256 DIE DEUTSCHE PSYCHOLOGIE.
Die Anlage seines Charakters hat das Individuum insLeben mitgebracht. Um die Existenz und die Beschaffen-heit dieser Anlage zu begreifen, kann man entweder an-nehmen, dass er in jedem Individuum eine neue Schöpfung,oder dass er aus den in den vorhergegangenen Genera-tionen enthaltenen Bedingungen hervorgegangen ist.Jene. Ansicht steht im Einklang mit der Beständigkeitder Art, diese mit der Entwicklungstheorie. Nach derletztem Annahme würde der Keim nicht das Producteiner unerklärlichen und ihre Gaben blind vertheilendenWillkür sein, sondern aus der Beschaffenheit der Erzeugerund den Bedingungen der Zeugung mit Nothwendigkeitentstehen. Damit wäre das Problem der Entstehung desCharakters auf eine die Grenzen der experimentellenPsychologie allerdings überschreitende Frage zurück-geführt, nämlich auf die Frage der geistigen Vererbung.„Der Wille ist also eigentlich nur eine besondere Seitedes bewussten Lebens. Die Eigenschaft des Willens istdie Fähigkeit des bewussten Handelns. Dem bewusstenmuss aber nothwendig ein unbewusstes Handeln in derEntwicklung vorausgegangen sein, und somit ist der Willeein specieller Fall des allgemeinen Bedingtseins der be-wussten durch die unbewussten psychischen Processe.“
11. Alle Zustände, von denen wir gesprochen haben:Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gefühle, Willen, bildenjene continuirliche Iteihe, welche man Bewusstsein nennt,von dem man aber nur tautologische Definitionen gebenkann. Sein durch die Erfahrung gegebener Grund-charakter ist die Einheit, seine Bedingung, dass die gei-stigen Thatsachen gesetzmässig vereinigt und coordi-nirt seien.