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Byron im Lichte unserer Zeit : ein Vortrag zur Feier des hundertjährigen Geburtstages Lord Byrons im Verein für das Studium neuerer Sprachen zu Berlin
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zwischen männlichem und weiblichem Wesen, also den Mangel einesfesten Haltes. Daher finden sich in ihm Charakterzüge vereinigt,die sich eigentlich auszuschließcn scheinen. Hochfahrender Stolzdes Aristokraten war mit theilnchmender Hingebung anniedriger Stehende, Großartigkeit mit kleinlicher und engherzigerGesinnung, ja sogar fürstliche Freigebigkeit mit Anwandlungenvon Knauserei gepaart. Was Goethe bezeichnet alsMitsinnjedem Herzensdrang" kämpfte mit Mcnschcnhaß und Verachtungder ganzen Welt. Bald gab er sich ganz hin, bald ließ erungerechtfertigtes Mißtrauen in sich aufkommen. Das Bedürfnis;freier und offener Mittheilnng beherrschte ihn so sehr, daß erdarin oft kein Maß finden konnte, und dennoch mußte manwieder an seiner Aufrichtigkeit zweifeln. Weil bei ihm allesaus der wechselnden Stimmung des Augenblicks hervorging,gehörte er zu den problematischen Naturen, die nicht nur anderen,sondern sich selbst ein Rüthsel sind.

Vieles erklärt sich aus krankhafter Eitelkeit, die ihn zuMystifikationen trieb, indem er sich durch angebliche Entsittlichunginteressant machen wollte, so wie sie ihn auch veranlaßt znm Zweckder Entfettung und der Erhaltung seiner Schönheit unnatürlich zufasten. War seine Gesundheit dadurch schon untergraben, sokamen geschlechtliche Ausschweifungen nebst Genuß von Spiri-tuosen und von Laudanum noch hinzu, um seinen Körper zuzerrütten. Ganz abgesehen von der in seiner Familie erblichenHinneigung zum Wahnsinn müssen wir ihn als krank betrachten;mindestens fehlte ihm die volle Gesundheit, die zum ruhigenGebrauch der Kräfte befähigt.

Ein so geartetes Wesen konnte nicht glücklich sein. Byronschwelgte abwechselnd in der Erinnerung an die Vergangenheit,und gab sich wieder Träumen der Zukunft hin; die Gegenwartbot ihm zwar den Taumel des Genusses, aber keine Befriedigung.Dazu kam eine Hinneigung znm Spleen, deren Maß sich

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