Uber äie Anabenkiebe.
Vgl. Politik II, 7, 5 und VII, 14.
Aristoteles spricht hier sehr ruhig von der Knabenliebe, wie vonjeder andern Wirklichkeit. Es ist dies einmal seine Weise, und dannwar die Knabenliebe bei den Kretern ein zu Recht bestehendes Institut,über welches E'phorus bei Stra'bon X, 489 f. ausführliche Aus-kunft giebt. In Kreta ist das Institut in allen seinen Hergängengeordnet. Dee Liebhaber überredet nicht, sondern er raubt nach seinerdrei Tage vorher den Anverwandten verkündeten Absicht den Knaben,gerade wie in Sparta die Bräute geraubt wurden. Die Anverwandtenwidersetzten sich nur zum Scheine, der Liebhaber bringt den Knaben insein Männcrgemach (Andrei'on), nimmt ihn auf seine Güter oder zurJagd ins Gebirge, schenkt ihm ein Kriegskleid, ein Trinkgefäß undeinen Stier. Dies waren die vom Gesetze bestimmten Geschenke; aberviele Liebhaber gingen darüber hinaus und schenkten sich arm. Esgalt für einen schönen Knaben aus guter Familie schimpflich, keinenLiebhaber zu finden. Das schöne Verhältnis artete aber hier so furcht-bar aus, daß Aristoteles dem Gesetzgeber die Absicht unterlegen konnte,als habe er dadurch die Vermehrung der Population aufhalten wollen.So sehr diese Ansicht unser Gefühl verletzt, so ist sie doch ganz imGeiste der dorischen Verfassung. Diese mar aus allen Kräften bestrebt,das Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und Eigentum, zwischen derZahl der Familien und der Landlose (-/.Xspoi) auf jede, selbstdie gewaltsamste Weise zu erhalten.
Die Knabenliebe, heute ein Laster übertriebener Zivilisation,wird bei allen alten Völkern angetroffen. Aber nur bei den Griechenallein ist sie ein Institut der Erziehung, genießt die Achtung desStaates und der Gesetzgebung, wird als ein anerkanntes Erziehungs-