41
Tyrannei und Verwüstung auf's neue tentierte, nahmalles, was nur immer sich saldieren konnte, auf diese Inselndie Flucht, deren Anzahl 72 soll gewesen sein, und legtenzu künftig mehrer Sicherheit den ersten Grund zur Stadt.In: Verfolge der Zeiten nahm sothane Stadt immer mehrund mehr zu, also daß endlich Padua, welche zuvor dieBeherrscherin dieses Gebietes gewesen, nunmehr dessenUnterthan sein muß.
Ich schätze dieselbe ihrem dermaligen Bezirke nach etwaauf anderthalb Stunden. Sie ist vollkommen schön unddurchgehcnds mit Kanälen, welche an Platz der Gassensind, durchschnitten, doch solchergestalten, daß man überallganz gemächlich zu Fuß fortkommen kann. Die Straßen,welche ohne Kanal, sind sehr enge, daß kaum einer hinterdem andern passiren kann. Die Menge der Brücken,deren über 4ö0 sind, machen durch die ganze Stadt einesehr bequeme Kommunikation. Die vielfältigen mit aller-hand Maaren erfüllten Boutiquen geben dem Auge allent-halben die angenehmste Veränderung. Die Kirchen sindin großer Anzahl und sehr prächtig. Die Geistlichkeit istgleichfalls in ziemlicher Ordnung. Unbequem aber undverdrießlich, ja fast ärgerlich, ist die Menge der jederzeitin den Kirchen sich einfindenden Bettler, worunter nichtwenige, bei ihrer häßlichsten Presthaftigkeit gegen alleScham entblößt, nicht ohne Störung der Andacht voneinem Stuhl zu dem anderen laufen.
Es ist übrigens die Stadt sehr volkreich und wohlbewohnt. Die Freiheit ist ganz unumschränkt, maßen sichallda kein Mensch um den andern kümmert, wozu dasimmerwährende Maskengehen gar vieles beiträgt. Nureines will man warnen, daß man sich nämlich weder gegenden Staat oder andere fremde Fürsten zu reden hüte,welches ich jedoch auch nicht so genau beobachtet fand,indem ich zum öfteren deßfalls recht herzhaften Diskursangehört, mit dergleichen Expressionen: durch die nach-lässige und weiche Regierung werde der Staat alsbald zuGrunde gehen. Von den Gondoliers vernahm ich mehr-mals, da selbe ausdrücklich sagten: Die meisten Nobili
Brucken.
Mengeder Bettler
Freiheit.