Druckschrift 
4 (1895) Politik
Entstehung
Seite
120
Einzelbild herunterladen
 

120

Aristoteles, Politik.

nicht mein", denn darin sieht Sokrates das Zeichen der bis zumhöchsten Grade gediehenen Einheit des Staates. Das Wort allehat nämlich eine doppelte Bedeutung. Faßt man es als jeder ein-zelne, so möchte sich das, was So'krates will, vielleicht noch eher er-geben; denn jeder einzelne wird von einem bestimmten Knaben sagen:Dies ist mein Sohn", und von einer bestimmten Frau:Dies istmein Weib", ohne sich in den Personen zu irren, und in ebenderselbenWeise wird er sein Vermögen und was überhaupt sonst seine Personberührt, als das Seine bezeichnen.

9. Nun aber werden diejenigen, welche die Frauen und Kindergemeinschaftlich haben, sich nicht in dieser Weise ausdrücken, sondernes werden zwar alle sagen:Dies gehört uns ", aber nicht jeder ein-zelne von ihnen wird sagen:Dies gehört mir." Ebenso werden allesprechen:Dies Vermögen gehört uns", aber kein einzelner vonihnen:Es gehört mir." Es ist also in dem Satze mit dem Subjektealle offenbar eine zu trügerischen Schlüssen verleitende Zweideutigkeitenthalten. Denn die Begriffe alle und beides und gerade undungeradeZahl können vermöge ihres doppelten Sinnes kollektiv unddistributiv genommen werden und erzeugen daher in der Diale'ktikTrugschlüsse. Es ist daher der Satz, wonach alle dasselbe von etwassagen, recht schön, enthält aber, das alle in der ersten Bedeutunggefaßt, eine Unmöglichkeit, und faßt inan es in der zweiten, so wirddurch ihn die Einmütigkeit im Staate gar nicht gefördert.

10. Außerdem liegt aber in jenem Satze noch ein anderer Übcl-stand. Man verwendet nämlich auf das, was möglichst vielen gehört,gerade die geringste Sorgfalt. Dagegen bekümmert sich der Menschsehr genau uni das, was ihm gehört, um das Gemeingut schon weniger,oder nur insoweit, als es ihn als einzelnen berührt. Denn abgesehenvon anderen Gründen versäumt er es auch deshalb, weil er denkt,ein anderer werde sich schon darum bekümmern; gerade wie bei derAufwartung durch die Dienerschaft man von vielen Dienern zuweilenschlechter bedient wird, als von wenigen. 11. Nun bekommt aberjeder Bürger an die tausend Söhne, die aber nicht ihm, dem Indivi-duum als solchem gehören; sondern jeder gehört ebenso jedem, wie esgerade kommt, und die Folge ist nun, daß sie sich alle gleich wenig umsie kümmern werden. Ferner geht so der Satz:Zeder ist mein" auf