Druckschrift 
4 (1895) Politik
Entstehung
Seite
412
Einzelbild herunterladen
 

412

Aristoteles, Politik.

Medizin vorkommt, daß der Arzt von dem Normalzustände, zu demer den Kranken wiederherstellen will, zuweilen eine unrichtige Vor-stellung hat, während er sich ein andermal bei richtig vorliegendemZiele in den dazu führenden Mitteln vergreift? Man muß daherin den Künsten und Wissenschaften dieser beiden mächtig sein: desZweckes und der zweckmäßigsten Mittel.

2. Es ist ausgemacht, daß alle Menschen ein gutes Leben inGlückseligkeit führen wollen. Aber nur einigen ist es vergönnt, zudiesem Zwecke zu kommen, während andere, durch zufällige Umständeoder durch die Natur verhindert, nicht dazu gelangen. Denn zu einemglücklichen Leben gehört unter anderem auch eine gewisse unterstützendeAusstattung in äußeren Dingen 2 , für besser geartete Naturen freilichin geringerem, für die weniger edlen in höherem Maße; und manche,denen alle äußeren Mittel zu Gebote stehen, suchen von vornhereindas Glück auf einem falschen Wege. Da nun unsere Untersuchungender Staatsverfassung gelten, einer Verfassung, nach welcher derStaat am besten verwaltet wird, und dies wieder in der Art, daßihn diese Verwaltung der möglichst hohen Glückseligkeit entgegen-führt, so ist es klar, daß wir eine Begriffsbestimmung der Glück-seligkeit hierbei nicht entbehren können.

3. Schon in der E'thikZ, wenn anders die dortigen Unter-suchungen einigen Wert haben, bestimmten wir die Glückseligkeit als

1. Wir haben gesehen, daß Aristoteles in seinen Gleichnissen und auchsonst in der Politik mit Vorliebe auf Ärzte und Arzneiwissenschaft Bezugnimmt. (Mau vergl. Politik III, 6, H 8; III, 11, Z 6; VII, 2, 8.) DaSkam daher, weil er, der Sohn eines königlichen Leibarztes, selbst die ärztlichePraxis eine Zeitlang betrieben hatte, woraus ihm später seine Feinde unddie müßigen Anckdotenkrämer der späteren griechischen Litteratnr einenVorwurf derQuacksalberei" gemacht haben. Vergl. Ad. Stahr, Aristo-teli'a T. I, S. 3840; Apule'jns, Apologie S. 510 und 511; Ouden-dorp (S. 4446 Bip.), und neuerdings die Anmerkung von Bernaysin seiner Schrift über Aristoteles' Poe'tik S. 183 ff.

2. Vergl. oben Kap. I, H 6 und dort die Anmerkung.

3. Nikomachische Ethik1,13, S. 1101 Bekker. Vgl. Große Ethik 1,5.Der bescheidene Zusatzwenn anders die derartigen Untersuchungen einigenWert haben", ist nicht ohne eine leise Ironie, in welcher ich eine Andeutungdavon finde, daß dieEthik" von gewissen Gegnern und Zeitgenossen desPhilosophen scharf kritisiert und wenig Gutes daran gelassen worden war.