24
Daß sich Goethe die Urpflanze in wirklicher Verkörperungals allen Pflanzen gemeinsame reelle Stammform vorgestellthaben soll, wie Kalischer es will,^ scheint mir nicht —wenigstens nicht ganz und nicht zu allen Zeiten — der Fall gewesenzu sein. Seine Urpflanze hatte doch jedenfalls den Charaktereiner Kormophyte, d. h. bestand aus Achsen- und Seitengebilden,während eine Urpflanze im phylogenetischen Sinne von aller-einfachster Gestalt gewesen sein muß. Möglich ist es daher nur,daß sie ihm die Stammform höherer Gewächse war, welcher —läßt sich nicht sagen, wie ja so vieles nicht, weil's Goetheselbst verschweigt, da er entweder nicht darüber nachgedacht hatoder keine feste und klare Meinung hat gewinnen können.
Was seine Stellung zur Descendenztheorie überhaupt be-trifft, so meine ich, daß er sie einmal nicht von vornhereinbesaß, daß er, als er sie — in immerhin theilweise unbestimmter,nebelhafter und wissenschaftlich nicht genügend abgerundeter undinnerlich vollkommen klar gefügter Form — aufnahm, seinefrüheren Bestrebungen und Ideen nicht danach umgestaltete, ihrstreng anpaßte, sondern daß diese Theorie neben den letzterennebenher bestand oder gar hinter ihnen im Hintergründe ver-weilte; sie bestand als isolirte Theorie, die aber nicht mit seinerIdeenwelt von der organisirten Natur verwuchs, als daß manGoethe neben Lamarck als klaren und bedeutenden Descendenz-theoretiker bezeichnen könnte.^
Was wir nun als typisches Grundorgan für alle Seiten-gebilde bezeichnet haben, das mußte als solches an der über-sinnlichen Urpflanze vorhanden sein. Da nun aber diese alsIdee vorgestellt wurde, so konnte dies auch mit jenem Grund-organ nur der Fall gewesen sein.
Uebrigens würden wir aber zu weit gehen und GoetheUnrecht thun, wollten wir behaupten, daß diese „Idee" bei ihm
etwa dieselbe Rolle spielte,,wie, bei Plato. Daß dies nicht der( 118 )