Siebentes Buch. Sechstes Kapitel.
395
eine nur einseitige Naturnnlage, während andere jene beiden Vermögenin schöner Vereinigung besitzen. Intelligenz und Mut müssen daherals Naturanlagen offenbar diejenigen besitzen, welche der Gesetzgeberohne Schwierigkeit zur Tugend hinleiten soll. Wenn daher einigePhilosophen 2 von den „Wächtern" verlangen, daß sie liebreich gegenBekannte, wild gegen Unbekannte zu sein hätten, so ist es eben derMut 3, der dieser Anforderung genügt; denn er erzeugt die Liebeund ist die Seelenkraft, durch welche wir lieben.
3. Wie richtig dies ist, sieht man an der Erscheinung, daß einHerz, das sich vernachlässigt glaubt, sich stärker gegen Vertraute undFreunde empört, als gegen Unbekannte; und Archillochus^ sprichtdaher in seiner Anschuldigung gegen seine Freunde ganz angemessenzu seinem Mute:
Und haben nicht die eignen Freunde dich getrübt?
Aus eben dieser Seelenkraft wird dem Menschen auch das zuteil, was ihn zum Herrscher und zum Freien macht. Denn der
2. Bezieht sich auf Pla'tons Staat, 2, 243, nur ist der Ausdrucknicht wörtlich angeführt. Platon spricht von freundlicher Milde der„Wächter" gegen Bekannte und verlangt, daß sie sich gegen Unbekannte„schwierig" benehmen. Hier ist der Ausdruck wild eine Steigerung vonschwierig, welches Aristoteles aber bald darauf an die Stelle des erstensetzt, so baß von einer wortverdrehenden, unlauter» Polemik unseresPhilosophen gegen Platon nicht die Rede sein kann. Noch weniger falscherAuffassung! Von solchem Vorwurfe sagt der große Hegel sehr richtig(Geschichte der PhilosophieI, 189): „Wenn der gelehrt sein wollende Scharf-sinn gegen Aristoteles spricht und . behauptet, daß derselbe den Platon nichtrichtig aufgefaßt habe, so ist zu entgegnen, daß, da er mit Platon selbstumgegangen ist, bei seinem tiefen und gründlichen Geiste ihn vielleichtniemand besser kennt."
3. Wir würden sagen: das Herz. Die Übertragung kann nicht um-hin zwischen Mut und Herz zu wechseln; denn Smras bedeutet beides undenthält beides, da in der Bezeichnung der seelischen Elemente bei denGriechen andere Mischungsverhältnisse obwalten als bei uns. Wäre imNeuhochdeutschen der Mut noch dasselbe, was dieses Wort in der mittel-hochdeutschen Dichtung ist, so hätte man nicht nötig zu wechseln.
4. Hymnensänger von der Insel Pa'ros um die Mitte des achten vor-christlichen Jahrhunderts, Dichter der Leidenschaft, ihrer Leiden und ihrerKämpfe gegen andere. Vergl. über ihn Duncker, Geschichte des AltertumsBd. 3, S. 475-480.