses Umstandes willen die Reichstagsabgcordncten dieser Länder sich im Reichstage „der Thcilnahme an den Verhandlungen über die betreffenden Zweige zu enthalten haben" (Z. 68). Ja diese Opposition um jeden Preis, deren genialster Ausdruck der Wahnwitz des Exulanten-Häufleins der „Wiener Boten" in Leipzig war, bei denen sich nach dem Worte eines von ihnen „das Knirschen der Wuth nqchgerade in Lachen verwandelte" — welche Verfassung der Welt, und wenn es eine gewesen wäre die sie sich selbst gemacht, hätte cs solchen Leuten recht machen können! Wo sie im Einzelnen nichts mehr zu tadeln, zu verlästern, zu verschimpfen fanden, da mergelten sie an Acußerlich- keiten, an der Mache und den Machern des großen Werkes herum. Die octroyirte Charte sei eigentlich nichts als ein matter Abklatsch, eine Nachäffung der belgischen und der preußischen octroyirte» und des vom Grafen Albert Nostic im September v. I. veröffentlichten Entwurfes, aus denen die Herren Verfasser alles zusammcngesncht und heransgcklaubt hätten, was ihnen an zahmen und bequemen Bestimmungen am meisten in ihren Kram paßte. Der Haupt-Faiseur sei der Minister Bach der ja seit dem 26. Mai stets die „constitutionale Monarchie auf demokratischer Basis" im Munde geführt habe und sich wohl demnächst in den Grafenstand erhoben sehen werde. „O dieser Bach ans dessen trüben und schlammigen Wellen wir, seinen Lauf nach abwärts verfolgend, dahin kamen wo wir jetzt sind, o daß wir unsere ganze Kraft aufböten aufwärts schwimmend znm grünen Eiland zu gelangen an dessen Ufern die Fluthen noch frisch und klar mit belebendem Wellenschläge vorüber- sprudeltcn!" . . Wohl gab es Tadler ernster» Styles, und zu längnen war ja nicht daß manche Punkte der Verfassung gewichtigen Bedenken ausgesetzt waren. Im Haupt-Quartiere des Fürsten Windisch-Grätz, wo das conservativc Banner emporgehalten wurde, brach man über sie den Stab. „Das beste an der neuen Verfassung", meinte der jüngere Kübcck der damals ganz in jener Atmosphäre lebte, „ist ihre Unausführbarkeit". Der Feldmarschall, in Fragen der innern Politik ohne Zweifel weiter blickend, reifer und ernster im Urtheil als sein fürstlicher Schwager in Olmüz, 416 III. 26. Kritik der octroyirten Verfassung. schrieb demselben: „Ich bemerke nur daß eine wenn auch Pro visor ische Verfassung doch jedenfalls so gestellt sein muß daß man mit ihr regieren kann. Ich hoffe, es sei dies mit der vom 4. März möglich, finde aber in ihr zu diesem Zwecke keine hinreichende Garantie". Wenn man durch Frei- sinnigkcit die Partei des Umsturzes zu gewinnen hoffe so sei das eine Täuschung; nach dieser Seite hin wäre es „auf ein Mehr oder Minder im Ausmaße der neuen Formen nicht angckommen, und das M inder würde uns wenigstens aus die Dauer (des Provisoriums) gesicherte Verhältnisse versprochen haben". Er erkannte zwar daß man in einigen Punkten seinen Bemerkungen Rechnung getragen habe, in andern aber nicht, namentlich „in dem so wichtigen der Zusammensetzung des Reichstages: ich sehe in der Bildung des Unterhauses eine Quelle großer Verlegenheiten für die Zukunft". Warum habe man die Provinzial-Landtage ohne Benützung der alten Formen ins Leben gerufen? Warum habe man nicht nach seinem Vorschläge ans Ausschüßen dieser Provinzial-Landtage einen Senat statt des Oberhauses in dessen jetziger aller stabiler Elemente baaren Gestalt hervorgehen lassen?^). Gewiß erschienen Einwendungen wie die vorstehenden aller Aufmerksamkeit werth. Ueberhaupt war es ja das völlige Absehen von allen ständigen Elementen und Factorcn des staatlichen Gemeinwesens, das man der Charte vom 4. März zum großen Vorwurf machen konnte, und ohne Zweifel in allen conservativen Kreisen gemacht haben würde, wenn die damalige Einsicht und Erfahrung eine reifere, die politische Temperatur eine kühlere gewesen wäre. Anderseits war denn doch nicht zu übersehen daß die Verfassung selbst den Weg offen ließ, diesem Uebelstande abznhelfen. Als Major Graf Huhn vor seinem Abgang zur italienischen Armee sich dem Minister- Präsidenten vorstellte, richtete dieser, nachdem er den Bericht über die letzten Krcmsierer Vorgänge entgegengenommen, an ihn die Frage: was er zu der neuen Verfassung sage? „Durchlaucht", so lautete die Antwort, „wenn ich offen sein soll, so gefällt mir an ihr nichts als der letzte Paragraph der von den Abänderungen handelt." Fürst Schwarzenberg führte aus seinem zierlichen Döschen eine Prise zur Nase, wie er zu thnn pflegte wenn ihm etwas wider den Strich kam, und sagte etwas ärgerlich: „Nein nein, das bleibt! Da wird nichts abgeändert" 2 ^). Er sprach mit diesen Worten im Grunde gegen das Werk das er vertheidigen wollte, und zwar mit Unrecht, während anderseits der freimüthige Major mit seiner Bemerkung, trotz des abfälligen Urtheils über die Verfassung das Centratisation und Föderation. 417 darin zum Ausdrucke kam, im Rechte war. Denn ein sprechendes Zeugnis für die Frei- und Hochsiuuigkeit derjenigen, denen die März-Verfassung ihr Zustandekommen verdankte, lag in ihrer VcrvollkommungSfühig- keit. Der erste Reichstag und jeder erste Landtag traten gleichsam con- stituirend zusammen und hatten das Befugnis einzelne Bestimmungen der Verfassung, die in dieser Hinsicht als eine Provisorische gegeben war, zu be- rathen und „im gewöhnlichen Wege der Gesetzgebung" Acndernngen zu beantragen. Erst in den folgenden reichs- und landtäglichen Legiölatnr- Perioden, so lautete die Bestimmung des §. 123, war für diesen Zweck die Anwesenheit von drei Vierthcilcn der Mitglieder und die Zustimmung von zwei Dritttheilen der Anwesenden erforderlich. Was hingegen daö so überaus wichtige, ja maßgebende Verhältnis der Landtage zum Reichstage betraf, so war dieses in keiner Weise beengenden Schranken unterworfen, indem es nur eines ans dem gewöhnlichen Wege znstandekommcnden Rcichsgesetzcs bedurfte, um Angelegenheiten, die bisher reichstäglich behandelt wurden, in den Wirkungskreis der Landtage zu übertragen und folglich demjenigen, was man etwas ungeschickt Föderalismus nennt, im Laufe der Zeit weitere Zugeständnisse zu machen. An den Führern und Leitern des Volkes war cs somit, demselben richtige Begriffe beiznbringcn, ihm ans der ungewohnten Bahn zur Seite zu stehen, das VcrfassnngS- wcrk selbst in wohlwollender und einsichtsvoller Weise aufzufassen und dasselbe jener Vcrvollkommnng zuzuführen deren cs in sehr wichtigen Partien bedurfte. „Die octroyirte Verfassung", schrieb der greise Wesscnbcrg ans Frci- bnrg, „ist kein verwerfliches Werk. Sic zeichnet sich durch Klarheit anS. Alle constitntionalcn Grundlagen sind darin gehörig betrachtet." Allerdings, meinte er weiter, werde die Ausführung »och manche Schwierigkeit bringen*). Mit diesem Urtheil stimmten alle Besonnenen überein und erkannten cs als eine große That, als einen Beweis starken sittlichen Mnthes, daß sich Männer gefunden die Verantwortlichkeit für ein so riesiges Werk ans ihre Schultern zu nehmen U,„ 20. März überreichte eine Deputation des Wiener Patrioten-Vercines, der sich verschiedene andere Wiener Bürger anschloßen, dem Fürsten Felix Schwarzenberg eine an das Gcsammt-Ministerinm gerichtete, mit 30.000 Unterschriften versehene Adresse worin es unter anderem hieß: „Oesterreich ist gegenwärtig *) An Zssordink 16. März I S. 23. Hclfcrt, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 27 418 III. 26. Kritik der octroyirten Verfassung. in die erste Reihe der freien Länder in Europa getreten. Mit Recht hat das Ministerinin gegen den Satz: ,Alle Staatsgewalten gehen vom Volke ans^ feierliche Verwahrung eingelegt. Denn die Majorität der Bevölkerung Oesterreichs hat nie gewollt, nie beabsichtigt, den Thron des Kaisers in Frage zu stellen oder einer neuen Bestätigung zu unterziehen, und dem Volke ganz allein die Macht und die executivc und legislative Gewalt in die Hand zu geben. Die Gefertigten glauben ihren öffentlichen Dank für diese muthvolle Durchführung der wahren constitutionalen Rechte und Freiheiten dem hohen Ministerium mit Ehrerbietung ans- sprcchen zu sollen, und überlassen sich der Erwartung daß das hohe Gesammt-Ministcrinm sich in seinen Bestrebungen nicht beschränken lassen möge, um der Bevölkerung der Gesammt-Monarchie Oesterreichs ihre Freiheiten, ihre erworbenen Rechte, jedoch auch ihre Nationalität, ihre Institutionen, ihre historischen Erinnerungen zu bewahren und für immer zu sichern, wodurch allein die österreichische Gesammt-Monarchie gedeihen, ein Muster der wirtlichen Ordnung und Freiheit werden, wo die verschiedenartigsten Nationen Hand in Hand brüderlich Zusammenleben, sich an Deutschland innig anschließe», ohne jedoch die Souverainetät Oesterreichs dadurch aufzngebcn oder zu beeinträchtigen, und ihr Wohlstand, ihre Einigkeit, ihre Macht, ihre Größe nach innen und außen erstarken können" 2 ^). Die Verfassung vom 4. März 1849 war ein weder vollkommenes noch vollendetes Werk, sie war, wie ein Zeitgenosse treffend bemerkte, „gewissermaßen einer Brücke gleich, mit kühner Hand über einen Abgrund geworfen"*). Aber einen Vorthcil brachte sic jetzt schon: man hatte festen Boden unter den Füßen, man wußte woran man war und von wo ans man weiter sollte. Nach zwölfmonatlichen Wirren und Schwankungen, in einem Momente allgemeiner Abspannung und des Ueberdrnsses an dem bisherigen Gange der Dinge, war Klarheit und Gewißheit gegeben; fest bestimmt waren die Rechte, festbestimmt die Pflichten, der Zweifel hatte ein Ende erreicht. Man hatte nicht mehr zu fürchten daß jeder Tag einen Fortschritt auf der Bahn der Anarchie bringe, man konnte wieder mit Hoffnung in die bisher schwarz umflorte Zukunft blicken, das öffentliche Vertrauen erwachte aus Todeserstarrnng zu neuem Leben. „Heil und Dank der erhabenen Hand welche uns diese *) Der mir unbekannte T* in der Gr. Ztg. a. a. O. Adresse des österreichische» Patrioten-Vereines. 419 Verfassung gespendet! Dank auch dem tapfern Heere an welchem jene Hand sich kräftigte um so großes zu schaffen! Und somit ruhe der Segen GottcS auf ihr der wir alle mit Sehnsucht entgegenblicken, die wir jetzt mit jubelnder Freude begrüßen; denn sie ist cs welche den Abgrund der Revolution für immer schließt, schließen muß! Sie wird einen weithin schattenden Oclbnnm des Friedens und der Versöhnung bilden für alle Völker des schönen Oesterreich und ein starkes Schwert in der Hand seiner unbesiegten Armee!"*) Ein zeitgenössischer Pnblicist hat, noch im selben Monate da die octroyirte Charte erschien, die daran sich knüpfenden Hoffnungen und Aussichten in die Worte zusammengefaßt: „Wenn alles was die Rcichsverfassung gewährt in die Wirklichkeit getreten ist, so wird in der österreichischen Monarchie ein öffentliches Leben von einem Reichthum und einer Vielfältigkeit herrschen wie in keinem andern Reiche der Erde. Und wen» dieses öffentliche Leben sich der Absicht des Gebers der Verfassung gemäß entwickelt, so muß das Kaiserthum Oesterreich schou iu eiucm uaheu Zeiträume einen Grad innerer Stärke und geistiger wie materieller Macht erlangen, der es mehr als je znm Angelpunkte, zur Stütze und zum Schirme des mittcl-euro- päischcu Staateu-Syftems, zum Bewahrer der Unabhängigkeit desselben zum Schiedsrichter über Krieg und Frieden machen wird. Das walte Gott!" 2-4) Ja, wenn die Staatsmänner an den Principien die sie selbst ausgegeben sesthielten, wenn sie ehrlich und aufrichtig, einsichtsvoll und willcns- stnrk das allmälig zur Thal machten was in der Charte vom 4. März vorerst nur im Keime lag, dann war — trotz mancher Mängel und Lücken an denen ihr Werk vorderhand noch litt — Oesterreich neugc- schaffen und aus der Gefahr von Wirrsal und Umsturz nachhaltig und dauernd gerettet! Wie viel man auch, und, wie wir zugestehen, ans guten Gründen, im- Einzelnen an dem Werke des 4. März 1849 ausstellcn mochte, jedenfalls war damit der große Wurf gelungen, die verschiedenen Thcile des Reiches, die Kaiser Franz absolutistisch zu einem Kaiserthumc umgcschnffcn hatte, ans constitutionnlcr Grundlage zu einem Ganzen zu vereinigen und gesammelt zu halten. Was immerhin nachträglich daran gebessert und nmgestaltet werden mochte, die eine Grundlage blieb und *) LI Die Neichsverfassmig vom 4. März; Oest. Sold.-Fr. c>. a. O. 27 * 420 III. 26. Kritik der octroyirtcu Verfassung. diese Grundlage war eben der entscheidende Gewinn. In diesem Sinne hatte Fürst Schwarzenberg Recht mit dem was er zu Graf Huhn sagte. Wenn nur er selbst der gleiche blieb, wenn nur er selbst sich nicht „abänderte"! Denn nur unter dieser Voraussetzung waren und blieben sic wahr und treffend, die Worte die der Dichter*) seinem jugendlichen Monarchen huldigend znrief: Was Viele wollten war Dir Vorbehalte» — Das Reich zum große» Ganze» zu gestalte». *) Karl Hugo Rößler Die Lieder von der neuen Tafelrunde; Prag und Leipzig 1854 Hübner. A n h a n g. I. Auswahl von Schriftstücken. i. dir. M I!. An Wesscnbcr,;. 1848 . Uonsleur 1e Laron, I^o lendeinain de ina eonversatlon aveo 1s Oonits de l^esselrodo dont ^'al en 1'lionnenr de rendre ooinpto dans rnon rapport preevdent, 11 in'est revenn de konno sonroe r^uo 1a proposition dn Oaklnet do Lerlln, relatlvement ä uns partlelpatlon 6s 1a Grosse et de 1a Rnssls a 1a Mediation dans ?Ea1re Italienne, a de^ä stv prlse en eonsldäratlon par 1e Oonvernernent russs et sonrniso 8a UtsHeste 1'Lin- 1>erenr uin5Io raggort n° 50 II 4u 27/15 segtoinbro 4r) gni ä stö svninls ä I'Iürnpsronr st agpronvü gar 8a Llajsste Imperials. On m'assnrs anssi gns groliadlenisnt la rögonse 4n Oaliinet 4v 8t-I?sters- I)onrg ä la grogosition prnssienns sera eon^ne 4ans Is sons In4igns 4ans 1s 4it inämoirg et envoziäe sons gen ä Lerlin. Oai^ne^ a^revr «tu. li-elii-. sltsrn. 2 . All Fürst Paskicwicz in Warschau. 5Ionsel^neur. iOa Position politigns 4o notrs monarelns so tronve 4ans los eireonstanves aetnellss tsllsinont oinlironillss, gns l'intörst 4os 4eux Lingires vulsins gourrait ooini»an4er la nseessitv gressantö 4'envv)'or 4es eonrriers gortant 4ss 4egeelies 4o gian4' nrgenee, gni, arrivant ä la frontiers rnsso, gourraiont trvnver 4es ein- geslieinsnts gonr la eontinnation 4s lonr ronte. 4s orois 4one 4ans l'intörst 4s nos 4eux sonverains ossr grisr 8on L.ltssss, 4'avuir la g'rlieo 4o vvnloir disn 4onnsr 4os or4ros eonkorinvs anx gostss 4o Llielialllliviev et 4o 5laexli^ 4s laisser passsr libroment los ot'tieisrs antrivdiens gortant 4ss 4ögeslios, st innnis 4o siinplss 4oeninvnts 4s eourrior. 4'oso antant glns presenter eottv griero ä ltlonseiAnenr, gnisgne Io eas gonr- rait arrivsr, gns 4o notre eotü on ne sorait gas 4ans la Position 4o se groenrsr nn gasseport russe. Ilion 4ss annöes sont esoulües 4sgni» Is »öjonr cjns ^'ai en I'Iiunnsnr 4o faire en votrs sosistö a OarIslia4. 5i'a^ant gas la prsdsntion 4s vroirv gns vons 4ai^nssi eneors ins tenir on rnöinoire, ^'oss INS raggelsr ä votre sonvonir avee los assuranees 4s la plus liants eonsI4sration I4onseigneur Oraooriv, 12 ortolnv 1S48. votre trvs-lininlils svrvitsnr Lelililr in. g. Iiient.-gsn., Aünvernenr inilit. 4s Oraevvie. Auswahl von Schriftstücken. 423 Llonsisnr Is Oönöral! ,7s rs^ois ü 1'instnnt In lottrv ^ni ins vienckraient cks Votrs Lxsollense f'a! prsssrit anx knrsanx cks posts äs Lliskailovviss cks in'envoxer par Lstatette, st ä la ckirsstion cks Llasr.ü^, par Is sksinin äs kor toutss Iss ckepsckss gut ssraient roinisss cks votrs part. cks eonssrvs Llr. Is 6en6ral UN sonvsnir kort axreakle äss relations »INS f'ai sn I'konnsnr ck'sntrstsnir avee vons ä 6arlsback, st je vons pris ck'a^rssr 1'assn- ranes cks ina eonsickäration la plus ckistin^näs. I?rinss cks Varsovvio. 3. Au dcn Kaiserlich Ocstcrrcichischcu austcrordcutlichcii Gcsandtcn und bevollmächtigten Miuistcr rc. rc. Grafen von Tranttmansdorsf. Der Unterzeichnete beehrt sich dem Kaiserlich Oestcrrcichischcn außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Herrn Grafen von Trauttmansdorfs in Erwiderung auf die gefällige Note vom 31. v. M. wegen der Waffentransportc aus verschiedenen Theilcn des diesseitigen Staatsgebietes nach Krakau rc. rc. nachstehendes ganz ergebenst mitzutheilcn. Die Ausfuhr von Waffen ans dem Königlich Preußischen Staatsgebiete ist an und für sich erlaubt, da ein Verbot dagegen nicht besteht. ES unterliegt jedoch keinem Bedenken, daß derartige Waffensendungen gleichwohl inhibirt werden können, wenn dieselben nach befreundeten Staaten zum offenkundigen Zwecke der Unterstützung einer dort bestehenden oder beabsichtigten insurrectionellen Erhebung bestimmt find. Demgemäß ist das Königliche Ober-Präsidium der Provinz Schlesien bereits im August d. I. für das von dcn dortigen Civil-Behörden bei derartigen Waffensendungen zu beobachtende Verfahren von hier aus mit Anweisung versehen und auch neuerlich wieder in Folge des in der obcngedachten geehrten Note ausgesprochenen gefälligen Ansuchens veranlaßt worden, wegen der ans der letzteren nicht näher ersichtlichen speciellen Vorkehrungen, welche die galizischcn Landcsbehördcn zur Verhinderung der Einfuhr von Waffen nach Krakau getroffen haben, mit denselben in directe Commnnication zu treten, zugleich aber auch an die diesseitigen Gränzbehördcn in Gemäßheit der erwähnten im August d. I. ergangenen Anordnung entsprechende Weisungen zu erlassen, sodann aber, nachdem von Seiten der galizischcn Landes-Behörden die gewünschte Benachrichtigung erfolgt sein werde, die hier- 424 Anhang. nach etwa noch angemessen erscheinenden Maaßregeln in der Sache, soweit sie mit den i» der mchrerwähntcn früheren Verfügung aufgestellten Grundsätzen in Einklang zu bringen sind, zu treffen. Indem der Unterzeichnete nicht ermangelt, den Herrn Gesandten hievon ganz ergebenst in Kenntnis zu setzen, behält er sich für den Fall, daß er über den Erfolg der getroffenen Verfügungen beachtenLwerthes in Erfahrung bringen sollte, nachträgliche dics- fälligc Mittheilung ebenmäßig vor und erneuert demselben bei dieser Gelegenheit mit Vergnügen die Versicherung seiner ausgezeichnetsten Hochachtung. Berti», den 17 . November 1848 . Bülow in. p. 4. Iriuluotiuii (I'un inpport üu xvuöinl Lütlvrs un piinve Lrui-uivlintk, an 4ats du 21 däesmdre 1848. On a reyu liisr par estaletts du xänäral daran lbusdnsr, eommandant IsS troupss imperiales autrioliiennes SN Vransxlvanis, la nouvells gus Iss HonArois staut entres en Vransxlvanis en nomdrs eonsidsradls, out empeoliä la sonetion ä Klausendour^ 4ss armsss imperialss, gui out en eonssgusnes sts odli^ses 4s ss retirer sur Lsrmannstadt et en massure partis (lang la lortsrssse 4s Oarlsdour^. I-s ^sneral l?usdiier asouts <^us, vo^ant sss lorees disperssss st si peu eonsidä- rables, 11 n'a plus l'espoir 4s pouvoir Aarantir la Vransxlvanis, gu'en oonse^ueues il ss däeide ä. expädisr inesssainment la eaisss et Iss arsbivss 4s Hsrmannstadt 4ans Is villaAö vslagus 4s Kipsns oü elles ssront plus en sürstä saus notrs pro- tsetion, et il 4sinan4s l'envoi 4'un eorps 4s troupss dsstine a rsesvoir ä la lrontleers la eaisss et les areiiivss et ä Iss taire parvenir ä Kipsns. ^ la suite 4s eela, 4sux doputations 4s la vills 4s Kronstadt ss sont prs- sentses dier eds 2 moi, l'uns aprös l'autre, avee la 4sman4s la plus pressants 4'aesourlr avee uns armes atln 4e sauvsr la kortune et la vis 4s 80 inills psr- sonnes. ?armi Sktte deputation SS trouvaient Iss ssnatsurs 4s Kronstadt Oilinont st Iinrisli, ls eapitains 4s la Aards nationals Aadsr*) et lUrs. Valdaum et Lembss. 4'ai l'Iionneur 4s transmettrs ü Votrs Kxoellenss l'adrssss gu'ils in'ont rsmiss et uns sopis 4s la rsponss gus ss lsur a! kaits. Voutss Iss eireonstaness mentionnsss 4ans mss trss-dumdles rapports ä 8a Llasests l'Kmpersur 4epuis Is 1 °r susgu'au 10 dsesmbrs ss sont trouväes vonürmses par Iss dselarations 4ö ees individus. Im rsvolte 4es Lirelilsrs avait sts suscpi'ä UN esrtain point apaisäs par l'arrives ä Kronstadt 4es troupss re- Aulisres sous Is somman4ement 4u general 6e4son; mais aujourd'liui czue Iss llon^rois s'a^^iroslient, et gu'ils ont desä roniportd guelguss sueess sur Iss trou- pss imperiales autrioliiennes dsvant Llausendour^, on a perdu tout sspoir 4s s'opposer aux rsdsllss. I-s general Osdeon, 4ans une proelamation aux dadi- tants 4s la vills st 4u 4istrist 4e Kronstadt, les a en^aAss a s'armvr st ä rs- eourir ä toutss Iss mesurss propres a assursr lsur salut, et e'sst ä la suite 4s *1 recte Manger s. vor. Bd. S. sss *). Auswahl von Schriftstücken. 425 est nvis «INS Isri ckspntntions SS sont prsssntäss elis« inoi ponr sollisitsr NN prompt sesonrs ooninis Is ssnl ino^en cks snnver Is pnv.i. Hn INS rskernnt nnx instrnstions SN cknts ckn 8 novsinvrs pur IssiinvIIss Votrs Lxsellensv m'n kalt oonnnitrs In volonte cks 8n Llnjssts 1'Linpersnr epis jo ns frnnsliisse point In krontiörs nntrioliienns, j'n! cksslnrs nnx cköpntäs cko Xronstnckt «ins je ns ponvnis venir nvss des tronpss n Isnr sesonrs, innis c^us js prenckrnis toutss Is» inesurss näoessnirss sur In krontiörs ponr rsnvo^sr Iss Iinbitnnts rpii vien- ckrnient / vlisrelier NN rsknAe, et ponr protä^er Iss Iiisns et Iss »oinines nppnr- tennnt tnnt nnx pnrtieuliers epi'n I'Ltnt. I^snninoins js erois cksvoir inkoriner Votrs LxssIIenss <^ns In 'I'rnns^Ivnnie sv trouvs cknns uns Position cksplorndls. IiN sitnntion cks In vills et ckn ckistriet n lironstnckt ckont Iss Iinbitnnts, snns nrines, entonrss ck'enneinis, n'ont nnoun nio^en cks ss ckäkenckrs, sst surtont ntkrsuss. ck'ni ckit nnx ckeb'^nss <;ns js soniuettrni» Isnr cksinnncks n 8n LInjssts I'Iüin>>srenr. II» sont rssolns n knire tons Isnr» etkorts ponr tsnir juscin'n In ckernisre extreinits, o'sst-n-ckirs ck'nprss lenrs pro- visions, snvirun 18 jonrs, npres 8 8vl> tVitt itvitltvtotv. olo. oto. Lion krinss. ^xnnt sn I'ossnsion cks »is rsnckre sss jonrs-oi oliorr ilr. Is soints cks Hossel- rucks ponr ckicksrsntss »Ilnirss, II ine prsvint Pi'il nvnit n ni'entretsnir, ck'orckrs cks I'Iilniporsnk, ck'nn susst nieins nsseü Arnve. ltl>'. Is olinneslier cks I'I'In^iirs ins ckonnn n Iirs nlors In trncknetion ck'nn rn^iport cks Llr. Is AsnsrnI Dückers, soin- mnncknnt Iss tronpss iinpsrinles rnsses cknns Iss li'rinsipnutss, nckressä nn ininistvrv cks In Anerrs, sn cknte ckn 21 cksssinlirv visux st^Is, ckont j'ni I'Iioniivnr cks joinckrs iei lins so>iis *). i) S. das vorhcraehendc Stück >. 426 Anhang. Votrs i^Itesss äaignera rolvver <1u sontenu äs la giess gus es general renä >IN somgts alarmant das övönomsns gui semlilsnt SS prsgarer SN Irans/lvanis, et äs la Position äilüvils, äans lagusllo ss trouvont nos trougss vn suite äs la rüvolts äss llrislrlsrs st äs I'invasion äs glusisur» Imräes ä'läongrois rsvoltss. Klls tait mentlon aussi äs äeux äegutations äu Magistrat äs la viiis äs Kronstadt, onvo^ses vers es gäneral )>our sollisiter aves instanss son sseours, et äs la nsssssitä äans laguslls svlui-si s'stait vu, eonkormvmont ä ses instrnstions, äs s'^ retnsvr. II äemanäs eniin äss oräros agplisadlss au sas selivant. LIr. Is slianeelisr, NU ros avoir tsrmine la lesturs äs svtts giess, INS äit: gus 8a Lla^jestä l'Kmgorsur stait trss-eortainsmont äisgosä ä oü'rir taut I'aggui gossidlo ä nos intsrets st ä prsvenir aussi, autant gus gossilils, äans un I>ut ä'Immanits Iss ääsastrss äont setts grovines ssiniilait msnaeäs; gus 8a Najests ssgsnäant n'avait gas gige ä gropos sneors äs grenärs uns rssolution äälinitive, et gu'il stait sliargs äs s'entsnäro ä'adorä avvs inoi sur es su^et. II m'aäressa en suito äs eela la gusstion, si ines instrustions in'autorisaient ä äsrnanäsr äans teils son^'ssturs äonnse I'aggui avtit äs l'armss imgsrialo. äs lui äis gus insg instrustions ns gortaisnt gas sur ss suM, ä guoi il ins rsgonäit gu'il l'avait dien suggosä ainsi; et gu'il äevait inaintsnant äons, aliu äs gouvoir SN rsnärs soingts ä l'Kmgsrour, ins grier äs in'exgliguor, jusgu'ä gusl goint g; ins sroxais, ä äälaut ä'instrustions, aggels ä m'interesssr en t'aveur äs la ävinauäs äs ss- eours gui venait ä'etro aäressäo au genöral Küäsrs. Ingres avoir, inon l?rinss, reklselii guelguss Moments sur la rsgonss gus ^'avais ä t'aire, ^'s srus äevoir olisorvsr ä ^lr. Is soints äs Hsssvlroäs, gus la ävmarslis su guostion ns ins ssinblait okrir ausun titrs gui gut m'sngager a l'aggu^er-, igäslls 6manait äu Magistrat ä'uns vills imgorials st oeeupes gar nos trougss, gu'slls ns ms ssmklait mems gas avoir äts eonssrtüs aves Is slisl militairs, gue son sarastero legal ms garaissait äons glus gus äouteux; gue, si ssgenäant uns äemanäs analogus gut etro taits gar lö sommanäant äss trougss imgäriales, ^s sro^ais gouvoir grenärs sur moi, ä'en aggsler aux intsntions dienvsillautss äs 8a Llajssts l'Kmgsreur, st äs Ks grier äs vouloir gour estts svsntnalitö autorissr Is gän^ral sommanäant russs ä'/ äonnsr suite. Llr. Is Oliaueelier gui a rsnäu somgts ä l'Kmporsur äs notre entrstien, x rsvint avant-Iiisr äans son salon gour ms tairs gart gus 8a üla^ssts avait agrvs mes obssrvations, st gu'KIls venait, en sonssgusnve, äs transmsttrs au gönöral Kiiäers l'autorisation äs gasssr la krontiere, si la reguisition äovait lui sn etro aäressse äirostomvnt äs la gart äs nos autorit^s militairss, aves la rsstristion toutvlois äs limitor sss ogsrations militaires au seul but äs garantir les villes glaevss sur la trontisre ä'un soug äs main äs la gart äss insurgss, et äs grs- venir la äövastation äss sontröes avoisinantvs äss l?rinlligautes. äs ns saslisrai gas ä Votrs Lltesss l'smliarras niomentanü gus j'ai ögrouvä ä äevoir ms grononeer sur uns gusstion ä'uns gortes aussi gravs. äs ns ms suis ni äissimulö 1'interet gus äoit gortsr tout gouvernemc-nt li äesirsr äs gouvoir äs sss propres moxens rsgrimsr la rsvolts et garantir la säsuritä äs sss sigsts, ni mems l'slkst gus groäuirait l'snträs äss trougss russes sur notrs tsrritoirs et les eorgeeturss gus Io garti rAvolutionnairs tiislisrait ä'en tirsr. I)'un autrs eöts, ssgenäant, il m'eüt garu äur ä'sxgoser touto uns go>>ulation aux ravagss gue es ragport rsprssonte eommo imminsnts; j'ai gsnss entin guo, si ls sommanäant äs nos trougss pouvait ss ävsiävr a uns garsills äemanäs, il äevrait, ou / stre Auswahl von Schriftstücken. 427 düment autorise, ou bien se trouver dans uns Situation ciui la Hustilierait, et ciu'il etait dons touHours ^rot^radls ^ue 1s eorninandant des Lorses russes daus Iss krineipautäs küt instruit, de maniörs ä ns pas devoir rekussr un sesours dont l'ai-plisation au roste, ä ss cius H'sspsrs, sera rsudu supsrüns par Iss süsses de notrv armös st 1'eÜet ciu'IIs ns sauraient mancher de produirs snr l'es^rit de sss sontröss. d'oss ospsrer i 18 428 Anhang. Wir machten jedoch die Ausführung dieses Planes von der einslünmigeu Einwilligung sttmmtlicher deutschen Fürsten abhängig und suchten um dieses Einverständnis zu erzielen, vor allem Preußens Bcistimmung zu erhalten. Unsere Vorschläge erfreuten sich in Berlin einer sehr zuvorkommenden Aufnahme, und die Verhandlungen waren eben im besten Gange, als Preußen in seiner an sämmtliche deutschen Höfe erlassenen Circulardepeschc mit einem neuen Plane auftrat. Wir können demselben aus leicht begreiflichen Gründen nicht beipflichten, halten es aber, da wir für den Augenblick unsere Ansichten mit denen des k. preußischen Hofes nicht vereinbaren konnten, für unsere Pflicht uns den deutschen königlichen Höfen gegenüber mit Offenheit über die Stellung auszusprechen, die Oesterreich in der deutschen Frage einzunehmen gedenkt. ((Für Brenners. Euer Hochwohlgeboren werden demnach die in Abschrift beigeschlossene Depesche an unseren Bevollmächtigten in Frankfurt, Herrn von Schmerling, vom ll. Februar zur Kenntnis der Könige von Sachsen und Hannover bringen und die Ihnen nach den besonderen Umständen nöthig scheinenden Erklärungen beifügen.) Oesterreich bietet die Hand zu einer Vereinbarung mit Deutschland, es kann aber in dem neuen Bundesverbände keine untergeordnete Stellung einnchme». Es wird stets die Rechte der deutschen Fürsten achten und bedauert ihnen in diesem Augenblicke keine wirksamere Hülfe leisten zu können, fordert sie aber ans, seiner Erklärung sich keinem Reichsoberhauptc unterwerfen zu wollen, beizutrcten. Auf diesen letzteren Punkt lenke ich vorzugsweise Euer Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit. Es ist dies mit einer der Hauptgründe Ihrer Sendung nach Dresden und Hannover (München und Stuttgart). Daß Dieselben hiebei mit Umsicht und Tact voranzugehen haben, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Es ist dies um so nöthiger, als von den deutschen Fürsten, selbst von den Königen, welchen Sie dieses Ansinnen der kaiserlichen Regierung zu stellen haben, in diesem Augenblicke kaum ein kräftiges Auftreten, Preußen und der mit ihm verbündeten Revolution gegenüber, mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. Oesterreich bricht nicht mit der Gegenwart. Es rechnet aber wenig auf sie, und ist deshalb hauptsächlich bedacht sich die Zukunft vorzubchalten. (Für Gras Rechbcrg allein.) In diesem Sinne werden Euer ... sich auch gegen Herrn von Schmerling in Frankfurt aussprechen. Es ist dies der Commentar zu unserer Depesche an denselben vom heutigen Tage. Euer . . . sind beauftragt ihn mit unser» diesfälligcn Ansichten vertraut zu machen und insbesondere darauf hinzuweisen daß er zwar den Weg der Verständigung mit Herr» von Gagern und der Majorität des Frankfurter Parlaments nicht ablehne, im Gegentheile die größte Bereitwilligkeit Oesterreichs zu unterhandeln möglichst bethätige; dagegen aber keinen Schritt thue der uns in irgend einer in unserer heutigen Weisung an ihn nicht bezeichncteu Weise binden könnte. Eine seiner vorzüglichsten Sorgen wird es auch sein müssen Zeit zu gewinnen, nicht eben weil wir binnen wenig Tagen Wochen oder Monate» schon einen uns günstigen Umschwung in Frankfnrt erwarten können, sondern ans Gründen der inner» auf die österreichischen Zustände berechneten Politik. F. Schwarzenberg m. zi. FM«. Auswahl von Schriftstücken. 429 7. Frankfurt S. Februar 1819 Z. 4 t. Schmerling sendet dem Fürsten Felix Schwarzenberg nachstehende Ucbersicht „NM das Einrücken der ans Urlaub befindlichen Abgeordneten oder deren Stellvertreter, sowie Neuwahlen anordnen zu können" und macht in letzterer Hinsicht auf jene in Tyrol aufmerksam, „die leicht in das Werk zu setzen sein dürften; auch in Istrien wird cs dem Einflüße des Herrn Ministers des Innern gelingen neue Wahlen zu bewirken. In vielen Bezirken Böhmens bedarf es nach Angabe böhmischer Abgeordneter nur eines kräftigen Einschreitens der politischen Beamten, so werden die Wahlen vorgenommen werden, da jenen im Mai gerade durch die Beamten entgcgengetreten wurde. Auch ist es für den Erfolg gleichgiltig ob viel oder wenig Wahlmänner erscheinen. In Posen sind oft nur acht bis zehn Wähler erschienen, und niemand ist es beigefallen die Wahl zu bestreite». Eine Zahl von 140 Abgeordneten statt 190 wäre gewiß zu erlangen, und von großem Einflüße wäre sie bei den österreichischen Fragen, die oft bei einer Anwesenheit von kaum 90 Abgeordneten mit 10 bis 20 Stimmen entschieden werden". llcbcrsicht dcr gegenwärtig in der Frankfurter Nationalversammlung nicht vertretenen österreichischen Wahlbezirke. Wien, Wieden Obrist v. Mayer» Ist seit 4. December 1848 abwesend, wäre dcr Er- Rötz .... vr. Kaiser . . Ist seit Anfang November abwesend. Stellvertreter? Gonobitz . . . Or. Bouvier . Ist lang abwesend, sein Stellvertreter nicht bekannt. Nieder-Oesterrcich. Wahlbezirk Abgeordneter Bemerkungen satzman» einzubcrufcn. Krems Dr. Trinkwelder (?) ist ansgetreten, sein Ersatzmann Dienst! soll nicht kommen wolle», daher eine neue Wahl nöthig. Steiermark. Pettau Kam nie eine Wahl zustande, wäre aber leicht zu erzielen. Krain. Laibach Seit dem Austritte des Grafen Auersperg nicht vertreten. Krainburg Stein. . Nie gewählt. Neudegg . Adelsberg Seit dem Austritte des v. Gold »»vertrete». Küstenland. Triest.... Umgebung v. Triest Ist seit Brnck's Austritt nicht vertreten. „ „ Bnrger'8 „ „ Jcnny'ß Istrien 430 Anhang. Throl. Wahlbezirk Abgeordneter Bemerkungen Rattenberg . . Gspan ... Ist seit 2. Januar abwesend. Innsbruck . . Schüler ... Ist seit Anfang October abwesend. Die österreichische Regierung hat über die Ersatzwahlen der ansgetretenen Mitglieder für Throl Festi Haßlwanter und Gredler angetragen diese Wahlen zu unterlassen, weil Throl nach der alten Bundes-Matrikel statt 17 nur 14 Abgeordnete zu senden habe. Mit Beschluß der National-Versammlung vom 21. November 1848, S. 479 der amtlichen Protocolle, wurde aber verfugt daß diese Wahlen dennoch zu geschehen hätten, daher in den Bezirken Trient Lienz und Schwaz neu zu wählen oder die gewählten Ersatzmänner einzuberusen wären. Chrudim. Pardubic.^ Hohcnmauth.> Landskron.. Wäre eine Wahl Leitomhschl. Deutschbrod.l Oasla».> Kuttenbcrg.> Hat nie gewählt. Unter-Kralovic.1 Friedland . . Czörnig ... Ist seit 18. December abwesend. Landeck Trient Lcvico Ist seit Flir's Austritt nicht vertreten. Festi's Lienz . Schwaz Roveredo „ „ Vetorazzi's „ „ „ Prato's Haßlwanter ist nicht ersetzt. Gredler ist nicht ersetzt. Böhmen. Pribram. Beneschau Beraun . Jiöln Horic. . . Neu-Byd-lov Budweis. . Hat nie gewählt, wäre aber eine Wahl leicht zu er- Nic gewählt. Turnau Bnnzlau Melnik zielen. Ebenso leicht zu erzielen. Nie gewählt. Schwarz-Kostelec . . Blaslm. Brandeis a. d. E. . . ^ Nie gewählt. Kauth. Bhstric Eipel. ^ Hat nie gewählt. Wäre eine Wahl möglich. Sollte ein gewisser Brunner gewählt sei», der ein- zubcrufcn wäre. Auswahl von Schriftstücken. 431 Wahlbezirk Smiric . . . Hohcnbruck . , Reichenau . . Smftcnbcrg. . Pilsen. . . . Manetin . . Plan .... Brezuic . . . Pisek .... Wiutcrbcrg . . Schüttenhofen . Raudnic. . . Schlan . . . Rakonic . . . Jungwoschiz. . Tabor . . . Neuhaus. . . Pilgram . . . Prag I. Bezirk Abgeordneter Bemerkungen Hat nie gewählt. ^ Wäre eine Wahl möglich. Ist seit Gerstner's Austritt nicht vertreten; eine Wahl möglich. ^ Hat nie gewählt. ^ Wäre eine Wahl möglich. / Hat nie gewählt. Wäre eine Wahl möglich. Ein Wahlbezirk ist gar nicht bekannt. Mähren und Schlesien. Pohrlitz.Nach dem Austritte Kromp's soll Kreis-Commissär d'Elwcrt gewählt worden sein der einzuberufen wäre. TelL.Soll ein gewisser Schibek gewählt sein, der einzuberufen wäre. Olmüz.Jeitelcs ist ausgetreten und wäre der Ersatzmann Schweidlcr einzuberufen. Kremsier.Wäre eine Wahl möglich. Auspiz.Kreybiz ist ansgetreten und wäre der Stellvertreter einzuberufen. Znaim.Ist seit Hübner's und Ullrich's Austritt nicht vertreten. Sternberg . . HöchSmann SeitMonatcnabwescnd,einzubcrufcnod.ueu zu wählen. Prerau.Hat nie gewählt. Neutitschein.Soll ein gewisser Telöik gewählt sein, statt Klein- Peter, der cinzubernfen wäre. Mährisch-Ncustadt.War Dr. Mal/ gewählt und wäre eine neue Wahl möglich. Alt-Brün».1 - Wischau l DE mic Wahl möglich. Sechs Wahlbezirke sind gar nicht bekannt. Galizien. Wäre eine Wahl möglich. Auschwitz u. Zator. 432 Anhang. 8 . An Scinc Durchlaucht dcn Herr» Fürsten von Schwarzenberg. li'raaekort, den 16 . Februar 181 !). Durchlauchtiger Fürst! AnS meinen gehorsamsten Berichten Nr. 1 bis 3 von München und Stuttgart werden Euer Durchlaucht zu entnehmen geruht haben, daß ich den 1. Theil der mir gestellten Aufgabe, die Höfe von München und Stuttgart zur Erklärung zu vermögen daß sie der Ernennung eines einheitlichen Reichsoberhauptes nicht beistimmen, an dem 1. der bcyden Höfe vollkommen, an dem 2. aber so gut es die Umstände gestatteten löste. Den 2. Theil der Aufgabe sie aufzumuntcrn auszuhaltcn, um uns Zeit zu lassen unsere inneren Angelegenheiten zu ordnen, behielt ich nicht weniger im Auge. In Bayern fand ich guten Willen und gute Elemente im Bolle, mit deren Hülfe die Krone, wenn sie dieselben zu benützen versteht, allerdings den Versuch wagen kann dein wogenden Strom einen Damm cntgegenzusetzen. In Württemberg dagegen stehen die Sachen nicht so günstig. Der Boden weicht unter den Füßen des Königs, und alle Stützen des Thrones sind entweder nmgestürzt oder schadhaft. Ans das Heer soll der König sich so ziemlich verlassen können, wenn gleich sich im vorigen Sommer unter dcn Untcrofficiercn und gemeinen Soldaten ein bedrohlicher Geist der Insubordination kund' gab; aber es ist zu wenig zahlreich um einer allgemeinen Bewegung in die Länge widerstehen zu können, und wurde durch die von der Frankfurter Centralgcwalt angeorduete Absendung eines Corps von 5000 Mann in das Großherzogthum Baden noch geschwächt. Der größte Theil der Bevölkerung ist durch republicanische Clubs und Vereine, die schon seit 1834 unter den verschiedenartigsten Vorwänden und Namen in allen Dörfern gegründet wurden, politisch durch und durch verderbt. Diese Club's stehen unter dem Stuttgarter Ccntral-Comitä und erhalten von dort ihre Befehle. An deren Spitze stand Herr Noemer, seit dcn März-Ereignissen der Chef des Ministeriums. Mit ihm übernahmen seine politische» Freunde die Verwaltung des Landes und sie besetzten die wichtigste» Stellen mit Republicancrn vom reinsten Wasser. OefterS schon zeigte Herr Noemer, dem es weder an Entschlossenheit und persönlichem Muth noch an Feinheit des Geistes gebricht, sich geneigt mit seinen bisherigen Anhängern zu brechen, aber cs fehlt ihm an Haltung, und immer wurde er in seine früher» Verbindungen wieder zurückgezogen. Bei eincr solchen Verwaltung schreitet die Desorganisation der Staatsmaschinc rasch voran, und doch ist an deren Entfernung nicht zu denken so lange man nicht die Mittel hat einem allgemeinen Aufstande zu begegnen. Denn noch immer hält Herr Noemer die Fäden des republicanische» Netzes in den Händen mit welchem er das ganze Land umstrickt hat. Daher kommt cs daß während Bayern dcn Kampf beginnen konnte gegen die Grund- Rechte und gegen die unbedingte Unterwerfung unter die Frankforter Beschlüße, ein Kampf der die Krisis erzeugte aus welcher die Krone, je nachdem sie sie mit Geschick zu benützen versteht, nun gestärkt oder auf immer gelähmt hervorgchcn wird, in Württemberg die Grund-Nechte bereits gesetzliche Kraft haben, und Herrn Normer nur auf positives Verlangen des Königs nachträglich seine Bedenken gegen dieselbe» dem Reichstage zur Würdigung vorlcgt. Auch die unbedingte Unterwerfung unter die Frankforter Beschlüße wurde den Kammern vom Ministerium in öffentlicher Sitzung angezeigt. Auswahl von Schriftstücken. 433 Offenen Widerstand kann die württembergischc Krone ohne fremde Hülfe nicht mehr leisten. Das äußerste das wir von ihr erwarten können, ist daß sie durch geschicktes Hinhalten die Verwirklichung der Catastrophe die sie bedroht verzögere. Daß hierin der König das unmögliche leisten werde, dafür bürgt uns seine anerkannte Fähigkeit, wenn gleich sein Geist durch die bitteren Erfahrungen des vorigen Jahres tief gebeugt scheint. Genehmigen E. D. den crncuten Ausdruck meiner tiefsten Ehrfurcht. Rechbcrg m. p. 9. Major Baron Gablcnz an General d. Cavalleric Grafen Wallmodcn. Rima-Szombath am 17. Februar 1840. Euere Excellenz! Seit längerer Zeit verhindert, Ihnen, mein gnädigster Gönner, Nachricht von: Corps und von mir geben zu können, benütze ich die erste Gelegenheit wo die Passage offen ist, um diese gezwungene Säumnis zu repariren. Wie ich die Ehre hatte Eurer Excellenz gchorsamst mitzutheilcn, so war es uns gelungen den Feind welcher »ns vis-ü-vis aus dem Klapka'schen Corps bestand, über die Theiß zu werfen, und derselbe verbrannte die schöne Brücke bei Tokaj, um uns an der ferneren Verfolgung zu hindern. So standen die Sachen, als wir die Nachricht aus der Zips bekamen, daß das Görgei'sche Corps, welches laut Armecbulletin dir. 18 vom FML. Csorich geschlagen aber leider nicht verfolgt worden war, sich neuerdings in den Bergstädtcn gesammelt hatte, der Commandant Bälle gegeben, sich ganz nach Herzenslust mit 6 Tausend neuen Recruten verstärkt hat, in den vielen Eisenhämmern der Karpathen mit Waffen versehen und 10 neue Kanonen zu- sammengestellt und so in der besten Verfassung in die von uns bereits pacificirtc Zips eingebrochen war. Augenblicklich nach dieser Nachricht begab sich der Corps-Commandant mit mir nach Kaschau, um Gegenanstalten zu treffen, und beorderte das Gros des Corps in Eilmärschen auch dahin unter Zurücklassung einer Brigade, die die Theiß, welche inzwischen durch Thauwetter für die Kanonen inpracticabl geworden war, im Auge zu behalten hatte. In Kaschau angelangt fanden wir die unangenehme Nachricht, daß der Commandant in Lcutschau, Major Kicsewetter, den Versuch gemacht hatte einen Theil des Görgci'schcn Corps in Iglo zu überfallen, mit seinen schwachen Kräften jedoch — 4 Compagnien 3 Rakctten — war dieser Ueberfall schlecht ansgefallen, da er ohne alle Reserven erfolgte. Anfangs kämen unsere Colonncn zwar stürmend bis aus den Marktplatz von Iglo, eroberten 9 Kanonen, konnten aber die errungenen Vortheile nicht fest- halten; da sie von 5 Tausend Mann Kcrntruppcn, aus denen das Görgei'sche Corps größtentheils besteht, überfallen wurden, mußten sich zurückziehen, die eroberten Kanonen wieder bis aus Eine stehen lassen, und verloren dagegen von der '/i Naketten-Batteric 2 Würste und 3 Kanonen. GM. Graf Deym wurde sofort mit allen disponiblen Truppen — 11 Compagnien 1 Batterie — zur Unterstützung der Leutschaucr Garnison in die Zips abgeschickt und beauftragt in Vereinigung mit Kiesewetter den Branitzko-Paß und das Defils bei Margitfalva zu besetzen und zu halten, um dem Corps-Commandanten Zeit zu geben, mit einer größeren Macht entgegenzurücken und dadurch Eperies und Kaschau vor einer feindlichen Invasion zu bewahren. Dieser Erwartung wurde jedoch Hclf e rt, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 28 434 Anhang. nicht entsprochen, nnd um wahr zu sei», die Anstalten mit so wenig Umsicht getrosten, daß die so vortheilhaste Stellung durch das von den Rebellen neu errichtete Jäger-Bataillon umgangen wurde, und mit bedeutendem Verlust geräumt werden mußte. Das Bataillon Parma allein verlor dabei 7 Officiere, die alle todt oder doch schwer verwundet waren. Nachdem diese Stellung genommen war, hielt den Feind nichts mehr ab, sich der Stadt Eperies zu bemächtigen, und als der Corps-Commandant mittelst 400 Wagen auf denen Infanterie war, dann mit der Artillerie und Cavallerie ankam, waren bereits unsere Truppen, erschöpft und niedergebeugt, auf dem Weg zwischen Eperies und Kaschau. Zu all dem Unglück gesellte sich ein harter Frost, der die Eisdecke der Theiß wieder für Artillerie practicabl machte. Dies benützte wie natürlich der Com- mandant jenes Corps Klapka lind ergriff sofort die Offensive, indem er Kaschau bedrohte. Eperies war verloren. Jetzt galt es Kaschau zu decken; weshalb man in die feste Stellung von Budimir zurückging, um den Feind allda fest zu halten, während der Corps-Commandant, sich mit dem Rest der disponiblen Truppen auf den von Tokai kommenden Klapka werfend, sich den Feind wenigstens von einer Seite vom Halse zu schaffen trachtete. Aber vergebens. Wo sich eine größere Abtheilung von uns zeigte, vermied der Feind jeden Zusammenstoß und zog sich zurück. Zu all dem kam noch daß das Perczel'sche Corps, mit einem neuen Commandanten Namens Dembwski versehen, in Miskolc; eingerückt war, und um uns auch das letzte Loch zu sperre», sich von da ebenfalls nach Kaschau wendete. Von einem mehrere Tausend Mann starken Husaren- Cordon im weiten Umkreis umgeben, ohne alle Nachrichten — da selbe durchgchcnds in Feindcshand fallen mußten —, von jeder Lebensmittel-Zufuhr entblößt, die verhindert und abgeschnitten wurde, von keinem andern Corps — was man endlich doch einmal mit Sehnsucht erwartete — etwas hörend, war die Lage eine verzweifelte. Jedes kleine Detachement das zur Beistellung von Lebensmitteln ausgcschickt wurde, war augenblicklich von Husaren erspäht, und noch bevor es seinen Allstrag erfüllen konnte, von der Ueber- lnacht angegriffen gefangen oder niedergemacht. Aus jeder Höhe sah man Verräther, die durch Zeichen oder Eilboten in unglaublicher Schnelligkeit die geringste unserer Bewegungen verriethen. Ein Spion, der die Nachricht von unserer verzweifelten Lage nach Pcsth hätte bringen sollen, war um gar keinen Preis aufzutreiben. Ich wiederhole es, nirgends hielt der Feind Stand, zog sich jedesmal zurück. Aber durch diese perfide Taktik, die — wenn man will — in kleinem Maßstab jene ist welche im Jahre 1813 die Alliirtcn gegen Napoleon anwendeten, wurden unsere Truppen erschöpft, und nachdem von einem aus Pcsth, aus der Zips oder wo immer her anrückendcn Hilfscorps nichts in Erfahrung zu bringen war, dieser Zustand aber nicht länger dauern konnte, so entschloß sich der Corps- Commandant einen Kriegsrath zu halten, bei dem ich die Ehre hatte die zu berathenden Vorschläge zu stellen. Sie bestanden in drei Propositionen: erstens die ganze Kraft zu sammeln llild sich über Eperies nach Galizien durchzuschlagen; zweitens aus Kaschau ein Saragossa zu machen; drittens ohne einen entscheidenden Angriff abzuwartcn über Moldau, Torna, nach Umständen bis Tornalha und Rima-Szombath zurückzugehen, die Verbindung mit der Donau-Armee aufzusuchen, dem Feind dadurch aus der Schlinge zu kommen, ihn nur von Einer Seite zu habeil, dadurch eine Operationsbasis zu gewinnen, um sodann im Einklang mit andern Corps die aufgegebcnen Vortheile wieder zu gewinnen. Für den ersten Vorschlag sprach allerdings die ursprüngliche Aufgabe des Corps, welches die Gränzen von Galizien zu decken beauftragt war. Es wäre nicht schwer gewesen den Feind zu bekämpfen nnd sich durchzuschlagen. Sich aber mit einer so zahlreichen Artillerie Cavallerie und Kriegsmaterial in die Ellgpässe der Karpathen, welche gegen Galizien ausmünden, in der gegen- Auswahl von Schriftstücke. 435 wärtigen Jahreszeit zu wagen, wäre ein Unternehmen gewesen, dessen Gelingen schon im Keim eine große Uuwahrscheinlichkeit gehabt hätte. Der zweite Vorschlag scheiterte an den Mundvorräthen, und eine Repetition von Saragossa wäre nur möglich gewesen, wenn inan loyale muthige Feinde gehabt hätte welche die Entscheidung eines Kampfes nicht scheuten. So aber hätten wir uns einige Tage herumgezogen, der Feind den Nctz- kreis um Kaschau nur noch enger gezogen, und endlich hätte inan doch zum Durchschlagen seine Zuflucht nehmen mäßen, um leben zu können. Dazu kam noch die Last von 1700 Emigranten-Familien und eben so viel Wägen, die in diesem unglücklichen Bürgerkrieg gcbrandinarkt und geächtet wegen Anhänglichkeit an ihren legitimen Monarchen und terrorifirt durch das Kossuth'sche Schrcckcnssystcm ihr Heil und ihre Rettung nur darin finden konnten, daß sie, Hab und Gut und den heimatlichen Herd verlassend, sich unter dem Schutz der Armee in einen andern Theil des Landes zu begeben in Stand gesetzt wurden. Endlich ist noch der vielen Blessirten und Kranken zu gedenken, welche im Spital zu Krakau lagen und vorzogcn ihren siechen oder verstümmelten Körper mit unsäglichen Schmerzen einer beschwerlichen Reise zu unterziehen, um nicht der Grausamkeit der Insurgenten als Opfer zu fallen. Daß diese Besorgnisse nicht »«gegründet waren, hat die Folge gelehrt, indem untransportable Kranke von den Husaren aus den Betten geworfen geplündert und nicdergemetzclt wurden. Zu dein allen rechne man noch mehrere hundert Kriegsgefangene und eine ziemlich bedeutende Zahl von politischen Verbrechern, dann die Bagage und Artillerie-Reserve des ganzen Corps, so wird sich die Ueberzcugung Herausstellen, daß es außer dem Gebiete der Möglichkeit liegt, einen derartigen Argonautenzug, während man von drei Seiten angegriffen wird, in Bewegung zu setzen. Der dritte Vorschlag wurde einstimmig angenommen, nur mit der Modifikation daß vorher noch einmal der Versuch gemacht werde, den von Tokaj und Miskolcz kommenden Feind zu einem entscheidenden Kampf zu bringen. Gelänge dies und würde ihm eine tüchtige Schlappe beigcbracht, so sollte Kaschau nicht aufgegeben, im andern Fall aber der Abzug in der Nacht begonnen und von der Dunkelheit maskirt werden. Dieser letzte Versuch gelang nicht, indem der feuerscheue Feind zurückwich. Er hatte aber doch den Vortheil, daß die Rebellen dadurch über unsere Rückzugslinie getäuscht und von selber entfernt wurden. In dieser Ordnung ward der Marsch bis Agtelck unangefochten fortgesetzt — einige nach Raub und Bagage lüsterne Husaren abgerechnet, welche über Marodewägen her- ficlen, aber von den herbeieilenden Kürassieren ereilt und zusammengehauen wurden. Der Uebergang des Passes von Agtelek, das Glatteis und eine große Barrikade erschwerten bedeutend das Fortkommen und nur mit der unendlichsten Anstrengung gelang es den Uebergang zu bewirken. Der böse Geist der Bevölkerung, durch unsere früheren Siege unterdrückt, durch unfern nunmehrigen Rückzug aber neu aufloderud, trug nicht wenig dazu bei, unsere Verlegenheit zu vergrößern, und die Unregelmäßigkeit der Verpflegung, besonders aber Mangel an Brot verbunden mit einer unfern Soldaten so ungewohnten retrograden Bewegung machte die Aufgabe nur um so schwieriger. Die Rebellen, durch die ihnen freiwillig überlassenen Vortheile ermuthigt, das Terrain genau kennend und noch besser geführt, zweifelten an der Möglichkeit daß der Paß von Agtelek von sämmtlichen Bagagen, Artillerie-Reserve und Emigranten passirt worden und versuchten einen nächtlichen Ueberfall ans Szen, der jedoch an der Kaltblütigkeit von Sunstenau- Kürassieren und der reitenden Artillerie scheiterte und abgewiesen wurde. Mehrere Offi- ciers-Bagage Pferde und Leute gingen thcils in Verlust oder wurden vom Feind niedergemacht. Doch auch die Rebellen verloren dabei. In Tornalya angelangt, wurde Rasttag gehalten und der Versuch gemacht die Verbindung gegen Waitzen u. s. w. bis Ofen 28 * 436 Anhang. herzustcllen. Aber er gelang nicht. Prinz Nassau, die Unsicherheit der Heerstraße erfahrend, mußte zurückkchrc» und somit der Entschluß gefaßt werden — so bitter es auch immer war -- bis Nima-Szombath zuriickzugchen, sich allda festzusetzen, die Emigranten aber und den ganzen Troß soweit zurückzuschiebcn, bis die Verbindung hergcstcllt und die Straße offen sein würde. Am 14. Februar um 1 Uhr N. M. gerade als die Nachhut-Brigade im Abzug von Tornalya quer durch das Thal gegen Beje begriffen war, rückte der Feind unter Dcm- bmski's Befehlen mit 6 starken Bataillons 4 Divisionen Husaren und 20 Kanonen gegen Tornalya an. Der Corps-Commandant befand sich wie überhaupt während des ganzen Marsches bei der Nachhut, uahin Stellung und ließ die Brigade Deym, welche schon abmarschirt war, wieder vorrücken. So wurde der Feind erwartet. Ein Plänkler-Gefecht entspann sich, wobei die Husaren eine solche Keckheit entwickelten, daß sic bis an unsere Gränzer heranrückten, mit ihnen zu sprechen anfingen und für Bandcrial-Husaren gehalten wurden. Bald jedoch entdeckte man den Jrrthum und antwortete ihnen mit Dechargen; der Feind war inzwischen vorgerückt und begann sich zu entwickeln. Er wurde durch unsere Cavalcrie-Geschütze, welche ihm mit Blitzesschnelle die Flanke abgenomme», cnfilirt und so wirksam beschossen, daß er stutzte und sich gegen den rückwärtigen Wald zog. Die 12-pfttnder Batterie von uns war auch herbeigeeilt und vollendete im Verein mit den Raketteu den schleunigsten Rückzug des Feindes, der durch zwei Cürassier-Divisionen und zwei Raketten verfolgt in wilder Flucht gegen den Wald ausartete. Die vorgerückte Tageszeit — es war halb sieben Uhr abends — verhinderte die weitere Verfolgung. Unser Verlust besteht in 1 Tobten und mehreren Blcssirten, dann 3 Artillerie- und 1 Ciirassier-Pferdcn. Ein Cavalerie-Geschütz wurde dcmoutirt, ist aber bereits wieder in brauchbaren Stand gesetzt. Der von Moldau aus an den FM. Fürsten Windischgrätz in Verkleidung abgesendete Rittmeister ZsedLnyi war glücklich in Ofen angelangt, und vom Armee-Ober-Commando inzwischen die Verfügung getroffen worden, eine Uhlancn-Escadron von Waitzcn über Vadkcrt Balassa-Gyarmath und Losoncz soweit vorzuschicken, bis sie auf das Corps stoßen würde. In Losoncz erfolgte die Vereinigung. Alles die freie Bewegung des Corps und dessen Operationen Hemmende ist theils in Waitzen untergebracht, theils in allen Wclt- gegenden zerstoben und wir stehen hier ziemlich gut.*) Die Truppen rcstaurireu sich durch Ruhe und gute Verpflegung, die Montur, besonders aber die Beschuhung wird reparirt, die abgängige Munition ergänzt. In wenigen Tagen wird alles dieses beendet sein und das Corps schlagfertig dastehen, um aufs neue die Offensive zu ergreifen, die ein um so schnelleres und günstigeres Resultat verspricht, da von Seite des Armee-Obcr- Commandos durch Entsendung von mehreren andern Corps in unfern Flanken alles aufgeboten wurde, um dieses günstige Resultat außer Frage zu stellen. lN. FML. Ramlicrg an FML. Nobili. Kaschau den 24. Februar 1849. Aus meinem dienstlichen Berichte vom vorgestrigen Tag bist Du zwar über die Vorrückung der Division nach Kaschau sowie von dem Rückzug des Görgey'schen Corps nach *) In Waitzen befanden sich dazumal bei tausend Emigranten-Familien der obern GebirgS- Comitate meist im höchsten Elend. Später zogen viele nach Pest. Auswahl von Schriftstücken. 437 - Miskolcz in der Kenntnis. Da er das Detail der Bewegungen erschöpft, so könnte ich die Commcntarien mir ersparen; wenn die cigcnthümliche Lage und Stellung dctachirter Trnppen-Commandanten cS nicht manchmal nöthig machte, mit dem Chef des Gencral- stabes eine halbofficielle Corrcspondcnz zu unterhalten, um zu seiner Kenntnis zu bringen, was die gemessene Sprache dienstlicher Meldungen aufzunehmcn nicht gestattet. Als ich zu Raab das Coininando des Comorner Beobachtungs-Corps übernahm, erlaubte ich mir schon damals Sr. Durchlaucht unfern hochverehrten Fcldmarschall zu bitten, mich von allem was die größer» Operationen anginge in genauer Kenntnis zu erhalten, weil ich ohne diese meine Mission nicht zu erfüllen im Stande sei. Es geschah auch im Anfang, unterblieb aber später. Die isolirte ernste Lage in der ich gegenwärtig mich befinde ist aber ganz anderer Natur, wie die zu Comorn. Jetzt greift jeder Schritt vor oder rückwärts in die größeren Operationen ein. Dennoch befinde ich mich seit 15. d. M. ohne alle Nachricht aus dem Hauptquartier, mit einem schwachen nichts weniger als selbständigen Truppcncorps, von Haß und feindseligen Elementen umgeben, inmitten ausgedehnter Provinzen und einer fanatisch aufgeregten und aufgewühlten Bevölkerung. Schlik der Nachricht geben könnte ertheilt statt dessen Rath, den ich wenig brauche, während das Vertrauen der eigenen Generale nicht dasselbe ist, was es sein würde wenn sie an der Spitze vollzähliger Brigaden ständen. Vogel läßt mich sitzen, wie man mir vorher gesagt, und schickt nicht Einen Mann. Wird cs der FM. dulden daß man uns mit Doppelzüngigkeit täuscht, und indem man uns mystificirt mit dem Dienste ein Spiel treibt, das ganze Divisionen ins Verderben stürzen kann? Das schlimmste ist daß wir von Spähern umgeben sind die dem Feinde jeden Schritt verrathcn, wir dagegen — aus Mangel eines gut organisirten Kundschaftswesens — von seinen Bewegungen entweder gar nichts wissen oder alles viel zu spät erfahren. Schlik ist es ebenso ergangen. Also geliebter Frcnnd! Warum ich Dich vor all anderem ersuche: Gieb mir Nachricht! und erhalte mich von allem in der Kenntnis was die Operationen der Armee betrifft, ohne welche ich blind im Dunkeln tappe und statt zu handeln tütonnire. Das Zweite warum ich Dich bitte und bitten muß — sind Truppen. Nur ein Corps von 10 Tausend Mann ist selbständig. Mit weniger ist man ohne Kraft, gleich unfähig zu manövriren und zu schlagen, weil man zu viel detachiren muß. Denn von einer Division wie diese bringt man nach Abzug aller unentbehrlichsten Entsendungen so viel als gar nichts zum Gefechte. Wenn Schlik mit 13 Bataillons 14 Es- cadrons und 53 Geschützen das Feld nicht halten konnte, was soll dann ich mit 7 machen von denen nur 3 zu 6 Compagnien sind? Meine 3^/2 Escadrons sind äußerst schwach und ich habe außer 9 Rakett-Gestellen blos 14 Scchspfünder-Kanonen. Als Streifcorps sind wir viel zu stark und unbeweglich, zum Raufen viel zu schwach. „Ram- bcrg ist wie alle Generale" — höre ich dich sagen — „der bei der ersten Schwierigkeit Noth und Klagen ohne Endo findet." In Gottes Namen! Aber bin ich in meinen Bergen stecken geblieben? oder getrost in die Ebene hinabgcstiegen? is tlm guestion! Ich soll den Würget; verfolgen, sein Corps nicht aus den Augen lassen, ihn zwischen Schlik ins Gedränge bringen! Aber Schlik geht zum Teufel! läßt mich fitzen und sagt daß ich auf ihn nicht zählen könne. Das ist wenigstens ehrlich, wenn auch nicht crmuthigend! — während Görgcy mit Klapka und andern polnischen Spitzbuben vereinigt bei 20—25000 Mann stark ist, die von 5000 sich nicht schlagen lassen werden. Denn die Zeiten von Narva sind vorüber, und ich fühle kein Gelüste mich aus den Schwedenkönig Carl XII. zu spielen. Doch genug für hellte, wiewohl zum Besten des Dienstes nicht leicht genug, noch weniger zu viel geschieht. Unverändert Dein Ramberg. 438 Anhang. 11 . Fürst Schwarzenberg an Grafen Buol in St. Petersburg (Concept). Vionne, 25 fevl'ioi' 1819. Var 1s rapport gns vons in'avsrl ka.it 1'lionnsnr äs in'aärssssr sons 1a äate än 9 ä. o. IN., vons Ni'avsii rsnän eoinpts äss explications äans lssgnelles Nr. Is Olianeelier cts l'Vinpirs a bien vonlu sntrer vis-ä-vis äs Votre Vxeellenev an sn^'et äs l'iäes ä'stablir äes eonkörenees entrs Iss sing 6ranäss l?nissanees paar regier äs eoininnn aceorä Iss alkairss ä'Italis gui ss eoinplignent äs plus sn plus. vlusisnrs äs nos äöpeelies äs es sonr, en s'ätsnäant snr ess eoniplieations ton- Mirs eroissantes, vons konrniront äes inatsrianx ponr röponärs ä nns Partie äes argninents äevvloppes par Nr. Is eoints äs Ikssselroäs äans is bnt äs inotivsr la repngnanes äs la knssis äs prenärs part, gnant k präsent äu nioins, ä äss äälibärations äs la nature inäignes. vans nn inoinsnt on la ääekäanes än 8onvsra!n vontiks est praelarnäs ä Roniö sn ineins teinxs gns la räpubligns, on est exeinpls, s'il ns I'est äHä ä estts Iienrs, va strs snivi sons psn sn 4'os- ean«, il / a, es nons ssmlils, abonäanes pintot gns pvnnris äs gusstions gni pourraisnt avse ntilitä strs äisentess sn coinrnnn. Ikons eonvenons avse Nr. Is 6lianeslier gns es n'sst pas nn prodlsine kaeils ä rssouärs gus äs inettrs ä'aeeorä äss l?nissanees anssi äivergentes äs prineipss et ä'opinions gne ls sont sn es inoinsnt Iss prineipanx gonvorneuisnts äs l'Vurops. Nais gnslgn'aräne gns pnisss strs la solntion äs es proklsnis, slls ns nons seinlilö pas inipossible. Ikons anssi, nons rseonnaissons, tont ooinins ls Oaliinet äs M-V6terslionrg, äans ls inaintisn inaltäralils äss eireonseriptions territoriales Lxsss par les traitäs, l'nnigus vois ponr sortir än äeäals äans Isgnsl sont engagäes les alkairss ä'Italis. Lnssi est-es äans ls lint äs ponvoir äskenärs es prineips avse l'espoir än sneeäs gus nons ässirons cpis la Rnssis vienne prsnäre plaes ä nos eötäs ponr oppossr par nos slkorts eoinrnnns uns rssistanes eoinpaete ä esux gni taelieraisnt ei'v portsr atteints. 8i nons attaelions uns si Kants valsnr ä voir ls valiinst äs 8^-?6tsrsI)onrg partieipsr a äss äälibsrations a^ant ponr olget Is rsglsinsnt äss alkairss ä'Italis, es n'sst esrtss pas gns nons vsnillons l'sxpossr an risgns äs se eoinproniettrs sn sanetionnant äss stipnlations attsntoires anx traitäs sxistants; e'sst gns tont an eontrairs, aiääs par son pnissant eoneonrs, nons avons la eon- tianes äs ponvoir rsnssir ä rsmääisr anx noinkrsusss inkraetions gui ont ää^'ä ete kaitss ä ees traitäs par la inarelis äss ävenenisnts äont l'Italis est Is tkäÄtrs. Vs Nsinoranänni ei-soint renksrins lss äeelarations äss prineipss einanäes sn 1849 äss äiiksrsnts Oabinsts an Sig'et än rsspset än anx traitäs gnant anx eireonserip- tions territoriales äes ätats Italiens. 6s travail änuniörs ä la kois Iss nonibrsux kaits rävolntionnaires snrvsnns äepnis, gni ont ssssntisllsinsnt altärä l'etat äs posssssion ätabli par Iss traitss. Ikons psnsons gn'appelä ä SS prononesr ä es susst ääönitivsinont sn eonkärenes Vorä valnisrston anrait äs la psins ä ässavousr Iss prineipss gn'il a proelaniäs sn 1849 an noni äs son Aonvsrnsinont. Ikons avons gnslgn'espoir gn'sn kaes äs I'opinion pndligns ls langags oklleiel än 6abinst anglais serait äMrsnt äs eslni äs sss äiploinates tonristss gni ont kalt ä l'Italis Auswahl von Schriftstücken. 439 NN mal iininsnss en seinLnt Sons Isnrs PLS äss äoetrinss Pii ont Ports ckes trnits si Liners. Ika Itranes slls-insins, livrss L nns Intts interne äans iLPiells — on ns SLN- rait Is nisr — cks nonibrenx slsrnsnts eonservatsnrs tsnäent ä ss tairs fonr, n')i rsALräera-t-elle pas ä äsnx kois avant cks s'approprisr, äans nns reunion ckes prin- eipalss ?nissaness, eornins so, proksssion cks toi politic^ne les rsves kninanitairss ^ns Nr. äs H/Linartins, an inois äs inisl äs la rsvolution äs tävrisr, tLiss.it entrer äans Is proArainins äs Is I?ranes räpnklieains? Mil äouts «ins Iss I?nissLness inaritiines, en eneouraAsant saus äisssrnsrnsnt äans Iss äiWrsnts stats Italiens Is äösir äs rstorines, n'aisnt pnissLininent eontri- kito ä ^ tairs naitrs I'anLrekis, trnit äs rstorines <^ul, en I'akssnes ä'nns antorits kortsinent eonstitnes, eapabls äs les eireonserirs äans äs sLZss lirnites, n'ont pas tsräe L ä^A^nsrer en ässorAanisation soeials. Nais anfonrä'kni Pis ees rstorines ont ääpassä äepnis lonAtonips Is bnt «INS Is l^ranes et I'LnAlstsrrs ponrsnivaisnt, et <^ns ekaPis pss äe plus äLns 1e ssns än nionveinent ne tonrnerait eviäsininent cin'en proüt äe Is repukÜPis ronAS, I'intorst politic^us äs I'nns et äe 1'antre Vnissanes ssrnbls lenr eonseillsr ä'arrstsr 1L rsvolution italisnno plutöt Pis äe IL psrpstnsr. 6s ipt'il Zi L äs sür e'est Dicken attenäant, estte rsvolution ponrsnit intati- Aaklsinsnt SL tävIiS äs kattrs KN drseks uns ä uns tontss Iss stipulation» äss traitäs en tant Pi'elles eonsernsnt I'Italiv. Oorninsnt odvisr L NN inal si Aravs? Nr. Is OIiLneelisr sein nie strs ä'avis <^ns es n'sst pas sn etablissant nn esntrs ä'sntents Pis nous ponrrions espsrsr äs parvsnir ä notre Nut et Pi'il nons ssrLit plus taeils äe I'atteinärs sn kaisant valoir notre inünenos par Iss voies oräinaires äs la äiploinLtie. Nais LN lllilisn än eliLos yni L snvaki 1a I?äninsnls et Pli äans ses rsAions esnti'Lles L äsfä en- Alonti tons Iss ponvoirs rsAuIiers, on tronvsr nn point üxs äe nature a ponvoir rattaeksr Is LI ä'nns aetion äiploinaticprs PisIeonPis? Ina Situation sst tsnäns an point äs nons rnsttrs äans I'alternativs: on äe parvenir a la paeiLeation äs I'Italis äans Iss voies ä'nno entsnte sntrs Iss I?nissanees, on äs traneksr Is nvsnä Aor- äisn par I'äpäs. Lvant ä'sn vsnir L netto sxtrsinits, äss eonsiäsrations äs la nature la plus Aravs nons iinposons Is äsvoir ä'äpniser ä'aborä tons Iss inozisns paeiÜPiss sn notrs ponvoir. Nons soniinss preis, pour notrs eoinpts, ä LAir äs eonesrt avee nos alliss, ponr arretsr s'il sst possibls Is travail ässtrnetsnr äs la rsvolution italienns. Ilions savons Lpprseier ä sa Pists valsnr l'appni inoral Pis Io Oakinet äs 8^-I?stsrskonrA a äsfä Kien vonin nons prster äans 1'aeeoinplisssrnent äs estte t^elis; nons Ini SLVONS Ars ä'LVLnee äss stkorts c^n'il eontinnerL L kairs äans estte äirsetion; inais nons n'en psrsistons PLS inoins L psnser Pis los äenx eonrs iin- perialss anraisnt plus äe elianess ä tairs trioinpksr lenr prineips äs I'inviolL- kilits äss traites par rapport anx eonseriptions tsrritorialss, en präsentLnt Isnrs i'LnAS ssrrss anx ackversairss Bd. II S. 6S, III S. SSI. **) Näheres s. „Die Banknoten-Fabrik" in: Scenen und Bilder a. d. ungar. Nevolutionskriege (Pest 1850 Heckenast) S. 277—304, und meine „Oesterr. Münzen und Geldzeichen von den Jahren 1848,49" in der Wiener NumiSm. Zeitschr. 1874/75. 442 Anhang. von 2 fl. *) bei allen siebenbürgischm Aemtern und Casse» bei schwerer Verantwortung untersagte. Puchner rechtfertigte dem Wiener Ministerium gegenüber sein Verfahren durch Hinweisung auf die Thatsache daß die Bevölkerung, schon bevor er sein Mandat erlassen, die ungarischen Noten im Verkehr anzunehmen sich gesträubt habe und daß das Mis- traucn in dieselben durch die Zwangsmaßregeln, womit das Pester Ministerium sein Vorhaben durchsetzen wollen, nur gestiegen sei. Die glänzendste Rechtfertigung des Schrittes, zu welchem sich der siebcnbürgische Commandirende veranlaßt gesehen, brachte das kaiserliche Manifest vom 6. November an die Völker Ungarns mit der bezeichnenden Stelle: „Seit Monaten muß ein namhafter Thcil Unserer treuen Völker Drangsale und Bedrückungen aller Art, als die Folge jener verderblichen Thätigkeit welche von der erwähnten (magyarischen) Faction entwickelt wird, erleiden. Die willkürliche Recrutenaushebung und Ausbietung des Landsturines, die ungesetzliche Emission des Papiergeldes hat. . . Verwirrung der Geldverhältnisse, Stockung des Handels und rechtlichen Erwerbes, Auflegung willkürlicher Lasten ... im Gefolge. Es ist Unser unerschütterlicher Wille, mit allen Mitteln, welche Unsere kaiserliche königliche Macht und Pflicht zu Gebote stellt, dahin zu wirken, daß Unsere zur königlich Ungarischen Krone gehörigen Länder aus diesen: trostlosen Zustande errettet worden . . . Wir befehlen hiermit jede fernere Mission des Papiergeldes allsogleich einzustellen, . . . und erklären unter einem wiederholt alle durch Uns nicht sanctionirten und mit Unfern ausgesprochenen königlichen Absichten im Widerspruche stehenden Beschlüße des durch Unser Rescript vom 3. October aufgelösten ungarischen Reichstages und seiner Werkzeuge für jetzt und für alle Zukunft als gesetzwidrig kraftlos und nichtig, erklären zugleich und machen die Vollstrecker solcher Beschlüße von jetzt angefangen für alle Folgen persönlich verantwortlich, und befehlen allen unseren Behörden, Obrigkeiten jeglicher Benennung und allen Unseren Unterthanen ohne Unterschied, sich des Vollzuges derselben und jeder Mitwirkung dazu strengstens zu enthalten". Es folgte das Thronbesteigungs-Manifest des jungen Kaisers mit dein darin ausgesprochenen Entschlüße: „Die von Unserem erlauchten Vorgänger gefaßten Beschlüße und Verfügungen vom 6. November l. I. ihren: ganzen Umfange nach aufrecht zu erhalten und alle Behörden für die unerläßliche Befolgung derselben der strengsten Verantwortung zu unterziehen." Endlich der Aufruf des Fürsten Windisch-Grätz vom 13. December an die „Bewohner Siebenbürgens", denen er als den Zweck seines Einmarsches bezeichnete: „die durch anarchische Umtriebe gestürzte Herrschaft der Gesetze, die vernichtete Sicherheit der Person und des Eigenthums hcrzustellen". Nach Kundgebungen solcher Art, von maßgebender Stelle ausgegangen, konnte, so mußte man sich im großen Publicum sagen, die Entscheidung in der Frage des ungarischen Papiergeldes nur eine sein. Allein es kam anders. Wenige Tage nach der Mittheilung Puchner's von: 2. December war in Wien eine Anfrage Schlik's vom 10. eingetroffen, wie er es mit den Kossuth-Notcn halten solle. Während nun das Finanz- Ministerium das Verfahren Puchner's vollständig billigte und demselben zur Ausführung desselben eine Dotation von 1,000.000 fl. theils in Banknoten theils in klingender Münze zur Verfügung stellte (Z. 8198 vom 28. December), gab Baron Krauß in Folge des Beschlußes des Minister-Rathes den: Grafen Schlik einen Bescheid hinaus der eigentlich gar nichts besagte: eine „unbedingte Verweigerung der Annahme dieser Noten von Seite der k. k. Truppen" könne nicht stattfindcn, anderseits aber sei jede Bekanntmachung zu vermeiden „ans welcher eine Anerkennung dieser Noten gefolgert werden könnte" **). *) Bd. iv : Anm. **) Abgedruckt im Anhang zu meinem Bd. IV 1 S. 35. Die Kossuth-Noten-Frage bis zum März 1849. 443 Das waren also binnen des Zeitraums von zwölf Tagen zwei ganz verschiedene Weisungen einer und derselben Behörde über einen Gegenstand, der entschieden sein sollte bevor ein Mann der Windisch-Grätz'schen Haupt-Armee seinen Fuß auf ungarischen Boden setzte. Als Windisch-Grätz zu Anfang December vom Finanz-Minister eine Million für den Beginn des Feldzuges verlangte, stellte ihm der ökonomische Krauß 778.000 fl. zur Verfügung und knüpfte daran die Weisung, das ungarische Papiergeld einstweilen zur Verpflegung der Truppen zu gebrauchen. Eine Anfrage des Armee-Commandos, was mit den 11.483 ungarischen Noten die sich in der Operations-Casse fänden zu geschehen habe, wurde seitens des Finanz-Ministeriums in gleichem Sinne beantwortet, 16. December*). Der Feldmarschall that entschieden Einsprache gegen eine solche Zumuthung, 13. De- ccmber, und in seinem Aufträge erließ Obrist von Schobeln aus dem Haupt-Quartier zu Petronell (16. December) an alle Corps-Commandanten das Verbot ungarisches Papiergeld anzuuehmen; eine Weisung die jedoch wieder zurückgenommen werden mußte als das Schreiben des Finanz-Ministers an Schlik bekannt wurde, Karlburg 20. December. Trotzdem wurde noch am 28. vom FML. Grnebcr als Chef des Armee-Gcneral- Commando an Kempen in Presburg und Simuniö in Tyrnau ein Erlaß gerichtet, laut dessen ungarische Noten bei Aerarial-Casseu nicht angenommen werden sollten**). Allein aus Pest kam am 3. Januar 1849 die Belehrung daß hinsichtlich des Wertstes der ungarischen Noten die eudgiltige Entscheidung abzuwartcn, übrigens der vorgcdachte Erlaß dahin abzuändern sei, daß die Annahme der kleinen Noten zu l und 2 fl. vorläufig keinem Anstande unterliege; Grnebcr erhielt dabei die Mahnung in wichtigeren Angelegenheiten vorerst im Haupt-Quartier anzufragen ehe er eine Anordnung treffe. Wenn die thatsächliche Anerkennung der ungarischen Banknoten vielseitig dem Fürsten Windisch-Grätz zur Last geschrieben wurde so war das in der Wahrheit nicht gegründet. Wenn denselben in dieser Sache ein Vorwurf treffen kann, so wäre es kein anderer als daß er sich, ausgerüstet wie er war mit unbedingter Machtvollkommenheit zur Pacifici- rung von Ungarn, nicht mit unbeugsamer Kraft gegen hie beklagenswerthcn Vellcitäten der Wiener Finanz-Behörden gestemmt habe, die verschämt genug waren sich zu einer formellen Anerkennung jenes Geldes verdächtigen Ursprungs nicht herbeizufinden, während ihnen die Courage fehlte mit einem entscheidenden Schnitt das böse Geschwür auf einmal aus dem Leibe des fieberkranken Landes herauszulösen. Im Grunde wenn man so gc- lind als möglich Vorgehen wollte, handelte es sich darum zwei bis drei Millionen in die Hand zu nehmen und jenen Betrag ungarischen Papiergeldes, der einen Schein von Gesetzlichkeit für sich hatte und der überdies zu einem großen Theile durch einen in der Pester Bank dafür hinterlegten Metall-Stock gedeckt war, gegen österreichische Noten und Münze einzulösen. Allein zu einer solchen Aufgabe konnte sich der überbedenkliche und haushälterische Krauß nicht entschließen. Die unabhängige Presse Wiens war, während dein Stadion'schen „Lloyd" die undankbare Aufgabe eines journalistischen Eiertanzes nach dem Tacke des Finanz-Ministers zuficl, längst mit sich im reinen daß die Regierung keinen Augenblick säumen dürfe der Revolutions-Partei jene gefährliche Waffe des Widerstandes und der Selbstbereicherung aus den Händen zu winden, ohne sich „aus übel angewandter Milde und Humanität" von Ergreifung dieser dringend gebotenen Maßregel abhalten zu lassen***). Nach dem Ereignisse des 5. Januar bestand die öffentliche Mci- *) Näheres ebenda S. 206. **) Wortlaut s. Bd. IV 1 Anhang S. -1-1 f. Siehe z. B. „Presse" 1848 Nr. 140 vom 16. December, 1849 Nr. 7 vom 9. Januar wo eS unter anderem heißt: „Die Insurgenten unter Kossuth's Leitung scheinen sich gegen Debreczin zurück- 444 Anhang. nung in der Monarchie mit verstärktem Nachdruck darauf, jenen Schritt nicht länger zu unterlassen; man dürfe, sagte sie init Recht „sich eines Bundesgenossen nicht entäußern durch dessenHilfe cs möglich wird die Rebellion'auf unblutige Weise aus ihren letzten Schlupfwinkeln zu treiben". In Ungarn selbst war kein Einsichtsvoller, er mochte der revolutionären oder der conservativen Partei angehören, einen Augenblick darüber im Zweifel daß mit dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen das Kossuth'sche Papiergeld Kraft und Geltung verlieren werde. Obgleich es in den beiden Hauptstädten bis zum letzten Augenblicke fast ausschließend umlief während kaiserliche Banknoten wenig zu sehen waren, als kostbares Gut verborgen und verschlossen wurden — nur österreichische Silber-Scchserln standen in Verkehr —, waren Pester Kausleute nach der Besetzung darauf gefaßt ihre „Kossutherln" selbst im Kleinvcrkchr von kaiserlichen Osficieren und Mannschaft zurückgewicsen zu sehen und konnten kaum ihre freudige Ueberraschnng verhehlen als das Gcgentheil stattfand. Noch größer doch keineswegs freudiger Art, war das Erstaunen auf kaiserlicher Seite. „Die Naivetät geht so weit", trug ein kaiserlicher Officier zwei Tage nach der Besitzergreifung in sein Tagebuch ein, „daß auch wir alles Geld dessen wir zum Dienstbetricb bedürfen in ungarischen Geld erhalten, vielleicht sogar die Gagen, und wer sich eine Summe ersparen wird, muß wünschen, seinein Mammon zu Liebe, daß die Revolution reussirt".*). Doch woher sollte man in Pest Geld nehmen wenn von Wien keines geschickt wurde? Graf Almrisy schrieb ein über das anderemal, die Pester „Wiener Währung- Cassa" bedürfe dringend einer Dotation an österreichischen Banknoten und Münze; in der Armec-Operations-Cassa ging das Geld, das man bei Beginn des Feldzuges erhalten hatte, zur Neige, kauin daß es noch zur Zahlung der Gagen und Löhnungen auslangte; dazu die Bezahlung der Beamten, der Pensionisten, der Witwen und Waisen, so daß die Finanz-Behörden des Feldmarschalls sich in der bittersten Verlegenheit befanden. Der vorsichtige Finanz-Minister wollte keine Entscheidung treffen, so lang ihm nicht die genauesten Nachweise geliefert seien: wie viel Noten jeder Sorte ausgegebcn? in welchen Gegenden des Landes dieselben im Umlauf seien? ob und welcher Metallstock zur Deckung derselben vorhanden sei? ». dgl. Fürst Windisch-Grätz war nicht blos in seinem Innern von der Gefährlichkeit des Kossuth'schcn Agitations-Mittels überzeugt, er sprach sich auch öffentlich gegen die Führer des Aufstandes aus, die „das so reich gesegnete Land durch Ueberschwemnnmg mit größtentheils ungesetzlichem Papiergeld verarmen wollen und dieses gesetzlose Verfahren durch Mitnahme der Banknoten-Pressc in tollem Uebermuthe noch gezogen zu habe». Das Baranher Comitat bis an das linle Dranuser, so wie die Festung Essegg nebst manchen anderen nicht unerheblichen Gebictstheilcn find noch in feindlichen Händen. Wird nun das ungarische Papiergeld in den von unseren Truppen unterworfenen Theilcn außer Cours gesetzt, so muß es nothwendig und unaufhaltbar nach jenen Gegenden strömen, wo ihm Kossuth's Einfluß zur Zeit noch einige Geltung verschafft. Diese massenhaste und unverhältnismäßige Anhäufung von Papiergeld, das bekanntlich einer entsprechenden Fnndirnng entbehrt, wird den Eonrs desselben in Bälde so Herabdrücken, daß die aufständische Partei nicht einmal die allcrnöthigsten Kriegsbedürsnisse damit zu verschaffen im Stande sein dürfte. Maßlose Erpressungen werden hierauf folgen und die Erbitterung der Bevölkerung jener Gegenden wird unseren Truppe» die Mühe ersparen, mit den Anführern der Rebellen fertig zu werden. .Ein Wiener Kansmann" in der Ost-Deutschen Post vom 7. Januar meint zwar, die obige» Beweggründe möchten die Anerkennung der Kossuthnoten nicht beirren, da Oesterreichs Sache auch .trotz der Noten" gesiegt. Wir begreifen mit Bedauern diese Ansicht von dem Standpunkte des .Wiener Kaufmannes", der seinen eventuellen Geldverlust höher anschlägt, als das unnöthig verspritzte Blut unserer heldenmüthigen Soldaten; aber wir sehen in dieser Argumentation eben nichts anderes, als einen neuen Beweis für die bekannte Wahrheit, daß ein Staat nicht durch Kausleute regiert werden soll"". H. Qu. Banns bis. zum 7. Februar IStg. Siehe auch I'imockan Souvenirs S. 171: »blos ottioiors gui roeevaient partout oos biliets äovinront ainsi, pur UN6 singuiiora oontraäiotion, los Die Kossuth-Noten-Frage bis zum März 1849. 445 fortzusetzen beabsichtigen" (Proclaination vom 7. Januar). Allein dann vernahm man wieder von jenen Männern „von anerkannt guter Gesinnung" die eindringlichsten Vorstellungen : „wie durch die allgemein befürchtete Ungiltigkcits-Erktürnng der ungarischen Noten, besonders jener zu 1 und 2 fl. die sich größtentheils in den Händen der Ackerbau und Gewerbe treibenden Classen befänden, diese dadurch gänzlich rninirt und zahlungsunfähig würden". Der muthvollstc und gewandteste Vertreter der Gegenansicht war unter den administrativen Organen des Feldmarschalls Graf Franz Zichh jun. in Presburg. I» einem vom Neujahrstagc dadirten Berichte an den Fürsten wies er darauf hin wie in einigen Laudcstlieileu, z. B. in Kroatien und Slavonien, die ungarischen Noten von allem Anfang keinen Eingang gefunden hätten, und in großen andern Strecken z. B. in den uord- slavischen Coinitatcn nur iu geringer Anzahl im Umlauf seien; er legte, um seine Behauptung „durch Thatsachen" zu erhärten, die Casscn-Answeise der Städte Bösing Modern und St. Georgen vor, woraus, „da im allgemeinen die öffentlichen Lasse» als Abglanz der Geldverhältnisse der Umgegend angenommen werden können", ersichtlich werde „daß das Verhältnis der ungarischen Banknoten zu de» österreichischen, ungeachtet dessen daß sich das ungarische Heer in großer Anzahl und durch mehrere Monate in dieser Gegend aufhiclt, durchaus keilt so bedeutendes sei" (am auffallendsten in Bösing wo sich bei einem Cassen-Vorrath von 3009 fl. nur 131 fl. Kossuth-Noten fanden); er sagte offen daß das so vielseitig vorgetragene philanthropische Motiv: „die ärmer» Classen und das Landvolk zu schützen", meistens in egoistischen Nebenzwecken seilten Grund habe und größtentheils nur zum Vorwand diene um sich vor eigenen Verlusten zu schützen; er sprach sich aus all diesen Gründen ans das entschiedenste gegen die Anerkennung des Kossuthischen Papiergeldes und für eine Weisung an alle öffentlichen Casscn aus dasselbe unter keinem Vorwände mehr anzunehmen . . . Bereits hatte auch Graf Almüsy den ziffer-mäßigen Nachweis der Totälsmnme des bis Ende December hinausgegebenen Zettclgeldes geliefert, nämlich: zu 1 und 2 fl. 3,777.220 fl. (zu Ist... 670.220 „ 2 „ . . 3,107.000) zu 5 fl. 11,206.000 fl. zu 100 fl. 8,758.000 fl. Total-Summe 23,741.220 fl. Davon seien die beiden letzten: Kategorien, also mehr als sieben Achtel des Ganzen, weil jeder höher» Genehmigung entbehrend, entschieden ungesetzlich und ohne weiter« für nichtig zu erklären; zur theilwcisen Deckung der erstercn beiden aber, zu 1 und 2 fl., finde sich ein Metall-Vorrath von 1,780.718 fl. 48 kr. vor. Man mochte indeß die Sache in der einen oder andern Weise auffassen, eine Entscheidung mußte getroffen werden. Bon allen Seiten wurde darauf gedrängt der Ungewißheit ein Ende zu machen: von den königlichen Commissaren Havas und Rohonczp, von der Regnicolar-Cassa, voin Fundational-Hanpt-Zahlamt, von den städtischenMagistratc» und Ausschüßen rc. So erfolgte denn die öffentliche Erklärung „daß in Folge eines Erlasses vom Herrn FM. Fürsten Alfred zu Windisch-Grktz indessen noch, bis iu Hinsicht der höheren Geldnöten Allerhöchsten Ortes entschieden werden kann, die ungarischeil Ein- und Zwei-Gulden-Noten im vollen Werthe auch in allen k. k. Lassen angenommen werden"*). *> Deu Original-Text kenne ich nicht. Vor mir liegt die diessiillige Kundmachnng des Grase» Felix Zichy auS Raab 8. Januar 1840. .S 446 Anhang. Die Wirkung dieses Erlasses war eine augenblickliche. Die „Kossutherln", in den letzten December-Tagen auf 50 bis 60°/o hcrabgesunken, Hobe» sich rasch und standen binnen kurzem nur um 2 oder 3°/„ niedriger als die kaiserlichen, was seinen Rückschlag auch auf die, obwohl formell nicht anerkannten ungarischen Noten zu 5, 10 und 100 fl. äußerte. Mittlerweile gingen die von Baron Krauß angeordneten Erhebungen fort, bei denen man sich kaum des Gedankens erwehren konnte, die oberste Finanz-Behörde habe sie nur vom Zaune gebrochen um die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben; so z. B. wenn, während sonst alle Welt längst wußte daß Kossuth seine Banknoten-Prcssc sorgfältig verpackt (allerdings sollen einige Bestandtheile dabei abhanden gekommen sein) mit sich nach Debreczin genommen, in der zweiten Hälfte Januar der Pcstcr-Finanz-Bchörde Auskunft über die Frage abverlangt wurde: „ob die zur Anfertigung der ungarischen Banknoten erforderlichen Maschinen in Ofen und Pest aufgefunden wurden?" Graf Almäsy brachte heraus, daß eine Million Silber in der englischen Bank hinterlegt sei, wovon der Kossuthische Unter-Staats-Secretär Duschek den Bankschein in Händen habe; das Geschäft sei durch das Haus Wodianer et Sohn vermittelt worden; auch habe sich in ihren Magazinen eine bedeutende Masse Wolle gefunden, gegen empfangene Bezahlung an die revolutionäre Regierung behufs Anfertigung von Kotzen und' Halenas (Kitteln) geliefert. Wrbna bekam Befehl die Magazine Joseph Moriz Wodianer's zu untersuchen, Almüsy sich die Bücher Rudolf Wodianer's vorlegen zu lassen; zugleich wurde, da aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Wiener Haupt-Comptoir die besten Aufschlüße geben konnte, das Finanz-Ministerium angegangen daselbst Nachforschungen zu Pflegen und den Befund an das kaiserliche Haupt-Quartier zu berichten. Man war sogar einen Augenblick in der Stimmung zu Gcwaltmaßrcgcln zu schreiten und gegen den Großhändler Samuel Wodianer, falls er die Summe von 400.000 fl., die ihm die ungarische Regierung zum Ankauf von Silber in Münze und Baarem vorgeschosscn, nicht allsoglcich deponircn würde, Vermögens-Sequesteratiou cinzuleiten. Allein aus Wien berichtete Weiden, das Großhandlungshaus Wodianer habe sich sowohl bei den: Silbcrankaufs- als Waarcnlieferungs- Geschäfte der österreichischen Regierung gegenüber offen und loyal benommen und sei demnach keilt Grund vorhanden dessen Bücher länger mit Beschlag zu belegen, und auch in Pest kam man, da man dringend Geld brauchte, bald in die Lage gegen die Firma in anderem Tone zu sprechen. Die Handelswelt sowohl in als außer Ungarn befand sich in einem peinlichen Zustand der Ungewißheit. Eitler Deputation des Pester Handelsstandes, die gegen Mitte Januar vor dem Feldmarschall erschien, konnte dieser keinen andern Trost geben als daß die Entscheidung in einigen Tagen erfolgen werde. Auf dieses ging der Großhändler Friedrich Lindemann im Namen der Pester Communal-Bank nach Wien, wo ihm und Moriz Wodianer vom Minister Krauß ein Gutachten in dieser heikeleit Angelegenheit abverlangt wurde. Es fiel aus wie sich voll Kaufleuten erwarten ließ. „Die Belassung der ungarischen Noten im Umläufe oder deren Einlösung", schreiben sie am 16. Januar, „erscheine als unerläßlich da es in Ungarn an österreichischem Gelde gegenwärtig fast gänzlich fehle; ein'furchtbarer Schlag träfe den Handel und die Gewerbe nicht blos in Ungarn, sondern in der ganzen Monarchie; die Steuerfähigkcit Ungarns wäre für lange Zeit hinaus vernichtet und die Erbitterung auch der bis jetzt ruhigsten Gemüther stünde zu besorgen, wenn man zur gegentheiligen Maßregel schreiten wollte; im Gcgentheil, es sei dringend geboten die geängstigten Gemüther über diesen Punkt durch eilte ausdrückliche Erklärung zu beruhigen und dadurch Leben und Vertrauen in den Handelsverkehr zurückzusührcn". Das Gutachten gelangte am 21. in die Hände des Feldmarschalls, begleitet von einem Schreiben des Finanz-Ministers: „Lindeman» und Wodianer wüßten Die Kossuth-Noteu-Frage bis zum März 1849. 447 keine Niaßregcl anzugebeu durch welche den Besitzern der ungarischen Banknoten irgend eine Versicherung oder Beruhigung gewährt werden könnte ohne dadurch höchst bedenkliche Gefahren für den österreichischen Staat und das Königreich Ungarn herbeizuführen". Dagegen hob der Finanz-Minister mit Recht hervor daß, so lang die Rebellen nicht vollständig unterworfen seien, so lang sie sich im Besitz der Mittel befänden die Banknoten nach Gutdünken zu vermehren, jede Maßregel wodurch man eine Anerkennung derselben ausspräche oder auch nur in Aussicht stellte, ihren Werth heben und dadurch Kossuth die Möglichkeit eröffnen würde die Noten, die er fortwährend sabricirt in Umlauf zu setzen und damit sein Widerstandsmittel zu verstärken, zugleich aber die Summen ins unendliche zu vermehren die der Staat oder das Land seinerzeit, wen» auch nicht al x-rri, doch in irgend einem Verhältnis einlöscn müßte; das einzige, meinte Krauß zum Schlüße, was sich für die Notenbesitzer thun lasse, sei unter den gegenwärtigen schwierigen Umständen, daß man die Noten nicht geradezu und unbedingt in Verruf setze. Krauß meinte also, man solle in Ungarn die Verwendung stillschweigend dulden, eine Verlautbarung solle vermieden werden; also ungefähr das gleiche was er sechs Wochen früher dem Grafen Schlik bedeutet hatte. Thatsächlich hatte in der Zwischenzeit, Dank der von den kaiserlichen Behörden den Kossuth-Notcn zugewendeten Sorgfalt, die Verbreitung derselben über das ganze Land in einer Weise zugenommcn die einen entscheidenden Schritt, auf den im ersten Augenblick alle Welt gefaßt war, jetzt allerdings bedenklicher erscheinen lassen »rußte. Aus denselben Gegenden, von denen Franz Zichy zu Anfang Januar versichert hatte daß verhältnismäßig wenig ungarisches Papiergeld in Umlauf sei, hatte in der zweiten Hälfte des Monats General Götz zu berichten daß der ganze Landstrich mit Kossuth-Noten übersäet; daß in dem ganzen von seinen Colonnen bis jetzt betretenen Theile Ober-Ungarns fast kein anderes Geld zu ersehen sei, österreichische Banknoten sehr selten, Silbergeld gar nicht; daß sich daher, wollte man jene Plötzlich außer Cours setzen, sich beinahe ganz Ober-Ungarn ohne Geld befinden würde, aller Verkehr stocken, das kleine Gewerbe aber ganz untcrgehen, die Colonne selbst, in deren Cassa sich kein anderes Geld befinde, in Verlegenheit kommen müßte; übrigens beginne die Bevölkerung allerdings, durch die Ereignisse aufmerksam gemacht, den Kossuth-Notcn ihr Vertrauen zu entziehen rc. (Mosücz 20. Januar 1849 an den Grafen Stadion). Am 21. Januar langte in Ofen ein Schreiben des Finanz-Ministers ein worin derselbe auf Grund Ministcrrathsbeschlußes den Feldmarschall um die doppelte Verfügung ersuchte: erstens daß niemand zur Annahme der ungarischen Noten gezwungen werden könne, zweitens daß dieselben von keiner ärarischen städtischen oder überhaupt öffentlichen Cassa als Zahlung angenommen werden dürfen. Einen solchen Befehl von Olmüz und Wien aus zu geben war allerdings nicht schwer, doch etwas anderes war es denselben in Pest auszuführen. Da in den dortigen Lassen kam» anderes Geld als ungarische Noten vorhanden war, so mußte erst entschieden sein was damit zu geschehen habe, und in welcher Weise man die fälligen Gehalte Pensionen rc. auszahlen solle. Windisch-Grätz kam daher nochmals auf die Einlösung der Ein- und Zwei-Gulden-Noten zurück und machte dabei den Vorschlag: es möge für diesen Zweck ein bestimmter Curs, etwa zur Hälfte des Nennwerthes oder bis zur Höhe des vorhandenen Metallstockes von 1,700.000 fl. angenommen werden (Wind, an Krauß 22. Januar). Wir übergehen den weiteren Schriftenwcchscl zwischen Ofen und Wien und bemerken nur daß die Angelegenheit zur selben Zeit auch im Krcmsierer Reichstage zur Sprache kam. Der Abgeordnete Johann Georg Schcrzer war es, der am 24. Januar 2 - 448 Anhang. eine Interpellation an das Finanz-Ministerium richtete und dieselbe mit den bezeichnenden Worten begann: „In allen Zweigen der öffentlichen Verwaltung haben die halben Maßregeln, unklaren Beschlüße nnd vielfache Deutung zulassenden Anordnungen nicht nur ihren Zweck verfehlt, sondern gewöhnlich das Gegentheil von dem erzeugt was man ursprünglich erzielen wollte" rc.*). Aber wie sollte man in der Sache vorwärts kommen, wenn man sich ewig in dem Kreise drehte: daß der Finanz-Minister kein österreichisches Geld hergeben wollte und daß der Feldmarschall kein ungarisches annehmen sollte? Der letztere hatte mittlerweile den Grafen Alinäsy ermächtigt, der ungarischen Com- mcrcial-Bank 20.000 fl. in Silber zu entnehmen und damit die Einlösung der ungarischen Ein- und Zwei-Gulden-Noten zu beginnen. Es gefiel das den Leuten sehr wohl, und sie kamen recht fleißig herbei sich gegen ihre »»sichern „Kossuthcrln" österreichische Banknoten oder gar blankes Silber herausgeben zu lassen, bis Herr von Havas unerwartet Kunde bekam daß Kossuth seine Presse in Debrcczin nicht nur bereits ausgestellt und in Stand gesetzt habe, sondern daß er dieselbe wieder Tag und Nacht arbeiten lasse, worauf natürlich die Commercial-Bank Weisung bekam die Einlösung augenblicklich einzustellen. Kossuth machte übrigens nicht viel inehr in Einsern und Zweiern, den ganzen Januar hindurch nur 150.000 fl., das gab zu wenig aus; seine Sache waren jetzt die Fünfer, deren er in derselben Zeit 7,000.000 hinausgab; vom 1. Februar an arbeitete er nur in diesen, im Durchschnitt täglich 5000 fl. Seine Berechnung war übrigens eine ganz gute: waren nur einmal die Einser und Zweier anerkannt so werde die Bevölkerung die Fünfer auch nicht verwerfen für die zuletzt selbst bei der Regierung dieselben Gründe sprechen müßten wie für jene. In der That sah sich im Hingang der Wochen Fürst Windisch-Grätz gezwungen von seiner ursprünglichen Auffassung dieser Frage soweit abzugehen daß er beim Finanz-Minister nicht blos den Einsern und Zweiern nach deren vollem Rennwcrth das Wort sprach, sondern auch die Fünfer nach ihrem halben Ncnnwerthc bei den öffentliche» Casscn anzunehmen empfahl; „dadurch würde auch noch der Vorthcil erreicht daß eine Masse von ungarischen Noten zu 100 und 5 fl. durch Speculantcn gegen österreichische Banknoten eingewechselt würden um mit jenen in den von den Rebellen noch besetzten Theilcn Einkäufe an Früchten Waaren u. dgl. zu machen"; Wind, an Krauß 12. Februar 1849. Der Zustand, der durch eine solche Reihe halber Maßregeln, durch die fortwährend auftauchendcn eines dein andern widersprechenden Gerüchte geschaffen wurde, war nachgerade ein unerträglicher. An: meisten natürlich in den beiden Hauptstädten. Für gewöhnlich standen ungarische Noten zu 100 fl. um 4 bis 5, jene zu 1 fl. und 2 fl. um 2 Pcrccnt niedriger als die kaiserlichen, Silber hatte 8 bis 10, Gold 40 Percent Agio. Gewisse Artikel wurden in das ungeheuerliche verthcuert. Die Wiener Post nahm Pränumerationen für ausländische Zeitungen nur in klingender Münze an, und so kam z. B. einem Pcstcr Abnehmer die Augsburger Allg. Ztg., die für gewöhnlich bis 16 fl. Silber kostete, auf mehr als 42 fl. nach ungarischem Gelds zu stehen. Im Hingang des Februar sank der Werth der höher» ungarischen Noten immer mehr, und unter diesen selbst stellte sich ein Werthunterschied heraus. Wer z. B. einen Kossuth-Hunderter wechseln wollte, bekam dafür nur 80 fl. in Kossuth-Fünfern; um diese in kaiserliche Noten umzuwechseln mußte man auf jeden Fünfer einen Zwanziger daraufzahlen, an Silbcrgeld aber erhielt man für den ursprünglichen Hunderter etwas über 65 fl. Aber nicht blos in Ungarn selbst hatte man über die Folgen der schrankenlosen Kossuth'schen Noten-Fa- brication zu klagen: die Geld- und Handelsverhältnisse der ganzen Monarchie litten dar- *) Stell. Aufnahme ZV S. 539 f. Die Kossuth-Noten-Fragc bis zum März 1849. 449 »uter und immer lauter uud nachdrücklicher, immer vielseitiger wurde der Wunsch ausgesprochen endlich eine Entscheidung in der Sache zu treffen. Ein Leit-Artikel des „Ccntral- OrganS für Handel uud Gewerbe" vom 9. Februar erinnerte den Finanz-Minister Krauß au die von ihm gesprochenen Worte: „In dem einigen Oesterreich kann es nur ein Geld geben!" und forderte ihn auf „diese Wahrheit ins Leben treten zu lassen. Oesterreichs Credit-Verhältnisse", hieß es weiter, „haben ohnedies genug durch die Uebcr- schwemmung mit Papiergeld gelitten, wir sowohl als unsere Väter wissen davon zu erzählen; nun auch verschiedene Gattungen Papiergeldes, ja zum Ucberfluß noch unfnndirtcs Papiergeld, und wir werden bald an jenem Ende sein, wo es dann weiter keinen Anfang mehr gibt". Da das „Central-Organ" bekanntermaßen in den vertraulichsten Beziehungen zu der Negierung selbst stand, so hatte August Zang ganz Recht sarkastisch zu crwiedern: „Wem predigt denn eigentlich die ministerialc Kassandra?" und mit Berufung ans das vor Monaten von der amtlichen „Wiener Zeitung" knndgemachte Allerhöchste Manifest und die Proclamationen des Feldmarschalls allen Ernstes zu fragen: „Welche Behörde ist es nun welche die Annahme des ungesetzlichen und nngiltigen ungarischen Papiergeldes verantwortct?" Die „Presse" Zang's war die ausgesprochenste Gegnerin jener Halbheit, „welche augenscheinlich die Interessen des Handels und Verkehrs nur noch mehr verwirrt und dem Staate in seiner bedrängten Finanzlage, anstatt neuer Ressourcen aus Ungarn, sogar die Tragung der Kosten der magyarischen Schilderhebung in Aussicht stellt". Dabei hielt die „Presse" den zuerst von Windisch-Grätz betonten Unterschied zwischen fundirtem und nicht-fundirtcm ungarischen Zettelgeld *) aufrecht, war für die gewissenhafte Einlösung des erster» und meinte, eine Verwechslung jener ursprünglichen Emission mit etwa späteren ungesetzlichen Fabricaten sei darum ansgeschloßen, „weil Kossnth das hiezu nöthige Papier von der Klein-Ncnsiedlcr Fabrik sich nicht verschaffen konnte, daher die Fälschung leicht zu erkenne» wäre" **). Fest und folgestreng blieb man sich nur im dreieinigen Königreich. Als um diese Zeit in den kroatisch-slavonischen Gränzgegenden wieder Kossnth-Notcn anftanchten erneuerte Emcrich Lentnlaj, „um von der Bevölkerung jeden Schaden und Nachtheil fern- znhalten", das am 13. Octobcr 1848 ausgesprochene Verbot der Annahme derselben mit dem Beifügen: „daß außer den österreichischen Banknote» die einzig und allein in unserem Lande hier wirklichen Werth haben, gar kein anderes Papiergeld Geldwerth hat, noch als solches angenommen werden darf", Agram 17. Februar 1849. *) Bd. IV 1 S. LOS. **) Lloyd Nr. 3 vom 2. Januar 1849 Abendblatt: „Das ungarische Papiergeld". Von der ungarischen Gränze wurde hier besonders der Gedanke anögeführt, daß die unvermeidlichen Nachtheile, mit denen eine Ungiltigerklärung der Kossuth'schcn Zettel den einzelnen Besitzer träfe, bei weitem nicht mit jenen größern Ucbelständen zn vergleichen seien die eine Anerkennung und Legalisirung des ungarischen Papiergeldes für die Gesnmmtheit nach sich ziehen müßte. Ein Leit-Artikel der „Presse" dir. 29 vom 15,. Februar „DaS ungarische Papiergeld", gezeichnet 8t. faßte diese Nachtheile in die Worte zusammen: „Wenn die Militairdotation von mehreren Millionen für die Bedürfnisse der Armee des Fürsten Win- disch-Griitz prompt und bis auf Heller und Pfennig allmonatlich von Wien nach Ofen-Pesth herabgesendet wird, dem Lande aber sogar seine laufende Steuerschuldigkeit mit einem werthlosen, sonst nirgends im Verkehre anbringlichcn Zahlungsmittel abzustatten erlaubt wird, so hat Ungarn mit der magyarischen Nebellion beziehungsweise ein gutes Geschäft gemacht. Wie natürlich würden in diesem Falle die übrigen Länder der Monarchie, welche zugleich für die noch von keinem ungarischen Reichstage anerkannten Staatsschulden haften, auch die Strafe dieser Nebellion zn tragen haben, Ungarn würde sein gesetzwidrig geschaffenes fast ganz werthloseö Papier durch eine lange Reihe von Jahren den Staats- Finanzen anstatt der Steuer auhäugcn, dafür aber sich an den für die Militairdotation monatlich von Wien in das Land entfließenden Millionen bald bereichern". S. auch „Der Lloyd und die ungarischen Banknoten-Frage" in der „Presse" Nr. 45, vom 22. Februar. Heifert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 29 450 Die im November 1848 III. Die von der Wiener Militär-Untersuch nngs- gefältten nn- voll Tag Name Herkunft ^ Stand nnd Lebensalter Aovemver 8. Robert Blum Leipzig Buchhändler 9. Eduard Jelowicki Hnbnik in Russisch-Polen — 10. Julius Fröbel Gricßheim inSchwarzburg- 43 Jahre alt Rudolstadt 11. Eduard Preß lern Edler Wien 32 Jahre alt v. Stern au 14. Johann Horvath Sagh in Ungarn Schuhmacher, 33 Jahre alt " Joseph Dangcl Anton Riklinski — Gemeiner des L.-J.-R. Heß Gemeiner des L.-J.-N. Nassau 11. Wenzel Messenhauser Proßnitz in Mähren Schriftsteller, 35 Jahre alt bis 14. 16. Anton Brogini Brünn ohne Profession, 29 Jahre alt 17. Wenzel Wartha Veirova in Böhmen Wächter im k. k. Augarten, 36 Jahre alt 18. Eduard Pallucci Wien L4ocl. Or., 35 Jahre alt " Ludwig BrzhiemSki Basel in der Schweiz ohne Profession, 28 Jahre alt 21. Johann Ritt, v. Vogtberg Wien Studierender, 20 Jahre alt „ Eduard Eigner Olmiiz Schnlgehilfe, 25 Jahre alt Ferdinand Schmalhofcr Scchshaus bei Wien Cattnndrnckcrgesclle, 20 Jahre alt „ Joseph Aigner Wien Porträtmaler, 30 Jahre alt 22. Alfred Julius Becher Manchester Redacteur, 45 Jahre alt " Hermann Jelinek Ung. Brod in Mähren Journalist, 25 Jahre alt gefällten und vollzogenen Strafurtheile. 451 Commission vom November 1848 bis Mär) 1849 Menen Ztrnfnrtheile. Verbrechen 1848 aufrührerische Reden nnd bewaffneter Widerstand gegen die kais. Trnppen thätige Thcilnahme am bewaffneten Aufruhr nnd Widerstand gegen die k. k. Trnppen Betheilignng am bewaffneten Widerstand gegen dicTrnpPen Sr. Majestät Thcilnahme am bewaffneten Aufstand Thcilnahme am Verbrechen des Aufruhrs, thätige Aufreizung zu einem Ausfälle gegen die k. k. Trnppen 1 treuloser und meineidlichcr Abfall von > ihren Truppen und Theilnahme an dem bewaffneten Aufstande Leitung des bewaffneten Aufruhrs in Wien, Umgebung und mehreren Provinzen anfwicgelnde Gespräche, insbesondere Drohungen über die nolhwendigc Ermordung hoher Personen fortgesetzte und thätige Theilnahme am bewaffneten revolutionären Aufstand Aufreizung zum bewaffneten Widerstand gegen die k. k. Truppen thätige Theilnahme am bewaffneten Aufruhr thätige Theilnahme am Aufruhr und bewaffneten Widerstand gegen die k. k. Trnppen Ab- nrtheilnng standrechtlich kriegsrechtlich standrechtlich kriegsrechtlich Strafe Ausführung Tod durch den Strang 8jähr, Schanz- arbcit in schw. Eisen Tod durch den Strang mit Pulver u. Blei vollzogen am 9. mit Pulver u. Blei vollzogen am 10. unbedingt begnadigt mit Pulver n. Blei vollzogen am 11. abends vollzogen mitPnl- veru.Blei am selben Tage mit Pulver u. Blei vollzogen am 16. mit Pulver n. Blei vollzogen am 17. 2 jähr. Schanzarbeit in leichten Eisen 3 jähr. Festnngsarrest in leichten Eisen 4 jähr. Schanzarbeit in leichten Eisen 1 jähr. Schanzarbeit in leichten Eisen dasselbe 1 Verbrechen des Hochverrathes, der be- ? leidigten const. Majestät und öffent- l liche Aufreizung zur Empörung unbed. Strafnachsicht lvollzogen am 23. mit Pulver und s Blei 29 * 452 Die im December 1848 Tag Name Herkunst Stand und Lebensalter Decemöer 1 . Mateo Padovani Triest israel. Confessio», Agent einer Versicherungs-Gesellschaft, 33 Jahre alt " Wenzel Pova Zcben, Oesterreich unter der Enns Concepts - Prakticant des Criminal-Gerichtes, 24 Jahre alt " Karl David Zweitel, Nicd.-Ocst. Schlossergeselle, 28 Jahre alt 6. Jacob Marzutto Portogrnaro Gemeiner des L.-J.-Reg. Ceccopieri, 32 Jahre alt 7. Johann Horvath Csodno, Ungarn Schmiedgeselle, 44 Jahre alt 9 . Johann Urban Wien berittene SicherhcitSwache, 37 Jahre alt " Alexander Skarbek von LeSzczhnßki Wien Privatier, 46 Jahre alt 11. Joseph Krivan Vlanlin in Böhmen Gemeiner des 12. Jägcr- Bat., 22 Jahre alt 12. Anton Hcizerath Wien Bauausseher bei den Erdarbeiten, 55 Jahre alt 13. Ferdinand v. Eisenbach Grätz k. k. Hauptmann in Pension, 51 Jahre alt -- Franz Laver Sinsler Fricdek, k. k. Schlesien Mechaniker, 38 Jahre alt 14. Wenzel Blaszek Podiebrad, Böhme» Schneidergeselle, 27 Jahre alt 15. Karl Pfaul Sechshaus bei Wien Fleischhauergcsellc, 23 Jahre alt 16. (kund^e- Camillo Frh. v. Schlechta Wien absol. Jurist, 25 Jahre alt I64S) Steckbriefe gegen: Oskar Falke (Georg Peter) und Adolf Buchheim Franz Fizia Ücrlisko (?), Schlesien Wachszieher, 54 Jahre alt gefällten und vollzogene» Strasurtheile. 453 Verbrechen Ab- urthcilung Strafe Ausführung 1848 Aufruhr Theilnahme am Aufruhr dasselbe meineidige und treulose Entweichung und bewaffnete Theilnahme an dem Verbrechen des Aufruhrs Verhehlung abzuliefcrnder Waffen und Munition Theilnahme am Aufruhr und bewaffneter Widerstand gegen die kaiscrl. Truppen Hochverrath und Theilnahme am bewaffneten Aufstande Meuchelmord und Subordinations- Verletzung im höchsten Grade tErschiestung des Oberjägers Auto» Keller) thätige Mitwirkung am Aufruhr thätige Theilnahme am bewaffneten Aufstand und erfolgreiche Förderung desselben Vorschublcistnng zu dem Verbrechen des bewaffneten Aufruhrs politische Reden gefährlichen Inhalts gegen die gesetzliche Ordnung Verbrechen der beleidigten Majestät, öffentliche Ruhestörung und Auf- rciznng Theilnahme am Aufruhr, Aufreizung zum Widerstande gegen die k. k. Truppen lind zum Capitulationsbruch thätige Theilnahme am bewaffneten Aufruhr unter Aufreizung zu diesem Verbrechen kriegS- rcchtlich Tod durch den Strang 4 jähriger FestnngSarrcst in Eisen 5jähr. Schanzarbeit in leichten Eisen Tod durch den Strang 5 jähr. Schanz- arbcit in Eisen owöchentl. Stock- Hausarrest inEisen mit Fasten bei Wasser und Brod einmal die Woche 8jähr. Schanzarbeit in schw. Eisen Tod durch den Strang 12 jähr. Festungsstrafc, 2. Ja». 18-Ig vollständig begnadigt (Wr.Ztg. Nr.s') während der Ueberfiihrung nach Theresienstadt durch Flucht entkommen erschossen am 13. 8 Uhr Vormittags erschossen durch Pulver und Blei 12jähr. Schanzarbeit 12jähr. FestnngSarrcst vollzogen am 15. 0 Uhr Vormittags 5 jähr. Schnitzarbeit in leichten Eisen 12 jähr. FestnngSarrcst unter Nachsicht der EhrlosigkcitSerklär. gänzlich nachgcschen 12jähr. FestungSarrest 12 jähr. FestungSarrest 454 Die im December 1848 und Januar >849 Tag Liame Herkunft Stand und Lebensalter 19. Miichael Schwind Hciligenfcld, Bayern Tischlergcselle,29 Jahre alt " Franz Stockhammer Bozen vx ni'vni'Hs-Felbwebel des Grcnad.-Bat. Richter, 27 Jahre alt Albert Cygan Corporal der 2. Grenad.- Comp. des J.-N. Hartmann 28. Johann Grünzweig Rndolsstadt, Böhmen Weber, 39 Jahre alt Johann Fnrchtmaher Wien Taglöhncr, S4 Jahre alt " Ignaz Sziletzky Teschen Posamcnticrergeselle, 51 Jahre alt Theodor Ganz — Gemeiner bei Hoch- und Deutschmeister 30. Bartholom. Hofstädter Rausingen (?), Nicd.-Oest. Kutscher, 28 Jahre alt 31. Steckbrief gegen Karl Taufen an Jamlar 2. Ludwig Raveanx Kölie in Preußen Handels-Agent, 33 Jahre alt „ Fr. Leopold Schön in gen Wien Buchbinder, 58 Jahre alt " Louis v. Alvcnsleben Berlin chem. preuß. Lieutenant, 48 Jahre alt 4. Karl Brand, angeblich Freiherr v. Brand Leipzig (evangelisch) Schauspieler, 48 Jahre alt " Martin Halindienst Guntramsdorf, Nied.-Ocst. Hansmcistcr, 41 Jahre alt " Johann Wegcle Wenzel Nowak Wien Schönwcid in Böhneen Ollir., vorm. Unterarzt im Inf.-Neq. Schwarzenberg, Jahre alt Lithograph, 38 Jahre alt » Franz Hipfel Wien Inhaber einer Musikschule iu der Iosephstadt, 34 Jahre alt 5. Anton Pokorn/ Latein in Mähren ehem. k. k. Lieutenant, Diurnist beim Ncchnungs - Departem. deö Katasters, 46 Jahre alt 6. Lucas Tcslnk - — > Gemeine des Jnf-Reg. " Ignaz Kovalöik < tllassan gefällten und vollzogenen Strafurtheile. 455 Verbrechen Ab- urthcilnng Strafe Ausführung Verhehlung einer Waffe Verbrechen des Aufstandes, erschwert durch treulose und meineidige Entweichung " Ijähr. Schanz- arbeit in leichten Eisen Degradirnng zum Gemeinen und Tod durch den Strang 6 inonatl. Stockhausarrest in Eisen erschossen am 22. stark beinzichtigt wegen Theiluahmc am bewaffneten Aufstande Theiluahmc am bewaffneten Auf- i stände I kriegs- rechtlich nach Anlei- tuugderbeste- /henden Civil- l strafgesetze beständige Degra- dirung zum Gemeinen u. S sähr. Schanzarbeit in schweren Eisen 3jähr. schwerer Kerker 2jähr. schwerer Kerker Theiluahmc am Aufstande, erschwert durch wiederholte Desertion und Arrcstentweichung Theilnahme am bewaffneten Aufruhr 1 kriegsrechtlich nach Anleitung der bestehenden Civil- strafgesetze 10 jährige Schanzarbeit in schw. Eisen 6jähr. schwerer Kerker 1849. 1 Thätigc Theilnahme an dem bewnfs- > neten Widerstande gegen die Trup- I Pen Sr. Majestät im Oetobcr 1848 kricgS- rechtlich Tod durch den Strang 3jähr. Festungsarrest 3 « Verbrechen des Aufruhrs " " 1 „ verbrecherischer Antheil an dem bewaffneten Aufruhr " 2jähr. schwerer Kerker lO mouatl. leichter Kerker Theiluahine am Ausruhr 6 inonatl. einfacher Kerker 5jähr. schwerer Kerker Theilnahme am Aufruhr (October ' 1848) nach den nunmehr in An- wendunakom- mendcnEivil- strafgesetzen 4jähr. schwerer Kerker Ijähr. schwerer Kerker 5jähr. schwerer Kerker Desertion und Theilnahme am Aufruhr kricgs- rechtlich Tod durch den Strang lOjähr. l Schanzarbeit 5 „ / iie schw. Eisen 456 Die im Januar 1849 Tag Name Herkunft Stand und Lebensalter 8. Johann Hoch (Hoh?) Schwcistdorf in Bayern Hausknecht, 85 Jahre alt 11 . Johann Satter Heiligcnkrcuz, Steiermark Lleä. Or., 16 Jahre alt Adam SengSbratl ^ Grenadiere von Hoch-und „ Engelbert Sohka — ^ Deutschmeister Fabian Praschil Pionnicr » Marcus Lei kam — Pionnier 16. Vinccnz von Empergcr Klagenfurt Or. der Rechte, Dcputirter des steirische» Landtages, 32 Jahre alt Andreas Schumacher Wien Schriftsteller, 46 Jahre alt " Eduard Freih. v. Callst Wieil (helv. Conf.) Geometer bei der Nordbahn, 56 Jahre alt " Ludwig Ribarz St. Pölten Handlungsagent, 52 Jahre alt " Johann Zw eitler Wien Ncchnungsrath dcrk.k.Hof- KriegSbuchhalt., 53 I. alt 18. Karl Bürgermeister Tissa (Lissa?) in Böhmen Rechnungsrath der k. k. Post- buchhaltnng, 52 Jahre alt 19. Alexander Pcplovsky Bustin (Pustynia?) in Galizien blecl. vr., Secundararzt im allgcm. Krankcnhausc, 28 Jahre alt 24. Heinrich Maier Wien Blumenmacherund Lcichcn- Reguisiten-Verschleißer, 41 Jahre alt " Jgnaz Gerhold Ober-Döbling bei Wien Schuhmachergesclle, 49 Jahre alt " Maxim. Mandclbanm Ellliigcn in Bayern Schuhmachcrmeistcr in Wien, 40 Jahre alt 25. Joseph Hauk Trasdors, Nied.-Oest. obligater Schmiedgesclle im k. k. Wiener FuhrwcsenS- Depat " Andreas Kcrschdorfcr Wien Corpora! der Gren.-Divi- sion Großhcrzog v. Baden " Heinrich Moroschck Wie» Gemeiner der Grcn.-Divi- sion Heß 27. Joseph Barthol. Stapf Knpprichshauscn im Groß- hcrzogthum Baden Anstreicher,Parteiführcrbci d. Arbeitern am Brünnl- seld, 47 Jahre alt " Vincenz Wilhelm befugter Schneider gefällte» und vollzogenen Strafnrthcile. 457 Verbrechen Ab- urtheilnng Strafe Ausführung Verbrechender öffentlichenRuhestörung (Schmähung Sr. Majestät) aufrührerische Reden und Bemühungen zur Fortsetzung des Widerstandes (Octobcr 1848) ^ Desertion und Theilnahine am Auf- l rühr (October 1848) Desertion und Theilnahine am Aufruhr (Octobcr 1848) Theilnahine am Aufruhr und bewaffneten Widerstande gegen die Truppen Sr. Majestät (Octobcr 1818) aufreizende Gaslhansreden gegen Sr. Majestät und hohe Personen ^ Theilnahine am Aufruhr (1848) Theilnahine am Aufruhr (1848) und eigenmächtige Entfernung I Desertion und Theilnahine am Aus- l rühr Theilnahine am Octoberanfstandc Aufruhr (October), Majcstätsbelcidi- gung, Waffcnverheimlichung kriegsrechtlich nach Anleitung der bestehenden Civil- strasgcsetze kricgs- rcchtlich nach Anleitung der bestehende» Civil- strafgcsetze kriegsrechtlich Kmonatl. Arrest in Eisen 3monatl. einfacher Kerker )8jähr.Schanz- !arbeit in schw. ^ Eisen iojähr. Schanzarbeit in schweren Eisen lOjähr.Schanz- arbcit in schw. Eisen 18jähr. schw. Kerker iojähr. schw. Kerker 7jähr. schw. Kerker 4jähr. schw. Kerker 3 jähr. schw. Kerker 6jähr. schw. Kerker Ijähr. schw. Kerker 2jähr. Schanzarbeit iu leichten Eisen I jähr. schw. Kerker 5 jähr. schw. Kerker 5 jähr. Schnitzarbeit in leichten Eisen Tod durch den Strang iojähr. schw. Kerker Tod durch Pulver und Blei 2 jähr. schw. Kerker 2 jähr. schw. Kerker 2 jähr. einfachen Kerker 8monatl. schw. Kerker 2 jähr. schw. Kerker mit Pulver und Blei vollzogen am 25. Januar 1849 vollzogen am 27. H/zllhrNachmit- tags 458 Die im Januar und Februar 1849 Tag diame Herkunft Stand und Lebensalter 27. Stephan Otruüina Straßnitz in Mähren Gemeiner des 12.Fcldjägcr- Bat., 20 Jahre alt 30. Georg Pfeiler — „ Georg Engleituer „ Mathias Lockinger '' Liathias Hofer Ignaz Karlinger — " Simon Humcnberger Joseph Salberg Grenadiere des Bataillons v. Richter Joseph Steiuinger — " Johann Erlinger Joseph Auer " Johann Hutter Martin Schüssel Philipp Ob er müll er 31. Mathias Dehcn Hirbcrlingen in Würtcm- berg Rcalinvalidcn-Fcldmcbcl im k. k.Jnvalidenh.zuWicn, 60 Jahre alt Jevruar 1. Ignaz Haut Przcmy4 Gürtler, 35 Jahre alt „ Julian Gosler Leinberg Privatlehrer, 30 Jahre alt " Franz Szerbowsli Oswivcim Zeichner und Daguerotypist, 32 Jahre alt „ Elias Jarosicwicz Lemberg Mahler, 21 Jahre alt „ Franz Olaw Warschau Emigrant, 31 Jahre alt Jacob Gürtler Krakau Studierender, 23 Jahre alt 2. Wilhelm Büchler Unter-Meidling bei Wien ohne Profession, 42 Jahre alt " Johann Fara Radvanov in Böhmen Landwehrmann des 11. L.- J.-R., 30 Jahre alt „ Johann Thnrgärtncr Wien Schneider, 56 Jahre alt „ Engelbert Mahler Groß-Poppen, Nicd.-Ocst. Kutscher, 25 Jahre alt 3. Joseph Janko Grasenschlag, Ober-Oest. Gemeiner des J.-R. Heß, 27 Jahre alt gefällten und vollzogenen Strafnrthcile, 459 Verbrechen Ab- urthcilnng Strafe Ausführung Theilnahme am Aufruhr und Desertion (October 1848) Theilnahme am Aufruhr und Desertion Theilnahme am Octoberanfstand und Desertion aufreizende Gasthausreden 18 - 19 . bewaffnete Theilnahme am October- ansstandc Waffcnvcrhcimlichnng ^ Theilnahme am Octobernufstandc 1 Majestätsbcleidignng Theilnahme am Aufstand und Desertion kricgs- rcchtlich nach dcu Be- stimamugca der Cidilstraf- qesetze lriegs- rechtlich Tod durch den Strang Tod durch den Strang I 5 jlihr. Schauz- - ardcit in schwe- k rcn Eisen -Ijichr.SchlMMbeit in leichten Eisen in Verlust des Jnvu- lidcu-BencficiumS ojähr. «öS L d- g jähe. Schuuz- uevcit in leichten Eisen I jähr. schw. Kerker lOuronatl. Stockhausarrest k sähen Schlinz- arbeit in leichten Eisen vollzogen durch Pulver und Blei lOjähr. 10 8 8 8 8 8 jähr. 3 :L> G >s> o " 1 -bZL 2 „ 10 maliges LI 3 jähen 3 „ 1 „ 1 „ Omouall. schwerer Kerker 10 malig. Gasscnlaufcn durch 300 Manu Tag Name Herkunft Stand und Lebensalter 6. Leopold Wittenberg Pest (cvang.) Handelsmann, 38 Jahre alt " Christian Plattenstcincr illürnberg quitt. Kürassier-Lieutenant, 43 Jahre alt 9. Will). Franz Scndeczkh Wien Studierender der Technik, 16 Jahre alt 15. Franz Pfeiffcrcr Windschacht, nächst Schem- nitz HandlungS-Commiö, 25 Jahre alt 19. Adam Kunkel Wien ohne Beschäftigung, 44 Jahre alt 22. Aloys Hüffner Aschasfcnburg vacircnder Tischlergcsellc, 54 Jahre alt 26. Isidor Matzka EberSdorf a. d. Thaha Kutscher, 30 Jahre alt ,, Joseph Nogcndorfer Wien Gürtler, 37 Jahre alt 28. Martin Pauser Opocnic in Böhmen Maurer, 40 Jahre alt März 2. Joseph Numsaucr Körmend Schmied, 25 Jahre alt " Joseph Schneider Wien Seidcnzeugm. vom Schot- tcnfcld, 42 Jahre alt " Eduard Merlitschck Stcinitz in Mähren Handlungs-Buchhalter, 28 Jahre alt " Wilhelm Ehrlich Neutra» im Großhcrzog- thum Baden Schriftsteller, 30 Jahre alt Joseph Nogcndorfer siche 26 . Februar Anton Baukal Starkcnbach Hörer der Rechte, 21 Jahre alt 7. Leopold Koller Wien Buchbindergeselle, 24 Jahre alt " Matthäus Timmel Loveic in Böhmen Schneidermeister, 48 Jahre alt 8. Friedrich Bencdetti Grätz, Steiermark Juwelier, 38 Jahre alt " Georg Fichtl Greit, Nicd.-Ocst. Hausmeister auf der Wieden, 28 Jahre alt Magdalena Fichtl Chrudim 33 Jahre alt Thomas Akoda Chrostov in Mähren Maurer, 49 Jahre alt IN. Steckbriefe gegen V i o l a n d, Kudlich, Fitster gefällten und vollzogenen Strafurtheile. 461 Verbrechen Ab- I urtheilung Strafe Ausführung kriegs- 8jähr. schw. 5jähr. schw. Kerker !- Theilnahme am Octoberausstand rechtlich Kerker 6jähr. schw. 4jähr. einfacher Kerker Kerker freche Reden gegen Militär-Autoritäten " 3 wöchentl. Stockhausarrest Waffenverheimlichuug " 8 monatl. Stockhausarrest Theilnahme am Aufruhr nach den Bestimmungen derCivilstraf- 5jähr. schw. Kerker gcsche ^ Waffenverheimlichuug stand- Tod durch vollzogen durch rechtlich de» Strang Pulver und Blei > stand- 2jähr. Schanzarbeit in / Waffenvcrhcimlichnng rechtlich leichten Eisen „ „ vollzogen durch Pulver und Blei 184V. I Unzukömmliche und aufreizende nach den Bestimmungen 3 monatl. Stockhausarrest in Eisen < Reden derCivilstraf- 8 monatl. Stock- 1 gesehe hanSarrestinEisen Theilnahme am Aufruhr 7jähr. schw. 5jähr. schw. Kerker Kerker Theilnahme am Octoberausstand und 12jähr. schw. öffentliche Aufwieglung — Kerker gänzlich begnadigt — all instantia los- gesprochen aufrührerische Reden kriegs- Tod durch 2jkhr. Schanzarbcit in rechtlich den Strang leichten Eisen Majestätsbeleidigung durch verbreche- 0 monatl. Stock- rische Lästerungen Hausarrest in Eisen Theilnahme am Aufruhr und Auf- „ 12jähr. schw. rcizung dazu Kerker l stand- 3 monatl. Stock- > Waffenverheimlichuug rechtlich Hausarrest inEisen j 6 wöchentl. Stock- Beschimpfung von Soldalen Hausarrest 8 wöchentl. Stock- Hausarrest in Eisen 462 Di? im Marz 1849 Tag Name I ! Herkunst ^ l Stand und Lebensalter 12. Friedrich Lenganer Wien Pächter der Meierei zu Unter-Meidling Nr. 17, 23 Jahre alt 14. Anton Haselrieder Wien Tischler und Hausmeister, 36 Jahre alt Johann Politik« Beneschan in Böhmen Patent.-Jnvalide, 46 Jahre alt 19. Franz Wangler Tyß in Böhmen Schmiedgeselle bei d. Glogg- nitzer Eisenbahn, 46 Jahre alt " Carl Brambosch Wien Goldarbeitergehilfe,22Jahrealt (ließ sich 2-l. Jan. bei Deutschmeister als Gemein, anwerben) " Thomas Jurkovich Peruchich,Otooaner G.-J-- R.-Bezirk besagter Schneider, 36 Jahre alt - Franz Kohl Eisengraberamt Herrschaft Gföhl, Nied.-Oest. Tischlergeselle, 22 Jahre alt „ Johann Johl Witzelsdorf, Nied.-Oest. Webergeselle, 30 Jahre alt 22. Thomas Kemps Wien Fleischselcher ain Spittel- bcrg, 36 Jahre alt „ Franz Ningberger Wien Baunbcrgehcr, 42 Jahre alt 26. Alois Leithe Wien bürgl. Goldarbciter, ->4 Jahre alt " Franz Sohr (Szor?) Wien Privatbeamter, 31 Jahre alt 29. Joseph Salsizky Wien Bnchdrnckergehilfe, 33 Jahre alt " Anton Furch Raase, k. k. Schlesien Schneider-geselle, 28 Jahre alt Philipp Schneider Geras, Nied.-Oest. Bäcker, derzeit Kleider- und Stiefelputzers 1 Jahre alt gefällten und vollzogenen Strafnrtheile. 463 Verbrechen Ab- urtheilung Strafe Ausführung Waffenverheimlichnng kriegs- Tod durch 12monatl. Stockhaus- rechtlich den Strang arrest in Eisen, durch Melden Freilassung > „ 5jähr. schw. 1 Theilnahmc am Aufruhr Kerker „ lOjähr. schw. 1 Kerker Tod durch den Strang vollzogen am Mitschuld an dem Morde 20. März > Latolir's nach eiaenem Ge- ständnis " " 20jähr. Schanz- arbeit in schweren Eisen l S wochcntl. Stock- i Schmähungen gegen das Militair Hausarrest in Eisen j L wochentl. Stock- Hausarrest in Eisen Schmähungen gegen das Militair und 7monatl. Pro- monatl. Profosien- Waffenverheimlichnng foßenarrcsti.Eisen arrest in Eisen Schmähungen gegen das Militair und 8monatl. Pro- gegen die Regierung foßenarresti.Eisen a monatl. Stock- 4monatl. Profoßen- Hausarrest in Eisen arrest in Eisen aufreizende Reden gegen Regierung 5monatl. Stock- und Verfassung hansarrestin Eisen 2monatl. Stock- hansarrestin Eisen ß 7 °'' V ^ ^ s/ '-e-A' Anmerkungen. 1) S. 6. Belehrung über die Vorsichtsmaßregel» gegen die Cholera, Wien 4. Fe. brnar 1849 si Wr. Ztg. Nr. 44 vom 21. S. 511 f. Daß bei der ernstcn Sache der ln- stige Nach nicht fehlte und den Aengstlichen lange Listen von Präservative» und Behandlungsmethoden entgcgenbrachte, lag nahe; ein Beispiel s. Prager Abendblatt vom Januar 1849 S. 117. Auch der „Wiener Punch" blieb nicht zurück. „Was ist die Cholera? Anarchie von oben und unten. — Europa wird jetzt von dem Nuhr'schen Drilling beherrscht: Aufruhr Sprechruhr Brechruhr". . . Die vorausgegangene Wasfergefahr nahm die Aufmerksamkeit der Publicistik in ernsten Anspruch. In einen, Artikel der „Presse" 1849 Nr. 21 vom 25. Januar „Die Ueberschwemmung in Wien" wurde der Gedanke ausgcführt durch Regulirung der Donau und vorzüglich des Wiener Donau-Canales der Wiederkehr ähnlicher Katastrophen vorzubcugen: „In Anbetracht der Hunderte von Millionen die der Staat für Eiscnbahnbauten verausgabt hat, während für die Regulirung unserer Flüße wenig oder gar nichts geschah, wäre es für das Wohl der Residenz, welche mit keinem geringen Betrage an den Staatslasten theilnimmt, dringend angezeigt dem Schutze derselben gegen Uebcrfluthungen entsprechende Beachtung zu widmen". Der Aufruf war zunächst an da« Ministerium der öffentlichen Bauten gerichtet, das sich „kein geringes Verdienst um Wien und um dessen Schifffahrt«- und Handels-Verhältnisse, die auch mittelbar tausend Vortheile mit sich führen, erwerben" würde, wenn cs jener Angelegenheit seine Aufmerksamkeit zuwcnden wollte. 2) S. 6. Den detaillirten Nachweis s. Protocoll der Gemcinderath-Sitzung vom 15. Wr. Ztg. Nr. 19 vom 29. Januar 1849. Auffallend dabei war daß Tyrol nicht eine» Heller gesandt hatte, eine zur Schau getragene Ablehnung des October-AufstandeS. Dann fiel die sehr geringe Bctheiligung Deutschlands auf; cs waren in allem 100 Ducatcn aus Frankfurt am Main cingelaufcn, so daß der Wiener L-Corrcspondcnt der A. A. Ztg. Nr. 22 vom 22. Januar S. 329 nicht Unrecht hatte zu bemerken: „Wird man cS den Wiener» verübeln daß, wenn sie an die Summen zurückdenken die sic seinerzeit nach Hamburg geschickt haben rc., die deutschen Sympathien bei ihnen etwas im Curse gefallen sind?" 3) S. 6. Wr. Ztg. Nr. 20 vom 24. Januar. Die Allerhöchste Entschließung da- tirte vom 22. und wurde durch dieselbe Graf Stadion zugleich angewiesen „den Gemeinderath über die Frage zu vernehmen in welcher Weise der Noth und traurigen Lage, in welche viele Bewohner der Haupt- und Residenz-Stadt Wien durch die jüngsten Ereignisse versetzt worden sind, am wirksamsten und nachhaltigsten abgcholfen werden könne"; Aninerkiingen. 465 die diessälligen Anträge sollte» dem Kaiser „mit möglichster Beschleunigung" vorgelegt werden. Der Gemcinderath beschloß in seiner Sitzung vom 23. eine aus den» Präsidenten nnd den Gcmeinderäthen Koch und Maurer bestehende Dankes-Deputatio» an Se. Majestät, sowie die Niedcrsetzung einer Commission aus neun Mitgliedern — Zelinka Gräff Khnu Kluger Leykum Jacks Maurer Berkowitsch Lcchner — „zur unverzüglichen Berathnng der verlangten Anträge". Unter den von Privaten zu Gunsten der Ucberschwemmtcn einlaufenden Beträge»» wurde einer des Fürsten Dietrichstein von 2000 fl. durch ein besonderes Dankschreibe» des Geineinderathes erwiedert. 4) S. 7. Sitzung von» 31. Januar 1849. Der Wiener Genieinderath hatte zwar schon am 29. December 1848 auf Karl Bcrnbrnnn's Antrag die Anwendung des unglückseligen Beschlußes vom 11. Oktober, betreffend die Versorgung der in» Dienste der Gemeinde erwerbsunfähig gewordenen und mittcllosen Personen, auf jene beschränkt die in der Zeit von» 11. bis zum 28. als den» Tage der Capitulation verunglückt wären, und am 5. Januar 1849 rundweg verlautbart daß die Bestimmungen jenes Beschlußes „für künftige Fälle" keine Anwendung fänden. Allein die Behelligungen in dieser Richtung hörten darum nicht auf. Hier verlangt der Seidenzeugmacher-Geselle Karl Zirin Vergütung der Kosten für einen künstlichen Arm den er sich anfertigcn lassen; da »neidet sich Margaretha Nißl, deren Mann als Hauptmaini der Linzer Nationalgardc gefallen, mit dein Anspruch auf eine Pension; dort fleht die SchneidcrSwitwe Katharina Postelka, deren Sohl» Heinrich, ihre einzige Stütze, zum Kampfe gezwungen und darin getödtet »vorbei», um eine Unterstützung rc. Wenn auch die meisten dieser Gesuche abgewicsen wurden, hin und wieder, »nie in dem letzterwähnte» Falle, fanden sich die Väter der Stadt doch veranlaßt Gnade für Recht ergehen zu lassen. Aehnlich verhielt sich der Ge- »neinderath gegen Entschädigungsansprüche anderer Art die sich ins endlose steigern wollte». Da kamen alle die unter den verschiedenste» Titel»» für den Aufstand hatte»» Opfer bringe» »nüßen: Leop. Schadlbauer's selig. Witwe und Sohn 25 fl 39 kr. für von» Studcnten- Conüto requirirtc Artikel zur Erzeugung von Zündern; Jos. Lieber»»»»»»» 745 fl. für zun» Barricaden-Bau in der Lcopoldstadt gelieferte Krampen und Schaufel»; Kaufmann Schulz auf der Wieden für an das Nationalgardc-Obcrcommando und sei»» Grundgericht aus- gefolgte 162 Pfund Schrott und Blei; Großsuhrman» Karl Muck für Fuhren; Schlosser- »neistcr Anton Bcrnt für Arbeiten in der Salzgries-Caserne die sie im Aufträge des Commandanten der Mobilgarde hatte»» leisten müße» u. dgl. in. Es waren aber nicht blos Private die sich in solcher Weise meldeten: die k. k. nicd.-östcrr. Can»eral-Gcfälle»-Ver- waltung erschien mit einer Rechnung von 19 fl. 39 kr. die ihre Leute a» der Nußdorfer- Linie für Zwecke der National- und Mobilgardc bestritten hatten; die Gemeinde Gumpcn- dorf mit einer von 852 fl. als der Auslagen für Abtragung der Barricadc» nnd Herstellung des Trottoirs; die Nordbahn-Direction mit zwei Rechnungen zu 385 fl. und 400 fl. für Separattrains städtischer Deputationen nach Olniüz, die eine des Gcmeindcrathcs, die andere der Nationalgarde, dann mit einer dritten betreffend die Transportkosten der Brünner Nationalgardc nach und von Wie» rc. Von diese» drei Posten anerkannte der Geineinderath nur die erstere; die zweite wnrde für nicht-liquid erklärt, die letzte so wie ähnliche Forderungen die sich ans den Zuzug der Brünner und Linzer Nationalgarde bezogen, ebenso eine Rechnung des Gastwirthcs Franz Novak „vom weiße» Roß" in der Lcopoldstadt für Einquartierung Brünner Nationalgarden seichte der Gemcinderath dadurch von sich abzuwälzen, daß nicht er, sondern die Reichstags-Permanenz diese Zuzüge veranlaßt habe. Eine bedeutende Forderung stellte die Gesellschaft der Musikfreunde mit 848 fl. 4 kr. für Wiederherstellung ihrer Saal-Räumlichkeiten die durch die nlehrmonatlichen Sitzungen des Sicherhcitsansschußcs allerdings arg gelitten hatten; seitens des Geineinderathes be- Helsert, Geschichte Oesterreichs. IV. L. 30 466 Anmerkungen. schloß man thcilwcisen Ersatz, der überdies der Gesellschaft vom Gcmeindcansschuß bereits zugesichcrt worden war. Die im Text erwähnten Firmen Speckcr rc., dann die Wiener ausschl. priv. Daiupfmühl-Actien-Gesellschaft, Jos. Jordan's orientalische Kappen-Fabrik, Christ. Hasenauer für sich und seine Gattin Karolina als Besitzer der Realitäten Nr. 12/13 am Schüttl wandten sich, als der Gemeindcrath sich unwillfährig zeigte, an den Reichstag 2. Januar 1849 „um geneigte Vermittlung der Entschädigung durch die hohe Staatsverwaltung", der die Eingabe im Februar an das Ministerium des Innern Z. 1834 LI. I. abtrat. 5) S. 8. Am 21. Februar war im Ministerrathe beschlossen worden, in die Verhandlung der in Folge der Octobcr-Ereignisse sowohl an ärarischcin Gute als an dem Privat-Eigenthum von Osficiercn und Mannschaft der aus der aufständischen Stadt hcr- ausgezogcnen Trnppenkörpcr vorgcfallenen Beschädigungen einzugchcn und dem Wiener Gemcindcrathe alle hierauf bezüglichen Behelfe abznfordern. Die städtische Behörde hatte nämlich schon vorlängst Schadenerhcbungs-Commissionen in die einzelnen Quartiere der Stadt und Vorstädte entsendet, deren Protocolle im Gcmeinderaths-Bnreau für jeden Beschädigten zur Einsicht offen lagen; diese Protocolle wurden sodann an die städtischen Sammlungs-Commissionen abgegeben, weil sie zur Grundlage der Bethcilnngcn ans den cingegangenen Sammlungsgeldcrn dienten, Sitzung des Gemeinderathes vom 9. Februar 1849 Nr. 11s. Wr. Ztg. Nr. 46. In der Sitzung des Gemeinderathes vom 23. wurde auf Antrag Dr. Zclinka's beschießen sich an das Ministerium mit der Bitte zu wenden, die beabsichtigte Verhandlung auch auf die von Privaten ans dem Civilstandc erlittenen Schäden anszudchucu, was auch geschehen zu sein scheint. Eine theilwcise Entschädigung floß jenen Privaten, deren Gut bei der privil. östcrr. Brandschaden-Versicherungs- Gesellschaft assecnrirt war, dadurch zu daß ihnen diese Gesellschaft, obwohl nach ihren Statuten zu einer ordentlichen Schadloshaltnng nicht verbunden, eine außerordentliche Beisteuer zusicherte die durch eine auf alle Theilnchmer nmznlegende Bcitragsleistung zusammengebracht werden sollte. 6) S. 8. Die wicderhcrgcstellte „Ruhe und Ordnung" in Wien in Kcil's „Leuchtthurm" 1849 Nr. 4 S. 75—77. Auf eine an den Betroffenen von mir gerichtete briefliche Anfrage ob sich die Sache wirklich so verhalten, erhielt ich als Antwort ein einfaches „Ja". Die Verfolgung Silbcrstein's, der sich in jener Zeit irgendwo in Deutschland anshielt, war übrigens sehr begreiflich, da er fortfuhr heftige Artikel, theils mit seinem vollen Namen theils mit 8. gezeichnet, gegen Oesterreich zu schreiben; so z. B. in Keil's „Leuchtthurm": „Kais. König!, österreichische Launen" Nr. 6 S. 97—99; „Metternich in Olmüz" Nr. 9 S. 139—141 rc. rc. 7) S. 8. Wr. Ztg. Nr. 46 vom 23. Februar S. 530. lieber die ersten fünf s. Bd. III S. 177. Wohin sich Hammerschmidt und Wutschel gerettet hatten ist mir unbekannt; die steckbriefliche Verfolgung Wutschel's bezeichnet denselben als absolvirten Juristen, von Brünn in Mähren gebürtig, 26 bis 28 Jahre alt, katholisch, ledig. Fennebcrg hielt am 15. Februar abends in Frankfurt eine Vorlesung über die Wiener October- Ereignisse, erhielt aber einen Wink die Stadt zu verlassen, wenn er nicht an Oesterreich ausgeliefcrt werden wolle. — In der Sitzung der II. sächsischen Kammer vom 29. Januar interpellirte der Abgeordnete Riedel wegen angeblicher Ausweisung österreichischer Flüchtlinge aus dem königlichen Gebiete. Der Staats-Minister Oberländer antwortete: es sei ein einziger Fall vorgckommen, wobei es sich nur einen österreichischen Deserteur gehandelt habe den man nach dem Cartel vom 19. März 1831 hätte ausliefern müßen, man habe ihn aber nicht gefunden; im übrigen entspreche cs den Ansichten der Regierung nicht, politische Flüchtlinge die das sächsische Gastrecht in Anspruch nehmen auszuwcisen; Anmerkungen. 467 die Regierung werde diesen Grundsatz mit den vorkommcndcn Fällen in Einklang zu bringen suchen. Sowohl der Interpellant als die Kammer nahinen diese Erklärung mit großer Befriedigung entgegen. — In der 169. Sitzung der Natioual-Versamm- lung zu Frankfurt 9. Februar richtete der Advocat Werner von Oberkirchen im Ba- den'schen an den Reichs-Minister der Justiz Robert v. Mohl eine den Abgeordneten Maxim. Joseph Gritzner betreffende Interpellation. Gritzuer hatte als Hof-Secretär beim k. k. Gencral-Rechnungs-Directorium eine voin Präsidenten Grafen von Wilczek am 27. Januar Unterzeichnete Zuschrift erhalten, laut welcher er wegen „Theilnahme an den letzten October-Ercignissen" und der in Folge dessen gegen ihn eiugelcitctcn Crimiual- Nntersuchung von Amt und Gehalt suspendirt und ihm letzterer vom 1. Februar an eingestellt wurde. Darin liege, meinte Werner, eine Verletzung des Reichsgesctzes vom 30. September 1848, kraft dessen Art. 1 ein Mitglied der Rational-Versammlung ohne Zustimmung derselben nicht in strafgerichtliche Untersuchung gezogen werden dürfe. Die Antwort die der Minister in der darauf folgenden Sitzung vom 15. gab lief darauf hinaus, daß man nicht wisse ob die österreichische Negierung geneigt sein werde das Gesetz der deutschen National-Vcrsammlung zu respectiren. — Leopold Häfncr war, wie wir wissen (Bd. I S. 124 f. Anm. °"), aus den Spielberg gebracht worden, den er später mit der Festung Joscphstadt vertauschen mußte. Wenn man in diesem Punkte Füstcr (II S. 285) glauben darf, war Häfncr nicht ein eiuzigcSmal verhört worden und wurde sehr streng gehalten, wurde nicht einmal in den Hof gelassen um Bewegung zu machen. Plötzlich finden wir ihn frei und die Rolle die er von da an spielte, läßt wohl darauf schließen daß cs ein sonderbarer Pact gewesen sein muß den er mit der Negierung geschlossen. 8) S. 8. Das Gerede wegen der Hetzendorfcr Hinrichtungen wurde vom Pfarrer daselbst öffentlich in Abrede gestellt. Unter den Personen die, wie es hieß, verhaftet worden seien, befand sich Professor Schrötter vom Polytechnicum, weil er die Fabrication von Pulver für die Aufständischen geleitet haben sollte; Schrötter befand sich aber gerade damals im Begriffe eine wissenschaftliche Reise anzutrcten, ich denke nach England. Viel wurde von der angeblich am 15. Januar erfolgten Verhaftung des RechnungSrathes der k. k. Postbuchhaltung Karl Bürgermeister, der sich im Octobcr compromittirt hatte und am 18. darauf verurthcilt wurde, gesprochen. In einem Wiener Brief vom 8. Januar in den Leipziger „Wiener Boten" I S. 105 werden „drei sehr chrenwerthe kaiserliche Hofräthe" erwähnt, die „als sie vom Ban Jelaeiö, bei dem sie gespeist hatten, zurückkchrten, von den Polizei-Schergen auf offener Straße ergriffen, in Fiacres geworfen und in Haft genommen wurden, in welcher sie eine ganze Nacht zubringen mußten". Die Thatsache, die sich in der ersten Hälfte Deccmber 1848 ereignet haben müßte, ist mir unbekannt, und ich würde jedem dankbar sein der mir zum Verständnis derselbe» verhelfen wollte.. . Gegen Ende Deccmber 1848 wurde vom Ministerium der Vorschlag angeregt, eine Anzahl Individuen die sich schon seit Wochen in Haft befanden an das Criminal-Gcricht abzugcben „da die Militair-Gerichtc ohnedies zu keinem befriedigenden Resultate kämen". Melden schien anfangs darauf eingehen zu wollen, schrieb aber am l. Januar 1849 dem Fürsten Schwarzenberg daß es doch bester beim alten bliebe, „da die Kriegsgerichte ihre Sache ganz gut machen". Wahrscheinlich hatte er beim Feldmarschall ungefragt der am 7. seinem fürstlichen Schwager schrieb, Melden wisse dafür zu sorgen daß von Seite der Militair-Gerichtc erschöpfende Resultate über das verbrecherische Treiben der Schuldigen gewonnen werden; er zweifle „daß die gewöhnlichen Criminal-Gcrichte hierin besseres zu leisten im Stande sein würden". 9) S. 8. OtruLina Gemeiner vom 12. Jäger-Bataillon (s. Bd. II S. 316) wurde nicht wie die früheren im Stadtgraben, sondern in der Nähe des Belvedere erschoßen. — 30* 468 Anmerkungen. Am 2. Januar war Franz Leopold Schöninger Hauptmann beim I. Bürger-Regiment zum Tode durch den Strang vernrtheilt, jedoch darnach zu dreijährigem Festungs-Arrest begnadigt worden; nach den „Wiener Boten" I S. 74 s. hätte er nur „im Oktober eine Pistole mit sich hcrumgetragcu und sie einigen Leuten, die sich am Kampfe nicht betheiligen wollten, i» drohender Haltung gezeigt"; die ganze Landstraße sei darüber in Aufregung. 10) S. 10. Am 3. und 4. Februar wurde unerwartet das allgemeine Krankenhaus von Militair umstellt und in allen Räumen durchsucht; es fanden sich einige Säbel und Pistolen, ein Carabiner und ein deutsches Schwert, jedoch an solchen Orten wohin diese Stücke abgcworfen worden waren. Nur eine Krankenwärterin wurde festgenommen die den Säbel eines Anverwandten, wie man sich erzählte in einem Krankenbette, versteckt hatte. — Im Hause Nr. 35 zu Floridsdorf wurde» bei dem Kaufmanne Pcregrin Christ, dessen Wohnung und Geschäftsräume die SicherheitSwachc nächtens überfiel, sechs Wafscn- stücke nebst mehreren Gcwchrbcstandthcilen, dann Pulver und Blei gefunden und der Kaufmann nebst drei ander» Personen Anton Riß, Joseph MikAk und Franz Pseifscrcr gefänglich cingezogcn; der letztgenannte wurde am 15. Februar zu acht Monaten Stockhaus-Arrest verurtheilt. 11) S. 10. Die Maßregel wurde in der Geiucindcrathssitzung vom 5. Februar vom Bicc-Bürgermcister Bergmüllcr im Namen des Magistrats vorgeschlagcn und nach längerer Debatte angenommen. In der inneren Stadt sollten die Revisions-Commissionen aus je einem magistratischen Beamten und dem betreffenden Hausherrn, sowie Gemeinde- räthcn und andern Vertrauensmännern die sich freiwillig anschlicßcn würde» bestehen; Bergmüller wollte auch Beiziehnng der Sicherhcitswachc, was aber von der Mehrheit der Versammlung nicht genehmigt wurde. Den einzelnen Wohnpartcien sollten gedruckte Bestätigungen daß sic keine Waffen oder Munition besitzen, zur Unterschrift vorgclegt werden. Mit dieser letzteren Auskunft war der Civil- und Militair-Gonverneur nicht zufrieden, die blose Namensfcrtignng der Parteien biete keine hinreichende Bürgschaft; die Aufgabe der Revisions-Commissionen sei vielmehr „eine alle Räumlichkeiten der Häuser umfassende Durchsuchung" vorzunehmcn. Ebensowenig war Melden damit einverstanden daß der Ge- mcindcrath der Stadt Wien die Verantwortlichkeit rücksichtlich der Vorstädte auf die Grund- gcrichtc übcrwälztc. Zuschrift Wclden's vom 21., vorgetragen in der Gem.-R.-Sitznng v. 23. Februar; dann Bericht Dr. Klncky's in der Sitzung vom 2. März. 12) S. 10. Nach Eticnne Wien 10. März in Kcil's „Leuchtthurm" dir. II S. 169 f. Hütte dieses Gebot einen andern Ursprung gehabt; nämlich den, daß „ein Wachtposten am Criminal-Gebändc auf den Kutscher eines Wagens sein Gewehr abdrücktc, weil dieser etwas zu nahe an dem Posten vorüber fuhr". Dieser Correspondent tischte übrigens seinen Lesern die unglaublichsten Dinge auf. „Der friedliche Bürger der das Glacis passirt ist seines Lebens nicht sicher; es ist schon geschehen daß man Leute arretirte deren glänzende Stiefel im Widerschein einer Laterne die Patrouillen veranlaßten zu glauben man trage Waffen bei sich. Jedermann wird nach 9 Uhr angehalten und vom Wirbel bis zur Zehe abgetastet, und wehe dem der sich widersctzt! Jeder Wafsenknccht hat das Recht ohne weitere Veranlassung den Civilisten nicdcrzubreunen." Ebenda dir. 10 S. 156. S. auch Wien 28. Februar in Ko lisch „Wr. Boten" I. S. 286: „Geht man des Abends oder Nachts über das Glacis vom Theater nach Hause so schreit jeden zweiten Schritt ei» Soldat: ,Halllllt werr da?' Man antwortet sogleich: ,Gut Freund', und muß diese Lüge so oft wiederholen daß man sie am Ende selbst glaubt." 13) S. II. Der Fall in Ncu-Lerchenfeld betraf den Gemeinen PaLonrek im Wirths- hause zum rothcn Rössel; er hatte sich aus der WirthSstube entfernt um an der Planke jenseits der Gasse seine Nothdurft zu verrichten, als ihn, ohne daß ein Schuß zu hören Anmerkungen. 469 war, eine Kugel in den Schenkel traf so daß er zu Boden stürzte; unter Beistand eines Weibes wurde er zurück ins Wirthshans und von da ins Spital gebracht. Ans der Schmelz fand sich später eine aus dem Zenghanse stammende Sattelpistolc, an welcher mit großer Sorgfalt einige Bcstandtheile neu hergcstellt waren; „Soldfrd." Nr. 25 v. 27. Februar S. 110. lieber das Verdienst des Generals Franck s. „Leuchthurm" 1819 dir. 9 S. 119. Auffallend waren die wiederholten Attentate ans dem rochen Hause (s. Bd. IV 2 S. 51), einer Besitzung des Fürsten Paul EsterhLzy deren Wohnparteien wegen ihres „Schmarzgelbthums" verschrieen waren. Nach einem Berichte hätte man schon zu Anfang Februar nicht weniger als 17 Soldaten gezählt, die wegen ähnlicher oft tödtlichcr Verwundungen im Militair-Spital lagen. Dabei tauchten allerdings allerhand Fabeln auf, wie in der A. A. Ztg. Nr. 58 S. 573, ^ Wien, von jenem Schüße der am 3. Februar bei Hellem Tage am Graben, also im bevölkertsten Theile der Stadt, aus einem „schnell dahin rollenden Fiacrc" auf einen Mnnicipalgardisten gefallen sein sollte. Zn bemerken wäre noch daß Ko lisch „Wiener Boten" I. S. 286 seine Leser glauben machen wollte daß „viele von diesen Schüßen welche das Gouvernement so sehr überraschen, Ueber- raschungen sind die cs sich selbst bereitet". 11) S. 12. Die Kundmachung Welden's war vom 13. Februar (Wr. Ztg. v. 11. R. 38) und knüpfte an zwei Fälle vom 12. an, wo um halb sieben morgens am Glacis zwischen dem Franzens- und Schottenthor eine Rakete abgebrannt worden war die bei zwei Klafter hoch aufstieg und dann explodirte; im Umkreise fand sich eine größere Anzahl von Musketenkugeln. Dann nachmittags 3 Uhr wurde am Schänzel nächst der Stadtmauer eine gefüllte Granate entdeckt; sie war zur Hälfte in die Erde gegraben und zum Abbrennen mittels eines hervorragenden Zünders vorbereitet... In der Gcmeinde- raths-Sitzung vom 23. brachte dann Bondi „die schändlichen meuchlerischen Angriffe auf Wachposten und einzelne Soldaten" zur Sprache die „jeden Redlichen mit tiefem Abscheu erfüllen" müßten; er stellte es als „Bürgerpflicht" hin „die Commune von Mördern und Verräthern zu befreien" und schlug eine Reihe dahin abzielcnder Maßregeln vor: Prämie von 200 bis 500 fl., Verlautbarung an alle einzelne Parteien durch die Hausherren, dann „die mitwirkcnde Kraft der geistlichen Rede von der Kanzel gegen solch lasterhaftes Beginnen", zu welch letzterem Behufe Aufforderungen an das fürst-erzbischöfliche Ordinariat, an die Superintendenten beider evang. Confessionen, an den Prediger der israelitischen Cultns-Gemeinde ergehen sollten. Die Kundmachung dieser Beschlüsse erfolgte am 21. Auch die Gemeinde Reu-Lerchenfeld, in deren Umkreis wiederholte Angriffe ans Soldaten geschehen waren und welche darum die Vergeltung des Militairs zu fürchten hatte, bestimmte eine Belohnung von 300 fl. für die Auslieferung des Thätcrs, von 100 fl. für eine zur Habhaftwcrdung desselben führende Anzeige (Wr. Ztg. Nr. 18 v. 25. Februar S. 551). Allfangs März folgte die Gemeinde Alser-Vorstadt mit der Zusage eines Betrages voll 1000 und 300 fl. nach (ebenda Nr. 58 v. 9. März S. 683). Mit Zustimmung des Civil- und Militair-Gouvcrnenrs wurde, im Falle rechtzeitiger und wirksamer Anzeige, selbst Mitschuldigen volle Straflosigkeit zugesichert, vorausgesetzt daß sie nicht Anstifter des Verbrechens oder unmittelbare Thäter gewesen. l5) S. 16. Die erste Deputation bei Weiden am 17. Februar und dessen Antwort A. A. Ztg. Nr. 56 S. 853. Die radicalen Blätter, so habe die Ansprache Welden's gelautet, hätten zwar den absoluten Unwcrth aller Vertrauens- und Ergebenheits-Adressen deducirt weil man ja wisse wie solche nur auf Geheiß und durch einige Wohldiener zustande gebracht würden; die gegenwärtige Deputation und was dieselbe ihm vorgetragen mache aber gewiß eine Ausnahme; er freue sich ans den Kundgebungen einer Anzahl der achtbarsten Bürger Wiens die Neberzeugung zu schöpfen daß man in bessern Kreisen seine 470 Anmerkungen. wohlmeinenden Absichten zn würdigen wisse. „Ich buhle keineswegs um den Beifall der Menge — wer könnte jedem so wie er eben denkt recht thnn! Aber cs ist mein ernstliches Bestreben, selbst in einem Zustande den ich nicht hcrvorgcrufen und der oft genug zn Gewaltmaßregeln nöthigt, die Achtung aller Redlichen zu gewinnen." Bei der Ausführung des Programms vom 21. Februar waltete bürgerlicherscits die Nebenabsicht, mit den zu wählenden Vertrauensmännern, deren Zahl in der Stadt und den Vorstädten ans nahezu 800 stieg, zugleich die Cadrcs für die zn rcorganisirende Nationalgarde zu gewinnen. Die Obmänner der einzelnen Bezirke konnten nöthigenfalls den Beistand der Sicherheitswache anrufen; sic hatten das Recht zu jeder Stunde unmittelbar an den Gouverneur Berichte gelangen zn lassen rc. 16) S. 16. „Presse" Nr. 59 v. 10. März „Gespensterfurcht": „Ein Gespenst wandelt am Helle» Tage in den Straßen von Wien umher. Vermöge eines sonderbaren Causalnexns glaubt ein großer Theil der Bewohner Wiens daß sich am 13. 14. und 15. März dasselbe oder ähnliches wiederholen mäße was an jenen denkwürdigen Tagen des verflossenen Jahres stattgefunden. Einige radicale Bramarbasse mögen trotz des Be- lagcrnngsstandeS das ihrige dazu beitragen eine solche Furcht zu erwecken und zn nähren. Gespenster muß man aber nur laut anrufen, dann verschwinden sie" rc. 17) S. 17. „Wr. Boten" I. S. 251. lieber Wilhelm Gottlieb Schmidt, der neben seinem Praktischen Berufe den Pegasus ritt, oder richtiger: in der erbärmlichsten Weise mishandcltc, und der in den Schriftstellerkreisen Wiens, wie mir L. A. Frankl mittheilte, stets „als verrückt" gegolten s. meinen „Wiener Parnaß im Jahre 1848" (Wien Manz 1882) S. I.XVII f. I-XXXVII s. 18) S. 18. „Lenchtthurm" 1849 Nr. 11 Wien 10. März S. 168, 170. An der erster» Stelle bekommt auch der Held von Custozza seinen Theil: „Radeck)-, der greise Würger in Italien, erhielt das Bürgerrecht-Diplom der Stadt Wien, das von Zedlitzens würdigem Sängergeuossen Grillparzer in spcichclleckerischem Tone abgefaßt wurde." Das Institut der Vertrauensmänner nennt Etiennc S. 167 f. „eine Art Polizei ans der wohl organisirtcn Spießbürger-Elite seines Bezirkes, ein organisirtes Denuncianten- Corps" rc. 19) S. 18. Dieser Beschwerde gab u. a. um den 20. Februar Schmidt in seiner Candidaten-Rede für den Wahlbezirk Erdberg-Laudstraße Ausdruck, wo auch Egger, Me- gerlc v. Mühlfcld, Max Wurzbach, Or. Prochazka u. a. anftraten; der Ausfall der Wahl war übrigens in vorhinein eine abgemachte Sache, nämlich für Mühlfeld. Gleichwohl fand Schmidl'S Rede vielen Anklang, besonders bei den Industriellen die er auf die Nothwcndigkeit neue Handelswege nach dom Orient zn erschließen aufmerksam machte, in welcher Hinsicht er von Nutzen zn sein glaube, da er im Aufträge des „Lloyd" die Donau bis zur Mündung, Kleinasien, Griechenland und die Türkei bereist und also als Augenzeuge gründliche Erkundigungen cingezogen habe... Ob diese letztere Angabe auf den bekannten „Hühlen-Schmidl" oder auf den verdienten Techniker Adam Eduard Schmidt, oder ans einen dritten dieses Namens Passe, bin ich leider außer Stande zu entscheiden. 20) S. 18. „Ost-Dcntsche Post" vom 10. Februar 1849, ohne Zweifel Kuranda's Geschoß, wenn er auch, wie früher im Texte erwähnt, seit der Versündigung vom 11. Januar seinen Namen auf dem Blatte und in dem Blatte nicht mehr erscheinen lassen durfte. 21) S. 21. Der Artikel der „Prager Zeitung" findet sich abgedruckt im „Lloyd" 1849 Nr. 45—47 26./27. Januar vgl. mit Nr. 51 Abendblatt vom 30. Januar: „Wir haben mit großer Freude gehört, wie leitende Mitglieder des Slaven-Congresses zu Prag mit Entrüstung jede Gemeinschaft mit Baknnin, jeden Verdacht, als theilten sie dessen Anmerkungen. 47 l Gesinnungen, von sich abwicscn. Sie fragen, und gewiß nicht mit Unrecht, ob sic, die Slavcn, cs nicht gewesen sind, welche hauptsächlich während der Stürme des verflossenen Jahres scsi bei diesem Lande bcharrt und das Staatsschiff in den sichern Hafen geleitet, ob sic nicht vor allen Anderen Treue gegen das constitutional-monarchische Oesterreich gezeigt haben." So sehr man indeß überzeugt sein könne daß die ungeheure Mehrheit der Slaven „mit unerschütterlicher Treue Oesterreich zngethan ist, eben so fest glauben wir, daß eine geringe, eine sehr geringe Minderheit derselben Oesterreich nicht treu ist, und daß bei ihnen der Same, den ein Bakum» streut, nicht auf unfruchtbaren Boden fallen wird. Wird Bakunin etwa seiner Brochure wegen in Acht gethan werden von der slavischen Propaganda, welche ihren Sitz in Paris anfgeschlageu hat? Nimmt diese ganz und gar keinen Einfluß auf österreichische Verhältnisse? Ist es nicht gut, von Zeit zu Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie, auf ihre accreditirtcn und nicht accreditirtcn Agenten zu lenken?" 22) S. 21. „Slav. Centr. Blätter" Nr. 26 v. 26. Januar: „Bakunin's Brochure und deren Nccenscnt in der Prager Ztg." — vr. Jordan meinte man thue überhaupt Unrecht die Publication anders als vom Psychologischen Standpunkte zu bcurtheilen. „Das Volk will sich sein Brod selbst bereiten, es will ein gesundes Brod haben das nicht so leicht verschimmeln kann, und wenn Einzelne aus diesem Volke in dieser Lust mehr Gäh- rungselcmente als uothwcndig hiezu verwenden wollen, so möge man bedenken daß viele der gestürzten Dcspotenschaar dagegen den armen Völkern zu wenig Lcbeusstoff gegönnt haben. Bakunin's Brochure trägt an sich die Spur daß ihm in seinen Lebensjahren ebenfalls zu wenig von diesem Lebensstoffe gereicht worden, und um satt zu sein will er sich und alle seine Schicksalsgenossen übersättigen. Maß zu halten ist schwer. Das Uebermaß aber das er zur Geltung bringen will, ist vielleicht nicht so sehr seinen politischen Grundsätzen als einem psychologischen Zustande zuzuschreiben. Als Resultat eines solchen aufgeregten Zustandes hätte Bakunin's Brochure, worin die Gefühls-Politik vorherrschend sich geltend zu machen strebt, nie vom rein Politischen Standpunkte beleuchtet und dem Secir-Messer des Publicisten unterworfen werden sollen". 23) S. 23. Wind, an Schwa. 22. Januar: „Der Kampf init der Sl. L. in Böhmen ist unerläßlich, denn diese muß unterdrückt werden." Schwa, au Wind. Olmüz 25. Januar: „Khevenhüller ist hier" rc. Was man mit der Sl. L. von Regierungswcgcu vorhatte blieb lang Geheimnis; s. die Rede P. Nosypai's am 6. Februar (Sten. Auf». V. S. 27), wo er dem Ministerium die Auflösung fast aller politischen Vereine vorhält und dann beifügt: „Nur in meiner Heimat blüht die Slovanskä Llpa in nie gekannter Kraft und Fülle, Wurzel fassend in den glühend patriotischen Herzen meiner Landsleute; und schon, schon verlautet es daß auch an diesen Freiheitsbaum die Axt gelegt, daß auch er gefällt werden solle". 24) S. 23. Wessenberg an Jsfordiuk I. S. 13: Windisch-Grätz habe schon in Olmüz von einer solchen Wiederaufnahme der Untersuchung gesprochen, Wessenberg aber sich jedesmal „standhaft" dagegen gewehrt: „Lasse man doch die alten Sünden schlafen!" 25) S. 26. Wessenberg an Jsfordiuk 16. Februar (I. S. 17): „Die böhmischen Zeitungen erweisen mir die Ehre mich zurückzuwünschen." 26) S. 28. Einen Antheil au dieser Opposition Hatto wohl auch Havlleek, der überhaupt gegen die unreifen Ueberschwäuglichkcitcn und Anmaßungen der jungen Freiheitshelden auftrat und die Prager Studentenschaft namentlich vor dem Einflüße von Leuten wie Kleinert und Sladkovsk/ warnte, anderseits aber den nationalen Standpunkt gegen die schlauen Vorhaltungen von deutscher Seite: „man dürfe der Nationalität nicht die Freiheit opfern; in erster Reihe stehe die Freiheit, erst in zweiter die Nationalität" u. dgl. 472 Anmerkungen. auf das entschiedenste versucht; s. „Knroclni Hovin/" 18-19 e. 51 str. 202 unterzeichnet: »lloäen Iiravnik"; e. 53 str. 21 unter der Chiffre II. O. (Havel Oorovslc/, Karl Hav- lieek's Schriftstcllcrnamc). Vgl. Prager Corrcspondenz v. 5. im „Lloyd" Nr. 112 Morg.- Ausg. v. 7. März, wo Havlieek gelobt wird, weil er das „pretentiöse Auftreten nnsers eechischen Stndenten-Vereines geißelt, dessen politische Weisheit er mit Witz und Offenheit bekämpft. Er wirst demselben sein kindisch-anmaßliches Bestreben nach politischer Geltung vor, und daß die Herren Studiosi, ohne etwas zu lernen zu wissen und zu leiste», blos auf dem Wege des Oppositionsmachcns in den Tempel des Ruhmes zu gelangen glauben. Nur derbe Sathre kann man der Anmaßung unserer Stndirenden entgegen setze», wenn man ihre offene Erklärung an das Ministerium wegen der Recrntirnng liest. Die Minister werden darin an ihre Studienzeit und den Werth ihrer Vorzugs- classen erinnert, und der politische Act sieht einem Wirthshansgespräche einiger ,Füchse' so ähnlich wie ein Ei dem andern, obschon ein Doctor in Vertretung des Ausschusses unterschrieben ist. Ich stelle hier unwillkürlich die Frage: ob denn überhaupt der Studentenausschuß einen Club oder eine etwa vom Staate anerkannte Corporation vertrete, und welches Recht er im Verneinnngsfalle hat im Namen der gesummten Studenten so zu sprechen, deren mancher ihn nicht gewählt hat und, da die Studenten nur als Einzelne an der Universität gelten können, nicht als stillschweigend znstimmend angenommen werden kann?" .... In einer Prager Correspondenz der A. A. Ztg. (ich habe Nr. und S. anzumcrken übersehen) wird Havlieek als Redactcur geschildert, „der bald durch einen radikalen Blitz die Augen seiner Leser anfrcißt und dann wieder in mehr oder minder conservativer Haltung die obern Götter zu versöhnen sucht". Es war etwas wahres an dieser Charakteristik, und die Wurzel dieser Doppelhaltung des ungemein begabten, doch in seinen Grundsätzen und Anschauungen unstätcn, in seinen Behauptungen der Leidenschaft des Moments nachgebenden Mannes darin gelegen, daß ihm eine solide Grundlage des Wissens abging. Ein Radikaler von Haus aus war er nicht, aber in seinem Widerspruchsgeist verfiel er nur zu häufig auf Kundgebungen die ihn als Radikalen von reinstem Wasser erscheinen ließen. 27) S. 28. Aus demselben Grunde ans welchem die Prager Blätter für die Adresse, waren die Wiener gegen dieselbe. Der „Lloyd" brachte im Morgenblatt Nr. 74 v. 13. Februar eine Prager Correspondenz vom 10. und im Abendblatt vom selben Datum Nr. 75 einen Wiener Leitartikel in diesem Sinne. Die ersterc wollte wissen, „daß ein Zephyr ans Kremsier den Wunsch gesäuselt habe ein Vertrauens-Votum möge die morschwerdende moralische Kraft unseres Reichstages heben; aber wenn man einen Verwundeten ans ein Paradepferd setzt so wird er dadurch noch nicht geheilt". S. auch „Oest. Corr." Nr. 39 v. 17. Olmüzer Artikel v. 15. Februar: aus dieser Adresse leuchte „die Besorgnis hervor der Reichstag habe bisher das Vertrauen der Völker nicht besessen oder selbes mindestens verwirkt". 28) S. 28. Der nengewählte Ausschuß bestand außer dem Präsidenten Hanka und den beiden Vice-Präsidenten Graf Albert Deym und Or. Lvestka ans folgenden Mitgliedern: Franta-8uinavsk)!, Sl. Vavra, Sabina, Rittersberg, W. Seidl, Anton Vysek, Gaue, Rott, Or. Chrudimskst, Or. Lebek, O. Aule, Stefan, Skrivan, Or. Podlipsk/, I. Slavi- bor Liblinsk/ (Kncdlhans), Or. Peeirka, Or. Pichl, Or. Spott, Fingcrhut, Hellich, V. D. Lambl, Zap, Manes, Or. Gabriel, Or. Caspar, Lpatn/, Greif, Erben, Karl Havlieek, Franz Havlieek, Prof. (Johann?) Jodl, Or. Kodym, Graf Hanns Kolovrat, Wunsch, Neubauer, Wiesner, Pastor Friedrich Wilhelm Kosnth, Jnrovsk/, Decker, Ruppert, Arbeiter Chlonpek, Paul Dietrich, Or. Opitz, Tremp (?), Or. Jordan; zu Ersatzmännern waren gewählt: Jelinek, Winter, Släma, Bratka, Kobrc, Eisclt, Gritzncr, Prochüska, Luanda. Anmerkungen. 473 29) S. LI. Prager Correspoudenz v. 9. „Lloyd" Nr. 120 Morg.-Bl. v. 11. Marz, und »och schärfer vr. P rasch i» der „Wage" 18-19 I. S. 217 f.: „Hat Faster aus Pa- triotisnuis gehandelt so soll man dies heilige Gefühl nicht durch nachträgliche Bezahlung entweihen, und er selbst muß dann jede Entlohnung hicfür mit edlem Stolze von sich weisen; ließ er sich aber etwa durch Verheißung von Würden und Lohn als bloscs Werkzeug bestimmen so sinkt seine Handlungsweise zu einer alltäglichen herab und er mag sich an jene wenden die ihm den Muth gegeben und die Versprechungen gemacht haben. Erst mit Patriotismus prunken und prahlen und sich denselben nachträglich bezahlen lassen riecht jedenfalls stark nach gewöhnlichen! Eigennutz, und fast gewinnt es den Anschein daß jene Stadtverordneten, die so hartnäckig für ein Geschenk aus den Gemeinde-Renten stimmen, speciclle Verbindlichkeiten gegen Herrn Faster auf allgemeine Kosten tilgen wollen". Der Schreiber erörtert sodann die Rechtsfrage und kommt zu dem Ergebnis daß, insofern durch jenen Beschluß der Stadtverordneten die unzureichenden Gemeinde- Einkünfte überlastet, durch die in Folge dessen aufzutheilende Zubuße die einzelnen Bürger beschwert würden, die Stadtverordneten alle für einen und einer für alle mit ihren: Privat- Bermögen für jeden nachweisbaren Schaden zur Haftung verpflichtet seien. 30) S. 32. Er saß im Landtage mit Vollmacht vom 22. Mai 1818 seines Vaters Grafen Johann d. Ae., Mähr. Landt.-Bl. Nr. 1 S. 7, und ist derselbe der in der Sitzung vom 19. September wiederholtes Aergernis gegeben hatte. Nachdem nämlich in dieser Sitzung der Adel abgeschafft worden, erhob er sich: Da er heute Nachmittags eine wichtige Urkunde zu unterschreibe« habe, so frage er ob er dies noch als „Graf Screnyi" thun dürfe ohne wegen Anmaßung eines ihm nicht geziemenden Titels verklagt zu werden, was natürlich thcils Lachen theils Entrüstung der Landboteu zur Folge hatte so daß ihn Koppel wegen dieser „unwürdigen Sprache" zur Ordnung rief. Als sich hierauf der junge Graf nochmals erhob und sagte: er habe das „provisorische Jagdgesetz" gemeint, wurde er vom Präsidenten noch einmal zur Ordnung gerufen; ebenda Nr. 46 S. 372 ... Ich kann nicht nmhin bei diesem Anlässe auf die geringe Verläßlichkeit des Gen.-Taschenb. der deutschen gräflichen Häuser aus jener Zeit, mindestens was österreichische Familien betrifft, hinzuweiseu. Weder in jenen: von 1848 noch in dem von 1849 ist unser Graf zu finden; in beiden heißt cs 7) Johann Nepomuk geb. 1823 20. August und 8) Alphons Adalbert geb. 1833 8. Juni „k. k. Concepts-Praktikant und den: Troppauer Kreisamt zu- gctheilt" — im Alter von fünfzehn Jahren!?! — Erst die neueren Jahrgänge enthalten die richtige Angabe 6) Johann Alphons geb. 20. August 1823 k. k. Lieutenant i. d. A. rc. 31) S. 33. Prager „Wage" 1849 Nr. 19 S. 145—147: „Es ist nicht zu viel gesagt wenn man behauptet daß die Volkswehr in dieser Zeit keine Unterstützung und keine Sympathien außer sich hat." 32) S. 33. Der Sachverhalt war dieser: Vor mehr als zwanzig Jahren hatte die Prager Stadtgemeinde bei der commissioualen Verhandlung über den Neubau ihres Rathhauses die Pflicht übernommen, in dieses Gebäude die Militairhauptwache gegen den: zu untcrbriugcu, daß das den Riugplatz entstellende Gebäude derselben ganz rasirt werde. Das neue Rathhausgebäude war kann: vollendet, als in den Pfingsttagen der Pöbel das Hauptwachgcbäude demolirte und die Stadtgcmeinde dasselbe ganz wegschaffen und die Stelle planiren ließ. Das Militair erhielt in: Kinsk/'schcn Palais einstweilen eine Hauptwache, doch mußte es dieselbe bald räumen, weil dort keine heizbaren und geeigneten Lo- calitäten vorfindlich waren und weil auch die Fürstin selbe für sich benützen wollte. Inzwischen bezog die Nationalgardc feierlich die ursprünglich für das Militair errichtete Hauptwache, in der Meinung durch die ertheilte Constitution nicht mehr verpflichtet zu 474 Anmerkungen. sein die übernommene Rechtsverbindlichkcit zu erfüllen. Das General-Commando stellte zn tviedcrholtcnmalen an das Stadtverordneten-Collegium die Forderung daß für das Militair eine Hanptwache errichtet werde, und cröffnete endlich in Folge eines Auftrags des Fürsten Windisch-Grätz daß, wenn die Stadtgemeinde innerhalb eines Präclnswtcrinins keine Hauptwache für das Militair adaptirt, letzteres sich genöthigt sehen werde jene von der Nationalgarde bewachte zu besetzen. S. meinen Bd. III S. 447 f. und Anm. ""). Der jüngste Stand dieser Angelegenheit war der, daß das General-Commando den Stadtverordneten die Alternative stellte entweder eine Nothwache am Altstädter großen Ring cinzurichten oder in irgend einem Gebäude dieses Platzes vollkommen geeignete Hauptwach- räumlichkciten zur Verfügung zu stellen. 33) S. 35. Klagenfurter Corrcspondenz ^.** vom 29. Januar im„Ocsterr. Corrcsp." Der dortige demokratische Verein war aufgelöst, eines seiner thätigstcn Mitglieder Anton v. Stahlbcrg in Folge der Wiener October-Ereignisse verhaftet worden; man munkelte jedoch daß der Verein noch fortwährend geheime Sitzungen halte, indem die cnragirtestcn Mitglieder desselben, von denen mehrere wegen Aufreizung des Landvolkes in Untersuchung standen, in der Wohnung des Sohnes Stahlbcrg's in mitternächtlicher Stunde zusam- mcnkämen. 34) S. 37. „Die Verleihung des Herzogs-Titels an Fürst Windisch-Grätz mit dem Prädieate von Friedland wird hier sehr belächelt", so heißt cs in dem Artikel u. a., „wenn man bedenkt was der neue Friedländer sich für Lorbeerkronen gesammelt hat. Man gebe einem tüchtigen Untcr-Ofsicicr 200 Kanonen und 100000 disciplinirtc Truppen und lasse ihn rastlos gegen die Mauern feuern, so wird auch dein Unter-Officier gewiß derselbe Lorbeerkranz zutheil werden, klebrigen« sagt man daß Fürst Windisch-Grätz mit dem alten Friedlknder nichts anderes gemein haben dürfte als — sein Ende. Die Verleihung des Herzogs-Titels an den greisen Feldherrn Grafen Radeck/ als Herzog von Cnstozza ist mit dem friedländischen Diplome in gar keine Parallele zu ziehen, da Windisch-Grätz nicht würdig ist dem Herzog von Cnstozza die Schuhricinen zu lösen. Uebrigens dürften diese zwei Herzogs-Diplome wohl die letzten in Oesterreich sein." 35) S. 38. Grätzer Blätter, wie „Abend-Courier" Nr. 31 v. 8. Februar und Draxler's „Herold", dessen Artikel abgedrnckt im „Soldfrd." Nr. 22 vom 20. Februar, stellten cs auf Grund der militairischen Untersuchung auf das entschiedenste in Abrede, die Soldaten hätten auf Befehl ihres Rittmeisters gehandelt und cs seien dem Geschlagenen durch die Soldaten Geld und Wcrthgegenstände abhanden gekommen. S. auch „Presse" Nr. 35 vom 10. (Grätzer Corrcspondenz L. L vom 8.) und dagegen Wr. Ztg. Nr. 37 v. 13. Februar „Berichtigung eines Zeitnngsblattes". Es wird sich hiebei über „derlei Correspondentcn" aufgehaltcn „welche es recht natürlich finden wenn das Volk einen un- betheiligten Officier vom Pferde reißen und an ihm eigene Justiz üben will, aber Zeter schreien wenn einmal ein Soldat sich für tausendfältige Unbilden eine Revanche nimmt, da weder ein Anwalt noch sonst jemand ihn gegen die Frechheit der Presse jetzt schützt. Es ist leider die Charakteristik einer gewissen Partei daß sie Humanität gegen Schuldige predigt, dagegen ihre Wuth und Rache an Schuldlosen ausläßt, wie die letzten Angriffe auf einzelne Militairs in der Hauptstadt noch täglich die leidigen Beweise liefern". In der Grätzer Ztg. Nr. 40 v. 9. Februar wurde ausdrücklich hervorgchoben, daß bisher trotz wiederholter Beschlagnahme von Journal-Rumcrn „noch gar kein Preß-Proccß bis an sein Ende d. i. zur öffentlichen Verhandlung vor dein Geschwornen-Gcrichte geführt" worden sei; „ja wir wissen nicht einmal gewiß ob ein Prcßgcricht schon, wenn auch nur provisorisch, orgauisirt ist". Das sei aber ganz besonders bei Injurien zu beklagen. „Wird cs der an seiner Ehre Gekränkte vorziehen seine Sache bei einem Gerichte anzubringen, das Anmerkungen. 475 ihn» erst vielleicht in einen, halben Jahre oder noch später Genugthuung verspricht? Oder wird er nicht vielmehr zu einem Mittel seine Zuflucht nehmen das die Gewalt von jeher angcrathen und von dein er einen rascheren Erfolg erwarten kann!?" . . . Was Gretsch- nigg betraf, so sei hier noch angcmerkt daß er sich in später» Jahren an den von ihm so schwer beleidigten Fürsten Windisch-Grätz reumüthig um eine Unterstützung gewandt haben muß, die er von demselben, wie aus den hintcrlasscnen Papieren des Fcldmarschalls zu schließen war, periodisch erhalten zu haben scheint. 36) S. 40. Letzteres wurde namentlich gegen Dotzaucr vorgebracht, der es freilich nachderhand in Abrede zu stellen suchte. Ueber Georg Bauer berichtete Graf Lambcrg an Stadion am 12. Januar 1849 Nr. 230/LI. I. 37) S. 42. Sitzung vom 12. Januar Stcn. Aufm IV. S. 388 s. Die auf den land- täflichcn Gütern primo looo vorgemerkte Octava diente, im Falle eines Spruches der Prägravations-Commission daß eine Bedrückung der Unterthancn stattgcfunden habe, als Hypothek zur Deckung der den Unterthancn zuerkannten obrigkeitlichen Vergütung. Die Octava wurde bei gerichtlichen Schätzungen vom wahren Wcrthe abgezogen und bei auf das Gut aufzunehmenden Schulden belastend in Anschlag gebracht. 38) S. 42. Am 22. Februar V. S. 195 s. Das Propinations-Rccht, bekanntlich das obrigkeitliche Recht geistige Getränke ausschließend zu erzeugen und ausznschänkcn, wurde von den Landesbchörden nach wie vor in Schutz genommen, indem daran durch das Patent vom 7. September 1848 nichts geändert worden sei; z. B. Brzeilaner Kreisamt 11. Deccmbcr 1848 Z. 763, Landes-Gubernium 25. Dcccmber Z. 16075. Wenn dem so wäre, wendeten Martini und Genossen ein, dann „würde man zugeben daß einem Staatsbürger über den andern noch Hohcitsrechtc zustehcn; denn der Besitzer jenes Rechtes schreibt sich die Befugnis zu, Haussuchungen und Beschlagnahme von Getränken vorzu- nehmcn, Brau-Gerechtsame zu verleihen, Ausschank-Liccnzen zu crtheilcn; kurz man würde in Galizien neben der constitutionalen Freiheit auch mittelalterliche Freiheit haben". 39) S. 44. „Daß Gritzner gerade Vertreter dieses Wahlbezirkes war gehört unter die pikanten Launen des Zufalls. Dieser Wahlbezirk ist in Kärnten wegen seiner conser- vativen Gesinnung, seiner ehrenhaften besonnenen Haltung berühmt, während Gritzncr's maßloser Radicalismus sich bis zu offenen Uebergriffen verirrte. Der MiSgriff seiner Wahl ist nur dadurch erklärbar daß wegen des früheren Mangels an Oeffentlichkeit in Oesterreich der eigentliche Kern der Politischen Charaktere unbekannt blieb. Das an Gritzner erlassene Mistrauensvotum ist von der absoluten Mehrheit seiner Wahlmänncr unterfertigt. Er muß also wenn er Ehrgefühl besitzt sein Mandat znrücklcgen. Bei den mehrfachen Erfahrungen, die man in dieser Beziehung in letzter Zeit zu machen Gelegenheit hatte, könnte cs jedoch kaum Erstaunen erregen wenn er dies gleichwohl unterließe. Gerade diejenigen Volksvertreter, welche die Souverainetät des Volkes als Licblingsphrase im Munde führten, halten das Volk sich gegenüber für rechtlos und beharren aus eigener souvcrainer Machtvollkommenheit auf ihrem einträglichen Posten, obgleich die Stimme des Volkes, das sie vertreten sollten, wiederholt und dringend ihren Rücktritt fordert." Klagenfurter Correspondenz m vom 1. Februar „Lloyd" Nr. 60 Morg.-Bl. . . . Sollte hier, so wie in dem oben Anm. ?) erwähnten Erlasse des Grafen Wilczck, nicht eine Verwechslung mit Max Joseph Gritzncr's in Wien verbliebenem Sohne Max C. Gritzner, Mitarbeiter der „Constitution" unterlaufen sein? Mir ist mindestens nicht bekannt, daß sich der ältere Gritzner am October-Aufstandc bethciligt habe. 40) S. 45. LViämsnn „Smolks" im Anhang (Dokuments, bistar^eimv) S. 18 f.: „Es wäre die höchste Zeit wenn einmal der Mist von der Linken des Reichstages ansgemistet würde; denn dort sitzen Kerle die täglich anfgehängt zu werden verdienen, daher 470 Anmerkungen. hier der allgemeine Wnnsch daß dieser Reichstag aufgelöst werde. . . Bischof (Fischhof!), Goltmnrk, Porrosch, Wioland, Kaim, Schusclga, Kutlich, Fitster, Löhner, Sterz rc. das sind Mienschen von denen man hier allgemein nur mit Abscheu spricht." 4!) S. 45. „Lloyd" >849 Nr. 30 Morg.-Bl., Zuschriften Vidnlich' vom 2. u. 6. Dc- ccntber 1848: es sei mit dein Thronwechsel auch ein Wechsel der Negicrungsgrundsätze cingctrctcn; das Ministerium werde unterstützt „durch die Armee, das slavische Element und die Burcankratic", inan erkenne „die Heiligkeit der Verträge und Verheißungen" nicht an; „die Gewalt der Waffen" werde über Ungarn, über Italien entscheiden rc. 42) S. 46. Z. B. Ariminius „Des Kaisers ,Wir°. Brünn im Februar 1849". Oest. Soldfrd. Beil, zu Nr. 30 v. 10. März. Vgl. meinen Bd. III. S. 157. 43) S. 51. Dieselbe Mäßigung wie in der Auswahl der Unterschriften wurde bezüglich des Inhaltes beobachtet, was übrigens nicht ohne allerlei Bedenken und Schwierigkeiten war. Gleich nach Ausbruch der März-Ereignisse war im „Namen Galiziens" eine Petition und Deputation in Wien erschienen: durste man die damals gestellten Forderungen unter den geänderten Zcitverhältnissen anfrechthaltcn? Aber konnte man anderseits eine Adresse abfasscn welche die Forderungen vom 0. April in ihrem wahren Lichte, nämlich als nicht von der Mehrheit des Landes ansgcgangcn, darstelle und vcrläugne? Mußte ein solches Bekenntnis nicht als unter dem Walten des Belagerungszustandes abgcdrungen erscheinen? ... Bei aller Vorsicht fehlte es nicht an mancherlei Verstößen. Die Petition hatte ursprünglich nur schriftlich umlaufen sollen; allein um möglichst viel Unterschriften ans allen Theilen des Landes anfznbringen, ließ man sie bald drucken und sandte Exemplare davon mit einem gleichfalls gedruckten Aufrufe zum Beitritte nach den verschiedensten Richtungen aus; dabei ließ man, immer von dem Gedanken geleitet alle Schichten der Bevölkerung sich an der Adresse bctheiligcn zu lassen, den Aufruf von Personen unterzeichnen deren Namen dem ganzen Schritte den Anstrich gaben als sei das Schriftstück ein Werk der ehemaligen Raärr dla-rockorva deren Mitglieder sic dem Publicum empföhlen. Einen Augenblick kam es dahin daß sich alle Gemäßigteren von der Deputation fern halten wollten und Fürst Jablonowski offen erklärte daß er mit der ehemaligen Uaäa dlaroäovea. nichts zu thun habe; daß er zwar mit den gewesenen Mitgliedern derselben, soweit dieselben gemäßigt, nicht außer Verkehr treten wolle, daß er jedoch an einem Schritte der als von jenem Organe ausgehend gedeutet werden könne sich nicht bethciligcn könne (Bericht des Generals Bordolo an Stadion 7. Januar 1849 Nr. 199 ?ck. I.). — Der voir den Ruthenen auf Grund der Verschiedenheit der Nationalität angestrebtcn Zweitheilung des Landes wurden folgende Ziffern entgegcngestellt, wobei lat. kath. als Polen, gr. kath. als Ruthenen gelten sollten: lat. katholisch gr. katholisch iil den westlichen Kreisen. 1,447.206 93.639 44) S. 51. Am 22. November Z. 1004 ?. sandte Hammerstein an Wesscnberg die vom 9. bis 19. November datirten, von den Ortsrichtcrn rc. unterfertigten Eingaben der ruthenischen Kreis-Versammlungen von Kolomea StaniSlawow 2olkiew, der Decanal- Vcrsammlungen von Jaroslaw Podhaice Brody und der Filial-Versaminlung von Olesko ein; Nr. 45 v. I. 1848 R. Ll. I. 45) S. 53. Ruthenischc Haupt-Versammlung vom 25. December 1848, Vorsitzender Äuziemski, Schriftführer Michael Malinowski. Baron Hammerstein, welcher die Beschlüsse am 29. an das Ministerium leitete, machte auch bei dieser Gelegenheit den Anwalt der Ruthenen nnd bestätigte namentlich deren Behauptung daß der Gouverneur seinen Kreisln den östlichen Kreisen . . . . in der Landeshauptstadt insbesondere 670.934 1,075.581 37.587 9.873 Anmerkungen. 477 ämtern und noch mehr „den meist sehr unlanteren Dominical-Beamten" freie Hand lasse; Nr. 652 U. LI. I. 46) S. 53. Bericht Hammcrstein'S vom 29. December fs. vor. Anm.): „Auch ist bekannt daß dieser Bischof von dem würdigen mit vollem Recht von den Ruthencn verehrten Bicc-Präsidentcn Goluchowski nur mit Mühe dahin gebracht werden konnte, einen Hirtenbrief zu erlassen der die katholische Geistlichkeit bewegen sollte keine majcstäts-ver- brccherischen Reden mehr zu halten." In Haminerstein's Augen war es auch eine levis notos mo-ouls. daß Wicrzchlejski mit dem Gubcrnial-Nath Fcstenbnrg „in besonders enger Verbindung" stand, mit demselben Festenburg dem auch Zaleski besonderes Vertrauen schenkte und den dieser zu seinem Präsidial-Ches ernannte; der zweite Vertrauensmann Zaleski's sei der Universitäts-Bibliothekar Ritter von Stroüski, „ohne den er nichts macht und der zu seiner Bequemlichkeit nun sogar bei ihm im Gouverneurs-Gebäude wohnt". 47) S. 54. In einer Aufzeichnung finde ich noch als Mitglieder der Deputation den Buchhändler Eduard Winiarz, Franz Adamski (?), Johann Towarnicki, Joseph Braun. Der Adresse waren viele Bogen von Unterschriften angehängt, darunter in erster Reihe Roman Wybranowski 6enero.l 6. Llnr., Cyprian Graf Krosnowski rc. 48) S. 54. Zaleski an Stadion 10. Januar. Als Mitglieder der Deputation waren drei Geistliche, fünf Gutsbesitzer — Wassilko Zotta Gojan Pctrowicz Miculi — dann einige Deputirte der Stadt Czernowitz gewählt. Am 6. Januar überreichte der R.-T.- Abg. Wiekowski zu Krcmsier eine Denkschrift der ruthenischen Bevölkerung der Bukowina, worin diese die Scheidung des Kreises in einen rnthenischen und eine» romanischen Bezirk befürwortete. 49) S. 55. St. an Zaleski dir. 655 U. LI. I. l849. In einem andern Erlasse — Datum und Geschäftszahl sind mir nicht zur Hand — verlangte Stadion »»verweiltes und strenges Vorgehen gegen „unvcrläßlichc Beamte, Untersuchung und, dascrn sich die Beschuldigungen halbwegs bewähren, allsogleiche Entfernung"; er bczeichnete einige wider die ihm Anzeigen zugekommcn seien mit Namen, darunter die Leinberger Landräthe Schubert und Dr. Pfeiffer, den Nzeszower Krcishauptmann Baron Sala. 50) S. 56. Sten. Aufnahme IV. S. 291 s., 568 f. . . . Eine andere die galizischen Großgrundbesitzer betreffende Interpellation brachte Sierakowski am 17. Januar vor: Der größte Theil der im Lande vorhandenen Schuldner bestehe aus Gutsbesitzern; die galizischen landtäflichen Güter seien mit Schulden überbürdet, so daß letztere in vielen Fällen den vollen Nennwcrth, ja in manchen Fällen den reellen Werth der elfteren überstiegen; durch die Nobotaufhebung sei der Preis der landtäflichen Güter um die Hälfte ihres wahre» Werthes gesunken, wobei die niedriger vcrhypothccirten Gläubiger mit ihre» Ansprüchen leer ausgingen; cs sei daher die Ausstellung eines Moratoriums mindestens bis zur gänzlichen Entscheidung der Jndcinnisations-Frage geboten rc. Der Justiz-Minister Bach der die Interpellation am 3. März beantwortete lehnte den Vorschlag ab: Die Ertheilung eines Zahlungs-Moratoriums halte er für nicht zulässig weil ein solches Mittel, während cs den Schuldner berücksichtigt, gegen de» Gläubiger als eine Ungerechtigkeit erscheint und nur dahin führen könnte den für alle Interessen so wichtigen und durch Oesterreichs Hypothekar-Gesetzgebung so mächtig geschützten Rcal-Credit zu erschüttern. 51) S. 58. Die ruthenische Frage in Galizien von Anton Dabczanski Landrath in Lemberg. Beleuchtet von einem Russincn (Prokopczycz) Lemberg 1850 Staurop. Institut. . . Gegen die Ausführungen Krainski'S erwiderte Stadion ganz sachgemäß: Warum man, seit Galizien zu Oesterreich gehört, in amtlichen Kundmachungen keine andern als die lateinischen Lettern angewandt, erkläre sich daraus weil man eben früher auf die ruthenische Nationalität keine Rücksicht genommen; nun aber dies nach dem Grund- 478 Anmerkungen. sähe nationaler Gleichberechtigung geschehe, könne cs nicht der Regierung zustchen „zu entscheiden mit welchen Buchstaben die kleinrussische Schrift geschrieben werden soll, sondern man muß überall die Art und Weise der Sprache wie sic sich bisher ansgebildct hat berücksichtigen"; Stein Auf», IV S. 29l f., 568. 52) S. 60. „Slcw. C.-Bl." Nr. 71 v. 12. März S. 283; 2. II. Lemberg 28. Februar: „Dadurch wird eine große Veränderung im socialen Leben der Russincn cintreten, die Feiertage werden sic zu ihrer Bildung widmen können, woran sie früher die Arbeit hinderte." 53) S. 60. Siehe die sehr interessante Verhandlung darüber am 6. Februar 1849 in Frankfurt a. M.; Stcn. Bcr. VII. S. 5062—5089, wo Herr v. Nadowitz unter großer Aufmerksamkeit des Hauses vom militairisch-politischcn Standpunkte, Göden von Krotoszyn wegen der unsicher» Lage der Deutschen im Posen'schen und Wuttke im Geiste des preußischdeutschen Chauvinismus die Anträge des Ausschusses vcrthcidigten, während Döllinger mit großer Sachkenntnis, Veucdeh, Roesncr von Oels und Mesner vom Standpunkte der Völker-Moral gegen diese „neue Thcilnng" Polens sprachen. Der Antrag wurde in namentlicher Abstimmung mit 280 gegen 124 Stimme» angenommen. Die Demarcations-Linie wurde in Folge dessen wirklich gezogen, aber kaum ein Jahr später, Februar 1850, von der preußischen Regierung wieder aufgehoben. 54) S. 65. Mit a. h. Entschließung vom 24. Januar 1849 wurde zum Tyroler Kaiser-Jäger-Regiment ein Döpöt-Bataillon von 6 Compagnien errichtet; es sollte freie Werbung stattfinden und nur der ungedeckte Rest bei der nächsten Stellung gedeckt werden. Ein Erlaß des Grasen Bissingen vom 18. Februar sprach die vollste Zuversicht auf den Erfolg dieser Maßregel aus, da „die unerschütterliche Treue zum Landesfürsten und die erst neuerlich glänzend bewährte Hingebung für das Vaterland ihm dafür bürgen". 55) S. 65. Geschichte der Universität Innsbruck von Dr. Jacob Probst, Innsbruck Wagner 1869: Weder bei Professoren noch Studenten seien „bcmerkenswerthe Ex- ccsse" vorgefallen; „im Ganzen war die Haltung der Studenten der Universität lobenswert!)". 56) S. 67. Von der süd-tyrolischen Gränze. II. Im Januar 1849 sich glaube in einem Linzer Blatte): „Wir leben hier in einer fieberhaften Aufgeregtheit — die Natio- nalitäten-Liebhaberci, wie diesen Separationsgeist Herr Borrosch in der Reichskammer recht treffend taufte, hat ihren Höhepunkt erreicht, der Süden wird sich vom Norden los- rcißen, Südtyrol wird eine für sich bestehende abgesonderte Verwaltung erhalten — so wenigstens lauten unsere letzten Nachrichten aus Olmüz und Krcmsier. Ob diese Trennung zum beiderseitigen Wähle beitragen werde wird die Folge lehren, indcß mögen diejenigen welche sie durch ihre Schroffheit vorzüglich hervorgcrufen — die Ultramontanen im gottesfürch- tigen Landtage zu Innsbruck — sich mit der Lehre begnügen, daß die Zeiten des starren Festhaltens an verrosteten Formen vorbei und das erwachte Bewußtsein der Völker stärker sei als alle Beschlüsse einer jeder höheren Auffassung der Gegenwart und ihrer Anforderungen unfähigen engherzigen Provinzialjunta. Sind wir verschrieenen Südtyroler, wir wort- und eidbrüchigen Wälschen, es ja nicht allein welche die Suprematie Nordtyrols von uns weisen — hat ja auch das Ländchen jenseits des Arlbergs dagegen Protestirt und seine Selbstständigkeit beansprucht." 57) S. 70. Vgl. „Lloyd" 1849 Nr. 92 Morgen-Ausg.: „8 I 8 Aus Nord-Tyrol", wo cS u. a. hieß: „Wir haben zwar keinen Augenblick gezweifelt daß unser Kaiser in die Thcilung unseres Vaterlandes nie willigen werde, auch haben wir nicht gewankt im Vertrauen auf die Festigkeit des Ministeriums; aber schon der Gedanke oder die Vermnthung, die Majorität des Reichstages werde vielleicht für die nämliche Maßregel stimmen, durch welche einst ein fremder Despot unsere Kraft zu vernichten und unsere Liebe zur Anmerkungen. 479 Freiheit abzukühlcn wähnte, mußte anfrcgen und empöre». Damals lag Deutschland in der tiefsten Schmach und Oesterreich hatte seine Kräfte erschöpft; Tyrol wagte für sich allein noch den Widerstand; jubelnd jauchzten ihm deutsche Herzen entgegen, als cs dreimal die Feinde aus seinen Marken vertrieben hatte. Aber der fremde Herrscher, welchem wir von jeder Hilfe entblößt endlich unterlagen, strafte uns durch die Zerstückelung unseres Vaterlandes; ein Theil wurde dem Königreiche Italien einvcrleibt, der andere au Bayern und Jllyrien überwiesen. Durch die Thcilnng rächte sich an uns der fremde Herrscher, durch die Thcilnng glaubte er unsere Kraft zu lahmen, und was wähnt, was sucht der Reichstag in Kremsier durch die Zerstückelung Tyrols zu erreichen? Aber dessen inöge man gewiß sein, daß jeder Versuch einer Zerstückelung unseres Landes auf entschiedenen und kräftigen Widerstand stoßen werde rc." lieber den Kern der Trennungsfrage möge inan sich nicht täuschen: „Man wird doch nicht so kurzsichtig sein um sich im Wahne zu wiegen, daß es nur auf administrative oder auch parlamentarische Trennung abgesehen sei; ein Rückblick auf die Vergangenheit öffnet uns eine weitere Perspective. Schott im Jahre 1843 konnte man in Trient Landkarten und Almanachc sehen, in denen Tyrol bis zum Brenner als Bcstandtheil Italiens erschien. Die darauf folgende Demonstration einiger Vollblut-Trientiner gegen den gelehrten und echt tyrolisch gesinnten Podest» Grafen von Giovanelli, und der wahrhaft kleingcistige und ärgerliche Misbrauch, deit man in Trient mit dem Namen Pio nono inachte, ließen nur deutlicher die Plaue durchblickeu welche eine Partei auszuführen sich anschickte rc." 58) S. 70. Zöll's Schützeu-Ztg. Nr. 6. v. 8. Februar S. 44, auf die aus Kremsier empfangene Nachricht, im Constitutions-Ausschuße sei „die Theilnng Tyrols bereits durchgegangen, und vielleicht noch eine kurze Zeit und dieser Alttrag geht auch im Reichstage durch". 59) S. 70. Von der Etsch 5. Januar A. A. Ztg. 1849 Beil, zu Nr. 12 S. 179: Bleibe die Lombardei bei Oesterreich, so werden Trient und Rovcredo verlangen dahin zugetheilt zu werden; gehe die Lombardei verloren, dann werden auch die süd-tyrolischen Kreise nicht länger der Habsburgischen Monarchie erhalten bleiben; aber „selbst für ein Central-Oesterreich, das Deutschland entbehren zu können glaubt, sind wir ein verkümmertes Endchen Landes, wenn wir nordwärts Fremde neben uns haben und südwärts — Verräther". 60) S. 70. Wortlaut der Innsbrucker Adresse vom 20. Februar A. A. Ztg. Nr. 58 S. 881; sie war mit 222 Unterschriften versehe» und schloß mit de» Worten: „Wir betrachten innerlich den Bund als schon geschlossen und reichen Euch, edle Bayern, über die Berge hin die Bruderhände. Unsere Väter mögen es vom Himmel herab lächelnd sehen. Hoch Deutschland! Hoch Oesterreich! Hoch Bayern!" Auch außerhalb Tyrol wurde die Haltung der bayerischen Kammer freudig begrüßt; so in Salzburg, Beil, zu Nr. 63 S. 967: „Unter den trüben Wolken der Gegenwart lassen uns die Worte eines Kreises von Männern, auscrwählt aus fünf Millionen Deutscher, hoffen und vertrauen es werde nicht gelingen das Band des Blutes und der Freundschaft, der Bildung und des Ruhms, der gemeinsamen Wohlfahrt an Geist wie an Körper zu lockern oder zu zerreiße», jetzt wo wir eben erst in dem Gedanken erstarken es werde inniger tim uns geschlungen werden als je." 61) S. 71. Eine Bozener Adresse vom 6. März „an die wackeren österreichischen und tyrolischcn Abgeordneten zur deutschen National-Versammlnng in Frankfurt a. M.", Wortlaut A. A. Ztg. Nr. 69 S. 1053, hatte mehr die deutsch-österreichische Frage überhaupt als die tyrolische insbesondere im Auge: „Feste Einigung aller Deutschen zu einem großen Ganzen auf immerdar! . . . Lasset nicht ab, chevor ihr errungen habt daß alle 480 Anmerkungen. deutschen Völker und Stämme vom Belt bis ans adriatische Meer, vom Rhein bis zur Weichsel March und Save auf immer eins geworden unter sich, eine unwiderstehliche Macht nach außen, eine große Völker-Familic iin Innern, desselben Geistes i» der Verfassung, in Gesetz und Verkehr, immerfort und überall verbunden und geeinigt durch Humanität und Liebe." 62) S. 71. „An Meine getreuen Schützen-Hauptleute Johann Ritter von Mörl zu Innsbruck; Ignaz Freiherr von Giovanelli zu Bozen; Anton Kink von Kufstein" rc. Das Hand-Billet war datirt aus Olinüz 24. Januar, also gerade einen Tag vor dem Beschlüsse im Krcmsierer Constitutions-Ausschusse, wurde aber in Innsbruck erst gegen Mitte Februar bekannt; s. Wortlaut Schützeu-Ztg. Nr. 7 v. IS. Februar. — Die Ernennung des Grafen Bissingen hatte man in Tyrol um die Jahreswende erfahren; in der ersten Hälfte Januar hatte er in Innsbruck einige Tage geweilt und durch seine Leutseligkeit die besten Hoffnungen erweckt; ebenda S. 6, 12. Am 7. Februar traf er in der Landeshauptstadt ein um die Leitung der Geschäfte zu übernehmen und machte einige Tage später das kaiserliche Handschreiben bekannt. 63) S. 71. A. A. Ztg. Beil, zu Sir. 66 S. 1013 f. Von der Etsch 28. Februar: „Wenn die Schützen diese Bestimmung haben sollten, möchten wir sie lieber daheim wissen. Fremde können einander überwachen; bei Leuten die unter einem Dache beisammen wohnen sollen ist's vom Nebel. Wir hörten von Tricntern und Innsbruckern am liebsten den schönen Spruch: ilöce.o gnam bonum, lionnm et snennclnm, üabitLrs fratres, krstres in nimm." 64) S. 73. Triest 12. Februar A. A. Ztg. Beil, zu Nr. S1 vom 20. S. 782. Auf Sourdeau hatte Graf Stadion in einem Vortrag vom 23. Decembcr 1848 die Blicke des Kaisers zuerst gelenkt. 65) S. 76. Vgl. Bd. II. S. 154—156, 218 f. S. auch Protests, äei IMImati" in der venetianischen Raooolta V. S. 461 f. unterm 15. Januar 1849, wo es u. a. hieß: „I?rotestia.mo clai nostri licki o s veritslele eonüit n'est pss entre l'intörst prussien et eelul cks l'Lutrielie, Mais entrs lös rüves cl'un Lunsen gni prenck das Gaukelspiel von Frankfurt an serienx, et le bon sens ck'OImntn" ; Wien 14. Februar (an eine Dame der hohen Aristokratie). Vernehmen wir noch das Urthcil eines Demokraten vom reinsten Wasser was August Silberstein damals war, der in einem Aufsatz des „Leuchtthurm" Nr. 7 S. 111—l13: „Die preußische und die österreichische Note" schreibt wie folgt: „Die preußische Note ist ein Meisterwerk der Gehässigkeit, der Hofschranzenhaftigkcit, der Anmaßung, der lieblichen Wedelei und Drehung. Oesterreich hat nie Phasen gemacht, es war absolut und ist absolut, es gibt sich aber nicht die Mühe eS zu verheimlichen, und selbst Pater Metternich war so ehrlich nach seiner Weise, daß er für die constitutionellcn Minister Preußens ein erhabenes Muster der Nachahmung sein könnte." 77) S. 84. K. k. Min. d. Ae. 13. Januar 1849: „Oesterreich und Preußen würden gemeinschaftlich durch eigene Agenten Bayern und die übrigen deutschen Königshäuser ein- laden mittelst einer gleichlautenden Note dem Reichs-Ministerium in Frankfurt bestimmt zu erklären, sie seien entschlossen auf einer Vereinbarung zu bestehen" (vgl. Bd. IV1 S. 102). Sollte eine Einigung unter den deutschen Königshäusern nicht zu erzielen sein, so werde Oesterreich „sich zurückziehcn und Deutschland sich selbst überlassen". 78) S. 85. Ebenda. Vertraulicher Bericht Nechberg's an den Fürsten Schwarzenberg über seine Sendung nach München: „Schwäche und in ihrem Gefolge Unentschlossenheit, gepaart mit einer maßlosen Seicht die Rolle einer großen Macht zu spielen, sind die hervorstechenden Züge in dem Charakter des Königs. Sie werden durch ein theils verdorbenes theils rathloscS theils aus Zöglingen der zu Deutschlands Verderben seit Max Emanuel's Zeiten in München herrschenden politischen Schule zusammengesetztes Ministerium nicht gemildert. Furcht und Interesse sind unter solchen Verhältnissen die einzigen Hebel durch welche auf den bayerischen Hof cingewirkt werden kann." In allen groß- Anmerkungen. 433 deutschen Fragen befinde sich Graf Bray im Widerspruch mit seinem königlichen Herrn der einen Particularistischcn Standpunkt cinnehme und an den Prärogativen der bayerischen Krone festhaltc. „So sprach mir z. B. der König mit einer an Leidenschaft gränzenden Heftigkeit iiber die ihm von Frankfurt gemachte Zumuthung seine Vertretung im Ausland aufzugeben, und ersuchte mich zu wiedcrholtcnmalen Euer Durchlaucht dringend zu bitten der bayerischen Krone dieses Recht bei der Reorganisation Deutschlands zu retten, während Graf Bray glaubte dieses Recht müsse der öffentlichen Meinung zum Opfer gebracht werden." Zu de» wärmsten Vertretern des österreichischen Bündnisses gehörte Herr von Abel, der in großer Gunst beim Könige stand und dessen ganzes Vertrauen besaß. 79) S. 85. König Max war auch inhaltlich mit den Grundrechten des deutschen Volkes keineswegs einverstanden und hatte Persönlich eine ausführliche Abhandlung: „Widerlegung der Grundrechte" abgefaßt, die er dem Grafen Rechbcrg zeigte um de» kaiserlichen Hof darum wissen zu lasse»; Rechberg, vom Könige aufgefordert seine Ansicht auszusprechen, rieth davon ab sich Frankfurt gegenüber in Einzelerörterungcn einzulassen; der König versicherte ihn, er habe den Aufsatz niemand einsehen lassen. 80) S. 86. I» diesem Sinne sprach sich auch der Adrcß-Entwurf Stockinger's nach einigen von der Majorität der Commission daran vorgeuommenen Aenderungen über diesen Punkt ans: „Das von allen wahren Vatcrlandsfreuden längst heiß ersehnte Ziel der Einigung Deutschlands auf dem Grund gleichmäßiger wahre Volksfrciheit gewährleistenden Einrichtungen in den einzelnen Staaten, und einer Gesammtvcrfassung die alle Deutschen Stämme ohne Ausnahme zu einem kräftigen achtunggebietenden Bundesstaate unauflöslich verbinde, naht seiner Verwirklichung. Dieses hohe Ziel legt allen einzelnen Staate» die Pflicht auf, sich selbst dadurch zu stärken und zu befestigen daß sic einen Theil ihrer bisherigen Rechte und Befugnisse zur Stärke und Macht des Gesammt-Vaterlandes aufgeben. Nur ein aufrichtiges rückhaltsloscs Eingehen auf den neu erwachten Zeitgeist welcher alle Schichten der bürgerlichen Gesellschaft durchdringt, nur bereitwillige Unterordnung unter die Beschlüße der constituireude» National-Versammlung und der Central-Gcwalt vermag die Mittel zu gewähren dauernde Ruhe und nachhaltigen Wohlstand dem Deutschen Volke zu sichern. Die Kammer der Abgeordneten erkennt daher auch insbesondere die Gesetzeskraft, sowohl der Deutschen Grundrechte als des geringsten Maßes der Freiheiten und Rechte die allen Deutschen ohne Aus» ah nie gehören, wie auch der allgemeinen Wechselordnung, und sieht der örtlichen Verkündigung derselben durch die gesetzlichen Organe entgegen". 81) S. 86. Eine sehr interessante Schilderung der republicanischeu Stimmungen im Schwabenland in den ersten Monaten 1849 s. Kühne Tagebuch S. 565- 582: „Gevatter Süddeutsch und die Republik". 82) S. 87. Handel nach Wien Nr. 1 vom 15., Nr. 3 vom 21., Nr. 4 ^—0 vom 23., Nr. 6 L vom 30. Januar, lieber unser» jugendlichen Kaiser äußerte sich Wilhelm I.: „Möge die Vorsehung ihm gnädig sei». Er beginnt Seine Regierung in schwierigen Augenblicken. Es wäre eine gerechte Ausgleichung des Schicksals welches Andere und auch mich betroffen, wen» Ihm dafür am Ende Seiner Laufbahn Ruhe und Zufriedenheit zutheil würden". Er warf einen kurzen Rückblick auf seine eigene Regierung und sagte zuletzt: „Und jetzt in meinen alten Tagen muß ich so trauriges erleben!" Er brach dann plötzlich ab, sichtlich um sich von seinen Gefühlen nicht übermannen zu lassen, lieber den kaiserliche» Minister-Präsidenten sagte er ein paar Tage später zu Handel: „Beim Fürsten Metternich, der in den Principien, wenn auch nicht immer in der Wahl der Mittel mit mir übereinstimmte, ist immer noch etwas im Rückhalte 31* 484 Anmerkungen. geblieben was er nicht gesagt hat; die Sprache des Fürsten Schwarzenberg drückt aber seinen ganzen Gedanken aus". 83) S. 89. Kucfstcin Dresden 9. Januar 1849 I b und dir. 22 vom 10. Februar I>. 8.: „Gegen Fanatismus Trunkenheit und Wahnsinn hilft keine Argumentation". S. auch „Lloyd" Nr. 51 vom 30. Januar Abendblatt, 1- Leipzig 28. Januar über die Zusammensetzung der beiden Kammern „deren Mitglieder zu einem großen Theil aus Proletariern, Ungebildeten und rohen Subjekten bestehen. Man muß sich in der That schämen ein Sachse zu sein; ein tief beschämendes Gefühl überkomint jeden verständigen und einsichtsvolle» Manu welcher treu und innig am Vaterland hängt, sein Volk auf diese Weise vertreten zu sehen. Wahrlich, wenn diese Kammer der Spiegel des sächsischen Volkes ist, dann steht es traurig um unser Vaterland. Mit Ekel muß sich das bessere Gefühl abweudeu, wenn es von den Vertreter» des Landes einige auf der Gasse auf- gefangene witzlose Gedanken mit dem Mantel der Phrase umhängcn und voll schalen Dünkels als die Fülle der Weisheit anprciscn hört. Und diesen Charakter habe» fast alle Helden getragen welche bisher von den radikalen Kammcrcandidaten hochgchalten worden sind" rc. 81) S. 91. Baron Kreß nach Wien Nr. 6 vom 17. Nr. 11 vom 27. Januar, Nr. 17 vom 5. Februar. Laut der Depesche Nr. 8 vom 23. Januar sprach der König unserem Gesandte» von einem vertrauliche» Schreiben Friedrich Wilhelm IV. der seinem hannoverschen Vetter mittheiltc, sein Cabinct habe mit jenem von Wien gemeinschaftliche Abrede über die deutsche Frage gepflogen, wobei man in der Hauptsache einig geworden und nur hinsichtlich einiger unbedeutenden Nebenpunktc verschiedener Ansicht gewesen sei, die aber bald ihre befriedigende Lösung finden würden; „worin jedoch das bereits erlangte Resultat der erwähnten Verabredungen eigentlich bestehe, darüber hat das preußische Ministerium ungeachtet wiederholter Anfrage sich leider nicht geäußert; nur ist so viel zu entnehmen gewesen daß der König sich nie herbeilasscn werde die Würde eines deutschen Ncichsobcrhanptes anzunehmen." 85) S. 92. Der in der Depesche Kreß' Nr. 21 vom 14. Februar erwähnte „ausführliche Bericht" Brenucr's ist in den Acten leider nicht zu finden, lieber die Hanno- ver'schc Stäudcversammlung heißt es bei Kreß: „Sie thcilt mit allen übrigen deutschen Kammern die Schwärmerei des deutsche» Einhcits-Princips mit allen seinen Consequenzeu, und ein Antasten desselben wird von der Oppositionspartei, an die sich auch in dieser Beziehung gar manche andere anschließen, als Verrath betrachtet." 80) S. 93. Die aus Hannover 13. Februar 1849 datirtc Note sollte, wie ja die ganze Mission Brcnncr's, geheim bleiben und wurde mit des letzter» Vorwissen nur Herrn v. Bothmcr in Frankfurt und dem preußischen Cabinct vertraulich in Abschrift mitgetheilt. Als sich gleichwohl iin Publicum Gerüchte von der Existenz dieses Schriftstückes verbunden mit sehr ungenauen Angaben über den Inhalt desselben verbreiteten, ließ Bennigsen die Note in der Hann. Ztg. abdruckcn, worüber Kreß nicht sehr erbaut sein konnte; s. dessen Depesche Nr. 27 vom 24. Februar. Die hannovcr'sche Erklärung wurde dann auch in der Wr. Ztg. Nr. 50 vom 28. S. 581 abgcdruckt. 87) S. 91. In überaus hämischer, völlig würdeloser Weise spricht Laube Das erste deutsche Parlament (Leipzig Weidmann 1849) III S. 315 von Buß: „Mancher ehrliche Mann fluchte bei seinem Anblicke: er werde au die Dirne erinnert die sich zu allem herbeilasse und dabei doch in gute Gesellschaft sich dränge" ». s. w. 88) S. 95. Ohne Zweifel waren es Andrian'S Mittheilungen die Schmerling vor Augen hatte als er am 22. (I!. „Vertraulich") »ach Olmüz berichtete: „Aus verläßlicher Quelle erfahre ich daß der Sitz der Jntriguen gegen Oesterreich und speciell gegen mich Anmerkungen. 485 in London sei, wo Herr von Lunsen und Stockmar im preußischen Sinne die stets feindlichen Gesinnungen Lord Palmcrston'S gegen Oesterreich bereitwillig unterstütze». Nur sollen die Herren über das zn rasche und unverdcckte Auftreten des Herrn von Gagern mit seinem Programme erschrocken sein und mehr Ruhe empfohlen haben". 89) S. 95. Ans Bunsen'S Briefen S. 494 f., 525—539. Als Maßstab sittlicher Bcurthcilung der politische» Persönlichkeiten mit denen er in Berührung kam, galt dein edle» Ritter Josias einzig deren Stellung zum preußischen Erbkaiscrthm». So bei Ra- dowitz den er dem Vorschläge der Erblichkeit und des Ausschlußes von Oesterreich nicht abgeneigt fand: „das genügte mir um an seine Ehrlichkeit zu glauben"; oder bei Gicch und Notcnhan die „mit ganz Franken für den Erbkaiser zu stimmen" erklärten: „zwei edle deutsche Männer!" 90) S. 93. Ist dieses Urtheil etwa zu hart? Der geneigte Leser schlage irgendwo Hahm's deutsche Ratioual-Bersammlung (Berlin Gärtner 1849) auf! Da findet er die „Weisesten und Besten" in den Reihen der eigenen Partei; da heißt die eigene Parteirichtung „ein edler Weg, aber nur mit Edlen zu gehen"; da wird der eigene Partcieifer als „der losgekcttctc Stier" gepriesen „der diejenigen seine Hörner fühlen lassen wird die es wage» sollte» sich ihm in den Weg zu stellen". In den Reihen der Gegner dagegen herrscht „der souvcraine Unverstand", da waltet nichts als „Stammes- und Principicn- Eigensinn", da gibt cs „keine andere als panische Treue"; die Haltung Oesterreichs und dessen Hccresgefolge, heißt cs an einer Stelle, „erregt jedes ernstere sittliche Gefühl in die Tiefe" u. dgl. m. Nicht so heftig, aber mit ungleich mehr Hohn und Galle ließ sich Laube a. a. O. über die „Mettcrnich'schc Rechte" im Parlament, über das „unwahre Bayern- und Ocsterreichthum" aus; nicht die „erste deutsche Macht" sei Oesterreich sondern „die erste fremde Macht" re. Man sehe III S. 293, 309 f., 317, und bedenke daß der Verfasser für seine Person als Vertreter eines österreichischen Wahlbezirkes im Parlamente saß! 91) S. 97. Schmer, an Schwa. Frankfurt 21. Januar Nr. 24 vcrgl. mit 3. Februar „Vertraulich" 6: „Der Begriff des Bundesstaates wird durch seine künftigen Gränzen sich bestimmen. Der Name ist aber nicht ohne Werth, weil der alte Staatcn- bund, gewiß gut in seiner Anlage, durch seine Durchführung so verhaßt geworden ist daß die öffentliche Meinung durchaus gegen ihn ist". 92) S. 97. In allen deutschen Angelegenheiten Pflog Schwarzenberg gern den Beirath Bruck's. So findet sich im Concepte der Note vom 4. Februar außer mehreren kleineren Acndcrungcn eine lange Stelle (Bog. 1 S. 4 von „Die Negierung Sr. Majestät welche" bis Bog. 2 S. 2 „unter der" Hülle rc.) von Bruck's Hand mit Bleistift durch- strichcn und auf der Spalte daneben anders gefaßt, was dann Wort für Wort in den Text wie er hinausging aufgenommen wurde. 93) S. 97. Wessenbcrg I S. 16: „Schmerling wollte gleich abdanken, in lu- roro", über die Note vom 4. Februar nämlich; und S. 18: „Schmerling hat sich über Nacht eines besseren besonnen und will sich nunmehr der ihm übertragenen Vereinbarung unter den königlichen Bevollmächtigten unterziehen". S. auch dcu Bericht des Freih. v. Kreß nach Wien Hannover 11. Februar: „Graf Bennigsen thcilt mir im Vertrauen die eben nicht erbauliche durch den Hannover'schcn Bevollmächtigte» Baron Bothmer cinberichtetc Nachricht mit, daß Herr v. Schmerling sich weigert die am 4. an ihn erlassene Weisung dem Minister-Präsidenten von Gagern mitzuthcilen, und bereits erklärt hat eher um Entlassung ans dein Allerhöchsten Dienste bitten zu müßcn". 94) S. 98. Hat) m, seiner geifernden Nolle getreu, nennt II S. 281 Heckscher einen „heruntergekommenen "Mann, spürend offenbar was in solcher Lage der Dinge einem 486 Anmerkungen. talentvollen Advoeaten für eine Position zu ergreifen bleibe". S. dagegen Schmer, an Schwa. 22. Januar „Vertraulich" L: „Einen willkommenen Alliirten haben wir in Herrn Heckscher gewonnen, der von seiner Mission in Italic» znrückgekehrt ist und der Nationalitäten-Frage nicht günstige Eindrücke mitgebracht hat. Er hat kein Talent zum Minister, aber ausgezeichnete für das Parlament und für staatsrechtliche Fragen. Er ist ties entrüstet über die Jntrigucn der preußischen Partei und haßt deren eifrige Vorkämpfer, die schleswigischcu Professoren aus voller Seele. Er wird daher unseren gerechten Ansprüchen seine Thätigkeit gern weihen". 95) S. 98. Jürgens III S. 54—58: „Von diesem Abend datirt die Verbindung der ,Großdcutscheiü gegenüber der ,Kleindeutschcn' Partei." Voll Freude berichtete Schmerling ain 12. Nr. 52 an den Fürsten Schwarzenberg, cs seien alle österreichischen Abgeordneten zusammcngekommen, auch die linken, „und die Zusammenkünfte sollen regelmäßig wiederholt werden. Die demokratischen Ansichten einiger von ihnen treten ohnehin in den Hintergrund, seit ihre Grnndsätze in Oesterreich selbst wenig Anklang finden". Letzteres war wohl stark rosenroth gesehen. 96) S. 09. Haym II S. 265—272 übcrtrifft sich selbst in den Ausbrüchen seines AcrgcrS darüber daß es das Cabinct von Olmüz gewagt durch die Depesche vom 4. die Kreise der Erbkaiscrlichcn zu stören. Er ringt nach Worten um seiner Wuth, die ihn zu ersticken droht, Luft zu machen: „heuchlerisches widerwärtiges Gerede" — „diplomatische Tücke" — „plump" — „dreist" — „naiv, um nicht zu sagen frech" — „Vorschlag eines politischen Pfuschers . . . mit der Miene eines Cagliostro"; das Preußische Rundschreiben vom 23. Januar ist ihm „eine Stantsschrift vom ernstesten Tone und vom gebildetsten Styl", die österreichische Depesche vom 4. Februar „ein knabenhaft leichtfertiges, ein nachlässig znsammcngcschricbcnes Excrcitium", und in diesem jungenhaften Ton noch lange fort. Besonderen Spaß machte diesen Herren ein Ausdruck der ihnen in der österreichischen Note ausstieß. So witzelten die „Grcnzbotcn" 1849 I S. 313 fs.: „Hat Schmerling oder Durchlaucht Schwarzenberg oder wer sonst die Note schrieb, in seiner Jugend Verse gemacht oder gelesen daß ihnen »och jetzt .Deutschland vorschwebt' wie einem hungrigen Gelegenheilsdichter die gebratene Gans oder einem verliebten Schneider sein Mädchen oder dem Theaterhclden Macbeth sein Dolch", lieber den Beschluß der National-Vcr- sammlung vom 12. heißt cs bei Haym II S. 273: „Die Ucberweisung an den Verfassungs-Ausschuß, eine nicht unhonette Form der Beseitigung, war im Grunde schon zu viel Ehre für ein Actenstück welches die Ehre uicht des Parlaments allein sondern die der Nation mit Füßen trat". 97) S. 99. Bülow aus Berlin an Bernstorff in Olmüz 16. Februar: „So wenig wir jemals unsere Zustimmung zu der Forderung haben geben können daß Oesterreich seine deutschen Lande virtuell aus der unzertrennlichen Gemeinschaft mit seinen äußer- deutschen Staatsgcnossen in ihrer Gesetzgebung und Verwaltung löse: so wenig wird auch Oesterreich au Deutschland die Forderung stellen dürfen daß es die Entwicklung seiner inneren Verhältnisse nicht nach seinen eigenen gemeinsamen Bedürfnissen, sondern nach den Bedürfnissen und den eigcnthümlichcn Verhältnissen eines einzelnen, wenn auch mächtigsten Bundcsgliedcs einrichte". 98) S. 100. S. auch Rcchberg an Schwarzenberg 16. Januar: „Aus guter Quelle hörte ich daß der ehemalige badische Minister und Bundestags-Gesandte Herr v. Blitters- dorff, der als Vorkämpfer sür Preußen gegen Oesterreich ausgetreten ist und wüthend agitirt, sich dahin geäußert hat, die Sachen seien so weit gekommen daß eine neue Schilderhebung in Deutschland stattfinden miiße, die alle deutschen Fürsten mit Ausnahme etwa Sr. Majestät des Kaisers unseres Allergnädigsten Herrn und des Königs von Preußen Anmerkungen. 487 von der Bühne zu fegen habe" Blittersdorff stand auf sehr vertrantem Fuß mit Camphausen. 99) S. 101. S. Hayin II S. 286—288 und Biedermann Erinnerungen aus der Paulskirche S. 95—98 über „das factieuse Treiben der Oesterreicher" zu deren „Ausschließung" man leider „kein Recht" habe. S. auch Laube III S. 313: „Ihre Existenz in der Paulskirche wurde verwünscht und man war wiederholt auf dein Punkte darauf anzutragcn daß sie ausscheideil sollten". An ander» Orten, S. 286 f„ 290, spricht er über „die groß-deutschen Pharisäer" und verdreht gleich den beiden Andern voll sittlicher Entrüstung die Augen über die „berüchtigte Coalition" der Groß-Deutschen mit der Linken, ein Bund „lügenhaft und uninoralisch dadurch daß sic einander zu Gefallen für Sätze stimmen welche ihrem Princip und sonstigen Wunsche direct widersprechen". Biedermann S. 86 s. bemerkt das Bündnis sei „aus gegenseitiges Mistraucn" begründet gewesen und führt ein Wort des Cynikers Bogt an: „Wir wissen recht wohl daß cs auf ein gegenseitiges Betrügen hinauskommt; es handelt sich nur darum ob wir oder die Groß-Deutschen die Betrogenen sein werden" . . . Null muß inan aber wissen daß die Erbkaiserlichcn in ganz gleicher Weise die Linke zu gewinnen suchten und wiederholte Proben davon abgelegt hatten. „Um der Mehrheit sicher zu sein", sagt Ranke a. a. O. S. 260, „gaben sie ihren Gegnern das radicale Wahlgesetz nach auf welchem diese bestanden, und fügten sich darein dem künftigen Oberhaupte nur ein suspensives Veto zu bewilligen. Sie erschraken, aber gaben nochmals nach, als diese Beschränkung der höchsten Autorität auch auf Fragen der Verfassung ausgedehnt wurde" rc. . . . Auf welcher Seite war denn dann, erlauben wir uns zu fragen, die politische Ueberzeuguugstrcue? auf welcher die „politisch tief unsittlichen Charaktere", mit welchem Epitheton Bnnsen- Nippold II S. 499 den Leo beschenkt. 100) S. 101. Jürgens II S. 462—467. Er erwähnt mit Bedauern, man habe „Oesterreich fort und fort beschuldigt keine National-Repräsentation zulasten zu wollen". Der Vorwurf keine positiven Vorschläge zu machen habe „Oesterreich nnsäglich geschadet, die ihm nachthciligen und misfälligen Beschlüße und Maßregeln der National-Vcrsammlung, die Operationen der preußischen Partei und des preußischen Gouvernements unsäglich gefördert, die Schritte der groß-deutschen Partei in der Schwebe gehalten und beirrt, die Widersacher crmuthigt, den Mnth der Freunde gelähmt, die Calamität des preußischen Soudcrbundcs mit Wenigen oder Vielen ermöglicht und mittelbar herbeigeführt". 101) S. 102. Rechberg an Schwarzenberg 8. Februar aus München: „Erwähnens- werth bleibt es jedenfalls wie sehr die offene und ruhige, aber kräftige Haltung Oesterreichs den preußischen Jntrignen gegenüber die Wage der öffentlichen Meinung zu Gunsten Oesterreichs neigen macht. Vor zwei bis drei Monaten war in Bayern die Zahl der Anhänger Oesterreichs sehr klein. Heute strömen alle Herzen, alle Sympathien Oesterreichs zu, die Cohortc seiner Gegner ist auf ein kleines Häuflein großentheils politischer Abenteurer zusammengeschmolzen, aber die Erbitterung gegen Preußen und dessen Bestrebungen nach Hegemonie haben den höchsten Grad erreicht". 102) S. 102. Lloyd 1849 Nr. 56 vom 2. Februar Morg.-Ansg., n Frankfurt 27. Januar. — Derselbe II-Correspondent Frankfurt am 11. (Nr. 81 vom 16. Abend- Ausg.): „Hätte die Note gesagt: ,Oesterreich hat nichts gegen den Bundesstaat einzuwenden, aber es beansprucht die Leitung desselben', so wären der Note alle Herzen zugeflogcn. Die preußische Suprematie aufzugeben um den Bundesstaat zu retten ist jeder bereit; schwieriger aber ist es die österreichische Suprematie auf Kosten des Bundesstaates zu retten". Derselbe am 26. (Nr. 107 vom 3. März Ab.-Ausg.): „Oesterreich macht uns jetzt in Frankfurt viele Sorgen; man schmollt mit ihm, aber man kann ihm 488 Anmerkungen. nicht böse werde». Oesterreich hat zu dem jung heraufblühcnden hoffnungsvollen Deutschland in seiner denkwürdigen Note vom 4. Februar ein hartes Wort gesprochen, ganz seiner gemüthlichen Natur entgegen, und es gehörte die ganze Macht unserer schönen Erinnerungen und unserer warmen Gefühle für Oesterreich dazu, um dieses harte Wort dem alten treuen bewährten Freunde nicht übel zu nehmen. Oesterreich sagt zu Deutschland: ,Du willst ein Bundesstaat werden, dieser Wunsch ist kühn und weder dir noch mir ersprießlich; keine Sprünge im Staatsleben; die deutsche Einheit ist eine schöne Sache, aber cs wird vortheilhafter sein wenn du allmälig zu ihr gelangst, auf dein Wege staatlicher Entwickelung. Für jetzt kannst du nur insoweit selbstständig sein, als dir deine Fürsten und besonders Oesterreich Selbstständigkeit gestatten'. Mußte cs gerade Oesterreich sein das uns so unsanft enttäuschte? Mußten wir gerade von dem Lande her diese Sprache vernehmen das wir gerade durch die deutsche Einheit für ewige Zeiten mit unauflöslichen Banden an uns ketten wollte», zum Heile Deutschlands, zum Heile für Oesterreich? Ich habe den Eindruck dieser Note vom 4. Februar in de» mannigfaltigsten hiesigen Kreisen beobachtet; überall war cs Schmerz und Trauer, nicht Erbitterung, was dieses Acten- stück hervorbrachte. Man sagte sich: ,Ja wenn Oesterreich die warme Zuneigung die ihm Deutschland entgegcnträgt gewaltsam zurückstößt, dann freilich bleibt nichts übrig als daß wir uns an das kalte Preußen anschlicßen!" 103) S. 107. Voller Wortlaut der Collectiv-Erklärung Wr. Ztg. 1849 Nr. S3 vom 3. März S. 623, Nr. 54 vom 4. S. 635 f., dann der württembcrgischen Erklärung A. A. Ztg. Nr. 73 vom 14. S. 1109. Für Bayern hatte sich Graf Bray bereits am 12. Herrn v. Bockelberg gegenüber verwahrt, „als habe die Regierung Sr. Majestät des Königs das von vornherein vorbchaltcne Recht der Verständigung und Vereinbarung über die definitive Gestaltung der als .Reichs-Verfassung' einzuführcndeu neuen staatsrechtlichen und politischen Ordnung in Deutschland veräußert", sic zähle vielmehr „in diesem Punkte unbestreitbar zu jenen deutschen Regierungen welche auf das Recht der Zustimmung für das eudkräftigc Vcrfassungswerk, durch welches das bisherige bundcsrcchtlichc Verhältnis umgestaltet werden soll, zu keiner Zeit verzichtet haben". Vier Tage später hatte v. Xy- lauder in Frankfurt eine Note an die provisorische Ceutral-Gewalt gerichtet, worin der Standpunkt Bayerns klar ausgesprochen war; Wr. Ztg. Nr. 39 vom 27. Februar S. 569. 104) S. 107. Es waren beispielsweise diese: Die deutsch-österreichischen Provinzen sollen einen Theil des deutschen Reiches bilden; wenn der Kaiser außerhalb derselben rcsidirc, mäße für sic ein nur aus Deutschen bestehender Rcgcntschaftsrath nicdergcsctzl werden. Die diplomatische Vertretung sowie das Recht des Krieges und Friedens für Deutsch-Oesterreich fällt der Reichsgewalt zu. An der Spitze der^Rcichsrcgicrung steht ein Statthalter dem sechs andere Mitglieder bcigescllt sind; eines derselben wählen Oesterreich und Liechtenstein, im Falle sich die beiden nicht verständigen könnten entscheidet ein Reichsgesetz. In das Staatenhaus entsenden Oesterreich und Liechtenstein 40 Mitglieder; über die gemeinsame Wahl haben sie ein Uebereinkommen zu treffen welches der Rcichsregierung zur Genehmigung vorzulegeu ist rc. rc. . . Was war zu Zumuthungeu solchen Charakters zu sagen?! Alle Ehre dem erlauchten und berühmten Hause der Licchteusteiue — aber das Kaiscrthum Oesterreich, oder auch nur dessen zum deutschen Bunde gehörigen Länder, mit dem FUrstenthum Vaduz vor einen Karren zu spannen und, falls die beiden sich miteinander nicht vertrügen, an ein Reichsgcsctz appelliren zu lassen das allenfalls den Vaduzcrn Recht gäbe, das war denn doch ein solcher Gipfel von Unvernunft daß eben nur das „tolle Jahr" dazu gehörte es anszuhcckcn. Die Reichsgcwalt hat ferner das Recht in Oesterreich selbständig Rcichssteuern auszuschrcibcn; sie hat die Gesetzgebung über das Heerwesen, in den Fahneneid ist die Reichstrcue zuerst, mithin vor jener gegen den Kaiser Anmerkungen. 489 von Oesterreich auszunehincn. Und so weiter! . . . S. de» scharfen Artikel in der „Presse" Nr. 54 vom 4. März: „Die neuesten Vorschläge ans Frankfurt" mit dem sarkastischen Schlüße: „Außer diesen im allgemeinen angedcntctcn Beschränkungen ist Oesterreich im übrigen vollkommen selbständig und souverain". — Einen vollständigen Abdruck des groß- deutschen Elaborates: „Vorläufige VerbesscrungSvorschläge zu dem in erster Lesung angenommenen Entwurf der deutschen Reichs-Verfassung" bringt Jürgens III.S.628—638. 105) S. 108. Freih. v. Handel Stuttgart 21. Februar: „Der Kaiser von Rußland hat neuerdings eine» Weg gefunden um den König Wilhelm zum engsten Anschluß an Oesterreich aufzufordcrn, seine wahre Freundschaft für Se. Majestät den Kaiser, seine Bewunderung für die k. k. Armee und seine volle Zustimmung zu der Politik des Ol- iniizer Cabincts zur Kenntnis des hiesigen Hofes zu bringen." 106) S. 110. Siche im„Llohd" Nr. 125 vom 14.März Abcnd-Ausg. zwei Frankfurter Correspondenzcn vom 10., die eine mit der Chiffre I>. 6., die andere 4 8 4. — lieber die Ansammlnng deutscher aus Frankreich hcrüberkomineudcr Flüchtlinge in Solothurn berichtete Handel aus Stuttgart 5. März dir. 2l, dieselben gäben vor ihre Dienste der italienischen Regierung zu widmen: „Es ist aber der hiesigen Regierung bekannt daß diese Flüchtlinge nicht allein im Badischen und Hohenzollcrischcn Verbindungen haben, sondern daß sie auch mit den in den württembcrger Oberämtcrn Friedrichshafcn Tettnang und Ravensburg befindlichen Anhängern der Republik in thätigem Einverständnisse stehen. Es kann daher allerdings geschehen daß die revolutionäre Partei cS versuchen möchte den Augenblick zn einer Schildcrhcbung in den genannten Bezirken zu wählen, während die königlichen Truppen ihre Aufmerksamkeit auf Baden und das Rhein-Thal richten mäßen." Am selben Tage berichtete Schmerling Nr. 83 aus Frankfurt: die französische Regierung habe dem Reichs-Ministerium mitgcthcilt daß unter den in den östlichen Städten weilenden Flüchtlingen große Bewegung herrsche, Rüstungen wahrzunchmen seien; sic habe deshalb ihre Behörden im Elsaß angewiesen Gränzvcrlctzungeu zu verhindern. 107) S. 113. Bcust sprach zu Anfang März gegen unfern Gesandten den Wunsch aus, „daß cs der kaiserlichen Regierung möglich sein möchte, auch ihrerseits Truppen an die Gränze rücken zu lassen um auf Anrufen wenigstens die nächsten au Böhmen stoßen- den Landcstheile zu besetzen". Es sollte das zugleich ei» Gegengewicht gegen die Preußen sein, von denen man in Dresden fürchtete daß, wenn sie ciuinal im Laude wären, sic „über den Zweck und die Zeit hinaus" da bleiben möchten; Kncsstei» Skr. 33 vom 6. März. 108) S. 117. Jürgens III S. 140—142. Wcsscubcrg au Jsfordiuk am 12. Mürz (I S. 20): „Dieses machte in Frankfurt um so mehr Aufsehen als viele glaubten Schmerling sei zu diesen Conccssioncn nicht ermächtigt." 109) S. 120. Vergl. Görgci's Darstellung I S. 206—210 mit Danzer I S. 120—122. Da Görgci namentlich Kmeth und dessen Division als jene bezeichnet die ihn „ihres unbedingten Gehorsams" selbst für den Fall versichern lassen daß er es für nothwendig fände „sic gegen Debrcezin zu führen", so widerspricht Kmeth Görgei'S Leben und Wirken S. 8 dieser Behauptung auf das entschiedenste und gebraucht dabei sogar den Ausdruck: „Görgci lügt unverschämt wenn er so etwas in die Welt schreibt." Die von Älapka I S. 235 f. Ainu, angeführten zwei Schreiben Dembwski's an Görgci und dieses an jenen fallen in die Zeit unmittelbar vor den oben geschilderten Vorgängen. 110) S. 121. Das Verdienst dieses letztere Manoenvre in Anregung gebracht zu haben, und zwar hinter dein Rücken des Obcrfcldhcrrn, will Küszonhi, der seit 7. oder 8. Februar als Regierungs-Coinmissar in Erlau suugirte, sich selbst zugeschriebcn wissen. Er habe „bereits am 17. Februar" durch den Notar Türy von Rükas Meldung „von der 490 Anmerkungen. Stellung der Ocstcrreicher zu Szolnok" erhalten und denselben „allsoglcich" nach Debreczin geschickt; allein der Schlag sei erst am 6. März erfolgt: „welch ungeheurer Unterschied wäre es gewesen, wenn dies am Tage oder am Vorabend der Schlacht bei KÄpolna geschehen wäre" re. Vier Zeitalter II S. 182. Hiegegen ist zu bemerken daß inan die „Stellung der Kaiserlichen zu Szolnok" nicht erst am 17. Februar und nicht erst durch den Notar Türy zu erfahren brauchte, da sie ja seit Anfang Januar im wesentlichen dieselbe geblieben war, und daß der verspätete Angriff auf Szolnok ganz andere Ursachen hatte als etwa die Nichtbeachtung der Türy-Käszonyi'schcn Meldung nach Debreczin. 111) S. 123. LI8. Haupt-Quartier des Banus vcrgl. mit Prager Abendbl. 1819 S. 272: „Szolnok 9. Februar". Der Officier, ein liebenswürdiger junger Mann, Sohn vermöglichcr Eltern aus Linz, soll 18 Wunde», davon 9 lebensgefährlich, erlegen sein. Der Corrcspondcnt gedenkt bei diesem Anlaß besonders rühmend der Bandcrial-Husarcn, die von Parcndorf bis Tätäny überall im Vortrab, in Szolnok Tag für Tag eine Es- cadron auf Piqucts Vorposten Patrouillen ausrücken machten, obschon nur drei Escadrous daselbst standen. „Und dennoch ist die Mannschaft stets guten Muthcs und erfüllt ihre Pflichten unverdrossen. Wir bedauern den Abgang des braven Majors Kamcnjak, der an gefährlichen Gefrören der Füße leidend in Pest krank liegt. Der Obrist Graf v. Scrmage erfreut sich großer Beliebtheit." (Koloman Graf Sermagc von SzomzädvLr, zuletzt bei der ung. Leibgarde?) — Von einer der im Texte erwähnten die Truppen unausgesetzt anspanucnden und stets nutzlosen Ausrückungen wird ein schöner Zug Ottingcr's erzählt. Der Fcldmarschall hatte aus Anlaß der letzten Gefechte bei Szolnok und Czegläd eine Anzahl Tapferkeits-Medaillen gespendet, deren Verthcilung General Ottinger auf den darauf folgenden Sonntag festsetzte. Ich folge in nachstehendem einem Corrcspondentcn der Pcster Ztg. vom 2. oder 3. März: „Die Fcldmcsse war noch nicht zu Ende, als General Ottinger durch einen Courier den schriftlichen Befehl zum allsogleichen Aufbruche gegen sich nähernde Rcbcllenhorden erhielt. Kaltblütig den gelesenen Befehl in die Tasche schiebend wartete der General das Ende der Messe ab. Nach Beendigung derselben wurde die Vcrtheilung der Medaillen vorgeuommcn, nachdem früher noch der von seinen Truppen hochverehrte Führer eine dem feierlichen Momente angemessene, die Herzen seiner Krieger begeisternde Anrede gehalten hatte. Die letzte Medaille war an die Brust geheftet, als der würdige General den Hut hoch aufschwingend ein freudiges ,Vivat unser Kaiser" durch die Lüste tönen ließ, welchem Rufe ein jubelndes tausendstimmiges Echo aus dein Munde der Truppen nachfolgtc, während die Musikbandcn die Volkshymne ansspielten. Ein Wink des Generals und lautlose Stille trat an die Stelle donnernden JubclrufcS. .Kinder", rief der Brigadier (die so eben erhaltene Depesche aus der Tasche ziehend), ,hier ist der Befehl, wir müßcn schnell dem Feinde entgegen. Trompeter! Alarm geblasen!' Mit lautem Hurrahruse zerstob die Masse nach allen Seiten, und wie mit einem Zauberschlage stand binnen wenigen Minuten die kampsbcgcisterte Brigade marschbereit und schlagfertig am Platze. Fröhlichen Muthcs unter heitern Soldatengesängen gings nun fort, dem Kampfplatze entgegen; aber mismuthig und ganz verstimmt kehrten die tapferen Truppen nach einigen Stunden »ach Abony zurück, indem ihnen durch einen zweiten Courier die 'Nachricht geworden daß der Feind bereits das weite gesucht habe." 112) S. 126. Vergl. Nobili S. 60 f. mit Klapka I S. 241. Letzterer spricht von 40 auf dem Platz gebliebenen Todtcn und ebensoviel Gefangenen! Auch sollen die Kürassiere athcmlos und mit verhängten Zügeln bis nach Gyöngyös (! ?) zurückgesprengt sein, wo Collorcdo voller Schreck sogleich Vergatterung schlagen lassen und sich auf Hat- van zurückgezogen habe . . . Dagegen erwähnt Nobili unter den Angreifcndcn eine Abthcilung feindlicher Infanterie „die auf Wagen herbcikäm", und 3 Geschütze die viel- Anmerkungen. 491 leicht nicht zur Action gelangtem Damit stimmt die Angabe bei Käsz.onpi 11 S. 182, der Klapka von Erlau aus auf die Besetzung von Kompolt durch die Kaiserlichen ansmerksam gemacht haben will, und es letzterem sehr verübelt den lieberfall nicht mit stärkeren Kräften ansgcführt zu haben; die Infanterie sei erst ans dem Platze erschienen nachdem sich die Kürassiere bereits durchgeschlagen hatten. . . Der Neberfall von Kompolt hat begreiflicherweise ärgerliches Aussehen in den Reihen der kaiserlichen Armee gemacht. Windisch-Grätz soll über die Meldung so erzürnt gewesen sein daß er eine kriegsrechtliche Untersuchung anstellen lassen wollte. . . Merkwürdig, wegen der leider bald darauf eingetroffenen Prophezeiung, ist die Bemerkung im Tagebuch Haupt-Quartier des Banns: „Es ist bei dieser Art der weiten Detachirung nur zu verwundern daß diese Art Uebersällc nicht noch öfter geschehen. Anfangs wurde» Patrouillen attaqnirt und abgefangen, dann ging cs über kleinere Piquels, dann über größere (Lieutenant Planck), zuletzt sind wir an den Divisionen und es wird nicht lang anstchcn so wird in Szolnok das Spektakel über die ganze isolirtc Brigade losgehen." 113) S. 126. Damit behebt sich das vorlaute Urthcil Klapka's der I S. 237 den Marsch Schlik's über Putnok „ein sinnloses Wagestück" nennt; Schlik zählte ja ans das Mitwirken Colloredo's von Gyöngyös aus. 114) S. 130. Vollständiger Wortlaut bei Danzer I S. 114—148. . . Bei Klapka I S. 238 heißt cs, am 22. sei Major Papp in Miskolcz cingctroffen, „mit dein Befehle der Regierung die Offensive auf allen Punkten ungesäumt zu ergreifen". Dagegen lesen wir bei Danzer I S. 137 f., in der Nacht zum 22. sei ein Vertrauter Kossnth's Namens Papp in Sz.-Pater cingetroffen der dem Obcrfeldhcrrn im größten Geheimnis, nachdem er sorgfältig die Thüren Verschlüßen und sich überzeugt daß kein Horcher in der Nähe sei, zwei mündliche Aufträge seines Absenders überbracht habe: erstens 10.000 Mann vom Corps Görgci nach Szegedin zu schicken, und zweitens mit dem Neste der Armee sogleich die Offensive zu ergreifen. Dembinski, schreibt, er habe seine Glieder förmlich abtastcn müßt» um sich zu überzeugen ob er nicht träume. Auch wird jedermann zn- gebcn daß ein starker Glaube dazu gehört so etwas für ernste Wahrheit zu nehmen; ich will es darum auch nur hier anmerkungswcise angeführt haben. 115) S. 131. Szemere Görgei S. 49* mit der nicht schmeichelhaften Charakteristik Görgci's: „Trotzig wie ein Kind, eitel wie ein Weib und falscher als ein Jesuit." 116) S. 131. Die Erzählungen dieses Begegnisses bei Danzer I S. 140 f. und bei Görgei I. S. 214 f. stimmen nur darin überein daß selbes ein unangenehmes gewesen, weichen aber in den Einzcluheiten von Anfang bis zu Ende von einander ab. Dembinski faßt sein Urthcil über Görgci S. 112 in die Worte zusammen: „daß cs kaum einen zweiten Menschen gibt der in der Kunst der Heuchelei und der Entstellung der That- sachcn eine solche Virtuosität entwickelt hat als gerade er". 117) S. 132. Nur zum Thcil entwickelte Dembinski diesen Plan in dem o. a. Schreiben an Röpnsy voin 23. Februar. — Eine nach dein Feldzug gefundene Ordre de Bataille (Nobili S. 276) gab die Stärke der jenseits der mittler» Theiß am 23. Februar disponirtcu Streitmacht Vöcscp's und Röpnsy's auf 8l-14 Mann 1332 Pferde und 30 Geschütze an. Nach Danzer I S. 86 f. hätten Vöcscy 6000, Damjanich 6500, Klapka rund 12.000, Kazinczy und Röpäsy 15.310 Mann 1170 Pferde und 31 Geschütze gezählt. 118) S. 134. In fast allen Berichten über diesen Feldzug findet sich die Angabe, Ramberg habe der Stadt Kaschau eine Brandschatzung von 20.000 fl. anferlegt. Der jüngste Sohn des FML., damals dessen Divisions-Adjutant, derzeit FML. und Comman- dant der 27. Jnf.-Trnppcn-Division zu Kaschau Victor Frh. v. Ramberg, an den ich 492 Anmerkungen. mich in dieser Angelegenheit brieflich wandte, hat mich auf das bestimmteste versichert, eine Kriegs-Contribution solcher Art habe nicht slattgcfundcn, wähl aber sei mit der Würkncr'schen Leder-Fabrik in Kaschau ein Darleihen (in obigem Betrage?) zur augenblicklichen Deckung der Armee-Bedürfnisse, Löhnung und Gagen rc. abgeschlossen worden. 119) S. 135. Uebcr das Gefecht bei MnrLny s. das Schreiben Hurban's an die „Mr. blov.« Nr. 62 v. 14. März S. 246 u. „Slav. Centr.-Bl." dir. 75 v. 16. März S. 360. Die Stärke der Ungarn wird, augenscheinlich arg übertrieben, auf 4000 Mann angegeben: 1000 HoiwÄs, 400 Husaren, das übrige Freiwillige ans Groß-Rb'cze, Jel- »ava und Rosenau. Auch bezeichnet Hurban die Husaren und Honväds als versprengte Abtheilnngcn eines von Schlik „einige Tage früher" geschlagenen ungarischen Corps, was sich nur auf die Affaire bei Tornalja beziehen könnte. Dagegen fehlt leider die genaue Angabe des Rückzuges und dann Wcitcrmarschcs der Hurbanischcn und Borlk'schen Ab- thcilung, bezüglich deren wir daher auf Mnthmaßungcn angewiesen sind . . . Am letzten Februar wird der Stand des slovakischcn Frei-CorPS mit 15 Compagnien zu 00 Mann angegeben: davon standen 3 in Lcntschan, 5 in EpcrieS, woselbst die Abtheilnngcn Hurban's und Borlk's erst am 2. März unter dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug hielten. Am Tage darauf hielt Hurban eine Volksversammlung von vielleicht 5000 Köpfen ab, zahlreiche Slnva ertönten . . . Die Proelamation Nambcrg's scheint am 1. März anS- gegangen zu sein s. „Kar. blov." Nr. 63 v. 15. März S. 250. 120) S. 137. So am 17. Februar mit 9 Comp. >/2 Esc. und 2 Geschützen gegen Ü-Szönp wo Major Kellner von Köllenstcin mit 2 Bat. Khcvcnhüller, >/e Esc. Ficgncl- mont-Dragoncr und >/z Zwölfpfündcr-Batterie stand und die Ungarn, deren Action durch eine lebhafte Kanonade aus der Festung unterstützt wurde, in die Festung zurückschlug nachdem sie 17 Todte auf dem Kampfplatze gelassen. Der Ausfall hatte wohl nur den Zweck einen Zug von 80 Getreidewagen, der am selben Tage von Mocs am linken Donau-Ufer in Bewegung war, ungefährdet von den Kaiserlichen, die durch den Ausfall bei 6-Szönh festgehaltcn wurden, in die Festung gelangen zu lassen. — Am 24. erfolgte ein neuer Ausfall von 2 Bat. ','2 Esc. und 3 Geschützen; bei 40 Granaten fielen nach Ü-Szönh die an mehreren Punkten zündete», bis Kellner 2 Compagnien mit 2 Geschützen in die rechte Flanke der Angrcifenden beorderte, die mit Zurücklassung von 50 Todten wieder in die Festung zogen. 12t) S. 138. Nobili S. 266—268; die Ordre de Bataille und die Marsch- Dispositionen des Fcldinarschalls ebenda S. 269—274. An Stelle Pott'S, der nach der Behauptung Einiger an allen bisherigen Fehlern Wrbna's Schuld gewesen, wurde Major- Georg Bach von Klarcnbach G.-St.-Chef beim II. Armcccorps. 122) S. 139. „Das Borposten-Quantum stand zur Besatzung, zur Ausdehnung des Ortes und zur Beschaffenheit des Terrains in gar keinem Verhältnisse. Hatte man diesen Umstand vernachlässigt, so drängt sich unwillkürlich die Frage auf wie cs mit der Bisi- tirnng der Vorposten ausgcsehcn habe?" Koäioka S. 225. 123) S. 142. Tagebuch H.-Q. des Banns zum 22. Februar: „In Ofen geschieht das unglaubliche: der Feldmarschall rückt morgen mit seiner Hauptmacht nach Hatva», der Ban bleibt zurück. Wir sind natürlich wüthcnd darüber, aber die große uneigennützige Seele des Banns alarinirt sich darüber nicht: Mir ist es nicht um mich zu thun, sondern um die Sache', sagt er." Zum 24.: „Das spricht eigentlich mehr als Worte den Neid, die Misgunst ans die — nicht der Fürst Windisch-Grätz, dafür ist er eine zu edle Natur — aber dessen Umgebung gegen den Banns trägt, lieber 12 Bat. Gränzcr wurden ihm aus dem ersten Corps genommen und ihn ließ man zurück." Zum 25. (Einberufung Zeisbcrg's ins große H.-Q.): „Nun wir vermissen ihn keineswegs, aber es ist nur Anmerkungen. 493 ein Beweis wie der Ban täglich gerupft wird." Znin 26. bezüglich der beobachtenden Stellung des Banns gegen die Ungarn von jenseits der Theiß: „Lustig wäre cs doch wenn sic kämen und, wenn nicht in gar zu unbescheidener Anzahl, interessant zugleich. Unser Häuflein nicht zahlreich aber frischen Mnthcs; die Esc. Banderial-Hnsaren von Soroksär zögen wir an »ns, eine improvisirte Cavalerie-Verstärkung ergäben Stabs- Dragoner und Ordonnanzen nebst meinen 90 Trompetern, ei» paar Kanonen haben sich auch noch gefunden und somit: ,Was Gott gibt und Soldatenglück' hinaus auf die grüne Wiese!" 124) S. 142. Brinncr Pionnicr-Regiment II S. 117 berichtet die Befestigung der Szolnokcr Brücke sei am 23. „der Vollendung nahe gebracht" worden, womit aber nicht blos die Anlage des Brückenkopfs, sondern auch die der sünfscitigcn Nedoute (s. oben S. 122) gemeint sein muß. 125) S. 143. Auf kaiserlicher Seite scheint man sich nicht getraut zu haben mit der vollen Wahrheit herauszurücken; bei Nobili S. 284 finden sich ganz richtig die Namen der gefallenen oder verwundeten Officiere, aber es fehlt die Bemerkung daß einer davon, Hanptmann Hammer von EH. Karl, gefangen worden; die Verlustangabe bei der Mannschaft ist mit 10 Mann todt, 11 verwundet angegeben. S. auch Tagebuch H.-O. des Banns: „Ottinger's Zug nach Czibakhüza gelang auch nicht recht, kaum daß er halb und halb die dortige Brücke verbrennen konnte (?); der brave Engländer Oberl. Digby fiel dabei und 8 Mann" (vielleicht ist dabei nur der Verlust bei Wallmoden-Kürassieren gemeint). Der Verlust des k. k. Jnf.-Rcg. Karl findet sich bei LandeSmanu Tagebuch I S. 111. Eine sehr anschauliche Schilderung liefert Klapka I S. 278 f. 126) S. 144. Schreiben Damjanich' an Dcmbwski von Czibakhuza vom 25. Februar bei Danzer I S. 161 s. Die Truppen des III. ungarischen Armeecorps standen zur selben Zeit wie folgt: Graf Vöcscy bei Török-Sz.-Miklüs; Damjanich die mittlere Theiß aufwärts bei MindSzent Szentes Sas Czibakhüza Tisza-FöldvLr, Vorposten bei Puszta-Martfü. 127) S. 145. H.-Q. Bonus zum 27., den dritten Tag seit dem Abgang des großen Haupt-Quartiers ins Feld: „Noch immer keine Art Mittheiluug vom Fürsten an den Bau, cs ist als wollte der gnädige Herr ihn ganz ignorircn." 128) S. 145. „Es mußte mir etwas eigeuthümlich dünken daß Görgei während der ganzen Zeit ungarisch sprach, da er doch wußte daß ich dieses Idioms nicht mächtig sei; später sagte man er hätte sich zu seiner Umgebung geäußert daß ihn ,schlechte Leute' mit mir in Uneinigkeit bringen wollen; er werde aber fünf Officiere seines Stabes niederschießen lassen und dann wolle er sehen was ,der Alte' mit seiner Umgebung machen werde." Danzer IS. 158. 129) S. 146. Danzer I S. 162 wo die Sache so dargestcllt wird als sei Kossuth in Person und mit den beiden Andern bereits in Tisza-Füred gewesen, über welchen Umstand ich anderwärts bisher nichts gefunden habe. 130) S. 147. „Wie ganz anders fand man in dieser Nacht die Vqxposten ausgestellt! In einem Umkreise von zwei Meilen brannten lustige Wachtfeuer, die, dem Leuchten zahlloser Glühwürmer in stillen Johannisuächten vergleichbar, hie und da aus dem Dunkel der Berge emporiauchten; 3'/^ Bat. und 3 Esc. bildeten die Vorpostenkette." KouiLka S. 228. 131) S. 150. Der jetzige k. k. Obrist Anton Pednzzi, mein Jugendfreund und Studiengenossc, hat auf meine Anfrage seine militairischen Erlebnisse in den Tagen von KLpolna, au denen er in seiner damaligen Stellung als Jnterims-Commandant der 2. Comp, des 2. Jäger-Bataillons einen entscheidenden Authcil genommen, zu Papier 494 Anmerkungen. gebracht nnd mir freundlichst zur Verfügung gestellt. Vom 25. schreibt er: „Trotz der enormen Fatiguen eines Winter-Feldzugs war, wie das beim Avaucireu immer der Fall ist, der Geist brillant. Böhmen und Deutsche, welche beinahe i» gleicher Zahl beisammen waren, bildeten eine» durch Schweiß und Blut, durch treue Waffenbrüderschaft und Vaterlandsliebe fest verbundenen Schlachthaufe», der seinen Officicreu vertrauend mit unerschütterlichem Muthc und Todesverachtung in jeder Unternehmung folgte. Es war eben ein Jäger-Bataillon, und welcher Geist seit Errichtung dieser Truppe in derselben herrscht und wie sie ihn zu bewahren versteht, beweist die Neuzeit in welcher die Jäger immer an der töte standen und stehen, mag auch im Frieden alles mögliche geschehen um sie in das Normal-Niveau der Infanterie hcrabzudrücken." Vom Abend des 25. erzählt Pe- duzzi: „Ich mußte den GM. Fürsten Franz Colloredo auf einem langen Necognosci- rungsritt gegen Detk begleiten, welcher Ritt, zu zweit in dem sehr unübersichtlichen Terrain und in unmittelbarer Nähe des Feindes, trotz der guten Gesellschaft unter meine gruselichen Erinnerungen zählt." 132) S. 153. Die Brigade Schütte gehörte zur Division Schwarzenberg, war aber für den Augenblick bei der Division Csorich zugctheilt. Auch sonst fanden für den vorliegenden Zweck einzelne Verschiebungen statt. So erhielt General Schütte 2 Esc. Johann- Dragoner von der Reiter-Brigade Bellegarde; General Whß ebendaher 2 Esc. Civalart- Nhlanen. 133) S. 153. Ans dem Schreiben eines Officicrs der Division Schwarzenberg der offenbar in einem seither abgcfallenen Husaren-Regimente gedient hatte und jetzt Civalart- Ilhlanen oder Johann-Dragonern zugetheilt war: „Wir waren in der Avantgarde und debutirten mit einem glänzenden Angriffe, bei welchem ich, ohne cs zu wissen, meiner eigenen Schwadron gcgenüberstand, auch selbst einen Manu derselben zum Gefangenen machte der darüber die größte Freude hatte." A. A. Ztg. 1849 I S. 1070. 134) S. 155. Die Aufstellung der kaiserlichen Infanterie nach Truppenkörpern war diese: Vor Kaül Brigade Anton Dietrich erstes Treffen: Wimpffc» und Warasdiner-Kreuzer — zweites Treffen: Bat. Eckher und Banal-Gränzer — Vor Küpolna Brigade Whß rechts erstes Treffen: Baden und 2. Jäger-Bat. — zweites Treffen: Fürsteuwärther und Schönhals — Brigade Colloredo links rechte Flanke 5 Divisionen Stephan — linke Flanke Paumgarttcu und 6. Jäger-Bat. 135) S. 157. Bei Klapka I S. 248 wird die entscheidende Affaire in einem Satze besprochen der eben so kurz als unwahr ist: „Eine Cavalerie-Attaque der Oester- reicher . . . ward von 4 Escadrous des 1. Hnsaren-Regiments unter persönlicher Führung Müriüssy's blutig abgewicseu." 136) S. 168. „Zur Tageszeit Hütte der Besitz dieses im Schlachtenplane der Insurgenten allerdings strategisch wichtigen Defilös nur mit thcurem Blute erkauft werden können." KoLioka S. 234. 137) S. 160. LI. 8. Peduzzi: „Wir waren aber auch, als die einbrechende Nacht dem Kampfe für heute ein Ende machte, vom Majore» herab vollkommen Halali. . . Mit Einbruch der Nacht erstarb nach und nach jeder Ton und es herrschte eine unheimliche Stille, trotzdem daß tausende von Männern auf dem blutgetränkten Kampfplatze lagerten die vor kaum einer Stunde durch ihre» Tritt und den Donner ihrer Feuerwaffen die Anmerkungen. 495 Erde weithin beben gemacht und bereit waren mit der Wiederkehr der Tageshelle ihre geräuschvolle Arbeit sortzusetzen." Seine eigene Lage in dieser Nacht beschreibt er wie folgt: „Mitten in einem knöcheltiefen Sumpfe hockte ich bei der Unterstützungs-Abtheilung aus der Deichselgabel unseres mit Leichtverwundeten und der Compagnie-Bagage vollgeladenen Kesselwagens, dem einzigen trockenen Fleckchen weit umher und theilte mit dem Obristen Grafen Montenuovo ein Stück Brod und den Inhalt einer Feldflasche, mit welch kurzem Souper mich mein braver Bursche nach langem Suchen und Umherirren wirklich sehr angenehm überrascht hatte. Mit durch die Art meines Sitzes erklärlichen sehr kurzen Schlnmmerversuchen und Patrouillen-Gängcn durch sehr Dick und sehr Dünn verging die Nacht." 138) S. 177. Der kleine Wortwechsel den es da gegeben, sei schon darum übergangen weil Görgci I S. 233 und Dembmski bei Danzer I S. 191 in den Einzelheiten auSeinandergehcn und ich, aufrichtig gesagt, nicht weiß ob ich dem misgünstigen Sarkasmus des erster» oder der leidenschaftlichen Erregtheit des andern inehr mistrauen soll. 139) S. 177. Bei Danzer I S. 187 finde ich, Aulich sei, auf den Befehl Dem- bmski's vorzurücken, aus dem Kompolter Zwischenwald hervorgebrochcn was sogleich seine Wirkung geäußert: „kaum zeigte sich Aulich mit einige» Bataillons, so machte sich sofort die Ueberraschung der Oesterreicher bemerklich; denn diese hatten den Fehler begangen den Wald ununtersucht zu lassen" . . . Aber hatte Schwarzenberg nicht schon am Abend zuvor den Zwischenwald gesäubert und die Nacht über von einem Theile seiner Truppen besetzt gehalten? Und wäre Danzer's Angabe nicht etwa eine Verwechslung mit den Vorfällen vom Tage zuvor? 140) S. 177. Es ist daher unrichtig wenn es bei Koöieka S. 248 von der Affaire bei Verpelät heißt: „Während der ganzen Schlacht erhielt unser Corps-Commandant vom Oberseldherr» nicht einen einzigen Befehl." 141) S. 183. Vgl. die Erzählung Mcdnyänsky's bei Danzer I S. 212 f., in welcher Major Bayer eine nicht sehr rühmliche Rolle spielt, mit (Schneider) Reg. Schönhals S. 46 f. . . . Wir haben hier eines jener Beispiele von Rückkehr abgcfallener k. k. Truppenkörper während des Gefechtes, wie deren in dieser Periode des Bürgerkrieges so viele vorkameu. Wäre neben den Zanini das 47. Honväd-Bataillon zur Stelle gewesen, so würde sich ohne Zweifel eine Wiederholung dessen abgespielt haben, worin man auf kaiserlicher Seite „tückisch angelegten Verrath" witterte. So aber vollzog sich der Uebcrtritt ohne Störung. 142) S. 184. Nach Behauptung der Kaiserlichen hätten die Ungarn Kompolt bereits in der Zeit geräumt nachdem Käpolna znm erstenmal von jenen genommen worden, wogegen Dembmski bei Danzer I S. 252 behauptet, erst nach der zweiten Erstürmung von K-ipolna habe Aulich seine Truppen aus dem Orte abberufen: „Der Feind ließ dies ruhig geschehen so daß 450 Husaren hinreichten die Bewegung im Centrum und am linken Flügel zu decken." 143) S. 186. Tod eines im Sterben mit der Philosophie Hegel's und Schelling's hadernden polnischen Officiers bei KoLiäka S. 243 f. 144) S. 191. Görgci I S. 250 s. Daß vom 27. znm 28. das H.-Q. Dem- biüski's in Maklär gewesen, bestätigt Klapka I S. 265, daher die Angabe DembmSki's bei Danzer I S. 198 ff., er sei in KerccSend gewesen, wohl auf Rechnung seiner durch das Unwohlsein gestörten Erinnerung zu schreiben ist. 145) S. 192. Görgei I S. 247—250 vgl. mit Klapka I S. 259—265, der ein nicht minder abträgliches Urtheil über Dcmbiüski's Anordnungen fällt. Anmerkungen. 4'.)6 146) S. 102. So wurde der Auftritt allgemein erzählt. Szemcre S. 47: „Görgei'S Urtheil war richtig und gerecht, und DembinSki durfte es nur vollziehen lassen. Ein Feldherr der seinen Untergeordneten nicht zu befehlen weiß besitzt die wesentlichsten Feldhcrrn- Eigenschaften nicht." Küszonyi II S. 185: „Görgci durfte so frech antworten, weil er den knechtische» und doch meuterischen und allem Civilc, am meisten aber Kossuth feindliche» Geist der ungarischen Armee, den er selbst so geschaffen hatte, kannte; ebenso auch die Rathlosigkeit Feigheit und Perfidic einiger seiner Anhänger und Anbeter unter den Leuten des Debrecziner Reichstags die Kossuth, dem keiner von ihnen gleichkam, stürzen wollten." — Bezüglich der Absenkung der- Befehle an Kmeth und Guhou in der Nacht vom 26. z»m 27. habe ich mich im Text an Görgei'S eigene Darstellung I S. 281 gehalten, wo auch erwähnt wird Bayer habe sich erboten den Ritt nach Mezö-Kövesd z» machen. Bei Danzer I S. 177 f. heißt es aber, Bayer sei es gewesen der nach Erlau geritten, welchen: dann vorgeworfen wird er habe dort sich anfgehalten und im erzbischöflichen Palaste gütlich gethan, daher die Befehle an Gnyon und Kmety erst so spät gelangt seien. Bon anderer Seite wird behauptet der Ordonnanz-Officier der von Erlau nach Adrüny geritten habe in der Nacht den Weg verfehlt, und dies sei Ursache gewesen warum Kmety den Befehl zum Aufbruch so spät erhalten. Dagegen beschuldigen Szemere S. 40 und KüSzonyi II S. 183 Görgei absichtlichen Säumnisscs, und dies war eine im Lager vielverbreitcte Meinung. „Wenn Görgei," sagt jener, „seine Pflicht pünktlich erfüllte mußten wir die Schlacht gewinnen." Letzterer behauptet sogar Görgci habe den von Dcm- biüski an Gntskm abgeschickten Courier „zwölf Stunden" bei sich anfgehalten (?!); „es war ein todesmürdigeS, ans Neid Eifersucht und Böswilligkeit begaugenes Verbrechen". 147) S. 194. Eine hübsche Lagcrscene zwischen „Vater Schlik" und seinen Truppe» bei KoeN'ka S. 240. 148) S. 194. Im H.-Q. de« Fcldmarschalls wollte man bemerke» Schlik habe überhaupt „keine rechte Lust zu eiligem Nachrückcn" gezeigt. Er habe sich, meinte man, durch seine monatlangc Stellung als selbständiger Corps-Commandant zu sehr der Aufgabe entwöhnt als Theil eines größeren Ganzen mitzuwirke». „Von der Natur mit allen Gaben auSgestattct die den verwegenen Freizügler bedingen, und geschaffen an der Spitze eines kleineren Corps nach eigenem Gefallen und Gutdünken zu handeln und zu glänzen, liebte er die Unabhängigkeit viel zu sehr um sich in die bindenden Formen großer Operationen zu finden." LI. K. Heller. 149) S. 196. Der Zwischenfall mit dem Prinzen von Holstein ist verschieden erzählt und mitnnter romantisch ausgeschmückt worden. Die nüchternste dieser Geschichten ist: er sei von den Kürassieren schwer verwundet, von einem Nicolaus-Husaren, bei denen er sehr beliebt gewesen, erkannt worden, der über ihn seinen weiten Mantel geworfen, ihn selbst ans sein Pferd genommen und z» den Kaiserlichen gebracht habe, bei denen er, als ihm der Prinz anbot ihn Zeit seines Lebens in seinen Diensten behalten zu wollen, sofort geblieben sei . . . 150) S. 108. Vgl. Danzer I S. 207—211 mit Görgei I S. 256 f. der über den letzter» Vorfall allerdings sehr wortkarg ist. 151) S. 199. Nobili S. 323. — Es ist daher übertrieben wenn es bei KoöiLka S. 252 heißt, man habe „einen ordentliche» Munitions-Nachschub", den der Feldmarschall angcordnet hatte, völlig vergessen, so „daß erst bei den Eingaben der Trnppenkörper ein Ofsicier schleunig als Courier nach Pest entsendet wurde um den fehlenden Bedarf von dort allsoglcich nachsühren zu lassen". 152) S. 200. Kritik dieser Operation bei Görgei I S. 258—263. Anmerkungen. 497 153) S. 201. Koöieka S. 252: „Man ließ das dcsorganisirte (?) und demora- lisirtc (?) Rebcllen-Hcer ans den Händen entschlüpfen, während inan die Ueberzeugung hinlänglicher Kraftfülle besaß den Feind zu fassen fcstzuhalten und zu besiegen. Diese Ueberzeugung erregte damals in mancher tapfcrn thatenlustigeu Brust ein sehr drückendes demüthigendes Gefühl, da inan sich den Grund der Passive nicht enträthseln konnte." 154) S. 203. In einer „Correspondcnz vom ung. Kriegsschauplätze" der Prager „Wage" 1849 S. 285, offenbar von einem Militair-Arzte hcrrührend, heißt eS: „Wir hatten einige Tobte und 18 durch Kanonenkugeln Verwundete. Ich und vr. Joseph Fiedler (k. k. Oberfeldarzt, ehem. Prosector an der k. k. Josephs-Akademie) improvisirten iiu Schloße zu Szcmere ein Spital für 30 Kranke und amputirtcn frisch darauf los, freilich bei den vorliegenden Zerschmetterungen mit schlechtem Erfolge." 155) S. 208. Die Details der örtlichen Beschaffenheit um Poroszlü erfuhr man im kaiserl. Haupt-Quartier theils durch Kundschafter, theils durch drei Lieutenants von Michael-Infanterie: Stephan Staxich, Alexander Gruhne und Karl Zuna, die mit Quit- tirungs-Reversen versehen am 27. Februar Gelegenheit gefunden hatten über Tisza-Fürcd und Poroszlü nach Ghöngyös zu gelangen, wo sie sich am 28. dein General Parrot stellten. Nobili S. 332"), wo irrthümlich das L.-J.-Rcg. dir. 39 (Don Miguel) statt 37 (Großfürst Michael) angegeben ist. 156) S. 209. In der o. a. „Wage" erzählt der Correspondcnt er habe, nachdem es bei PoroSzlü nichts zu thun gegeben, mit seinem Freunde dem Negiments-Capla» Anton Veith (bei EH. Stephan) sich nach Mezö-TürkLny „unscrin neuen Lagerplatz" verfügt und daselbst 7 Uhr abends in einer bescheidenen Hütte Platz gefunden, „während das Armee- Corps erst um 8 Uhr sich von seinem Aufstellungsorte wegbewegte, ein wenig in den Sümpfen sich verirrte und um 1 Uhr nachts antam". 157) S. 212. „Presse" Nr. 50 vom 28. Februar Leit-Artikel: „Das Regierungs- Circulare spricht sich nicht deutlich darüber aus ob unter dem von den Rebellen aus- gegebenen Papiergelde auch die drei bis vier Millionen der Ein- und Zweiguldcnnoten zu begreifen sind, welche vom Fürsten Windisch-Grätz ausdrücklich anerkannt wurden und wofür die Deckung theils in Gold theils in Securitäten vorhanden sein soll. Wir haben Ursache zu glauben daß diese eine Ausnahme bilden und demnächst gegen Noten der hiesigen Bank vertauscht werden dürften. Eine etwaige Einlösung der späteren Emission solcher Scheine scheint deshalb nicht zu besorgen, weil sich Kossuth das hiezu nöthige Papier von der Kleinnensicdlcr Fabrik nicht verschaffen konnte, daher die Fälschung zu erkennen wäre." 158) S. 212. Janotyckh v. Adler st ein: „Zur Banknoten-Frage" in der Pester Ztg. v. 21. März 1849. 159) S. 213. Sammlung der Manifeste S. 47 f. Wien 5. März Deutsche Allg. Ztg. 1849 dir. 68 vom 9.: Die Kundmachung vom 2. März habe beruhigt und den Handel in Landeserzcugnissen, der fast durchaus gegen ungarische Banknoten stattfaud, neu belebt: „So viel erscheint gewiß: triftige Gründe müßen vorhanden sein um den Fürste» Windisch-Grätz zu solcher Glimpflichkeit und Zurückhaltung in Ungarn, dem Verfahren in den österreichischen Provinzen gegenüber, zu stimmen." Wien 6. Mürz ebenda Nr. 69 vom 10.: „Die Ungarn benützen schnell das Interregnum um ihre Banknoten an der Börse gegen Gold umzusetzen und stehen nicht an für letzteres immer höhere Preise zu bewilligen. Die Frage welche Regierung wir eigentlich haben beschäftigt für den Augenblick weit mehr, als die welche Constitution wir haben werden, daher die ungarischen Baukuoten-Artikcl verschlungen, die Constitutions-Artikel langsam und bedächtig verdaut werden." Dagegen fand das Ccntr.-O. s. Handel rc., das Organ Bruck'S, den Ofener Erlaß Helfert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. Z2 498 Anmerkungen. „unerklärlich": „Daß der gesammte Handelsstand mit den Verfügungen des Fürsten Windisch-Grätz shmpathisirt versteht sich von selbst." 160) S. 213. A. A. Ztg. S. 1098 Pest 8. März: „Es ist wahr daß die Regierung hier eine äußerst schwierige Alternative zu bekämpfen hat. Vernichtet sic durch eine entschiedene Ordonnanz mit einem Schlage die ungarischen Geldnöten, so ruinirt sie die ganze Handels- und Geschäftswelt, bringt das Landvolk gegen sich auf und setzt sich mitten in eine sehr gefährliche Lage; läßt sie aber diese unglückseligen Noten im Cours, so läßt sic den Rebellen in Debreczin den Haupttalisman in der Hand die Widersetzlichkeit energisch sortzuführen." 161) S. 213. Ich habe bereits früher Belege für diese Stimmung im Stabe des Banns in hinreichender Auswahl gebracht. Es scheint nun doch am Platze zu sein die Triftigkeit dieses Mismuthes mit ruhigem Blute zu prüfen. Wie sollte der Feldherr seinen ritterlichen Corps-Commandanten gegen Dembiüski verwenden? Indem er statt des II. das I. Armee-Corps ins Feld rücken ließ? Das würde, da das I. Armee-Corps die Ausstellung gegen Szolnok hatte, die unter allen Umständen gehalten werden mußte, eine vollständige Verschiebung der Truppenkörper des I. und II. Armee-Corps verlangt haben, die doch aus zwei Gründen nicht räthlich war: einmal wegen der Zeit mit der man unter den obwaltenden Umständen geizen mußte; aber mehr noch darum weil die Generale des I. Armee-Corps, vor allem der wackere Ottinger, mit den Ortsverhältnissen von Szolnok bis Czibakhäza nun schon seit Wochen vertraut waren, während die des II. Armee-Corps dieselben erst studiren mußten. Oder hätte der Feldmarschall das Commando zwischen dem I. und II. Armee-Corps sollen wechseln lassen? Dagegen sprachen wieder zwei Gründe: einmal wäre das angesichts der kriegerischen Action der man entgegenging eine flagrante Verletzung Wrbna's gewesen, und dann galt hier dasselbe was ich zuvor bemerkt: die Vertrautheit des Banus nicht blos mit der Stellung gegen die Theiß sondern auch mit seinen Unterbcfehlshabern, denen Wrbna in einem so kritischen Zeitpunkte als llomo guasi novus vorgesetzt worden wäre. Oder endlich hätte Windisch-Grätz statt Zeisberg's den Banus selbst wählen, einen Armeecorps-Commandanten mit dem Commando einer den äußersten hauptsächlich zur Eclairirung bestimmten rechten Flügel bildenden einzelnen Brigade betrauen sollen? Darin hätten die Ofsiciere Jelaöiö' gewiß, und zwar init Recht, eine noch empfindlichere Kränkung ihres vergötterten Banus erblickt! 162) S. 21-1. Wr. Ztg. 1849 Nr. 56 S. 656 f. Vergl. (Herbert) Ehrenhalle des Militair-Fuhrwesens-Corps, Wien 1850, mit der Abbildung des dem Scheder in seiner Heimat Groß-Thcnnebcrg nächst Altenmarkt in Nied.-Oesterr. an der Maria-Zeller Wallfahrtsstraße errichteten Denkmals, Anhang S. 25—27. S. auch Soldfrd. dir. 28 vom 6. März S. 127. 163) S. 224. Von den drei unmittelbaren Theilnehmern an diesen Vorgängen, die darüber etwas schriftliches hinterlasscn haben, hat die Darstellung Szemere's Görgci S. 42—46 Anm. am meisten Uebersicht und Zusammenhang; er neigt zu Dembinski hin und ist ebenso gegen Görgei wie gegen Kossnth. „Ich habe bei diesem traurigen Vorfälle zwei Dinge wahrgenommcn", sagt er S. 49, „erstens daß Kossuth sich vor Görgei fürchtet, zweitens daß Görgci ein schlauer Hhpokrit ist. Dembinski stürzte er durch Starrsinn und Conspiration, Kossuth gewann er durch Schmeichelei und Scheingehorsam". Auch macht Szemer e aus seiner Ueberzeugung kein Hehl, „daß Görgei in dieser ganzen Angelegenheit nicht Vaterlandsliebe sondern bloser Haß und verletzte Ambition leitete". Die Erzählung bei Danzer I S. 230—256 ist allerdings parteiisch, macht aber gleichwohl den überwiegenden Eindruck der Wahrhaftigkeit, während Görgei I S. 271—278 bei seinem durchgängigen Sarkasmus und der geradezu unwürdigen Weise, in welcher er Anmerkungen. 499 seinen damaligen Obcrfeldherrn in das ungünstigste Licht stellte, durchaus gegen sich ein- nimmt. Zugleich bestätigt die Beflissenheit mit welcher er in seiner Darstellung überall Klapka in den Vordergrund schiebt, als ob eigentlich von diesem die ganze Verschwörung ausgcgangen wäre, vollkommen die über diesen Punkt gemachten Bemerkungen Szeinere's. Dabei entschlüpfen Görgei thatsächliche Unrichtigkeiten, z. B. wenn er von den Verhandlungen in Tisza-Füred am 5. sagt: Kossuth mit seinen beiden Begleitern iuquirirten „ich weiß nicht mehr wie viele Tage hindurch". Bezüglich des brutalen Allstrittes am Abend des 4. dürfte Dembmski kaum im Unrechte sein, wenn er den Schlüssel zu Görgci's Benehmen darin findet „damit er den ihn compromittirenden Befehl den ich ihm nach Poroszlö geschickt aus der Welt schaffen könne"; Danzer I S. 248. Klapka, auch einer der unmittelbaren Theilnehmer, berührt den Vorfall I S. 275 nur sehr- kurz und findet denselben vollkommen gerechtfertigt: „dieser Beschluß" (dein Obcrfeldherrn den Gehorsam aufzusagen), „so außerordentlich er in gewöhnlichen Armeeil sein mag die höchstens für die Launen ihrer Herren kämpfen, war hier wo an jedem versäumten Moment, an jedem unnütz geopferten Menschenleben ein Theil des Vaterlandes verloren ging, nicht nur begründet sondern unausweichlich geboten". Voll den Ereignissen ferner stehenden Zeitgenossen sprechen sich die wenigeren, wie etwa Levitschnigg I S. 150, gegen den „polnischen Condottiere" aus; die mehreren ergreifen mit Wärme die Partei Dcmbmski's und vcrurtheilen die „fraisirte militairische Eitelkeit jenes Mannes den Kossuth aus dem Staube gehoben", der „herzlos und vcrräthcrisch in einem so kritischen Momente alles aufs Spiel setzte" und der „in der Armee gewissermaßen zur All- mächtigkeit lind zu einer des Ostracismus würdigeil Popularität gelangt war"; Zur Geschichte des ungarischen FrciheitskampfeS I S. 232 s. So auch (Käszonyi) Vier Zeitalter II S. 184 f. und „Die Häupter der ungarischen Revolution" in der „Gegenwart" IX S. 98 s. 164) S. 224. L18. Heller wo es über den Tag von Poroszlü heißt: „Major- Bach vom Generalstabe meldete, er habe sich durch den Augeuscheiu überzeugt daß bei Poroszlü ein gemauerter starker Brückenkopf bestehe. Und doch war nichts an der Sache. Ich habe gleich damals dem Major Bach solches dienstlich verwiesen." 165) S. 225. Ich kann es mir doch nicht versagen die Worte hcrzusetzen womit Freund Peduzzi, nachdem er mir den Antheil seiner braven Zweier-Jäger an den Kämpfen bei Käpolna eingehend geschildert, seine Auseinandersetzungen schließt: „Leider hatte die schöne Waffcnthat der Armee bei Käpolna keinen Erfolg von Einfluß auf den Gang der Dinge in Ungarn. Zu erforschen worin das lag ist Sache des Geschichtschreibers. Wir clü miuornm g-sntinm nahmen aus jener Periode des Kainpfes in Ungar» die Ueberzeugung heim, daß Marschall Fürst Windisch-Grätz, ein tadelloser Soldat und Ca- valier saus parsil, gerade weil er nicht glauben »lochte daß andere Hochgestellte seiner Kategorie aus persönlicher ranouno, Privat-Rücksichtcn, Eigendünkel und Eigennutz die Interessen des Staates und des Heeres auf das Spiel zu setzen im Stande wären, in alleil Unternehmungen paralhsirt und ihm so der Lorbeer als Feldherr entrissen wurde. Jil dieser Ansicht wurden wir nur bestärkt als Hahnall das Commando übernahm und mit seiner bekannten Rücksichtslosigkeit gegen jeden der ihn hemmen wollte seine Wege zum Erfolge zog. Auch enthält unsere neuere und neueste Kriegsgeschichte die Beweise daß die kaiserliche Armee nur daun Erfolge zu verzeichnen hat, wenn sie unter einem Comnlaudauten ficht gegen welchen keine Jntrigucn gewagt werden (Erzherzog Albrecht) oder der sich das Sykophanten-Gesindel voin Leibe zu halte» versteht (FZM. Philippoviü)". 166) S. 230. „Erlebnisse" S. 143. Wohl Sabbas Davidovaü, da Damian Davidovaü von den Oajkistcn in der „Skizze der Ereignisse" S. 47 als einer von jenen genannt wird die von ihren meuterischen Leuten erschlagen wurden. 32 * 500 Anmerkungen. 167) S. 236. Nahlik S. 184. Auf ungarischer Seite wußte man sich die Un- thätigkcit der Karlsburgcr Besatzung nicht zu erklären: „Die Kaiserlichen sahen diesem Schauspiele von de» Wällen der Festung zu, ohne nur einen Achtzchn-Pfündcr losznbrenucn und dadurch die Unordnung zu vermehre», ja sic vielleicht unheilbar zu machen." Bcm selbst soll sich nach Klapka II S. 277 später geäußert habe»: „Hätte ich das gewußt, ich würde das Wagnis uie uuternommen haben." Vergl. Czctz Feldzug S. 215, der sich dabei in neuen Muthmaßungen erschöpft warum die Kaiserlichen seinen Fcldherrn so ruhig hatten ziehen lassen. 168) S. 236. Thürheim 8. Uhlaneu-Rcgiment S. 189—191 mit eiuer kurzen Lebens-Skizze Losenau's; und noch eingehender in dessen „Licht- und Schattenbilder" S. 138—154 mit dein Parte womit „das tief betrübte Officiers-CorPS des k. k. 3. Che- vauxlegers-Regilnents" das Hinscheiden seines tapfer» Obristcn anzeigte, und der Beschreibung des Monuments das ihm 1852/3 in Karlsburg gesetzt wurde. — S. auch Zedlitz Soldaten-Büchlein II S. 55 in dem Gedichte „Zwischen Gräbern": Dort ist Losenau gefallen den der Ruhm vor andern kränzte, Der vor seinen tapfern Reitern wie ein Heller Leitstern glänzte! . . . 169) S. 243. Hermannstädter Corrcspvudcnz vom 25. Februar iiu Sieb. Boten: „Aus Mediasch erfahrt man aus außerordentlichem Wege, Bein sei vorgestern wundenkrank nach Maros-N-'rsürhelh abgefahren, wohin ihm Tags zuvor eine Abtheilung seiner Truppe die in und um Mediasch conccutrirt steht voraugegaugcu war. Sein Arm soll sich in Folge der letzten Operation, wobei ihm ein Finger abgenommen wurde, in einem gefährlichen Zustand befinden. Wohl uns wenn ihn die Strafe GotteS ereilt, mit ihm verlöre die Rebellion Kopf und Fuß!" 170) S. 245. Czetz Feldzug S. 219 f. und Klapka II S. 285 s. In seinen Zeitangaben von Bcm's Ausbruch nach dem Norden und den dortigen Gefechten bringt der letztere Schriftsteller einen blühenden Unsinn: den Uebersall von Bahcrsdorf verlegt er auf den 14., die Nachricht davon hat Bcm am 16., kommt in der Nacht des 20. »ach Budak und liefert dem Obersten Urban am 23. das Gefecht „bei Jaüd". 171) S. 245. Amon Deutschmeister S. 540 f., wobei ich beincrke daß bis auf „Tucholka" und „Toronha" alle Ortsnamen falsch, mitunter kaum erkennbar geschrieben sind, z. B. „Klinice statt Kliiniec, Skob statt Skole. 172) S. 247. Friedenfels II S. 110. Dagegen geschah manches im Wege der Mildthätigkeit. Zu einer für die sicbenbürgischen Flüchtlinge veranstalteten Collecte steuerte Duhamel im Namen des Zars 1000 Stück Dncatcn, Omer PaLa in jenem des Sultans eben so viel, die walachische Regierung 650, der Kaimakam Kantakuzcnos 100 Duraten bei, die von einer Commission übernommen und vertheilt wurden. „Wir haben", hieß es in einem Kronstädter Schreiben aus Bukarest vom 9./21. Februar, „an den Russen und Türken in der Walachei weit bessere Nachbarn als an den Szöklern, die uns berauben und vernichten wollen." 173) S. 252. Die Sache kam in St. Pölten auf, da sich die Arrangeure au die Ncdaction des dortigen „Traisenblatt" mit der Bitte um Sammlung von Unterschriften gewendet hatten; der Text der Adresse und eine Anzahl Bogen für Unterschrifteil lagen bei; als aber der St. Pölteuer Correspondent der „Presse" (Nr. 48 vom 25. Februar S. 3) eine» Blick hineinwarf fand er nicht eine Unterschrift. Gegen Ende Februar brachte ein Feuilleton der Th. Ztg. einen höhnischen Artikel: „Zur Kritik des Reichstages. Der Abgeordnete Lacano und sein Schöuschreibcheft." Emil Nacano verwahrte sich, wie im Texte erwähnt, gegen diese Zumuthung und wies auf eine» Namensvetter, Geschäftsführer oder Buchhalter der Dvblhofs'schen Thouwaarcn-Fabrik zu Wagram, als Per- Anmerkungen. 501 anstatter jener Demonstration, von welchem es im Publicum hieß er sei leiblicher Bruder des Abgeordneten. Ja cs wurde noch ein St. (Stephan?) und ein Franz Vacano genannt und auch Kuranda in die Sache verflochten. Hierüber brachte die „Presse" Nr. 54 vom 4. März einen Leit-Artikel, worin sie sich über diese vielen auftanchcndcn Brüder Vacano lustig inachte, aber zugleich über jene Art Schriftstücke ein ernstes Wort sprach. Es seien allerdings Mistranens-Votcn vorgekommen; allein diese waren nie gegen den Reichstag als solchen und als Ganzes gerichtet, „sondern nur an Fractioncn desselben oder an einzelne Mitglieder". Was solle cs also mit Gegen-Demonstrationcn in der Gestalt von Vertrauens-Adressen an den Gesammt-Reichstag? „Wenn ihr dem ganzen Reichstag eile Vertrauens-Votum bringt, ans wen fällt das Mistranen? Außer dem Reichstag sehen wir nur das Ministerium. Die anscheinend für den ganzen Reichstag bestimmte Vertrauens-Adresse wird also bei näherer Besichtigung eine Ovation für die dem Ministerium cntgcgcnstchcnde Partei. Wer cs so versteht und die Adresse zu diesem Bc- hnfe unterschreibt hat vom Standpunkte der Partei vollkommen Recht. Wer aber mit der Opposition und deren Principicn nicht einverstanden ist, kann und darf die Adresse nicht unterzeichnen." 174) S 254. „Dieser gute Glaube ruhte leider auf keinem bessern Grunde als auf der Annahme: nachdem die Regierung so manche passende Gelegenheit zu einem gewaltsamen Staatsstreich »»»»benützt vorübcrgehen ließ, wird sie nicht jetzt in letzter Stunde noch zu einer aggressiven Politik zurückkehren". Springer II S. 669. 175) S. 254. Am 7. Februar hatte er den „Xur. blov." Nr. 32, Leit-Artikel gezeichnet ä-V. X., noch aus Kremsier geschrieben: „Die Kammer bewegte sich in Wien auf einem stürmischen Meer, aber es war ihr besser als jetzt hier wo sie wie in der Luft hängt oder in einem Sumpfe steckt. Wir leben wie in einem politischen Nebel. Die Minister, gleich den olympischen Göttern in ihrer Höhe wie bei Homer in Dunst gehüllt, lvcrfcn über die Völker die Loose." Er legte bald darauf sein Mandat zurück um seine wissenschaftlichen Arbeiten wieder aufzunehmcn; „Osvats," 1883 S. 197. S. auch „Grenz boten" 1849 I S. 221 aus dein Schreiben eines Abgeordneten vom linken Centrum: „Bei uns steht cs jämmerlich! Das Geschrei der Presse hilft zu gar nichts und über die Drohungen einzelner Völker lacht das Ministerium und die Armee." Dann „Presse" Nr. 51 vom 1. März V Kremsier 26. Februar: „Wirft inan einen Blick auf den Kampf der Parteien so kann man sich eines wchmütlsigcn Lächelns nicht erwehren; die maulwurf- artige Blindheit der Wühler nach rechts und links, wie untergräbt sie geschäftig den eigenen Boden, unbekümmert ob die äußersten Enden des Landes in Hellen Flammen stehen, ob diese immer mehr um sich greifen, ob die Fackel endloser Zwietracht wiederholt in das Herz der Monarchie geschleudert werde oder »licht. Der Horizont ihres politischen Scharfblickes ist enger bcgränzt als der Gesichtskreis des Wanderers ai» einem ncbelbedecktcn Rovembertagc. Das Weltall könnte rings um sie hoch auflodcrn in» Ver- nichtnngsbrande, sie merkten cs nicht, cs wäre denn der Rauch würde ihnen bereits den Athen» benehmen. Der Entwurf der ConstitutionSurkunde ist vollendet, also frisch daran und ohne Zöger» das große Werk vollbracht! Fürchtet man aber den Selbstsüchteleicu der einzelnen Provinze»» zu erliegen, dann erkenne inan die Ohnmacht, trete vor den Thron und sage: Monarch, »vir »vollen aus deiner Hand empfangen was »vir uns selbst zu gebe»» wegen Mangel ai» Einigkeit nicht vermögen, wenigstens nicht in der kurzen Frist die für das Wohl des Vaterlandes so nöthig ist." 176) S. 25 t. Anfangs März ließ sich der „Bote f. Tyrol u. Vorarlberg" Nr. 56 von» 8. S. 240 aus Olmüz schreiben: „Daß das todte Kremsier nicht der passende Platz für das österreichische Rcichs-Parlaincnt ist unterliegt keinem Zweifel; eben so gewiß ist 502 Anmerkungen. es aber daß für dessen Rückversetzung nach Wien der rechte Zeitpunkt noch nicht erschienen ist." 177) S. 255. Weiden hatte einige Tage früher nach Ofen berichtet, „wie schwer gravirt viele der Reichstags-Deputirten erscheinen, namentlich Goldmark Fischhof und mehrere andere, in einer Art die sie sogar für den Galgen reif macht. Bei Auflösung des Reichstages wären diese Leute sogleich zu verhaften und nach Verdienst zu behandeln. Es wäre eine vortreffliche Waffe mehr um der Welt zu zeigen was von der Wirksamkeit solcher Menschen zu gewärtigen ist". Gegen Fischhof hatte die Th. Ztg. vom 7. Februar einen wahren Hephep-Artikel losgelassen. 178) S. 255. IVicl ina n» I?rant. Linolba, S. 18 f. Eine böhmische Zuschrift aus Korycan bei Chlomin November 1818 trug die Fertigung des Richters Andres Hubica und zweier anderer, wahrscheinlich Mitglieder der Gemeindevertretung : Jan Bylay und Rada. 179) S. 257. Slav. C.-Bl. Nr. 70 vom 11. März S. 280 Corresp. aus Kremficr Hbk. vom 2. März: „Unausgesetzt bringen Deputationen Petitionen und Adressen gegen die Emancipation der Juden; selbst an solchen Leuten fehlt es auf dem Lande nicht die unsere Landsleute in dieser Ansicht fleißig bestärken und aushetzen" rc. 180) S. 257. Vergl. Kudlich III S. 224, der mit Kann über den Vorfall Rücksprache gepflogen. Kann, der sich entschuldigte durch Wein erhitzt gewesen zu sein, wollte zwar letzteren Umstand nicht zugeben: er „glaube" nicht eine solche Aeußerung gemacht zu haben, „das sei nicht seine Art"; allein zwölf zu Protocoll vernommene Ohrenzeugen bestätigten es. 181) S. 257. Vorsitzender der Wiener Hof- und Gerichts-Advocat vr. Franz Schmitt, Berichterstatter der Reichenberger Advocat vr. Wilhelm Polaöek, Schriftführer Mathias Havelka Magistratsrath in Nimburg; Mitglieder die Advocaten vr. Smolka in Lemberg und Or. Wiser in Linz; Ignaz Streit Magistratsrath in Jglau; Ferdinand Förster Criminal-Actuar in Sambor; Nicht-Juristen waren nur Borrosch und Prato. 182) S. 258. Sehr klug und geschickt sagte Neuwall (Sten. Aufnahme V S. 61): „Meine Herren, eine gerichtliche Verfolgung gegen einen aus unserer Mitte ist immer ein Flecken, und aus Sorgfalt für die Ehrenhaftigkeit dieser hohen Kammer müßen wir dem Angeklagten so schnell als möglich Gelegenheit geben seine Unschuld an den Tag zu legen". . . Viel derber drückte sich der Pseudonymus ckos. bka-äro in seinem Schreiben an den Reichstags-Präsidenten aus: „Warum verzögert man dort den schlechten Kerl Kaim auszuliefern? Ist das nicht abscheulich schlecht wenn der Reichstag einen solchen Menschen in seinen Schutz nimmt und ihn der Gerechtigkeit nicht selbst überliefert? Psui Schande! Was soll man sich von einem solchen Reichstag erwarten?" Wickmamn b'rant. 8molka> S. 18 f. 183) S. 258. Ein sehr guter Leit-Artikel über diese Frage im „Lloyd" Morgenblatt Nr. 100 vom 28. Februar 1849. S. auch die Rede Neuwäll's a. a. O„ der daraus hinwies daß es sich hier um ein Princip handle „womit die Frage der Nationalität, die besondern Verhältnisse Oesterreichs nichts zu thun haben", und wenn man schon für ein solches mehr als vier Wochen brauche um darüber klar zu werden, wie viel Jahre werde man verlangen um die viel wichtigeren und schwierigeren, mit Verhältnissen „die nirgends außer Oesterreich Vorkommen" zusammenhängenden Principien unserer Constituirung ins reine zu kommen?! 184) S. 259. Kudlich III S. 228: „Diese argumenta acl tiominsm verfehlten nicht ihre Wirkung." 185) S. 259. Wiser habe, wie uns Kudlich III S. 230 glauben machen will, „aus Delicatesse" die Aeußerungen Kaim's nicht wiedergeben wollen. Anmerkungen. 503 186) S. 260. Es besteht daher nur das officiellc Beschluß-Protocoll, ans welchem wir nur im allgemeinen die Aufeinanderfolge der Redner, den Wortlaut der gestellten und unterstützten Anträge, endlich die Abstimmung erfahren. Unter den Anträgen war einer Dylewski's: der Reichstag möge die Zustimmung zur Auslieferung Kaim's verweigern, dagegen die Untersuchung gegen denselben auf freiem Fuße von einer Kremsierer Behörde führen lassen; dann einer Goldmark's und ein ähnlicher Hauschild's die für den Fall der Untersuchung das öffentliche Verfahren mit Geschwornen verlangten. Zum Schlüße legten die meisten Abgeordneten der Rechten und des Centrums Verwahrung wegen eines Formfehlers ein, indem Wiser statt des Berichterstatters das letzte Wort ergriffen habe. Der mit 16 l Unterschriften versehene und vom 19. datirte Protest wurde in der Sitzung vom 20. verlesen; gegen denselben meldeten in derselben Sitzung Wiser und Brestel unter Beitritt von Goldmark Prato Löhner Schnselka Zimmer Stamm Fischhof Kudlich Mannheimer Ziemialkowski Umlauft Borrosch Violand Hubicki Pcitler Bacano Szübel Hornbostel Dylewski Pillersdorff Schmitt Füster Schcrzer Sierakowski und andere, zusammen 77 eine „Gegenerklärung" an, deren Wortlaut am 21. zur Verlesung kam. Den Zwischenfall mit Klandy berichtet der V-Correspoudent „Kremsier 15. Februar" der „Presse" Nr. 42 vom 18. 187) S. 260. In der Sitzung vom 20. Februar Sten. Aufnahme V S. 149 . . . Ich möchte noch mit ein paar Worten auf die Sitzung vom 15. znrückkommen. Obwohl ich mir nämlich als Historiker zum Gesetz mache zu demjenigen was ich zu berichten habe nicht vorgreifend spätere oder gar neueste Erscheinungen vergleichend herbeizuziehcn, wird es mir doch vielleicht hier in der Anmerkung nicht verübelt werden, wenn ich der ehren- und gewissenhaftesten Strenge, mit welcher Anno Dazumal das ordnungsmäßig beschlossene „Mit Ausschluß der Oeffentlichkeit" eingehalten wurde, die frivole Uebung heutigen Tages entgcgenhalte die keine Scheu trägt, zu als „geheim" bezeich- neten Verhandlungen „ausnahmsweise" Berichterstatter zuzulassen die in der indiscretesten Weise, wie wir ja bei dem abscheulichen Processe Graef gesehen, schon am nächsten Tage das Publicum mit stenographischer Genauigkeit von den scandalcusesten Aeußcrungcn und Vorgängen unterrichten. Das wenige was man von einzelnen Zwischenfällen der geheimen Sitzung vom 15. Februar 1849 erfahren, ist gelegenheitlichen Mittheilungen einzelner Abgeordneten entnommen, und derlei ist wohl nie ganz zu vermeide». 188) S. 260. Der O Wiener Correspondent der A. A. Ztg. Nr. 53 vom 22. Februar S. 804 ließ geradezu merken als ob die Verfolgung Kaim's nur ein Racheact für die Niederlage Schwarzenberg's bei dessen Candidatur in Krumau gewesen wäre. 189) S. 261. Die „Prager Ztg." war es die an die „Sl. L." jene Frage richtete, während die „Deutsche Ztg." in einem heftigen Gegen-Artikcl es für „unverantwortlich" hielt, der geplanten Vertrauens-Adresse durch eine solche Hinweisung störend in den Weg treten zu wollen. S. auch „Lloyd" Nr. 95 vom 24. Februar Abendbl. Correspondenz aus Prag vom 22. Zwei sehr scharfe Artikel brachte der „Oesterr. Corr." (4) Wien 17. und kl** Olmüz 18. Februar, wo cs unter anderem hieß: Jeder gewöhnliche Mensch der den Verdacht eines Verbrechens auf sich gezogen, würde „selbst den richterlichen Spruch über sich verlangen, damit er wieder als ehrlicher Mann in jeder Versammlung, wo alle Mitglieder Ehrenmänner sein sollen, erscheinen könne. Ein Abgeordneter scheint aber kein gewöhnlicher Mensch zu sein, seit er ein Stück reichstäglicher Unverletzlichkeit sich angeklebt; denn er geht nicht selbst zum Brunnen um sich zu reinigen, sondern muß erst seine übrigen unverletzlichen Freunde darüber berathen lassen ob sie ihn nur rein gewaschen oder auch von der öffentlichen Meinung gebrandmarkt zwischen sich dulden wollen". 504 Anmerkungen. 190) S. 283. „Presse" Z!r. 60 vom 11. März Correspondenz aus Frankfurt a. M. vom 4.: „Wir wissen daß noch in den letzten Wochen ein Abgeordneter von dort hier cingetrofsen und zngelasscn ist, zu dessen Wahl 103 Wahlmänncr znsammentreten sollten, von denen aber nur 57 erschienen. Unter diesen gaben 14 die Erklärung ab daß sie nicht nach Frankfurt wählen wollten, und dessen ungeachtet wählten die übrigen 43 Wahl- männer. Schlimmer noch stand es um eine Wahl im Herbste des vorigen Jahres, wo aus einem Kreise von etwa 130 Wahlmänncrn nur 20 erschienen und mit 11 Stimmen gegen 9 den Dcputirten wirklich wählten. Das stärkste Beispiel aber ist ein noch älteres, wo überhaupt nur sünf Wahlmänner einen Abgeordneten gewählt haben. Wir haben nicht gehört daß die Nationalversammlung bisher über solche Vorgänge sich ausgesprochen hätte. Erinnern wir uns aber, welchen Unwillen vor mehreren Jahren ähnliche Minoritätswahlen in einem anderen Lande hervorriefcn, so halten wir es doch für angemessen die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Manipulationen zu richten" . . . Ende Deceinber 1848 oder zu Anfang 1849 wurde Pillersdorff in Amstetten (V. O. W. W.) für Frankfurt gewählt; es ist mir aber nichts näheres über die Umstände dieser Wahl bekannt. 191) S. 263. „Lloyd" Nr. 98 vom 27. Februar Prager § Correspondenz vom 24.: „Das Wort Frankfurt ist elektrisch für das Herz unseres letzten slavischen Landmannes. Er weiß nicht sehr bestimmt ob Frankfurt am Main oder am Amazonenflnß liegt, genug, er hat cs hassen gelernt, cs ist ein schwarzes Phantasiebild seiner Seele geworden. Die Sympathienpolitik frägt wenig nach den Gebote!! die aus der Weltlage für das Staatsganze hervorgehcn. Seien wir indeß gerecht und gestehen wir daß, wenn der Slave Böhmens eine Beleidigung darin sicht wenn man ihm die freie Theilnahme an einein internationalen Werke mit Deutschland anräth, die Schuld zu einem großen Theile an jenen Politikern liegt ans deren Munde wir im März zu Wien die Worte hören mußten: Es gibt nur eine deutsche Souverainetät." In einem Artikel der Südslav. Ztg. vom Ende Februar den ich blos ans dritter Hand kenne, hieß es: „Wir haben für ein unabhängiges Oesterreich gekämpft weil wir den uns gemachten Zusagen von Gleichberechtigung aller Nationalitäten glaubten, und jetzt sollen wir einem Ministerium eine Dank-Adresse bringen weil cs sich anschickt uns dem deutschen Bunde zu überantworten V!" 192) S. 263. In der zweiten Hälfte Februar hielt der Prager „Deutsche Verein" eine Versammlung in welcher die österreichische Depesche vom 4. besprochen wurde und die Doctoren Jellinek und Tedesco das große Wort führten. Es wurden zwei Adressen beschloßen: an das kaiserliche Gesammt-Ministerium und an die deutsche Rational-Ber- sammlnng. Letztere schilderte die „bange Erwartung" init welcher alle Deutschen in Oesterreich nach Frankfurt blickten, da sie „die innige Verbindung mit Deutschland als unser Palladium, als das Unterpfand einer bessern Zukunft" betrachteten. „Wir wollen deutsch sein und deutsch bleiben, lebendige Glieder des großen Vaterlandes; darum erfaßt uns tiefe Trauer wenn wir befürchten müßen, ein Beschluß der hohen Rational-Versammlnng könne Oesterreich aus Deutschland Hinausstoßen." Die Adresse sprach sich gegen ein zu schaffendes deutsches Erbkaiserthum aus, „weil wir überzeugt sind der Gedanke des Kaiser- thnms werde, weit entfernt zur Einheit zu führen, die Quelle langdauernder Spaltung und Zerrüttung werden; vorzüglich aber wäre es das preußische Kaiserthum, gegen welches sich bereits die Volksstimme Süd-Deutschlands so laut ausgesprochen hat, das Hierlands auf unbesiegbare Schwierigkeiten stoßen würde". Die Adresse an die kaiserliche Regierung drückte dieser den Dank dafür aus daß sic über die deutsche Frage ein entschiedenes Wort gesprochen, bemerkte aber zugleich daß der Inhalt der Note den Deutsch- Oesterreichern nicht genüge, daß es vielmehr dem Ministerium gefallen wolle sich „unmittelbar und energisch" an dem deutschen Verfassnngswerk zu betheiligen und sprach seine Anmerkungen. 505 Meinung dahin ans daß das VcrcinbarnngS-Princip „in seiner vollen Strenge wegen der complicirten Verhältnisse ans zahllose Widersprüche führen und zuletzt jede Einigung unmöglich machen müßte". Beide Adressen, dadirt vom 21. Februar, finden sich abgedruckt ln der A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 59 vom 28. S. 994. — Welch hohen Werth man in den Kreisen der deutschen Diplomatie auf die Kundgebung des kaiserlichen Cabincts vom 4. Februar legte, ist ans den Briefen des kön. sächsischen Kammerjnnters und damaligen Legationssccrctärs inWicnKarl Friedrich Grafen Vitzthum v. Eckstädt an seine Mutter (Berlin und Wien in den Jahren 1845—1852, Stuttgart Cotta 1886) zu ersehen. In dem erstercn vom 9. Februar 1849 bereitet er sie auf einen „Schachzug" vor, „welcher das Spiel entscheiden dürfte", über den er sich aber noch nicht näher aussprechen könne. Im zweiten vom 15. charakterisirt er das Schriftstück, das nun kein Geheimnis mehr war, mit den Worten: „Die Depesche vom 4. Februar läßt sich in den einen Satz resumiren : ,Hier steht der Kaiser von Oesterreich, dort die Revolution, wählt p" A. a. O. 5. 213—215. l 93) S. 264. Stadion am 3. März Sten. Aufnahme V S. 335 : Die Kundmachung der Gesetze sei ein unbestrittenes Hoheitsrecht jeder unabhängigen Staatsgewalt; die kaiserliche Regierung habe dieses Recht Frankfurt gegenüber nie aus der Hand gegeben; sie sei daher jenem Treiben „nach Recht und Pflicht" cntgcgcngctrcten, „weil hierin eine Irreleitung der Bevölkerung über die Natur der Verlautbarung und über die Wirksamkeit des (Frankfurter) Gesetzblattes für Oesterreich gelegen gewesen wäre". Der Krcishauptmann Regner Ritter v. Blcyleben sandte aus diesem Anlässe eine Verordnung vom 7. Januar Z. 262/2 an alle Magistrate und Amtsverwaltungcn ans, worin es unter anderem hieß: cs liege der massenhaften Verbreitung der Frankfurter Grundrechte die Absicht zugrunde „um dadurch eine Bewegung im deutschen Sinne her- vorzurufen". Wenn Schnselka sich über diese Motivirung aufhielt (Sten. Aufnahme V S. 378 f.), wie man dem deutschen Volke in Oesterreich eine Bewegung im deutschen Sinne versagen wolle, wo man dem slavischcn in Gestalt der Slovanskä. Lipa eine solche in slavischem Sinne gestatte — so war dagegen wohl zu erwidern daß die slavischen Linden-Vereine mit keinem Acte auch nur den Schein auf sich geladen hatten im Rücken der Regierung den Gesetzgeber zu spielen. 194) S. 266. Die „Ostdeutsche Post" vom 27. brachte einen Artikel gegen die Palack)''schc Interpellation die, wie sich denken läßt, in deutschen Kreisen großes Aergernis verursachte. Die deutsche Frage, meinte Ignaz Kuranda, sei nicht vom Standpunkte der Gleichberechtigung aufznfassen. „Der mehr als tausendjährige Zusammenhang Oesterreichs mit dem deutschen Reich ist für uns eine Quelle der Macht, der Bildung und des Wohlstandes geworden, der wir zum größten Theil die europäische Stellung des Kaiserstaates verdanken. Die nicht-deutschen Völkerschaften Oesterreichs können von den Deutsch- Ocsterreichern verlangen diese Vortheile mit ihnen zu theilen; sie dürfen aber nicht verlangen daß diese ihr längst erworbenes Eigenthum, ihren heiligsten Besitz von sich werfen sollen weil jene kein Behagen daran finden." — Ganz anders schrieben Kuranda's ehemalige „Grcnzboten" 1 S. 394 f. Prag 27. Februar: „Palack^'s größtes Wort." Diese Interpellation sei „das bedeutendste was auf dem Reichstag bis jetzt gesprochen worden; sie ist ein Ereignis in der kurzen parlamentarischen Geschichte Oesterreichs ... ES ist ein öeche der spricht, nicht Oesterreich zu Liebe sondern im Interesse seiner Partei . . . Winden Sie einen Kranz für Palackv, er hat ihn auch von den Deutschen verdient. Endlich ist die Stunde gekommen wo die öechische Partei das wüste Hassen der Deutschen, die Animosität des jungen Uebermuthes glänzend gesühnt hat durch staatsmännische Ruhe und offenes Wort". — Sehr naiv war eine Prager Corrcspondcnz vom 26. Februar in 506 Anmerkungen. der A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 66 vom 7. März S. 1013 gehalten, deren Verfasser Pa- lack/ vorwirft „daß er weniger Oesterrcicher als Slave ist", ihn fragt wann er und die Seinen „einmal sich auf einem (?) höher» Standpunkt über die kleinliche Nationalitäts- Eifersüchtelei emporschwingcn" werden? rc. Denn ganz dasselbe konnte ja mit mehr Recht vom andern Standpunkte Palack/ seinen Gegnern vorrücken! 195) S. 272. Sten. Auf». V S. 1, 34. In Springer's oft bezogenem Werke sind „die bei jedem Sitzungs-Protocolle wiedcrkehrenden Kopf- und Schlußsätze weggelassen", was im allgemeinen wohl zu billigen ist, wovon aber doch für jene Fälle Ausnahmen gemacht werden sollten wo es sich um Aenderungen im Persoualstande des Ausschusses handelte. Als Mitberather und Sprecher findet sich Palackx in den Protokollen S. 101 zum letztenmal in der Nachmittagssitzung vom 3. Februar, nicht mehr aber in der Sitzung vom 4.; er scheint also schon an diesem Tage seinen Austritt erklärt zu haben. 195 b) S. 287. Springer Protokolle S. 347—350. Bezüglich der Bukowina s. ^Vickmann 8mokka Anhang S. 23 f. die Dankschreiben an den Reichstags-Präsidenten ääo. Czernowitz 12. und 13. Mai 1849 1. des Bischofs Eugen und 2. von den Mitgliedern der beabsichtigten Landes-Deputation an das kaiserliche Hoflager: Jordaki Wassilko, Alexander Gojan, vr. Michal von Zotta, vr. Christoph Petrowicz, Jacob Miculi. 196) S. 287. „Die nationalen und Provinzialen Kämpfe verzögern die friedliche Gestaltung Oesterreichs. Im Saale sitzen keine Parteien sondern Liguisten und zwischen Deutschthum und Slavcnthum fallen die österreichischen Staatsbürger mit ihren Rechten und Freiheiten zu Boden." Krcmsier 16. „Const. Bl. a. B." Nr. 147 v. 19. Decem- ber 1848. 197) S. 302. Der „Oesterr. Corr." ließ sich über Helfcrt's Rede aus Kremsier ** 2. März schreiben: „Selbst die leidenschaftlichsten Gegner des Ministeriums können das umfangreiche Wissen, die schneidende Logik, den schlagenden Humor des Redners nicht in Abrede stellen. Der unwillkürliche Beifall der Kammer gibt davon unläugbares Zeugnis; in welchen Sturm würde dieser wohl ausbrechen, wenn Helfert nicht das Unglück hätte dort zu sitzen wo er eben sitzt." So sagt auch Jarcke in seinem „Staat und Kirche in Oesterreich" (München 1849) S. 39: „Die Abgeordneten Helfert und Haßlwanter und der Bischof von Przemysl, welche in ihren meisterhaften Reden einen von der verjährten Knechtschaft der Kirche wie von der Revolution unabhängigen Standpunkt zu nehmen und festzuhalten wußten, haben in jenen freilich an sich fruchtlosen und unnützen Debatten zu Kremsier Oesterreichs sittliche und intellektuelle Ehre gerettet". Anders urtheilten begreiflicherweise die radikalen Blätter z. B. der Leipziger „Leuchtthurm" Nr. 13 S. 180: „Der Unterstaatssecretär Helfert, dessen ungeheure Einbildung und Selbstüberschätzung vom Ministerium benützt wurde um dem Reichstage Sottisen ins Gesicht zu schleudern, war bereits so abgenützt daß eine Frage bei welcher er sich, natürlich in hohem Austrage, betheiligte, füglich für verloren angesehen werden konnte." 198) S. 306. In einem Wiener Artikel Z vom 6. der Gr. Ztg. Nr. 67 S. 2 wurde dem maßlosen Auftreten Schuselka's die Haltung des Baron Kraus entgegengestellt: „Der Minister der Finanzen hat, ohne auf die Ausfälle Schuselka's näher einzugehen, demselben gezeigt wie man parlamentarisch artig sein könne ohne sich in irgend einem Punkte etwas zu vergeben." 199) S. 306. Darunter befanden sich: die Interpellation von Klaudh und Genossen vom 24. Januar betreffend den Proceß über den Prager Juni-Aufstand (s. oben S. 22), beantwortet durch Bach in dem Sinne: „daß sich die sehr umfassenden Untersuchungs- Acten zur Vorlage nicht eignen", daher „eine actenmäßige Darstellung dieser Ereignisse Anmerkungen. 507 und des Ergebnisses der diesfälligen Untersuchung angefcrtigt wurde deren Vorlage unter einem geschieht"; die Interpellation Geicr's oder eigentlich dessen Beschwerde gegen den Bezirksrichter Pinter in Gurkfeld (s. oben S. 42); jene Schuselka's wegen zeitweiliger Befreiung der Studenten vom Militair-Dienst (s. oben S. 26 s.), welcher Stadion ent- gegnete: „Das Ministerium, von dein Grundsätze der allgemeinen Berechtigung und Verpflichtung aller Stände vor dein Gesetze ausgehend, kann zu Gunsten der Stndirenden keine Ausnahme machen; denn für jeden begünstigten Studircnden würde das Loos einen andern treffen der sonst bei einem gesetzlichen Vorgänge befreit geblieben wäre"; jene Bi- linski's wegen Aushebung von Rccrutcn ohne zuvor eingeholte Bewilligung der Kammer (s. oben S. 27), der Stadion den constitutionalen Grundsatz entgegenhielt: die Feststellung der Stärke des Heeres sei Sache der gesetzgebenden, die Ausschreibung der Recrutirung und Aushebung der Mannschaft Aufgabe der executiven Gewalt; jene habe das Ministerium in den Staatsvoranschlag ausgenommen der dem Hause vorliege; verschieben habe aber das Ministerium die Ausschreibung um so weniger können „als die inneren und äußeren Verhältnisse derart waren und sind daß jede Zögerung in dieser Angelegenheit ein Verrath an der Sache der Monarchie gewesen wäre" rc. Stein Aufm V S. 336—344. Zwei der Interpellanten erklärten sich mit der erhaltenen Auskunft nicht zufrieden: Geier der in der Sitzung vom 5., dann Klaudy und Genossen die in jener vom 6. März neuerlich interpellirten. Letztere brachten namentlich vor daß die veröffentlichte „actenmäßige Darstellung" sich aus die militairischen Operationen beziehe, hingegen das was die verdächtigte Ehre der böhmischen Nation und deren Vertrauensmänner betreffe fast ganz übergehe; ebenda S. 347 s. 380 f. 200) S. 308. Kudlich III S. 243. Wann kann sich dieser Auftritt abgespielt haben? Kraus wohnte der Sitzung vom 14. Februar bei; ob er nach dem Ausfall der geheimen Sitzung am 15. noch in Kremsier geblieben, ist mir nicht erinnerlich. Dann bliebe nur der 3. März, wobei ich aber nicht umhin kann zu bemerken, daß die Erzählung Kudlich's mir nicht den Eindruck macht als ob das Gespäch so hart vor dem Eintritt der Katastrophe vom 6. März geführt worden wäre. 201) S. 312. A. A. Ztg. Nr. 67 v. 8. März S. 1022: Prag 5. März. Heute nachts um 1 Uhr verschied" rc. 202) S. 319. Auch der X-Corr. der A. A. Ztg. Nr. 70 vom 11. Wien am 7. März S. 1069 theilt Bruck eine Sonderstellung in den Ministerberathungen über die Verfassung zu, nur in anderem Sinne als ich. Er schreibt von Stadion's „unerklärlichem Anlehnen an den Reichstag" und fügt bei: „Sonderbarer Weise soll sein eigener Schützling der Minister Bruck es gewesen sein der sich dagegen ausgesprochen . . . Der Entwurf der den Berathungen (über die Verfassung) zur Grundlage gedient hat soll von Bruck gewesen sein." Letztere Vermuthung ist gewiß ungegründet, das haben sich Stadion und Bach gewiß nicht nehmen lassen. Die von mir im Text ausgesprochene Vermuthung über die Opposition Bruck's knüpft sich an den Ofener Aufenthalt desselben im Februar, worüber Windisch-Grätz seinem Schwager nach Olmüz schrieb: Bruck sei ganz und gar auf seine Ansichten eingegangen. 203) S. 320. Fischhof will von Ausplauderern erfahren haben daß die Drucklegung im Zuge sei. Das war wohl nicht möglich, da vom Anbeginn derselben bis nach vollzogener Kundmachung die dabei beschäftigten Arbeiter Tag und Nacht nicht aus dem Raume gelassen wurden. Fischhof wird also nur erfahren haben was in Wien selbst einigen Personen auffiel: daß in der Staatsdruckerei bei verschlossenen Thüren gearbeitet werde; was da im Zuge sei, darüber mochten sie hin und her denken. — Dem Schreiben Schwa, an Wind, vom 5. Nr. 137 lag ein Aussatz: „Die octroyirte Charte und Deutsch- 508 Anmerkungen. land" bei, worin die Frage erörtert wurde ob die zu gebende Verfassung als eine definitive oder als eine provisorische anznschcn sei? Die Antwort fiel in letzterem Sinne aus, „weil man im Augenblicke nicht mehr von dem was man gern haben möchte znrück- crhalten könnte". 20t) S. 320. L. A. Frankl „Aus halb vergangener Zeit. Goldmark Fitster Fisch- Hof Stadion Felsenthal" in einem Feuilleton der „N. Fr. Pr." dessen Numcr und Datum ich anznmerken vergessen habe. Wahrscheinlich, so äußerte sich Fclscnthal gegen Fischhof, habe Stadion dafürgehalten daß neue Todcsurtheile und Hinrichtungen angesichts des noch nicht besiegten Ungarn und der Zustände in Italien viel bedenkliches hatten, daß ferner die Geflüchteten unschädlich gemacht seien, und daß es schließlich leichter sei Abwesende kricgsrechtlich zu vcrurtheilcn als Verhaftete denen die Vertheidignng möglich ist. „In diesem Punkte", meint Fclscnthal, „hatte Stadion entschieden Recht; denn Fischhof und Prato wurden freigcsprochcn, während die Flüchtiggcwordenen durch richterlichen Spruch gebrandmarkt wurden." 205) S. 322. Bei der weit zurückliegenden Zeit, während welcher ich kaum einen Anlaß hatte die Einzclnheiten jener in ihren Hauptumrisscn mir allerdings unvergeßlichen Nacht ins Gedächtnis zurückzurufcn, habe ich einiges ans Springer II S. 280—282 benützt, der als Schwiegersohn Pinkas' und unter dessen Bcirath zu Anfang der sechziger Jahre, also bei vergleichsweise frischerer Erinnerung, den betreffenden Abschnitt bearbeitet hat. Wenn der Verfasser den geistvollen Thicmann als „früheren Hausdiener des Fürsten Windisch-Grätz" bezeichnet — Thicmann hatte die Erziehung der beiden ältesten Prinzen Karl und Hugo des Fürsten Vcriand vollendet, die ihm, sowie er ihnen, die achtungsvollste Neigung und Anhänglichkeit bewahrten — und wenn in einem andern Berichte von dem „Ministerial-Leibeigcnen" Helfert gesprochen wird, so muß man dies, als von leidenschaftlicher Partei-Auffassung eingegeben, eben hinnehmen. Wenn aber Springer den „öechenführcr" Palackv redend anführt, so ist dies eben so unrichtig, wie wenn er seinen Schwiegervater den 15. März „als Jahrestag der Revolution" preisen läßt, während der bevorstehende Schritt der Regierung „den Bruch mit der Revolution beweise". Palack/ war denselben Abend nach Prag abgereist; er hatte aber auch keine Einladung empfangen, eben so wenig Riegcr Strobach Hornbostel, die Springer gleichfalls als mitanwesend anführt, die aber in Krcmsier zur Opposition gehört hatten, während Stadion als Vertrauensmänner nur Anhänger der Regierung einberufen hatte, wahre oder vermeintliche, wie Pinkas der bis dahin in persönlich freundschaftlichen Beziehungen zu Bach und Helfert gestanden hatte. Der Ausdruck „Revolution" war aber damals in parlamentarischen Kreisen gar nicht üblich, man sprach ausnahmslos von der „Bewegung" oder „Erhebung" des März und allenfalls von dem „October-Aufstand"; am allerwenigsten würde es jemand sich herausgenommen haben im Salon des Grafen Stadion jenen Ausdruck, und noch dazu in solchem Zusammenhang und Gegensatz, wie uns der Schwiegersohn Pinkas' glauben machen will, zu gebrauchen. 206) S. 322. Springer läßt als Einleitung zur Bcrathung den Grafen Stadion an Mäher die Aufforderung richten „den Wortlaut der octroyirten Verfassung vorzulescn". Meines Erinnerns geschah so etwas nicht, sondern Stadion war es allein, wie oben im Texte erzählt worden, der eine freie Ansprache hielt und dabei die Hauptpunkte der Verfassung skiz- zirte. Auch Baron Reumann, dessen Erinnerung ich über diesen Punkt zu Hilfe gerufen, ist meiner Ansicht; auf andere Einzclnheiten weiß er sich noch weniger zu erinnern als ich. Wie schwer es überhaupt für jeden, der sich nicht gleichzeitige Aufzeichnungen gemacht oder sein Gedächtnis gelegcnhcitlich aufgesrischt hat, sei über Vorkommnisse von nahezu sicbenunddrcißig Jahren Auskunft zu geben, habe ich mehrseitig erfahren. Pravoslav Anmerkungen. 509 Trojan erinnert sich nicht mehr ob er an der Versammlung theilgenommen oder nicht. Gregor Szaszkiewicz desgleichen; er hat sich an den einzigen noch lebenden rutheni- schcn Abgeordneten gewandt der ihm auf diese Aufforderung ins Gedächtnis zurückrief was ihm Sz. zu jener Zeit im Vertrauen mitgetheilt hatte. Graf Karl Gleispach schreibt mir Grätz 27. Januar 1883: „Mein Erinnerungsvermögen ist zwar schon bedeutend geschwächt — nichtsdestoweniger würde mir doch irgend ein Eindruck haften geblieben sein wenn ich jenem wichtigen Acte beigcwohnt hätte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ich vermuthe vielmehr daß ich, wie ja öfter, den größten Thcil jener Nacht zur Zusammensetzung des Protocolls der Abendsitzung verwenden mußte." So heißt es auch iu den Aufzeichnungen des Grafen Huhn, er habe unter den von der Bcrathung fortgchenden Abgeordneten „Palack/ Brauner Lasser Hclfert" erkannt; rücksichtlich des erster» kann cs aber kein erkennen, sondern nur ein verkennen gewesen sein. 207) S. 325. R. W. Die Sprengung des österr. constituircndcn Reichstages zu Kremsier; „Leuchtthurm" Nr. 13 S. 178—184: „Wilduer der Hhperministcriclle sagte, er habe sich von der Kammer im Interesse des Ministeriums treten lassen wie ein Hund, und nun sei er so schmählich betrogen worden." Eine solche Aeußerung mag ihm im Privatgespräch entschlüpft sein, öffentlich hat er es wohl nicht gesagt. Trotz aller Aufregung und Leidenschaft bewegte sich, wie mir der Eindruck davon geblieben ist, die ganze Verhandlung durchaus in den Gränzcn parlamentarischen Anstandes. 208) S. 327. Graf Huhn in seinen Aufzeichnungen schreibt: „Stadion geberdete sich ganz aufgeregt, sein geistiger und körperlicher Zustand vereinigte sich ihn in ungewöhnlicher Weise zu ergreifen. Ich hatte schon vor einiger Zeit in Wien, nach einer Unterredung die ich iu der Stacht mit Stadion gehabt, Zweifel über seinen Gesundheitszustand gefaßt und meine Beobachtung auch dem Fürsten Schwarzenberg mitgetheilt". 209) S. 328. lieber meine früher erwähnte Anfrage sandte mir der jetzige greise Domherr von PrzemyA Gregor Szaszkiewicz die Abschrift eines an ihn gerichteten Schreibens des Pfarrers Joh. Lomnicki in Horucko, damals in Jawora, Abgeordneten für Turka und Szaszkiewicz' Kremsierer Zimmeruachbars, worin cs heißt: „Stadion hatte den iu der Confercnz Versammelten das Ehrenwort abgenommen daß sie über das Geschehene, bis die Entscheidung von Olmüz erfolgt, Stillschweigen bewahren werden. Darum haben auch Euer Hochwürdcn uns darüber nichts gesagt, bis nach Auflösung des Reichstages" 210) S. 330. Eine erste kürzere Mittheilung über die Verhandlungen in der Wohnung Smolka's brachte der Krakauer „O.us" vom 12. März 1849 und nach diesem Havlkock'S »bla,rockni blovin/" Sir. 64 vom 16. S. 254. Ausführlicher ist Karol Widmann in seinem „l?rantis?.olr Smollm" S. 230—232, wo jedoch der Auftritt etwas dramatisch, und zwar auf Kosten des „Imkratb" Grafen Mcrcandin ausgepicht ist. Am glaubwürdigsten schildert den Hergang ein mit 8n. unterzeichnetcS Feuilleton im „St. Wr. Tgbl." Nr. 73/4: „Aus der ersten Präsidentschaft Smolka's. Nach mündlichen Mittheilungen des Herrn 4>r. Franz Smolka." Doch haben sich auch da einige Ungenauig- keitcu cingeschlichen. Die Datirung des 9. März gleich zu Anfang ist ein bloser Druckfehler, da im weitern Verlaufe richtig vom 7. die Rede ist. Dagegen will Smolka zu Mercandin gesagt haben: „Ich habe für den heutigen Tag eine Sitzung des Reichstages anberaumt" — auch Widmann verfällt in diesen Jrrthum — während Smolka in Wahrheit die Sitzung vom 6. gemäß den vorausgegangencu Abmachungen mit den Worten geschlossen hatte: „Die nächste Sitzung wird sein am 15. d. M." In den Hnhn'schen Aufzeichnungen heißt es: „Bei einer sehr kurzen Besprechung mit Smolka erklärte ich demselben daß keine Versammlung, auch nicht zum Zwecke der Mittheilung des kaiserlichen 510 Anmerkungen. Befehles stattfinden dürfe und daß ich von dein Tactc der Abgeordneten erwarte, sie würden mich nicht in die unangenehme Lage versetzen diese Anordnung mit Gewalt durch- zusctzen." Es ist mir, nach der Erzählung Smolka's, nicht recht klar wann jenes Zwiegespräch stattgcfunden haben könnte. In einer der folgenden Numern des „N. Wr. Tgbl." — ich habe mir leider Zahl und Datum nicht «»gemerkt — erzählt Much, einer der vom Justiz-Minister dem Constitutions-Ausschuße beigegcbcncn Schriftführer (vor. Bd. S. 506 Anm. °) folgendes: „Am 6. März, nachdem Artikel 10 (?) ,Vorübergehende Bestimmungen' in kurzer Berathung angenommen und mir, der an diesem Tage zur Protocolls- führung an der Reihe gewesen, vom Vorsitzenden das Protocoll ausnahmsweise sogleich verificirt worden war, eilte ich in die vor der Stadt gelegene Filiale der k. k. Staats- druckerci, wo die ganze aus 160 Paragraphen bestehende Constitutions-Urkunde bis auf diesen Schluß bereits im Satze war. Es war eine ,Raunacht', in der ich, dieses letzte Kindlcin der demokratischen Rcichsvertrctung gleich dem ,Erlkönig' in meinen Armen, durch Wind und Schneegestöber da hinaus eilte, und mit trüben Ahnungen suchte ich bald darauf mein Lager, das ich andern Tages beim ersten Morgengrauen verließ;" da habe er nun das erzbischöfliche Palais von Soldaten umringt gesehen rc. Diese Mit- thcilung läßt sich, was das angeführte Datum betrifft, mit den anderweits sicher-gestellten Thatsachcn nicht in Einklang bringen. Was in Much's Erinnerung in der Nacht des 6. vorgefallen, muß sich zwei Tage früher zugetragcn haben. Denn am 6. war bereits ein Thcil der Abgeordneten mit gedruckten Exemplaren versehen. Auch geht aus Springer Protocolle S. 361—364 hervor, daß in der That die letzte Sitzung des Constitutions- Ausschusses, wo alles, inbegriffen die „vorübergehenden Bestimmungen", zum Abschluß gebracht wurde — vgl. S. 364 Alinea 3 v. u. mit S. 383 Alinea 2 v. u. — anr 4. stattgefunden hat. Der Zwischenraum von der „Raunacht" des 4. zu den Soldaten am Morgen des 7. hat sich offenbar in Much's Erinnerung verwischt. 211) S. 333. „Leuchtthurm" a. a. O. S. 181 f. S. auch „Grenzboten" 1849 I S. 503, Aus Kremsier 7. März (gezeichnet D.): „Lebe wohl, Stadt der Hanna. In dir hat der letzte Theil einer großen Tragödie Oesterreichs gespielt, du hast cs nicht gewußt! Deine Bürger werden klage» über den Plötzlich verlorne» Verdienst, über die 50.000 fl. die ihnen jeder Monat brachte; dann werden sie das gewonnene Geld zählen und anlegen und hin und wieder vom verstorbenen Reichstag schwatzet:; endlich wird er eine Sage werden für die Kinder, eilte dunkle Erinnerung von verschwundener goldener Zeit. Was vor einem Jahre der März in Wien mit den großen Glocken von St. Stephan ins Leben geläutet, das politische Leben des Vaterlandes, das trug wieder der März in ländlicher Stille zu Grabe. Glockengeläut hat man keines vernommen, unsere kleinen Dichter werden sagen daß die weißen Märzglöckchen das Traueramt besorgt haben. Es war ein kurzes Leben, voll herrlicher Träume und unreifer Thaten!" 212) S. 336. Mit reichlicher Benützung des Wortlauts aus L. A. Frankl's Feuilleton der „N. Fr. Pr.": „Ans halbvergangcner Zeit. Goldmark Fitster Fischhof Stadion Fclscnthal." Fitster selbst, der seine Flucht aus Kremsier zweimal beschrieben, kürzer in Kolisch' „Wiener Boten" I S. 367—372, anssührlicher in seinen „Memoiren" II S. 268 ff., läßt begreiflicherweise jene Eiuzeluheitc» unberührt; er erwähnt an letzterem Orte nur, ein „Literat" habe ihn, da er des Landes unkundig, „sehr menschenfreundlich . . . eine Strecke Weges" begleitet; dann spricht er sehr vornehm von seinem „Bedienten" der ihm „etwas Wäsche mitzubringcn hatte" rc. Bei Kolisch nennt er den Ort wo ihn der Wagen erwartete „Minkovic"; einen solchen Ort gibt es aber nicht in der Gegend. Vielleicht Mimttvek (Lliüüvü^), das gegen Olmüz hin etwa eine Viertelstunde von Kremsier liegt? Anmerkungen. 511 213) S. 342. Ich habe geglaubt dieses Zwiegespräch nach Smolka's „mündlichen Mitthcilungen" wörtlich aufnehmen zn sollen, obwohl cs mir in seiner ganzen Fassung etwas unwahrscheinlich vorkommt und in manchen Einzelnheiten offenbar unrichtig ist. So wird in dem o. a. Feuilleton des „4t. Wr. Tgbl." Stadion als jener genannt, der mit Smolka verhandelt habe. Stadion aber ist gar nicht mehr nach Kremsicr gekommen, sondern hat sich, das Einpacken seiner Sachen dem Kammerdiener Heinrich überlassend, von Olmüz unmittelbar nach Wien begeben. Auch das ist unrichtig als ob cs sich um den nachträglichen Druck der stenographischen Berichte der Sitzungen über die Grundrechte gehandelt hätte; diese Berichte sind den Abgeordneten in der Kremsierer Zeit gedruckt regelmäßig zugekommen. Nicht gedruckt waren jedoch die Berichte aus der October- zeit. Daß dies nachträglich geschehe hat sich Sinolka ernstlich bemüht; er würde es aber kaum durchgesetzt haben, wenn nicht der Neichstagsordner Jelen, der das volle Vertrauen des Ministeriums besaß, auf dieser Ergänzung mit allem Nachdruck bestanden hätte. Auch die ganze Motivirung Smolka's, warum er die bezüglichen Manuseripte nicht ausliefern wolle, paßte doch nur auf die Wiener October-, aber durchaus nicht auf die Kremsierer Grundrechte-Protokolle. Noch könnten in jenem Zwiegespräche die nicht für den Druck bestimmten Protocolle des Constitutions-Ausschußes gemeint gewesen sein; und dann wäre jene Vermuthung begründet, der ich in einer Besprechung von Springer's neuester Pu- blication (s. oben S. 267*) über die Art und Weise, wie diese Papiere in de» Besitz Pinkas' gelangt seien, Ausdruck gegeben. 214) S. 343. Frankl im o. a. Feuilleton der „N. Fr. Pr." Im „Const. Bl. aus Böhmen", und aus diesem dann in andern Tagesblättern, z. B. in der A. A. Ztg., war das Erscheinen Fischhof's und Prato's auf dem Bahnhof von Hullein mit dem gleichzeitigen Eintreffen Helfert's in eine derartige Verbindung gebracht daß jeder Leser, der den Sachverhalt nicht von anderswo genauer wußte, auf die Vermuthung kommen mußte der Unterstaats-Secretär für den Unterricht habe bei dieser Angelegenheit seine Hand im Spiele gehabt. Helfert aber war im Laufe des 8. aus Olmüz nochmals in Kremfier erschienen, hatte einpacken lassen und einige Abschiedsbesuche gemacht, so daß er erst den Nachtzug, denselben mit welchem die beiden Gefangenen transportirt wurden, für die Wcitcrfahrt nach Wien benützen konnte. Die Gleichzeitigkeit seines Zusammentreffens mit jenem der beiden Abgeordneten auf dem Bahnhose von Hullein stand daher außer allem inneren Zusammenhang . . . Noch ist zu bemerken daß es in Frank l's Mittheilungen heißt, Graf Mer- candin sei cs gewesen der die Aufhebung Fischhof's geleitet, während er später — und- das ist gewiß das richtige — dem Polizei-Ober-Commissär Felsenthal zu Fischhof sagen läßt: „Wissen Sie wer Ihre Verhaftung in Kremsier zu leiten hatte?" ,Vielleicht Sie?' „Ja ich." 215) S. 344. Aus der wiederholt angeführten Quelle. Wenn Smolka erzählt, er sei am ersten Abend „zwar sehr höflich aber sehr kalt behandelt" worden, während am zweiten die Gesellschaft „wie auSgewcchselt" war, „lauter Liebenswürdigkeit, lauter Entgegenkommen, lauter Freundlichkeit", so mag das ganz richtig sein. Nicht aber das gleiche ist von der Erklärung zu sagen die er dazu gibt: am 7. sei man noch voll der Sieges- frcude von K-iPolna gewesen, am 8. aber sei der hinkende Bote nachgekommen: „Fürst Windisch-Grätz mußte sich nach Pest zurückziehen; noch mehr, er mußte sich anschicken Pest zu räumen, und der siegreichen ungarischen Revolutions-Armee schien der Weg nach Wien offen." Windisch-Grätz ist, wie wir uns erinnern, allerdings nach Zurückdrängung des Feindes über die Theiß nach Pest, rseto nach Ofen zurückgekehrt; aber es hatte ja von allem Anfang nicht in seiner Absicht gelegen, konnte auch nicht liegen, sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Kräften ans einen Marsch in das ungarische Gebiet jenseits der 512 Anmerkungen. Theiß einzulasscn. Alles andere, die bevorstehende Räninnng von Pest, das den Ungarn offen stehende Wien rc. gehört einer Periode von reich sechs Wochen später an, wo Windisch- Grätz nicht mehr an der Spitze der Armee stand. 216) S. 345. — X — Kremsier 9. März: (Diese) „Zeilen sind wohl die letzten die Sie aus der wieder in ihre frühere Obscurität zurücksinkcndcn Hanaken-Stadt von Ihrem Berichterstatter erhalten." 217) S. 345. Der galizische Edelmann heißt in den Huyn'schen Aufzeichnungen „Graf bl." Zum Schlüße heißt es: „Für mich war das Ganze eine Art Vergnügen, eine Genngthuung für die schmählichen Reden welche dieses Hans von Volksvertretern im Sommer über die Armee in Italien anhören mußte, daß es gerade ein Stabs-Officicr dieser Armee sein durfte der die ganze Gesellschaft nach Hause schickte. Die allerdings vielen ehrenhaften Männer, die ich unter ihnen kennen gelernt habe, waren ja selbst alle vollkommen zufrieden daß dem nutzlosen Geplauder ein Ende gemacht worden ist; und der große Haufe verdiente wahrhaftig eine andere Behandlung nicht." 218) S. 348. Füster Memoiren II S. 270 281. Zum Schlüße, und das charakterisier den verächtlichen Menschen, nachdem er seine Angst ausge— hatte und nun geborgen war, war er voll Lustigkeit und Hohn: „Eine Flasche Wein fand sich im Wagen. Man trank die Gesundheit der Demokratie, machte auf den Bürgermeister von Ratibor gute und schlechte Witze, erging sich in den ergötzlichsten Vermuthungen und Beschreibungen der Verlegenheiten einer wohllöblichen Polizei über das Verschwinden ihres cor- pulenten Arrestanten" . . . Der von Kremsier den Haftbefehl mitbrachte heißt S. 275 „ein junger Herr, namens Gabbcsam, Ofsicier der Nationalgarde, der wegen seiner Häscherdienste seitdem in den Staatsdienst befördert worden ist", wogegen in einem Min.-Acte des Innern von einem „Ministerial-Beamten Gaveston" die Rede ist. Ein solcher kommt in dem Hof- und Staats-Handbuch für 1848 uicht vor, dagegen in den spätern aus der Mitte der fünfziger Jahre ein Ignaz Gabesam als Director der Hilfsämter beim k. k. Krcisgericht zu Uugarisch-Hradisch und ein Joseph Gabesam als Official beim Telegraphen-Central- Amt in Wien; ich habe mich für den letztem entschieden, weil es im „Leuchtthurm" a. a. O. S. 183 heißt, Gabesam habe für seine Dienste eine Gratification und einen Posten mit 700 fl. Gehalt bei einem Ministerium, folglich in Wien, erhalten. Füster's Angabe ist also in der Hauptsache richtig. Unter dcu Geldern und Papieren, die ihm von der Behörde abgenomme», aber dann von seinen Beschützern zurückgegebcn wurden, fanden sich nach der angeführten amtlichen Quelle: 135 fl. in Papier, 6 fl. in neuen Silber- Sechserln und ein Empfehlungsschreiben Schuselka's an Dctmar in Hamburg. 219) S. 348. In Leipzig am 13. März schrieb Goldmark eine „Erklärung" („Grenzboten" 1849 S. 479 f.). Er habe, heißt cs darin, die Heimat verlassen weil er „ohne der persönlichen Ehrenhaftigkeit der mir unbekannten Richter nahe zu treten, die Berechtigung des jetzigen militairischen Ausnahmsgerichtcs ebenso wenig anerkennen kann, als die Volksjustiz der Massen der ich am 26. Mai als ,Rcactio»är' beinahe verfallen war, und weil ich die Uebcrzeugung habe daß in einem constitutioncllcn Staate ein Militair-Gerichtshof, der sechzehnjährige Knaben und alte Frauen als politische Verbrecher behandelt, der heute TodeLurtheile ausspricht und sic morgen bei guter Laune des Commandanteu nach andern Gesetzen in Kcttenstrafen verwandelt, nie und nimmer bestehen darf, soll anders die Constitution keine Lüge sein". 220) S. 352. L Wien 8. März A. A. Ztg. Nr. 72 vom 13. S. 1104. Die Berichte über den Eindruck den das Ereignis in den weitesten Kreisen Wiens hervorrief, sind so übereinstimmend, daß an der wahrheitsgetreuen Wiedergabe desselben nicht gezweifelt werden kann. Der X-Corrcspondent der A. A. Ztg. Nr. 70 vom 1l. März S. 1069 begann seinen Anmerkungen. 513 Bericht vom 7. mit de» Worten: „Der Würfel ist gefalle» und es scheint ein guter Wurf gewesen zu sein." Sein Collega vom selben Tage, Nr. Oll vom 10. S. 1052 s. schrieb in einer geradezu dithyrambischen Stimmung: „Freude glänzt in allen Angen, verscheucht sind die düster» Wolken von der umwölkten Stirn, betend erhebt sich das überfüllte Herz zum heitern Himmel. Ei» lichter Hoffnungsstrahl in dieser lange» politischen Nacht bezeichnet endlich den Pfad den jeder wahre Patriot zu betreten hat um unfern chaotischen Wirren ein Ende zu machen. Mit vereinten Kräften, nach des jugendlichen Kaisers Wahl- sprnch, beginnen sich bereits alte Gutgesinnten aneinander zu schaarcn, und ihre Anzahl ist die bei weitem überwiegende, um dem Rufe des gütigsten Monarchen zu folgen. Nur Vertrauen ans Gott, Zutrauen zum Kaiser, und das große Werk wird gelingen." Der /^-Correspondent der Deutsch. Mg. Ztg. Nr. 70 vom 11. S. 757 äußerte sich über die kleberraschungen die der 7. den Wienern brachte: „Das sind die großen Tagesncnigkeiten, die, so viel man wahrnimmt und ans dem freisinnigen Gehalt jener Erlasse schließen kann, einen befriedigenden Eindruck ans die hiesige Bevölkerung hcrvorgcbracht haben." Der Grätzer Ztg. vom 10. Nr. 69 S. 2 schrieb ein Wiener Berichterstatter am 8.: „Wien war gestern freudig und lebhaft bewegt. Ueberall begegnete inan zufrieden lächelnden Gesichtern, freudig glänzenden Augen; denn ein lang gehegter Wunsch ist endlich in Erfül lung gegangen" rc. Znm Schlüße dann: „Ucbcrrascht von der guten Stimmung, von dem Hellen Geiste der Wiener mußte man sich gestern an die Tage des März im verflossenen Jahre freudig erinnert sehen." Von den Wiener großen Blättern hatte zwar die „O. D. P." ihre mannigfachen nisi auf dem Herzen: „nichts desto weniger halten wir es für unsere Pflicht", sagte sic zum Schlüße, „die Thatsache zu bestätigen daß in Wien die Verfassungs-Urkunde eine gute Aufnahme gefunden hat". Mit ähnlicher Verwahrung be grüßte die Allg. Ocsterr. Ztg. Schwarzer's die octroyirtc Verfassung als den Beginn und die Grundlage neuen constitutionalen Lebens. „Die kindische Freude der Wiener ist charakteristisch", schrieb Graf Vitzthum am 7. an seine Mutter; a. a. O. S. 210. . . . Mit einer wahren Wuth hingegen nahmen die Radicaleu diese Zeichen allgemeiner Befriedigung wahr und registrirten dieselben. „Erlassen Sie mir zu sagen", schrieb Eticnnc am 10. März an Ernst Keil in Leipzig, „Lcuchtthnrm" Nr. 11 S. 168 f., „wie bei der ersten Nachricht selbst das niedere eigentliche Volk, die Masse, auf den Reichstag schimpfte und sich der geschehenen Octroyirnng zu erfreuen schien." Eine Correspondcnz in Kolisch' „Wiener Boten" vom 10. März I S. 046 f. meint zwar: „So hirnverbrannt unsere Schwarzgelben sind — daß sic sich über eine solche Verfassung freuen, ist doch gegen ihre Menschennatur"; und dann: „Gefreut hat sich niemand als einige Aristokraten die ihre» Adel nicht entbehren können weil sic sonst weniger wären als unsere fleißigen Proletarier, und einige Dutzend Officiere die jetzt Aussicht auf Avancement haben, weil es nicht möglich ist daß cs bei einer solchen Verfassung ruhig bleibt." Aber an einer andern Stelle, I S. 006, findet sich das ingrimmige Geständnis: „Wie weit die Verblendung und das Verkennen der eigenen Interessen bei der Wiener Bourgeoisie geht, das bewies die freiwillige Beleuchtung der Stadt und das Steigen der Course . . ." S. auch „Slav. Centr.- Bl." Nr. 70 S. 000 s. deren Olmüzer Correspondcnz „eine recht hübsche Quantität von Fanatismus für Ruhe", die sich unter der Bevölkerung breit mache, entdeckt haben will. 221) S. 252. Mit der Abfassung der Dank-Adresse an Sc. Majestät wurden die Gemeinderäthe Weixelbaum Stubcurauch Bondi Häusle, mit jcner der Vertrauens-Adresse an das Ministerium Kaltenbäck und Rizy, mit der Ansprache an die Wiener Stubenrauch betraut. Als Mitglieder der Deputation wurden gewählt: Archivar Kaltenbäck, vr. und Professor Kaiser, Or. Häusle, Hauseigenthümcr und Richter in der Jo- sephstadt Joseph Schund, Fabrikant Hardtmuth, Hof- und Gcrichts-Advocat Dr. Zclinka, H eifert, Geschichte Oesterreichs. IV. 3. 00 1t-. 514 Anmerkungen. Instituts-Inhaber Bondi, Schotten-Pfarrer Götz, Lithograph Lehknm, Fabrikant Joseph Winter, Dircctor Karl Bernbrunn und Hofrath Nadda. 222) S. 353. Eine derlei GasthauS-Scene beschrieb in einein Wiener Blatte Paul Schulz als „Augenzeuge" wie folgt: „So feierte ein Kreis beglückter Bürger Wiens im Kautsch'schen Gasthanse bei den .drei goldenen Kronen' auf der Wieden, am Tage der verlautbarten herrlichen Verfassung, mit lautem Jubel die wichtige Kunde und ließ bei einem Champagner-Toaste Se. Majestät den Kaiser, Sein Haus, die Minister, die Armee und ihre Helden-Führer, dann das neu aufblühende Vaterland hoch leben, während der Gastwirth »ud wackere Patriot, bürgerliche Schmiedmeister und Thierarzt Anton Wid- mann, die Theilnehmcr zu Beiträgen für die verwundeten Krieger des Armee-Corps des FML. Ban Jelariü aufforderte. Selbst ungarische Familien, die zufällig Zeugen dieser loyalen Versammlung waren, stimmten gerührt ein und freuten sich des allgemeinen Glückes." 223) S. 354. Die Garnison, welche unter dem Befehle des GM. Erzherzogs Ferdinand von Este um 9 Uhr vormittags ausrückte und nebst der Nationalgarde auf dem Ober- und Nieder-Ring aufmarschirte, bestand aus 1 Grenadier-Bataillon Joseph Ritter Hora v. Otzellowitz — Hochenegg Fürstenwärthcr Haynau — 2 Bataillone Mazzucchelli, 1 Bataillon Prinz Emil von Hessen, 2 Compagnien Artillerie, 2 Compagnien Mineurs, 1 Compagnie Sappeurs, 1 Cadeteu-Compagnie. . . Vcrgl. „Slav. C.-Bl." Nr. 76 vom 17. März S. 303 f.: „Der gute Olmüzer gewöhnt sich nach und nach mit stummer Verehrung nach der erzbischöflichen Residenz zu blicken, um so mehr als die Masse der Hofdienerschaft über die kleine Stadt vertheilt diesen Geist täglich mit neuer Ambrosia füttert.... Es ist eine cigenthümlichc Sache, die angelebte Verehrung für das Herrscherhaus! Wie mechanisch wälzt sich die Menge den kaiserlichen Larrossen nach, und wenn der gute patriarchalische Sinn der österreichischen Völker unsere Radicalen doch endlich überzeugen sollte daß der Mensch ein gcborner Spießbürger ist, so muß auf der andern Seite der Schärfcrblickcndc es mit Wehmuth anseheu wie man diese heilige Liebe der Völker durch zweckwidrige Maßregeln gewaltsam abtödtet und auf Kosten derselben Sünde auf Sünde häuft." 224) S. 354. Es gab solche die es sowohl den Wienern als den Vätern ihrer Stadt übel vermerkten daß ihnen an der ganzen Verfassungs-Urkunde nichts so gut gefallen habe als der Z. 3. „In Wien ist der Freihcitssinn noch ei» Wickelkind", meinte der 2 Korrespondent der Gr. Ztg. Nr. 7» vom I I. März S. 2. „Eigenes Wohl gilt dem Residenzler identisch mit Staatswohl, jeder hält seine eigene Existenz für den ersten Staatszweck. Armselige Menschheit, wie groß sind deine Wünsche, und wie klein dein Geist!" Noch eindringlicher ließ sich derselbe Berichterstatter zwei Tage später (Rr. 73 vom 14.) über diesen Punkt ans: „Nichts hat unserem Gcmeinderathe in der ganzen Urkunde so gut gefallen als daß Wien der Sitz der Ncichsgewalt bleibt, und warum? Weil dadurch der frühere Wohlstand wieder hergestellt wird! Der Kaiser scheint somit nur ein Mittel zur Hebung der pecuniärcn Interessen zu sein. Nicht der in ihm verkörperte Volkswille, sondern der glänzende Hofstaat, nicht des Regenten Geist und Gemüth, sondern die ihn umringenden pomphaften Aeußcrlichkeiten machen Franz Joseph's Anwesenheit in Wien so wünschcnswcrth. Kleinliches Volk, weil mit dem Kaiser des Adels Cossen in deine Mauern zurückkchren werden, deshalb hast du gejubclt" . . . Aber liegt es denn nicht in der Natur der Sache daß jeder Einzelne und jede Gemeinheit in erster Linie ihr eigenes Interesse, vorausgesetzt daß dasselbe mit dem allgemeinen nicht in Widerspruch steht, im Auge hält? Und wenn jeder Einzelne und jede Gemeinheit, oder doch die überwiegende Mehrheit derselben, sich befriedigt fühlen, liegt darin nicht die sicherste Bürgschaft für das Wohl und Gedeihen des Ganzen?! Anmerkungen. 515 225) S. 355. Der Civil- und Militair-Gouverneur hatte von jedem ausrückenden Bataillon ein Drittel in Bereitschaft in den Casernen, dann für Wach- und Patrouillen- Dienstc zurückbehalten. Es gab aber nirgends einen Anlaß zum Einschreiten, wenn man einen vereinzelten Zwischenfall ausnimmt, der in Kcil's „Leuchtthurm" S. 176 erzählt wird. Es sollen sich nämlich während der Begrüßungskanonade von den Bastionen im Stadtgraben nächst dem Burgthore einige Mistöne in jene „Jubelgrüße des freien Oesterreich" gemischt haben, indem ein Rudel von Straßcngesindel die Pausen von einem Schüße zum ander» benützte um der Wiener Bevölkerung „die lang nicht vernommene» Töne einer solennen Katzenmusik" in die Erinnerung zurückzurufen, bis eine Abthcilnng Militair herankam, vorder die primitiven Tonkünstler rcißaus nahmen. Sie versuchten an einem andern Punkte Stand zu fassen und ihre musikalische Production fortzusetzen; allein hier war bessere Fürsorge getroffen und ein paar der leichtfertigen Jungen wurden fcstgenommen. . . Es muß übrigens bemerkt werden daß der Berichterstatter das Ns Oenm in der Stephans-Kirche mit allem was daran hing irrthümlicherweise auf den 15. statt 11. März verlegt. 226) S. 355. O Wien 11. März A. A. Ztg. Nr. 73 vom 14. S. 1113 vergl. mit Wien 12. ebenda Nr. 75 vom 16. S. 1144: „Noch gestern bei der Parade hörte ich einen Trupp Arbeiter über die Verfassung reden, die wahrhaftig als Conservative vom reinsten Wasser sich äußerten." S. auch den anonymen Schmähbrief bei IVIckmann Lmollla Anhang S. 19 f.: „Endlich haben wir eine Constitution vom Kaiser selbst, nicht von den elenden Reichstag, in welchen auf der lingc» so schlechte Kerl sitzen", und in diesem Ton fort, wobei die Mitglieder der „lingen" wiederholt mit Namen angeführt werden. 227) S. 356. Ansprache des Militair- und Civil-Gouverneurs vom 27. März 1849. Der Fond wurde später nach seinem Stifter „Welden-Jnvalidenfond" genannt. Die Antwort Radeck/'s an den Wiener Gemcinderath datirte vom 30. Mürz 1849. — Der Wiener Gemeinderath war in dieser Zeit eifrigst bemüht sich von den Borwürfen denen er aus der Zeit der Wirrnis ausgesetzt war möglichst zu befreien. Im Morgenblatt des „Lloyd" vom 25. März Nr. 144 veröffentlichte „ein Mitglied des Gemeindcrathes" einen Artikel worin es die Haltung dieser Körperschaft namentlich i» den stürmischen October- Tagen in das glänzendste Licht zu setzen suchte. Indem der Verfasser zum Schlüße „alle gegen den Gemeinderath bis nun hie und da veröffentlichten Schmähungen als ganz unbegründet" erklärt, erbot er sich „jedem der ehrlich die Wahrheit sucht" die Beweise für alle seine Behauptungen zu liefern rc. Um selbe Zeit wurde auch „dein ehemaligen Bürgermeister v. Czapka, nachdem keine der gegen ihn erhobenen Beschuldigungen sich als gegründet erwiesen, die systemmüßige Pension mit 2500 fl. Conventions-Münze" zugesprochen. 228) S. 357. Manches verschuldete allerdings der Wein und besonders der berüchtigte „Heurige". In mehr als einer Verurthcilnug wurde dieser und jener „Buschenschank" in Hernals als Schauplatz des stattgefuudeuen Excesses erwähnt. Ein Privat-Beamter Franz Sohr (Szor?) aus Wie» meinte geradezu: „Beim Wein kann man reden was man will", was ihn aber von einen: achtmonatlichen Profoseu-Arrest in Eisen nicht rettete. Ein Goldarbeiter Aloys Leithe aus Wien ließ sich, weil er seine Reden in fast totaler Trunkcnheit ausgestoßen, kaum verurtheilen, wenn sich nicht in seiner Wohnung Waffen gesunden hätten und er also noch in einer zweiten Richtung schuldbar gewesen wäre rc. Ueberhaupt stieß man ab und zu noch immer auf Fälle von Waffenverheimlichung, wenn auch mehr Dummheit und Sorglosigkeit als böswillige Absicht die Schuld davon trugen. Weiden ließ in solchen Fällen Gnade für Recht ergehen, milderte die Strafe um ein erhebliches oder ließ sie wohl ganz nach. So fand eine visitirende Patrouille bei dein Pächter der Meierei zu Unter-Meidling Nr. 17 Friedrich Lengauer in einem Wandschrank eine türkische Flinte, drei Gewehrschlößcr und eine Doppelflinte, auf dem 33* 516 Anmerkungen. Heuboden unter Stroh einige Munition. Die standrechtliche Strafe war Tod durch den Strang, im ordentlichen kricgSrcchtlichen Verfahren wurde selbe auf ein Jahr Stockhaus-Arrest in Eisen gemildert; Weiden aber, mit Rücksicht ans den guten Leumund des Schuldigen bei welchem sich, in weiterer Rücksicht ans den verwahrlosten Zustand der Waffen, kein böser Wille bei Verheimlichung derselben voranSsetzcn ließ, sah von der Strafe vollständig ab und befahl die »»verweilte Freilassung des Geängsteten, II. März. Ein ähnlicher Fall hatte sich ein paar Tage vorher mit einem gewissen Joseph Nogendorfcr ereignet, der am 26. Februar nach dem Gesetze verurtheilt, aber am 2. März von Weiden vollständig begnadigt worden war. 229) S. 360. Etienne machte im „Leuchtthurm" Nr. 12 S. 176 seiner Entrüstung über die Vorgänge bei St. Stephan Luft: er habe es gesehen wie eine Anzahl Polizei-Mannschaft und eine Abtheilnng Grenadiere die Kirche besetzt und eine Anzahl junger Leute, deren Flor an den Hüten den Soldaten ein Dorn im Auge gewesen sei, verhaftet hätten; „und als ich ans der Kirche trat sah ich dieselbe von Soldaten umstellt, die Wiener ConstablerS auf empörende Art Frauen entfernen; hier eine Patrouille einen bleichen jungen Mann, dem der Schmerz im Gesichte geschrieben stand und der de» Arm in einer Schlinge trug, verhaften; dort eine Dame welche, in schwarzen Atlas gekleidet, einen Schleier über dem Antlitz, einen sie bruSquirendcn Officicr znrechtwieS ; da wieder eine Gruppe von Männern aus dem Volke die fluchend und die Fäuste ballend dem schändlichen Treiben znsahcn; dort eine Gruppe feister Bürger welche schadenfroh die ganze Gemeinheit ihres verworfenen Kncchtsinns zur Schau trugen und den Schergen der Gewalt znklatschten und ein Bravo über das andere znricsen". S. auch Ko lisch „Wiener Boten" 1849 II S. 394 Correspondenz aus Wie» vom 20. März. 230) S. 360. Im „Lloyd" Nr. >25 vom 14. März Abendausgabe rückte „ein gewesener Legionär im Namen Vieler" einen Artikel ein, worin er der ganzen Angelegenheit den unschuldigsten Charakter von der Welt gab und sich bitter über die Art und Weise der Unterdrückung einer blosen Seelenmesse beschwerte, „einer Weise die unsere Trauer zum Deckmantel eines Straßenscandals, die Seelenmesse, den Hingeschiedenen geweiht, zu einem Schauspiel macht um die Gemüther anfznrcgen; die unsere heiligsten Gefühle als Heuchelei brandmarkt". Sei es ehrenwerth „einer solchen stillen Feier, die nur sür den nächsten Kreis bestimmt war, an der die Angehörigen der Gefallenen in ihrer Trauer Autheil nahmen, die ungerechtesten Motive, einen entfernt liegenden Zweck unterzuschieben ? Ich frage, ob man die Zeichen der Trauer, wie sie allgemein üblich, gewöhnlich einzig und allein einer solchen Feier angemessen sind, als .Abzeichen' einer wühlerische» Partei, ob mau diejenigen die sich in der Kirche znm Gebete versammeln als eine ,nimmer ruhende übelgesinnte Faction' bezeichnen darf? Ich weise nur noch darauf hin, daß die Negierung und die Minister jetzt nicht am StaatSruder stünden wenn unsere Brüder am 13. März nicht gefallen wären, daß der jetzige Justizminister damals in unseren Reihen stand und einer seiner frühere» College», ei» Mitglied des vorigen Ministeriums, ein bei allen Parteien hochgeachteter Mann, sich an diesem .Putsche' mitbetheiligtc und unter uns in vorderster Reihe am Hochaltar den Beginn der Seelenmesse abwartete. . ." Wir verdanken es dieser vielleicht aufrichtig gemeinten Wehklage — die Rcdaction des „Lloyd" legte für die Ehrenhaftigkeit des Einsenders ihre Hand ins Feuer — daß von zwei verschiedenen offenbar sehr genau unterrichteten Seiten Entgegnungen über den wahren Sachverhalt erfolgten und zwar in demselben „Lloyd" Nr. 129 vom 19. Abendausgabe. Der eine war Augen- und Ohrenzcuge der Vorgänge in der Stephans-Kirche; der andere, „ein Freund der Wahrheit", scheint außerdem an zuständigem Orte über das was hinter Anmerkungen. 517 de» Coulissen vorgegangen war Erkundigungen cingeholt zu haben. Von letzterem erfahren wir unter anderem daß die erlegten 116 fl., „da das Requiem nicht abgchaltcn wurde", bei dem Kirchcnmeisteramle von St. Stephan dcponirt bleiben sollten „bis sich der rechtmäßige Eigenthümer darum meldet". Erstercr versichert von mehreren Seiten gehört zu haben „daß Sänger bestellt waren die beim I-ibsra ein Frcihcitö- licd absingcn sollten", und erwähnt, das Verbot der Abhaltung sei von der Stadthauptmannschaft ausgcgangen, da selbe Gewißheit erlangt habe das angeblich Wünschc'sche Requiem solle eine Traucrfeierlichkeit für die Gefallenen sei», „wozu man auch Sammlungen eingeleitct habe". Beide aber sprechen sich in der entschiedensten Weise gegen das gleisnerische Mäntelchen aus womit man eine unlautere Absicht überdecken wollte. „Wenn die Studenten", heißt es bei dem eine», „für ihre Brüder eine Messe haben wollten, warum sind sic nicht offen ausgetreten? Wozu solche Umtriebe? Uebcrhanpt, wie beklagen sich denn die Studenten daß man ihnen das Gebet verwehre, sie die de» ganzen vergangenen Sommer und Herbst hindurch beinahe an jedem Sonntage, der den Christen heilig sein soll, gerade zur Zeit des öffentlichen Gottesdienstes das arme Volk mit Musik ganz anders wohin als in die Kirche zum Gebet führten?" Der andere schickt die Betheuerung voraus daß er grundsätzlich gegen eine Todtenfcier für die März-Gefallenen nichts eiuzuwenden habe. „Wir freuen uns einer constitutionalcu Regierungsform theilhaftig geworden zu sein, und es wird niemand behaupten daß wir mit Metternich und ohne die Märzcreignisse des vorigen Jahres uns derselben erfreuen würden; es ist daher auch recht und billig für jene zu beten welche in Folge jener Ereignisse das Leben verloren haben. Dessenungeachtet muß ich der Ansicht des Herrn Legionärs widersprechen und behaupte», daß jene angeblich .heiligsten Gefühle', sowie sie sich am 13. d. M. zeigten, keineswegs diesen Namen verdienen. Was ,heilig* sein soll, das muß auf Wahrheit und nicht auf Lüge begründet sein. Zum Schlüße möchte ich den Herrn Legionär ersuchen sich nicht zu sehr über .Schmähungen', .Verdächtigungen', .Beschuldigungen' zu beklagen; denn wenn Tausende von Bürgern an den Bettelstab gekommen sind, wenn fast ganze Vorstädte in Schutt und Asche verwandelt wurden, wenn das Blut der von der Gerechtigkeit ereilten Opfer der Verführung noch im Stadtgraben raucht — so ist ei» Glied jener Körperschaft, welche bei den meiste» Gesetzlosigkeiten an der Spitze stand und so unsägliches Unheil über Wie» brachte, nicht berechtigt sich über eine Sprache .der Gehässigkeit' zu beklagen, er kann höchstens das bittere beklagen das in der Wahrheit liegt". 231) S. 360. Man erzählte sich in Wien, Melde» habe auf die Meldung daß man in einigen Vorstädten beleuchten wolle erwidert: „er wolle das nicht hindern, werde es aber auch nicht abwehrcn wenn die Gutgesinnten die beleuchteten Fenster mit Steinen einwersen wollten". Das klingt sehr unwahrscheinlich. 232) S. 361. So von Bruck a. d. Mur 12., Katholiken-Verein in Linz 11., RuppertSthnl V. U. M. B. 15., Guglbcrg in Ober-Oesterreich 19. März, die Bauer» des Marchfeldes von Groißenbrunn Engelhartstetten Stopfenreut LoimerSdors Wagram Orth Markgraf-Neusiedl rc. rc. (diese insbesondere für das Nobotnblösu»gs-Pa- tent); Effcrding 25. März („Was Ferdinand der Gütige verhieß, Franz Joseph der Kräftige hat cS erfüllt") ... Zn den in dieser Richtung unverdächtigsten Zeugen gehören doch ohne Frage die Reichstagsflüchtigen. Kudlich III S. 211 erzählt von seinem Aufenthalte in Kleinster, daß ihm „beim Heraustritt aus dem Reichstag aus einer Gruppe hanakischer Bauern nicht bloS die Faust sondern auch die Zunge gezeigt wurde". Und dann III S. 253—255 von seiner Flucht mit Violand: im Gasthause „zur Post" in Hof nahe der mährisch-schlesischen Gränze Hütten „Honoratioren" 518 Anmerkungen. des Ortes über Rieger losgezogen, der sich zu Anfang des Kreinsierer Reichstages so gut gehalten habe und dann unter die Radicalen gegangen sei, über Schuselka und die Linke „die uns lieber heute als morgen an Frankfurt verkaufen möchten" ; die ärgsten aber seien Füster Goldmark Violand. „Ja ja", riefen alle im Chorus, „weuu's die aufhangen da wird wohl niemand sich beschweren, die haben de» Latour auf'n Gewissen ..." Aehnliche Bekenntnisse bei Füster z. B. II S. 271 s. von der Poststation Barn: „Ein betrunkener Förster schimpfte nach Herzenslust über den Reichstag." Vergl. meinen Bd. III Anm. >so über die Flucht Gritzner'ö im November 1848. 233) S. 362. Der Erlaß der akademischen Behörde, unterzeichnet von Prof, üur. st ?üil. vr. Karl von Appeltauer datirte vom 12.; s. „Leuchtthurm" Nr. 12 S. 178. S. auch (Prager) „Wage" Nr. 35 vom 23. März S. 148 »ach dem Grätzer „Herold", wo es heißt: „Sonderbarerweise compromittirteu sich die Hörer der Rechte, sonst der intelligenteste Theil der Studentenschaft, am meisten bei diesen Vorgängen, während die Candidaten der Chirurgie, welche sich bekanntlich in Wien nicht den besten Ruf erwarben, dagegen protcstirten. Auch die Techniker des letzten Jahrgangs haben sich tadelnd gegen das Vorhaben ausgesprochen." — Von Seite der Gr. Ztg. Nr. 74 war es ein glücklicher Gedanke, am Jahrestage der ersten Constitutions-Verheißung in grüner Randvcrzieruug eine dankende Erinnerung an Ferdinand den Gütigen zu bringen, welcher als Motto die Worte Klopstock's vorgesctzt war: Vieles sah ich. Ich weiß was schön und groß ist in dem Leben. Allein das ist das höchste, was des Sterblichen Auge sehen kann: Ein König der Glückliche macht. 234) S. 364. Acten des Ministeriums des Innern. Am 31. März schrieb Stadion an Gotuchowski zurück: er sei rücksichtlich der Sicherheit Leinbergs „vollkommen beruhigt; denn auf Ihre Entschlossenheit und Energie vertrauend bin ich überzeugt daß es Ihnen auch mit wenigen Mitteln gelingen werde dieNuhe in der Hauptstadt zu erhalten". 235) S. 364. Kundmachung des k. k. Militair-Stadtcommando zu Lemberg vom 13. März. Zwei Tage später überreichten Graf Kasimir Wodzicki und Großhändler Kirchmaher aus Krakau dem Grafen Stadion eine Bittschrift der in Krakau weilenden Emigranten um ferneren Aufenthalt in dieser Stadt. Der ministeriale Bescheid hierauf lautete: „Ich mache Ihnen bekannt daß dem Krakauer Gubernial- Präsidinm schon früher aufgegeben wurde, den durch Alter oder Krankheit zur weitern Reise unfähigen Personen den Aufenthalt in Krakau in so lang zu gestatten als sie sich tadellos betragen würden. Mit Rücksicht auf Ihre Bitte erlaube ich den Emigranten auch außerhalb Galizien und Krakau in dem österreichischen Kaiserstaatc zu wohnen, wenn sie als Bürgschaft ihres guten Benehmens eine Cantion von 1000 fl. Conv.-M. erlegen. Diese Caution, die entweder baar oder in Papieren erlegt werden kann, soll aber verfallen, wenn sich die betreffenden Personen einer wie immer gearteten politischen Agitation schuldig machen." 236) S. 366. Schrieb doch Wessenberg schon am 21. Januar an Jsfordink (I S. 10): „Die öechen treten wieder etwas selbständig auf, sie werden die Theilung Böhmens in drei große Bezirke nicht zngeben." 237) S. 369. Die Stimmung in Prag am 8. März charakterisirte das „Const. Bl. a. B." wie folgt: „Die große Mehrzahl der Bewohner Prags gerieth bei der ersten Nachricht von der Katastrophe in große Bestürzung, die ganze schwereWucht des Ereignisses betäubte die Gemüther zu sehr als daß Hoffnung oder Furcht, Beifall oder Tadel hätte Anmerkungen. M9 laut werden können. Erst als man ruhiger wurde trat die Verschiedenheit der Urtheilc je nach der verschiedenen Anschauungsweise hervor. Von den extremen Parteien, deren eine, um nicht illoyal zu scheinen, mit allein zufrieden ist was ,von oben' kommt, während die andere von dem ,gnädigst Verliehenen' nichts wissen will, schweigen wir. Die Mittel- Partei, die Männer des kalten Verstandes nahmen die Urkunde zur Hand, und, nachdem sie selbe sorgsam durchgegangen, schüttelten sie bedenklich den Kopf und sahen ein daß mir nun nicht eben weiter stünden als am 24. April des vorigen Jahres. Wir haben nun wohl einen festen Boden, wir haben eine Verfassung auf der wir fortbauen können, aber die Verfassung enthält so viele Bestimmungen die den Volkswünschen und den Bedürfnissen der Zeit zu nahe treten, ist in manchen Punkten so unklar und zweifelhaft, daß unmöglich das behagliche Gefühl der vollen Befriedigung in der Brust Platz finden kann." AehulicheS ließ sich die Deutsche Mg. Zlg. Beil, zu dir. 71 vom 12. S. 774 aus Prag 9. März berichten: „Die Anzahl der durch die Verfassung Befriedigten ist hier sehr gering; mit Ausnahme der Aristokratie und der Handclswclt, wo die günstige Notirung der Curse an der Wiener Börse sowie die Eröffnung eines größeren Marktes für den Handel günstig wirkt, sieht man meist düstere unzufriedene Mienen. Am meisten bestürzt sind die öcchcn deren Plane durch die Verfassung gänzlich vernichtet sind." Dagegen meinte der -s--Correspondeut des „Lloyd" Nr. 120 vom 11. März, „daß die neue Verfassung sich im allgemeinen einer günstigen Stimmung erfreut, jene Partei ausgenommen die gern von Prag aus ganz Mittel-Europa und den Osten beherrschen möchte". In gleichem Sinne hieß es ebenda Nr. 130 vom 17. Prag 15. März: „Die hiesigen Blätter mögen immerhin sagen, das Volk ist mit der Verfassung nicht zufrieden, oder es gibt Unruhe» im Lande, glauben Sie es nicht. Im Gegentheil; ich sprach seitdem Leute aus allen Theilen der Provinz, überall hat das Ereignis den freudigsten Eindruck gemacht, außer bei denen welchen dadurch ein Strich durch ihre Rechnung gemacht worden ist. Das Ministerium soll nur muthig und kräftig fortschreiten, und alles wird gut werden; denn jeder der es aufrichtig meint wird es unterstützen, weil cs Gesetz und Ordnung will. Alle öechcn werden sich freilich ärgern, wenn alles ruhig bleibt." 238) S. 370. Ein Artikel der „Wage" 1849 Nr. 31 vom 12. März S. 245 gab folgenden Stimmungsbericht: „Der größte Theil der intelligenten Bevölkerung, der keinen schwebenden sondern einen festen Boden will, begrüßt die neue Wendung mit voller stiller Zufriedenheit... und soviel ist gewiß daß, wenn nur alle jene, die nach der langen gefahrvollen Fahrt auf dein sturmbcwcgten klippeuvollen Meere unserer nationalen politischen und socialen Zustände mit sehnsüchtiger Freude hoffnnngsgrüncs Land sehen, illuminiren würden, es wenig Häuser in Prag gäbe in denen nicht beleuchtete Fenster wäre». Indessen noch gibt es einen Terrorismus, wenn auch nur den moralischen der Scheu und Rücksicht — und somit bleiben die Fenster finster. Aber viele Angen leuchten, viele Herzen glühen — und das sind die glänzendsten Illuminationen!" Im geradezu entgegengesetzten Sinne faßte Karl Havllöok die öffentliche Stimmung auf: „In Prag hat man nirgends etwas anderes als unzufriedene Mienen gesehen, und wer sich über die Octroyirnng freute der würde sich uoch mehr gefreut haben wenn die ganze Verfassung aufgehoben worden wäre. Und wer hat sich denn in Wien gefreut?! Jener Theil der Bevölkerung die bei den Orgien des alten Absolutismus dick und fett geworden sind, die für die ägyptischen Töpfe des altaristokratischen Gewinnes Ehre und Freiheit zu verkaufen im Stande wären, die an dem Fett und Mark des ganzen Reiches gezehrt haben. Aber wenn die sich freuen seufzen die Völker, und wenn sich die österreichischen Völker einmal freuen werden jene heulen und wehklagen." blür. vlov. passim. 520 Anmerkung«!. 239) S. 371. „Slav. C.-Bl." Ätr. 72 Neun 13. März S. 287 f.: Die „arme Schuljugend hatte man i» die Bänke gestopft, damit sie Antheil nähmen an der großen Aussaat für die Zukunft; vielleicht wird diese Jugend dereinst eine andere Constitutions-Feier erleben." Der Artikel, der mit den Worten beginnt: ,,Wir sind seit einer Woche constitutionelle Staatsbürger", zieht einen Vergleich zwischen dem 11. März 1848 und dem 4. Marz 1849 : „Es war am 11. März 1848 als ein Theil der Prager- Bürgerschaft hinging, zwischen den mit geladenen Gewehren erfüllten Casernenhöfe», nach dem St. Wenzels-Bad, um an die Dynastie, der Böhmens Volk seit vollen zwei Jahrhunderten die reinsten und tiefsten KnechteSdicnste geleistet, die Bitte zu richten: Dürfen mir ein freies Volk sein?" ... Es erfolgte der constitnircnde Reichstag, der „rasch" — ?! — an seine Arbeit ging den neuen Bau zu vollenden. „Von Tag zu Tag wuchsen die Mauern empor, ein fester Grund aus Quadersteinen stieg auf, die schlanken Säulen wuchsen in die Höhe und die ersten Bogenfenster zeigten sich durch welche das Licht der Freiheit einfallen sollte . . . Und schon versammelt sich das Volk um in den geräumigen Hallen zu wandeln und jedes sein Plätzchen zu suchen, als ein neuer März kam, nicht der alte, ja veraltete März: als man nnerwartet das Volk hinanStrieb mit Söldnerfanst aus dem heiligen Tempel und es in die Ruine cincr altc» Zwingburg jagte, deren Zugbrücken man »iedergcsenkt, aber nicht um den lieben Tag der Freiheit hincinznlasscn, nicht um dem Volke den Zugang zu eröffnen." 240) S. 372. Prager Abendblatt Nr. 73 vom 14. März S. 347: „Manchcr Spießbürgcr, mancher Schwarzseher, so mancher Dennnciant wird jetzt freier athmcn daß cs mit der .fortgesetzten Svornost', wie sie die Llpa nannten, ein Ende habe. Blau hat vergessen was sie in den Tagen ihres Bestandes gewirkt, was sie für die Volksaufklärung gethan ; man hat vergessen daß sie es vorzugsweise war welche die Slo- vakcn und Kroaten gegen die Kossuth'sche Partei, gegen den Uebermuth der Magyaren unterstützte" rc. . . . Dasselbe Blatt brachte einen Leit-Artikel aus der Feder des verantwortlichen Redacteurs Guido Polz: „Interpellation an die Herzen der Gewaltigen", der mit denWorten schloß: „GebtAmnestie, und heiligtso den März, dcnMärz der Völker !" 241) S. 373. Freund Ricger hat mir auf meine briefliche Anfrage mitgctheilt: „Ich hatte damals das erste Stockwerk eines kleinen Hanfes inne, das am Kohlmarkt liegt und mit noch einem zweiten Hause zurücksteht, während alle andern Häuser dieser Seite in eine Flucht vorgerückt sind und eine gemeinsame Fayadc haben. Das Hans ist so ziemlich vis-n-vis von den ,fiinf Kronen' (wo Scnncfeldcr geboren wurde), gehörte damals einem Franzosen Driancourt, gewesenen Koch des Fürsten Rohan, und befand sich im Erdgcschoßc desselben eine Porcellain-Handlung der Familie StraLiripka (wenn ich nicht irre, Angehörige des Malers Canon)." 242) S. 374. Prager Abendblatt Nr. 73 vom 14. S. 346 f. von M. T . . . (Marens Teller?) und „Slnv. C.-Bl." Nr. 74 vom 15. S. 294: „Der erste Schmerz ist nun ausgeweint. Prag hat durch sein Verhalte» am gestrigen (13.) und mehr noch durch das am heutigen (14.) Tage bewiese», daß cs von liberalen Formeln und von Zusicherung freundlicher Gesinnung sich nicht täuschen läßt." 243) S. 376. Briefliche Mittheilnng Rieger's. Unter den Unterschriften scheinen sich auch einige zu befinden deren Anfzeichner bei der Abfassung und Unnahme in Kremsier nicht anwesend waren, die aber nachträglich ihre Zustimmung gaben. Letzteres mochte bei Palack/ der Fall gewesen sei», obwohl mir Rieger schreibt es sei ihm „nicht erinnerlich daß Palack/ zu der Zeit nicht in Kremsier gewesen wäre; ich glaube vielmehr daß er da war". Meine gegcntheilige Ansicht gründet sich auf die Angabe einiger Blätter die ihn als vor dem 7. von Kremsier abgereist nennen. Anderseits Anmerkungen. 521 wurde er, so viel ich wahrgenomme», unter den per Eisenbahn nach dein 7. in Prag angcrommcne» Abgeordneten nicht genannt. Die Unterschriften waren, und zwar in jener Ordnung wie sic sich in den ,,Slav. C.-Bl." Nr. 75 vom 16. S. 298 abgedruckt finden: Hornbostel (Neichcnbcrg), Rieger (Eisenbrod), Stradal (Licbcnan), Schmitt (Wien, Landstraße), Havelka (öaslau), Albert Dcym (Neu-BydLov), Jonäk (Brandeis a. d. E.), Halter (Salzburg Stadt), Pinkas (Prag III), Palack/ (Prag II), Szübel (Olmüz), Pfrctschner (Hopsgartcn), Mathis (Hermagor), Rosypal (Winterbcrg), Wiser (Linz), Strobach (Prag I), Klaubt) (Kuttenberg), Pillersdorfs (Bruck a. d. L.), Skoda (Pilsen), Anton Kuöera (Pribrain), Koubck (Pisck), Flora (NauderS), Cernc (Mon- faleone), Franz Havlköek (Neugedein), PraLLk (Uug.-Hradisch), Bräzdil (Holleschau), Ohäral (Kremsicr), RcymerShofer (Wisowitz), Joseph Kuecra (Groß-Nkescritsch), Kovür (Gurein), Honig (Aussce in Mähren), Pavck (LandSkron), Sediv/ (Iliean), Wocel (Polieka), folglich aus Böhmen 18, Mähren 7, Nicder-Oesterrcich 2, Obcr-Oestcrrcich und Salzburg 3, Jllhrieu 2, Throl 2. 244) S. 377. Es sei gestattet »och einige Stellen aus diesem sarkastischen Artikel Nr. 136 vom 21. Morg.-Ansg. zu bringen. ,,Eiu flüchtiger Blick auf die Unterschriften genügt, um uns die trostreiche Lehre zu bringen wie, was das Lebe» nicht konnte, der große Vereinbarer Tod vermag, er bringt nämlich viele Köpfe unter einen Hut und tilgt die Verschiedenheit des Charakters, der Gesinnung, der Person — wie Gummielasticum jede Bleistiftschrift. Im Frieden ruhen nun neben einander die Namen jener, die nicht immer friedlich, und manchmal z. B. im October v. I. gar nicht nebeneinander saßen; der ehemalige Minister der Krone, der .ehrliche' Hornbostel, so wie die Krone der ehemaligen Minister der Freiherr von Pillersdorfs, erscheinen neben den Helden der Prager Pfingstwoche, neben dem feurigen Adolf Pinkas und neben vr. Rieger, dem die Krone nur eine Haudvoll Gold mit Edelsteinen besetzt ist; der schönste Manu des Reichstages vr. Klaudy neben dein Or. Eberhard Jonak u. dgl. Nächst dem Vcrsöhuungsbringcr Tod hat wohl der vorsichtige und gegen den Reichstag auch sehr nachsichtige Verfasser des Actcnstückes das größte Verdienst an dieser Vermischung, die mau mit einem Ausdrucke des römischen Rechtes 6o»ku»lo nennen dürfte, da die betreffenden Herren wohl nicht zu den trockenen Gegenständen gezählt werde» wolle». (Die Vermischung flüssiger Gegenstände heißt eonknsio, im Gegensätze zur Vermengung trockener Dinge die oommixtlo genannt wird.) .. . Der Reichstag, der erst im Kremsiercr Schnee seine Geschäftsordnung glücklich zu Ende führte an welcher er seit seinem Geburtstage im grünen Sommer zu Wien thätigst gearbeitet; der Reichstag, der in mehr als zwei Monaten beschaulichen Lebens im frommen Kremsicr, unter beispiellosem theoretischen Niugclrenueu und Nicdersäbeln vieler Türkcn- köpfe von Pappe erst die Hälfte seiner .Grundrechte' zum Beschlüsse gebracht — hatte, wie wir nun glaube» sollen, das Verfassungöwerk dem Abschlüsse beinahe zugeführt, den schwierigeren (?) Weg bereits zurückgelcgt, weil — weil der .Entwurf' der Vcr- fassuug, nach mauchc Wiederholungen in viel größerem und langwierigerem Maßstabe besorge» lassenden Ajnxkämpfcn, vollendet war; das erinnert wahrhaftig zu sehr au das bekannte: .Und hast Du es »nr erst zum Corporal gebracht, so bist Du auf der Stufe zur höchsten Macht.'... Wir können schließlich nicht umhin zu bemerken, wie sonderbar cs sei, daß vorzugsweise Mitglieder des Reichstages selbst, wie der rosenfarbenc Geist in der alten Zaubcrposse, als Hauptbewuudercr und Hauplcidtragcndc bei dem Leichenbegängnis des grüßen Todtcn einhcrschrcitc», des Todte», welchen manches außer dem Kampfe unserer Parteien stehende bedeutende Organ der ausländischen Presse wie z. B. die Jnde- pendancc belge, die Times ein Lied nachgesuugen, das den Stolz eines jeden Ocsterreichcrs 522 Anmerkungen. verletzen muß und zur Lehre für die Zukunft dienen möge. Unser letztes aufrichtig gemeintes Wort in dieser traurigen Angelegenheit bleibt aber: Laßt die Todten ruhen." 245) S. 377. Abgedruckt „Slav. C.-Bl." Nr. 84 vom 25. März S. 333—338. ES fehlten dabei mehrere der unter dem ersten Manifest befindlichen Name», darunter Strobach, Havelka, Franz Havliäck; dafür erschienen eine Anzahl neuer: Karl Hav- Mck (gnonäam Humpolcc), Trojan (Welwarn), Johann Neuberg (Beraun), Hauschild (Hohenmauth), Tomek (Opoöuo), Zembera (Pilgram), Johann Svatopluk Prcsl (Neu-Kniu); im Ganzen 27. Besprechungen des Schriftstückes, und zwar durchaus abfällige, brachten die Wiener „Presse" Nr. 75 vom 29., der „Lloyd" Nr. 153 Abcnd- Ausg. vom 30. März u. a. 246) S. 378. Wessenberg an Jsfordink I S. 22: „Ich weiß wohl daß es schwer ist gehörige Förmlichkeiten für einen aonp ä'Ltat vorzuschreiben. Ich glaube aber, ich würde in diesem Falle offener zu Werke gegangen sein, ä tont risgus. Die gewählte Form, gut für Napoleon au 18 brumairo, verrieth Furcht." 247) S. 378. „An das Ministerium Stadion-Schwarzenberg über die neue Verfassung, Fischhof's und Prato's Verhaftung"; Grcnzbvtcu 1840 I S. 454—456: „Ein großer Sinn, ein weises Urthcil hätte das unabänderliche schonend und versöhnlich, wenigstens gerade und ehrlich gethan. Sie aber, Exccllcnzc», benahmen sich wie Meister Kluck oder Stoffel, wie ein hasenherziger Ränkeschmied oder Processirer, der seinem Nachbarn den Gerichtsdiener ins Haus schickt und sich dann versteckt um die Scene» nicht zu erleben die er herbeigeführt hat." 248) S. 378. Die Person des Kaisers suchten sowohl Havllöek als Jordan überall herauszuhaltcn, allein sie thaten es in einer Weise die der Form und dem Wortlaute nach nur daraus bedacht war den Behörden jeden Anhaltspunkt zu strafgcrichtlichcm Einschreiten zu entziehen. „Mr. dlov." Nr. 61 vom 13.: „Die Unverantwortlichkeit des Monarchen ist der erste Grundsatz jeder constitntionellen Verfassung, und wenn auch das nicht wäre, würde jedermann cinsehen daß man dem gegenwärtigen jungen Kaiser keine Schuld an diesem Ereignisse beimesscn kann." In einer Olmüzer Cor- respondcnz der „Slav. C.-Bl." Nr. 76 vom 17. März S. 303 f. heißt es: „Mit wahrer Wehmuth blickt man in das freie hoffnungsreiche Antlitz des jungen Kaisers, wenn man bedenkt wie es bereits so weit gekommen ist daß die amtlichen Organe denselben vertheidigen müßen von der Zumuthung eines gebrochenen Wortes! Unwillkürlich fragt mau: Wie ist es möglich daß solch junges Herz nur an diese That gedacht!" 249) S. 383. „Wiener Boten" I S. 357—363: „Die freie Presse und das freie Associations-Recht in Oesterreich"; „Lcuchtthurm" Nr. 12 S. 175—177 „Wien 18. März" und Nr. 13 S. 203—206 „Aus Wien" I(ohne Datum). Namentlich die Correspondenz vom 18. ist ein wuthschnaubender Artikel, in welchem es u. a. heißt, Bach sei der Grafeutitel angctragen worden, den er aber nicht angenommen habe; er stehe „im innigsten Verkehr mit der Erzherzogin Sophie", was mit einigen der gemeinsten Anzüglichkeiten ansgesponnen wird. In dem früher angcsührtcn Aussatz über die „Sprengung des Reichstages" heißt das Ministerium S. 179 „die Kanzlei des Fürsten Windisch-Grätz". Dann S. 180: „Windisch-Grätz war bei KLpolna von den Magyaren zum Rückzug gezwungen worden und tyrannisirte das Ministerium mehr als je. Unter solchen Umständen beschloß die Regierung, um ihre Schwäche zu verbergen, einen gewaltigen Schlag auszuführen und den Reichstag aufzulösen" u. dgl. m. 250) S. 385. Das Gerücht von jenem Zerwürfnis war zuerst in einer Correspou- denz der D. Ztg. a. B. ausgetaucht und u. a. in der A. A. Ztg. Nr. 56 v. 25. Februar- wiederholt worden, wo es dem Banns in die Augen fiel; seine „Erklärung" datirt Anmerkungen. 523 von Pest 2. März, erschien in der Wr. Ztg. Nr. 57 vom 8. S. 674 s. oben S. 213 f. und ist von da in fast alle österreichische» Zeitungen übergcgangcn . . . Betreffend die damalige Stimmung der Süd-Slave» über Jelaöiü und Rajaoiä s. eine Mitroviccr Corrcspondenz vom 1. März i» der Agramer Südsl. Ztg.: dem Mitroviccr Brigadier sei eine Staffele zugckommeu, mittelst welcher der Bau den Patriarchen ersucht in der serbischen Militair-Gränze die deutsche Sprache wieder einzusühren; der Banns, fügte der Berichterstatter bei, müße in höherem Aufträge so handeln, aber der Patriarch werde hoffentlich nicht Folge leisten: „Die erste Folge davon wäre daß die Grüuzcr des serbischen Armee-Corps nach Hause gehen und die kaiserlichen Truppen sitzen lassen würde»; von anderem was geschehen könnte wollen wir gar nicht reden." — Hieher gehört auch eine Acnßernng der „Slav. C.-Bl." dir. 78 S. 311: „Die Generale Jc- laoiü Weiden und Pnchucr sind zu Feldzeugmeistern ernannt worden. Abermals eine eigenthnmlichc Zusammenstellung Jelaöiö' mit andern Generalen!" 251) S. 387. Bgl. Springer II S. 684 f.: „Daß auch im Wesen und in der Sache Oesterreich von nun an nur eine» einzigen politischen Mittelpunkt in Wien haben werde bewies die ausgedehnte Macht welche das Reichs-Ministerium gewann . . . Alle Erfindungen der Particularisten und Föderalisten, dem Bolkshause in einem Staatcnhause ein Gegengewicht zu schaffen, in der Bildung wenigstens der ober» Kammer die Rechte der einzelnen Provinzen und Rationalitäten zu wahren waren beseitigt, wie in dem strengsten Einheitsstaate Land und Volk nivellirt. . ." Slav. C.-Bl. Nr. 70 vom 11. März S. 279: „Der Pole, der Italiener, der Deutsche, der Maghar solle» als selbständige Nationen berücksichtigt werden, nur der Böhme soll als Deutscher Landsknecht' zufrieden damit sein daß man ihn mit dem Worte Gleichberechtigung abtrumpst. Hättet ihr Weltbeglücker Böhmens Kronländer freigcgeben, das seit Ferdinand II. bestehende Unrecht gut gemacht, euere Freiheit wie die unsere stünde jetzt anders, die Föderation wäre Wahrheit. Oesterreichs Fortbestand als europäisches Bedürfnis würde hiedurch keinen Eintrag erlitten haben, euer Deutschland wäre um kein Land ärmer — denn Böhmen gehörte nie dahin! — aber ihr wäret um ein Bollwerk reicher geworden und unserer Gesammt-Monarchic hätte man keine rothe» Krebse aufgetischt" (womit ohne Zweifel die alten Landstände in ihren rothe» Uniformen gemeint waren) . . . klär, ldlov. Nr. 63 vom 15. S- 250 2 Rreneansllö stoliei: „Wir erwarteten eine föderative Gestaltung des Reiches, selbständige Einrichtung der verschiedene» Nationalitäten mit einem gemeinsamen Ministerium, gemeinsamen Reichstage, wir erwarteten Gleichberechtigung in Ungarn und daher Befreiung der Slovakcn von dem Joche der Magyaren, Trennung von Ungarn und Einsetzung eines slovakischen Rathcs . . ." Slav. C.-Bl. Nr. 79 vom 20. S. 315 f. Laibach 16. März: „Also kein Slovcnien mehr, sondern wieder Kram!" Vorhin seien die Slovenen unter drei Gubernicn ver- theilt gewesen, jetzt würden sie es unter vier sein. Also darum hätten die slovenischen Regimenter Hohenlohe Kinsk/ Prinz Leopold, zum Theil Prochazka, das 9. Jäger- Bataillon, die Boyenburg-Dragoner auf den Schlachtfeldern Italiens geblutet?! Als von Grätz ans der Ausruf an die slovenischen Steyrer gekommen den Wienern bewaffnete Hilfe zu bringen, hätten diese sich der Aufforderung widersetzt, und dafür nun sei dies der Dank?! rc. Die Agramer Ztg. vom 26. März fand die Ursache der Unzufriedenheit mit der Verfassung in der dadurch „ausgesprochenen Zersplitterung des Süd-Slaventhnms in einzelne Kronländer. Die Süd-Slaven hofften die Größe und Zukunft Oesterreichs werde auf die Einheit des Süd-Slaventhnms gebaut werden, und nun gewahren sie die Vertheilung ihrer Nationalität auf folgende Kronländer: Steiermark Kärnten Kram Görz Gradisca Istrien Triest Dalmatien Kroatien und 524 Anmerkungen. Slavonicn mit dein kroatischen Küstenland und Fiume, Ungarn mit der Mnr-Jnsel und der Woiwodschaft, die Militair-Gränzgebiete". Andere süd-slavischc Stimmen ans dein „Vjestnik", aus dem „Napredak" s. Kappe r's Serbische Bewegung S. 259—263. 252) S. 388. Die süd-slavischcn Blätter äußerten ein besonderes Misfallcn über die Bcthcilignng Knlmer's an dem Werke der Octroyirnng. So schrieb der „81a- venski ÜNA- 10. März: „Wie hat Baron Kulmer als Kroat seinen Name» unter eine Urkunde setzen können deren Geltung auch bei uns anerkannt werden soll die wir um serc besondere Verfassung bereits haben? eine Urkunde welche die Militair-Gränze von uns trennt und sie schwereren Fesseln überantwortet als sie bisher hatte tragen inüßen? eine Urkunde durch welche unser Selbstgcsctzgcbnngsrccht, unsere Einrichtungen über den Hansen geworfen werden, der Banalrath aufgehoben wird?! . . ." Im „Vjestnik" vom 10./22. März, dem Organe des Patriarchen, war zu lesen: „Uns erwartet das Loos der französischen Departements, unser Leben wird fortan nicht mehr in unserer Heimat, es wird in Wien sein! Wie wir uns bis jetzt gegen die Magyarisirnng zu wehren hatten, so werde» wir uns jetzt gegen die Verdeutschung wehre» müßcn! Und diese auf die Vernichtung unserer Autonomie, unserer nationalen Einheit, unseres selbständige» Daseins abzielonde Charte hat ein Kroat, den die Nation erwählte daß er ihre Rechte dem Kaiser gegenüber vertrete, mit unterschrieben!" 253) S. 390. Ein Artikel der D. Ztg. a. B. v. 13. März gab diesem Gedanken Ausdruck und rückte dabei den slavischen Landsleuten vor, sie allein seien Schuld daß es so weit gekommen, weil sie in ihrer Kleinherzigkeit und Scheelsucht nicht längst cin- schcn wollen daß nur Deutschland und Italien die beiden Kernpunkte seien, um die sich das moderne Europa und besonders das Slaventhnm um seiner Sclbsterhaltung willen krystallisiren müße ... Es sei doch eigenthümlich, meinten dagegen „Sl. C.-Bl." Nr. 73 vom 14. März S. 291, daß „jedesmal wo irgend ein großes politisches Ereignis beide Nationalitäten zu gemeinsamem Handeln aufforderte", die D. Ztg. a. B. „ans Ungeschick oder absichtlich ... die alten FansaronadeN von deutscher Superiorität" angestimmt und dadurch alles wieder verdorben habe. Was übrigens die Beschickung Franksnrts betreffe „so können wir der D- Ztg. jetzt nur so viel versichern daß keiner unserer Depntirten zum Besten des Deutschthums in die Panlskirche gehen wird". 254) S. 390. Als am 8. März zu Mirna (Llsrna) in Unter-Krain eine Wahl für die deutsche National-Versammlung stattfinden sollte, legten die Wahlmänner im Namen von 10.463 Einwohnern schriftliche Verwahrung ein, da es wohl hinreichend bekannt sei „daß wir gegen die Frankfurter Wahlen waren und sind"; „Sl. C.-Bl." Nr. 79 vom 20. März S. 314. 255) S. 392. Jürgens HI S. 176—181. Aus dem Erzählten widerlegt sich voll selbst — was überdies Hermann offen für eine Lüge erklärt hat — als ob „die Abgesandten einer angesehenen Gruppe der deutschen National-Versammlung in Olmüz und Wien geringschätzig behandelt worden" wären. Nach Olmüz sind sie, obwohl sie dazu von den Ministern anfgemuntert worden, gar nicht gegangen. 256) S. 393. Von den Frankfurter Blättern brachte die „Central-Correspondenz" vom 11. zuerst eine kurze Mittheilung; am Tage darauf die Ztg. des Reichs-Ministeriums den Text der Verfassungsurknndc nach Wiener Blättern; am 13. dasselbe die Franks. Ztg. Eine Frankfurter Correspondcnz D vom 1l. A. A. Ztg. Nr. 74 vom 15. März S. 1126 f. widmete der ans Berliner Blättern entnommenen Nachricht vom Kremsierer Ereignis eine eingehende und ruhig gehaltene Erörterung: „Gedenkt das Cabinct von Olmüz auf die Ideen des Programms von Kremsier znrückzukommen, so daß man auch in Frankfurt die Verfassung zu vollenden und erst dann zwischen Deutsch- Anmerkungen. 525 land und Oesterreich zu verhandeln hätte? Oder ist seine Meinung die engere Verbindung mit Deutschland, seinen Antheil an der Leitung der deutschen Angelegenheiten anfzngeben? Das letztere erscheint noch unwahrscheinlicher als das erstere." Es sei möglich sich über Modifikationen einerseits des Frankfurter Verfassungswerkes anderseits der neue» österreichischen Verfassung zu verständigen; vielleicht könnten die Pro- Vinzial-Landtage die ja vor dem Reichstage eiuzuberufcn seien, auf die Regierung im Sinne einer enger» Verbindung mit Deutschland einwirken. „Eine völkerrechtliche günstige, mehr oder minder innige Verbindung zu schließen bleibt noch immer übrig." Aber darum müßc Frankfurt suchen mit seiner Arbeit so rasch als möglich fertig z» werde». Man möge in der Oberhauptfrage die Wünsche der größere» Staaten beachten; sür die Errichtung eines BundeSrathes sei allseitigstc Zustimmung zu hoffen, so daß cs selbst Oesterreich schwer fallen möchte Einsprache dagegen zu erheben: „cs ist hoffentlich noch Zeit zum Bundesstaat mit ermäßiglcu unitarischen Bestimmungen zu gelangen." Das Erbkaiserthnm dagegen würde die Lage nur erschweren, es wäre „so viel als der weitanssehendste Krieg bei noch ganz nngcfestigteu Zuständen". Das Erbkaiserthnm lasse sich nicht als Nothwendigkeit rechtfertige» da es „zwar von Vielen, aber keineswegs von der Gesammtheit, ja kaum von der Mehrheit begehrt wird". Die Errichtung desselben wäre „ein Experiment, ein.Wagnis, und zu dergleichen soll man sich in so gefährlichen drängenden Momenten nicht herbeilassen". 257) S. 394. Wessenberg an Jsfordink I S. 24. S. auch Schmerling an Schwarzenberg Nr. 95 Frankfurt 13. März: Durch die Verfassung vom 4. März, so hätten sich die österreichischen Abgeordneten gesagt, „stellt sich Oesterreich neben Deutschland, wir erscheinen als Ausländer und da müßte vor allem der Zweifel entstehen ob wir denn berechtigt seien au der Verfassung eines andern Staates theilzunehmen". Zuletzt sei aber doch beschlossen worden zu bleiben, wobei des österreichischen Bevollmächtigte» als betheiligt „au der nicht aufrichtigen Politik des Hinhaltens" mit großem Mistraue» gedacht worden sei. . . Während man in diesen Tagen von einer bevorstehenden Ankunft Stadion's in Frankfurt sprach, verbreitete sich in Wien bald darauf die Meinung Schmerling werde an die Stelle Stadion's kommen, dessen Gesundheitszustand bereits das ärgste befürchten lasse — welch letzteres leider nicht unbegründet war —. Die Wiener Radikalen gericthen darüber außer Rand und Band: Schmerling, der „Erfinder des Belagerungszustandes in Deutschland", Schmerling der Robert Blum ans dem Gewissen habe?! „Der Mann kroch vor Metternich bis Metternich gefallen war; er sog am deutschen Parlamente bis er es untergraben hatte; er nannte sich in derselben Woche hier einen Oesterreichcr über alles »nd in Frankfurt einen Deutschen über alles" rc. Wiener Correspoudeuz vom 16. März der „Wiener Boten" I S. 348. 258) S. 395. Jürgens a. a. O. S. 151 warnt als Augenzeuge vor den Berichten Laube'S und Haym's, die nur vom Hörensagen sprächen, „hcrvorhcbend was zu einer piqnanten oder gehässigen Darstellung geeignet erscheinen mochte". 259) S. 398. Hahm II S. 317—322, Laube III S. 337-314, Jürgens III S. 152—167. Letzterer nimmt nicht die Sache, aber die Person in Schutz; so erregbare Naturen wie Wclcker sprängen leicht von einer Gedankenreihe in die ganz entgegengesetzte über. „Sein Charakter, mir bis dahin als ehrlich bewährt, schloß in meinen Augen nicht die Annahme vieler und großer Selbsttäuschung, wohl aber die der Gesinnungslosigkeit, eines bewußten HeuchelnS und KomödicspielenS ans." 260) S. 400. Schwarzenberg an Grasen Friedrich Thun in München am 15. Der kaiserliche Minister-Präsident zeigte sich Bayern gegenüber geneigt auf eine Eins gnng in den materiellen Interessen und den Abschluß eines völligen Zollverbandes 526 Anmerkungen. zwischen beiden Nachbarstaaten einzngehen. In einer Thnn'schen Depesche aus dieser Zeit hieß es n. a.: „Der König hat den sehnlichsten Wunsch zu handeln, fühlt aber bei der gänzlichen Schwäche seiner Minister das Bedürfnis von Wien ans geleitet und belehrt zu werden . . . Was den König betrifft so halte ich ihn für einen an Geist und Charakter schwachen Mann, der durch eine fehlerhafte acht deutsche Erziehung ein gewisses Bedürfnis nach Gründlichkeit hat, woraus, da er dieses Bedürfnis aus sich selbst nicht befriedigen kann, ein zweites folgt: sich überall Raths zu erholen und sich von allen Leuten schriftliche Ausarbeitungen geben zu lassen. Die natürliche Folge eines solchen Charakters ist eine große Unzuverlässigkeit, ja eine gewisse Falschheit, die ich aber, so wie ich bisher nrtheilen kann, nicht für einen Grnndzng sondern blos für eine Folge seines Charakters halte." 261) S. 404. Freiheit und Souverainetät in Oesterreich. Ein offener Brief an den Reichstag in Kremsier, geschrieben im Februar 1849; St. Pölten, in Commission bei I. N. Passh; gr. 8° (auch abgedruckt in Jarcke'S Verm. Schriften IV S. 11—67). Der geistvolle Verfasser hält den Abgeordneten S. 6 f. in sarkastischer Weise vor Augen: der „Hofrath Zeiller", die instinctmäßige Furcht vor dem „Examen" und das Schreckbild einer „zweiten Classe" stecke ihnen noch aus ihren Universitätsjahren in den Gliedern. „Fahren Sie, meine Herren, ruhig fort sich im Kreise zu bewegen während Sie vorwärts zu gehen glauben! Sie kümmern sich nicht darum daß die geistige Bewegung im übrigen Europa sich längst erdreistet hat über die LompendienJhrerJugendzeit mit Riesenschritten hinauszugehen. Sie haben von diesen ruchlosen Neuerungen augenscheinlich keine Kenntnis genommen, und Sic habe» auf Ihrem Standpunkte recht daran gcthan: absichtliche oder unabsichtliche Unwissenheit ist der beste Schild selbst gegen die spitzfindigsten Pfeile malcontenter Dialektik . . . Aber Sie stehen Europa gegenüber und die Welt horcht hoch auf wenn sie heute noch die Lehre vom Social-Contract, die Sie in Ihrer Jugend auswendig lernten, als neue Weisheit aus Ihrem Munde vernimmt. Es soll Ihnen unverhohlen sein, meine Herren, Sie werden heute mit dieser Theorie nur noch der Gegenstand einer sich immer weiter verbreitenden ironischen Heiterkeit." Vgl. „Hist, pol. Blätter" 1849 I S. 362: „Man wird schwer eine andere Versammlung von Volksvertretern finden die mit einem so geringen Fond von Staats- und sonstiger Weisheit, von Wissenschaft Bildung und Beredsamkeit im Gang erhalten, wo so viel unreifes schales und längst abgestandenes Brimborium vorgebrachj und — nicht mit fortlaufendem, sondern mit festsitzendem und versessenem Beifall aufgenommen wird." 262) S. 405. A. A. Ztg. Beil, zu Nr. 72 v. 13. L. Wien vom 8. März S. 1104; Wessenberg an JSfordink-Kostnitz am 16. März I S. 22 f. lieber den ähnlichen Proceß in der deutschen National-Versammlung mit der keinen Einspruch duldenden allgemeinen Geltung der Grundrechte, „in Wahrheit Zugrundrichtungs-Rechte", s. „Hist.-pol. Bl." 1849 I S. 386—440: „Frankfurt und Deutschland, die Grundrechte und der bayerische Adressenstnrm"; besonders S. 396 f. den Brief des lüneburgischen Bauer»; S. 435 bis 437 den Gegensatz wie die Gründer der nordamerikauischen Freistaaten bei ihrem Ber- fassungswerke vorgegangen waren, wie billig, wie rücksichtsvoll! ... Daß die Witzblätter des Wiener Belagernngsstandcs nur Hohn und Spott für den aufgelösten Reichstag hatten, braucht kaum gesagt zu werden; siehe z. B. die ziemlich alberne Todesanzeige in Böhringer'S „Das freie Oesterreich" Nr. 57 vom 8. März. 263) S. 406. Robert Haag Zur Frage über Centralisation und Föderation in Oesterreich mit Rücksichtnahme auf die österreichische Verfassung vom 4. März 1849, die vom 25. April 1848 und den Verfassungs-Entwurf von Kremsier; Kolatschek's Deutsche Monatsschrift 1850 I S. 198 f. Ju andern Staaten komme es nur daraus Anmerkungen. 527 an „alle Theile in gleicher Weise zu befriedigen", während dies in Oesterreich für jeden Theil in seiner Weise d. h. mit Schonung zur Wahrung und Pflege von dessen Eigenart geschehen mäße. Denn nur dadurch ließen sich Gelüste nach andern staats licheu Verbindungen fernhalten, wenn sich die verschiedenen Stammesgenosse» sagen mäßen daß sie es nirgends besser fänden als in ihrem gegenwärtigen Verbände „und daß der Gewinn den sie von der Lostrennung zögen nicht die großen Opfer lohnen würde die sie zu diesem Zwecke bringen müßten". Der ganze Aufsatz ist noch heute lesenswerth und zeugt von einem ernsten Bemühen des Verfassers sich in de» österreichischen Verhältnisse» zurcchtzufinde». 264) S. 407. In den Stell. Ans». IV S. 619 sind Borrosch' Worte zu lesen: „Noch wissen wir nicht wie die künftige Gliederung des Kaiserstaates sein wird. Ich hoffe keine departementale Gliederung." Dagegen heißt cs im „R. T. Bl." Nr. 34 vom 30. Januar: „Borrosch kommt darauf zurück daß nur eine Departemental- Gliederung für Oesterreich ersprießlich sei", und ebenso in der „Carinthia" Nr. 10 vom 3. Februar S. 38, Borrosch habe gesagt: „Ich hoffe die Eintheilung Oesterreichs wird eine departementale sein." Auch läßt sich ja nur bei dieser letzten Version das heftige Oho! Oho! erklären das darüber von den Bänken der Rechten ertönte. Sollte etwa Borrosch bei Revision für den Druck seine Worte nachgebessert d. h. dieselben in ihr Gegentheil umgewandelt haben?! Oder hätten die amtlichen Stenographen ihn mis- verstanden, die Berichterstatter vr. H. Löw's und des kiirtnerischen Blattes hingegen die Worte richtiger aufgefaßt? 265) S. 407. „Keine Departements-Eintheilung für Oesterreich" s. „Carinthia" a. a. O. Der mit der Chiffre R. Unterzeichnete Verfasser weist auf Böhmen Steiermark Throl hin: „Hieße es ihre Wünsche beachten wenn man ihnen ihre Landstände nähme? wenn man sie von Wien aus gleichsam am Fädchen führte? Und haben die letzten Ereignisse cs als wünschenswerth gezeigt daß die Provinzen nach der Pfeife Wiens tanze» ? Würde dadurch die Kraft unserer Monarchie erhöht? Wohl nicht! Denn Kraft ruht im National-Geist, und dieser würde dadurch vernichtet, mindestens abgestumpft." 266) S. 409. Haag S. 205 meint, die Regierung habe in dieser Hinsicht dasselbe Verfahren beobachtet „das sie allen andern Volksbestrebunge» gegenüber stets einhielt, nämlich scheinbar den Volkswünschen Conccssionen zu machen, unter dem Deckmantel dieser Concessionen aber ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Sie wollte daher eine Verfassung die auf den ersten Anblick scheinbar sich dem Föderalismus hinneige, iu der That aber eine centralisirte wäre..." Auch dreißig Jahre später erkannte vr. Ludwig Gumplowicz (Das Recht der Nationen rc. Innsbruck Wagner 1879) S. 98 s. „das Wesen der octrohirten Verfassung im Gegensätze zum Föderalismus, in einer entschiedenen Tendenz zu strammer Centrallsation". 267) S. 410. A. A. Ztg. 1849 Beil, zu Nr. 40 S. 609 s.: „Es ist in hohem Grade erfreulich daß unser Ministerium, mitten im Drange der sich überstürzenden Anforderungen an seine so vielfach in Anspruch genommene Thätigkeit, diesem fried lichen Unternehmen seine unterstützende Aufmerksamkeit zuwendet." 268) S. 410. „Glück auf Oesterreich!" Unterzeichnet T* Gr. Ztg. Nr. 68 vom 9. März S. 4: „Ein einiges untheilbares Oesterreich ist das große Wort das, zur Wahrheit geworden, der künftige Glanz des Reiches sein wird, bei dem wir alle zusammen nur eine große Volkschaft bilden, weß Landes und welcher Zunge wir sein mögen" rc. Anderseits sprach Baron Hingenau, ebenda Nr. 73 vom 14. S. 2, seine Befriedigung darüber aus daß die neue Reichs-Verfassnng „in ihren Grundzügen manches mit der vom provisorischen Landtage des vorigen Jahres entworfenen mäh- 528 Anmerkungen. rischen Landes-Verfassnng geniein" habe die auch, ohne dem Fö derati v-System zu huldigen, die Autonomie des Landes in strengen Landesangelcgcnheiten zur Basis hat. 269) S. 4t4. Springer II S. 688: „An die Möglichkeit die italienischen Provinzen dem Staate organisch einzuverleiben glaubten auch der Armcediplomat Schwarzenberg, auch der unbedingt centralistisch gesinnte Stadion nicht . . . Für den politischen Beobachter ist die Erfahrung in hohem Grade lehrreich daß weder der constituircnde Reichstag noch die octroyirende Regierung sich ein klares Bild von den Beziehungen Ober-Italien? zu Oesterreich entwerfen konnten, daß alle Parteien sich darin einigte» in dein lombardisch-venetianischen Königreiche gewissermaßen eine zweite Militair- Gränze zu erblicken." 270) S. 416. Wind, au Schwa, am 9. März Z. 139. Schwa, an Wind. 11. März Nr. 142: Die Beibehaltung der alten Provinzial-Verfassungen sei nicht möglich gewesen, namentlich in gewissen Länder», z. B. in Steiermark, in Galizien. 271) S. 416. Es ist dieser Ausspruch des Fürsten Schwarzenberg ein neuer Beleg für die von mir zu jeder Zeit, zuletzt gegen meinen verstorbenen Freund Alf (Aloys Fischer. Ein Lebensbild. Oest. Jahrbuch 1885) verfochtene Behauptung daß derselbe es mit dem Schritte des 4. März ganz ernstlich und ehrlich gemeint hatte und ihm jene Gedanke», denen die Ordonnanzen vom August und December 1851 ihren Ursprung verdankten, erst später gekommen waren. 272) S. 417. „Die Verfassung ist freisinnig, ja freisinniger selbst als die englische, wenn gleich die Brite» im verfassungsmäßige» Staatsleben sehr alt geworden sind und wir erst neu und mit einemmal in dasselbe hineintreten"; T* in der Gr. Ztg. a. a. O. „Die durch das kaiserliche Patent sanctionirten Grundrechte sind eine Grundlage von solcher Art daß es unmöglich ist daß nicht jedes der österreichischen Völker sich das freieste wohnlichste Gebäude darüber anfführen könnte. Darm» frisch an« Werk!" A. A. Ztg. Nr. 73 vom 14. L. Wien am 9. März S. 1113. 273) S. 418. Vollinhaltlich im „Lloyd" Nr. 140 vom 23. März 1849 Morg.- Ausg. Das Datum der Adresse war vom 22. Januar, die Zwischenzeit war mit dem Einsammeln der 30.000 Unterschriften ausgefüllt worden. 274) S. 419. Sporschil S. 133. Das „Vorwort" ist gezeichnet: Leipzig im März 1849 . . . Im Gegensätze zu ihm ein entschiedener Vcrtheidiger des Krcmsierer Entwurfes war Robert Haag. Er gab a. a. O. S. 205 zu daß derselbe in den wichtigsten Punkten „ein Resultat des Compromisses" der verschiedenen im Reichstage vertretenen Parteien gewesen sei. „Indessen würde mau sehr irren wenn man glauben würde, er enthalte deshalb Widersprüche; er ist im Gegentheil ein sehr harmonisches, wenn anch etwas complicirtcs Ganzes, da man nach Feststellung der wichtigste» Punkte sorgfältig bemüht war alle Widersprüche auszugleichcn." Besonders gefielen ihm die Kreistage welche der Monarchie mit der Zeit eine ganz andere Gestalt gegeben haben würden. „Wäre die Verfassung ins Leben getreten", meint er S. 207, „so würden die Kreistage, eben weil sie meist specifisch-national gewesen wären, die nationalgemischten Landtage an Popularität weit überboten und auf diese Weise ermöglicht haben, mit der Zeit die Functionen der Landtage auf sie zu übertragen und die Landtage dadurch entbehrlich zu mache», auch dadurch die ganze Verfassung zu vereinfachen."