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I. 1. Die ReichShcmptstadt.
In Wien war die Temperatur binnen drei Tagen von 13—15 Grad Kälteam 12. bis 4 Grad Wärme am 14. gestiegen; ein Südwest-Orcan mitheftigem Gewitterregen, dazu ein Wolkenbruch am 15. oberhalb Melk,machten das Unglück voll. Am selben Tage 6 Uhr abends kam demUnterkammeramte die erste Anzeige nahender Gefahr zu, um 8 Uhr be-gannen die Fluthen zu schwellen und stiegen dann die ganze Nacht hin-durch von Stunde zu Stunde mit erschreckender Schnelligkeit. Am 16.morgens barst die Eisdecke des Stromes, die Schollen setzten sich in Be-wegung und füllten den Canal derart an, daß bei der Ferdinands-Brückenur ein schmaler Wasserstrom zwischen den Eismassen sichtbar blieb. Schonstand im Rotheuthurm-Thor, von wo der Militairposten eiligst flüchtenmußte, das Wasser einen, in der Jägerzeile zwei Schuh hoch, und nochimmer schwoll die Fluth. Schon war ein Joch der Brücke bei Stein weg-gerissen und waren die beiden Tabor-Brücken theilweise zerstört, so daßdie Fahrten von und nach Wien eingestellt werden mußten und die Nord-bahn den Personen- und Waaren-Transport auf das nothwcndigste be-schränkte. Die Leopoldstadt, Roßau und Lichtenthal, Erdberg und Weiß-gärber, aber auch ein Theil der innern Stadt waren mit solcher Rasch-heit unter Wasser gesetzt, daß sich in manchen Straßen die Leute vor-dem hereinbrcchcndcu Schwall kaum aufs Trockene retten konnten. Daauf eine Gefahr solcher Art mitten im „Kältemond" niemand gerechnethatte, waren keine Vorkehrungen für Herstellung des Verkehrs getroffen;nirgends lagen Kähne und Nothbrücken in Bereitschaft, noch ließen sichMenschen und Zugvieh, sie an Ort und Stelle zu schaffen, in genügenderAnzahl auftreiben; ja die Depots für derlei Rettungsanstalten standenselbst unter Wasser. Wo sich Leiterwagen fanden fuhren diese von Hauszu Haus durch das Wasser, und wenn es dabei, wo die Menschen voll-gepfropft wie die Garben auf einem Erntewagen aneinander staken, mit-unter ganz lustig herging, so gab es an anderen Orten wahrhaft herz-zerreißende Auftritte, besonders in ebenerdigen Räumen, und zumeist injenen Gegenden der Leopoldstadt die wenige Monate früher von derKriegsfurie am schwersten getroffen waren. Mehl und andere Lebens-mittel, Geräthschaften, auch vergrabenes Geld, was man in Eile nichtretten, ja ehe man es zu retten nur denken konnte, wurde unwiderbringlichvon den Fluthen fortgeschwemmt. Ein Misverständnis steigerte die Ver-wirrung. Um in der in Bclagerungsstand versetzten Stadt nicht schießenzu müßen, hatte man auf den Basteien Signalstangen mit rothen Fahnen