Siebentes Buch. Dreizehntes Kapitel. 419
entspringenden Handlungen gemäß einzurichten; im höheren Gradeaber hat er dabei die Verwirklichung der edleren und der höchstenZwecke zu berücksichtigen. In derselben Weise hat er in der An-ordnung der Lebensweisen und Beschäftigungen zu verfahren. Somüssen zum Beispiel seine Bürger zwar im stände sein, ihren Ge-schäften obzuliegen und Krieg zu führen, aber sie müssen noch mehrverstehen, im Frieden zu leben und seine Muße zu genießen. Siemüssen das Notwendige und Nützliche thun können, aber noch vielmehr das Schöne? Das sind die leitenden Gesichtspunkte, undnach ihnen müssen also die Bürger in der Jugend und in jedem derErziehung bedürfenden Lebensalter erzogen werden.
10. Dagegen scheinen diejenigen hellenischen Staats-verfassungen, die heute für die besten gelten, und die Gesetzgeber,welche sie gründeten, in ihren politischen Anordnungen weder denhöheren Zweck im Auge gehabt zu haben, noch sind die Gesetze unddie Erziehung darauf berechnet, alle Tugenden zu entwickeln. Viel-mehr fielen sie plump vom Ziele ab und suchten bloß diejenigen her-vorzubringen, welche Nutzen und Vorteil zu versprechen schienen. Inähnlichem Sinne wie sie haben auch einige spätere Schriftsteller die-selbe Ansicht ausgesprochen. Denn das von ihnen der Verfassungder Lakedämonier gespendete Lob wird zu einer Bewunderung desEndzweckes des Gesetzgebers, der alles auf das Obsiegen und aufden Krieg berechnet habe?
11. Solche Grundsätze sind ebensowohl durch die Vernunftleicht zu widerlegen, als sie heutzutage durch die Erfahrung auch
8. Der Übergang von der Einteilung der Seele und den aus denTeilen der Seele hervorgehenden Handlungen auf die Beschäftigungen unddie Anwendung der Kräfte zu verschiedenen Thätigkeiten ist nicht ganz klarvermittelt. Die Vermittelung ist diese: Alle Arbeit deS Menschen, wie derKrieg, das Ringen nach Erwerb, die Anstrengung die notwendigen Be-dürfnisse zu befriedigen vollzieht sich in Handlungen, die aus dem Teileder Seele hervorgehen, der der Stimme der Vernunft Gehör geben kann— aus dem zweiten Teile der Seele, der die Leidenschaft und das Begehrenenthält, wie Pla'ton es ausdrückt. Aber alle diese Handlungen habenwieder den höheren Zwecken der Handlungen des ersten Teils dienstbarzu sein.
!>. Gemeint sind mit diesem tadelnden Seitenblicke Pla'ton undA'e'nophon, beide Bewunderer der spartanischen Verfassung.
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