Druckschrift 
4 (1895) Politik
Entstehung
Seite
461
Einzelbild herunterladen
 

Über die Knabenliebe.

461

mittel benutzt und durch Poesie und Kunst idealisiert und verklärt.Nirgends wird die reine Knabenliebe so gepriesen, nirgends die unreineso verachtet und so streng bestraft als bei den Griechen.

Aber auch in ihrer reinsten Form war dieser Liebe doch immerSinnlichkeit beigemischt, und trotz der strengsten Strafen artete sie inallen griechischen Staaten aus, und die mit dieser Ausartung verbun-denen Verbrechen wurden mit einer unser Gefühl verletzenden Nach-sicht beurteilt. Die späteren Griechen haben vieles aus ihrem VaterHome'r in die Wirklichkeit eingeführt, aber auch manches, was dort alsleuchtendes Vorbild aufgestellt ist, nicht erreicht, und darunter befindetsich das schöne eheliche Leben des Ody'sseus und der Pene'lope. Sieließen in der historischen Zeit, wie noch viele Jahrhunderte nach ihnen,und wie zum Teil noch bis auf den heutigen Tag geschieht, demWeibe nicht die ihm gebührende Würdigung widerfahren. Aus derGehalt- und Reizlosigkeit der Ehe, aus dem in allen griechischen Staa-ten mangelhaften Familienleben, in welchem oft nicht einmal derselbeTisch Vater, Mutier und Kinder vereinte, und besonders aus der sehrübertriebenen Bevorzugung des männlichen Geschlechts, des Jünglings,des Mannes vor dem Weibe ging die Entartung der Knabenliebe mitNotwendigkeit hervor. Und doch dürfen wir sie nicht zu hart beur-teilen: war doch diese Knabenliebe, die ganz in den Formen dermodernen heutigen Geschlechterliebe unser Gefühl verletzend auftritt,das ursprüngliche ewige Gefühl der Liebe, das von seiner rechtmäßigenStelle gleichsam vertrieben, sich der Menschennatur an Unrechter Stellebemächtigte.

Sie war ein Staatsinstitut und verschwand daher mit dem Ver-falle des alten Staates, um schon bei den Griechen der Frauenliebe denPlatz zu räumen. Die neuere Komödie schweigt vollständig über sie.Sie war ein Irrtum in der sonst so klaren Menschennatur derGriechen und wurde bei ihnen mit ebenso geringem Abscheu betrachtet,als leider von uns unser Prostitutionswesen noch immer betrachtet wird.