Sechstes Buch. Erstes Kapitel.
355
12. In beiden Weisen aber ist Ungleichheit und Ungerechtigkeit.Das oligarchische Prinzip führt zur Zchrannenherrschaft (denn sobaldauch nur einer mehr Vermögen besitzt, als die übrigen Reichen zu-sammen, so ist er nach dem oligarchischen Nechtsbegriffe zur Allein-herrschaft berechtigt); das demokratisch-numerische Mehrheitsprinzipdagegen führt mit einer ähnlichen Berechtigung^ zur Aneignung desVermögens der sich in der Minderzahl befindenden Reichen, wie dasfrüher gesagt worden ist.
13. Welche Bestimmung der Gleichheit aber sich beide Parteiengefallen lassen würden, wird daraus ersehen, wie beide den Begriffder Gerechtigkeit fassen. Beide sagen: Was die Mehrzahl der Bürgerbeschließt, das muß Gesetz sein. Wir nehmen diesen Grundsatz an, abernicht in seiner ganzen Ausdehnung. Der Staat besteht einmal auszwei Teilen, Neichen und Armen; mag demnach, was beide zusammenoder die Mehrzahl von beiden will, Gesetz, und wenn die Meinung«'entgegengesetzt sind, die Meinung der Mehrzahl, auf deren Seite zu-gleich das größere Steuerkapital ist, Gesetz sein. Z. B. der Reichenfind zehn, der Armen zwanzig. Die eine Meinung vertreten sechsReiche, die andere fünfzehn Arme. Den Armen haben sich vier Reichtden Reichen fünf Arme angeschlossen. Auf welcher von beiden Seitennun nach geschehener Zusammenrechnung das größere Steuerkapitalsich befindet, deren Meinung wird Gesetz.
14. Sollte dasselbe aber auf beiden Seiten gleich sein, dann istdie in diesem Falle eintretende Schwierigkeit nicht ungewöhnlicher, alswenn heute in den Voten einer Volksversammlung oder eines Gerichts-hofes sich Stimmengleichheit findet: es entscheidet dann entweder dasLos, oder man trifft ein anderes derartiges Auskunftsmittel. Alleinob es gleich schon schwer genug ist, in betreff dessen, wasgleich und gerecht sei, die Wahrheit zu finden, so ist dies
8. Zm Texte fehlt oöx äZixp-wu-n; es darf aber nach der ganzenLogik des Satzes und nach dem, was Buch III, Kap. 6, tz 1 gesagt ist, hiernicht fehlen, zumal da sich Aristoteles auf diese Stelle beruft. Dort hieß eS:„Wenn sich die Armen, weil sie in der Mehrzahl sind (und diese bestimmt,was Gesetz ist), in die Güter der Reichen teilen, so ist das nicht ungerecht,hat es doch, beim Zeus, die Staatsgewalt für gut befunden."
23 *