318 DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.
diesen in demselben Verhältniss steht, wie eine chemischeVerbindung zu ihren Elementen.
Mag man nun auch eine Hypothese annehmen, welcheman wolle, so bleibt jedenfalls unsere Behauptung be-stehen, dass Zustände, welche das Bewusstsein für einfachhält, und welche für uns in der That auch einfach sind,in Wirklichkeit zusammengesetzt sind. Den Behauptungendes Bewusstseins, die von den Psychologen einer gewissenSchule als letztinstanzliches Urtlieil so häufig angerufenwerden, kommt also nur relative Gewissheit zu; sie sindnicht mehr ein unfehlbares Orakel, sondern ein Zeuge,wie jeder andere, bald Betrüger, bald Betrogene, undkönnen in keiner Beziehung auf das Vorrecht absoluterWahrheit Anspruch erheben. Das lehrt uns die physio-logische Psychologie hei einer so bescheidenen Frage.
Gehen wir von den Elementen der Empfindung zuden Empfindungen selbst, oder besser, zu den Wahr-nehmungen über, d. h. zu den Acten einer wirklichenErkenntniss, so haben wir gesehen, dass die deutschePsychologie sich besonders an Tastsinn, Gehör und Ge-sicht hält. Sie hat sie in der ihr eigentümlichen Me-thode behandelt, ohne sie je von ihren natürlichen Be-dingungen zu trennen und hat der Untersuchung dieserBedingungen sehr grosse Beachtung geschenkt, statt sieals nebensächlich zu betrachten. Für das Gehör habenwir zwei Hauptresultate anzuführen, ein psychologisches,nämlich die vollkommenste Zurückführung der Em-pfindung auf ihre Elemente, welche bisher möglich ge-wesen ist; das andere kommt der Wissenschaft desSchönen zu gut, nämlich der Versuch, der Aesthetik derTöne eine wissenschaftliche Basis zu gehen.
Bei dem Tastsinn und dem Gesichte hat der origi-nale Theil ihrer Untersuchungen sich auf den Ortssinn