Druckschrift 
Auf der Sierra Neváda de Mérida
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

9

die flüchtige Sohle des Wanderers zur wohligen Rast sichgefesselt fühlt.

Im Nordwesten, an der der Sierra entgegengesetzten Seiteder Stadt, steigt ein anmuthiges Gegenbild zu jenersanft die Otra Banda auf; hier hat der Ackerbau Moridasbesonders festen Fuß gefaßt, und da, wo das Pflanzeisen denBoden nicht berührt, umwebt ihn die Natur mit einem ununter-brochenen freundlichen Blumenkleide voll unvergänglicher Früh-lingsfarben. Ziergestrüuche, kleine Waldbeftände, Palmen- undBaumfarrengruppen ziehen sich im malerischen Wechsel durch denBlumenteppich und die Pflauzeufelder den allmählich ansteigendenHang hinan, bis endlich die freundlichen Alpengürten unter demeisigen Hauche der gegenüber liegenden Schneegletscher verkümmernund nur noch einige Gräser und Kräuter trübselig und dürftigan den Paramo Conojo Conöcho sich anlehnen.

Innerhalb dieses Ringes anmuthiger und erhabener Natur-anfichten liegt, von dem abgeplatteten Bergkegel emporgetragen,den brandenden Wellengischt zu Füßen, den glänzenden Gletscher-schnee zu Häupten, Merida, gleich einer Perle in das herrlicheAlpenland eingefügt. Wenn der erste Morgenstrahl die Spitzen derBerge röthet, dann lüftet die Sierra allmählich das dunkle Schatten-tnch, darin die Nacht sie eingehüllt, und wie ein irdisch Morgenglühenleuchtet die rosige Gluth ihres gefrorenen Diadems zur himmlischenMorgenröthe hinan; je höher das flammende Gestirn des Tageszum Zenithe seiner Bahn hinansteigt und mit seinen sengendenStrahlen die leuchtende Farbengluth vom Himmel trinkt, destointensiver fließt der kalte, blendende Gletscherglanz wieder zurückin den heißen Sonnenglast, der zitternd auf der Erde liegt;und sinkt der feurige Sonnenball hinter den Ringwällen derBerge wieder unter in das Abendroth, das in brennenden Farbenden Himmel umlodert, dann zieht, wenn die niedersinkende Nachtalle Gluth ansgelöscht, auch die Sierra wieder ihr Schattentuch

( 327 )